Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten
in den Menschen
GA 102
13 April 1908, Berlin
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Das letzte Mal, als wir hier unsere Betrachtungen anstellten, konnte ich damit schließen, daß ich sagte, das Christentum sei weiter, umfassender als dasjenige, was innerhalb des religiösen Elementes eingeschlossen ist, und in jenen Zukünften, in denen die Menschheit hinausgewachsen sein wird über das, was man im Laufe der Zeit gewohnt worden ist, Religion zu nennen, in jenen Zukünften, so wurde gesagt, werde der Inhalt des Christentums, befreit von dem im alten Sinne religiösen Element, ein geistiger Kulturfaktor für die Menschheit geworden sein. Das Christentum vermag also selbst diejenige Form zu überwinden, die wir nach den bisherigen Kulturentwickelungen als die Form des religiösen Lebens aufzufassen das Recht haben.
[ 2 ] Seit jenem letzten Vortrage sind mannigfaltige Symptome des Kulturlebens an mir vorübergezogen. Sie wissen ja, daß zwischen jener und unserer heutigen Betrachtung ein kleines Stück geisteswissenschaftlicher Arbeit in den drei nördlichen Ländern liegt: in Schweden, Norwegen und Dänemark. Die vorletzte Woche hatte ich unter anderen schwedischen Orten auch in Stockholm vorzutragen. Es wird Ihnen begreiflich sein, wenn ich Ihnen sage, daß in jenen nördlichen Ländern, in denen ja wegen der geringen Zahl der Einwohner so viel Platz ist für die Menschen, daß sie weiter auseinander wohnen als in unseren mitteleuropäischen Kulturländern — wir brauchen uns nur daran zu erinnern, daß ganz Schweden soviel Einwohner hat wie London allein —, daß in jenen Gegenden, in denen so viel Platz ist, auch Gelegenheit ist, daß noch hereinspielen die alten nordischen Götter und Wesenheiten des geistigen Lebensumkreises. Man darf wohl sagen: für denjenigen, welcher etwas weiß vom Spirituellen, ist es in gewisser Beziehung so, daß an allen Ecken und Enden herausblicken die Geistesantlitze jener alten nordischen Götterwesen, welche vor dem geistigen Antlitz der nordischen Eingeweihten in den nordischen Mysterien standen in jener Zeit, in welcher noch nicht die christliche Idee hingeflutet ist über die Welt.
[ 3 ] Innerhalb dieser nicht bloß im poetischen, sondern auch im spirituellen Sinne sagenumwobenen Gegenden konnte man ein anderes Symptom mitten hineingestellt finden. Zwischen den Tagen der Stockholmer Vorträge hatte ich auch in Uppsala vorzutragen. In der Bibliothek zu Uppsala — mitten drinnen zwischen all dem, was an Manifestationen spiritueller Art vorliegt von den alten vorchristlichen Götterzeiten her -, da liegt ruhig die erste alte germanische Bibelübersetzung: der sogenannte Silberne Kodex, die vier Evangelien, im 4. Jahrhundert von dem gotischen Bischof Ulfilas -Wulfila — übersetzt. Merkwürdig: durch eine karmische Verkettung wurde im Dreißigjährigen Kriege dieses Dokument des Christentums aus Prag, wo es bis dahin war, hinauf erbeutet und ist nun aufbewahrt mitten unter denjenigen geistigen Wesenheiten, die — wenigstens in ihren Erinnerungen - die geistige Atmosphäre jener Gegenden durchschwirren. Und als ob es sich so gehörte, daß jenes Dokument an dieser Stelle ruhte, stellt sich auch noch die merkwürdige Tatsache hinein, daß elf Blätter dieses Silbernen Kodex einst von einem Liebhaber gestohlen wurden. Sein Erbe bekam nach längerer Zeit solche Gewissensbisse, daß er diese elf Blätter wiederum nach Uppsala schicken ließ, so daß sie also jetzt wieder mit den anderen der ersten germanischen Bibelübersetzung zusammenliegen.
[ 4 ] Unter den drei öffentlichen Vorträgen in Stockholm hatte ich einen zu halten über die leitende Idee in Wagners Nibelungenring, und als man über die Straße ging, da war an den Säulen für die Oper angeschlagen: «Wagner: Ragnarök — die Götterdämmerung», als der letzte Abend der Aufführung dieses Nibelungenringes. Es sind das wirkliche Symptome, die sich da in einer merkwürdigen Weise durcheinanderweben: die nordische Sagenwelt, die ja auf ihrem Grunde überall den tieftragischen Zug hat, darauf hinzuweisen, daß da Einer kommen wird, der diese nordische Götter-Geisterwelt ablösen werde. Ich habe Sie öfter darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Stimmungszug der nordischen Sagenwelt wie in einem Nachklange selbst noch in der mittelalterlichen Gestalt dadurch herauskommt, daß Siegfried getötet wird an der einzigen Stelle, wo er noch verwundbar war und wie damit prophetisch auf diejenige Stelle hingedeutet wird, die später bei einem anderen zugedeckt wird durch das Kreuz, gleichsam um anzudeuten: hier ist eine Stelle, wo noch etwas fehlt. Das ist nicht bloß eine dichterische, poetische Anspielung, sondern das ist etwas, was tief aus der Inspiration der Sagenwelt herausgeholt ist. Denn dieser tragische Zug ruht sowohl in der nordischen Sage als auch in dem ihr zugrunde liegenden Mysterium, daß an die Stelle der nordischen Götterwelt später das christliche Prinzip treten werde. In den nordischen Mysterien hat man überall darauf aufmerksam gemacht, was diese Götterdämmerung eigentlich bedeute. Es ist zu gleicher Zeit bezeichnend — ich meine damit wiederum etwas mehr als ein bloß poetisches Bild -, daß bis ins Volksgemüt hinein da oben die Erinnerungen an die alten Götter mit einer großen Friedlichkeit sich vertragen mit dem, was vom Christentum hereingetragen und eingewandert ist. Man empfindet es als Symptom, diese ruhende gotische Bibel inmitten der alten Erinnerungen.
[ 5 ] Man kann es weiter als ein Symptom empfinden, als einen Hinweis auf die Zukunft, wenn in dem Lande, wo die Götter der Götterdämmerung so lebendig waren wie nur irgend möglich, diese Götter in der Richard Wagnerischen Form wieder erstehen, auferstehen außerhalb des in engen Grenzen sich bewegenden religiösen Lebens. Denn wer nur ein wenig die Zeichen der Zeit zu deuten vermag, wird in Richard Wagners Kunst den ersten aufleuchtenden Stern sehen, wie das Christentum in seiner tiefsten Idee heraustritt aus dem engen Rahmen des religiösen Lebens in den weiten Umkreis moderner geistiger Kultur. Man möchte es förmlich in Richard Wagners Seele selbst erlauschen, wie die religiöse Idee des Christentums heraustritt,-wie sie die religiösen Fesseln sprengt und etwas Umfassenderes wird. Wenn er an den Ufern des Zürichsees von der Villa Wesendonk aus, gerade am Karfreitag des Jahres 1857, hinausblickt auf die ersten aufsprießenden Frühlingsblumen und ihm in diesem aufsprießenden Leben der erste Seelenkeim des «Parsifal» aufgeht, so ist das eine solche Transformation dessen, was im Christentum zunächst als religiöse Idee lebt, auf einen größeren Plan hinaus. Und nachdem er sich zuerst erhoben hat in seinem Gemüt zu jener prophetischen Vorherverkündigung des Christentums, die bei ihm so gewaltig aufleuchtete in seiner Nibelungenring-Dichtung, ist später im «Parsifal» diese christliche Idee ganz herausgetreten und hat einen weiteren Horizont gewonnen. Damit ist sie der Ausgangspunkt für jene Zukunft geworden, wo das Christentum nicht nur religiöses Leben sein wird, sondern Erkenntnisleben, Kunstleben, Schönheitsleben im umfassenden Sinne des Wortes.
[ 6 ] Das sollte heute hingestellt werden vor Ihre Seele in Anknüpfung an den Schluß unserer vorigen Betrachtung als etwas, was eine Grundempfindung erregen kann für das, was das Christentum einstmals der Menschheit werden kann. Daran anknüpfend wollen wir heute aus den Tiefen der Menschheitsentwickelung heraus die Beziehungen zwischen Religion und Christentum ein wenig ins Auge fassen. Auch der Zeitpunkt, in dem wir diese Betrachtung anstellen, ist nicht ungeeignet, gerade eine solche Betrachtung vor unsere Seele hinzuzaubern.
[ 7 ] Wir stehen unmittelbar vor jenem großen symbolischen Fest, das man ausdrücken könnte als das Fest, das anzeigt den Sieg des Geistes über den Tod, wir stehen vor dem Osterfest, und wir erinnern uns vielleicht jener Betrachtung, wo wir Weihnachten zu begreifen versuchten aus den Tiefen des Mysterienwesens heraus. Wenn wir von einem höheren Standpunkte aus auf der einen Seite das Weihnachtsfest, auf der anderen Seite das Osterfest mit seinem Ausblick nach dem Pfingstfeste ins Auge fassen, dann stellt sich uns gerade jenes Verhältnis zwischen Religion und Christentum, wenn wir es recht betrachten, in einer wunderbaren Art vor die geistigen Augen.
[ 8 ] Wir werden jetzt etwas weither holen müssen die Grundlage zu dieser Betrachtung, aber wir werden daraus auch sehen, was eigentlich in solchen Festen konserviert ist und was sie in unserer Seele auferwecken können. Weit werden wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, wenn auch nicht so weit, wie das in unseren letzten Vorträgen der Fall war, weder der Zeit noch dem Raume nach. Aber die Betrachtungen, die wir angestellt haben, werden uns eine Hilfe sein, weil wir daraus den Hergang der Erdentwickelung und ihren Zusammenhang mit der Entwickelung der Wesenheiten des Himmelsraumes ersehen haben. Wir werden heute nur zurückgehen ungefähr bis in die Mitte des atlantischen Zeitalters. Es ist dasjenige Zeitalter, in dem die Vorfahren der heutigen Menschheit im Westen von Europa gewohnt haben, zwischen Europa und Amerika, auf jenem Kontinent, der heute den Boden des Arlantischen Ozeans bildet. Die Erde hat dazumal anders ausgesehen. Was heute Wasseroberfläche ist, war damals Landoberfläche, und da wohnten die Vorfahren der Menschen, die heute die europäisch-asiatische Kulturmenschheit ausmachen. Wenn wir nun einen geistigen Blick auf das Seelenleben dieses vorsintflutlichen atlantischen Volkes werfen, dann stellt sich uns dasselbe ganz anders dar als das Seelenleben der nachatlantischen Menschheit. Wir wissen aus früheren Betrachtungen, wie gewaltig im Laufe der Erdentwickelung sich alles, auch in der Seele der Menschen, geändert hat. Bis zu jenem Wechselzustande hin von täglichem Wachen und nächtlichem Schlafen hat sich alles im menschlichen Bewußtseinsleben geändert seit jener Zeit.
[ 9 ] Heute ist es ja das Normale des Menschen, wenn er am Morgen aufwacht, daß er mit seinem Astralleibe und dem Ich in den physischen Leib und Ätherleib untertaucht. Und indem er untertaucht, bedient er sich seiner Augen zum Sehen, seiner Ohren zum Hören und seiner anderen Sinneswerkzeuge, um die Eindrücke aus der Sinneswelt um sich herum wahrzunehmen. Er taucht unter in sein Gehirn und sein Nervensystem und kombiniert die Sinneseindrücke. Das ist sein Tagesleben. Abends zieht er wieder seinen astralischen Leib und sein Ich heraus aus dem physischen und dem Ätherleibe. Und wenn der Mensch einschläft und sein physischer und Ätherleib im Bett liegen, dann versinken alle die Eindrücke der Sinneswelt und des Tageslebens. Da versinken Lust und Leid, Freude und Schmerz, alles, was das innere Seelenleben ausmacht, und dunkel und finster ist das Leben in der Nacht um den Menschen herum.
[ 10 ] Das war etwa in der Mitte der atlantischen Zeit noch nicht so. Da bietet das Bewußtseinsleben des Menschen ein wesentlich anderes Bild. Wenn der Mensch des Morgens untertauchte in seinen physischen Leib und seinen Ätherleib, dann traten ihm nicht jene bestimmten, scharf umrissenen Bilder der physischen Außenwelt entgegen, sondern die Bilder waren viel unbestimmter, etwa so, wie uns heute die Straßenlaternen im dichten Nebel wie aurisch umsäumt erscheinen von regenbogenförmigen Farbengebilden. Da haben Sie einen kleinen Vergleich, um sich eine Vorstellung von dem zu bilden, was der Atlantier in der Mitte seines Zeitalters sah. Nur waren diese Farben, die die Gegenstände umsäumten und die ihre scharfen Grenzen, wie sie der Mensch heute sieht, noch nicht zuließen, und auch die Töne, die aus den Gegenständen erklangen, noch nicht solche nüchternen Farben und Töne wie heute. Es drückte sich in diesen Farbenrändern, die auch alle lebenden Wesen umgaben, etwas aus von dem inneren Seelenleben der Wesen, so daß der Mensch, wenn er in seinen physischen und seinen Ätherleib untertauchte, noch sozusagen etwas von dem geistigen Wesen der Dinge, die um ihn herum waren, wahrnahm, zum Unterschied von heute, wo er, wenn er am Morgen untertaucht in seinen physischen und Ätherleib, bloß die physischen Dinge in ihren scharfen Grenzen und farbigen Oberflächen wahrnimmt. Und wenn des Abends der Mensch seinen physischen und seinen Ätherleib verließ, dann breitete sich um ihn herum nicht lautlose Stille und Finsternis aus. Dann waren diese Bilder, die er wahrnahm, höchstens ein wenig anders, aber kaum viel schwächer als am Tage. Es bestand nur der Unterschied, daß er während des Tageslebens die äußeren Gegenstände des mineralischen, pflanzlichen, tierischen und Menschenreiches wahrnahm. Des Nachts aber, wenn der Mensch sich heraushob aus seinem physischen und Ätherleib, dann war ihm der Raum auch von solchen Farbenbildern und Tönen erfüllt, auch von allen möglichen Eindrücken des Geruchs und Geschmacks, von allem, was ringsherum war. Aber diese Farben und Töne und diese Eindrücke von Wärme und Kälte, die er da wahrnahm, das waren die Kleider und Hüllen von geistigen Wesenheiten, welche gar nicht heruntergestiegen waren bis zu einer physischen Verkörperung, von Wesenheiten, deren Namen und Vorstellung in den Sagen und Mythen erhalten sind. Denn Sagen und Mythen sind nicht «Volksdichtungen», sondern Erinnerungen an jene Schauungen, welche die Menschen in alten Zeiten in solchen Zuständen hatten; denn diese Menschen nahmen Geistiges bei Tag und Geistiges bei Nacht wahr. Der Mensch lebte wirklich umgeben in der Nacht von jener nordischen Götterwelt, die in Sagen und Mythen erhalten ist. Odin und Freya und all die anderen Gestalten der nordischen Sage sind nicht erfunden. Sie sind ebenso wahr erlebt worden in der geistigen Welt von jener Vormenschheit, wie heute der Mensch in seiner Umgebung seine Mitmenschen erlebt. Und die Sagen und Mythen sind die Erinnerungen an das, was der Mensch in allem erlebte, was er in seinem dämmerhaften, hellseherischen Zustande durchgemacht hat.
[ 11 ] Als dieser Bewußtseinszustand, der sich aus einem noch älteren Zustand entwickelt hat, mehr und mehr herauswuchs, da war am Himmel stehend die Sonne im Zeichen der Waage in dem Zeitpunkt, den wir heute den Frühling nennen. Und indem wir uns jetzt weiterbewegen in der Zeit, die die atlantische heißt, sehen wir, wie sich immer mehr herausbildet der Zustand, den wir heute haben. Immer dumpfer, immer unbeträchtlicher wurden die Eindrücke, die der Mensch hatte, wenn sein Astralkörper und sein Ich in der Nacht aus dem physischen und dem Ätherleibe heraus waren. Immer deutlicher wurden die Tagesbilder, die er empfing, wenn er in seinem physischen und seinem Ätherleibe darinnen war, kurz, immer mehr und mehr - so dürfen wir paradox sagen — wurde für ihn die Nacht zur Nacht und der Tag zum Tage.
[ 12 ] Dann kam die atlantische Flut, und auf gingen die späteren nachatlantischen Kulturen, jene Kulturen, die ich Ihnen oft geschildert habe, die wir nennen die alte indische Kultur, innerhalb welcher die heiligen Rishis selber die Menschen gelehrt haben, die alte persische, die chaldäisch-assyrisch-babylonisch-ägyptische Kultur, dann die griechisch-lateinische und endlich unsere Kultur. Wollen wir heute die Stimmung schildern, in der die Menschen in der nachatlantischen Zeit und zum Teil auch schon in den letzten Zeiten der atlantischen Epoche waren, so tritt uns diese Stimmung so entgegen: Überall waren die Völker, auch die, welche nach dem Osten gezogen waren und sich dort angesiedelt haben als die Nachkommen der atlantischen Völker, noch im Besitz der alten Erinnerungen, der alten Sagen und Mythen, welche wiedergaben, was die Menschen in einer früheren Zeit, in einem früheren Bewußtseinszustande der atlantischen Zeit erlebt haben. Diesen Sagenschatz hatten sich die Völker aus der atlantischen Zeit mitgebracht, und sie bewahrten und erzählten ihn. Das war dasjenige, was sie erfüllte, und die ältesten Bewohner des Nordens spürten durchaus noch die Kraft, die aus den Sagen und Mythen zu ihnen sprach, weil die ältesten Ahnen die Erinnerung daran hatten, daß einst die Vorfahren selbst das geschen hatten, was da erzählt wird. Noch etwas anderes wurde innerhalb dieser Völker bewahrt, was zwar die Völker nicht erlebt haben, was aber diejenigen erlebt haben, welche die Eingeweihten jener alten Zeiten waren, die Mysterienpriester und Mysterienweisen. Sie hatten geistig hineinschauen dürfen in dieselben Tiefen des Weltendaseins, die heute wiederum durch die Geistesforschung erschlossen werden. Sie hatten hineinschauen dürfen, weil die Seelenzustände der menschlichen Vorfahren innerhalb der Eingeweihtenschaft geradeso waren, wie die der Volksseele, die in den alten Zeiten noch mitten darin lebte in der geistigen Welt. Wenn auch in dämmerhafter Weise, so war doch jener hellsehende Zustand in jenen alten Zeiten noch vorhanden. Bewahrten sich so die Völker ihre Sagen und Märchen und Mythen auf, die in vielfach gebrochenen Strahlen das zeigten, was früher erlebt worden war, so wurde in der uralten Weisheit dasjenige bewahrt, was in den Mysterien erschaut wurde, was in den alten Zeiten gepflegt worden war: eine umfassende Weltanschauung, die dann in den Mysterien denen, die eingeweiht wurden, zum unmittelbaren individuellen Bewußtsein gebracht werden konnte. Nur noch künstlich konnte man in den alten Mysterien jene Zustände hervorrufen, die in den alten Zeiten natürlich waren.
[ 13 ] Warum war in jenen alten Zeiten jener Zustand des geistigen Wahrnehmens natürlich? Deshalb, weil noch ein anderer Zusammenhang zwischen dem physischen und dem Ätherleib bestand. Der heutige Zusammenhang ist erst im Laufe der letzten atlantischen Zeit entstanden. Beim atlantischen Menschen ragte der obere Teil des Ätherkopfes und noch manche andere Teile des ätherischen Leibes weit hinaus über den physischen Kopf, und nach und nach, erst gegen Ende der Atlantis, rückte der Ätherkopf vollständig in den physischen Kopf hinein. Da brachte sich der Ätherleib fast zur Deckung mit dem physischen Leib. Durch dieses Zusammenfallen des physischen und des Ätherteiles des Kopfes wurde der spätere Bewußtseinszustand hervorgerufen, der den Menschen nach der atlantischen Zeit eigen geworden war: die Möglichkeit, in scharfen Grenzen die physischen Gegenstände im heutigen Sinne wahrzunehmen. Daß er die Töne hören kann, die Gerüche empfindet, die Farben an der Oberfläche sieht, wo sie ihm nicht mehr die Zeugen für das geistige Innere der Dinge sind, dies alles war mit jenem festeren Zusammenfügen des physischen Leibes und des Ätherleibes verbunden, das damals nach und nach eintrat.
[ 14 ] In den noch älteren Zeiten, wo der Ätherleib noch zum Teil außerhalb des physischen Leibes war, war es noch so, daß dieser draußen befindliche Teil des Ätherleibes immer noch vom Astralleib seine Eindrücke empfangen konnte, und diese Eindrücke waren die Wahrnehmungen des alten dämmerhaften Hellsehens. Erst als der Ätherleib völlig in den physischen Leib untertauchte, war dem Menschen das alte dämmerhafte Hellsehen völlig entzogen. In jenen alten vorchristlichen Mysterien mußte daher derjenige Zustand bei dem Einzuweihenden von dem Initiierenden künstlich hervorgerufen werden, der in der atlantischen Zeit natürlich war. Da sehen wir, daß die einzuweihenden Schüler in den Mysterientempeln so behandelt wurden, daß, nachdem der astralische Leib die entsprechenden Eindrücke erhalten hatte, der Ätherleib zum Teil herausgehoben wurde durch den einweihenden Priester, wodurch der physische Leib während dreieinhalb Tagen in einen lethargischen Schlaf, in eine Art Lähmungszustand versetzt wurde. Dann konnte, während der Ätherleib frei geworden war, der Astralleib in ihn eindrücken all die Erlebnisse, die der frühere atlantische Mensch in natürlichem Zustand gehabt hat. Da konnte der alte Einzuweihende sehen, was nun nicht mehr bloß durch die Schrift aufbewahrt, nicht für ihn Tradition war, sondern was jetzt für ihn ein individuelles Erlebnis wurde.
[ 15 ] Vergegenwärtigen wir uns, was der Einzuweihende da durchlebt hat. Während der Mysterienpriester aus dem physischen Leib den Ätherleib zum Teil herausholte und hineinleitete die Eindrücke des Astralleibes in diesen herausgehobenen Ätherleib, da erlebte der Einzuweihende die geistigen Welten so stark, daß er die Erinnerung daran in die physische Welt mit hereinbrachte. Er war Zeuge dessen geworden, was in den geistigen Welten vorging. Er konnte Zeugnis davon ablegen, und er war hinausgehoben über all dasjenige, was sonst geteilt war nach Völkern und Nationen, denn er war eingeweiht in dasjenige, was alle, alle Völker miteinander verbindet: in die Urweisheit, in die Urwahrheit. So war es in den alten Mysterien. So war es auch in denjenigen Augenblicken, von denen ich Ihnen bei dem Weihnachtsmysterium sprechen durfte, wo diejenigen Dinge, welche das eigentlich Charakteristische des späteren Bewußtseins bildeten, vor dem Blicke des Eingeweihten verschwanden. Bedenken Sie einmal, daß ja darin das Wesentliche des nachatlantischen Bewußtseins bestand, daß der Mensch jetzt nicht mehr vermochte in das Innere der Dinge hineinzuschauen, daß eine Grenze zwischen ihm und dem Inneren des Dinges besteht und daß er von den Dingen der physischen Welt nur die Oberfläche sieht. Was undurchschaubar und undurchsichtig geworden war für das Bewußtsein des Menschen der nachatlantischen Zeit, das wurde für den Einzuweihenden durchsichtig und durchschaubar. Er konnte dann, wenn der große Moment an ihn herantrat, in dem, was man Weihenacht nennt, die feste Erde durchschauen, und er konnte «die Sonne um Mitternacht sehen», das Geistige der Sonne «um Mitternacht» sehen.
[ 16 ] Im wesentlichen war also diese vorchristliche Einweihung etwas wie ein Zurückrufen dessen, was in alten Zeiten den Menschen natürlich war, was in alten Zeiten die Menschen als ihren natürlichen Bewußtseinszustand erlebten. Immer mehr wuchsen die Menschen heraus aus dieser Erinnerung an die alten Zeiten. Wir haben gesehen, wie Stück für Stück mit den fortschreitenden Kulturzyklen die Menschheit herausgewachsen ist aus jenen alten Erinnerungen und wie ihr immer mehr die Fähigkeit abhanden gekommen ist, außerhalb des physischen Leibes etwas zu erleben.
[ 17 ] In der ersten Zeit der nachatlantischen Epoche, im alten Indertum, in der persischen, chaldäischen, ja sogar in der ägyptischen Kultur gab es noch viele Menschen, welche ihren Ätherleib mit dem physischen Leib durchaus noch nicht so fest verkettet hatten, daß sie nicht noch Eindrücke aus den geistigen Welten wie atavistische Rückbleibsel aus einer früheren Zeit hätten erhalten können. Dann aber, während der griechisch-lateinischen Zeit, schwanden sozusagen alle diese Rückbleibsel aus einer früheren Zeit dahin, und immer weniger ergab sich die Möglichkeit, die alte Einweihung in derselben Weise durchzuführen wie früher. Immer geringer wurde auch die Möglichkeit, die Erinnerungen an die alte Urweisheit für die Menschheit zu bewahren. Wir nähern uns immer mehr unserem eigenen fünften Zeitalter, das, innerlich angesehen, etwas ganz Besonderes bedeutet innerhalb der Menschheitsevolution.
[ 18 ] In dem vierten Zeitraum, also in der griechisch-lateinischen Zeit, war die Sache noch so, daß man sagen kann, es war noch ebensogut die Möglichkeit vorhanden, sich zurückzuerinnern an das, was die Menschheit einst geschaut hatte im alten dämmerhaften Hellsehen, wie auf der anderen Seite bei einigen Menschen ein vollständiges Wohnen in dem physischen Leibe vorhanden war und damit ein vollständiges Abgeschlossensein von den geistigen Welten. Unser ganzes Leben zeigt uns, daß der Mensch unseres fünften nachatlantischen Zeitalters noch tiefer in den physischen Leib untergetaucht ist. Das äußere Kennzeichen dafür ist das Auftauchen der materialistischen Vorstellungen. Sie tauchen zuerst in dem vierten Zeitraum auf, bei den althellenischen Atomisten. Dann verschwinden sie und tauchen immer wieder auf, bis sie immer mächtiger werden in den letzten vier Jahrhunderten, so daß der Mensch nicht nur die positiven alten Inhalte der Erinnerung an die geistigen Welten verliert, sondern auch den Glauben an die geistigen Welten überhaupt. Das ist der Tatbestand. So tief ist der Mensch in diesem fünften Zeitraum in den physischen Leib untergetaucht, daß er sogar den Glauben verloren hat. In vielen Menschen ist dieser Glaube an das Vorhandensein der geistigen Welten völlig verlorengegangen.
[ 19 ] Fragen wir uns jetzt von einem anderen Gesichtspunkte aus: Wie war also der Gang der Menschheitsentwickelung? Wir blicken zurück in jene alte atlantische Zeit, die wir uns anschaulich zu machen versuchten, und wir können sagen, der Mensch lebte da noch mit seinen Göttern. Er glaubte nicht nur an sich selber und an die drei Reiche der Natur, sondern er glaubte auch an die höheren Reiche der geistigen Welten, denn er war ja ihr Zeuge in der atlantischen Zeit. Es war kein großer Unterschied zwischen seinem nächtlichen und seinem Tagesbewußtsein. Sie hielten sich noch die Waage, und der Mensch wäre ein Tor gewesen, wenn er abgeleugnet hätte, was tatsächlich um ihn herum wahrnehmbar war, denn er sah die Götter. Religion in unserem heutigen Sinne konnte es damals noch nicht geben, denn man brauchte noch nicht die Religion. Was der Inhalt der Religion ist, war für die Menschen der atlantischen Zeit eine Tatsache. Ebensowenig wie Sie eine Religion brauchen, um an Rosen, Lilien, Felsen und Bäume zu glauben, ebensowenig brauchte der Atlantier eine Religion, um an Götter zu glauben, denn sie waren für ihn Tatsachen.
[ 20 ] Immer mehr verschwanden aber diese Tatsachen. Immer mehr wurde der Inhalt der geistigen Welten zu einer Erinnerung, zum Teil aufbewahrt in Traditionen von dem, was man aus alten Zeiten erzählte, daß es die Vorväter gesehen hätten, zum Teil aufbewahrt in den Sagen und Mythen und in dem, was einzelne, besonders veranlagte hellsehende Menschen davon noch selbst sahen. Vor allem wurde dieser Inhalt der geistigen Welten aber aufbewahrt in dem, was in den Mysterien die Mysterienpriester hüteten. Alles was die Hermespriester in Ägypten, die Priester des Zarathustra in Persien, was die chaldäischen Weisen, was die indischen Nachfolger der heiligen Rishis bewahrten, das war nichts anderes als die Kunst, den Menschen in der Einweihung wieder zum Zeugen dessen zu machen, was die Vormenschheit auf natürliche Weise in ihrer Umgebung gesehen hat. Und je nachdem ein Volk beschaffen war, mit seinen besonderen Befähigungen und Empfindungen, je nach dem Klima, in dem es lebte, wurde dasjenige, was in den Mysterien aufbewahrt wurde, in der Religion des Volkes verbildlicht, da in dieser und dort in jener Religion. Aber die Urweisheit lag allen diesen Religionen zugrunde als die große Einheit derselben. Diese Urweisheit war die gleiche, eine einheitliche, ob sie Pythagoras in seiner Schule pflegte, ob die Hermesschüler in Ägypten, ob die chaldäischen Weisen in Vorderasien, ob Zarathustra in Persien oder die Brahmanen in Indien sie lehrten: überall die gleiche Urweisheit, nur abgestuft nach den Bedürfnissen und nach den besonderen Verhältnissen in den Volksreligionen, wie sie uns in den einzelnen Gegenden entgegentreten. Da sehen wir das Werden der religiösen Kultur.
[ 21 ] Was ist also diese religiöse Kultur? Religiöse Kultur ist die eben geschilderte Art der Vermittlung der geistigen Welten für diejenige Menschheit, die nicht mehr die Fähigkeit hat, mit eigenen Wahrnehmungswerkzeugen diese geistige Welt zu erleben. Religion wurde die Kunde, die Botschaft von der geistigen Welt für alle diejenigen, die nicht mehr die geistige Welt als Tatsache erleben konnten. So breitete sich das geistige Leben als Kultur in religiöser Form über das Erdenrund aus. Es lebte so in den verschiedenen Kulturperioden, von der altindischen, altpersischen, ägyptisch-chaldäischen, griechisch-lateinischen Epoche bis in unsere Zeiten.
[ 22 ] Untergetaucht ist der Mensch in seinen physischen Leib zum Zwecke, die Außenwelt zu erfahren, zu erleben mit den physischen Sinnen, um dasjenige, was er draußen erlebt mit den physischen Sinnen, hineinzunehmen in seine Geistigkeit, um sie künftigen Evolutionsstufen entgegenzuführen. Nun sind wir aber jetzt, insofern wir hinuntergetaucht sind in den physischen Leib, weil wir die Mitte unserer nachatlantischen Kulturen überschritten haben, in einem ganz besonderen Falle. Noch nicht alle, aber zahlreiche Menschen sind schon in diesem Falle. Alle Entwickelung innerhalb der Menschheit geht in merkwürdiger Weise vor sich. Sie geht sozusagen bis zu einem gewissen Punkte voran, und von da ab geht sie dann in entgegengesetzter Richtung. Nachdem die Entwickelung bis zu einem gewissen Punkte heruntergestiegen ist, steigt sie wieder hinauf und kommt wieder an denselben Etappen an, nur in einer höheren Form, so daß der Mensch heute tatsächlich vor einer merkwürdigen Zukunft steht: vor der Zukunft - das weiß jeder, der diese tief bedeutsame Tatsache der Menschheitsentwickelung kennt -, daß sich sein Ätherleib nach und nach wieder lockert, nachdem er untergetaucht war in den physischen Leib, in welchem er in scharfen Grenzen und Formen alles dasjenige wahrgenommen hat, was in der physischen Welt heute wahrzunehmen ist. Der Ätherleib muß sich wieder lockern, muß sich wieder herausheben, damit der Mensch zu der Vergeistigung aufsteigen kann und in der geistigen Welt wahrnehmen kann. Tatsächlich ist die Menschheit heute schon wiederum an dem Punkte, wo bei einem großen Teil der menschlichen Individuen die Ätherleiber sich wieder lockern.
[ 23 ] Nun tritt uns etwas höchst Merk würdiges entgegen. Es ist geradezu das Geheimnis unserer Kulturzeit, an das wir jetzt streifen, wenn wir uns diese Tatsache vor Augen führen. Wir müssen uns vorstellen, daß der Ätherleib tief in den physischen Leib hineingestiegen ist und nun wieder den Rückweg antreten muß. Er muß mitnehmen aus dem physischen Leibe alles, was er mit seinen physischen Sinnen wahrnehmen konnte. Aber dadurch, daß sich der Ätherleib wieder lockert, wird alles, was früher physische Wirklichkeit war, sich nach und nach wieder vergeistigen müssen. Der Mensch muß nun mitnehmen in die Zukunft hinein das Bewußtsein, die Gewißheit, daß es ein Geistiges auch im Physischen gibt. Denn, was tritt sonst für ihn ein? Sein Ätherleib geht sonst aus dem physischen Leib heraus, aber der Mensch behält nur den Glauben an die physische Welt und ihm fehlt das Bewußtsein, daß das Geistige im Physischen eine Wirklichkeit hat, welche mit dem Ätherleibe selbst als Frucht des im physischen Leibe Erlebten heraustritt. So könnte es passieren, daß die Menschen sozusagen nicht den Anschluß fänden an dieses Heraustreten ihres Ätherleibes.
[ 24 ] Halten wir genau und bestimmt den Punkt fest, wo der Ätherleib des Menschen ganz und gar darinnensitzt im physischen Leibe und beginnt, wiederum herauszugehen. Nehmen wir nun an, der Mensch entläßt seinen Ätherleib so, daß er verloren hat den Glauben, das Bewußtsein einer geistigen Welt, solange er im physischen Leibe lebte, daß er sich so abgeschnitten hat den Zusammenhang mit der geistigen Welt im physischen Leibe. Nehmen wir an, er ist so fest und tüchtig hinabgestiegen in den physischen Leib, daß er sich nichts hat retten können als den Glauben, daß das physische Leben allein Wirklichkeit sei. Und nun tritt er in die folgende Zeit hinein. Der Ätherleib tritt heraus, verläßt ihn unweigerlich, und der Mensch ist nicht imstande, sich das hineinzuretten in diesen Zustand, daß es ein Bewußtsein einer geistigen Welt gibt. Er erkennt dann diese geistige Welt nicht, Das ist das, was der Menschheit in der nächsten Zeit bevorstehen könnte: daß sie die geistige Welt, die sie durch die Lockerung des Ätherleibes erleben müßte, nicht erkennt, daß sie diese für Einbildung, Phantastik, Illusion hält. Und diejenigen, die in der raffiniertesten Weise — vielleicht sagen wir, um nicht anzüglich zu sein: in der subtilsten Art - hinabgestiegen sind in den physischen Leib, welche die materialistischen Gelehrten geworden sind, das heißt, sich die starrsten Begriffe über die Materie angeeignet haben, das sind die, welche am stärksten vor der Gefahr stehen, bei der Lockerung ihres Ätherleibes keine Ahnung zu haben, daß es eine geistige Welt gibt. Sie halten dann alles, was sie von einer geistigen Welt erleben, für Illusion, Phantastik, Träumerei.
[ 25 ] Nur ein Beispiel sei vor Sie hingestellt: ein psychologisches Buch ist in der letzten Zeit von einem deutschen Professor erschienen. Darin soll gezeigt werden, daß die Seele eigentlich ganz identisch ist mit dem Gehirn und nur von einer anderen Seite aus die Verrichtungen zeigt, einmal von außen, einmal von innen. Das Innerliche sei Gefühl, Vorstellung und Wille, und das Außere das Gehirn, anatomisch-physiologisch untersucht. In diesem Buche finden Sie einen merkwürdigen Ausspruch; da wird darauf hingewiesen, daß, wenn eine selbständige Seele da wäre, dann müßte man doch annehmen, daß diese selbständige Seele ihre Kräfte durch alle die Eindrücke, die der Mensch empfängt, vermehren oder vermindern müßte. Aber nun bestehe da das Energiegesetz, das besagt, daß alle diejenigen Kräfte, die der Mensch von außen aufnimmt, auch wieder von ihm ausströmen müssen, und es wird darauf hingewiesen, wie bei einem Menschen auch die ganze Wärmeenergie, die er aufnimmt, wiederum abgegeben werde. Da das dem allgemeinen Energiegesetz unterliegt, und da man sieht, daß das, was hineingeht, auch wieder herauskommt, müsse man daraus schließen, daß darin doch keine selbständige Seele eingriffe, sondern daß da rein materielle Vorgänge vorliegen, die sich da drinnen umsetzen und die wiederum ausströmen.
[ 26 ] Nicht soll irgend etwas Abträgliches an Kritik gesagt werden über solch ein Buch und über solch eine Lehre, die an den offiziellen Lehrkanzeln unserer offiziellen Wissenschaft gelehrt wird, denn die Menschen können nichts dafür, daß sie solche Lehren ausdenken; sie leben unter den furchtbarsten Suggestionen. In Wahrheit ist es ebenso gescheit, wenn man untersucht, wieviel Wärme in den Menschen hinein- und wieder herauskommt und daraus schließt, daß er keine Seele habe, wie wenn jemand sich vor dem Büro eines Bankhauses aufstellte und prüfen wollte, wieviel Geldmassen hineingehen und wieder herauskommen und nun daraus schließen wollte, nachdem alle die Energien, also die Geldmassen, wieder herausgekommen sind, daß keine Bankbeamten drinnen seien! Derlei Gedankenformen finden Sie heute fast überall in alledem, was als offizielle Psychologie gilt. Und wie unge ana heuer suggestiv wirken sie auf unsere heutige Menschheit! Das ist das Zeitalter, in dem am stärksten in den physischen Leib untergetaucht sind gerade diejenigen, welche die Führer der Menschheit sein wollen und die da glauben, mit einer voraussetzungslosen Wissenschaft zu operieren. Sie haben während des Untertauchens des Ätherleibes in den physischen Leib vollständig das Bewußtsein verloren, daß es eine geistige Welt gibt, und es muß gesagt werden, daß gerade diese Gelehrten am stärksten dem Schicksal verfallen werden, welches ich Ihnen jetzt schildern muß. Was kann denn das Schicksal dieser Menschen in der Zukunft sein?
[ 27 ] Wenn der Mensch in der Zukunft sein Leben richtig leben soll, wenn der Ätherleib wieder gelockert ist, muß der Mensch das Bewußtsein haben von dem, was sich diesem Ätherleib bietet und was der Menschheit dann entspricht. Und damit er ein Bewußtsein habe von dem, was sich bietet als Erkenntnis der geistigen Welt, ist es notwendig, daß die Menschheit über den Punkt, wo der Mensch ganz hineinversenkt ist in das Physisch-Sinnliche, sich hinüberbewahre die Erkenntnis, daßes eine geistige Welt gibt. Es darf niemals der Anschluß vom religiösen Leben zum Leben in der Erkenntnis verloren werden. Von dem Leben unter den Göttern ist der Mensch ausgegangen; zu einem Leben mit den Göttern wird er wieder aufsteigen. Aber er wird sie erkennen müssen! Er wird wirklich wissen müssen, daß die Götter Wirklichkeiten sind. An die alten Zeiten wird sich der Mensch nicht mehr erinnern können, wenn sein Ätherleib wieder gelockert wird. Hat er in den mittleren Zeiten das Bewußtsein der geistigen Welt verloren, hat er sich einzig und allein angeeignet den Glauben, daß das Leben im physischen Leibe und das im physischen Leib Schaubare das einzig Wirkliche sind, dann schwebt er für alle Zukunft in der Luft. Dann kennt er sich nicht aus in den geistigen Welten, dann hat er den Boden unter den Füßen verloren. Dann tritt für ihn die Gefahr dessen ein, was man den «geistigen Tod» nennt; denn dasjenige, was um ihn herum ist, ist dann Unwirklichkeit, Illusion, für dessen Wirklichkeit er kein Bewußtsein hat, woran er keinen Glauben hat, und er stirbt ab. Das ist das wirkliche Absterben in der geistigen Welt, ist etwas, was den Menschen droht, wenn sie nicht mitbringen beim Eintritt in die geistigen Welten das Bewußtsein von dieser geistigen Welt. Wo aber ist der Punkt in der Menschheitsevolution, wo völlig errungen werden kann das Bewußtsein von der geistigen Welt? Da ist der Punkt, wo durch ein Hinuntersteigen in einen physischen Leib und durch die Überwindung desselben das große Vorbild vor die Menschen hingestellt worden ist, jenes große Vorbild, das in dem Christus gegeben ist. In dem völligen Verständnis für den Christus ist dasjenige zu erringen, was der Menschheit die Möglichkeit bietet, den Anschluß zu gewinnen an alle Erinnerungen der Vorzeit und an alle Prophetie der Zukunft. Denn alle Religionsstifter vor Christus, worauf wiesen sie hin? Sie wiesen hin auf die früheren Inkarnationen und auf die späteren Inkarnationen des Menschen. Der Christus trat ein in den Leib des Jesus von Nazareth, als der Jesus von Nazareth dreißig Jahre alt war. Christus war die Wesenheit, die in einem physischen Leibe nur einmal lebte. Und durch dieses einmalige Besiegen des Todes, wenn es richtig verstanden wird, wird dem Menschen gezeigt, wie er zu leben hat, um in alle künftigen Zeiten das Bewußtsein hineinzubringen, daß es eine geistige Welt gibt. Das ist die Vereinigung mit dem Christus.
[ 28 ] Und wie wird die Christus-Idee leben in dem Menschen der Zukunft? Der Mensch der Zukunft wird ebenso zurückblicken auf unsere Epoche, wo der Mensch im physischen Leibe gelebt hat, wie der Mensch der nachatlantischen Zeit in die atlantische Zeit zurückblickt, wo die Menschen noch mit den Göttern zusammenlebten. Er wird sich fühlen als der Sieger über dasjenige, was im physischen Leibe erlebt wird. Wenn er dann wieder zum geistigen Plan aufsteigt, wird er herunterweisen auf das Physische als auf das, was überwunden ist. Das sollen wir fühlen in einer großen prophetischen Tat, wenn wir auf das Osterwunder hinschauen.
[ 29 ] Zweierlei Möglichkeiten hat der Mensch der Zukunft vor sich. Die eine Möglichkeit ist diese, daß er sich zurückerinnert an jene Zeit, wo er die Erlebnisse im physischen Leibe gehabt hat und sich sagt: Das allein, was damals war, war wirklich. Wir sind nunmehr in der Welt der Illusionen; die Wirklichkeit war das Leben im physischen Leib. -Dieser Mensch blickt hin auf das verlassene Physische wie auf ein Grab, und das, was er in dem Grabe erblickt, ist Leichnam; aber der Leichnam stellt als das Physische für ihn die wahre Wirklichkeit dar. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit ist die, daß der Mensch zurückblickt auf das in der physischen Welt Erlebte wiederum wie auf ein Grab, aber so, daß er denen, die glauben, daß das Physische allein das Wahre, Wirkliche gewesen ist, sagt und tief fühlt die Wahrheit dieser Worte: «Den ihr suchet, der ist nicht mehr da!» Das Grab ist leer und Derjenige, um den es sich handelt, der ist auferstanden! Das leere Grab und der auferstandene Christus, das ist das Mysterium der Prophetie; und so haben wir in dem Ostermysterium das Mysterium der Prophetie.
[ 30 ] Die große Synthesis von dem Weihnachtsmysterium als Wiederholung der alten Mysterien und dem Ostermysterium, als das Mysterium der Zukunft, das Mysterium des auferstandenen Christus, das wollte Christus vor die Menschheit hinstellen. Das ist das Mysterium des Osterfestes. Das wird die Zukunft des Christentums sein, daß die christliche Idee nicht bloß etwas ist wie eine Kunde von höheren Welten, nicht bloß etwas wie Religion ist, sondern daß die christliche Idee ein Bekenntnis und ein Impuls des Lebens ist: ein Bekenntnis, weil der Mensch in dem auferstandenen Christus dasjenige sieht, was er selbst zu erleben hat in aller Zukunft, eine Tat des Lebens, weil der Christus nicht bloß dasjenige ist, zu dem er hinaufschaut, der ihm etwa bloß '[rost gewährt, sondern der ihm das große Vorbild ist, dem er nachlebt, indem er den Tod überwindet. Im Geiste des Christentums tätig sein, leben, in dem Christus nicht bloß den Tröster sehen, sondern den Christus als den ansehen, der uns vorangeht und der im tiefsten Sinne mit unserer tiefsten Wesenheit verwandt ist, dem wir nachleben: das ist die Christus-Idee der Zukunft, die zu durchdringen vermag alle Erkenntnis, alle Kunst, alles Leben. Und wenn wir uns erinnern wollen, was alles die Osteridee enthält, so werden wir in ihr ein Symbolum finden des Christentums der wahren Tat und des wahren Lebens.
[ 31 ] Wenn die Menschen längst nicht mehr brauchen werden die religiösen Mitteilungen, die ihnen Kunde bringen von den Göttern der alten Zeiten, weil sie wieder leben werden unter den Göttern, dann wird ihnen Christus derjenige sein, der sie stark und kräftig machen wird, um den richtigen Standpunkt zu finden mitten unter den Göttern. Der Religion wird es dann nicht mehr bedürfen, um an Götter zu glauben, die die Menschen wieder sehen werden, wie es ihrer früher nicht bedurfte, als sie unter Göttern lebten. Da brauchten sie nicht zu glauben, und sie werden nicht brauchen zu glauben an die Götter, die sie wieder sehen werden, wenn sie gestärkt und gekräftigt mit dem, was aus dem Christentum zu gewinnen ist, unter diese Götter treten werden. Dann werden sie selbst vergeistigt unter geistigen Wesenheiten sein und dann ihre Arbeit unter den geistigen Wesenheiten vollbringen können. So wird der Mensch in einer gar nicht so fernen Zukunft wiederum sehen, wie die physische Welt für ihn ihre Bedeutung verliert und wie sozusagen die physischen Dinge verblassen. Ihre Wirklichkeit wird verblassen, auch wenn der Mensch noch lange auf der Erde sein wird. Wenn aber die physischen Dinge ihre Bedeutung und Wichtigkeit verlieren werden und verblassen werden, dann wird der Mensch entweder dahinschwinden sehen die Wesentlichkeit des Physischen und nicht glauben können an die Geistigkeit, die vor ihm aufsteigt, oder aber er wird glauben können und das Bewußtsein sich hinüberretten für die Geistigkeit der Zukunft, und er wird dann nicht den geistigen Tod erleben.
[ 32 ] Einer Wirklichkeit gegenüberstehen, die man nicht als eine solche erkennt, heißt zerrüttet sein im Geiste. In eine geistige Zerrüttung hinein würden die Menschen leben, wenn die geistigen Welten vor ihnen auftauchen würden bei der Lockerung des Ätherleibes und sie sie nicht als solche erkennen würden. Heute könnte schon mancher von den geistigen Welten ein Bewußtsein haben, aber er hat es nicht, und so schlagen sie auf ihn selbst zurück, und das zeigt sich in seiner Nervosität, der Neurasthenie, in der pathologischen Krankheitsfurcht. Das ist nichts anderes als der Rückschlag dessen, was das Nichtbewußtsein von der geistigen Welt hervorruft. Wer das fühlt, der fühlt auch die Notwendigkeit einer geistigen Bewegung, die über die bloße Religion hinauswachsend den Glauben an den Menschen, an den ganzen Menschen, das heißt auch an den geistigen Menschen bewahrt und volle Erkenntnis des geistigen Menschen bringt. Und Christus erkennen heißt, auch den geistigen Menschen erkennen.
[ 33 ] Mit der Christus-Idee in die Zukunft der Menschheit hineinleben heißt, selbst das Christentum als Religion überwinden und das Chri Mar stentum als Erkenntnis auf den weitesten Horizont bringen. Das Christentum wird untertauchen in die Kunst, wird sie erweitern und beleben, wird künstlerische Gestaltungskraft im reichsten Maße geben. Richard Wagners «Parsifal» ist eine Vorbereitung davon. Das Christentum wird in alles Leben und Weben auf der Erde hineintauchen, und wenn die Religionen schon lange nicht mehr für die Menschheit notwendig sein werden, dann wird die Menschheit gerade stark und kräftig sein unter dem Einfluß der christlichen Impulse, die damals der Menschheit gegeben werden mußten, als sie in der Mitte des vierten Kulturzeitraumes war. In der griechisch-lateinischen Kulturzeit trat der Christus unter die Menschheit, Wie die Menschheit hinuntertauchen mußte in die tiefste Tiefe des materiellen Lebens, so muß sie wieder hinaufgebracht werden zu der Erkenntnis des Geistes. Und diesen Impuls hat das Erscheinen des Christus gegeben.
[ 34 ] Diese Empfindungen sollen uns beseligen in den Tagen, in denen wir symbolisch um uns herum haben die Ostermysterien, in der Osterzeit. Denn das Ostermysterium ist nicht bloß ein Mysterium der Erinnerung, sondern auch ein Mysterium der Zukunft, der Prophetie für den Menschen, der sich allmählich immer mehr befreit aus den Banden und den Umgarnungen und Verstrickungen des bloß physisch-sinnlichen Lebens.
