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The Rudolf Steiner Archive

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Aus der Bilderschrift der Apokalypse des Johannes
GA 104a

9 Mai 1909, München

Erster Vortrag

[ 1 ] Wir haben oft davon gesprochen, daß man Theosophie nicht als etwas Neues zu betrachten hat. Andere, äußere Strömungen des Wissens wollen oft gerne etwas Neues sein; aber Theosophie will und soll der für unsere Zeit passende Ausdruck sein für das Weisheitsstreben, wie es durch alle Zeiten geht; Theosophie sieht in allen zeitlichen Offenbarungen verschiedene Formen einer Urweisheit, wie sie durch alle Zeiten strömt.

[ 2 ] Die Apokalypse, die zu den ältesten Urkunden des Christentums gehört, wurde zu allen Zeiten des Christentums in der verschiedensten Weise erklärt; und diese verschiedenen Erklärungen trugen immer den Charakter des subjektiven Auffassens der verschiedenen Epochen. Im großen und ganzen, wenn wir rasch den Blick schweifen lassen über die Jahrhunderte christlicher Entwickelung, können wir aber schon in älteren Zeiten den aufkeimenden materialistischen Sinn an dieses Buch herantreten sehen. Da finden wir, wie schon bald der Fehler gemacht worden ist, in den Bildern der Apokalypse bestimmte Vorgänge der Erden- und Menschheitsentwickelung zu sehen, wie zum Beispiel das Herabsteigen des verkündeten Messias in die Welt oder gar die Errichtung eines himmlischen Reiches auf dieser Welt im physischen Sinne. Als nun darauffolgende Zeiten gar nichts von alledem erfüllten und enthüllten, glaubte man in den verschiedenen Gegenden des Abendlandes, daß man sich in der Zeitangabe geirrt hätte und schob die Erfüllung der Weissagung immer mehr hinaus. Um das 12., 13. Jahrhundert fing man dann wieder an, die Apokalypse mehr innerlich zu deuten. So fing man in jener Zeit an, in der Veräußerlichung des Christentums mehr und mehr das Reich des Antichrist zu sehen. Die römische Kirche selbst wurde vielen zum Ausdruck dieses Reiches des Antichrist; die römische Kirche dagegen sah wiederum dasselbe im Protestantismus.

[ 3 ] In neueren Zeiten, die so ganz und gar erfüllt sind von materialistischer Gesinnung, sagte man dann, daß der Schreiber der Offenbarung natürlich nichts wissen konnte von der Zukunft, sondern daß er schon hinter ihm liegende Ereignisse beschrieben habe. So meinte man, daß er in dem Tiere mit den zwei Hörnern einen so großen Gegner des Christentums wie den Nero gesehen habe. Wenn weiter die Rede ist von Erschütterungen der Erde, von Heuschreckenschwärmen und so weiter, so läßt sich unschwer nachweisen, daß solche Dinge dazumal über jene Gegenden gekommen sind. Nun, so etwas nennt man dann «objektive Forschung», und doch ist sie ja ganz beeinträchtigt durch subjektive Auffassung.

[ 4 ] Die Theosophie soll uns nun ein Instrument werden, die Apokalypse wieder spirituell aufzufassen und dadurch in ihren Sinn einzudringen. Nun könnte man meinen, diese Erklärung durch die Theosophie sei auch subjektiv gefärbt wie alle anderen Erklärungen. In einem gewissen Sinne ist sie es auch, doch ist ein Unterschied zwischen ihr und den anderen Erklärungen. Die äußeren Geschichtsschreiber wollen objektiv sein; sie können aber nur subjektiv sein. Wir aber wollen subjektiv in dem Sinne erklären, daß wir in aller Bescheidenheit uns bewußt sind: die Weisheit der Welt ist immer im Einklang mit der fortschreitenden Entwickelung, mit der fortschreitenden Zeit. Wenn wir für unsere Zeit das Richtige tun, so ist das eine in alle Zukunft hineinwirkende Kraft. Die Theosophie darf nicht zu einer Dogmatik werden. Das, was wir heute als Theosophie lehren, das ändert sich nicht seinem Wesen, aber seinen Formen nach. Wenn die Seelen der heutigen Zeit wiedergeboren werden, so werden sie in kommenden Zeiten ebenso reif sein, andere höhere, zukünftige Formen des Geisteslebens aufzunehmen. Unsere Erklärung der Apokalypse wird veralten; künftige Zeiten werden darüber hinausgehen. Aber die Apokalypse selbst wird darum nicht veralten. Sie ist weit größer als unsere Erklärungen und sie wird noch tiefere, noch höhere Erklärungen finden.

[ 5 ] Rücken wir uns vor die Seele die ersten Zeilen der Offenbarung, wie sie in Wahrheit lauten. Es wird uns gesagt, daß das Geheimnis Jesu Christi uns gegeben wird in Zeichen, daß diese Zeichen zu deuten sind und daß der Schreiber nach Maßgabe seiner Kräfte so viel von den Zeichen zu deuten versucht als möglich. Die Apokalypse ist in anderer Absicht geschrieben worden als das Johannes-Evangelium. Es handelt sich um ein persönliches Erlebnis, wenn der Schreiber uns sagt, daß er die Offenbarung Jesu Christi, die Erscheinung des Christus beschreibt. Es handelt sich also um etwas ähnliches wie das Erlebnis des Paulus vor Damaskus, das Mysterium des Paulus. Paulus ist derjenige, der am allermeisten getan hat zur Verkündigung und Verbreitung des Christentums, trotzdem er nicht zu den Jüngern gehört, die miterlebt haben die Ereignisse von Palästina und auch nicht deren tragischen Ausgang: die Kreuzigung des Christus Jesus. Wir wissen, die Evangelien stellen die Art dar, wie dies alles in die Herzen der damaligen Menschheit eingedrungen ist. Paulus hatte von alledem auch gehört, was in den Evangelien steht. Paulus kannte die Ereignisse von Palästina genau, und trotzdem hatte er gar nicht denken können, daß der am Kreuz Geendete der verheißene Erlöser oder Messias sei. Wie ein gemeiner Verbrecher, so sagte sich der Paulus, kann der Messias nicht enden. Man versteht Paulus schlecht, wenn man nicht einen tieferen Blick in seine Seele tut und in das, was als Wissen in ihm als jüdischen Eingeweihten lebte. Er wußte: Der Erlöser, der Messias hatte sich vorausverkündet im brennenden Dornbusch, im Feuer des Sinai. Darauf weist der Christus Jesus hin, als er sagt: «Wenn ihr aber seinen» — des Moses — «Schriften nicht glaubet, wie werdet ihr meinen Worten glauben?» (Joh. 5, 47) Der Christus sagt damit, daß er sich früher mit äußeren Mitteln, durch die Gewalt der Elemente, verkündet hat, daß er sich aber dann offenbart hat durch das Leben, Leiden und Wohnen im menschlichen Leibe, sozusagen herniedergestiegen ist aus dem Feuer des Sinai. Paulus, der jüdische Eingeweihte, kannte durchaus den vorausverkündeten Christus; denn hinter dem Geheimnis des Moses verbirgt sich folgendes: In der Zeit des Alten Testamentes und in der alten jüdischen Geheimlehre gab es, wie zu allen Zeiten, Mysterien und Eingeweihte. Halten wir uns an den Grundsatz, daß die Einweihung sich auch den Zeitumständen anpassen muß. Betrachten wir sie demnach, so müssen wir damit anfangen, uns den Menschen vorzustellen, wie ihn die Theosophie oder Geisteswissenschaft hinstellt, als viergliedrige Wesenheit, als begabt mit dem physischen Leib, den der Mensch mit dem Mineral gemeinsam hat, mit dem Ätherleib, den er mit dem Pflanzenreich gemeinsam hat, einem astralischen Leib, den auch das Tierreich hat, und endlich dem Ich oder Ich-Träger. So, wie der Mensch da vor uns steht, besteht er aus diesen vier Gliedern. Am Tage sind sie miteinander verbunden, aber während der Nacht sind das Ich und der astralische Leib in der geistigen Welt. So nimmt der heutige Mensch während der Nacht nichts wahr. Wenn der Mensch sich nun zu höherem geistigen Schauen hinaufentwickelt, so muß er gewisse Methoden innerer Entwickelung auf sich anwenden. Wer in die höheren Welten aufsteigen will, muß auf seine Seele wirken lassen Meditation und Konzentration und sich versenken in bestimmte Dinge, von denen eins unter Hunderten zum Beispiel das Rosenkreuz ist.

[ 6 ] Wenn der heutige Mensch schläft, so kann das alles, was er tagsüber erlebt, keinen so starken Eindruck auf seinen astralischen Leib machen, daß dies in der Nacht weiterwirkt. Wenn der heutige normale Mensch abends einschläft, ist sein Tagesleben wie ausgelöscht. Beim Einweihungsschüler, wenn er auch lange nichts von der Umwandlung seines astralischen Leibes merkt, ist es aber anders. Wenn er anfängt Meditation zu üben und die in okkulten Schulen vorgeschriebenen Übungen auf sich wirken läßt, sieht der Hellseher, während beim gewöhnlichen Menschen etwas Unorganisiertes, Chaotisches zu schauen ist, beim Meditanten ganz andere Strömungen, andere Formen und Organe. Das zeigt sich als Wirkung der Übungen, wenn auch der Schüler selbst lange nichts davon merkt. Es wird sein astralischer Leib ein anderes Wesen, wenngleich auch die Meditation noch so kurz ist. Chaotisch war vorher der astralische Leib, und alles, was der Mensch tat, wurde übertönt durch die Tageseindrücke. Nur die Vorschriften der okkulten Schulung geben etwas, was alle Alltagseindrücke übertönt. Daher nannte man diese Wandlung der Seele: Reinigung oder Katharsis. Der Schüler wird ein Gereinigter, während beim gewöhnlichen Menschen der astralische Leib fortfährt, chaotisch, ungeordnet zu sein.

[ 7 ] Nun muß aber auch durch den Lehrer dem Schüler zum Bewußtsein gebracht werden, was die geistige Welt um ihn herum ist. Damit nun das, was so im astralischen Leib geschah, sich in den Ätherleib fortpflanzen konnte, wurde in früheren Zeiten folgendes mit dem Schüler vorgenommen. Wenn der Schüler bereit war, sozusagen auf der Höhe der Einweihung stand, hatte er einige Zeit, meist dreieinhalb Tage, liegend zuzubringen, in denen ihn der Initiator in vollständige Lethargie oder Abgestorbenheit brachte. Da wurde dann der Ätherleib herausgehoben und der Astralleib drückte nun alles, was er in sich durch die okkulten Übungen vorbereitet hatte, in den Ätherleib ab. Sonst ist der physische Leib ein Hindernis, um das, was der Mensch in der geistigen Welt erfährt, ihm zum Bewußtsein zu bringen. In diesem Augenblicke nun, da der Initiator den Ätherleib aus dem physischen Leibe holte, trat also die Erleuchtung ein und der Erleuchtete erlebte jetzt die geistige Welt, und nach dreieinhalb Tagen war er eben ein Eiingeweihter, der von den geistigen Welten erzählen konnte.

[ 8 ] Bei den Mysterien der verschiedenen Völker können wir denselben Vorgang finden. Aber bei den Eingeweihten des Alten Testaments war die Einweihung eine andere; denn sie erlebten das, was Moses auf dem Sinai erlebt hatte, noch einmal. So konnten sie dem Volke sagen, daß der Messias erscheinen würde, daß der Messias aus ihrem Volke selbst hervorgehen würde, daß er die Entwickelungsprinzipien aller Menschheitsentwickelung im fleischlichen Leibe selbst verkörpern würde. Das war der höchste Moment der Einweihung, wenn der erleuchtete Hebräer erleben durfte, daß in der Zukunft der Christus erstehen würde. Von alledem wußte der Paulus als jüdischer Eingeweihter; trotzdem konnte er aber vor dem Ereignis von Damaskus nimmermehr glauben, daß der am Kreuz Gestorbene derselbe sei.

[ 9 ] Nun erzählt Paulus von sich, er sei eine Frühgeburt, das heißt ein Eingeweihter aus Gnaden. Das hebt er hervor, daß er die Einweihung nicht erhielt durch stufenweise Schulung; aber er steht doch der geistigen Welt näher als diejenigen Menschen, die tiefer in die Materie hinabgestiegen sind. So konnte er erleben, was die «Krone des Lebens», der letzte Akt in der alttestamentlichen Einweihung, war: die Krönung durch das Erscheinen des Christus. Im Lichtesglanz erschien ihm das, was die alttestamentlichen Eingeweihten immer erlebten; was sie erlebt hatten als Zukunftsereignis, das sah er nun als Erscheinung, die ihm sagte, daß dieses Wesen dasselbe sei wie das, welches im Leibe des Jesus von Nazareth gelebt hatte und starb. Er wußte jetzt: der Messias, der Christus ist schon da.

[ 10 ] Daß der Christus kommen sollte, das war das größte Ereignis der alten Einweihung gewesen. Daß Er gestorben war und doch lebte, verbunden mit dem irdischen Dasein und fortwirkend in der Menschheitsentwickelung, das sehen wir dann aus allen Briefen des Paulus. Er sah dieses Ereignis als etwas, das schon Gegenwart geworden war.

[ 11 ] Versetzen wir uns einmal in alle anderen Finweihungen, die nicht althebräisch und nicht christlich waren. Da wußte man: In alten atlantischen Zeiten kommen wir zu einer Gestalt des Menschen, die noch ganz anders ist als die heutige. Der Ätherleib ist ja der Bildner des physischen Leibes; durch die Einweihung nun sah man immer das, was als Ätherleib dem physischen Leib zugrunde lag. Man mußte in der geistigen Welt verzichten auf das Bild des physischen Menschenleibes; man sah nur den Ätherleib des Menschen.

[ 12 ] In der althebräischen Einweihung aber sah man immer als Krönung den physischen Menschen vergeistigt und in die geistige Welt versetzt. Und den Christus verstand man als solchen Menschen, als die erste wirkliche Menschengestalt, die überhaupt von der physischen Welt aus in der geistigen Welt zu sehen sein würde. So sah man in der hebräischen Einweihung, wie in ferner Zukunft durch den «Menschensohn», den Christus, die physische Form geheiligt und gereinigt werden würde. Deshalb wußte der Paulus, daß das, was ihm als Menschengestalt vor Damaskus erschien, kein anderer sein konnte als Christus.

[ 13 ] Ein gleiches schildert uns auch der Apokalyptiker, wenn er von dem «Menschensohn» spricht. Er nennt die sieben Gemeinden die «sieben Sterne» und den «Menschensohn» die vergeistigte, gereinigte Form im physischen Leibe, nicht nur im Ätherleibe, sondern das physische Menschenbild verklärt und geheiligt.

[ 14 ] So stellt er vor uns dasselbe hin, was Paulus vor Damaskus erblickt hatte, und er führt aus, was der Impuls dieses Christus-Ereignisses für die ganze Menschheit bedeuten sollte. Er spricht uns von den sieben Gemeinden in sieben Briefen oder Sendschreiben an die Gemeinden als von der Aufgabe der sieben nachatlantischen Kulturen; und die nach unserem fünften Hauptzeitalter kommenden, uns folgenden sieben Kulturen stellt er dar in den sieben Siegeln; die sieben Kulturen aber des siebenten großen Hauptzeitalters stellt er dar in den sieben Posaunen.

[ 15 ] Was als heutige Kultur sich abspielt, können wir in der physischen Welt schauen. Aber das, was in der sechsten großen Hauptzeit sich abspielt, das kann man in den Bildern der astralen Welt voraus erleben. Das siebente große Hauptzeitalter hingegen kann man erleben in den Tönen der Sphärenharmonie, in der devachanischen Welt. Man erlebt sie als Folge des Christus-Impulses.

[ 16 ] So ist die Apokalypse die Darstellung dessen, was der christliche Eingeweihte erlebte: die Schilderung der christlichen Einweihung, ein Bild der Erlebnisse eines im christlichen Sinne Eingeweihten, der verstanden hat, was durch den Christus in die Welt gekommen ist.