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The Rudolf Steiner Archive

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Aus der Bilderschrift der Apokalypse des Johannes
GA 104a

10 Mai 1909, München

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Nachdem wir nun gesehen haben, was die Theosophie heute zu sagen hat über die Entwickelungsgeschichte der Menschheit, wollen wir erst das aufsuchen, was uns die Apokalypse davon wiedergibt.

[ 2 ] Um dieses zu erkennen, müssen wir über unsere Kultur hinaus zurückgehen bis zur griechisch-lateinischen Kulturepoche, der vierten in unserem großen nachatlantischen Zeitalter. Wir rechnen in der Geisteswissenschaft diese Epoche bis ins 8. oder 9. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit zurück. Weiter zurückgehend kommen wir in die ägyptisch-chaldäische Kulturepoche, dann zur urpersischen Zeit, von der die Geschichtsforschung unserer Zeit nur den letzten Nachklang erlebt. Dann gehen wir weiter zur uralt-heiligen indischen Kultur; und so gelangen wir endlich zu der großen atlantischen Kultur, von der uns alle religiösen Urkunden melden. Vor der großen atlantischen Wasserkatastrophe befand sich zwischen Europa und Amerika der alte atlantische Kontinent. Dort wohnten die Menschenvorfahren, die wir die alten Atlantier nennen.

[ 3 ] Wir wollen nun zunächst das geistige Leben der Atlantier betrachten; denn dort lebten ja dieselben Seelen, die heute hier sind, aber mit anderen seelischen Fähigkeiten oder Bewußtseinszuständen, und diese interessieren zunächst den Geistesforscher.

[ 4 ] Während der Blütezeit der atlantischen Kultur finden wir das heutige Wahrnehmungsvermögen nur in einer ersten Anlage beim Menschen vorhanden. Der alte Atlantier sah die äußeren Gegenstände nicht wie wir heute mit scharfen Konturen, sondern wie mit einer Aura umgeben. Wenn er dann abends einschlief, verschwand für ihn das äußere Bild; aber er war bewußt in der geistigen Welt. Er hatte ein dämmerhaftes Hellsehen. Alles aber, was man heute Rechnen und Zählen nennt, Urteilskraft und logisches Denken, das hatte er noch nicht. Alle die Geistesfähigkeiten, welche die heutige Kultur erbaut haben, hatte er noch nicht; zum Beispiel kannte er noch nicht die in der Kohle ruhende Kraft. Aber dafür hatte er magische Kräfte, durch die er die in den Samenkörnern ruhenden Kräfte wecken und in seinen Dienst stellen konnte. So waren ihm eigen hellseherische und magische Kräfte. Diejenigen waren in der Atlantis die besten Techniker, die ihre magischen Kräfte am besten gebrauchen konnten. Was unsere heutigen Gelehrten und Naturforscher sind, das läßt sich vergleichen mit den am meisten hellseherisch begabten Menschen der damaligen Zeit.

[ 5 ] Damals gab es große Mysterienstätten. Unsere heutigen Mysterien- und Geheimschulen arbeiten viel geheimer als jene. Die damaligen waren allgemein bekannt als etwas, was gleichzeitig Schule und Kirche war. Frömmigkeit und Weisheit wurden dort zugleich gepflegt. Diejenigen, die Führer in jener Zeit waren, kann man die großen Lehrer der Mysterien nennen. Sie lehrten in diesen atlantischen Orakelstätten. Es gab deren sieben. Dort wurden die dafür reifen Schüler eingeweiht in die Beherrschung der magischen Kräfte und in das bewußte Hellsehen in der geistigen Welt. Die atlantische Weisheit erstreckte sich durchaus über die physische Erde hinaus auf die geistigen Tatsachen, nicht nur wie in unserer Kultur auf die drei niederen Reiche. Die heutige Wissenschaft setzt sich in diesen eine Grenze, die über die Erde nicht hinausgeht. Durch die hellseherische Entwickelung aber gelangte der atlantische Eingeweihte auch noch zum Schauen und Erleben der hohen geistigen Wesenheiten, die über den Erdkreis hinaus wirken bis zu den Sternen hinauf und deren Umkreise.

[ 6 ] So gab es damals Mysterienstätten, die sich besonders mit den verschiedenen Sternen unseres Planetensystems und den dahinterstehenden geistigen Mächten beschäftigten. Daher gab es damals Mars-, Venus-, Sonnen-, Jupiter-, Merkur-, Saturn- und Mondorakel. Das größte und erhabenste war aber das alte Sonnenorakel. Die Eingeweihten dieses Sonnenorakels konnten alle übrigen Orakelstätten übersehen und über sie wachen. An der Spitze stand der große Sonneneingeweihte des Sonnenorakels; der sah voraus die Wasserkatastrophe in der Atlantis. Daher hatte er dafür zu sorgen, daß die Kultur über die Katastrophe hinübergeleitet werde.

[ 7 ] Nun waren diejenigen Menschen, die am meisten Veranlagung zum Hellsehen hatten, gar nicht tauglich für die nachatlantische Kultur. Für diese neue Kultur mußten die ausgewählt werden, die nichts mehr hatten von der alten Magie, die aber gleich einer Morgenröte der großen nachatlantischen Kultur in den ersten primitiven Formen das individuelle Geistige, das Denken und Urteilen entwickelten. Die Schlichtesten waren gerade die für die Zukunft Passendsten.

[ 8 ] Sie wurden nun von dem großen Sonneneingeweihten in einer Kolonie in der Nähe des heutigen Irland zusammengeführt; von dort wurden sie dann später nach der Mitte von Asien geführt. Das waren also diejenigen, die damals unseren heutigen Bewußtseinszuständen schon am nächsten standen. Und dazu wurden noch für die Vorgeschrittensten herübergeführt die Abbilder der Ätherleiber der größten Eingeweihten der atlantischen Orakel und den für die heutige Kultur Begabtesten aus den verschiedenen Orakeln einverleibt, da dies für die Zukunft notwendig war.

[ 9 ] Es gibt ein Gesetz spiritueller Ökonomie, damit das von der Menschheit einmal Erworbene nicht verlorengehe. Wenn wir Umschau hielten in den verschiedenen Orakelstätten, würden wir überall das finden können, was man durch die Geheimschulung erreicht, wenn man vom Ich aus den Ätherleib so umwandelt, daß er durchgebildet, organisiert ist. Sonst löst sich im Tode der Ätherleib des gewöhnlichen Menschen im Weltenäther auf, aber bei den hohen Eingeweihten ist das anders. Ein solcher umgewandelter Ätherleib wird zum Segen und Heil der Menschheit aufbewahrt. Der große Sonneneingeweihte bewahrte die Ätherleiber der sieben großen atlantischen Eingeweihten als spirituelles Gut und nahm sie mit hinüber nach Asien. Diese wurden nun sieben der allerbesten Menschen eingeprägt, so daß sie heranwuchsen, begabt mit den Ätherleibern der größten Eingeweihten der alten Atlantis. Viele Generationen hindurch übte er auch seine Erziehungskunst auf Gesundheit und geistige Zucht aus, so daß er sozusagen das allerbeste Menschenmaterial heranbildete.

[ 10 ] Diese sieben Menschen waren im äußeren Leben schlichte Menschen; sie hatten ihr Ich, ihren Astralleib für sich, aber in bestimmten Bewußtseinszuständen sprachen sie wie von höheren Mächten inspiriert. Sie wurden dann von dem großen Sonneneingeweihten nach dem alten Indien hinuntergeschickt zu jenen, die sich noch nach der wahren Urheimat des Menschen zurücksehnten und alles äußere als Maja oder Illusion bezeichneten. Das war der Chor der sieben heiligen Rishis. Das, was diesen Chor wie eine geistige Symphonie zusammenstimmte, war die Urweisheit der vorvedischen Zeit. So sehen wir in eine viel ältere Zeit hinein als die der Veden. Was in den Veden aufgeschrieben worden ist, ist nur ein Nachklang; nur in gebrochenen Strahlen dringt es zu uns durch die Weisheit der heiligen Rishis.

[ 11 ] Nun kommen wir zu der urpersischen Kultur; da war an die Stelle der sieben indischen Lehrer der Ur-Zarathustra getreten. Er war selbst der eingeweihte Schüler des großen Sonneneingeweihten, der hinter den Rishis stand. Er konnte dadurch die große Lehre verkünden vom geistigen Wesen der Sonne, von Ahura Mazdao. Und da sehen wir, wie von den großen Lehrern der Menschheit die Entwickelung in Weisheit geleitet wird.

[ 12 ] Der Inder war von vornherein davor bewahrt, in Materialismus zu verfallen; bei ihm war die Sehnsucht nach dem Schauen, nach dem Geistigen, nach dem Sichverbundenfühlen mit der Gottheit noch zu groß. Die Perser hingegen waren Ackerbauer und Krieger; sie mußten deshalb, um nicht in Materialismus zu verfallen, die Lehre aufnehmen von dem großen Ahura Mazdao, dem Geist der Sonne, dem höchsten Wesen.

[ 13 ] Der große Zarathustra weihte einen seiner Schüler so ein, daß er seinen Astralleib zu hoher Entwickelung brachte; bei einem anderen hingegen entwickelte er den Ätherleib bis zur höchsten Stufe hellseherischen Bewußtseins, so daß er durch diesen Ätherleib, der ja immer Träger des Gedächtnisses ist, in der Akasha-Chronik zu lesen fähig wurde.

[ 14 ] Nun wurde der erste der Schüler wiedergeboren als Hermes, der große Anreger der ägyptischen Kultur, ausgebildet insbesondere in bezug auf seinen Astralleib. Der konnte nun, als er wiedergeboren wurde, in sich tragen den Astralleib des großen Zarathustra. Als ägyptischer Hermes trug er also den Astralleib des großen Zarathustra in sich und konnte deshalb im Sinne des Zarathustra wirken.

[ 15 ] Auch der andere Schüler, der wiedergeboren wurde, ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten der nachatlantischen Kultur, nämlich der Moses. Deshalb mußte der Moses schon als Kind dazu gebracht werden, daß der Ätherleib und das Ich bei diesem Kinde ganz beeinflußt werden konnte von dem Ätherleib des Zarathustra. So mußte er im zarten Kindesalter in einem Kästchen ins Wasser versenkt werden; dies ist ein Symbol für seine Berufung. Und so wurde er der große Akasha-Seher, der die wahrgenommenen Bilder der AkashaChronik aufzeichnen konnte: die großen Bilder der Genesis. Auf diesen Wegen wird hinter den Kulissen der physischen Menschheitsentwickelung Vergangenes zu Künftigem hinübergeleitet.

[ 16 ] Zarathustra konnte auch der größte Lehrer der vierten nachatlantischen Kulturperiode werden. Als Zarathas oder Nazarathos, im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt in Vorderasien lebend, war er der Lehrer der wichtigsten griechischen Lehrer und Eingeweihten, als Lehrer zum Beispiel des Pythagoras.

[ 17 ] Diese vier nachatlantischen Kulturen sind inspiriert worden von dem großen Sonnenorakel der alten Atlantis aus und parallel gehend mit ihnen entfaltet sich die durchgehende Kultur des althebräischen Volkes, von dem gleichzeitig je eine Volksgruppe mit einer dieser genannten Kulturepochen lebt. Die altindische Kultur war eingeweiht in das Geheimnis der geistigen Welten und der planetarischen Zustände; die alten Hebräer... [Lücke in der Nachschrift.] Dann, gleichzeitig lebend mit der persischen Kultur des Zarathustra, entwiickelten die hebräischen Ahnen auch eine solche Lehre, wie sie uns in Persien als diejenige von Ormuzd und Ahriman geschildert wird als Lehre vom Guten und Bösen; dann folgte die dritte, die ägyptisch-chaldäische Kultur; gleichzeitig der Auszug aus Ägypten unter der Führung des Moses; dann die griechisch-lateinische Kultur gleichzeitig mit den großen hebräischen Eingeweihten-Propheten Elias, Jeremias und so weiter. Sie hatten in uralten Zeiten schon erhalten den Begriff des größten Wesens, des Ahura Mazdao, verkündet durch den Melchisedek. So hatten sie in ihrer Kultur gleichzeitig, gleichlaufend mit der der anderen Völker dieselben Nuancen.

[ 18 ] Nun hat eine solche Kultur auch immer ihre Nachblüten getrieben. Die des Hermes war sehr bald einem Verfall entgegengegangen. Sie hatte tiefe Geheimnisse für die alte ägyptische Kultur enthüllt; aber in schlimmster Weise war sie verfallen und als schwarze Magie in furchtbarste Dekadenz geraten. Am wenigsten in die Dekadenz gegangen war die altindische Kultur.

[ 19 ] So sehen wir, wie alles, was nacheinander aufgetreten ist, sich noch erhalten hat im althebräischen Volke in den verschiedenen Gruppen, die sich bewahrt hatten die Empfindung, die Bewußtseinszustände der verschiedenen Kulturen. Diese Gruppen konnte man ansprechen mit den Namen der alten Kulturen, je nachdem sie sich die Empfindungen derselben bewahrt hatten.

[ 20 ] Wenn der Apokalyptiker von der «Gemeinde von Ephesus» spricht, so meint er damit die Vertreter der ersten, der indischen Kultur; die persische findet ihre Vertreter in der «Gemeinde von Smyrna»; die ägyptisch-chaldäische in dem Namen der «Gemeinde von Pergamon»; endlich die vierte, die griechisch-lateinische, in der «Gemeinde von Thyatira». So konnte er in nebeneinander befindlichen Gruppen die Vertreter der vier alten Kulturepochen ansprechen.

[ 21 ] Jetzt blickt er weiter in die Zukunft und sieht unsere Kulturblüte in der «Gemeinde von Sardes». Die auf uns folgende «Gemeinde», die wir bewußt vorbereiten durch die theosophische Bewegung, die bezeichnet er mit dem Namen «Philadelphia», nach welcher die Menschen endlich in die «Gemeinde von Laodicea» kommen werden, wo keine neuen Impulse mehr hervorgebracht werden können. Wir leiten die Zeit der Philadelphia oder Brüderlichkeit ein, wenn wir in der fünften Zeit als bewußte Vertreter theosophischen Geisteslebens wirken und handeln.

[ 22 ] Die sieben Geister Gottes, die sieben Sterne, das sind die theosophischen Lehren von der Erdenentwickelung durch die planetarischen Zustände, die uns heraufführen sollen zum Verständnis des Geheimnisses der Sterne und ihrer Geister. So gehen wir bewußt ein in die Gemeinde von Philadelphia, wenn wir die Lehren der Geisteswissenschaft aufnehmen.