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The Rudolf Steiner Archive

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Aus der Bilderschrift der Apokalypse des Johannes
GA 104a

11 Mai 1909, München

Dritter Vortrag

[ 1 ] Es ist uns klar geworden, daß die sieben Briefe in den ersten Kapiteln der Apokalypse von dem Schreiber der Offenbarung gedacht sind für die sieben Repräsentanten der sieben Kulturepochen der nachatlantischen Zeit, welche folgte auf die große Wasserkatastrophe, die auch die Sintflut genannt wird. Das Zeitalter, das nach den sieben nachatlantischen Kulturperioden kommt, enthüllt sich dem Eingeweihten in sieben Siegeln als sieben Zeiträume, gleich denen unserer nachatlantischen Zeit.

[ 2 ] Vor allen Dingen müssen wir uns klarmachen, daß die Seelenentwickelung der Menschheit auch in Zukunft noch manche und mannigfache Wandlungen durchzumachen hat. Je mehr wir uns in die Zeiten alten, dämmerhaften Selbstgefühls zurückversetzen, desto mehr finden wir auch dämmerhaftes Hellsehen, immer weniger erscheinen uns die Menschen als Individualitäten. Wenn wir weit zurückgehen in die atlantische Zeit, so sehen wir die Menschen nicht als Einzelwesen, sondern im Bewußtsein miteinander verbunden zu Gruppenseelen. Aber selbst noch in historischen Zeiten finden wir in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten das Gruppenseelenwesen; damals fühlte sich der Mensch in Mitteleuropa als Glied eines Organismus, als Glied eines Stammes. Tacitus erzählt uns davon, wie die einzelnen Cherusker sich nicht als Individualität, sondern als Glieder des Stammes-Ichs empfanden.

[ 3 ] In der frühen atlantischen Zeit finden wir, wie sich die Menschen über weite, weite Gebiete hin einander sehr ähnlich sind; sie zerfallen in Gruppen von großer, auffallender Ähnlichkeit. Um die Mitte der atlantischen Zeit zerfällt die Menschheit noch in vier hauptsächliche Gruppen. Die Mitglieder der einzelnen Gruppen sehen sich in der ersten atlantischen Entwickelung noch ganz ausgeprägt einander ähnlich, nur die Gruppen unterscheiden sich stark voneinander. Der Hellseher sieht zu jener Zeit noch sehr wenig von dem vorhanden, was heute den physischen Leib ausmacht; der physische Menschenleib ist dazumal durchaus noch von einer sehr weichen Materie, wie die gewisser Meerestiere, die heutzutage kaum von dem übrigen Wasser zu unterscheiden sind. Die Luft war dazumal ganz durchsetzt vom wäßrigen Element und der physische Leib des Menschen war zu jener Zeit noch sehr schwer zu unterscheiden von diesem ihn umgebenden Element. Als Kräfte waren aber auch schon zu jener Zeit die Knochen und das Nervensystem vorhanden. Erst dadurch, daß er sich verhärtet, wird der Mensch zum eigentlichen Erdenmenschen.

[ 4 ] Wenn man, sozusagen an heutige Vorstellungen sich anlehnend, die verschiedenen Menschen damals bezeichnen will, so kann man da zuerst solche sehen, die am dichtesten die physische Natur ausgebildet haben; die bezeichnet der Okkultist als Stiermenschen. Die Menschen, bei denen der Ätherleib am meisten ausgebildet ist, das sind die aggressiven Menschen, die Kraftnaturen, die Löwenmenschen. Eine dritte Gruppe hat einen Astralleib, der sehr stark die übrigen Glieder beherrscht; das ist die Gruppe, die man nun als eigentliche Menschen bezeichnet. Dann gibt es noch die Menschen, die man die Adler nennen könnte, die ihr Ich schon ausgeprägt haben, so daß sie über die anderen herrschen. So kann man von diesen vier Gruppenseelen sprechen und der Hellseher nimmt sie durch die Rückschau in jene alten Zeiten wahr.

[ 5 ] Diese vier Gruppen von Menschen waren durch das charakterisiert, was unten auf Erden am meisten ausgestaltet war. Die Stiermenschen der damaligen Zeit hatten ihr Verdauungssystem am meisten ausgebildet; die Löwenmenschen Herz und Blutzirkulation.... [Lücke in der Nachschrift.] Der Hellseher kann vier solcher Gruppenseelen sehen; das ist das, was bei der Einweihung in der astralen Welt erscheint. Was sich dem Hellseher dann darstellt, das kann er annähernd vergleichen mit dem, was heute die vier Tiere sind. Wer die Menschheitsentwickelung heute mit okkultem Blicke schaut, sieht dieses Bild von den vier Menschengruppen versinnbildlicht in diesen vier Tieren.

[ 6 ] Der Krieg aller gegen alle wird der Ausdruck sein des immer stärker werdenden Egoismus, heraufbeschworen durch die heutige Menschheit, indem das Ich immer stärker und stärker werden wird. Das wird das Ende sein der letzten nachatlantischen Kultur. Auch diese Katastrophe wird ihre Mission haben, ihren Nutzen im Emporkommen der ganzen Menschheit. Der große Krieg aller gegen alle wird aber etwas viel Schlimmeres sein als der heutige Krieg mit den Waffen. Der Krieg der Seelen wird es sein, der Seelen, die sich nicht mehr verstehen, der Krieg der Klassen, der Stände. Diese Zukunftskatastrophe ist schwer zu verstehen für ein heutiges Bewußtsein.

[ 7 ] Die Atlantier waren Magier. So, wie der Mensch heute die Kräfte benutzt, die in der Kohle schlummern, so gebrauchten die Atlantier die Kräfte in den Samenkörnern; die Samenkräfte der Organismen stellten sie in den Dienst ihrer Technik, ihrer Industrie.

[ 8 ] Es gibt nun einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen diesen Kräften. Solange die Atlantier die Samenkräfte richtig verwendeten, so lange stand das in Harmonie mit dem Wirken der Luft- und Wasserkräfte. Von der Mitte der atlantischen Zeit an aber ging die Magie der Atlantier immer mehr ihrem moralischen Verfall entgegen, und in den Mysterien der schwarzen okkulten Schulen wurde furchtbarer Mißbrauch getrieben mit diesen magischen Kräften. Sie wurden in den Dienst des schrecklichsten Egoismus gestellt. So wurden die Luft- und Wasserkräfte immer mehr erregt, bis es zu der gewaltigen atlantischen Wasserkatastrophe kommen mußte. Diejenigen, die heute das Geheimnis von der Benutzung dieser Kräfte kennen, die wissen wohl, daß wenn man heute noch solche Samenkräfte verwenden würde, es schwarzmagische Kräfte wären, die das bewirkten. Magie darf niemals Dienste leisten, wenn es sich um selbstsüchtige Zwecke handelt. So darf heute auch nicht im Dienste der weißen Magie mit den Samenkräften der Pflanzen gearbeitet werden. In der lemurischen Zeit hingegen wurde mit den Samenkräften der Tiere gearbeitet. Überall da, wo aber ein Mißbrauch mit diesen tierischen Wachstumskräften stattfindet, werden die furchtbarsten Kräfte des Feuers, das vulkanische Element der Erde wachgerufen.

[ 9 ] Heute liegen diese Dinge nicht so offen zutage; heute bewirkt das Element des Selbstgefühls, der sich überschlagenden Ichheit im Menschen, die Ausdörrung, die Verödung derjenigen Erdgegenden, die diesen Egoismus aufs höchste getrieben haben. Wahr ist es durchaus, daß auf der Erdoberfläche dieser Krieg aller gegen alle sich vorbereitet, indem ein Zusammenhang besteht zwischen der egoistischen Vertrocknung der Seelenkräfte und der Erstarrung der produktiven Erdkräfte. Das wird uns erzählt in der nordischen Mythe von der Götterdämmerung.

[ 10 ] Zunächst müssen wir aber verstehen lernen den Unterschied zwischen Seelenentwickelung und leiblicher Entwickelung. Die Menschenseelen finden sich von Epoche zu Epoche immer wieder in anderen Leibern, und dadurch, daß diese Seelen einst sehen werden den Streit, der zwischen den menschlichen Seelen herrschen wird, die in die letzte nachatlantische Zeit hineingeboren sein werden, dadurch wird das für sie eine Lehre sein zur Befreiung vom Egoismus. So werden sie hinüberwachsen in eine Zeit, wo sie die Früchte der Ichheit haben werden, aber ohne ihre Schäden. Und dann wird eine Zeit kommen, die gleichsam ähnlich sein wird den alten hellseherischen Zuständen der Atlantis, aber mit freiem Selbstbewußtsein. Der Mensch hat dann in diesen sieben Kulturen der nachatlantischen Zeit gelernt, was er in der physischen Welt erobern kann; nur im physischen Leibe kann dieses Selbstgefühl erwachen, aber niederzwingen muß der Mensch wieder den physischen Leib. Nach dem Kriege aller gegen alle wird der Mensch angelangt sein auf einer Stufe und in einer solchen Leiblichkeit, wo er nicht mehr Sklave, sondern wo er Herr sein wird seines physischen Leibes.

[ 11 ] Und dieser Impuls kommt gerade durch das Christus-Prinzip. Mitten hinein zwischen die Epoche der atlantischen Katastrophe und den Krieg aller gegen alle fällt das Christus-Ereignis. So verdankt der Mensch auf der einen Seite dem Herabsteigen in die Materie das Selbstgefühl innerhalb der physischen Leiblichkeit und auf der anderen Seite das Emporsteigen mit den Errungenschaften der physischen Welt dem Christus-Ereignis. Dem Christus-Prinzip verdankt der Mensch, daß er aufsteigen wird zur allgemeinen Bruderliebe, zur allgemeinen Menschenliebe, da die Menschen sich in Liebe zueinander wieder vereinigen werden in Gruppen.

[ 12 ] Schauen wir nun zurück in die Zeit der ursprünglichen Gruppenseelen der Atlantis und dann in die Zukunft, so treten diese vier Gruppenseelen auf; in ihrer Mitte wird das Lamm stehen als Zeichen für die Liebe, welche die Menschen verbinden wird in einer weniger dichten Leiblichkeit.

[ 13 ] Aber dieser Zustand muß vorbereitet werden dadurch, daß heute schon ein Häuflein sich aussondert, das hinübertragen kann die Bruderliebe. Deshalb ist in unserer Zeit eine Strömung entstanden, die durch wirkliches geistiges Wissen zur Bruderliebe führt. Durch Predigen von Bruderliebe wird die Menschheit nicht zur Bruderliebe gelangen, aber durch Wissen. Die Prediger, die immer von Liebe reden, erreichen nichts; gibt man aber den Menschen die Weisheit, das Wissen von Entwickelung so, daß dieses Wissen Leben in der Seele ist, dann wird die Menschheit zur Liebe kommen. Dazu gelangt die Seele, wenn sie mit Weisheit durchwärmt wird; dann kann sie die Liebe ausstrahlen.

[ 14 ] Deshalb haben die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen diese Strömung zur Ausstrahlung der Liebe in die Menschheit und zur Einströmung der Weisheit in die Menschheit begründet. Die Menschheit, entgegeneilend dem Krieg aller gegen alle, wird dann die Frucht der theosophischen Bewegung finden als das Verständnis für den Frieden, während um sie herum die Natur der Menschen überall jene zum Streite geführt haben wird, die nicht gehört haben werden den Ruf der Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen auf Grund des Christus-Impulses des vierten Zeitraumes.

[ 15 ] Blicken wir noch einmal zurück in den ersten Zeitraum unserer Kultur, auf die heiligen Rishis, die da hinweisen auf den Vishva Karman, den sie als Hellseher schauen durch die Ätherleiber der atlantischen Eingeweihten, die sie in sich tragen. Den geistigen Blick richtet der apokalyptische Hellseher auf Ihn und sieht, wie Er die sieben Sternorakel durch die sieben Rishis in der Hand hält. Diese heiligen, schlichten Männer haben erwecken wollen den geistigen Sinn der Menschheit, indem sie ihr sagten, die umliegende Welt um sie herum wäre Maja oder Illusion; Wahrheit nannten sie nur den Geist, der dahinter steht — auf den wiesen die heiligen sieben Rishis hin. Der Mensch mußte herabsteigen in dieses physische Leben; aber um ihn zu bewahren vor zu starkem Herabsteigen in die Materie, mußte er erst in sich aufnehmen die Lehre von der Maja oder Illusion. Die Seelen, die jetzt in unseren Leibern wohnen, die haben ja in indischen Leibern gelebt und haben damals gelernt, die Materie als Illusion anzusehen. Aber ringsherum gab es die Seelen der vielen in die Fesseln der Materie geschlagenen Menschen. Heute bedeutet es für diese wieder inkarnierten Menschen, daß sie theoretische Materialisten sind. Das sind die Unschädlichsten; denn ihnen werden schon in Zukunft diese Gedanken ausgetrieben werden dadurch, daß die Erde veröden wird und nur lebendig bleiben wird die Seele, an die sie heute nicht mehr glauben. — Was aber schlimmer ist, das ist der praktische Materialismus. Aber noch gefährlicher war in den alten Zeiten diese Form des Materialismus, weil damals noch die Erinnerungen da waren an die magischen Kräfte; da mußte dieser Materialismus zur schwarzmagischen Kunst führen. So bedeutete dieser Materialismus damals immer den Verfall in schwarze Magie; und der Apokalyptiker spricht immer von diesen Menschen als von den Nikolaiten, welche die erste, die herrliche Liebe zum Geiste verlassen haben. So sagt er, wo er zu loben hat, daß gehaßt werden die Nikolaiten.

[ 16 ] Innerhalb der alten indischen Kultur finden wir am wenigsten von der schwarzen Kunst; am meisten finden wir davon als Mißbrauch in Ägypten, da die hohe Lehre des Hermes überging in die Kunst der schwarzen Magie. Mit Balaam ist gemeint ein schwarzer Zauberer; da richtet der Apokalyptiker seine Mahnung an die Gemeinde von Pergamon im 14. Vers: «Aber ich habe etliches wider dich, daß du Leute dort hast, die zu der Lehre Balaams halten.» (Apk. 2, 14) Nicht gewöhnliche Unzucht ist gemeint, sondern das Entwickeln der Kräfte der Materie, die schwarze Magie.

[ 17 ] In den okkulten Schulen der ersten nachchristlichen Zeit war die Apokalypse ein Lieblingsbuch. Die alten Mysterien ergründeten die Urweisheit, die Weisheit der Atlantier. Die christlichen Mysterien hingegen suchten den Blick zu richten auf die Zukunft, nicht nur, um zu wissen, sondern auch um den Willen anzuregen, damit die Menschheit mit spirituellem Gut immer höhere Verkörperungen durchmachen könne.