Aus der Bilderschrift der Apokalypse des Johannes
GA 104a
18 Mai 1909, München
Neunter Vortrag
[ 1 ] Wir haben gesehen, wie in unserer Zeitperiode in die Seelen geschrieben werden kann, was später einmal im Äußeren des Menschen hervortreten wird. Geradeso wie in unserer Zeit sieben aufeinanderfolgende Kulturepochen zu verzeichnen sind, so stellen sich die sieben Zeiträume der Menschheitsentwickelung nach dem Kriege aller gegen alle dem Apokalyptiker dar, der in die Zukunft schaut; er sieht diese sieben Zeiträume in den sieben Siegeln. Er unterscheidet aber scharf die Zeiträume, die er als die ersten vier verzeichnet. Jedesmal, wenn er eines der Siegel auftut, erscheint ihm eines der vier Pferde mit einem Reiter darauf.
[ 2 ] Der Apokalyptiker hat es also zu tun mit der hellseherischen Anschauung der sieben zukünftigen Zeiträume. Das sind astrale Bilder dessen, was einst sein wird. Die Menschen, welche etwas aufgenommen haben werden von der spirituellen Kultur, werden die niedere Natur überwunden haben; sie werden die menschliche instinktive Natur dann beherrschen. Das, was der Mensch überwunden hat, drückt sich im Siegel in der Pferdegestalt aus. Mit dem, was er aus seiner Seele gemacht haben wird, wird er Sieger sein über seine niedere Natur; er wird sie beherrschen, gleich dem Reiter, der der Herrscher ist über das Pferd.
[ 3 ] Alles, was in unserem Zeitraum seit der altindischen Zeit durchgemacht wird, erscheint wieder nach dem Krieg aller gegen alle. So erscheint in der Wiederholung zuerst der altindische Zeitraum wieder. Damals war den Menschen alles in der physischen Welt Illusion, Maja; damals ist die Seele dazu reif geworden, Sieger zu sein über alles in der sinnlichen Welt. Die Frucht dieser indischen Zeit erscheint dem Apokalyptiker im Bilde als das weiße Pferd. Das ist die Charakteristik dieser Menschenseele, daß das Äußere, die materielle Kultur noch nicht von Händen berührt erscheint; unschuldig wie das helle Sonnenlicht ist der Reiter mit dem Bogen. Wie ein Sieger hat er sich das Recht erworben, nach dem Krieg aller gegen alle Sieger zu sein über die niedere Natur. Aber noch ist sie da, diese niedere Natur; mit ihr ist der Mensch so zusammengewachsen, wie sich das darstellt im zweiten Siegel als rotes Pferd. Da ist die Seele nicht mehr im weißen Unschuldskleide. Dadurch kann der Mensch in diesem Zeitraum nicht als der sieghafte Reiter erscheinen; er erscheint uns so, daß er die Früchte des Egoismus mitbringt. Er erscheint nach dem Kriege aller gegen alle nun nicht mehr im weißen Kleide, sondern noch einmal nimmt er den Frieden von der Erde, noch einmal zeigt er sich im Kampf ums Dasein mit dem Schwerte.
[ 4 ] Nun zeigt sich uns die Frucht des dritten Zeitraums, der ägyptischchaldäischen Kultur, in der die Menschheit das Rechnen und Zählen gelernt hat. Immer tiefer und tiefer ist der Mensch hinuntergestiegen in die Materie, in die Finsternis der niederen Natur; das zeigt sich im schwarzen Pferd und in dem Reiter mit der Waage. Abwägen, Messen und Zählen, das drückt sich dem Apokalyptiker aus als ein schwarzes Pferd und die Menschenseele als der Reiter mit der Waage. In der persischen Kultur finden sich noch nicht solche sozialen Einrichtungen, durch welche der Mensch sich nach intelligenten, nach staatlich-sozialen Ordnungen den Besitz zumißt; so etwas gab es weder im alten Indien, noch im alten Persien. Im alten Indien hatten die Menschen noch den Glauben an ihre atlantischen Verkörperungen. Der Mensch sah in der alten indischen Zeit seine Lebensstellung an als Folge von dem, was er in der alten Atlantis sich zubereitet hatte. Er sagte sich, daß er in einer bestimmten Kaste sei infolge des Menschheitskarmas; er sah auf zu den höheren Kasten als zu einer gerechten Einteilung nach dem Individualkarma. Diese Einteilung in Kasten wurde aber immer unmöglicher gemacht durch die Entwickelung des menschlichen Ichs. Die Zeit, in der vorzugsweise die Teilung von Besitz und Gut von der Intelligenz nachgerechnet zu werden anfing, war der ägyptisch-chaldäische Zeitraum. Die Frucht dieses dritten Zeitraumes erscheint also als der auf dem schwarzen Pferd sitzende Reiter mit der Waage, mit der alles Denken und die menschliche Intelligenz gewogen werden. So erscheint dem Apokalyptiker sinnbildlich, was als Früchte unserer sieben Kulturen erscheinen wird nach dem Kriege aller gegen alle.
[ 5 ] Der vierte Zeitraum hat sich als griechisch-lateinische Kultur die Schönheit der physischen Welt erobert. Der Grieche idealisiert die Natur in seiner Kunst, er verschönert das Dasein. Wie schön erscheint uns die griechische plastische Kunst und Baukunst im Gegensatz zur ägyptischen Kunst, zur Sphinx, zur Pyramide. Aber so lieb hatte der Grieche das physisch-sinnliche Dasein gewonnen, daß ihm die geistige Welt dunkel geworden war, und das Licht drang erst wieder in das, was für ihn vollkommener Schatten war, durch das Ereignis von Golgatha. Die Seele war ganz in Fesseln geschlagen worden in diesem vierten Zeitraum. Die niedere Natur aber hat in diesem Zeitraum eine Verschönerung erlebt, hat gewissermaßen eine Decke von Schönheit und Kunst erhalten. Das ist so recht das Charakteristische der Seele in diesem für das Erdenreich schönsten Zeitraum; aber für die Seele selbst ist die Frucht dieses Zeitraums gleichbedeutend mit Tod. Die Seelen werden aus diesem Zeitraum, der ihnen die Herrschaft über die äußere physische Natur gegeben hat, am wenigsten Früchte ziehen.
[ 6 ] Und nun kommen wir zum fünften Zeitraum, wo das JahveChristus-Prinzip den Seelen leuchtet auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da werden die Seelen immer lebendiger. Was geschieht in diesem fünften Zeitraum? Der Astralleib wird immer lichtvoller und heller durch das, was die Seele aufnimmt vom Christus-Impuls. Wir stellen uns vor, hellseherisch angesehen, den vom Ich durchstrahlten Astralleib; der erscheint dem Apokalyptiker nach dem Kriege aller gegen alle als weißes Kleid. So wird in dem fünften Zeitraum nach diesem Kriege die Seele durchdrungen erscheinen mit der Aura, die schon vom Christus-Licht durchleuchtet ist... [Lücke]
[ 7 ] Diejenigen aber, die schon in den ersten Zeiten des Christentums das Christus-Prinzip aufgenommen haben, haben schwer zu leiden gehabt in bezug auf äußerlich physisches Märtyrertum. Aber es spitzen sich die Dinge sehr zu in diesem fünften Zeitraum. Durch die rosenkreuzerische theosophische Geistesströmung wird der Christus-Impuls im immer selbstloseren Selbst und mit lebendigem Verständnis aufgenommen werden, und ihre Anhänger werden sich entwickeln zu immer höherem spirituellen Leben.
[ 8 ] Aber eine andere Strömung arbeitet als scharf oppositionelle Strömung auf eine gewisse Pflege des Ichs hin, um dieses Ich immer tiefer in den Materialismus hineinzutreiben, so daß der Materialismus schließlich den Sieg über die Persönlichkeit erringt. Alles äußere praktische Leben löst sich los vom Individuellen, vermaterialisiert sich, zum Beispiel durch die Maßnahmen des mehr und mehr von der Persönlichkeit sich loslösenden Aktiengesellschaftskapitals. Immer mehr wird der Mensch in seiner persönlichen Tüchtigkeit überwunden werden. Die Aktie ist der Weg zur Materialisierung dieses Zweiges der praktischen Menschheitsbeteiligung.
[ 9 ] So sehen wir den Materialismus immer mehr überhandnehmen; immer mehr wird die Tendenz dahin gehen, daß die Spiritualisierung der menschlichen Persönlichkeit den Gegensatz bilden muß zum immer mehr überhandnehmenden Materialismus. Das, was da scharf oppositionell ist, wird am Ende unseres Zeitraumes als äußerlich überwundene Menschheit erscheinen. Und die Menschen, die erwürgt wurden um des Wortes willen, werden viel zu leiden haben; aber sie werden eben die wichtigsten Kulturträger sein über den Krieg aller gegen alle hinüber.
[ 10 ] Und ein sechster Zeitraum bricht an mit der Gemeinde von Philadelphia. Außer diesen spirituellen Menschen ist die übrige Menschheit ganz eingesponnen in das soziale Leben, untergegangen in dem immer mehr sich verstärkenden Materialismus. Aber diese Menschen werden in hohem Grade die Naturkräfte beherrschen, wie wir das schon jetzt in der drahtlosen Telegraphie und der Luftschiffahrt sehen. Es ist nicht gleichgültig, ob der Luftraum angefüllt wird mit spirituellen Gedanken oder mit den Gedanken materieller Bedürfnisse. Das wird unseren ganzen Erdball erfassen. Da sehen wir hinein in einen Zeitraum, wo der Mensch in hohem Maße in den Luft- und Lichtraum eingreifen wird.
[ 11 ] Was werden die Früchte dieses Zeitraumes sein? In der wahren Gestalt erscheint es für einen gewissen Zeitraum so, daß diese elektrischen Wellen zurückwirken werden auf die Erdenkräfte, und je nach dem Guten und Schlechten werden Erdbeben, Erderschütterungen auftreten als Wirkung der Menschheitstaten. «Und ich sahe, da es das sechste Siegel öffnete, da geschah ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Trauersack.» (Apk. 6, 12) Indem der Mensch seine Empfindungen der Luft mitteilt, ändert er die ganze Natur, und es tritt etwas auf wie ein Meteorregen. So entfesselt der Mensch die Kräfte der Natur, aber nicht ungestraft trifft er seine Verrichtungen.
[ 12 ] Indem wir dieses sehen, erscheint es uns zugleich, daß der Mensch innerhalb dieser entfesselten Naturkräfte seinen Untergang findet. Die aber, die sich mit dem Geist verbinden, die erscheinen als die versiegelten Menschen. Solche Menschen müssen das, was als Geisteslehre an die Menschheit herandringen kann, in sich aufnehmen.
[ 13 ] Das, was die Menschen als Geistiges in sich aufnehmen, wird in Zukunft ihr geistig-seelisches Herzblut sein; es wird das Licht sein, das als Geist aus ihnen strahlen wird. Auf der atlantischen und der nachatlantischen Kultur steht der Mensch fest wie auf zwei Füßen, auf dem Wasser und auf der Erde. Aber er muß die Weisheit in sich aufnehmen, wie ein Buch, das man verschlingt. Diese Figur weist hinauf in die geistige Welt, sie gibt dem Apokalyptiker das Buch; das soll er verschlingen, das soll für die niedere menschliche Natur unverdaulich sein, aber für die höhere süß wie Honig, indem man das Buch nicht liest, sondern es verschlingt. Der Mensch, der, mit heutigem, modernem logischen Denken und durch okkulte Schulung hellseherisch geworden, nacherleben kann, was der Apokalyptiker aufgezeichnet hat, der sieht die Visionen des Apokalyptikers in den rosenkreuzerischen Siegeln. Das Siegel mit den beiden Säulen, das stellt das zehnte Kapitel der Apokalypse dar.
