Aus der Bilderschrift der Apokalypse des Johannes
GA 104a
21 Mai 1909, München
Zwölfter Vortrag
[ 1 ] Wir können nicht alles besprechen, was in Anknüpfung an die Apokalypse zu sagen ist, denn sonst müßten wir jahrelang darüber sprechen. Es kann sich deshalb in diesen Vorträgen nur darum handeln, eine Art von Skizze zu geben und einige Erklärungen, die helfen können, dieses gewaltige Werk zu verstehen. Heute wollen wir noch auf einige besonders wichtige Dinge hinweisen. Zunächst müssen wir da auf eine Einzelfrage der menschlichen Entwickelung zurückgehen.
[ 2 ] Zwischen der atlantischen Katastrophe und dem großen Kriege aller gegen alle hat jeder Zeitraum seine ganz besondere Aufgabe für unsere Entwickelung. Niemals hat ein Mensch in einer neuen Inkarnation dieselbe Aufgabe wie in der vorherigen. Von Inkarnation zu Inkarnation treten neue Aufgaben an ihn heran und so hat diese nachatlantische Entwickelungszeit in besonderer Weise an den Menschen gearbeitet. Die Erdenzeit ist dazu da, den Menschen geeignet zu machen, das Menschen-Ich besonders zu entwickeln. Im letzten Drittel der atlantischen Zeit hat der Mensch die erste Anlage dazu empfangen, sein Ich, das im ersten Keime war, heranzuziehen an den physischen Kopf. Aber der bedeutendste Impuls wurde ausgeübt auf das Ich durch das Ereignis von Golgatha. Alle vorhergehenden Epochen wirkten aber schon im voraus darauf hin. Wenn wir zurückschauen auf das letzte Drittel der atlantischen Entwickelung, so sehen wir, wie damals ein gewisser Punkt im Ätherkopf und im physischen Kopf sich nicht deckten, während heute der Ätherleib des Kopfes ‚ungefähr gleich ist dem physischen Kopfe. Dadurch kam der Mensch nach und nach dazu, sein Ich zu entwickeln. Der ganze Rest der atlantischen Entwickelung wurde dazu verwendet, den Menschen geeignet zu machen, ein richtiger Ich-Träger zu werden. Selbst in der letzten Zeit der atlantischen Kultur war das Gehirn noch ganz weich, ungefähr so, wie heute der Wasserkopf noch als atavistisches Erbteil zu finden ist. Nur durch das Hereinrücken des Ätherkopfes konnte das physische Gehirn fest genug werden. Als nun im alten indischen Zeitraum der Ätherkopf vollkommen im physischen Kopf drin war, konnte dieser Kopf doch noch nicht ein vollkommener Ich-Träger sein. Deshalb sehnte sich der alte Inder nach der geistigen Welt und mußte dazu erzogen werden, daß sich das Ich nach und nach in ihm entwickeln konnte.
[ 3 ] Der Mensch besteht zunächst aus den vier Wesensgliedern: aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich. Wollen wir aber genauer eingehen auf die nachatlantische Entwickelung, müssen wir die neungliedrige Wesenheit des Menschen in Betracht ziehen. Das ist der Unterschied zwischen orientalischer und nordischer Mysterienlehre. Das Ich arbeitet nun, um den Astralleib zu Manas oder Geistselbst, den Ätherleib zu Budhi oder Lebensgeist und den physischen Leib zu Atma - durch den Atem - umzugestalten. Das Ich bildet also den Astralleib, den Ätherleib und den physischen Leib um. Aber ehe das bewußt vor sich gehen kann, muß es durch höhere Wesenheiten geschehen.
[ 4 ] Heute geschieht ein bewußtes Hineinarbeiten nur in den Mysterienschulen, in den Einweihungsschulen. Es ist zum Beispiel im letzten Drittel der atlantischen Zeit nur in unbewußter Weise der physische Leib soweit umgestaltet worden, daß er ein Ich-Träger werden konnte. Das, was nun in dem Astralleib umgewandelt worden ist, nennt man Empfindungsseele, der so umgewandelte Ätherleib ist die Verstandesseele und der so unbewußt umgearbeitete physische Leib ist die Bewußtseinsseele. Und erst dann, wenn der Mensch die Bewußtseinsseele entwickelt hat, kann nach und nach, unbewußt anfangs, das Geistselbst in ihn hineingearbeitet werden.
[ 5 ] Nach und nach wird nun in den Kulturepochen unserer Erdenentwickelung das ausgebildet, daß sich Manas hineinschiebt in den Astralleib. Die Bewußtseinsseele muß, nachdem sie vorbereitet worden ist im letzten Drittel der atlantischen Zeit, in den nächsten Kulturepochen wieder umgebildet werden durch das Jahve-ChristusPrinzip.
[ 6 ] In der altindischen Zeit wird der Ätherleib durchzogen von dem nun in den Menschen eingezogenen Ich, in der persischen wird der Astralleib vom Ich durchzogen, in der ägyptischen die Empfindungsseele, in der griechisch-lateinischen die Verstandesseele, in unserer Kultur die Bewußtseinsseele, in der Zeit «Philadelphia» das Geistselbst oder Manas. Dann werden die Menschen, die sich durch die theosophisch-spirituellen Lehren fähig gemacht haben, den Christus zu erkennen, imstande sein, ihn in einer neuen Daseinsform, in seinem feinen Ätherleibe zu sehen, denn er wird wiederkommen.
[ 7 ] Durch Weisheit, durch Theosophie wird das Ich so erzogen, daß es Manas oder Geistselbst empfängt und den Christus wiederzuerkennen imstande sein wird. Nicht um für die Theosophie zu agitieren wurden die theosophischen Lehren der Menschheit gegeben, sondern weil sie notwendig waren.
[ 8 ] In dem Zeitraum, der repräsentiert wird durch die sieben Siegel, wird nun eintreten durch den zunehmenden Materialismus so etwas wie ein Meteorregen und die anderen Menschen werden aufsteigen in einem geistigen Zustande. Das, was sich die spiritualisierten Menschen in unserer nachatlantischen Kultur erarbeitet haben, das wird sich innig in ihrem Innern durchdringen. Wenn im Zeitraum des sechsten Siegels alles, was der Mensch hat an Empfindungs-, Verstandes- und Bewußtseinsseele, in die anderen Glieder hineingearbeitet sein wird, dann wird der Mensch die Fähigkeit erlangt haben, im Äußeren einen Abdruck zu schaffen des Innern in seinen Gesten, seinen Zügen, seinem ganzen Leben. Dadurch, daß er gearbeitet hat an seiner Entwickelung, wird er im vierten, fünften, sechsten Zeitraum in der Epoche der Siegel gerade dazu fähig sein, durch die Durchdringung mit diesen drei Seelenkräften — der Empfindungs-, Verstandes- und Bewußtseinsseele —- an sich zu arbeiten, um Manas aufnehmen zu können.
[ 9 ] Wenn der Mensch einen Zyklus wirklich durchgemacht hat, so daß nichts mehr übriggeblieben ist, so bezeichnet man das im Okkultismus mit 0 oder Null. Da werden also die Menschen die 3 mit der 4 durchdrungen haben. Für den nächsten Zeitraum ist diese Durchdringung der 3 mit der 4 ausgedrückt dadurch, daß man die 3 mit der 4 multipliziert; sie sind durch 3 Zyklen hindurchgegangen, das heißt durch 3 Nullen. Man drückt dieses so aus: 12 mit drei Nullen: 12 000. «Und ich sah einen anderen Engel aufsteigen von Sonnenaufgang mit einem Siegel des lebendigen Gottes, der rief mit lauter Stimme den vier Engeln, denen gegeben war zu schädigen die Erde und das Meer und sprach: schädiget die Erde nicht, noch das Meer, noch die Bäume, bis wir die Knechte Gottes versiegelt haben auf der Stirne. Und ich hörte die Zahl der Versiegelten, nämlich hundert vier und vierzig Tausend Versiegelte aus allen Stämmen der Söhne Israel: aus dem Stamm Juda zwölftausend versiegelt, aus dem Stamm Ruben zwölftausend...» (Apk. 7, 2-5) Nun werden die verschiedenen Gruppen der Menschen, die es zur Reife gebracht haben, vereint in der Gemeinde der Philadelphia zur Reife in der Bruderschaft, weil die eine Seele mitfühlt mit der anderen. Alle die, welche aus den verschiedenen Gruppen sich herausgegliedert haben, darf man nun miteinander multiplizieren, weil sie so ineinander leben werden, daß sie sich nicht stören, daß Seele in Seele sich hineinarbeitet: 12 mal 12000, das ergibt die Zahl 144 000.
[ 10 ] Das sind die, welche die menschliche Gesellschaft bilden werden im Zeitraum des sechsten Siegels. Der Apokalyptiker kennt die Geheimnisse der ganzen Entwickelung und er erzählt sie in einer allgemein so wenig verständlichen Sprache, weil die Menschen gerade durch die Kräfteaufwendung, um in die Rätsel einzudringen, imstande sein werden, die Bewußtseinsseele zu entwickeln.
[ 11 ] Das, was heute als Theosophie vorgetragen wird, das paßt für die heutige Epoche. In späteren Zeiten wird eine ganz andere Form der Weisheit vorgetragen werden. Die Seelen, die sich heute durch Aufnahme der Theosophie vorbereiten, werden im nächsten Zeitalter neue Weisheitsformen aufnehmen. Was heute exoterische Kultur ist, das war in alten Zeiten Mysterienweisheit.
[ 12 ] In allen alten Mysterien nun gab es eine letzte Stufe, bei der der Schüler das Mysterium von Golgatha erlebte. So gab man dem Sarg, in dem der Schüler die Kreuzigung, die Grablegung und aus dem er die Auferstehung erlebte, die Kreuzesform. Seit dem Mysterium von Golgatha ist diese Tatsache exoterisch geworden.
[ 13 ] Der konservative Sinn wehrt sich immer dagegen, daß das Esoterische exoterisch gemacht wird. So wurde der Christus betrachtet als jemand, der das Esoterische hinaustrug. Aber es muß} immer, wenn die Zeit dazu da ist, das Esoterische hinausgetragen werden. Hätten wir folgen können dem Apokalyptiker dahin, wo er zu seinen Schülern gesprochen hat, so hätten wir das alle hören können, was heute zu uns gesprochen wird.
[ 14 ] In dem Zeitraum, da das sechste Siegel erbrochen wird, werden die Zwölfer-Menschen erscheinen, und ebenso wird in dem sechsten Zustand die Errettung der «großen Hure Babylon» stattfinden. In diesem sechsten Zustand wird die Erde wiederholt haben die Saturn-, Sonnen- und Mond-Erde, dazu den eigentlichen Erdenzustand, die Jupiter-Erde und wird endlich auf der Venus-Erde die fünf Runden hinter sich haben. Dann ist der sechste Zustand gekommen; doch noch ist der Vulkan-Zustand für die Auserwählten nicht da. Deshalb heißt es: «Die fünf sind gefallen» — und das, was sich als Rest erhalten hat: — «der eine ist» — und der siebente: — «der andere ist noch nicht gekommen.» (Apk. 17, 10) So sehen wir, wie wir die Theosophie in den Angaben des Apokalyptikers wiederfinden.
[ 15 ] Aber die, welche sich in der Zeit der Venus-Erde als unreif erwiesen haben, die sich unter die Herrschaft des Sorat gestellt haben, müssen sich jetzt absondern auf einer besonderen Erdkugel, während die sieben anderen abwärts und wieder aufwärts gehen. So fällt die Kolonie des Sorat heraus. Die schwarzen Magier bewohnen diese achte Sphäre, die links geht, und das Tier beherbergt alles, was herausfällt: das ist der achte Zustand. So könnten wir alle theosophischen Lehren in der Apokalypse finden.
[ 16 ] Je mehr die Menschen vorschreiten, desto mehr Kraft ist dazu notwendig, die Zurückgebliebenen zu spiritualisieren. Daher werden die, welche die Tiefsteingeweihten sind, Moses und Elias, aufgerufen, denn da sind starke Kräfte nötig. Sie waren schon tief eingeweiht; daher können sie in jener fernen Zukunft so hoch stehen, daß sie in besonderer Weise wirken können. Aber Karma ist ein Gesetz, dem alle unterworfen sind; daher müssen die, welche vor dem Ereignis von Golgatha eingeweiht wurden, folgendes nachholen:
[ 17 ] Die dreieinhalb Tage, in denen der alte Eingeweihte eingeweiht worden ist, sind herausgefallen aus seiner Entwickelung. Der Eingeweihte mußte ja seinen Leib verlassen in diesen dreieinhalb Tagen. So konnte das Ich in diesen Tagen nicht arbeiten an der Umwandlung seines physischen Leibes, seines Ätherleibes und seines Astralleibes. Deshalb müssen sie durch dreieinhalb Tage in Zukunft ihren physischen Leib der Außenwelt überlassen. So lesen wir: «Und... werden ihre Leichen sehen drei und einen halben Tag.» (Apk. 11, 9) Selbst die Taten, die der Menschheit als Opfer gebracht wurden, müssen ihren kosmischen Ausgleich finden.
[ 18 ] So haben die geistigen Seher durch die Jahrtausende hinüber zu den geistigen Sehern gesprochen und wir finden alles bis auf die Namen in der Apokalypse wieder. Wie Paulus sagt: «Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern der Christus in mir» (vgl. Gal. 2, 20), das finden wir auch dort wieder. In das Ich leuchtet der Christus hinein. So wird das Ich von dem Christus durchdrungen werden; derjenige, der mit seinem Namen das Ich befruchten kann, das ist der Christus: «...und ein Name ist geschrieben, welchen niemand kennt, außer er selbst.» (Apk. 19, 12)
[ 19 ] Auch daß die Erde vergeistigt werden wird in dem neuen Jerusalem, das wird uns gesagt. Dann ist keine äußere Sonne mehr da; die entsprechenden geistigen Wesen sind es, die Licht verbreiten. Dort heißt es: «... und die Stadt bedarf nicht Sonne noch Mond, daß sie ihr scheinen.» (Apk. 21, 23)
[ 20 ] Immer zeigt der Apokalyptiker im Bilde die Menschheitsentwickelung; er sieht den Führer, der zuerst als Vishva Karman, dann als Ahura Mazdao verkündet ward, und er weist auf Ihn, auf Christus hin.
[ 21 ] Um das zu beleuchten, was in der Apokalypse steht, müssen wir noch auf die Verwandlung der Organe hinweisen, die sich im Menschen entwickeln, um andere Gestaltung anzunehmen; sie haben jetzt sozusagen die Anlage, sich umzugestalten.
[ 22 ] Der Herzmuskel unterscheidet sich dadurch von den anderen Muskeln, die in des Menschen Willkür stehen, daß das Herz ein unwillkürlicher Muskel und doch quergestreift ist wie alle willkürlichen Muskeln. Das Herz ist auf dem Wege, ein ganz anders funktionierendes Organ zu werden; das können wir daran schon angedeutet finden.
[ 23 ] Immer mächtiger wird das, was aus dem Stimmorgan dringt; das, was wir reden, um unsere Gedanken auszudrücken, das gestaltet die Luft so um, das formt sie schon jetzt so, wie wir denken. Aber immer mächtiger wird das Wort werden. Durch das Wort, das aus der Kehle dringt, wird der Mensch einst seinesgleichen erschaffen. Jene Wesenheit, die das Alpha und das Omega ist, wird angedeutet durch den, der das Schwert im Munde führt.
[ 24 ] Das Lamm, das Herr sein wird über das Niedere, bildet eines der Siegel. Wie hinausgestoßen wird Sorat in die achte Sphäre durch das Weib, das uns ein anderes Rosenkreuzersiegel zeigt; das kann der Seher auch heute sehen in der geistigen Welt. So wirken diese Rosenkreuzersiegel erweckend, wenn man sich verständnisvoll in sie versenkt.
[ 25 ] Wir aber haben gesehen, wie man die religiösen Urkunden wörtlich nehmen muß. Die Theosophie ist der einzig mögliche Kommentar für die Apokalypse und sie soll ja vorbereiten die Gemeinde von Philadelphia; es liegt also im Plan der Erdenentwickelung, daß es eine Theosophie gibt.
[ 26 ] So wirken an den verschiedenen Punkten unserer Erde große Individualitäten, um den Menschen, die sie aufzunehmen imstande sind, die Theosophie zu geben.
