Welt, Erde und Mensch
GA 105
7 August 1908, Stuttgart
Vierter Vortrag
[ 1 ] Wir haben gestern von all den verschiedenen geistigen Wesenheiten gesprochen, welche wie eine Art Ergänzung zu dem gehören, was uns in der physischen Welt umgibt. Wir haben gesehen, wie auch die Steine, die Pflanzen ihr Ich haben, ihren Astralleib, und unser geistiger Blick hat sich erweitert über eine Fülle von Realitäten außer denen, die das physische Auge sieht, und die man mit dem physischen Verstande begreifen kann. Wir haben ferner gesehen, wie höhere Wesen sozusagen tätig sind in dem, was der Mensch innerhalb unserer Erdenentwickelung vollbringt; schon in bezug auf den einzelnen Menschen sahen wir, daß eine höhere Wesensgattung einzugreifen hat. Wir betrachten im Sinne der Geisteswissenschaft den einzelnen Menschen ja zunächst als vollständigen Herrn seiner inneren Welt und der Welt seiner Taten, seines Willens, zwischen seiner physischen Geburt und seinem Tode. Wir wissen aber, daß die eigentliche innere Wesenheit des Menschen viele Inkarnationen durchgemacht hat, und daß der Mensch in seiner gegenwärtigen normalen Entwickelung noch nicht fähig ist, hinauszuwirken über die eine Inkarnation, daß da vielmehr höhere Wesenheiten eingreifen müssen, um diejenigen Richtungskräfte zu geben, welche nicht nur zwischen Geburt und Tod wirken, sondern über den Tod hinaus, von Inkarnation zu Inkarnation. Wir haben gesehen, daß diese geistigen Wesenheiten in der christlichen Esoterik Engel oder Angeloi genannt werden, und daß man sie im theosophischen Sprachgebrauch auch die Geister des Zwielichts oder der Dämmerung nennt; man kann sie auch im Sinne der rosenkreuzerischen Geisteswissenschaft die Söhne des Lebens nennen, alle diese Bezeichnungen werden uns im Laufe der Zeit immer klarer werden. Dann haben wir betrachtet, wie die Menschengemeinschaften, wie die Rassen und Völker von einer Art von Geistern dirigiert werden, die wir Erzengel oder Feuergeister nennen; und endlich sahen wir, wie dasjenige, was über die engeren Volksgemeinschaften hinübergreift, was als Zeitgeist zum Ausdruck kommt, dirigiert wird von den Urkräften, die man auch Archai oder Geister der Persönlichkeit nennt oder Asuras in der theosophischen Ausdrucksweise. So wirken überall da, wo wir sind, geistige Wesenheiten in unsere Welt herein, und wir sehen die Reiche, die uns zunächst umgeben, damit um drei vermehrt. Wir wollen uns nun auch eine Vorstellung davon machen, wie es denn mit der mehr äußerlichen Manifestation dieser Wesen aussieht.
[ 2 ] Wenn wir sie vom gewöhnlichen physisch-materiellen Standpunkt unserer Erde betrachten, dann sehen wir sie zusammengesetzt aus dem, was wir Erde, Wasser, Luft und Feuer nennen. Das sind, wie wir schon gehört haben, zunächst vier Zustände der äußeren Materie. Das, was wir gewöhnlich in der Geisteswissenschaft Erde nennen, bezeichnet man heute als Festes; alles, was fest ist, ist in der Geisteswissenschaft einfach mit dem Namen Erde belegt. Alles, was flüssig ist, nicht nur Wasser, sondern auch Quecksilber und so weiter, bezeichnen wir als Wasser; alles Gas- und Luftförmige als Luft; und alles, was von uns mit irgendeinem Grade von Wärme empfunden wird, wird so gedacht, daß es durchdrungen ist von etwas, was wir substantielle Wärme nennen, die nicht für uns eine äußere Eigenschaft ist, sondern die von den eben genannten Formzuständen eine Fortsetzung darstellt und die gleichberechtigt zu solcher Benennung ist. So haben wir das, was uns materiell umgibt, zuerst einmal vor unser Auge hingestellt.
[ 3 ] Nun leben aber in diesen verschiedenen materiellen Elementen als in ihrer äußerlichen Leiblichkeit die verschiedenen Wesenheiten, von denen wir gesprochen haben. Für denjenigen, der mit hellseherischem Blick die Welt betrachtet, ist deshalb das, was man als flüssiges Element kennt, besonders das Wasser, nicht etwa nur von den Wesenheiten belebt und durchsetzt, die wir als Wasserwesen, Fische und so weiter kennen; sondern ein solcher weiß, daß trotz der sozusagen verfließenden Gestalt des Flüssigen, trotzdem keine feste Form in diesem wäßrigen Element festgehalten wird, daß trotzdem geistige Wesenheiten darin wohnen. Und zwar wohnen sie darin richtig verkörpert in dem wäßrigen Element, in verfließender, fortwährend sich verändernder Gestalt, die man deshalb auch mit dem äußeren Auge nicht unterscheiden kann. Da leben sie, diese Wesenheiten, die wir als Engel, als Geister des Zwielichts bezeichnet haben. Sie haben wirklich ihren physischen Leib so, daß er nicht eine festumrissene Körperlichkeit darstellt; und wenn die alten Mythen und Sagen von solchen Wasserwesen erzählen, so ist das keine Phantasie, sondern entspricht einer Tatsächlichkeit. Weiter leben in dem, was wir als das Luftelement kennen und vorzugsweise in unserer Luft diejenigen Wesenheiten, die wir die Erzengel nennen. Und es ist durchaus nicht ein Märchen oder eine bloße Sage, wenn wir in der dahinströmenden Luft, in dem dahinbrausenden Sturme die leibliche Offenbarung dieser geistigen Reiche sehen. Wenn vorhin gesagt wurde, daß die Engelwesen in dem Wasser leben, so ist es vorzugsweise jenes Wasser, das unsere Luft wie ein Wasserdampf durchdringt, das flüchtig ist, in einzelne Atome zerstiebend, in welchem der hellseherische Blick die Verleiblichung dessen wahrnimmt, was wir als die Erzengel bezeichnen. Und in dem, was man als Wärme empfindet, haben wir die Verleiblichung derjenigen Wesenheiten, die wir als die Geister der Persönlichkeit, als die Urkräfte kennen. Daher werden Sie auch verstehen, daß der Mensch zusammengefügt ist aus diesen vier Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer, und zwar so, daß in dem Menschen nicht nur die vier Elemente gemischt sind, sondern durchaus untereinander gemischt diejenigen Wesenheiten, welche wir eben genannt haben; sie füllen seinen Leib gewissermaßen ebenso aus wie das Materielle, sie ziehen in den physischen Leib des Menschen ein und aus,
[ 4 ] Nun ist aber die Reihe der Wesenheiten, die mit dem Menschen zu tun haben, damit nicht erschöpft. Wir haben noch höhere Wesenheiten, die mit Erde, Welt und Menschen zu tun haben, Wesenheiten, die auf noch höherer Stufe stehen als die Geister der Persönlichkeit, die Urbeginne. Da haben wir zum Beispiel jene Wesenheiten, die uns im Lichte entgegenstrahlen; und das Licht ist für uns wieder ein feinerer Zustand als die Wärme. Überall, wo etwas aufleuchtet, da haben wir in dem Lichte das Kleid von hohen Wesenheiten, die in der christlichen Esoterik als Gewalten, als Exusiai bezeichnet werden. Man nennt sie auch die Geister der Form, denn es sind diejenigen Wesen, welche für alles, was um uns herum ist, die Form geben. Wo immer Sie etwas in einer bestimmten, abgegrenzten Form sehen, da sind es diese Geister, welche tätig sind. Wir haben gesehen, daß dasjenige, was in unserer Erdentwickelung als die verschiedenen Zeitgeister tätig ist, von den Geistern der Persönlichkeit beherrscht wird; die Geister der Form haben nun eine noch höhere Aufgabe. Wir werden uns das am besten verständlich machen, wenn wir bedenken, daß vom Beginn der eigentlichen Menschheitsentwickelung an, das heißt seit jenem Zeitpunkt, wo der Mensch seine erste Inkarnation durchgemacht hat, der Zeitgeist sich immer verändert hat, daß aus der Schar der Geister der Persönlichkeit heraus immer andere Dirigenten gekommen sind. Aber übergreifend über alles das, was durch den Zeitgeist bewirkt wird, ist etwas, was durch die ganze Erdenmenschheit hindurchgeht. Als der Mensch auf der Erde seine menschliche Erdenmission begann, haben geistige Wesenheiten in diese Erdenmenschheit eingegriffen, und ihnen verdanken wir es, daß wir als Erdenmenschheit tätig sein können. Und was auch als Geister der Persönlichkeit im Zeitgeiste, als Erzengel in den einzelnen Gemeinschaften oder als Engel in bezug auf die einzelnen Menschen aufgetreten ist: jene Geister, die wir die Geister der Form genannt haben, dirigieren seit dem Beginn der Erdenmission gleichsam in einem höheren Reiche, und lenken und leiten im Großen alles, was diese geistigen Wesenheiten tun. Diese Gewalten, sie hatten die Aufgabe, in der Erdenmission als Ganzes zu wirken, sie hatten eine planetarische Aufgabe. Wir sehen also: wenn wir über den Zeitgeist hinausschreiten zu dem Geiste der ganzen Menschheit, dann haben wir diese Gewalten, diese Geister der Form.
[ 5 ] Nun wissen Sie ja, daß unsere Erde als Planet ebenso wie der Mensch dem Gesetze der Wiederverkörperung untersteht. Unsere Erde war früher das, was wir den alten Mond nennen. Da war das, was wir heute die Erdenmission nennen, noch nicht in der Weise wie auf der Erde vorhanden. Der Mond hatte eine andere Mission, jeder Planetenzustand hat seine eigene Mission im Weltenzusammenhange zu leisten; nichts wiederholt sich in gleicher Weise, alles unterliegt der Evolution, der Entwickelung. Damals, während jener Verkörperung der Erde, die wir den alten Mond nennen, hatten eine ähnliche Aufgabe, wie sie hier auf der Erde die Geister der Form haben, jene Wesenheiten, die wir im Sinne der christlichen Esoterik als die Mächte, Dynameis oder auch als die Geister der Bewegung bezeichnen. Gehen wir noch weiter in der Entwickelung zurück, so kommen wir zu demjenigen planetarischen Zustande unserer Erde, der dem alten Mondzustande voranging, wir kommen dann zu dem uralten Sonnenzustand, der, wie Sie ja wissen, nichts mit dem zu tun hat, was wir heute als Sonne am Himmel sehen. Auf dieser alten Sonne herrschten, wie auf der Erde die Geister der Form, wie auf dem Monde die Geister der Bewegung, auch hohe Wesenheiten, diejenigen, welche in der christlichen Esoterik als Kyriotetes bezeichnet werden oder auch als Herrschaften, Herrlichkeiten, auch Geister der Weisheit. Das sind also diejenigen Geister, die sozusagen die Aufsicht während des Sonnenzustandes hatten. - Und nun kommen wir zu dem letzten Planetenzustand, zu dem alten Saturn. Die Wesenheiten, die hier in ähnlicher Weise die Leitung führten, nennen wir die Throne, die Geister des Willens. So sind wir zu immer höheren Stufen geistiger Wesenheiten hinaufgeschritten bis zu Wesenheiten, welche nicht bloß die Dirigenten sind von so etwas, was sich wie der Zeitgeist verändert, sondern von dem, was mit der Mission planetarischer Zustände zu tun hat, was erst von Planet zu Planet wechselt.
[ 6 ] Die Throne, die Geister der Weisheit, die Geister der Bewegung und die Geister der Form, sie alle sind fortwährend noch in irgendeiner Verbindung mit uns, wenn auch nicht in einer so nahen, unmittelbar wahrnehmbaren Verbindung wie die anderen, niedrigeren geistigen Wesenheiten. An einem Beispiel wollen wir uns einmal klarmachen, wie solche Wesenheiten in unsere Erdentwickelung hineinwirken. Dazu ist es aber notwendig, daß wir vorher die Entwickelung derjenigen Wesen betrachten, die wir als die Engel, die Erzengel und die Geister der Persönlichkeit kennen. Diese Wesenheiten sind alle höher als der heutige Mensch. Aber unser gegenwärtiger Mensch wird auch einstmals höhere Stufen in seiner Entwickelung erreichen. Schon in der nächsten Verkörperung unserer Erde, im Jupiterzustande, wird der Mensch so hoch stehen wie heute die Engel; ein fortwährendes Aufsteigen zu immer höheren Stufen der Vollkommenheit macht der Mensch durch. Aber so war auch die Entwickelung der anderen Wesenheiten; sie waren nicht immer das, was sie jetzt sind, auch sie haben niedrigere Stufen der Entwickelung durchgemacht. Nehmen wir zum Beispiel die Engelwesenheiten. Auch sie haben in früheren Zeiten ihre Menschheitsstufe durchgemacht, wie wir es jetzt auf unserer Erde tun; das war auf dem alten Monde, und dadurch, daß sie damals an sich gearbeitet haben, wurden sie jene höheren Wesenheiten, die sie heute sind. Und ebenso haben die Erzengel oder Feuergeister ihre Menschheitsstufe auf der alten Sonne durchgemacht; damals waren sie Wesen wie wir, heute stehen sie zwei Stufen höher. Und die Geister der Persönlichkeit haben ihre Menschheitsstufe auf dem alten Saturn gehabt. Sie waren eine Stufe höher als diejenigen Wesen, die ihre Menschheit auf der alten Sonne durchmachten, und sind heute um drei Stufen höher als der Mensch auf unserer Erde.
[ 7 ] Diejenigen Wesenheiten aber, die wir als die Geister der Form oder Gewalten bezeichnen, zu denen wir als zu hoch, hoch erhabenen Wesen aufblicken, sie haben in einer nicht zu denkenden Vergangenheit ihre Menschheitsstufe durchgemacht; und als die erste Verkörperung unserer Erde begann, als die Erde Saturn war, da hatten sie schon ihre Menschheitsentwickelung hinter sich. Daran können wir ermessen, welch hohe Gefühle in uns leben müssen, wenn wir zu diesen geistigen Wesenheiten emporschauen. Aber auch sie unterstehen dem Gesetze der Entwickelung, und wenn sie auch schon auf dem Saturn höhere Wesenheiten waren als der heutige Mensch, so haben sie doch durch die Sonne und den Mond hindurch bis in unsere Erde hinein immer höhere und höhere Stufen durchgemacht. Und so sind sie endlich zu einem Grade von Erhabenheit gelangt, daß sie ein so großes Wirkungsfeld haben können, daß sie nicht mehr einen Planeten brauchen, um darin die Substanzen zu finden, durch die sie da sein können. Denn die anderen Wesenheiten brauchen in gewisser Beziehung unsere Erde; die Engel brauchen das Wasser, die Erzengel die Luft und die Geister der Persönlichkeit das Feuer; aber die Geister der Form brauchen nicht mehr unseren planetarischen Zustand; sie hatten daher einen anderen Wohnplatz nötig, als unsere Erde ihre Entwickelung begann, und das war der Grund, warum sie sich von unserer Erde trennten.
[ 8 ] Ich habe Ihnen gesagt, daß es einen Zeitpunkt gab, wo unsere Erde mit der Sonne einen Leib bildete. Damals waren auch noch diejenigen Wesen mit unserer Erde vereint, die wir die Geister der Form nennen. Aber ihre Entwickelung war zu weit schon vorgeschritten, sie brauchten eine feinere Substanz, als die Erde sie ihnen hätte bieten können, deshalb zogen sie die feinere Substanz und die feineren Wesenheiten heraus aus der Erde und gingen sozusagen mit der Sonne fort. Das ist der geistige Grund, weshalb Erde und Sonne sich getrennt haben. Es ist nicht bloß ein mechanisches Auseinandersplittern der Materie, sondern Weltenkörper trennen sich, um der Wohnplatz für geistige Wesenheiten zu werden. Die Geister der Form haben die feine Substanz aus der Erde herausgerissen, und der Sonnenball ist entstanden, der nun der Erde von außen her das Licht zusendet. Und in dem Sonnenlichte strömt uns die geistige Wesenheit der Gewalten zu; daher habe ich Ihnen vorhin gesagt, daß das Licht das Kleid dieser Gewalten ist. Wenn wir im Sinne der Geisteswissenschaft emporblicken zur Sonne und das helle Sonnenlicht zu uns herunterstrahlen sehen, dann wird uns dieses Licht das Kleid für die Geister, die ihre leitenden und lenkenden Kräfte herunter zur Erde senden; von der Sonne aus lenken sie die Erdenmission.
[ 9 ] Wenn wir so verstehen lernen, daß solche kosmischen Abspaltungen ihre Ursache in den geistigen Wesenheiten haben, die mit der Materie verbunden sind, dann wird uns noch eine andere Tatsache verständlich, die sonst schwer zu erklären ist. Sie wissen, die Naturforschung weist auf einen Anfangszustand unseres Systems hin, auf eine Art von Urnebel. Zwar ist die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie heute von gewissen Forschern wie Arrhenius etwas modifiziert worden, aber um diese Kleinigkeiten brauchen wir uns hier nicht zu kümmern. Wir nehmen einmal das an, was gewöhnlich angenommen wird: daß sich nämlich aus dem Urnebel die Sonne und die anderen Planeten, die die Sonne umkreisen, herausballten; alles, was heute dicht ist, war also einstmals in diesem Urnebel vorhanden; der ist dann in Rotation gekommen und hat dadurch unsere Sonne und die anderen Planeten abgespalten. Was nun die Geisteswissenschaft dazu zu sagen hat, widerspricht in keiner Weise dem, was hier als Hypothese gelehrt wird. Wenn sozusagen jemand einen Stuhl in den Weltenraum gestellt hätte, um durch Jahrmillionen hindurch zu verfolgen, wie sich diese Differenzierung des Urnebels zu den heutigen Planetengebilden vollzogen hätte: es würde sich wirklich nicht viel anders darstellen, als die wissenschaftliche Hypothese es darstellt. Aber wir wollen einmal sehen, wie das geistige Auge des Hellsehers diesen Urnebel anschaut.
[ 10 ] Auch für ihn ist er ein großer, gewaltiger Ball in ganz feinem Zustande, in dem noch nicht unterschieden ist irgendeine Sonne oder Erde oder Jupiter; aber dieser Urnebel hat sich für ihn nicht, man weiß nicht woher, gebildet, sondern er hat eine Vergangenheit, und diese Vergangenheit liegt auf dem alten Monde: ihn müssen Sie als den Vorgänger unserer Erde betrachten. Diesen alten Mond müssen Sie sich ebenso wie unsere Erde als einen Weltenkörper vorstellen, und zuletzt hat er, wenn wir so sagen dürfen, einen Zustand der Vergeistigung durchgemacht. Was damals schon differenziert war, wurde sozusagen wieder durcheinandergerührt und wieder in einen undifferenzierten Zustand zurückgeführt. Dann ging das alles durch eine Art von kosmischem Schlaf hindurch, und dann tauchte auf aus dem Schoße des Kosmos jener Nebelätherball, der die Wiedergeburt des alten Mondes ist. Er ist für uns nicht bloß eine materielle Masse, sondern in diesem Balle leben alle die geistigen Wesenheiten, in ihm leben in einem besonderen Zustande jene gewaltigen Wesenheiten, die wir als die Geister der Bewegung, der Form und so weiter bezeichnet haben. Der Mensch lebte nur als Keim darin, denn er hatte auf dem Monde noch kein Ich, das erhielt er ja erst auf der Erde; aber all die geistigen Wesenheiten, die schon gewisse Entwickelungsgrade hinter sich hatten, die waren mit diesem Urnebel in inniger Verbindung.
[ 11 ] Was tut denn die materialistische physikalische Hypothese, wenn sie erklären will, wie sich aus dieser Urnebelmasse das Sonnensystem herausgebildet hat? Erinnern Sie sich an ein Experiment, das man häufig in der Schule darstellt, um diesen Entwickelungsgang zu veranschaulichen: Man bringt eine Olkugel in einer gleich schweren Flüssigkeit mittels einer einfachen mechanischen Vorrichtung zum Rotieren. Man kann alsdann beobachten, wie sich diese Kugel abplattet, wie sich von ihr Tropfen losreißen, die sich wiederum zu Kugeln formen und die Hauptkugel umkreisen; und auf diese Weise sieht man im Kleinen eine Art Planetensystem durch das Rotieren entstehen. Das wirkt ungeheuer suggestiv. Warum sollte man sich das nicht in der Welt ebenso vorstellen? Man sieht es hier ja förmlich, wie durch die Rotation ein Planetensystem entsteht, man hat es ja vor sich! Man vergißt dabei nur eines! Manchmal ist es ja recht schön, dies eine zu vergessen, aber in diesem Falle nicht: man vergißt dabei nämlich sich selbst. Wenn man dieses Experiment macht und nicht als Mensch dabeistehen würde und die Kurbel drehen, dann würde das ganze Planetensystem nicht entstehen. Aber so ist es ja überhaupt Usus im materialistischen Denken, daß man immer nur einen Teil dessen nimmt, was man vor sich hat. Dächte man richtig und logisch, dann müßte man sich im Weltenraum einen riesigen Menschen denken, der an einer gewaltigen Kurbel die Achse in Bewegung setzte. Nun ist ein solcher Riese im Weltenraum freilich nicht vorhanden, aber etwas anderes ist da. Der Weltennebel ist ja nicht bloß Materie, er ist durchgeistigt und durchsetzt von jenen Wesenheiten, von denen wir gesprochen haben, die gewisse Bedürfnisse und Sehnsuchten haben, von denen die eine Gattung diese, die andere jene Materie belebt. Und die sind es, die nach einem gewissen Reifungszustande die Spaltung vornehmen, so daß die höheren Wesen sich mit der Sonne hinausbegeben, und dasjenige, was die Erdenstoffe und -kräfte braucht, auf der Erde zurückbleibt. In dieser brodelnden Urmasse sind alle diese geistigen Wesenheiten tätig und gliedern nach und nach heraus, was wir gegenwärtig als unser Planetensystem kennen. So zum Beispiel gab es gewisse Wesenheiten, die nicht das Ziel ganz erreicht hatten, welches die Geister der Form zu erreichen hatten, Wesenheiten, welche in der Entwickelung zurückgeblieben waren. Diese Wesenheiten waren zu weit vorgeschritten, um die Erde als ihren Schauplatz zu haben, aber nicht reif genug, um zu der feineren Substanz der Sonne zu ziehen. Vorzugsweise zwei Klassen solcher Wesenheiten gab es, und wir werden sie in ihrer Wirkung auf die Erde noch kennenlernen. Denn so wie die fertigen und gereiften Gewalten als Geister der Form im Sonnenlichte herunterscheinen auf unsere Erde und sie von der Sonne aus dirigieren, so dirigieren auch diese Zwischenwesen die Erde, aber sozusagen von einem niedrigeren Gesichtskreis aus, der freilich dem menschlichen gegenüber ein erhabener ist. Diese Wesenheiten nahmen sich Stoffe heraus, die für sie paßten, und machten sie zu Weltenkörpern zwischen Sonne und Erde; und so entstand die Venus und der Merkur zwischen Sonne und Erde, bewohnt von Wesenheiten, die auf einer Zwischenstufe stehen. Und so haben auch die anderen Planeten unseres Systems sich abgegliedert dadurch, daß andere Wesenheiten sie zu ihrem Schauplatz brauchten.
[ 12 ] Nun lassen Sie uns noch einmal den Zeitpunkt ins Auge fassen, wo die Sonne eben mit ihren Wesenheiten hinausgeht; da bleibt die Erde zurück mit all den Keimen, die später sich auf ihr entwickelt haben, darunter die Menschen der Gegenwart, die aber damals noch nicht auf der heutigen Menschheitsstufe waren. Auch andere Wesen, aus dem Tier- und Pflanzenreiche, sind vorhanden, die schon in vorherigen Verkörperungen der Erde ihre Entwickelung gefunden haben und die nun keimhaft hervorkommen. Betrachten wir zunächst nur den Menschen!
[ 13 ] Früher, als die Sonne noch mit der Erde vereint war, waren auch jene gewaltigen Kräfte, die von den hohen Sonnenwesen ausgingen, noch mit der Erde verbunden und wirkten auf den Menschen vom Inneren der Erde aus. Der Mensch war aber so, wie er vom Monde herübergekommen war, gleichsam aus seinem Keime aufgegangen und anfangs nur mit dem physischen, dem ätherischen und dem astralischen Leibe begabt. Der physische Leib war noch nicht so dicht wie heute, sondern ätherisch, feiner. Das Ich aber war noch nicht ausgebildet zu jener Zeit. Dadurch nun, daß die Sonne die Erde von außen her beschien und die Sonnenwesen auf die Erde hereinwirkten, veränderten sich für den Menschen die Verhältnisse auf der Erde gänzlich. Sie müssen sich das so vorstellen: Solange die Erde mit der Sonne noch verbunden war, waren jene hohen Wesenheiten, die später mit der Sonne hinausgegangen sind, in ihrer eigenen Entwickelung und daher auch in ihrer Macht und in ihrer Regierungsgewalt durch die groben Kräfte der Erde gehemmt. Jetzt waren sie frei geworden, konnten sich frei bewegen, jetzt konnten sie ein ganz anderes Tempo ihrer Entwickelung anschlagen als früher, wo sie noch das ganze schwere Gewicht der Erdenmasse mittragen mußten. Sie befreiten sich in ihrer eigenen Entwickelung um so mehr von der Erde, als sie dadurch Kräfte und Gewalten bekamen, um von außen bedeutsamer auf den Menschen zu wirken. Die Menschen, die früher unter der Gewalt der Sonnengeister standen, die noch durch das Zusammensein mit der Erde gehemmt waren in ihren Kräften, kamen nun unter die Wirkung der frei und mächtig sich entwickelnden Sonnenwesen, die von außen herein auf die Erde wirkten. Dadurch aber würde sich die Entwickelung in ungeheuerster Weise beschleunigt haben, das Menschenleben wäre in einer ungeheuer raschen Weise zum Ablauf gebracht worden, wenn nicht etwas anderes hinzugetreten wäre. Der Mensch konnte dies Tempo nicht mitmachen, und deshalb ist aus der Gesamtheit der Geister, die früher da waren, einer mit seinen Scharen ausgeschieden: er blieb mit der Erde vereint. Und dieser Geist der Form hatte die Aufgabe, dasjenige, was die Sonnenkräfte mit einer ungeheuren Beschleunigung geleistet hätten, aufzuhalten und zu hemmen, so daß also nicht diese Sonnengeister allein wirkten. Wäre aber dieser Geist mit der Erde verbunden geblieben, hätte er immer in der Erde gewirkt, dann wäre die ganze Erde in einen Erstarrungszustand gekommen, denn seine Macht, sein Einfluß wäre zu stark gewesen. Was geschah deshalb? Er nahm die gröbsten Stoffe und Kräfte und fuhr aus der Erde heraus. Das, was da herausgefahren ist, das ist der heutige Mond. So bleibt also jetzt mit dem Monde verbunden dieser Geist, der die Aufgabe übernommen hatte, die zu schnelle Entwickelung zu hemmen und zurückzuhalten. Die Entwickelung geht weiter. Die Erden- und Mondwesen spalten sich ab. Die Erdenwesen kommen nun vorzugsweise unter den Einfluß von zwei Kräften: die einen kommen von der Sonne her, die anderen vom Monde. Würde der Mensch bloß unter dem Einflusse der Sonnenkräfte stehen, so würde er schon alt sein, kaum daß er geboren wäre; unter dem alleinigen Einfluß des Mondes wäre er erstarrt, verhärtet, mumifiziert. Er kann sich nur entwickeln, indem sich Sonnen- und Mondkräfte die Waage halten. Der Mensch ist auf die Erde gestellt, und von außen wirken auf ihn im geistigen Sinne Wesenheiten und Kräfte, damit er seine gegenwärtige Evolution auf der Erde durchmachen kann. Wir haben gesehen, daß der Mensch von Inkarnation zu Inkarnation durch diejenigen Wesenheiten gelenkt wird, die wir die Engel nennen. Aber diese Engel haben im großen Kosmos keine Selbständigkeit, sie haben höhere Dirigenten, die die Bewohner der Sonne sind. Unter der Einwirkung dieser Sonnengeister allein würde sich alles zusammendrängen in eine Inkarnation; unter der Einwirkung des Mondes allein würde überhaupt nichts zustande kommen. So aber, im Zusammenwirken geht das Feste, das Formende von den Mondenkräften aus; das aber, was die Formen zerstört und das Bleibende über die Inkarnationen hinüberführt, das kommt von der Sonne her. Und so begreifen wir, daß, wenn wir es nur geistig betrachten, alles in der Welt seine Aufgabe hat.
[ 14 ] Und nun wollen wir uns einmal das, was sich da auf der Erde abgespielt hat, ein wenig konkreter vor die Seele stellen. Wir wissen ja: Als der Mensch von dem alten Monde herüberkam, hatte er nur seinen physischen Leib, seinen Atherleib und seinen Astralleib. Der physische Leib war damals, als die Sonne sich loslöste, noch nicht so weit, daß die Sinnesorgane schon einen äußern Gegenstand hätten anschauen können. Sie waren ja seit dem Saturn vorhanden, aber äußere Gegenstände konnten sie nicht wahrnehmen. Es waren diejenigen Organe, die auf dem alten Monde von innen heraus Bilder erzeugten. Das war ungefähr so: Denken Sie sich, ein Mensch hätte sich dem anderen genähert; die äußere Form hätte der Mensch nicht wahrnehmen können. Aber es stieg dann etwas wie ein Traumbild in ihm auf; und wenn dieses Bild gewisse Formen, gewisse Färbung hatte, dann wußte er, daß es ein Feind war, und er konnte fliehen. Es war das ein Bilderbewußtsein, das zu den seelischen Eigenschaften der Umgebung in einer realen Beziehung stand. Das Gegenstandsbewußtsein trat erst nach und nach auf der Erde ein; als die Sonne schon draußen als ein Weltkörper war, konnte der Mensch sie immer noch nicht sehen, nur ein inneres Licht in seinen Bildern nahm er wahr. Er sah allerdings in einer gewissen Beziehung geistig-seelisch die wohltätige Wirkung, die ihm die Geister der Sonne herunterschickten, er spürte das sozusagen, er sah es in aurischen Bildern aufstrahlen; aber das hat mit der heutigen äußeren Anschauung gar nichts zu tun. Es gab also eine Zeit, wo die Sonnengewalten ihr Licht dem Menschen zuströmten, der Mensch aber die äußere Sonne nicht sah.
[ 15 ] Das Herausgehen des Mondes geschah etwas später. Erst in dem Augenblicke, als der Mond von der Erde fortging, wurde der Mensch fähig, ein Ich-Bewußtsein in seiner allerersten Anlage aufzunehmen, da begann er erst, sich sozusagen als ein besonderes Wesen zu fühlen. Vorher fühlte er sich im Schoße von anderen Wesenheiten. Und nun erst begann für ihn die Möglichkeit, äußeres Physisches in seinen ersten Anflügen mit dem Ich-Bewußtsein wahrzunehmen. Sie können sich sehr leicht klarmachen, daß dies äußere Sehen mit dem Ich-Bewußtsein zusammenhängt; denn solange man sich nicht von dem Äußeren unterscheiden kann, so lange ist man kein Ich. Die erste Fähigkeit, das erste Aufblitzen des Ich-Bewußtseins fällt deshalb zusammen mit dem Öffnen der Augen nach außen, Das ist auch mit dem Hinausgehen des Mondes verknüpft. Früher, als der Mond noch mit der Erde verbunden war, leitete er in der Erde die Wachstumskräfte des einzelnen Menschen von der Geburt an bis zum Tode, so wie er es auch jetzt noch, aber von außen her, tut. Damit aber der Mensch nicht nur zwischen Geburt und Tod eingeschlossen sei, mußten von außen her diejenigen Kräfte kommen, welche von der Sonne hereinwirkten. Fortwährend war also mit der Erdentwickelung verbunden ein Zusammenwirken der inneren Mondenkräfte und der äußeren Sonnenkräfte. Und jetzt versuchen Sie sich recht lebhaft und genau vorzustellen, was da geschah.
[ 16 ] Solange die Sonne schon abgespalten, der Mond aber noch mit der Erde verknüpft war, sah der Mensch in innerlichen Bildern die Wirkung der Sonnenkräfte; er spürte das Wohltätige der Sonnenkräfte, denn diese verbanden sich immer mit den Mondkräften innerhalb des Erdenkörpers, und das bewirkte den Menschen in seiner Konstitution; aber sehen konnte er die Sonnenkräfte nicht. Jetzt ging auch der Mond heraus. Der Mensch erhielt seine Sinne geöffnet, dadurch verschwand für ihn die Möglichkeit, das Seelisch-Geistige der Sonnenkräfte wahrzunehmen. Denken Sie sich den Moment, wo sozusagen die geistigseelische Wahrnehmung in Bildern entschwindet und die ersten Anfänge einer äußeren Anschauung der Sonne, eines wirklichen Sehens beginnen. Aber in Wahrheit konnte der Mensch die Sonne noch nicht sehen, denn die Erde war mit dichten Dämpfen bedeckt. Gegenüber dem früheren dumpf-hellseherischen Spüren dieser Sonnenkräfte wäre er jetzt in der Lage gewesen, die Sonne, wenn auch erst allmählich, äußerlich zu sehen, wenn sie ihm nicht durch die dunstige, dichte Atmosphäre verhüllt gewesen wäre. So ist also dem Menschen durch seine Höherentwickelung die wohltuende Wirkung der Sonne entschwunden. Die alten Ägypter, indem sie sich an diesen Zustand erinnerten, nannten die Kräfte der Sonne, die reinen Strahlen, die der Mensch einst im dumpfen Hellsehen wahrnahm, Osiris. Dieses Wahrnehmen des Osiris verschwand, und durch die Wolkenhülle war auch ein äußerliches Wahrnehmen noch nicht möglich: tot war, was der Mensch früher gesehen hatte. «Der Gegner Typhon hat den Osiris getötet», und diejenigen Kräfte, die als Mond herausgegangen waren, die zwischen Geburt und Tod wirkenden Kräfte, sie suchten jetzt sehnsüchtig den alten Osiris.
[ 17 ] Und nach und nach verzog sich der Nebel; freilich lange, lange Zeiten dauerte das, bis hinein in die spätatlantische Zeit. Und der Mensch fing an, die Sonne wiederum zu sehen, aber nicht mehr wie früher, wo er in einem gemeinsamen Bewußtsein war, sondern in jedes einzelne Auge fielen die Strahlen der Sonne, als der Mensch die Sonne nun sah: der zerstückelte Osiris.
[ 18 ] Da haben wir einen gewaltigen kosmischen Vorgang. Und während wir verkörpert waren in der alten ägyptischen Zeit, haben wir ihn in der Wiederholung erkannt. Das war es, was die ägyptischen Priesterweisen ursprünglich im Sinne hatten, und sie kleideten es in ein Bild. Sie sagten: Damals, als der Mond und die Sonne zuerst draußen standen, da war der Mensch in der Mitte, wie im Gleichgewicht gehalten von den Sonnen- und Mondenkräften. Früher gab es noch keine geschlechtliche Fortpflanzung, es wirkte dasjenige, was man eine jungfräuliche Fortpflanzung nennt. Diejenigen Kräfte, die unsere Erde beherrschten, gingen über aus dem Zeichen der Jungfrau durch die Waage, die Gleichgewichtslage, in das Zeichen des Skorpions; daher sagte der ägyptische Priesterweise: Als die Sonne im Zeichen des Skorpions stand, als die Erde in der Waage war und die Strahlen als Stachel wirkten, indem sie die Sinnesorgane durchstachen — dieses Eintreten der äußeren Gegenständlichkeit, das ist der Skorpionstachel, der trat als etwas Neues auf gegenüber der alten jungfräulichen Fortpflanzung -, da wurde Osiris getötet. Und da tritt das Suchen, die Sehnsucht der Menschheit nach der alten Kraft, nach der Anschauung des Osiris ein.
[ 19 ] Sie sehen, wir dürfen nicht bloß irgend etwas Astronomisches suchen in einem solchen Mythos wie die Osirissage, sondern wir müssen in ihm erblicken das Ergebnis tiefer, hellseherischer Einsicht der alten ägyptischen Priesterweisen. In einen solchen Mythos haben sie hiineinverkörpert, was sie über die Erden- und Menschenentwickelung wußten.
[ 20 ] Allen Mythen liegen reale Tatsachen der höheren geistigen Welten zugrunde. Heute sollte Ihnen vorgeführt werden, wie dem Osirismythos eine solche Tatsache zugrunde liegt.
