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The Rudolf Steiner Archive

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Die Beantwortung von
Welt- und Lebensfragen
GA 108

27 Oktober 1908, Berlin

18. Über die Mission des Savonarola

[ 1 ] Es ist vielleicht das Wort «Mission» des Savonarola nicht recht passend gewählt für dasjenige, was der Inhalt der Betrachtung dieser eigenartigen Erscheinung vom Ende des 15. Jahrhunderts ist. Und es ist vielleicht sogar mit der Persönlichkeit des Savonarola etwas anderes verbunden, was uns nahelegt zu sagen, daß es viel wichtiger wäre, als die Mission des Savonarola zu definieren. Dieses andere wäre, daß gerade die Angehörigen unserer anthroposophischen Weltanschauung und Weltbewegung sich bekanntmachen mit dem Wesen des Savonarola, weil an seiner Tätigkeit und an seiner Eigenart mancherlei gelernt werden kann. An einer solchen Gestalt wie Savonarola können wir in der Morgendämmerung der neueren Zeit sehen, bis zu welchem Punkte die Entwickelung des Christentums bis zum Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts gekommen ist. Und wir können gerade sehen, welche Art von Tätigkeit nicht wirksam ist. Wir können sehen, welche Art von Tätigkeit es ist, die der menschlichen Entwickelung einzufügen ist.

[ 2 ] Es könnte ja auch nötig sein zu zeigen, wie gewisse einseitige Strömungen zur Kräftigung und Einführung des Christentums gerade ungeeignet sind. Zwar nicht lange, aber mit einigen eingehenden Strichen wollen wir uns die Wirksamkeit des Savonarola vor Augen führen. Es wird sich neben die Figur des Savonarola eine andere hinstellen, die Figur jenes anderen, ganz andersgearteten Dominikanermönchs, jenes Mönchs, der das Kloster, aus dem die ernsten Reden Savonarolas hinausgeklungen haben, ausgemalt hat mit den wunderbaren, zarten Gemälden: Fra Angelico da Fiesole. Er ist da in der Morgendämmerung dieser neuen Zeit, wie um zu zeigen, daß das Christentum damals wie in zwei Gestalten sich äußerte. Man konnte in sich tragen die ganze wunderbare Anschauung der christlichen Gestalten und Geschehnisse, wie sie leben in den Herzen der Menschen. Man konnte in anspruchsloser Weise, sich nicht bekümmernd um das, was äußerlich vorgeht, sich nicht bekümmernd um das, was die Kirche treibt, was die Päpste treiben, doch hinmalen, was man als Christentum in sich selber erlebte. Und das ist dann ein Beweis dafür, was das Christentum in einer Seele damals werden konnte. Das ist die eine Art, aber die andere Art ist - und es ist dies die Art des Savonarola -, das Christentum in der damaligen Zeit zu leben. Man konnte, wenn man ein Mensch war wie Savonarola, mit einer gewissen Sicherheit, mit einem starken Willen, mit einer gewissen verstandesmäßigen Klarheit dasjenige tun, was er tat: In einer verhältnismäßigen Jugend den Glauben haben, daß innerhalb eines solchen Ordens, wo die wahren Ordensregeln erfüllt werden sollten, wirkliches Leben im Christentum zu leben sei. Wenn man noch hatte, was Savonarola hatte, den tiefsten moralischen Überzeugungsmut, so richtete man den Blick auch hinaus auf das, was in der Welt vorging. Man konnte das Christentum vergleichen mit dem, was sich in Rom abspielte, mit dem wirklich weltlichen Leben des Papstes, der Kardinäle, oder wie es sich auslebte in den herrlichen Schöpfungen des Michelangelo! Man konnte beobachten, wie in allen katholischen Kirchen im strengsten Kultus die Messen gelesen wurden, wie die Menschen das Gefühl hatten, daß sie nicht leben konnten ohne diesen Kultus. Man konnte aber auch sehen, daß diejenigen, welche unter Talar und Stola und Meßgewand waren, in ihrem bürgerlichen Leben einer Liberalität huldigten, daß dasjenige, was heute als Liberalität angestrebt wird, ein Kinderspiel dagegen ist. Man konnte dasjenige, was heute von gewisser Seite her gewollt wird und was als Tendenz angestrebt wird, verwirklicht sehen bis zu den höchsten Stufen des Altares hinauf.

[ 3 ] Und man konnte damals mit einem glühenden Glauben an die höheren Welten einen absolut demokratischen Sinn verbinden: Die Herrschaft dem Gotte und keinem menschlichen Herrscher! - Das war ein Herzenszug des Savonarola. Man konnte die Mediceer bewundern mit dem allem, was sie in Italien getan hatten, mit dem allem, was sie Italien gebracht hatten, aber man konnte auch, wie es Savonarola tat, den großen Mediceer, den Lorenzo di Medici, betrachten als Tyrannen.

[ 4 ] Man konnte Lorenzo di Medici sein und konnte daran denken, einen solchen zänkischen Dominikaner predigen zu lassen, wie er wollte. Lorenzo di Medici war ein vornehm denkender Mensch. Er konnte verschiedenes begreifen; denn man muß die Dinge von zwei Seiten ansehen. Er hatte Savonarola nach Florenz gezogen, und es ging Savonarola von Anfang an gegen den Strich, den Lorenzo als seinen Mäzen anzusehen. Und als Savonarola Prior des Klosters geworden war, fügte er sich nicht einmal darein, dem Lorenzo die übliche Dankvisite zu machen. Als ihm dies bedeutet wurde und auch, daß Lorenzo ihn doch nach Florenz gerufen hatte, sagte er: Glaubet ihr denn, daß Lorenzo Medici es war, der Savonarola nach Florenz gerufen hatte? Nein, es war Gott, der Savonarola nach Florenz in dieses Kloster rief!

[ 5 ] Lorenzo wandte aber als vornehmer Mann dem Kloster manches zu, und man konnte glauben, daß man den Savonarola doch etwas zahm machen könnte durch das, was man dem Kloster gab. Aber dieser verschenkte alle diese Gaben und erklärte, die Dominikaner seien dazu da, das Gelübde der Armut zu halten und keine Reichtümer zu sammeln.

[ 6 ] Wer waren eigentlich die Feinde des Savonarola? Alle diejenigen, welche die Konfiguration, die Herrschaft auf dem physischen Plan gegeben hatten. Nichts beirrte den Savonarola. Er ging geradewegs vor. Er sagte: Es gibt ein Christentum. In seiner eigentlichen Gestalt ist es den Menschen unbekannt. Die Kirche hat es entstellt. Sie muß verschwinden, und neue Gestaltungen müssen an ihre Stelle treten, in welchen sich zeigt, wie der wahre christliche Geist die äußere Wirklichkeit wird gestalten können. - Er predigte diese Sätze immer wieder. Er predigte zuerst mit großen Schwierigkeiten, da er anfangs die Worte nur mit Mühe aus der Kehle bringen konnte. Aber er wurde ein Redner, dessen Anhang immer größer und größer wurde, dessen oratorische Talente sich immer mehr erhöhten.

[ 7 ] Die herrschenden Mächte waren anfangs liberal; sie wollten nichts gegen ihn tun. Es wurde ein Augustinermönch veranlaßt, eine Rede zu halten, durch welche die Macht Savonarolas hinweggefegt werden sollte. Und es sprach eines Tages ein Augustinermönch über das Thema: «Es geziemt uns nicht zu wissen Tag und Stunde, wann der göttliche Schöpfer in die Welt eingreift!» Mit flammenden Worten sprach das der Augustinermönch, und man möchte sagen, wenn man so die Strömungen kennt, die durch das christliche Leben geflutet haben: Es stand das ganze Bekenntnis des Dominikanertums gegen das Augustinertum. - Und Savonarola rüstete sich zum Kampf und er sprach über dasselbe Thema: «Es geziemt uns wohl zu wissen, daß die Dinge nicht so sind, wie sie sind. Es geziemt uns, sie zu ändern und dann zu wissen, wann Tag und Stunde kommt!» Die Florentiner Bevölkerung jubelte ihm zu, wie sie dem Augustinermönch zugejubelt hatte. Man fand ihn nicht nur gefährlich in Florenz, sondern auch in Rom und in ganz Italien. Nach ungeheuren Folterqualen und gefälschtem Aktenmaterial verurteilte man ihn zum Feuertod.

[ 8 ] Das war Savonarola, der in derselben Zeit lebte, wo der andere Dominikanermönch ein Christentum hinmalte, von dem allerdings nur wenig in der physischen Welt existierte. Und wenn wir uns ein Wort, das ein merkwürdiger Mann sprach, ins Gedächtnis rufen, was es für eine Bewandtnis hat mit Savonarola: Jacob Burckhardt, der berühmte Geschichtsschreiber der Renaissance, bildete sich die Meinung, daß damals die Entwickelung des Lebens in Italien so weit war, daß man unmittelbar davor stand, die Kirche zu säkularisieren, das heißt, die Kirche zu einer weltlichen Organisation zu machen, so sehen wir, daß Savonarola das ewige Gewissen des Christentums darstellte.

[ 9 ] Woran lag es, daß Savonarola, der mit solchem Feuer für das Christentum eintrat, doch wirkungslos blieb? Denn er ist eine historische Gestalt. Dieses war der Grund: Daß in dieser Morgendämmerung der Neuen Zeit und in dieser Abenddämmerung der Kirche, wo Savonarola das Gewissen des Christentums darstellte, etwas ins Feld zu führen war gegen die äußeren Einrichtungen des Christentums. Es ist die Probe darauf geliefert, daß selbst nicht von einer solchen Gestalt wie Savonarola das Christentum wieder herzustellen war. Die geisteswissenschaftlich Strebenden sollten daraus lernen, daß noch etwas anderes notwendig ist dazu, etwas Objektives, etwas, was es möglich macht, die tiefen Quellen des esoterischen Christentums auszuschöpfen. Ein solches Instrument kann nur die Anthroposophie sein. Die Gestalt des Savonarola ist wie ein fernes, in die Zukunft leuchtendes Zeichen, was die Anthroposophen lehren soll, nicht mit den Mitteln, mit welchen man damals glauben konnte, das Christentum wiederzufinden, sondern mit den Mitteln der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Man kann als Anthroposoph viel an dieser Gestalt lernen.