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The Rudolf Steiner Archive

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Die Beantwortung von
Welt- und Lebensfragen
GA 108

13 Dezember 1908, Stuttgart

19. Aus einem Kapitel okkulter Geschichte die Rishis

[ 1 ] Die Menschen machen in ihren verschiedenen Verkörperungen immer andere Verhältnisse durch. Sie finden bei jeder Inkarnation andere Verhältnisse vor, und auch ihre eigenen Verhältnisse gestalten sich jedesmal entsprechend zwischen Geburt und Tod. Nun kann sich die Frage erheben: Sind die Erlebnisse zwischen Tod und neuer Geburt immer dieselben, da doch die Erlebnisse im Physischen so verschiedene sind? Mit anderen Worten: Ist das Leben im Devachan zu allen Zeiten physischer Entwickelung immer dasselbe gewesen? Daß es auch eine Geschichte für das Leben im Jenseitigen gibt, sollen folgende Erläuterungen zeigen.

[ 2 ] Erinnern wir uns des Bewußtseinszustandes des alten Atlantiers, der noch in einem hellsichtigen Zustand bei Tage die physischen Gegenstände in schwachen, nebelhaften Konturen sah - Gleichnis von der Laterne im Nebel -, und der bei Nacht ein Genosse der Götter war; doch waren Tag und Nacht nicht strenge geschieden wie heute.

[ 3 ] Der fortgeschrittenste Teil der Atlantier, also diejenigen, die ihr hellsichtiges Bewußtsein schon zum größten Teil verloren hatten und die Dinge um sich schon physisch in schärferen Konturen sehen konnten, sie wohnten in der Gegend des heutigen Irland unter einer hohen geistigen Wesenheit: Manu. Sie zogen in einzelnen Trupps, einer von diesen unter der Führung Manus, von Westen nach Osten. Dann kam die Sintflut. Nach dieser wurden von dem Zentrum in Mittelasien aus Kolonien gegründet. Die erste war die Begründung der indischen Kultur.

[ 4 ] Für den alten Inder, der noch die Erinnerung an die Zeit der Atlantis in sich trug, wo er noch Genosse der Götter war, war das, was ihm im Irdischen gegenübertrat, Illusion, Maja, die ganze Umwelt, auch die Sterne. Die Verbindung mit der geistigen Welt, nach welcher der Inder sich sehnte, hielten die heiligen Rishis aufrecht. Sie verkündeten die Existenz der geistigen Welten. Man zählt sieben Rishis; sie waren die Schüler des Manu. Sie konnten nur zu gewissen Zeiten lehren, wenn sie sich in einem besonderen Zustand befanden. Dann waren sie hohen geistigen Wesenheiten ganz hingegeben. Sie waren der ganze Trost, die ganze Kraft der damaligen indischen Welt; sie erzählten von den Wundern und Gesetzen der geistigen Welten. Wenn die Menschen dann starben, so erlebten sie das, was die Rishis beschrieben hatten, zwar nur bis zu einer gewissen Höhe des Devachan, denn nur der Eingeweihte, der Rishi, erlebt das Devachan ganz. Aber geschickt waren die Menschen damals zur Arbeit im jenseitigen Leben.

[ 5 ] Der Eingeweihte lebte abwechselnd im Irdischen und im Geistigen. Bald lehrte er den Lebenden, bald den Toten die ewige Wahrheit. Die Menschen aber hatten den physischen Plan noch nicht liebgewonnen: Sie betrachteten die geistige Welt als ihre eigentliche Heimat und die heiligen Rishis hatten ihnen im Jenseits nicht viel zu erzählen vom Diesseits. Die Menschen im Jenseitigen hatten kein Interesse am Irdischen.

[ 6 ] In der zweiten nachatlantischen Kultur, der persischen, wo zuerst der Ackerbau auftritt, hatten die Menschen den physischen Plan schon lieber gewonnen. Im selben Maße jedoch verdunkelte sich das Bewußtsein im Jenseitigen. Das Devachan wurde dunkler. Die Menschen mußten ja das Irdische immer lieber gewinnen. Daher mußten die Zarathustra-Schüler mit stärkerer Sprache hinweisen auf die geistige Welt; aber in der jenseitigen Welt konnten sie nichts erzählen vom Diesseits.

[ 7 ] Die dritte Kultur, die ägyptische, zeigt noch größere Liebe zum physischen Plane. In den Sternen studierte man die Gesetze des Geistigen. Immer mehr versuchten die Menschen, den Dingen ihren Geist aufzuprägen. Je geschickter aber die Menschen im Irdischen geworden waren, um so ungeschickter wurden sie im Jenseitigen zur geistigen Mitarbeit.

[ 8 ] Ein Höhepunkt in der Beherrschung des irdischen Plans ist die griechisch-lateinische Kultur. Da hatte sich die Ehe des Geistigen mit dem Physischen vollzogen. Der griechische Tempel ist der Ausdruck der geistigen Gesetze. Die Griechen liebten das Leben. Das bedeutet die griechische Kultur; aber sie bedeutet noch etwas anderes. Wenn heute ein Hellseher auf einen griechischen Tempel blickt, zum Beispiel den von Paestum, so erlebt er bei der Betrachtung etwas Besonderes an diesem Tempel: man fühlt die herrlichen Harmonien, in denen sich das geistige Leben ausprägt. Versetzt sich nun der Hellsehende von diesem physischen Betrachten, in dem Moment der herrlichen Empfindung der Harmonien dieses Kunstwerks, in die geistige Welt, so bleibt nichts übrig, nichts, eben weil der griechische Tempel ein so vollkommener Ausdruck der geistigen Welt ist. Dieses erlebte die griechische Seele im Tod; sie sehnte sich nach den reinen harmonischen Ausdrücken und Gebilden des physischen Planes. Der Römer, der sich auf dem Gipfel seines Ich-Bewußtseins stark fühlte im Leben, war wie gelähmt, wenn er ins Jenseits kam. «Lieber ein Bettler im Diesseits, als ein König im Reiche der Schatten.» - Also schattenhaft war damals das Bewußtsein der jenseitigen Welt. Wenn die herrlichen Dinge dieser Welt im Reich der Schatten erzählt worden wären, es hätte diese Wesen nur noch unglücklicher gemacht. Im diesseitigen Leben konnten die Menschen mehr erfahren vom Geistigen als im Jenseits, im Schattenreich.

[ 9 ] Diese vierte Kultur war die Zeit, da der Impuls nach oben gegeben wurde durch das Erscheinen des Christus. Die Bedeutung des Ereignisses von Golgatha haben wir im August geschildert; für das Jenseits wollen wir es heute tun. - In dem Moment nämlich, wo der physische Tod am Kreuze eintritt, da geschieht etwas in der Welt der Schatten: Der Christus erschien bei ihnen. Zum ersten Male konnte drüben etwas berichtet werden, was von Bedeutung war für das Jenseits, nämlich, daß das Leben im Geiste den Tod besiegen kann. Blitzartig leuchtete das schattenhaft gewordene Leben der jenseitigen Welt auf. Das gewaltigste Ereignis fürs Jenseits war geschehen: drüben im Diesseits gibt es etwas, was auch fürs Jenseits eine Bedeutung hat.

[ 10 ] Was jetzt - im Gegensatz zu den ersten vier Kulturen - der Mensch erlebt, zum Beispiel am Johannes-Evangelium, das ist nicht ausgelöscht, wenn er ins Geistige kommt. Von jetzt an nimmt der Mensch alles mit hinüber, was er im physichen Plane geistig empfunden und erworben hat. Je mehr man sich in die tiefen okkulten Wahrheiten der Bibel vertiefen wird, um so mehr wird man hinübernehmen ins Jenseits. Vor der vierten Kultur leuchtete langsam abnehmend das Jenseits ins Diesseits hinein. Jetzt ist es umgekehrt:

[ 11 ] Im Jenseits ist jetzt eine aufsteigende Entwickelung, es wird immer heller.

[ 12 ] Die geistigen Kräfte, die heute zu Erfindungen und Entdeckungen verbraucht werden, dienen nur dazu, äußerliche Kulturmittel zu erzeugen. Anders früher: da dienten diese Kräfte zur Erforschung der geistigen Welt und ihrer Gesetze. Heute dient der Geist als Sklave den materiellen Bedürfnissen. All die Intelligenz, die in die Dampfmaschinen und andere Erfindungen geflossen ist, bildet einen Hemmschuh für die geistige Welt - eine Unterbilanz! Das Gegenteil ist der Fall bei der anthroposophischen Arbeit. Das, was da im Irdischen gewonnen wird, dient zur Erleuchtung der jenseitigen Welt.

[ 13 ] Der Christus erschien in der vierten Kulturepoche, deshalb der griechische Name Christus. Damit jedoch die Erscheinung des Christus die Menschen nicht unvorbereitet treffe, erschienen Moses und die Propheten. Die Verkündigung des Ich-Gottes, des Jahve, ist nötig gewesen, damit er etwas habe als Ziel, an dem er festhalten kann. Das Ereignis von Golgatha konnte nur verstanden werden durch die Verkündigung des bilderlosen Gottes. Davon morgen.