Das Prinzip der spirituellen Ökonomie
im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen
GA 109
10 April 1909, Köln
5. Das Makrokosmische und das mikrokosmische Feuer die Vergeistigung des Atems und des Blutes
[ 1 ] In ergreifender Weise hat einer der inspiriertesten Geister der neueren Zeit, hat Goethe zu zeichnen gewußt die Macht und die Kraft der Ostertöne, der Osterglocken. Stellt Goethe doch vor uns hin den Repräsentanten der strebenden Menschheit, den Faust, so wie er gekommen ist an den Rand des irdischen Daseins, und zeigt er uns doch, wie es die Ostertöne sind, wie die Helle des Osterfestes es ist, was auch im Herzen dieses Todsuchers den Gedanken an den Tod, den Impuls des Todes zu besiegen vermag.
[ 2 ] So wie Goethe diesen innern Impuls der Osterklänge vor uns hinstellt, so ging dieser Impuls durch die gesamte Entwickelung der Menschheit hindurch. Und wenn der Mensch in nicht allzuferner Zukunft durch eine erneute spirituelle Vertiefung verstehen wird, wie die Feste unsere Seele in Zusammenhang bringen sollen mit allem, was im großen Weltenraum lebt und webt, dann wird man auch in einer erneuten Gestalt in diesen Tagen des Frühlingsanfangs die Seele erweitert fühlen, um zu erfassen, wie die Quellen des spirituellen Lebens uns erlösen können aus dem materiellen Leben, aus der Enge des Daseins, das an den Stoff gefesselt ist.
[ 3 ] Gerade in der Osterzeit wird die Menschenseele am stärksten empfinden lernen, was in die Seele zu gießen vermag die unerschütterliche Zuversicht, daß im Innersten des Menschen ein Quell des ewigen, göttlichen Daseins wohnt, ein Quell, der uns aus aller Enge heraustreibt und uns eins sein läßt, ohne daß wir uns verlieren, mit dem Quell des universellen Daseins, in dem wir jederzeit auferstehen, wenn wir uns zu seiner Erkenntnis durch Erleuchtung aufzuschwingen vermögen. Nichts anderes und nichts Geringeres ist das, was das eigentliche Wesen des Osterfestes ausmacht, als ein äußeres Zeichen des Tiefsten, was die Menschheit zu erleben vermochte, als ein äußeres Zeichen des tiefsten christlichen Mysteriums. Und so ist es uns am heutigen Osterfeste, als wenn im äußeren Feste und in den äußeren Festeszeichen ein Symbol dastände dessen, was die Menschen am Beginn der menschlichen Erdenentwickelung nur finden konnten und was sie nur gewußt hatten in den Tiefen der heiligen Mysterien. Wo die Völker auf der Erde das gefeiert haben, was wir Osterfest nennen - und in den weitesten Kreisen der Menschheit bei den alten Völkern wurde es gefeiert -, wir sehen es überall emporblühen aus den heiligen Mysterien heraus. Und überall ruft es die Ahnung und die Überzeugung hervor, daß das Leben im Geiste den Tod in der Materie zu besiegen vermag. Was auch immer der Menschenseele diese Überzeugung einflößte, das mußte in alten Zeiten aus den Tiefen der heiligen Mysterien heraus verkündet werden.
[ 4 ] Aber darin besteht ja gerade die Fortentwickelung der Menschheit, daß jetzt immer mehr und mehr von dem, was Geheimnis der heiligen Stätten ist, herausdringt, und daß die Weisheit der heiligen Mysterienstätten hinausdringt in die ganze Menschheit, daß sie Allgemeingut der Menschheit wird. Und so sei denn das heutige und morgige Fest in bezug auf seine Betrachtung gewidmet dem Versuch einer Darstellung, wie diese Ahnung, diese Empfindung, diese Überzeugung im Laufe der Menschheitsentwickelung immer mehr sich Bahn bricht und herausdringt aus uralter Erkenntnis in immer weitere Kreise. Heute wollen wir in die Vergangenheit zurückblicken, damit wir morgen das, was die Gegenwart diesem Feste gegenüber fühlt, zu schildern vermögen.
[ 5 ] Wir müssen allerdings, weil das Osterfest das Auferstehungsfest des Menschheitsgeistes ist, uns heute zu ernster Betrachtung im Innern sammeln, um zu solcher Weisheit vordringen zu können, die in gewisser Weise zu den höchsten Höhen geisteswissenschaftlicher Anschauung hinaufzuführen vermag.
[ 6 ] Unser christliches Osterfest ist nur eine der Formen des Menschheits-Osterfestes überhaupt, und was die Weisen der Menschheit zu sagen hatten aus stärksten, tiefsten Überzeugungen, aus den tiefsten Gründen der Weisheit heraus, von der Überwindung des Todes durch das Leben, das wurde hineingeheimnißt in die Symbole des Osterfestes. Überall werden wir bei ihnen die Elemente finden, um uns ein Verständnis für das Osterfest, für das Auferstehungsfest des Geistes zu verschaffen. Eine schöne, tiefe, morgenländische Legende erzählt das Folgende:
[ 7 ] Der große Lehrer des Morgenlandes, Shakyamuni, der Buddha, er hat die Gegenden des Morgenlandes mit seiner tiefen Weisheit beglückt, die aus den Urquellen des geistigen Daseins geholt war und daher die Herzen der Menschheit mit tiefster Seligkeit durchglühte. Was tief beseligend war für die Herzen der Menschheit, als der Mensch noch hineinzuschauen vermochte in die göttliche Welt - uralte Weisheit von den göttlich-geistigen Welten -, hat bis in die spätere Zeit hinein Shakyamuni für die Menschheit gerettet. Einen großen Schüler hatte er, und während die andern Schüler mehr oder weniger nicht begriffen die umfassende Weisheit, die der Buddha lehrte, hat Kashyapa - so hieß dieser Schüler - sie begriffen. Er war einer der tiefsten Eingeweihten in diese Lehre, einer der bedeutendsten Nachfolger des Buddha. Die Legende erzählt: Als Kashyapa ans Sterben kam und er vermöge seiner Reife ins Nirvana eingehen sollte, da ging er an einen steilen Berg und verbarg sich in einer Höhle. Und in dieser Höhle verblieb sein Leib nach seinem Tode unverweslich und dauerte fort. Nur die Eingeweihten wußten von diesem Geheimnis und wo der Leib ruht. Denn an verborgenem, geheimem Orte ruht dieser unverwesliche Leib des großen Eingeweihten, des Kashyapa. Aber vorhergesagt hatte der Buddha, daß einst kommen würde sein großer Nachfolger, der Maitreya-Buddha, der erneute große Lehrer und Führer der Menschheit, und er würde, wenn er zum Gipfel gelangt sein würde jenes Daseins, das er während des Erdenlebens erreichen sollte, jene Höhle des Kashyapa aufsuchen, mit seiner rechten Hand den unverweslichen Leichnam des Erleuchteten berühren, und vom Himmel würde herabströmen ein wunderbares Feuer, und in diesem Feuer würde sich erheben vom irdischen Dasein in ein geistiges der unverwesliche Leib des großen Erleuchteten, des Kashyapa.
[ 8 ] So spricht die große Legende des Morgenlandes, vielleicht etwas unverständlich für das Abendland. Auch sie spricht von einer Auferstehung, einem Entrücktwerden aus dem irdischen Dasein, von einer Überwindung des Todes, die so herbeigeführt wird, daß die Verwesungskräfte der Erde nichts vermögen über den geläuterten, gereinigten Leib des Kashyapa, und daß, wenn der große Eingeweihte kommt und ihn berührt mit der Hand, das wunderbare Feuer ihn hinaufhebt in die himmlischen Sphären. Und gerade in dem, wo diese Legende des Morgenlandes abweicht von dem, was wir als den Inhalt des abendländischen, christlichen Osterberichtes kennen, liegt eine Möglichkeit, zu einem tieferen Verständnis des Osterfestes zu kommen. Es ist in solch einer Legende eine Urweisheit verborgen, der wir uns nur nach und nach nähern können. Und so könnten wir fragen: Warum wird dort nicht Kashyapa, wie der Erlöser - wie uns im christlichen Osterbericht gesagt wird -, nach drei Tagen Sieger über den Tod? Warum wartet der unverwesliche Leib des morgenländischen Eingeweihten durch lange Zeiten hindurch, bis er durch ein wunderbares Feuer in die himmlischen Höhen entrückt wird?
[ 9 ] Wir können heute nur anklingen lassen das Tiefe, das in solchen Dingen liegt. Wir werden erst nach und nach eine Ahnung bekommen von der Weisheit, die sich in solch tiefen Legenden ausspricht. Gerade bei solchen Festeszeiten müssen wir mit unseren Empfindungen erst scheu und ehrfurchtsvoll in der Ferne bleiben und erst nach und nach hinaufschauen lernen durch solche Festesfeiern zu den Höhen der Weisheit. Nicht sollen wir gleich mit unserem nüchternen Verstande das erfassen wollen, was in solchen Legenden liegt. Rechtes Verständnis wird nur dann erreicht, wenn wir uns so diesen Wahrheiten nähern, daß wir erst unsere Empfindungen und Gefühle geeignet und reif machen, ehe wir uns annähern an die großen Wahrheiten, um dann in vollem Feuer und mit voller Wärme die großen Wahrheiten mit unseren Empfindungen zu erfassen.
[ 10 ] Für die heutige Menschheit stehen zwei Wahrheiten wie mächtige Leuchten am Horizont des Geistes da, Wahrzeichen, die miteinander innig verwandt sind. Zwei wichtige Richtpunkte sind es für die sich entwickelnde, im Geistigen strebende Menschheit der heutigen Entwickelungsstufe.
[ 11 ] Als das erste Wahrzeichen erscheint der brennende Dornbusch des Moses und als das zweite das Feuer, das unter Blitz und Donner am Sinai erscheint, durch welches dem Moses die Verkündigung wird: «Ich bin der Ich-bin.»
[ 12 ] Jene geistige Wesenheit, die sich damals dem Moses verkündigt hat, die da in beiden Erscheinungen spricht, wer ist sie?
[ 13 ] Wer die Botschaft des Christentums versteht im geistigen Sinne, der versteht auch die Worte, die ankündigen, wer die Wesenheit ist, die im Dornbusch und danach auf dem Sinai unter Blitz und Donner dem Moses erscheint und die Zehn Gebote ihm vor die Seele hinstellt. Es sagt uns der Schreiber des Evangeliums Johanni selber, daß Moses vorherverkündet hat den Christus Jesus, und der Evangelist läßt ihn gerade auf jene Stellen hinweisen, wo im brennenden Dornbusch und später im Feuer auf Sinai sich die Machtankündigt, die später der Christus genannt wordenist. Keineandere Gottheit soll vorgestellt werdenalsderChristus in dem, der zu Moses von sich selbst spricht: «Ich bin der Ich-bin.»
[ 14 ] Derjenige Gott, der später im menschlichen Leibe erschienen ist und der das Mysterium von Golgatha vor die Menschheit hingestellt hat, er waltet unsichtbar, sich selber vorherverkündend im Feuerelement der Natur, im Feuer des brennenden Dornbusches und im Blitzesfeuer auf Sinai. Und der nur versteht die Verkündigung des Alten Testaments, der nur versteht das Neue Testament, der da weiß, daß der Gott, den Moses verkündet, der Christus ist, der unter den Menschen wandeln soll. So kündigt sich der Gott an, der den Menschen Erlösung bringen soll, in einer Weise, die nicht in menschlicher Gestalt gesehen werden kann. Er kündigt sich an in dem feurigen Element der Natur; denn darin, in diesem Element, lebt der Christus. Das, was seine göttliche Wesenheit ist, kündigt sich in den verschiedensten Gestalten an. Durch das ganze Altertum waltet dieselbe Wesenheit, die dann sichtbar hervortrat durch das Ereignis von Palästina.
[ 15 ] So schauen wir zurück auf das Alte Testament und fragen uns: Wen verehrt das althebräische Volk in Wirklichkeit? Wer ist der Gott des alten hebräischen Volkes? - Die Angehörigen der hebräischen Mysterien haben es gewußt: den Christus haben sie verehrt; den Christus haben sie gesehen in dem, der sprach das Wort: «Sage meinem Volke: Ich bin der Ich-bin.» - Aber wenn auch alles das nicht bekannt wäre, die Tatsache, daß sich innerhalb unseres Menschheitszyklus der Gott im Feuer ankündigt, wäre für den, der hineinschaut in die tiefen Geheimnisse der Natur, maßgebend genug, um das zu erkennen, daß die Gottheit des brennenden Dornbusches und die Gottheit, die auf dem Sinai sich ankündigte, dieselbe ist, die aus geistigen Höhen herabkommt, um das Mysterium von Golgatha zu vollziehen durch den Herabstieg in den menschlichen Leib. Denn es besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem Feuer, das draußen durch die Elemente der Natur entzündet wird und dem, was als Wärme durch unser Blut pulsiert. Oft wurde schon betont in unserer Geisteswissenschaft, der Mensch sei ein Mikrokosmos, der sich gegenüberstellt der großen Welt, dem Makrokosmos. Es muß daher, wenn wir in richtiger Weise zusehen, das, was im Menschen an innern Vorgängen ist, entsprechen äußeren Vorgängen im Universum. Zu jedem innern Vorgang müssen wir den entsprechenden äußeren Vorgang finden können. Wir müssen tiefe Schächte der Geisteswissenschaft betreten, wenn wir die Bedeutung davon verstehen wollen. Hier berühren wir den Rand eines tiefen Geheimnisses, einer großen Wahrheit, jener Wahrheit, die da Antwort gibt auf die Frage: Was ist es in der großen Außenwelt, was dem Geheimnis der Entstehung des menschlichen Gedankens in uns entspricht?
[ 16 ] Der Mensch ist das einzige wirklich denkende Wesen auf unserer Erde. Durch seine Gedanken erlebt der Mensch eine Welt, die ihn über diese Erde hinausführt. In der Form, in welcher sich im Menschen die Gedanken entzünden, erlebt kein anderes irdisches Wesen die Gedanken. Was entzündet in uns den Gedanken, was spielt sich in uns ab, wenn der einfachste oder herrlichste Gedanke uns durchzuckt?-Zweierlei wirkt in uns zusammen, wenn wir Gedanken durch unsere Seele ziehen lassen: unser Astralleib und unser Ich. Der physische Ausdruck für unser Ich ist das Blut; der physische Ausdruck für unseren Astralleib ist unser Nervensystem, das, was wir Leben nennen in unserem Nervensystem. Und niemals würden unsere Gedanken unsere Seele durchzucken, wenn nicht ein Zusammenwirken wäre zwischen Ich und Astralleib, welches seinen Ausdruck findet im Zusammenwirken zwischen Blut und Nervensystem. Sonderbar wird es einmal einer menschlichen Zukunftswissenschaft vorkommen, wenn die heutige Wissenschaft allein im Nervensystem die Entstehung des Gedankens sucht. Nicht in den Nerven allein ist der Ursprung des Gedankens. Nur in dem lebendigen Zusammenspiel zwischen Blut und Nervensystem haben wir den Vorgang zu erblicken, der den Gedanken entstehen läßt.
[ 17 ] Wenn unser Blut, unser inneres Feuer, und unser Nervensystem, unsere innere Luft, so zusammenwirken, dann durchzuckt der Gedanke die Seele. Und die Entstehung des Gedankens im Innern der Seele entspricht im Kosmos dem rollenden Donner. Wenn das Blitzesfeuer sich entzündet in den Luftmassen, wenn Feuer und Luft zusammenspielen und den Donner erzeugen, dann ist das in der großen Welt dasselbe makrokosmische Ereignis, dem entspricht der Vorgang, wenn das Feuer des Blutes und das Spiel des Nervensystems sich entladen im innern Donner, der allerdings sanft und ruhig und unvernehmbar für die Außenwelt erklingt im Gedanken. Was der Blitz in den Wolken, das ist für uns die Wärme unseres Blutes, und die Luft draußen mit allem, was sie an Elementen enthält im Universum, entspricht dem, was unser Nervensystem durchzieht. Und wie der Blitz im Widerspiel mit den Elementen den Donner erzeugt, so erzeugt das Widerspiel von Blut und Nerven den Gedanken, der die Seele durchzuckt. Wir schauen hinaus in die Welt, die uns umgibt: Wir sehen den zukkenden Blitz in den Gebilden der Luft und hören den sich entladenden, rollenden Donner. Und dann blicken wir in unsere Seele und spüren die innere Wärme, die in unserem Blute pulsiert und spüren das Leben, das unser Nervensystem durchzieht - dann fühlen wir den Gedanken uns durchzucken und sagen: Beides ist eins.
[ 18 ] Wahrhaft und wirklich ist es so! Denn in uns denken wir, und wenn der Donner am Himmel rollt, so ist das nicht nur eine physisch-materielle Erscheinung. Das ist es nur für die materialistische Mythologie. Für den aber, der die geistigen Wesen durchweben und durchwallen sieht das materielle Dasein, für den ist es Wahrheit und Wirklichkeit, wenn der Mensch hinaufschaut und den Blitz sieht und den Donner hört und sich sagt: Jetzt denkt der Gott im Feuer, wie er sich uns verkündigen muß. Das ist der unsichtbare Gott, der das Universum durchwebt und durchwallt, der seine Wärme in dem Blitz und seine Nerven in der Luft und seine Gedanken in dem rollenden Donner hat. Der sprach zu Moses in dem brennenden Dornbusch und auf Sinai in dem Blitzesfeuer.
[ 19 ] Dieselben Elemente Feuer und Luft, die im Makrokosmos sind, sind im Menschen, im Mikrokosmos, Blut und Nerven; und wie im Makrokosmos Blitz und Donner, so sind im Menschen die Gedanken. Und der Gott, den Moses gesehen und gehört hatte im brennenden Dornbusch, der zu ihm sprach in dem Blitzesfeuer auf Sinai, der erscheint als Christus im Blute des Jesus von Nazareth. Im menschlichen Leibe des Jesus von Nazareth erscheint der Christus, der herabsteigt in die menschliche Form. Indem er wie ein Mensch denkt im menschlichen Leibe, wirkt er als das große Vorbild der Menschheitsentwickelung in die Zukunft hinein.
[ 20 ] So begegnen sich die beiden Pole der Menschheitsentwickelung: der makrokosmische Gott auf dem Sinai, der sich verkündigt im Donner und Blitzesfeuer, und derselbe Gott mikrokosmisch, verkörpert im Menschen von Palästina.
[ 21 ] Aus der tiefsten Weisheit herausgeholt sind die erhabenen Mysterien der Menschheit. Sie sind nicht erdichtete Legenden, sondern tiefe Wahrheit. Aber sie sind so tiefe Wahrheit, daß wir alle Mittel der Geisteswissenschaft brauchen, um zu enthüllen die Geheimnisse, die umweben diese Wahrheit. - Und was hat die Menschheit für einen Impuls erhalten durch dieses ihr größtes Vorbild, durch die Wesenheit, die herabgestiegen ist und sich verbunden hat mit den mikrokosmischen Abbildern der Elemente in einem Menschenleibe, durch die Wesenheit des Christus?
[ 22 ] Blicken wir auf die Verkündigung alter Völker noch einmal zurück. Alle alten Völker, bis in die graue Vergangenheit der nachatlantischen Zeit, haben wohl gewußt, wie die menschliche Entwickelung verläuft. Überall, in allen Mysterienschulen wurde verkündigt, was heute wieder von der Geisteswissenschaft verkündet wird: daß der Mensch aus vier Gliedern besteht - dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich -, daß er aber aufsteigen kann zu höheren Stufen seines Daseins, wenn er durch sein Ich selbsttätig umwandelt den Astralleib in das Geistselbst - Manas -, den Ätherleib in den Lebensgeist - Buddhi -, und wenn er den physischen Leib vergeistigt zu Atman oder Geistesmensch. Dieser physische Leib, er muß in allen seinen Gliedern nach und nach durchgeistigt werden, er muß so tief in unserem Erdenleben durchgeistigt werden, daß dasjenige, was den Menschen zum Menschen gemacht hat, das Einströmen des göttlichen Odems, daß das vergeistigt wird. Und weil die Vergeistigung des physischen Leibes mit der Vergeistigung des Atems beginnt, darum nennt man den verwandelten, vergeistigten physischen Körper: Atma oder Atman — Atem: Atman. Es sagt die Verkündigung des Alten Testaments, daß der Mensch zum Beginne seines Erdendaseins erhalten hat den Lebensatem, und alle uralten Weisheiten sehen im Lebensatem dasjenige, was der Mensch nach und nach vergeistigen muß. Alle alten Weltanschauungen sahen das große, zu erstrebende Ideal in ‚Atman, in dem, was den Atem so vergöttlicht, daß der Mensch durchzogen wird von einer spirituellen Atemluft.
[ 23 ] Aber noch mehr muß vergeistigt werden am Menschen. Wenn sein ganzer physischer Leib vergeistigt werden soll, muß nicht nur der Atem, sondern auch das, was durch den Atem fortwährend erneuert wird, das Blut, der Ausdruck des Ich vergeistigt werden. Das Blut muß ergriffen werden von einem zum Spirituellen treibenden Impuls. Die Mysterien des Blutes - des Feuers, das im Menschen eingeschlossen ist — hat das Christentum hinzugefügt zu den alten Mysterien. Die alten Mysterien sagen: Der Mensch auf der Erde, wie er in irdischer Gestalt lebt, ist aus geistigen Höhen herabgestiegen in die physisch-irdische Körperlichkeit. Der Mensch hat verloren, was seine geistige Wesenheit ausmacht. Er hat sich umhüllt mit physischer Körperlichkeit. Aber er muß wieder zurück in die Geistigkeit, muß wieder von sich werfen die physische Hülle, muß hinaufsteigen in ein geistiges Dasein.
[ 24 ] Solange des Menschen Ich, das seinen physischen Ausdruck im Blute hat, nicht ergriffen war von einem auf der Erde befindlichen Impuls, so lange konnten die Religionen nicht lehren das, was man die Kraft der Selbsterlösung des menschlichen Ichs nennt. So wird uns geschildert, wie die großen geistigen Wesen, die großen Avatare, heruntersteigen und sich von Zeit zu Zeit verkörpern in menschlichen Leibern, wenn die Menschen Hilfe brauchen. Es sind Wesen, die nicht zu ihrer eigenen Entwickelung in einen Menschenkörper hinunterzusteigen brauchen, denn sie hatten ihre Menschheitsentwickelung in einem früheren Weltenzyklus vollendet. Sie steigen herunter, weil sie den Menschen helfen wollen. So steigt von Zeit zu Zeit, wenn die Menschheit Hilfe braucht, der große Gott Vishnu herab ins irdische Dasein. Eine der Verkörperungen des Vishnu, Krishna, spricht von sich selber, deutlich sagend, was eines Avatares Wesenheit ist. Er spricht selbst aus, was er ist, in dem göttlichen Liede, in der Bhagavad Gita. In ihr haben wir die herrlichen Worte, die der Krishna, in dem Vishnu als Avatar lebt, von sich selber ausspricht: «Ich bin der Schöpfung Geist, ihr Anfang, ihre Mitte, ihr Ende; ich bin unter den Sternen die Sonne, unter den Elementen das Feuer, unter den Wassern das Weltenmeer, unter den Schlangen die ewige Schlange. Ich bin der Weltengrund.»
[ 25 ] Man kann nicht schöner, herrlicher die allwaltende Göttlichkeit verkünden, als es geschehen ist in diesen Worten. Die Gottheit, die Moses sieht im Elemente des Feuers, die nicht nur als makrokosmische Gottheit die Welt durchwebt und durchwallt, ist auch im Innern des Menschen zu finden. Darum lebt die Krishna-Wesenheit in allem, was Menschenantlitz trägt, als großes Ideal, zu dem sich der Menschenkeim von innen heraus entwickelt. Und wenn, wie es die Weisheit des Altertums anstrebte, des Menschen Atem spiritualisiert werden kann durch den Impuls, den wir in uns aufnehmen aus dem Mysterium von Golgatha, haben wir das Prinzip der Erlösung durch das, was in uns selber lebt. Alle Avatare haben die Menschheit erlöst durch Kraft von oben, durch das, was sie aus geistigen Höhen auf die Erde herunterstrahlen ließen. Der Avatar Christus aber hat die Menschheit erlöst durch dasjenige, was er aus den Kräften der Menschheit selber genommen hat, und er hat uns gezeigt, wie die Kräfte der Erlösung, die Kräfte zur Besiegung der Materie durch den Geist in uns selber gefunden werden können.
[ 26 ] So konnte selbst ein solcher Erleuchteter wie der Kashyapa, trotzdem er durch die Spiritualisierung seines Atems seinen Leib unverweslich gemacht hatte, die volle Erlösung noch nicht finden. Der unverwesliche Leib muß warten in der geheimnisvollen Höhle, bis ihn abholt der Maitreya-Buddha. Denn erst dann, wenn der physische Leib vom Ich aus so vergeistigt ist, daß der Christus-Impuls in den physischen Leib einströmt, erst dann bedarf es nicht mehr des wunderbaren kosmischen Feuers, um die Erlösung herbeizuführen, sondern des im eigenen Innern des Menschen, in unserem Blute wallenden Feuers, das die Erlösung herbeiführt. Daher können wir auch von dem Lichte, das ausstrahlt von dem Mysterium von Golgatha, eine so wunderbar tiefe Legende beleuchten, wie diese über den Kashyapa erzählte.
[ 27 ] Zunächst ist die Welt für uns finster und voller Rätsel; aber wir können sie vergleichen mit einem dunkeln Zimmer, in dem viele prächtige Gegenstände sind, die wir erst nicht sehen können. Wenn wir aber ein Licht anzünden, so erscheint dadurch die ganze Pracht der Gegenstände in dem Zimmer und alles, was diese Gegenstände sind. So kann es für den nach Weisheit strebenden Menschen sein. Der Mensch strebt zunächst in Dunkelheit. Er blickt in die Welt nach der Vergangenheit und nach der Zukunft und kann zunächst nur Dunkelheit erblicken. Wenn dann aber das Licht, das von Golgatha kommt, entzündet wird, dann wird alles erleuchtet, bis in die fernste Vergangenheit, bis in die fernste Zukunft hinein. Denn alles Materielle ist aus dem Geist geboren, und aus der Materie wird der Geist wiederum auferstehen. Und diese Gewißheit in einem an die Ereignisse der Welt anknüpfenden Feste wie dem Osterfest auszudrücken, ist der Sinn dieses Festes, das wir in diesen Tagen feiern. Und wenn die Menschheit sich vergegenwärtigt, wohin sie durch die Geisteswissenschaft dringen kann - daß die Seele, indem sie erkennt die Geheimnisse des Daseins, sich einleben kann in solchen wichtigen symbolischen Festzeiten wie der Zeit des Osterfestes in die Geheimnisse des Universums -, dann wird die Seele etwas fühlen von dem, was es heißt: nicht mehr bloß mit seinem engen persönlichen Dasein zu leben, sondern mit alldem, was in den Sternen scheint, was in der Sonne leuchtet, was da lebt im Universum. Sie wird sich erweitert fühlen zum Universum. Sie wird immer geistiger werden in diesem Hineinleben in das Universum.
[ 28 ] Vom Menschenleben durch die Auferstehung zum universellen Leben zu kommen, das sind die Töne, die wir in unser Herz hineinklingen lassen durch die geistigen Osterglocken. Und wenn wir sie hören, diese geistigen Osterglocken, dann wird uns schwinden aller Zweifel gegenüber der geistigen Welt. Dann wird uns die Gewißheit aufgehen, daß kein Tod in der Materie uns etwas anhaben kann. Dann hat das Leben im Geiste uns wieder, wenn wir sie verstehen, diese geistigen Osterglocken.
