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The Rudolf Steiner Archive

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Das Prinzip der spirituellen Ökonomie
im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen
GA 109

11 Juni 1909, Budapest

18. Das Erleben des Menschen nach dem Tode

[ 1 ] Öfters schon haben wir betont, wie die Gegenwart uns am besten verständlich werden kann aus der Vergangenheit und ihren Geschehnissen heraus, und auch das Charakteristische unserer spirituellen Zukunftsideale werden wir am leichtesten dadurch finden und erfassen lernen, daß wir zurückblicken in alte, längst verflossene Zeiten. Heute wollen wir daher hinweisen auf das, was nach dem Untergang der alten Atlantis sich herausgebildet hat, und dabei wollen wir uns mit dem beschäftigen, was der Mensch in der Zeit nach dem Tode erlebt hat.

[ 2 ] Der Zustand der Seele zwischen dem Tode und einer neuen Geburt war nämlich nicht immer der gleiche, auch er hat sich im Laufe der Menschheitsentwickelung geändert. Während der vier großen Kulturepochen, der uralt indischen, derjenigen der heiligen Rishis, der urpersischen, der Zarathustra-Kultur, der ägyptisch-chaldäischen, der griechisch-lateinischen und unserer Gegenwart, verband sich der Mensch immer enger mit dem physischen Plan, gewann ihn immer lieber. In jedem solchen Zeitraume stieg sozusagen die Menschenseele immer tiefer in die sinnliche Welt hinab. Je mehr Verständnis der Mensch für diese Welt hatte, desto fremder wurde ihm die geistige Welt nach dem Tode. Am meisten war dies der Fall in der griechischlateinischen Kultur. Lieb hatten sie die physische Welt, dieses sinnliche Dasein, die Griechen, weil sie in ihrer wunderbaren Kunst, in dieser herrlichen Verschönerung des physischen Daseins, ihre ganze Seele ausleben konnten. Dem Römer war diese Welt lieb, weil er in der Entdeckung des Ich das Gefühl der eigenen Persönlichkeit voll in sich entwickeln konnte. Der Begriff des römischen Bürgers und das römische Recht sind Marksteine dieser Kulturepoche. Heimisch fühlt sich der Römer in dieser physisch-sinnlichen Welt. Erst seit dieser Zeit entstehen die Rechtsbegriffe, so daß man mit Recht spricht von dem Heraufkommen der Jurisprudenz im Römischen Reiche, sie ist das Zeichen der Verehrung der Einzelpersönlichkeit. Und der Tod wurde das große Unbekannte, das Furcht einflößte. Der Ausspruch des Achilles: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten -, er bezeichnet am besten die damalige Auffassung des Zustandes der Seelen während des Lebens nach dem Tode. Es entspricht dem Erlebnis der Seele in der geistigen Welt. Je mehr diese Seelen ihre ganzen Fähigkeiten auslebten im Reich des Irdischen, desto mehr schwand ihnen das Vermögen, sich in der geistigen Welt nach dem Tode zurechtzufinden. Die Seele fühlte sich einsam in den Welten, die sie nun betrat. Auch im Geistgebiet hatte sie das Gefühl, daß es finster um sie herum sei, leer und kalt. Es fehlte ihr die Fähigkeit, mitzuerleben das Geistige der jenseitigen Welt. Auch die großen Führer der Menschheit, die Eingeweihten, auch sie konnten diesen Zustand nicht ändern, sie, die ja nicht nur hier auf Erden die Lehrer der Menschen sind, sondern auch drüben in den jenseitigen Welten. Wenn sie den Toten etwas von der diesseitigen Welt erzählten, so empfanden diese dann gerade doppelt schmerzlich, daß sie die physische Welt entbehren mußten, die sie so lieb gewonnen hatten. Sie konnten also den Toten nichts hinübertragen, was diesen etwas gab, was ihnen wertvoll war, und so sehnten sich diese alle nach der Wiederverkörperung. Der Mensch fühlte sich wie abgeschlossen von seinen Brüdern, er fühlte selbst im Geistgebiet sich verlassen. Wäre das so geblieben, dann wäre auch auf der Erde die Liebe und die Brüderlichkeit immer mehr verschwunden. Denn das Verweilen im Geistgebiet hätte für die Seelen nichts anderes bewirkt, als daß sie als Anlage sich von dort mit ins sinnlich-physische Dasein den Egoismus gebracht hätten, das Leben in dem eigenen Selbst.

[ 3 ] Wenn in der uralt indischen Zeit der Mensch die irdische Welt noch als Maja betrachtete, so wurde die Sache anders im Laufe der Entwickelung. Zarathustra wies schon darauf hin, daß der Mensch auch in der physischen Welt wiederfinden könne das Geistige. Er eröffnete jenen Weg, durch den die Völker einsehen sollten, daß in dem äußeren Sonnenlichtleib nur gegeben ist der äußere Leib eines hohen geistigen Wesens, welches er - im Gegensatz zu der kleinen menschlichen Aura — die große Aura, Ahura Mazdao nannte. Er wollte damit andeuten, daß dieses zwar jetzt noch weit entfernte Wesen einstmals heruntersteigen würde auf die Erde, um innerhalb der Menschheitsgeschichte sich substantiell mit der Erde zu vereinigen und im Menschheitswerden weiterzuwirken. Damit wurde für diese Menschen von Zarathustra auf dieselbe Wesenheit hingewiesen, die später in der Geschichte als der Christus lebte. Wenn ihr allmählich verstehen lernt, sagte er zu seinen Schülern, daß in allem Physisch-Sinnlichen das Geistige drinnen ist, daß das Physische durchdrungen ist von der großen Sonnenaura, von Ahura Mazdao, dann wird euch Ahriman nicht mehr verführen.

[ 4 ] Zu andern Zeiten sprach der Zarathustra: So groß und so mächtig ist der, der sich mir in der Sonne geoffenbart hat, daß ich alles für ihn dahingebe. Gerne opfere ich ihm meines Leibes Leben, meiner Sinne ätherisches Sein, den Ausdruck meiner Taten - den Astralleib.

[ 5 ] Das war das Gelöbnis, das einstens der große Zarathustra getan. Er wies seine Schüler darauf hin, daß der große Sonnengeist in der Erde selber, in ihren Tatsachen sich unmittelbar offenbaren werde. So macht Zarathustra den Anfang mit der Lehre, die im Sinnlichen nur die Physiognomie, den Ausdruck des Geistigen sicht.

[ 6 ] Dann kam die Zeit, wo diese selbe Wesenheit, die der Zarathustra verkündigt hatte, sich dem Moses im brennenden Dornbusch und auf dem Sinai geoffenbart hat. Moses lehrt nun, daß diese Sonnenwesenheit zugleich die Ich-Wesenheit ist, das Höchste, was der Mensch in sich aufnehmen könne. Aber nicht nur im Menschen ist ein Tropfen des Sonnengeistes hineingesenkt, sondern auch in allem draußen in der Natur, in den Elementen, überall. Dieselbe Gottheit, die sich dem Moses offenbarte in dem Namen «Ich bin der Ich-bin», das, was sich dem Zarathustra einstmals geoffenbart hat als Ahura Mazdao, als das Innerste, Intimste, als der Urgrund alles Wesens, das war damit einem ganzen Volke verkündet als der Höchste, dessen Name unaussprechlich war, nur im Allerheiligsten vom Priester ausgesprochen werden durfte. Die Gottheit, die im Menschen lebt, nicht nur sich offenbarte im Wesen der Elemente, im Aufblitzen des Feuers, die wird hier verkündigt.

[ 7 ] In Zarathustra können wir so den Vorherverkünder des Jahve sehen, derselben Wesenheit, die im Beginne unserer Zeitrechnung in dem Leibe des Jesus von Nazareth gewohnt hat und drei Jahre darinnen blieb. Es ist derselbe Gott, den Moses und Zarathustra verkündigt haben.

[ 8 ] «Wie werdet ihr mir glauben, so ihr Moses und den Propheten nicht geglaubt habt», sagt Christus. Damit bestätigt der Christus, daß das Alte Testament denselben Gott vorherverkündigt hat, nur unter anderem Namen den Christus verkündigt. Alle Ereignisse in der Welt brauchen eine gewisse Zeit, um sich auszuleben. Auf dem Sinai, im feurigen Dornbusch, war diese aus geistigen Höhen sich herabsenkende Sonnenwesenheit auf dem Punkte angelangt, daß sie sich durch die Elemente dem Menschen mitteilen konnte. Nun kam sie der Erde immer näher und näher, bei der Taufe im Jordan in die Hülle des Jesus von Nazareth, und als das Mysterium von Golgatha auf der Erde sich vollzog und das Blut aus den Wunden des Erlösers floß, da war das nicht nur der Ausdruck eines großen kosmischen Ereignisses, sondern auch des größten irdischen Ereignisses: der Christus zog als Geist der Erde in die Erdenaura ein. Ein neuer Einschlag war geschehen. Hellseherisch war das so zu verfolgen, daß in diesem Augenblick die Erdenaura sich veränderte, daß sie ganz bestimmte Farben zeigte. Neue Farben traten auf in ihr, neue Kräfte wurden ihr einverleibt. In dem Augenblick, da das Blut aus den Wunden des Erlösers auf Golgatha geflossen war, das Blut, das der physische Ausdruck des Ich ist, da verband sich das Ich des Christus mit der Erde. Es war aber auch der Augenblick gekommen, wo es anfangen konnte anders zu werden in der geistigen Welt für die Seelen nach dem Tode. Dies ist der Sinn der Höllenfahrt Christi.

[ 9 ] Wer vor dem Ereignis von Golgatha hellsehend war, der hätte in der Erdenaura das nicht gesehen, was später darin wahrgenommen werden konnte, als der Christus Jesus auf Golgatha durch den Tod geschritten war. Betrachten wir das Ereignis von Damaskus: Saulus, der als Eingeweihter der jüdischen Mysterien sehr wohl wußte, daß die große Aura - Ahura Mazdao - sich einst mit der Erde verbinden werde, er weigerte sich zu glauben, daß diese Wesenheit auf dem schimpflichen Kreuze geendet haben könnte. Trotzdem er die Geschehnisse in Palästina miterlebte, glaubte er nicht, daß in dem Jesus von Nazareth dieser große Geist auf der Erde geweilt habe. Erst als er vor den Toren von Damaskus hellseherisch wurde, da sah er in der Erdenaura den Christus-Geist, den lebendigen Christus, den man früher darin nicht sehen konnte. Da sagte er sich: Ja, das, was vorausgesagt ist, daß die Erdenaura sich ändern wird, das ist jetzt eingetreten! - und aus dem Saulus wurde ein Paulus. Eine Frühgeburt nennt sich der Paulus selbst, die durch Gnade hellsehend geworden ist; eine Frühgeburt, weil noch nicht ganz ausgereift, nicht so tief in die Materie heruntergestiegen und weniger fest mit dem physischen Leibe verbunden. Wer den Gang des Christentums verfolgt, der weiß, daß Paulus die wichtigste Persönlichkeit ist, die am meisten zu dessen Ausbreitung beigetragen hat. Eine okkulte Tatsache, ein übersinnliches Ereignis also war es, das den Paulus bekehrt hat, und man kann sagen, durch dieses hellseherische Ereignis ist die Menschheit zu Christus gekommen. Damals, als sich die Erdenaura veränderte - und sie ist seither verändert —, als das Blut aus den Wunden des Erlösers floß, damals vollzog sich das, was hineingeheimnißt ist in die Worte des Johannes-Evangeliums: «Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen.» Der Christus ist seither der Geist der Erde, der planetarische Geist geworden. Die Erde ist der Leib des Christus; er hat seinen Wohnplatz im Innern der Erde. Nicht nur abfällig oder als ein Hinweis auf den Judas, der den Christus verrät, ist dieser tiefe Ausspruch des Johannes-Evangeliums aufzufassen, sondern er ist auf dieChristusJahve-Gottheit und ihr Verhältnis zur Erde zu beziehen.

[ 10 ] Der okkulte Forscher findet, wenn er die Kunst der Griechen und die nachchristliche Kunst vergleicht, in ihrer Wirkung auf jene Welt, die der Mensch nach dem Tode betritt, noch folgendes: Wenn der Hellseher zum Beispiel einen griechischen Tempel mit seinen dorischen Säulen, etwa die Ruinen von Paestum, mit dem sinnlichen Auge betrachtet, so kann er schwelgen in den harmonischen Formen, die aus den geistigen Richtlinien selbst herausgeboren sind und die dadurch wirklich diesen Tempel zu einem Wohnort des Gottes machen, Wie eine Seele sich hingezogen fühlt zu dem Leibe, der ihr entspricht, so steigt der Gott nieder in diese Formen, die so vollkommen seinem Wesen entsprechen. Wenn aber dann das Seherauge hinblicken will auf das geistige Gegenbild dieses Tempels, dann findet er davon nichts in der geistigen Welt. Wie ausgelöscht ist dort dieser Tempel, wie ausgespart ist der Raum in der geistigen Welt, nichts ist von ihm dort zu sehen. Betrachtet dagegen im gleichen Sinne der Seher die Werke der nachchristlichen Kunst oder zum Beispiel das Johannes-Evangelium, das, was mit dem Christus-Jahve zusammenhängt, das Alte und das Neue Testament, oder Raffaels Madonnen, betrachtet er diese Schöpfungen erst sinnlich und dann hellsehend, so sind sie in der geistigen Welt nicht verloren, sondern leuchten dort noch viel herrlicher auf. Ganz besonders mit dem Johannes-Evangelium ist es so. Da erst geht Ihnen die Größe dieser Schöpfung auf. Hell und klar wird Ihnen erst in der geistigen Welt das, was als zusammenhängend mit dem Ereignis von Golgatha bezeichnet werden kann.

[ 11 ] Gleichzeitig mit dem historischen Ereignis auf dem physischen Plan geschah etwas Spirituelles, das zugleich auch ein Symbolisches war, da aus den Wunden des Erlösers das Blut floß. Als der Christus nicht mehr lebte in dem physischen Leibe des Jesus von Nazareth, in dem Augenblick, da er auf Golgatha gestorben war, erschien der Christus in der geistigen Welt den zwischen Tod und Geburt lebenden Seelen, und da wich die Finsternis dort. Wie von einem Lichte wurde plötzlich die geistige Welt durchstrahlt. Wie in einem dunklen Raum die Gegenstände alle plötzlich sichtbar werden, wenn ein Lichtstrahl hereindringt, wie Sie plötzlich alles das sehen, was ja immer vorhanden war, was Sie aber vorher nicht wahrnehmen konnten, so ergoß sich das Licht in jene Welt der Abgeschiedenen. Und diese konnten wiederum wahrnehmen, was um sie herum war, konnten wieder sich verbunden fühlen im Geistgebiet mit ihren Brüdern und konnten nun als Anlage in die physische Welt hereinbringen die Liebe und die Brüderlichkeit. Ein neues Licht kam so hinein in diese Welt der Toten, denn das Mysterium von Golgatha hat nicht nur eine Bedeutung für die Welt, in der es sich physisch vollzogen hat, sondern es hat eine Bedeutung für alle die Welten, mit denen der Mensch in seiner Entwickelung es zu tun hat. Wäre es in der geistigen Welt so geblieben, wie es für die Toten in der griechisch-lateinischen Zeit war, wäre die Seele in der eisigen Kälte und Einsamkeit von damals geblieben, so wäre immer mehr in der physischen Welt das verschwunden, was man Brüderlichkeit und Liebe nennt. Es hätte der Mensch aus dem Devachan mitgebracht den Hang zur Abgeschlossenheit. Denn das Licht, das damals hineinströmte in die irdische Welt und das auch hineingeleuchtet hat in die Welt der Toten, das soll das Reich der Brüderlichkeit und der Liebe auf der Erde begründen. Das ist die Mission des Christus-Impulses.

[ 12 ] Nun wollen wir uns noch von einer andern Seite her das Mysterium von Golgatha, das Geheimnis des aus den Wunden des Erlösers fließenden Blutes, klarmachen.

[ 13 ] Wir wissen, daß der Mensch auf der Erde vom Monde her eine Erbschaft angetreten hat. Die drei niederen Leiber, physischer Leib, Äther- und Astralleib waren ihm zubereitet, und erst auf der Erde kam das Ich dazu, der Ausdruck der menschlichen Freiheit und Selbständigkeit. Wichtig war es in alten Zeiten, zu begründen die Zusammengehörigkeit der Menschheit. Es geschah anfangs so, daß nur gerettet wurden die Beziehungen von Mensch zu Mensch dadurch, daß man ihnen eine physische Grundlage gab. Das Blut, es ist der Ausdruck des Ich. Die Blutsverwandtschaft und die Blutsbande beherrschten das Menschengeschlecht. Das physische Blut war das Mittel, das Medium, um von Mensch zu Mensch zu wirken. So war es in alten Zeiten. Nun ist aber durch den Christus Jesus die Liebe zu einem unsinnlichen Band geworden. Das Wirken des menschlichen Gruppen-Ichs tritt zurück. Früher gehörte der einzelne Mensch zu einem gemeinschaftlichen Stammes-Ich, und er fühlte sich darin geborgen, im Schoße des Vaters Abraham. Viel wichtiger war diese Zusammengehörigkeit als seine individuelle Person. In der Zusammengehörigkeit der Blutsverwandtschaft besteht sein höheres Selbst. Wir hören im Alten Testament von Noah und andern Stammvätern, daß sie jahrhundertelang lebten. Das ist so zu nehmen, daß wir da in Zeiten zurückgeführt werden, in denen der Mensch nicht nur ein Gedächtnis für das hatte, was er selbst erlebte, sondern wo dieses weit hinauf in die Generationen zurückging. Er sagte nicht «Ich» zu sich, sondern er lebte wie in seinem Ich bis zu den fernliegenden Urahnen hin. Sein Leben fing nicht an bei seiner Geburt, er fing nicht da an, zu sich Ich zu sagen, sondern er sagte Ich zu alledem, was seine Ahnen erlebt hatten.

[ 14 ] Gegen die Blutsliebe führten in allen Zeiten die luziferischen Wesenheiten ihre allerschärfsten Angriffe. Sie wollten jeden einzelnen Menschen auf sich selbst stellen. Das Selbstbewußtsein, das wollten sie den Menschen einimpfen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Göttliche Wesenheiten, Träger der Liebe, trachteten den Menschen mit dem Menschen in Liebe zusammenzubringen durch andere Bande als die Blutsbande, die nicht mit der Freiheit rechnen. Das Christus-Prinzip verbindet mit der vollen Ausprägung des Ich die dem Geist der Liebe entströmende Kraft und läßt sie walten von Mensch zu Mensch. Daher heißt ein Ausspruch: Christus verus Luciferus - Christus der wahre Luzifer oder Lichtbringer, und zuletzt der Gegner des gefallenen Luzifer. Die Blutsliebe wurde umgewandelt durch den Christus in die geistige Liebe, in die strömende Bruderliebe von Seele zu Seele. Der Ausspruch des Christus: Wer nicht verlässet Vater und Mutter, der kann nicht mein Jünger sein - ist so zu verstehen, daß die Blutsliebe sich umwandeln muß in die Bruderliebe, die alle Menschen mit gleicher Kraft umfaßt. Nichts wegnehmen will die Geisteswissenschaft von all diesen Aussprüchen der Bibel, sondern hinzufügen kann sie nur ein tieferes Verständnis der christlichen Gnade, wenn sie im rechten Sinne entgegengenommen wird. Die Kraft der geistigen Liebe, die hat der Christus der Menschenseele zuerst gebracht bei seinem Erscheinen auf der Erde, und mit dem Blute, das auf Golgatha aus den Wunden des Erlösers floß, war sozusagen das überschüssige Blut der Menschheit geopfert worden, durch die Tat war die Lehre besiegelt worden, daß das Individuum dem Individuum als Menschenbruder dem Menschenbruder gegenüberzustehen hat. Das Christus-Verständnis ist heute noch sehr klein in der Welt. Man muß erst lernen, die ganze Größe dieses gewaltigsten kosmischen Ereignisses zu verstehen. Geahnt haben immer einige die ganze Bedeutung des Christus-Wesens und seines Erscheinens auf der Erde. Wie haben sie es geahnt? Schauen Sie hin auf die Menschen und Völker, die länger aufrechterhalten haben den Zusammenhang mit der geistigen Welt. Der Inder, er machte sich nicht viel aus dem Zusammenhang mit der physischen Welt. Übersinnliche Wahrheiten und höchstes spirituelles Leben wollte er sich erringen in der geistigen Welt, aber nicht lieb gewinnen wollte er das physische Leben. Eine morgenländische Sage lassen Sie mich Ihnen erzählen, die in grandioser Weise darauf hinweist, wie das Christus-Prinzip ahnend dort erfaßt worden ist.

[ 15 ] Im Laufe der Zeit - so heißt es - erschien die Macht, die unsere Erde lenkt. Eine morgenländische Sage, die darüber berichtet, wurde in den Tempeln Tibets, in dessen nördlichen Teilen, dem Schüler der Urweltweisheit des Buddha erzählt und hat sich seither bewahrt. Kashyapa, so berichtet die morgenländische Legende, der beste Schüler des Buddha, lebte in einer Zeit, in der wenig Verständnis selbst im Osten für die Weisheit zu finden war. Und als er herannahen fühlte sein Ende, zog er sich zurück in eine Höhle; dort lebte er lange Zeit, und sein Leichnam sollte dort aufbewahrt bleiben und harren des Erscheinens des Maitreya-Buddha, um dann zum Himmel aufsteigen zu können.

[ 16 ] Diese Legende will sagen: Wenn nichts Besonderes eingetreten wäre, das heißt, wenn der Christus nicht auf der Erde erschienen wäre, so hätte das Morgen- und das Abendland nicht mehr finden können den Weg in die geistige Welt. Der Leib des Kashyapa wird aufbewahrt, bis der Maitreya-Buddha befreien wird den Leichnam von der Erde, das heißt, der Mensch wird wieder Kräfte haben in der Zukunft, wonach das, was irdisch ist, vergeistigt werden kann. Tiefer als jemals eine solche Wesenheit heruntergestiegen ist, wird die hohe Wesenheit herabsteigen, die des Kashyapa Leib hinaufführt in die geistige Welt. Der Christus selber befreit den Leib des Kashyapa. Und in der Zeit, die diesem Ereignis folgt, ist der Leib nicht mehr da. Was heißt das? Der Leib ist zugleich in die spirituelle Welt übergeführt. Im Elemente des Feuers kann der Leib des Kashyapa befreit werden. Wo ist dies Feuer? Vergeistigt ist es, als es der Paulus vor Damaskus sieht. So ist das Erscheinen des Christus auf der Erde der große Wendepunkt, wo der Mensch wieder hinaufsteigen kann aus der physischen Welt in die geistige Welt.

[ 17 ] Und nun blicken Sie auf das, was der Buddha gelehrt hat. Dem Buddha ging durch die Betrachtung von Alter, Krankheit, Tod und so weiter die große Wahrheit vom Leiden auf. Und er lehrte nun die Aufhebung des Leidens, die Befreiung vom Leid durch die Auslöschung des Verlangens nach Geburt, nach sinnlicher Verkörperung.

[ 18 ] Nun betrachten Sie die Menschheit sechshundert Jahre später. Was erkennen Sie da? Die Menschheit verehrt einen Leichnam: sie schaut auf den Christus am Kreuze, der gestorben ist und durch seinen Tod das Leben gebracht hat. Das Leben hat den Tod überwunden.

[ 19 ] Erstens: Geboren werden ist Leiden? - Nein, denn der Christus ist durch die Geburt in unsere Erde eingetreten, fortan ist für mich, den Christen, Geborenwerden kein Leiden mehr. - Zweitens: Krankheit ist Leiden? — Aber es wird erstehen das große Heilmittel, die Seelenkraft, die durch den Christus-Impuls entzündet worden ist. Indem der Mensch sich verbindet mit dem Christus-Impuls, vergeistigt er sein Leben. - Drittens: Alter ist Leiden? - Aber während sein Leib gebrechlich wird, wird er selbst immer stärker und mächtiger. — Viertens: Tod ist Leiden? - Aber durch den Christus ist der Leichnam das Symbol geworden dafür, daß der Tod, das Physische, durch das Leben, den Geist, besiegt worden ist, daß der Tod endgültig überwunden worden ist durch das Leben. - Fünftens: Getrenntsein von dem, was man liebt, ist Leiden? - Aber der Mensch, der den Christus erfaßt hat, ist nimmer getrennt von dem, was er liebt, denn der Christus hat die Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt erhellt, so daß der Mensch verbunden bleibt mit dem, was er liebt. - Sechstens: Nicht erhalten, was man begehrt, ist Leiden? - Wer mit Christus lebt, der wird nicht mehr begehren, was ihm nicht zukommt, was nicht gegeben wird. - Siebentens: Vereint sein mit dem, was man nicht liebt, ist Leiden? - Aber der Mensch, der den Christus erkannt hat, der entfacht in sich jene große, umfassende Liebe, die jedes Wesen, jedes Ding umschließt und liebt nach seinem Werte. — Achtens: Getrennt sein von dem, was man liebt, ist nicht mehr Leiden, denn es gibt in Christo keine Trennung mehr.

[ 20 ] So ist für die Krankheit des Leides, die der Buddha gelehrt und erkannt hat, durch den Christus das Heilmittel gegeben.

[ 21 ] Diese Entwickelung der Menschheit zu Christus und dem Leichnam am Kreuz ist der größte Umschwung, der jemals in der Evolution geschah.