Das Prinzip der spirituellen Ökonomie
im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen
GA 109
15 Juni 1909, Wien
21. Zur Einweihung des Zweiges Breslau
[ 1 ] Bei Worten, die zur Einweihung eines Arbeitszweiges gesprochen werden sollen, gilt es mehr, Zweck und Ziel der geisteswissenschaftlichen Arbeit zu erläutern, als darum, bedeutende Enthüllungen über Geheimnisse höherer Welten zu bringen. Wenn man sich vorstellen will, welche Bedeutung die geisteswissenschaftliche Weltanschauung für die menschliche Seele hat, müssen wir unsere Blicke auf und über verschiedene Gebiete lenken.
[ 2 ] Stellen Sie sich einen Menschen des 13. bis 14. Jahrhunderts vor. Er lebte in einer Zeit, als die Buchdruckerkunst noch nicht erfunden war, durch welche in der neueren Zeit eine so mächtige Einwirkung auf die menschliche Seele in Erscheinung trat. Stellen Sie sich also einmal einen Menschen jener Zeit vor und fragen Sie sich, was in dessen Seele vorging, wenn er zum Beispiel seine Augen nach dem Himmel richtete. Er, dessen Anschauungen noch nicht durch angehäuftes Wissen und durch materielle Gelehrsamkeit beeinflußt waren, wie es diejenigen eines heute lebenden Menschen sind, er sah am Tage den Raum durchglänzt von der Sonne, in der Nacht durchstrahlt vom Sternenschimmer, und da fühlte seine Seele den Weltenraum durchmessen von geistigen Kräften und geistigen Wesenheiten. Er fühlte sie. Durch die damaligen Kulturmittel entstanden in ihm Vorstellungen von göttlich-geistigen Tatsachen, und er fühlte sie unmittelbar. Und so war es auch, wenn er im Frühling die Pflanzen hervorwachsen sah aus der Erde: seine Seele fühlte diese Natur erhellt und erfüllt von göttlich-geistigen Wesenskräften.
[ 3 ] Dieses Erfühlen, dieses unmittelbare Empfinden der geistigen Wesenskräfte tritt immer mehr zurück, je mehr wir uns der Jetztzeit nähern, Hiermit soll über die letztere nicht etwa eine abfällige Kritik geübt werden, denn das Zurücktreten dieses Fühlens ist begleitet von dem Aufkommen einer andern Art des Naturerkennens, von der mehr verstandesmäßigen, äußerlichen Weltbetrachtung, und es ist durchaus richtig, daß die Menschen dadurch gelernt haben, sich die Beherrschung der Naturkräfte zu erarbeiten, mit den Mikroskopen die Welt im Kleinen zu erforschen und mit den Fernrohren die Sterne in ihrem Laufe durch den Raum zu verfolgen. Es ist richtig, daß die Menschen in gewisser Beziehung stolz sind, die Beherrschung der Naturkräfte noch weiter steigern zu können, aber wir wollen uns auch gleichzeitig klarmachen, daß hierdurch alle Menschheitsimpulse andere geworden sind.
[ 4 ] Wenn der Mensch früher nach den Sternen gesehen hat, so sagte er sich: Ich fühle Göttlich-Geistiges in den Sternen. Heute dagegen sieht er nur die physischen Körper, und es ist für den heutigen Menschen schwierig, sich Göttlich-Geistiges vorzustellen. Die Menschheit hat wirklich das Verständnis für dieses göttlich-geistige Schauen verloren. Trotzdem ist es doch wahr, daß es auch heute viele Seelen gibt, die im Erkennen von Göttlich-Geistigem wunderbar berührt werden. Oh, die Seele hat einen Durst, sich vorzustellen, wie der Raum ausgefüllt ist von Göttlich-Geistigem, ausgefüllt ist von einer geistigen Kraft, und sie hat das Bedürfnis, dieses Göttliche zu erkennen.
[ 5 ] Nun ist die geschilderte materielle Entwickelung so weit gediehen, daß gerade die ernstesten und eifrigsten Wahrheitsforscher in der letzten Zeit nach und nach dazu kamen, anzunehmen, es könne nur eine kindliche Auffassung sein, in der Welt etwas Göttliches zu fühlen, und die Menschheit sei jetzt in ein reiferes Zeitalter eingetreten, wo man überwundene Standpunkte beiseite schieben müsse. Schon das Kind in der Schule wird einem Zwiespalte ausgesetzt, der zu den tiefgehendsten Folgen für das Leben führt. Auf der einen Seite wird dem Kinde der naturwissenschaftliche Unterricht in rein materialistischer Weise gegeben, auf der andern Seite der Religionsunterricht. Zwischen beiden ist keine Brücke, kein verbindendes Glied. Was wird daraus im späteren Leben? Man kann sagen, die ganze Menschheit wird dadurch in zwei Lager geteilt, je nach den Konsequenzen, welche aus diesem Zwiespalt entspringen. Da gibt es dann einerseits diejenigen, die gleichgültig geworden sind und sich um nichts mehr kümmern, und andererseits dann diejenigen, die es tragisch auffassen, grübeln und doch nicht klar werden,um schließlich an der Lösbarkeit der Lebensrätsel zu verzweifeln. In diese zwei Lager zerfällt tatsächlich die denkende Menschheit. Vielleicht sind es dann schließlich nur noch die einfacheren Gemüter, die sich noch ein gewisses Empfinden für das Geistige bewahrt haben. Derjenige, der nicht bloß äußerlich alles anschaut, weiß, daß gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Gefahr des gänzlichen Einsinkens der Menschheit in das materialistische Leben am größten war. Die ganze Stimmung und Gemütslage des Menschen wurde zu einem materialistischen Fühlen und Empfinden. Darin bestand eine furchtbare Gefahr für die Menschheit. Wissen Sie, was da eingetreten wäre, wenn da Geisteswissenschaft nicht eingegriffen hätte? Immer tiefer wäre die Denkweise ins materialistische Fahrwasser eingesunken. Die Gedankenformen hätten sich immer mehr verhärtet und wären immer verknöcherter geworden, ihre Abgrenzungen würden immer schärfer und unveränderlicher geworden sein, statt in regem Flusse sich anzupassen. Kein Mensch hätte für einen andern und mit einem andern fühlen können, und nur jeder für sich allein hätte sich im Recht gefühlt und jeden anders denkenden und anders fühlenden verachtet und gehaßt. Ganz starre Formen, jeder Liebe bar, hätte das Denken erhalten, und der Geist wäre schließlich so in den Hintergrund gedrängt worden, daß ein Anschluß für immer unmöglich gemacht worden wäre, und der Weg in die geistige Welt, er wäre verloren worden. Die Erde würde ein Mond geworden sein. Aus diesem Grunde haben diejenigen, die Einblick haben in die höheren geistigen Welten, der Menschheit die Geisteswissenschaft gebracht. Aus welchen Quellen fließen nun diese Lehren, die dazu bestimmt sind, die Menschheit vor dieser großen Gefahr zu retten? Gerade an einem Tage, wo es gilt, eine neugebildete Arbeitsgruppe einzuweihen, ist es angebracht, darüber etwas zu sagen. Diese Quellen sind den meisten Menschen noch verborgen, doch werden sie nach und nach immer offenbarer werden. Aber aus diesen Quellen heraus wurde die Geisteswissenschaft gegründet. Was sagt nun die Geisteswissenschaft? Sie sagt vielerlei, was der gewöhnliche Mensch mit seinen gewöhnlichen Sinnen nicht wahrnimmt. Sie sagt zum Beispiel, daß der Mensch nicht bloß aus dem äußerlich sichtbaren Körper besteht, sondern daß er viergliedrig sei; daß er außer dem sichtbaren Körper auch einen für gewöhnliche Menschen unsichtbaren Lebens- oder Ätherleib, ferner einen Empfindungs- oder Astralleib, und viertens das Ich besitzt, welches von Verkörperung zu Verkörperung geht, um eine fortschreitende Entwickelung in einer langen Zeit zu vollenden. Sie, die Geisteswissenschaft, sagt uns noch mehr. Sie sagt uns zum Beispiel, daß die Erde selbst auch eine Entwickelung von Verkörperung zu Verkörperung durchmache, eine Entwickelung kosmischer Natur. Sie zeigt uns ferner, daß die Sonne und die Planeten in diesem Entwickelungsvorgange die wichtigsten Rollen spielen, und daß das Bestehen aller dieser Weltenkörper und ihrer Vorgänge mit der Existenz geistiger Wesen zusammenhängt.
[ 6 ] Was ist das alles? Wo sind die Quellen dieser Wahrheiten? Sie kommen von den Eingeweihten. Und wer sind die Eingeweihten? Es sind diejenigen, deren geistige Augen geöffnet sind, und die deshalb von der geistigen Welt reden, weil sie diese geistige Welt kennen. Sie sind die Sehenden zwischen Blinden. Schon Fichte spielte auf dieses Verhältnis an, und in der Tat sind für den Sehenden die geistigen Dinge so wirklich wie die körperlichen, ja noch viel wirklicher, denn ihm sind die letzteren nur der Ausdruck der ersteren. Freilich werden viele Menschen sagen, wenn ein Seher spricht von Ätherleib, Empfindungsleib und so weiter und von andern Kundgebungen geistiger Art, daß das ein Träumer und Phantast sei, welcher Theorien und Hypothesen für Wirklichkeiten halte. Der Seher begreift vollkommen, daß diejenigen, die nicht sehen, solche Einwendungen machen können. In einer Gesellschaft von physisch Blinden kann noch so viel und noch so genau von und über Farben und Licht gesprochen werden, für den Blinden bleibt das Theorie, aber den Begriff, den tatsächlichen Wirklichkeitsbegriff von Farbe und Licht wird der physisch Sehende dem physisch Blinden auch nicht eröffnen können. Dazu müßten die Blinden eben selbst sehen können, und erst dem erfolgreich operierten Blinden kann die Welt des Lichts aufgehen.
[ 7 ] Wir wollen uns dieses Verhältnis noch in einem andern Bilde vorzustellen versuchen. Wir wollen uns vorstellen, wir hätten ein großes Gefäß mit Wasser vor uns, und wollen annehmen, es gäbe einen Menschen, der mit seinen Sinnen Wasser nicht sehen, nicht fühlen, überhaupt nicht empfinden könne. Für diesen Menschen würde das Gefäß leer sein. Nun wollen wir weiter annehmen, es könnte auf irgendeine Weise bewirkt werden, daß Kälteströmungen auf das Wasser einwirken, die es zum Gefrieren bringen. Zunächst würden hier und da Eisnadeln entstehen, welche sich dann bis zur Klumpenbildung zusammenballen können. Weil aber Eis ein fester Körper ist, so würde jener Mensch, der für Wasser keine Empfindung hat, die sich bildenden Eisteile wahrnehmen können. Was nimmt er nun wahr? Er nimmt wahr, daß Eis entsteht. Aber aus was entstünde es ihm? Aus nichts. So steht der Eingeweihte da in seinem Verhältnis zu den andern Menschen. Wo diese nichts sehen, sieht er. Nun aber sagen die Menschen: Wie kann ich das, was ich nicht nachprüfen kann, glauben können? Und da ich das nicht kann, welchen Zweck hätte es, sich da überhaupt erst mit solchen Dingen zu befassen, sich auf solche Dinge einzulassen? - Dazu verlangen besonders die philosophisch-monistischen Dogmatiker folgendes: erstens, daß alles zugegeben wird, was sie selber behaupten, und zweitens, daß niemand mehr wissen dürfe, als sie selber wissen. Sie stellen sich als die unfehlbaren Menschen hin, die die Grenzen der Erkenntnis bestimmen können. Der wahre Eingeweihte wird die wissenschaftlich erforschten Tatsachen niemals in Abrede stellen, sondern wohlwollend die Wahrheiten und die Verdienste der Wissenschaft anerkennen. Jedoch muß er es ablehnen, zuzugeben, daß der wissenschaftliche Dogmatiker die Grenzen der Erkenntnis festzustellen vermöge. Der Wissenschafter ist stolz auf das Wissen, im Gegensatz zum Glauben. Aber wenn da von Glauben und Nichtglauben gesprochen wird und der Wissenschafter der Meinung ist, daß seine Forschungsresultate frei von Glauben seien, so irrt er. Es ist einfach unmöglich, irgend etwas zu erforschen und zu lehren, ohne zu glauben. Man nehme zum Beispiel die Zellenlehre. Wir haben da in den Büchern die schönen Abbildungen von Zellen, Zellenteilungen, Zellenleben und so fort, klar und deutlich, mit allen Einzelheiten. Aber wer von uns hat das mit solcher Deutlichkeit selbst schon gesehen? Wir glauben alle, daß das so ist. Selbst die Universitätslehrer, die solches lehren, haben in den seltensten Fällen dies selbst alles gesehen, und doch lehren sie es. Sie haben es deswegen nicht selbst sehen können, weil es so schwer und selten zu beobachten ist, daß es nur wenigen einzelnen gelingt, es zu sehen, und dann, weil es in Wirklichkeit gar nicht so klar und deutlich ist, wie die Abbildungen ausschauen. Man denke an die Embryologie. Von jedem Augenblick der Schwangerschaft glaubt man ganz genau das Aussehen des Embryos zu kennen. Aber wie äußerst selten ist ein Forscher in der Lage, etwa durch einen plötzlichen Todesfall, der gerade in einem gewissen Moment der Schwangerschaft eintritt, Einblick zu bekommen. Wie mancher dieser Forscher hat das nie gesehen, was er lehrt. Bis dahin wo er selbst erst sah, mußte er glauben, und andere mit ihm. Und doch stellt er der Geisteswissenschaft gegenüber die Forderung, man solle nicht glauben, und niemand solle mehr wissen als er selbst. Das Wesen des Eingeweihten besteht darin, daß er hineinsehen kann in die geistige Welt. Bei den Eingeweihten sind die Quellen geisteswissenschaftliche Erkenntnis.
[ 8 ] Ja, aber was nützt dies denen, die diese Erkenntnis nicht besitzen? Das soll ein Gleichnis lehren. Sehen Sie diesen Ofen an! Nun stellen Sie sich vor, es stelle sich jemand hin vor diesen Ofen und spreche zu ihm: Du Ofen, du bist zum Wärmen geschaffen, besinne dich auf deine Mission und mache die Stube warm! - Wird er es tun? Wird die Rede etwas nützen? Nein, der Ofen rührt sich nicht. Aber man rede nicht, sondern schaffe Holz und Kohlen herbei und heize, dann wird er seine Mission erfüllen.
[ 9 ] So ist es mit der Mitteilung geisteswissenschaftlicher Wahrheiten. Sie sind das Heizmaterial für die menschliche Seele. Seit Jahrtausenden wird den Menschen Moral gepredigt und ihnen gesagt: Seid gut, liebet euch! - Aber tun sie es denn? Sieht es nicht ziemlich schlimm aus trotz aller christlichen Kirchenlehre? In einer süddeutschen Stadt sagte mir einst ein Pastor: Was Sie da über die Evangelien sagen, dagegen kann ich ganz und gar nichts einwenden, aber was hat es für einen Zweck, hie und da kleine geisteswissenschaftliche Konventikel zu bilden, wo doch die Kirche die praktische Erziehung in größtem Maßstabe ausführt? - Ja, wenn dieser Pastor recht hätte, dann hätte es keinen Zweck. Aber er hat nicht recht, denn wenn die Kirche ihre Aufgabe in vollem Umfange erfüllen würde, woher kommen dann immerfort noch die vielen Schlechtigkeiten? Gehen denn überhaupt alle Leute in die Kirche? Die Kirche predigt eben nicht praktische Moral, sondern Ofenmoral. Heutzutage gibt es nicht mehr viele Menschen, die auf bloßes Zureden hin besser werden. Und nun haben sich auch gerade noch die fähigsten Menschen von der Kirche abgewendet. Und wenn das so weiterginge, dann würden die Anhänger der Kirche immer spärlicher und spärlicher werden und der Materialismus sich immer breiter und breiter machen, bis eines Tages von der Kirche nicht mehr viel übrigbliebe. Darum ist eben die Geisteswissenschaft gekommen, sie ist nötig geworden, um das Heizmaterial herbeizuschaffen. Sie ist Heizmaterial, denn die bloße Mitteilung von Tatsachen aus den geistigen Welten wirkt anziehend und fördernd auf die geistige Entwickelung des einzelnen, fördernd nicht nur in Beziehung zur Moral, sondern auch in Beziehung auf geistiges Schauen.
[ 10 ] Es gibt auch unter Geisteswissenschaftern solche, die der Meinung sind, man solle nur gut und edel sein und nach Vollkommenheit streben, dann würden sich die geistigen Augen schließlich von selbst auftun. Zugleich meinen sie, die Mitteilungen höherer Wahrheiten seien gering zu achten, und man solle nur darauf warten, es selbst sehen zu können, bis dahin, wo einem der Schleier von selbst gelüftet wird. Diejenigen, die so denken, irren. Sie verkennen den Charakter solcher Mitteilungen in seiner Wirkung als Heizmaterial. Es kommt darauf an, in der Seele Schwingungen zu erregen, die ihr auf andere Weise oder von selbst nicht kommen würden.
[ 11 ] Was ist es aber, was im Menschen aufleuchten kann, aufleuchten soll, wenn er seine richtige Entwickelung begreift und fördert, wie es die Geisteswissenschaft sich zur Aufgabe hinstellt? Dazu müssen wir weit ausholen. Bis in die altindische Kultur müssen wir zurückgehen, welche wir bezeichnen als die Zeit der sieben Rishis. Diese waren die Eingeweihten jener Zeit, welche die Entwickelung der Menschen leiteten. Wenn sie aus ihrem geistigen Schauen heraus den Menschen Kunde brachten vom Höchsten, so sagten sie: Hoch über allem Sein, unerkennbar, unerforschbar, liegt eine Ursache, ein Wesen, das wir Vishva-Karman nennen, das wir aber nur ahnen können. Es liegt uns gleichsam zu fern, um es erkennen zu können. Jedoch nach uns, viel später, wird es der Menschheit näher kommen. Dann in einer viel späteren Kulturepoche sprach ein anderer Eingeweihter über dieses Wesen. Es war Zarathustra, nicht der historische, sondern ein Vorgänger desselben. Wenn er zum Volke sprach in seiner altpersischen heiligen Sprache, deren Herrlichkeit sich heute kaum darstellen läßt, so sagte er: Ich sehe das höchste Wesen in der Sonne, um die Sonne. In der Atmosphäre der Sonne ist es! - Und deshalb nannte er es: Ahura Mazdao, die große Aura, im Gegensatz zum Menschen, der kleinen Aura. Er erkannte in der großen Aura ein Ebenbild oder Vorbild für die kleine Aura, den Menschen. Ahura Mazdao ist gleich Ormuzd. Und er hat gepredigt, daß der Ahura Mazdao einst im Menschen wird offenbar werden. Das hat er vorausgeschaut. Aber er schaute auch, daß im Menschen Kräfte vorhanden sind, die ihn von der Offenbarung des höchsten Wesens in ihm hindern und fernhalten. Diese bezeichnete er als Ahriman, das Böse.
[ 12 ] Noch später, in einer andern Kulturepoche, da haben wir wieder einen großen Eingeweihten. Dem war die Erkenntnis noch näher geworden. Bei den Rishis war das höchste Wesen gleichsam in ungeheurer Entfernung im Weltraum verborgen, bei Zarathustra war es bis zur Sonne vorgerückt, aber bei Moses reichte die Erkenntnis bereits in greifbare Nähe. Im brennenden Dornbusch, der zu Moses sprach, haben wir die Aura als Bestandteil irdischer Elemente. Moses erkannte, daß das höchste Wesen in der Erde vorhanden ist. Das Wesen war für den Eingeweihten heruntergestiegen über die Sonne zur Erde. Es lebte nun in den Elementen. Und als Moses das Wesen fragte, was er dem Volke sagen sollte, so sagte es ihm: «Ich bin der Ich-bin, Jahve.» Damit haben wir die Erklärung, daß das Wesen gekommen sei, um im Ich des Menschen zur Entfaltung zu kommen. Das war damals noch nicht der Fall. Der Mensch hatte damals das Bewußtsein des Höchsten noch nicht in seinem Innern zur Entfaltung gebracht. Moses jedoch wußte, daß dies geschehen sollte.
[ 13 ] Und noch später kam ein andrer Mensch, der hellsichtig wurde: Paulus. Er wußte, daß in Jesus Christus dieses höchste Wesen verkörpert war. Aber er konnte nicht glauben, nicht fassen, daß jenes Wesen am Kreuze sterben mußte. Da wurde er eingeweiht. Daß er eingeweiht werden konnte, hatte er dem eigentümlichen Umstande zu verdanken, daß er eine unzeitige Geburt war. Eine Frühgeburt, ein Mensch, der nicht volle neun Monate ausgetragen wurde, ist einer, der nicht so tief in die Materie gestiegen ist, weshalb ihm der Einblick in die geistige Welt leichter wird. Und als Paulus hellsichtig wurde, da erkannte er, daß in Christus das höchste Wesen lebte. Nun war es tatsächlich im Menschen aufgelebt. Daher sagt Christus beim Abendmahl: «Das Brot ist mein Leib, der Wein ist mein Blut.» Brot: Erde; Wein, Pflanzensaft: Geist.
[ 14 ] Bis hierher wollte ich Sie heute führen, um Sie fühlen zu lassen, was es zu bedeuten hat, daß ein solches Wesen sich der Erde genähert hat, in die Erde herabgelassen hat. Und das geschah auf Golgatha. Ist nun in Golgatha wirklich dieses Wesen über die Erde geflossen? Dazu betrachten wir und vergleichen wir die Zeit, sagen wir sechshundert Jahre vor Christi Geburt mit der Zeit sechshundert Jahre nach Christi Geburt. Was ist da vorgegangen, worin besteht der Unterschied?
[ 15 ] Sechshundert Jahre vor Christus, da lebte Buddha. Er lebte in einem Königspalast. Dann ging er hinaus ins Land und lernte kennen Alter, Krankheit, Armut, Tod, Leichnam. Er sah, daß das ganze Menschenleben Leiden ist: Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Armut ist Leiden, Tod ist Leiden, Geburt ist Leiden, getrennt leben von denen, die wir lieben, ist Leiden, kurz alles Dasein ist Leiden. - Also sagte er sich und so lehrte er das Volk: Ihr sollt den Durst nach Dasein verlernen. -Da haben wir den hoffnungslosen Verzicht auf die Schöpfung.
[ 16 ] Aber sechshundert Jahre später kam Golgatha. Da sehen wir als Symbol ein Kreuz aufgerichtet und auf dem Kreuz einen menschlichen Leichnam. Und die Menschen schauen zu dem Leichnam auf und ahnen, daß es die Heilung von allen Leiden gibt. Das ist ein Unterschied. Die Menschen sehen im Tode nicht mehr das Zeichen des Leidens, sondern das Zeichen von der Heilung des Leidens. Sieger können sie werden über das, was im Leben hier ist. Und das heißt: Es wird eine Frucht mitgenommen ins andere Leben.
[ 17 ] Versteht nun der Mensch, daß Geburt und Leben nicht Leiden ist, sondern die Möglichkeit gewährt, aus dem Leiden herauszukommen, indem das Leben Gelegenheit gibt, das Geistige zu entwickeln, das über alles Leiden hinausführt, so ist Alter nicht mehr Leiden, sondern Annäherung an die Frucht des Lebens; Tod ist nicht mehr Leiden, sondern Erlösung; Nichtvereintsein mit denen, die wir lieben, ist nicht mehr Leiden, wenn man sich mit dem Christus-Wesen der AllLiebe vereint hat und alle Wesen in allen Welten in seine Liebe hüllt.
[ 18 ] Das alles fühlte man sechshundert Jahre nach Christus, und seitdem konnte sich der Mensch verbunden fühlen mit dem Christus, dem Sonnengeist, der auch der Geist der Erde ist, der, wie er die Erde durchtränkt, auch jeden von uns durchdringt, und der Milde, Wärme, Liebe in unserer Seele erweckt, der die All-Liebe erweckt und die Erde umgestaltet.
[ 19 ] Und weil Geisteswissenschaft durch die Mitteilung geistiger Wahrheiten nicht Moral doziert, sondern praktische Moral begründet, so wird sie für den modernsten Menschen die Brücke bauen, die in die geistige Welt hineinführt. Es mag sein, daß diejenigen, die an der Spitze der heutigen Kultur stehen, die führenden Persönlichkeiten der Industrie und der Gelehrsamkeit, die Tonangebenden, lächeln mögen über diese kleinen geisteswissenschaftlichen Konventikel und über das, was da untersucht wird. Lassen Sie sie denken, was sie wollen! Da war auch einst eine mächtige römische Kulturwelt, dieses alte kaiserliche Rom, das wir noch heute in seinen Trümmern bewundern. Das alte riesige Colosseum war die Stätte, wo Weihrauch abgebrannt wurde, um den aufsteigenden Fleischdunst der dort von den wilden Tieren zerrissenen Christenmenschen zu überdecken. Das war das alte Rom, oben am Tageslicht. Und unten? Steigen wir hinunter in die Katakomben! Da finden wir die ersten Bekenner des Christentums, des Mysteriums von Golgatha, verfolgt und verachtet. Da unten versteckt verehren sie Christus, da verrichten sie ihre symbolischen Handlungen, da unten werden die ersten christlichen Gemeinden begründet. Obschon klein an Zahl und verachtet, zweifelten sie nicht. Da unten ist eine kleine Schar verachtet und verstoßen, da oben ist eine große Schar, die den Ton angibt: einige Jahrhunderte später ist das alte Rom nicht mehr da, aber die da unten waren, die untere Welt, sie ist hinaufgestiegen. So wird auch die Geisteswissenschaft in einigen Jahrhunderten hinaufsteigen über Industrie, Gelehrsamkeit und heutige Menschheitsbeziehungen. Doch fühlen Sie das nicht wie im Stolz, sondern mit Demut, wenn Sie in Ihren kleinen Konventikeln sich vergleichen mit denen des unterirdischen Roms. Und wenn Sie sich ausmalen, daß die heutige glanzvolle Wissenschaft vor der Geisteswissenschaft zerronnen sein wird, so malen Sie sich das nur in Demut aus. Wenn Sie dieses Gefühl von dieser Stunde an mitnehmen, so daß es immer lebendig in Ihnen bleibt, dann werden Sie an der Verbreitung der allgemeinen Menschenliebe mitarbeiten, und dann werden Sie eintauchen in eine neue Kultur.
[ 20 ] Ich rufe an alle guten geistigen Kräfte, daß sie über dem neugegründeten Arbeitszweig wachen mögen und Ihnen helfen mögen, das Ziel zu erreichen und Ihre Arbeit zu erleichtern.
