Geistige Hierarchien
und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt
GA 110
21 April 1909 p.m., Düsseldorf
Fragenbeantwortung I
[ 1 ] Hat man sich die geistigen Hierarchien mit dem Begriff der Räumlichkeit vorzustellen, da doch bei ihnen von Herrschaftsgebieten gesprochen wird?
[ 2 ] Vom Menschen können wir sagen, es lebt sich die Wesenheit dieses Menschen innerhalb des Raumes aus. Den Raum selber muß man sich aber, okkult gedacht, auch als etwas schaffend Erzeugtes vorstellen. Diese Erschaffung liegt vor den Arbeiten und Wirkungen der höchsten Hierarchien; wir werden den Raum also voraussetzen dürfen. Nicht räumlich vorstellen aber dürfen wir uns die höchste Trinität, denn der Raum ist ihr Erzeugnis. Die geistigen Wesenheiten haben wir uns ohne Raum vorzustellen; der Raum ist etwas Geschaffenes. Aber die Wirkungen der Hierarchien in unserer Welt sind räumlich begrenzt, wie die des Menschen. Das, was innerhalb des Raumes sich bewegt, sind die anderen Hierarchien.
[ 3 ] Ist die Zeit anwendbar auf geistige Vorgänge?
[ 4 ] Gewiß; aber die höchsten geistigen Vorgänge beim Menschen führen zu dem Begriff, daß sie zeitlos verlaufen. Die Tätigkeiten der Hierarchien sind zeitlos. - Von Zeit-Entstehen ist schwer zu reden: in dem Worte «entstehen» ist schon der Begriff der Zeit enthalten; man müßte eher sagen: das Wesen der Zeit, und darüber ist nicht so leicht zu sprechen. Es gäbe keine Zeit, wenn alle Wesen auf gleicher Entwikkelungsstufe stehen würden. Durch das Zusammenwirken einer Summe niederer und einer Summe höherer Wesen entsteht Zeit. Im Zeitlosen sind verschiedene Entwickelungsgrade möglich; durch ihr Zusammenspiel wird Zeit möglich.
[ 5 ] Über den Begriff der Entwickelung.
[ 6 ] Der Begriff der Entwickelung erstreckt sich über alle Welten; für die Gottheit aber ist er ein anderer.
[ 7 ] Welcher Unterschied ist zwischen den luziferischen und den ahrimanischen oder mephistophelischen Wesenheiten?
[ 8 ] Die letzteren haben einen stärkeren, mächtigeren Willen zum Bösen. Die zweierlei Arten von Wesenheiten stammen aus verschiedenen Hierarchien. Im Anfange der Entwickelung nämlich standen die Wesen mehr auf gleicher Stufe; dann haben wir zurückbleibende Wesen. Die Entwickelungsstufen schieben sich ineinander. Die ahrimanischen Wesenheiten stehen tiefer in der Region des Bösen und rekrutieren sich aus den mannigfaltigsten Hierarchien; zum Beispiel blieben einige auf der Sonne zurück, andere auf dem Monde; die auf der Sonne Zurückgebliebenen können auf dem Monde ihre Entwikkelung nachholen, die auf dem Monde Zurückgebliebenen auf der Erde und so weiter. Mephistophelische oder ahrimanische Wesenheiten sind solche, die in der Hierarchie des Bösen höher oder auch tiefer stehen als die luziferischen; sie rekrutieren sich von den Erzengeln bis zu den Mächten.
[ 9 ] Können Elementarwesen Menschen werden?
[ 10 ] Es gibt Wesenheiten, die dadurch entstanden sind, daß höhere Wesenheiten ihre Glieder nicht ausbildeten; diese schnürten sich dadurch ab und wurden Elementarwesen. Ganze Heere, ganze Scharen solcher gibt es. Die Lebensdauer solcher Wesenheiten ist sehr verschieden. Sie machen in der Regel eine absteigende Entwickelung durch und verschwinden ganz aus dem Dasein; zum Beispiel kann von einer Entwickelung der Elementargeister zur Menschheitsstufe keine Rede sein.
[ 11 ] Bei Ihrer Besprechung des Ätherleibes ist die indische Lehre so wenig betont; warum?
[ 12 ] Was Dr. Steiner gesagt hat, ist Eigentum aller Geheimlehren. Die Geheimlehre ist nicht eine indische, ebensowenig wie es eine «indische Theosophie» gibt. Dr. Steiner hat in seinen Ausführungen die gemeinsame Terminologie aller Geheimlehren gebraucht.
[ 13 ] Stehen die Elohim noch über den neun Hierarchien?
[ 14 ] Die Elohim sind diejenigen Wesenheiten, die bei der Trennung der Sonne von Mond und Erde mit der Sonne verbunden geblieben sind; sie gehören der Hierarchie an, die man die Gewalten, Geister der Form nennt, von da ab den Hierarchien nach oben. Sie sind noch innerhalb unserer Entwickelung. Elohim ist der Gesamtname für die Sonnenwesen; sie hatten damals die Sonne zum Wohnplatz erkoren - nicht zum Wirkungskreis. Christus, der Höchste der Elohim, ist der Regent derselben. Er gehört aber nicht zu den Hierarchien, sondern zur Trinität. In Christus haben wir eine Wesenheit vor uns, die so mächtig ist, daß sie auf alle Glieder unseres Sonnensystems Einfluß hat.
[ 15 ] Über die Wiederkunft Christi.
[ 16 ] Die Wiederkunft Christi wird etwas ganz Reales sein, und sie wird erfolgen, wenn ein großer Teil der Menschheit so weit ist, daß er Christus in der Gestalt, in der er erscheinen wird, auch wird erkennen können und dieses Erlebnis dann den Menschen etwas sein kann. Denn darauf kommt es an, daß eine möglichst große Anzahl von Menschen auch fähig sein wird, ihn zu erkennen.
[ 17 ] Über die Asuras.
[ 18 ] Die Asuras - die bösen - sind Wesenheiten, die wieder um einen Grad höher stehen in ihrem Willen zum Bösen als die ahrimanischen Wesenheiten und um zwei Grade höher als die luziferischen.
[ 19 ] Welchen Schutz gibt es vor schwarzen Magiern?
[ 20 ] Das beste Mittel ist, zu versuchen, seine Freiheit zu bewahren, seine gesunde Urteilskraft zu gebrauchen und sich seiner Vernunft zu bedienen. Wenn man darauf immer bedacht ist, setzt man sich keiner Gefahr aus, und man wird dann gar nichts von dieser Seite auszustehen haben. Freilich, wo heute der Autoritätsglaube eine so große Rolle spielt und die Sucht groß ist, allerlei Dinge zu erkennen bei dämmerhaftem Bewußtseinszustand, da ist es leicht möglich, daß schwarzmagische Kräfte einfließen. Schutz vor ihnen ist erst notwendig, wenn man eintritt in eine gewisse Stufe der okkulten Entwikkelung. Man erhält in einer zu Recht bestehenden okkulten Schulung, die die Harmonie der Seelenkräfte anstrebt, schon Schutzkräfte mit gegen solche Angriffe. Allgemeine Regeln gibt es nicht.
[ 21 ] Ist ein Unterschied zwischen den Gruppenseelen der Bienen, Ameisen und Korallen?
[ 22 ] Gewiß; es gibt da mannigfaltige Gradunterschiede. Die Gruppenseele des Bienenstockes ist eine sehr hohe Wesenheit, höher als die der Ameisen; sie ist so hoch, daß man sagen könnte: sie ist kosmisch frühreif. Sie hat einen Entwickelungszustand erreicht, wie ihn der Mensch erst auf der Venus haben wird. Wie ein frühreifes Kind müssen wir sie betrachten; sie hebt sich heraus aus der normalen Entwickelung. Ähnlich ist es bei der Gruppenseele der Ameisen, nur ist sie niederer. Die Korallengruppenseele ist ein noch höheres Wesen, aber auch ein frühreifes Wesen; sie ist höher als zum Beispiel die Gruppenseele der Rinder. Nur paßt die Höhe nicht immer in die Zeit hinein; es wird da mancher spätere Entwickelungsgrad vorausgenommen. Dadurch sind die Wesen mancherlei Gefahren ausgesetzt, denen sie noch nicht gewachsen sind. Die okkulte Zoologie ist sehr kompliziert und die Entwickelungshöhe der Gruppenseelen sehr verschieden.
[ 23 ] Mit welchen Hierarchien hängen die griechischen und germanischen Götter zusammen?
[ 24 ] Mit den Engeln. Wir haben es da mit Wesenheiten zu tun, die ihre Tätigkeit in der atlantischen Zeit entwickelten. Erst lebte der Mensch mit diesen Wesen zusammen; mit Göttern lebte er zusammen, denn diese Wesen zogen sich erst später zurück und sind erst «Götter» geworden in der spätatlantischen Zeit. In der eigentlichen Atlantis lebten die Menschen und die Götter noch nebeneinander. Die menschliche Entwickelungslinie ging hinunter, die der Götter hinauf. — Jede Hierarchie hat eben zahllose Grade und Abstufungen.
[ 25 ] Was wird dereinst aus der Tierwelt; ist sie zu einer höheren Entwickelung berufen?
[ 26 ] Die Gruppenseele der Tiere entwickelt sich hinauf, sie wird ein anderes Wesen sein auf dem Jupiter. Sie werden freilich nicht in dem heutigen Sinne Menschen, aber auf dem Jupiter erreichen diese Gruppenseelen eine Art Menschentum. Für das einzelne Tier gibt es keine Höherentwickelung, denn das einzelne Tier verhält sich zur Gruppenseele wie die Baumrinde zum sprossenden Trieb: Es fällt ab, wie beim Baum die Rinde abfällt; die Gruppenseele aber steigt hinauf.
[ 27 ] Wie hoch ist der Wert der sogenannten vorgeburtlichen Erziehung zu veranschlagen?
[ 28 ] Die Mutter hat in der Zeit der Schwangerschaft sehr viel zu beachten. In der heutigen Zeit, wo die Mutter von alledem nichts weiß, werden sehr wichtige Maßnahmen versäumt. Die ersten zehn (Mond-) Monate des Erdenlebens können die sein, wo dem Menschen entrissen wird etwas sehr Gutes. Heute fällt die Aufgabe, das zu verhüten, den Göttern zu; später, wenn die Menschen reifer geworden sind, wird sie den Menschen zufallen. Die Götter haben aus hoher Weisheit heraus die ersten zehn (Mond-)Monate der Menschenentwickelung der menschlichen Einwirkung entzogen. Die Menschen sollen froh sein, daß sie in die vorgeburtliche Entwickelung nicht eingreifen können. Ist das Leben der Mutter so geordnet, daß es einem gewissen Ideal im Denken, Fühlen, Empfinden und Wollen entspricht, dann ist das wohl auch das beste für das Kind.
[ 29 ] Über die Vulkanentwickelung.
[ 30 ] Was darüber erwähnt werden kann, ist, daß diese Entwickelung kein Abschluß ist; aber wir wollen zufrieden sein, wenn wir das, was dort geschieht, wissen, einmal, wenn es die Zeit für uns ist. Beim Fortgang der Entwickelung nämlich entwickelt sich sogar der Begriff der Entwickelung.
[ 31 ] Über das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur modernen Wissenschaft.
[ 32 ] In den Tatsachen der modernen Wissenschaft finden Sie Belege für die Geisteswissenschaft; nur die Theorien führen nirgends in das Gebiet der Geisteswissenschaft ein, sondern führen ab von ihr. Die Wissenschaft von heute wird nicht angegriffen, sondern es wird anerkannt, was geleistet worden ist; aber klar und scharf müssen wir die Grenze zeigen, wie man in die Geisteswissenschaft kommt oder von ihr abgeführt wird.
[ 33 ] Hat Blutsverwandtschaft mit Karma etwas zu tun?
[ 34 ] Daß der Mensch innerhalb einer bestimmten Familie geboren wird, ist karmisch bedingt, es kann die Erfüllung verflossenen Karmas sein. Aber der Mensch kann sich auch neue karmische Zusammenhänge schaffen. Durch das, was wir heute tun, schaffen wir sie uns. Menschen, die wahrhaft miteinander verbunden sind, begegnen sich immer wieder. Daß wir in eine bestimmte Umgebung hineingeboren sind, ist ein Ausdruck früheren Karmas. Man muß aber nicht immer verbunden bleiben mit denjenigen, mit denen man blutsverwandt ist. Seelische Bande, aus Familienbanden geformt, führen wieder zusammen. - Solche Dinge ändern sich aber mit den verschiedenen Menschheitszyklen; die Blutsverwandtschaft fängt an, eine geringere Bedeutung zu haben gegen früher, und sie wird diese Bedeutung immer mehr verlieren. Immer geringer wird in der Menschheitsentwickelung
[ 35 ] das Bindende der Blutsbande.
[ 36 ] Über den Streit am Himmel.
[ 37 ] Beim Streit am Himmel wurden nicht die schlechtesten, unfähigsten Mächte herausgesondert, «abkommandiert». In der Mysterienhandlung wurden auch Eingeweihte in Masken der gegnerischen Kräfte gesteckt, um dies dem Schüler klarzumachen. Ein Gescheiter soll sich reiben an einem Gescheiten, der auf dem Wege des Irrtums ist.
[ 38 ] Über das Negative und das Positive.
[ 39 ] Immer mehr wird sich die Menschheit zu der Erkenntnis durchringen, daß Kleinlichkeit, Torheit und so weiter nur für die physische Welt Bedeutung haben und mit den Menschen sterben werden; das Gute hingegen, als das Positive, wird ewig bleiben. Der Okkultist richtet sich hier in seiner Erkenntnis nach großen Weltgesetzen, zum Beispiel nach dem - das klingt trivial -, nach welchem im Meere die Heringe sich fortpflanzen. Die Heringseier gehen massenhaft zugrunde: Das Negative ist notwendige Beigabe des Werdens. — Dies soll uns nicht hindern, immer wieder Positives zu tun. Mögen noch so viele widerstrebende Mächte da sein: Es muß das zu Tuende getan werden.
[ 40 ] Über den Sinn des Leidens.
[ 41 ] Leiden ist eine Begleiterscheinung der höheren Entwickelung. Es ist das, was man nicht entbehren kann zur Erkenntnis. Der Mensch wird sich einst sagen: Was mir die Welt an Freude gibt, dafür bin ich dankbar. Wenn ich aber vor die Wahl gestellt werde, ob ich meine Freuden oder meine Leiden behalten will, so werde ich die Leiden behalten wollen; ich kann sie nicht entbehren zur Erkenntnis. Jedes Leiden stellt sich nach einer gewissen Zeit so dar, daß man es nicht entbehren kann, denn wir haben es als etwas in der Entwickelung Enthaltenes aufzufassen. Es gibt keine Entwickelung ohne Leiden, wie es kein Dreieck ohne Winkel gibt. Wenn der Christus-Einklang erreicht sein wird, werden wir erkennen, daß zu diesem Einklang alle vorangegangenen Leiden notwendige Vorbedingung waren. Damit der Christus-Einklang da sein kann, muß das Leid da sein; es ist ein absoluter Faktor in der Entwickelung.
[ 42 ] Dadurch, daß der Mensch die Egoität überwindet, kommt er über die Stimmung des Bedrückt- und Gelähmtseins hinweg. In diesem Phänomen kann man etwas sehen, was gut ist: Kraft aus der Unzulänglichkeit. Gott sei Dank, daß ich durch eine unzulängliche Tat, das heißt deren Mißerfolg, ermutigt werde, weiter zu handeln! Das Menschenstreben ist kein unbestimmtes Glückslos. Unerlöst bleibt nur der, dessen freier Wille sich abwendet von der Bestimmung des Menschenwesens. In der Synthese des Weltenprozesses ist das Leid ein Faktor.
[ 43 ] Was wird die theosophische Bewegung in der Zukunft bedeuten?
[ 44 ] Etwas sehr Brauchbares, und es wird sich zeigen, daß der im Irrtum ist, der sie als Sturmbock der Entwickelung gebraucht.
