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The Rudolf Steiner Archive

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Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111

22 September 1907, Hanover

2. Betrachtung des Wesens des Menschen

[ 1 ] Der Mensch ist ein unendlich kompliziertes Wesen. Der Verstand ist die Anwendung auf die fünf Sinne. Der Mensch ist nicht bloß, was er physisch darstellt, sondern seine Glieder sind durchdrungen von höheren Gliedern. Er würde ganz anders aussehen, als wie er vor uns steht, wenn die höheren Glieder herausgenommen würden; es bliebe dann nur das Physisch-Materielle als Leichnam. Der physische Mensch ist darauf angewiesen, von den anderen höheren Gliedern durchdrungen zu sein. Es ist ein wichtiger Satz im Okkultismus: Materiell ist mein physischer Leib eine unmögliche Zusammensetzung. Alle Stoffe und Kräfte der physischen Welt sind zusammengesetzt; man unterscheidet ungefähr siebzig Elemente. Der menschliche Leib würde zerfallen, wenn er sich selbst überlassen bliebe.

[ 2 ] Das zweite Glied des menschlichen Leibes ist der Ätherleib; dieser führt einen unaufhörlichen Kampf gegen den Verfall der vielen Stoffe und Kräfte, woraus der physische Leib besteht. Der Hellseher sieht den Ätherleib, indem er sich den physischen Leib wegdenkt. Niederes Hellsehen ist gesteigerte Aufmerksamkeit. Man kann in ein seelisches Gespräch so vertieft sein, dass man die physischen Gegenstände nicht sieht. Durch strenge Übung in Konzentration und Meditation kommt man zum Hellsehen. Man kann sich den physischen Körper einfach absuggerieren. Der Raum ist dann nicht leer. Der Kräfteleib ist von Lichtströmungen durchflutet. Die Grundfarbe dieses Leibes ist Pfirsichblüt bis Rotviolett. An Kopf, Brust und Händen hat der obere Teil des Kräfteleibes Ähnlichkeit mit dem physischen Leibe.

[ 3 ] Der Ätherleib des Mannes ist weiblich, der der Frau männlich; beide Geschlechter sind sich dadurch in sich Direktive. Es hängen damit zusammen zum Beispiel der Ehrgeiz des Mannes im Kriege und die tapfere Hingabe der Frau. Alles Lebendige ist in Äther eingetaucht. Der Ätherleib der Pflanze ist viel größer als sie selbst. Sie erscheint darin als kleiner Einschnitt. Durch den Ätherleib setzt sich die strahlende Erscheinung fort und geht allmählich in den Äther über.

[ 4 ] Das Mineral hat in gewisser Beziehung einen Ätherleib, aber keinen eigenen; die Hohlräume des Minerals, die Formen sind weniger abgegrenzt. Die Minerale sind wohl durch Äther imprägniert, aber ein wirklicher Ätherkörper ist erst den Pflanzen eigen. In dem Augenblick, in dem der Ätherleib seine Kräfte herauszieht, stirbt der Mensch.

[ 5 ] Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts hatten ernsthafte Naturforscher eine Ahnung von der Lebenskraft; die Entdeckungen über die Zelle verführten den Menschen, nur an das Physische zu glauben. Man hält es für bloße Spekulation, dem physischen Körper höhere Kräfte zuzuschreiben. Der Materialismus gibt sich der Hoffnung hin, dass es gelingen werde, aus chemischen und physischen Stoffen und Kräften ein dem Eiweiß ähnliches Leben herzustellen ohne den Befruchtungsvorgang. Die Okkultisten der Geheimschulen haben daran nie gezweifelt; es ist dies nur eine Frage der Zeit, wann die Bedingungen gegeben sein werden. Das Licht ist nicht in Säcke verpackt, nicht an diesem oder jenem Ort, es ist überall. So ist überall Lebenskraft aufgespeichert; wer die Wahrheit kennt, kann das Leben einfangen. Das Geheimnis wird gewahrt, weil die Menschen, die damit umzugehen wissen, auf einer hohen Stufe der Geistigkeit und Moral stehen müssen. Es würde das größte Unglück geschehen, wenn dieses Geheimnis vorzeitig preisgegeben würde.

[ 6 ] Wenn der Mensch den Stoff zum Leben verwandeln wird, muss die Handlung eine sakramentale sein. Jetzt kann ein Mensch mit niederer Moral die künstlichen Handlungen in den Laboratorien ausführen, sie sind nüchtern und trocken. Wenn den Menschen so hohe Geheimnisse übergeben werden, muss die Handlung in den Laboratorien ein Gottesdienst sein.

[ 7 ] Durch das dritte Glied der menschlichen Wesenheit erlebt der Mensch Lust und Leid, Triebe, Instinkte, Leidenschaften und Begierden, Diese füllen den Leib ebenso aus wie die Knochen, Muskeln und so weiter. Die Eindrücke spiegeln sich durch Vorgänge im Innern. Diesen Leib hat der Mensch gemeinschaftlich mit dem Tier, nicht mit Mineral- und Pflanzenreich. Pflanzen können wohl auf Reize reagieren, sie haben aber kein Bewusstsein, sie setzen den Reiz nicht innerlich um in Empfindung. Ein blaues Lackmuspapier kann sich rot färben, Bewusstsein ist aber nicht dabei vorhanden.

[ 8 ] Der Hellseher sieht den menschlichen physischen Leib und Ätherleib umflutet von feineren Gebilden und Lichterscheinungen geistiger Art und hört seelische Töne. Es ist dies die eigentliche Heimat des Menschen, die Astralwelt.

[ 9 ] Wir hören, weil die Luftschwingungen in die Ohren dringen. Die Wellen sind die Vermittler des Tones. Jedes Wort hat andere Schwingungen. Es kann wohl jemand die Worte nicht hören, aber die Schwingungen sehen, die sie hervorrufen. Wir sehen die LichtSchwingungen als Licht, weil wir Augen haben. So muss die Entwicklung fortschreiten.

[ 10 ] Der Mensch besteht aus drei Leibern und aus dem, das er für sich selbst hat, was niemand sonst aussprechen kann — das Ich —, weil wir für jeden anderen ein ‹Du› sind. Die hohe Bedeutung des Selbst, des ‹Ich› in der deutschen Sprache, wurde von den Weisen von jeher anerkannt. In den Religionen finden wir den unaussprechlichen Namen Gottes: Jahve. Wenn der Mensch ch» ausspricht, fängt der Gott an, in ihm zu sprechen. Der Gott, der nur sich selbst ausdrückt, kommt in die menschliche Seele. Sein Wesen unterscheidet sich durch das ‹Ich› von allen anderen Wesen.

[ 11 ] So haben wir vier Glieder der menschlichen Wesenheit: der physische [Leib], der Äther- oder Lebensleib, der Astralleib und das Ich.

[ 12 ] Es ist noch ein niederer Zustand, wenn der Mensch dem Ich wie ein Sklave folgt. Das Tier dient der Notwendigkeit. Der Durchschnittsmensch wählt noch zwischen seinen Trieben, während der Idealist hohen moralischen und spirituellen Idealen folgt. Der Mensch muss seine Triebe und Neigungsmotive in die Hand bekommen. Das Ich muss der Mittelpunkt, der Herr sein, wir dürfen das Ich nicht nachziehen lassen.

[ 13 ] Der physische Leib hat immer die Neigung, sich aufzulösen, der Ätherleib muss [der Auflösung] unaufhörlich entgegenarbeiten, dem physischen Leib ist sie notwendig. Der Ätherleib ist Träger des Astralleibes. Weil aber auch der physische Leib Träger eines Astralleibes ist, wird der physische Leib in jeder Minute durch ihn abgenutzt, so entsteht die Ermüdung. Indem die Seele im Schlaf an dem ermüdeten Körper arbeitet, entsteht die Erfrischung. Der Astralleib ist im Verhältnis zum physischen Körper noch sehr unvollkommen, noch sehr entwicklungsfähig.

[ 14 ] Es ist ganz etwas anderes, wenn Menschen Freundschaft schließen und sich Treue bewahren, als wenn ein Hund geliebten Personen Treue hält. Das Tier dient diesem Trieb, als ob wir Hunger und Durst stillen; fehlt der Herr, so entbehrt es ihn, das Tier lebt in einer ewigen Gegenwart. Die Erinnerung würde das Tier nicht zum Menschen ziehen, sondern die Sättigung seines Bedürfnisses. Deshalb kann der Tod einer geliebten Person noch tragischer für ein Tier sein, als ob ein Mensch dem Menschen stirbt.

[ 15 ] Die Überwindung des Vergessens durch das Ich muss sich der Mensch zu eigen machen. Er entwickelt sich nicht nur durch neue Erfahrungen, sondern indem er die Erinnerung ausnutzt. In der Erinnerung ist die Vergangenheit lebendig. Der Auflösung arbeitet der Ätherleib durch Erneuerung der Säfte entgegen. Die Ermüdung wird durch die Erfrischung überwunden, und die Vergessenheit durch die Erinnerung.