Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111
4 Oktober 1907, Hanover
14. Die Christliche und Rosenkreuzerische Schulung
[ 1 ] Wie anders sind die Menschen jetzt als die alten Inder! Wir unterliegen ganz anderen Einflüssen als die Menschen vor acht Jahrtausenden! Wie hat sich die Literatur geändert seit der Erfindung der Buchdruckerkunst! Früher beschränkte man sich auf das mündliche Wort, das geistige Leben bestand hauptsächlich in Religionsübungen. Heute hat das geistige Leben tausend und abertausend Kanäle. Populäre Wissenschaft, Zeitungen und so weiter, Eisenbahn, Telegraf — alles das ändert den physischen Plan mehr, als man sich vorstellt. Um uns herum ist nicht nur eine physische, sondern eine geistige Welt. Selbst unsere Landleute sind den geistigen Strömungen ausgesetzt, die das Übergewicht zur Zeit haben. So lebt jeder unter den Einflüssen des materialistischen Zeitalters, die Menschen müssen in die Notwendigkeiten hinein.
[ 2 ] Es ist nötig, sich gegen die vielen schädlichen Einflüsse zu wappnen, fest zu werden gegen alle Anfechtung.
[ 3 ] Bei einer Schulung sind alle Verhältnisse zu berücksichtigen. Die christliche Schulung kommt nur bei großer Energie und Ausdauer zur Ausführung. Früher zog man sich von der Welt zurück, sich zu schulen; es gehört zur christlichen Schulung eine schier unaufbringliche Energie und ein streng asketisches Leben. Dennoch ist es nötig, in einigeh Strichen davon zu sprechen;
[ 4 ] Die christliche Geheimschulung begann zur Zeit des Apostels Paulus. Er hatte die Kraft und die Gewalt des Wortes, nach außen zu verkünden. Sein Schüler Dionysius gründete in Athen die Geheimschule. Ab dem sechsten Jahrhundert wurde diese Tatsache für eine Fabel gehalten. Es gibt die «pseudodionysischen» Schriften. Früher konnte man den «Homer» auswendig, man verließ sich auf das Gedächtnis, dann wurde es Sitte, viel zu schreiben. In den Geheimschulen wurde das Wort zu heilig gehalten, es niederzuschreiben; die Würdigsten empfingen es von Mund zu Mund. Und gerade Dionysius war Hierophant; er lehrte mit Kraft und Feuer die geheime Lehre. Die Schulung wurde fortgesetzt nach seinem Tode. Die Geheimlehrer dieser Schule hießen alle «Dionysius.
[ 5 ] Im Gegensatz zu den anderen Evangelien sind das JohannesEvangelium und die Apokalypse in okkultem Sinne zu verstehen. Es sind keine Bücher des Grübelns, man muss die Schriften in geduldiger Weise immer lesen und die ersten vierzehn Sätze [des Johannes-Evangeliums] als Meditationsstoff auf sich wirken lassen, Jahr um Jahr. So werden Kräfte entwickelt, die in uns schlummern. Durch die Apokalypse kommt der Mensch in höhere Welten, es ist die Schilderung geistiger Vorgänge. Sie wirken sehr auf das Gemüt.
[ 6 ] In der christlichen Einweihung sind wieder sieben Stufen:
Fußwaschung,
Geißelung,
Dornenkrönung,
Kreuzigung,
mystischer Tod,
Grablegung,
Auferstehung, Himmelfahrt.
[ 7 ] Die christlichen Schüler betrachteten alle Dinge mit Verehrung und Dankbarkeit. Die Pflanzen können nicht leben ohne das Mineralreich, die Tiere nicht ohne das Pflanzenreich. Alles ist aufeinander angewiesen, das Niedere wird dem Höheren geopfert. Deshalb muss sich das Höhere zu dem Niederen neigen. Jesus Christus gab den Jüngern das Beispiel, er neigt sich zu den Jüngern, ihnen die Füße waschend.
[ 8 ] [1. Fußwaschung:] Das Johannes-Evangelium ist ein gewaltiges Kapitel, daraus wurde die Rangordnung der Dinge geboren. Durchdringt man sich mit dem Gefühl «Dir verdanke ich mein Dasein, dann taucht vor uns auf das Bild des Erlösers, den Jüngern die Füße waschend. Man kann fühlen, als ob das Wasser um die Füße rieselte.
[ 9 ] [2. Geißelung:] Durch reine Hingabe entwickelt der Mensch höhere Gefühle. Was auch immer an ihn herankommen mag, es ist nötig, aufrecht zu bleiben, ohne zu murren. Die Geißelung ist das Gefühl, stark zu sein gegen alle Schläge. Es ist, als ob man ein Jucken und Schmerzen fühlt.
[ 10 ] [3. Dornenkrönung:] Das Gefühlsleben muss so stark sein, dass man es stillschweigend ertragen kann, wenn unser Heiligstes mit Hohn und Spott behandelt wird. In sich muss man den Stützpunkt finden und nicht zusammenbrechen. Man hat das Gefühl der Dornenkrönung im Kopf.
[ 11 ] [4. Kreuzigung:] Das Gefühl muss sein: «Dieser Leib, den du trägst, ist nicht, was du bist. Ich trage meinen Leib hier- und dorthin. Dann kann der Mensch allmählich fähig werden, die Blutsprobe zu haben, die Kreuzigungsmale an Händen und Füßen. - Sie sind pathologisch unwillkürlich hervorgerufen.
[ 12 ] [5. Mystischer Tod:] Als mystischer Tod ist bekannt, hinter die Kulissen des Daseins zu schauen. Man kennt die Welt nicht mehr. In diesem Sinne ist es zu verstehen, dass nach der Kreuzigung der schwarze Vorhang im Tempel zerreißt.
[ 13 ] [6. Grablegung:] Imstande zu sein, alles, was ist, als seinem Leib verwandt zu betrachten; andere Wesen sind ihm ähnlich; sich als Teil der Erde fühlen.
[ 14 ] [7. Auferstehung, Himmelfahrt:] Es ist die Möglichkeit, im Geiste zu leben, die Fähigkeit, sich vom Leibe zu trennen, das ist die Befreiung, die Himmelfahrt. Es ist eine ganze Skala von Gefühlen, die vom dreizehnten Kapitel ab im Johannes-Evangelium in Bildern zu schauen sind. Durch sie kann man ein großes, unvergleichliches Ereignis erleben: die Schau des auferstandenen Christus.
[ 15 ] Vergeblich wird der Mensch aus hinterlassenen Dokumenten sein Dasein beweisen, man kann ihn nur auf geistige Weise finden, das ist der Weg zu dem Christus, der hier lebt. Niemals kann ein Christus im Innern leben, wenn nicht ein historischer Christus gelebt hätte. Ebenso hätte kein Wesen Licht und Leben, schiene nicht die äußere Sonne im Leben. So verdankt die Welt das Sehen des inneren Christus dem auf der Erde erschienenen Christus. Das ist die Frucht des Johannes-Evangeliums.
[ 16 ] [Vermutlich ab hier Notizen zur anschließenden Aussprache]
[ 17 ] Die Theologie will nur die Synoptiker gelten lassen. Mit dem Spirituellen hat der Mensch den Sinn des Johannes-Evangeliums verloren, aber es wird daraus ein esoterischer Christus ersprießen, welcher der Welt ein neues Licht gibt. In der Apokalypse [des Johannes] ist die Zukunft der Entwicklung enthalten. Die christliche Einweihung ist Jahrhunderte lang Zeugnis, dass der Inhalt des Evangeliums der richtige ist.
[ 18 ] Es würde der Theologie möglich sein, das einzusehen, wenn sie die Dokumente richtig studierte, es ist nicht Mangel an Hellsehen, dass die Theologen die Wahrheit nicht finden. Man kann auch durch Verstand und Gemüt dahin gelangen, das Richtige einzusehen. Es wird erzählt, dass Johannes [Scotus Eriugena] als Mönch in Schottland lebte, er war Prior und soll von seinen Mönchen durch Stecknadeln getötet worden sein. [...]
[ 19 ] Behandeln wir Denken, Fühlen, Wollen richtig, dann werden uns Tausende von Wahrheiten zugänglich werden. Die Pflege der Seelenkräfte hängt viel vom richtigen Denken, auch von der Ernährung ab. Wir sollen nicht gedankenlos dem Essen gegenüber sein. Materie, im groben Sinne gemeint, ist Unsinn. Alles ist verdichteter Geist. Materie ist nicht Illusion. Dass wir den Geist für Materie halten, das ist Illusion. Wir sollen uns bewusst werden, dass alles Ausprägung des Geistes ist, so oder so.
[ 20 ] Wir müssen essen wie jemand, der weiß, dass er mit der Materie Geist aufnimmt. Wir haben alle Ursache, mit Inbrunst dankbar zu sein gegenüber den göttlichen Kräften, denn wir essen göttliche Kraft. Wir sollen essen in der höchsten Stimmung verehrungsvoller Andacht, nicht gedankenlos, denn das Essen ist kein niedriger Genuss.
[ 21 ] Wenn wir essen, was der Sonne zustrebt, dann essen wir die Kräfte der Sonne mit, das gibt uns Schwingen; essen wir, was nach unten in die Erde wächst, so werden wir materiell. Das Fleisch zieht am meisten in die Materie. Die Milch ist uns zuträglich und deren [Erzeugnisse], weil sie aus dem Lebensprozess des Tieres hervorgehen. Im Fleisch ist das Kama des Tieres vorhanden; es ist das, was sich in der Pflanzenwurzel als Salz herauslöst, das alles verhärtet uns. Wir sollten uns bewusst sein auf höherer Stufe, ob wir hinauf- oder herunterstreben. Versetzen wir uns hinein, wie die Natur wächst, so erwacht in uns ein geistiges Verständnis, es wächst in uns.
[ 22 ] Der Lehrer der Geheimschulung wird Arzt im geistigen Sinne sein. Wenn wir Jahre hindurch von Milch leben, bekommen wir Kräfte in die Hände, magnetische Heilerfolge zu erzielen. Es durchgeistigt den Menschen, jahrelang von Milch zu leben. So sind in den scheinbar gröbsten Verrichtungen geistige Beziehungen vorhanden.
[ 23 ] Wenn das Tier durch die Wiese geht, sieht es noch das Geistige der Dinge, den Ätherkörper der Pflanze. Der Mensch hat diese Fähigkeit durch die Entwicklung des Verstandes verloren. Er muss sie durch höheres Schauen wiedererlangen, dann kommt er in ein sicheres Verhältnis zu allen Dingen der Welt.
[ 24 ] Unser Zeitalter ist für materielle Körperpflege. Je mehr man seinen Leib in Ruhe lässt, wird der Geist frei, höher zu kommen, umgekehrt wird der Geist Sklave. Es zu erlangen, stundenlang im Sonnenbrande zu gehen und dergleichen härtet mehr ab als Sonnenbäder und Kuren, die die Zeit ganz in Anspruch nehmen.
[ 25 ] Auf das Fühlen wirkt die Imagination, die Umgebung ist sehr wichtig. Vor Jahrhunderten wurden alle Gegenstände mit Hingabe gearbeitet. Die Häuserfassaden, sogar die Schlüssel standen in innerer Beziehung zu den Menschen. Unsere Seele hat keine geistigen Beziehungen mehr zu den Gegenständen außerhalb von uns. Es ist Aufgabe der Theosophie, in allen Dingen widerzuspiegeln, was wir fühlen. Alles Tun muss ein Abbild theosophischen Fühlens sein. Jedes Zeitalter spiegelt so seine Welt. Unvergängliche Künstler wie Michelangelo, Leonardo da Vinci, Raffael spiegelten das Christentum in ihren Malereien. In der Musik wurde das Christentum Ton. Bilder erwecken geheimnisvolles Fühlen. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob Gift in die Seele träufelt, oder ob das Fühlen Nahrung erhält durch Bilder, die aus dem Geist heraus geboren sind.
[ 26 ] In den Zeiten Meister Eckharts und Johannes Taulers, die die Seelen mystisch zu Gott erhoben, drücken sich die Formen der gotischen Baukunst aus. Es ist dasselbe in Stein, was das christliche Fühlen im Mittelalter war. In den griechischen Säulenordnungen spiegeln sich die sonnigen Anschauungen dieses Volkes. Unser Zeitalter hat keinen eigenen Stil. Ein Stil muss aus den Empfindungen eines Volkes herausgeboren werden. Wir haben zusammengestückte Stile. Im Warenhaus zeigt sich das materielle Zeitalter. Es ist kein Zufall, dass der Stein Eisen geworden ist. Wir stehen an einem Wendepunkt. Es ist spirituelles Verfahren der Theosophie, alles das innig in unser Gefühl aufzunehmen, was geeignet ist, es zu veredeln. Das Blut wird gereinigt, veredelt durch gute Bilder. Eine theosophische Stunde muss blutreinigend und heilsam wirken. Ein Lehrer wirkt befreiend, wenn er Bilder aufrollt, die den Menschen heilsam sind. Es ist das ein Heilmittel, welches nicht nur äußerlich wirkt, sondern Gesundung des ganzen Wesens hervorbringt.
[ 27 ] Unser Wollen haben wir hineinzufügen in die Gesetze der Welt. Übungen können den Menschen subjektiv einfügen in den Willen der Welt, er erlebt ihn, während das Gefühl mehr negativ ist.
[ 28 ] Nichts ist der Geheimschulung schädlicher als Angst. Es ist nötig, diese systematisch zu beseitigen. Das geschieht am besten, wenn man sich Handlungen vornimmt, die man glücklich ausführt, ohne sich durch Hindernisse beirren zu lassen. Wenn möglich, teile man seine Zeit in sieben Perioden ein. Man beobachte und kehre die Methode um, auf diese Weise fügt man sich den Weltgesetzen ein.
[ 29 ] Wenn der Mensch das fünfunddreißigste Lebensjahr erreicht hat, wird er reif und erlebt eine Krisis in besonderer Beziehung. Dante schrieb die «Göttliche Komödie», als er fünfunddreißig Jahre alt war. Die göttlichen Wahrheiten werden angedeutet nach Zahl, Maß und Gewicht. Wer mit den Gesetzen lebt, bekommt ein starkes Wollen, andernfalls schwächt man sich. Es ist ganz etwas anderes, was Goethe nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahre geleistet hat, gegen das, was er früher leistete. Wenn sogenannte Wunderkinder zu früh angestrengt werden, verblühen sie.
[ 30 ] Es gehört Geduld und Ausdauer zu den Übungen, wer schlummernde Kräfte heranbilden will. Die Reife erfreut den Lehrer. Man findet ihn stets, wenn man ihn braucht. Was Leben weckt, trägt den Menschen vorwärts. Theosophie und Leben: Jeder hat an dem Platz, an dem er steht, eine Mission zu erfüllen. Die Theosophen müssen die Baumeister sein, der Welt das zu geben, was sie braucht. Nicht theoretisch und dogmatisch wird die soziale Frage gelöst, sondern durch Verständnis in theosophischem Sinne.
[ 31 ] Die Theosophie muss Geistessonne werden, die alles Irdische befruchtet, etwas Universelles. In den tausend Logen gibt es genug Menschen, die nicht das ABC der Wissenschaft besitzen. Es sind nicht diejenigen, die höhere Schulung besorgen, und doch muss von ihnen der Aufschwung ausgehen. Ein Bild: Vor mir steigen die Katakomben auf. Unter der Erde breitete sich die neue Geisteskultur Roms aus. Der Cäsar Nero ließ die Leute mit Pech beschmieren und anzünden, die im geheimen Christen waren. Sie wurden verfolgt, wenn sie an die Oberfläche kamen. Und dennoch eroberte sich das aufgehende Christentum durch die ungebildeten Anfänger und Verkünder die Welt; die anderen folgten nach. Im Verborgenen leben die, die das Leben beherrschen. Die Wissenschaft blickt noch auf sie herab. Sie wird theosophisch werden, wenn sie nicht mehr anders kann.
[ 32 ] Jede Zeit hat ihre Aufgabe, sie ähneln sich. Es ist etwas im Mittelalter, was einzelne Geisteszweige in der Zukunft sein werden, es fließt alles Leben zu einer geistigen Pyramide zusammen.
[ 33 ] Ein Bild im Kapitelsaal in Florenz stellt dar die Sendung des Geisteslebens. Zur Basis dienen Figuren, die die einzelnen Zweige des Geisteslebens darstellen. Darüber kommt das Weibliche, welches die Seele anspornt. Höher noch stehen die Beschützer des geistigen Lebens: Hiob, David, Jesaja, Saul, Johannes. Das Ganze krönt die Gruppe der Tugenden: Gerechtigkeit, Klugheit, Enthaltsamkeit, Glaube, Liebe, Hoffnung.
[ 34 ] Dante versuchte in seinem Werk wie in einem Mittelpunkt die ganze Zeit zusammenzuziehen. Es liegt an unserer Zeit, dass die getrennten geistigen Strömungen zusammengehen.
[ 35 ] Wir flehen um den Schutz der Mächte der geistigen Dreiheit: Geistselbst, Lebensgeist, Geistmensch.
[ 36 ] Die zusammengesetzte rosenkreuzerische Schulung bildet ein Zentrum, von welchem aus eine einheitliche Geisteswahrheit alles durchdringen soll.
[ 37 ] Von den verfolgten Christen der Katakomben ging etwas aus, was bis in die höchste Geisteswelt hinaufdrang. Wir gleichen in mancher Beziehung den ersten Christen, von uns wird ein neuer Aufschwung des geistigen Lebens erwartet.
[ 38 ] Was in der Empfindung zusammenströmt, was sich langsam vorbereitet, muss hinaufströmen zu den höchsten Geistessphären.
