Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111
6 März 1908 a.m., The Hague
18. Okkultismus und Esoterik
[ 1 ] Der Mensch in seiner Totalität ist nicht ein einfaches Wesen, wie man weiß, sondern ein Wesen, zusammengesetzt aus vier Gliedern oder Prinzipien.
[ 2 ] Der physische Leib ist das älteste Glied unseres Wesens, dasjenige, das zuerst entstanden ist. Der Ätherleib ist bereits jüngeren Datums, der Astralleib ist wiederum jünger, und das jüngste von allen ist das Prinzip, das die Kraft des Ich trägt. Wenn wir den physischen Leib betrachten mit dem Auge des Geistes, dann muss er uns vorkommen wie eingerichtet mit unendlicher Weisheit. (Der Redner nimmt als Beispiel ein Gelenk und dann das menschliche Herz.) Dieses so vollkommene stoffliche Herz ist den Angriffen ausgesetzt, die der ungestüme, durch Leidenschaften bewegte Astralleib jeden Tag auf es richtet. Später werden auch der Astralleib und schließlich das Ich — das Baby unter den menschlichen Prinzipien - größere Vollkommenheit erreichen.
[ 3 ] Um die Entwicklung des Ich zu verfolgen, müssen wir die Entwicklung der Erde betrachten, von der der Mensch eine Essenz ist. Alle Wesen haben verschiedene Verkörperungen hinter sich, auch wenn man sie nicht in demselben Sinne wie beim Menschen Inkarnationen nennen darf.
[ 4 ] Unsere Erde ging hervor aus dem, was wir im Okkultismus den alten Mond nennen. Dieser war der Vorgänger unserer Erde. Noch weiter können wir zurückgehen, und wir finden dann die [vorhergehende] Entwicklungsstufe unserer Erdenevolution verkörpert in dem, was wir im Okkultismus die Sonne nennen: eine ganz andere Wesenheit als unser gegenwärtiger Fixstern, die Sonne. Ein Fixstern geht auch aus einem Evolutionsprozess hervor; jeder Fixstern war einmal Planet. Damals war unsere Erde innerhalb [der Sonne] und bildete ein Ganzes mit ihr.
[ 5 ] Noch früher zurück war die Erde in dem alten Saturn verkörpert, welcher auch wieder nichts zu tun hat mit dem gegenwärtig Saturn genannten Planeten. Dieser verhält sich in gewissem Sinne zum alten Saturn wie ein zehnjähriges Kind zu einem vierzigjährigen Menschen, welcher wohl auch das Alter von zehn Jahren gehabt hat, aber nicht aus gerade diesem Kinde herausgewachsen ist. Wir sprechen im Okkultismus von Saturn so, wie wir doch immer verhältnismäßig sprechen.
[ 6 ] Wir haben also vier Zustände von Gestaltungen: den Saturn-, den Sonnen-, den Mond- und den Erden-Zustand. In ähnlicher Weise kann man auch zukünftige Zustände voraussehen.
[ 7 ] Den Saturn-Zustand nennt man auch die erste Planeten-Kette; der Sonnen-Zustand ist die zweite Planeten-Kette, der Mondzustand eine dritte und so weiter. Was man also eine Planeten-Kette nennt, kommt uns vor wie eine Entwicklungsphase unserer Erde.
[ 8 ] In dem Saturn-Zustand wurde die erste Grundlage des physischen Leibes des Menschen gelegt. Damals bestand noch nichts anderes als dieser physische Leib, es bestanden noch nicht die anderen Leiber des Menschen. Aber diesen physischen Leib kann man eigentlich nicht vergleichen mit dem, was wir jetzt so nennen.
[ 9 ] Im Okkultismus unterscheiden wir vier Zustände des Werdens: den dichtesten Zustand (Erde), den flüssigen Zustand (Wasser), den gasförmigen Zustand (Luft) und den Zustand der Wärme (Feuer), den man gegenwärtig in der Wissenschaft nicht mehr als Materie anerkennen will.
[ 10 ] Der alte Saturn-Zustand nun hat noch keine irdischen, keine wässrigen, keine Luftformen, sondern allein Feuer. Differenzierungen in der Wärmematerie waren die allerersten Anlagen für den menschlichen Leib. Dies ist nur dadurch möglich, weil damals die höheren Leiber noch nicht herniedergestiegen waren aus der geistigen Atmosphäre des alten Saturn in den physischen Leib.
[ 11 ] Will der Mensch eine Vergleichsmöglichkeit haben, um sich einen solchen Anfangsleib vorzustellen, so nehme man einen anderen Menschen in den Blick. So, wie man in dem Auge des anderen so etwas wie ein Spiegelbild von sich selbst sicht, so war unser allererster physischer Leib noch nicht einmal andeutungsweise ein Abbild desselben, sondern ein Spiegelbild, geworfen in die Wärmematerie durch die höheren Leiber, Atma - Budhi - Manas.
[ 12 ] Die Anfangsbilder wurden nun sozusagen angefacht und in dem Raum herumgeworfen. Aus dem alten Saturnzustand kam nach einem Pralaya-Zustand der alte Sonnenzustand zum Vorschein. Hier wurde das zweite Glied des Menschenwesens gebildet: der Ätherleib. Dadurch haben wir damals das zweite Entwicklungsstadium unseres physischen Leibes durchgemacht, die erste Stufe der Entwicklung des Ätherleibes.
[ 13 ] Der Mensch hatte auf der alten Sonne eine Art Pflanzendasein. Nun waren, wie bei jeder Evolution, auch auf der alten planetarischen Sonne Wesenheiten, die nicht weit genug fortgeschritten waren in ihrer Evolution, um einen Ätherleib zu empfangen. So bildete sich eine Art Mineralreich neben dem Pflanzendasein der Menschenwesenheiten. Die Menschengestalten auf der alten Sonne können wir uns denken wie eine Fata Morgana in unserer Atmosphäre. Aus dem Wärmestoff heraus haben die Bilder sich zum Ausdruck gebracht in Formen von Luft. Dann, nach einem Pralaya-Zustand, kommen wir zu dem alten Mondzustand. Hier wird der Astralleib dem Menschen hinzugefügt. Die Materie verdichtet sich so weit, dass sie in einen wässrigen Zustand kommt. So sind wir in Wahrheit im Feuer geboren, sind durch die Luft geführt und gehen durch das Wasser, in welch Letzterem wir den Astralleib empfangen haben. Was wir unser «Ich» nennen, ist dann noch in der geistigen Atmosphäre des Mondes enthalten.
[ 14 ] Um den Zustand von Wesen, in welchen das individuelle Ich wirksam ist, zu unterscheiden von Wesen, die nicht das Vermögen besitzen, ihre Individualität nach außen auftreten zu lassen, macht der Redner Gebrauch von den okkulten Benennungen: «tönende® und «nicht tönende (stumme) Wesen. Diejenigen, die einen Ton haben, um ihr individuelles Leid und ihre Freude zum Ausdruck zu bringen, haben etwas mehr als die tonlosen oder stummen Tiere. Der Mensch im Mondstadium besaß noch keinen individuellen Ton, keine Ichheit.
[ 15 ] In dem Zustande des alten Mondes finden wir nun wieder zwei andere Reiche, die mehr und noch mehr zurückgeblieben sind in der Entwicklung: ein Pflanzenreich und ein Mineralreich neben dem Menschenreich.
[ 16 ] Nun ist der Mensch ein Wesen, stehend zwischen höheren und niedrigeren Wesen. Auch die höheren Wesen machen zu gleicher Zeit mit dem Menschen eine Entwicklung durch und sind in gewisser Weise mit seiner Entwicklung verbunden. Gewisse Wesenheiten, verbunden mit uns durch die vorhergehenden Prozesse, hatten eine schnellere Entwicklung nötig, als der Mensch mitmachen konnte. Dadurch trat nun ein gewichtiges Stadium auf in der Entwicklung von dieser Verkörperung der Erde: Sie spaltete sich in zwei Teile. Neben dem alten Mond entstand eine Sonne, ein Körper, der die Anlage hat zu einem Fixstern. Aber dadurch entstand in dem Mondkörper ein Zustand von größerer Festigkeit: ein zweites Stadium in dem Mondzustand. Und damit erfahren alle drei Reiche auf dem alten Mond eine Verdichtung. Ein Zustand entsteht, nicht ungleich dem Eiweiß — das ‹Protoplasma›. Und die Eiweißsubstanz kann nun auch wieder weiter verdichtet werden. Das Wesen des alten Mondes selber ist nun zusammengesetzt aus einer eigenartigen Sorte von halb lebendiger Materie. Es bestand keine eigentliche Bildung von Steinmassen, es bestand nur Stoff wie das Mark eines Baumes, das weiche Holz. Und es entstand in diesem Zustand ein Vegetationsreich von einer Art zwischen dem gegenwärtigen Tier- und Pflanzenreich drinnenstehend, eine Art fühlender Pflanzen, die heraussprossen aus dem halb lebendigen Boden.
[ 17 ] Wir finden auf der Erde gegenwärtig noch gewisse Wesenheiten des alten Mondenstadiums: die Mistel, die nur leben kann auf der lebendigen Substanz anderer Wesen (Bäume), nicht auf dem gewöhnlichen, für sie toten Boden. Darum ist die Mistel für den Okkultisten und Hellsichtigen das Symbol der Wesen, die vom alten Mondenzustand nicht mitkommen konnten, aber auch von den großen Perspektiven, die hinter unserem Entwicklungsstadium liegen. Eine große Kenntnis liegt oft in den alten Mythen und Überlieferungen verborgen.
[ 18 ] Den alten Mond nennt man den Planeten oder den Kosmos der Weisheit; die Erde den Planeten oder den Kosmos der Liebe. Jede Planeten-Kette hat nämlich ihr eigenes Ziel, ihre besondere Bestimmung: Die alte Weisheit wird auf der Mond-Kette entwickelt, so, wie es die Mission der Erde ist, allen Wesen die Liebe einzupflanzen.
[ 19 ] Nun geht die Entwicklung weiter: Das Ich, das vierte Glied des menschlichen Wesens, muss hinzugefügt werden. Liebe aber kann nun ein Wesen nur haben, wenn es nicht von oben herunter dirigiert wird, sondern wenn das eine Ich dem anderen gegenübersteht.
[ 20 ] Vieles blieb auch wieder auf dem alten Mond zurück, und so finden wir auch auf der Erde noch viel «Liebloses. Aber bedenken wir, dass auch wir nur auf einem gewissen Stadium unserer LiebeEntwicklung angekommen sind. Das Ideal, wovon wir so oft sprechen, von einem auf Liebe gegründeten Menschen, dieses Ideal ist direkt entnommen der kosmischen Bestimmung der Erde. So haben wir damit im Menschen seine vier Leiber oder Prinzipien erkannt. Und auch haben wir gefunden, wie neben seinem Reiche drei andere Reiche bestehen. Und auch in der Erdperiode geschieht, was in der Mondperiode geschehen war: Die Sonne trennt sich ab mit ihrer schnelleren Evolution von höheren Wesen.
[ 21 ] Die Wesen, die auf der Erde blieben — etwas Geistiges, das aus dem alten Mond hervorgegangen ist —, hatten nun die Veranlagung zu dem eigentlichen Ich. Auf dem Mond erfolgte eine Evolution von Wesen, die der Menschenevolution nicht so schnell folgen konnten und in einem langsameren Tempo vorangingen. Die Erdenevolution hatte also ein Tempo, das zwischen demjenigen liegt von Sonne und Mond. Die Trennung von Mond und Erde stimmt überein mit der lemurischen Zeit. Von da ab begann der Mensch seine gegenwärtige Entwicklung.
[ 22 ] Wie immer, blieben auch nun wieder Wesen in der Evolution zurück. Aber es gab auch Wesen, deren Evolution schneller gehen musste als die der Menschen, obwohl sie nicht imstande waren, der Sonnenevolution zu folgen. Die Wohnsitze dieser Wesen wurden der Planet Venus, näher bei der Sonne als die Erde, und Merkur, noch dichter bei der Sonne. Ähnlichen Gründen war die Abtrennung von Mars, Jupiter und so weiter zu verdanken.
[ 23 ] Als der Mensch nun auf der Erde auftritt, muss er wieder den ganzen Prozess durchmachen, und das Erste, was gebildet wird, ist ein sehr unvollkommener stofflicher Leib. Rückwärtsblickend auf den Entwicklungsprozess, sind die niederen Tierformen die zurückgebliebenen Brüder des Menschen. Sie geben Stadien der früheren menschlichen Entwicklung an, sodass die Tiere unmittelbar vom Menschen abstammen und nicht umgekehrt.
[ 24 ] Den Menschen den Anstoß geben zur Entwicklung von höheren Eigenschaften konnten nur höhere Wesen. So verkörperten sich unter uns höhere Wesen, Bewohner der Venus (auch wohl luziferische Wesenheiten genannt), um den Menschen den ersten Anstoß zur Entwicklung des Ich zu geben - durch die Liebe. Für die am meisten fortgeschrittenen Menschen haben noch höhere Wesen ihre Hilfe verliehen: die Bewohner des Merkur, welche die Lehrer der Mysterien waren.
[ 25 ] So schließt die Entwicklung des einzelnen Menschen sich zusammen mit der Entwicklung des Kosmos da draußen. Wir lernen in der kosmischen Entwicklung die Gliederung der Menschenentwicklung sehen. Die Absicht der kosmischen Entwicklung unserer Erde ist das In-Harmonie-Bringen der Liebe mit der Erbschaft des alten Mondes, der Weisheit.
[ 26 ] Aus dem Zusammenklang der kosmischen Entwicklung und der menschlichen Entwicklung lernen wir das große Problem des Lebens verstehen.
