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The Rudolf Steiner Archive

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Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111

6 März 1908 p.m., Amsterdam

19. Theosophie, Goethe und Hegel

[ 1 ] Obenstehende Überschrift war der Titel eines Vortrages, gehalten von Dr. Rudolf Steiner in Amsterdam, Donnerstag-Abend in dem Gebäude «Van het Nut».

[ 2 ] Der Redner, eingeführt bei seinen Zuhörern als der Generalsekretär (Vorsitzende) der Deutschen Abteilung der Theosophischen Vereinigung, begann damit, den Begriff «Theosophie zu beschreiben. Theosophie will eine Bewegung sein, um unser Geistesleben zu vertiefen. Und man darf wohl sagen, dass die Theosophie in unserer Zeit dasjenige repräsentiert, was wir als eine große Bewegung in der ganzen Kulturwelt wahrnehmen.

[ 3 ] Der Redner weist dann auf den wachsenden Internationalismus hin und darauf, dass fortwährend mehr und mehr im Laufe der Jahrhunderte die Scheidewände zwischen Menschen und Menschen, zwischen Völkern und Völkern wegfallen. Auf stofflichem Gebiet sehen wir hier den Bankier, den Industriellen, den Kaufmann eine wichtige Rolle spielen. Aber dies alles als stoffliche Erscheinungen sind Folgen des Bestehens von gemeinschaftlichen Ideen, Internationalisierung der Ideen.

[ 4 ] Was wir in früheren Jahrhunderten (und auch jetzt noch) auf religiösem Gebiet den einen Menschen von dem andern und das eine Volk von dem andern trennen sahen, das wird durch die Theosophie auf großartige Weise überbrückt. Und dieses ist allein möglich dadurch, dass die theosophische Geistesströmung sich erstreckt bis in die tiefsten Grundlagen des Geisteslebens.

[ 5 ] Es ist nicht die theosophische Gesinnung, die sagt: «Wie ist es möglich, dass wir es so herrlich weit gebracht haben?», und die mit einem gewissen Mitleid zurückschaut auf die alte «kindliche Glaubens-Vorstellung. Wir in der Theosophie haben uns vollkommen von dem Wahn abgewandt, dass wir herabsehen dürfen auf das, was die Menschheit in früheren Zeiten zustande gebracht hat. Um die Beziehungen von Goethe, dem Dichter, und Hegel, dem Philosophen, zu der theosophischen Lebensanschauung zu zeichnen, will der Redner diese Letztere in ein paar Grundlinien darstellen:

[ 6 ] Ein erstes Prinzip ist, dass dieser sichtbaren Welt eine unsichtbare Welt zugrunde liegt; zweitens, dass der Mensch eine übersinnliche Welt hinter der sinnlichen Welt kennenlernen kann. Aber nicht mit der gewöhnlichen sinnlichen Wahrnehmung ist die übersinnliche Welt zu erreichen. Nicht mit Zauberei, mit Aberglauben, mit Zurückfallen in alte Phantasien hat die Theosophie es zu tun. Derjenige, der nicht allein die Tatsachen der stofflichen Welt wahrnimmt, sondern der von dem allem die geistigen Ursachen wahrnimmt, er wird sich bewusst einer höheren Anlage in sich selbst.

[ 7 ] Dr. Steiner bringt dann sein Lieblingsbeispiel vom Menschen, der blind geboren ist und operiert wurde. Für ihn eröffnet sich eine Welt der Wahrnehmung. In sein Auge, das nun sieht, strömt eine Unendlichkeit von Licht und Farbenpracht ein, wovon der Mensch früher keinen Begriff hatte und sich keine Vorstellung bilden konnte.

[ 8 ] Als Bürger der niederen Naturreiche durch seine niedere Art, gehört der Mensch auf der anderen Seite durch seine höhere Art zum Reiche der höheren Welten, aus denen sein Wesen aufgebaut ist. Und so steht der Mensch mit seinem Inneren zwischen zwei Gebieten.

[ 9 ] Nun sehen wir äußerlich das Leben des einzelnen Menschen sich abspielen zwischen Geburt und Tod, und wir sehen, wie er durch die Wahrnehmung der äußeren Welten stets reicher und reicher an Erfahrung wird. Und wir fragen uns: Was ist es und wo bleibt es, was der Mensch in all dieser Zeit in sich aufgenommen hat? Das, was wir aufgenommen haben, wandelt sich durch den Tod in einen Keim einer anderen Entwicklung. Die Summe der Lebenserfahrungen hat unsere Seele erlangt, und im Augenblick des Todes ergibt sich die Frucht des Lebens als Keim. In einem neuen Leben, in einer neuen Verkörperung entfaltet sich der Keim. Das können wir wahrnehmen in der Entwicklung eines Menschen vom Augenblick der Geburt an.

[ 10 ] Was wir da wahrnehmen, kann nicht allein aus diesem einen Leben erklärt werden. So wie der Pflanzenkeim uns zu einer früheren Pflanze führt, so führt uns dieser geistige Seelenkeim zu einem früheren geistigen Leben. Das ist das, was man gewöhnt ist «Reinkarnation» zu nennen.

[ 11 ] Jedes Leben macht die Seele reicher mit den Früchten dieses Lebens, und in jedes Leben tritt der Mensch reicher hinein: Alles, was wir in uns haben, haben wir in früheren Leben erworben. Und wir wissen auch, dass das, was an Gedanken in dieser Welt lebt, die Frucht ist von früherer Menschheitsentwicklung. Aber wir sehen, dass sowohl die alten Märchen und Mythen sowie das, was wir gegenwärtig unsere Wissenschaft nennen, nur Formen sind der menschlichen Entwicklung - und dass wir später andere und höhere Formen dieser Entwicklung erreichen werden.

[ 12 ] Wenn wir dies alles überschauen, dann sind wir imstande, die Brücke zu schlagen zu dem Dichter Goethe und zu dem Philosophen Hegel. Im ganzen Wesen von Goethe finden wir von Anfang an eine Grundlage von theosophischen Gefühlen. Der Knabe Goethe versuchte, aus seinen geistigen Erfahrungen seine eigene göttlichgeistige Natur zu finden.

[ 13 ] Der siebenjährige Knabe kann die äußeren Religionsformen seiner Zeit nicht als die seinen anerkennen, er errichtet sich selber einen Altar aus einem Lesepult, und darauf legt er Steine und Pflanzen aus seines Vaters geologischer Sammlung. Naturprodukte, die er als Äußerungen des göttlichen Lebens empfindet. Und dann will er ein Opferfeuer entzünden, und er lässt die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne durch ein Brennglas fallen, und er lässt die Opferkerze entzünden auf dem von ihm selbst errichteten Altar.

[ 14 ] Auch als Künstler sucht er - zum Beispiel auf seinen italienischen Reisen - nichts anderes als das große Leben der übersinnlichen Welt. Er spricht es dann auch aus, dass die Kunst der würdigste Dolmetscher der geistigen Welt ist. Man schaue auch in seinen Briefen an Winckelmann nach, in denen er seine Ansicht beschreibt, dass alles, was in der Natur da ist an Ordnung, Harmonie und Maß, im Menschen widergespiegelt ist, wo es aufjauchzt zu der höchsten Spitze der Vollkommenheit.

[ 15 ] Schiller schreibt an Goethe:

«Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuerter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf dem schwersten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganz Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen, in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Von der einfachen Organisation steigen Sie Schritt vor Schritt zu den mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, dass Sie ihn der Natur gleichsam nacherschaffen, suchen Sie in seine verborgene Technik einzudringen. Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schönen Einheit zusammenhält.»

[ 16 ] Vom Anfang an fühlt Goethe sich geboren aus der geistig-kosmischen Natur.

[ 17 ] Dass Goethe das Geistige im Menschen erkannt hat, zeigt nicht allein ein Gedicht aus den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts, «Die Geheimnisse», in welchem er über das Rosenkreuzersymbol spricht: das schwarze Kreuz mit den roten Rosen; noch schöner gibt er sein Glaubensbekenntnis im «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» und in seiner Faust-Dichtung.

[ 18 ] Der Redner weist auf Goethes [Äußerung gegenüber] Eckermann hin, in der er sagt, dass sein Faust von zwei Gesichtspunkten aus betrachtet werden kann: Erstens ist es etwas für die Menschen im Theater, aber dann ist darin auch etwas für den Eingeweihten, der hinter dem sinnlichen Leben des Menschen das Geistesleben sieht. «Wer das nicht hat, das Stirb und Werde, er bleibt nur ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde.»

[ 19 ] Dann weist der Redner noch auf anderes hin; den meisten so wohlbekannt, aber von so wenigen, auch nicht von den meisten GoetheKommentatoren begriffen: auf den Prolog, in dem Goethe spricht von der «Sphärenharmonie» und den himmlischen Chören; auf das Wiedererscheinen der Helena-Gestalt im zweiten Teil, Helena, die doch bereits gestorben war; und schließlich auf den Homunkulus, womit er nichts anderes andeuten will als dasjenige vom Menschen, was von Verkörperung zu Verkörperung geht: die Seele. Er wurde gar zu gern verkörperlicht.

[ 20 ] Kürzer ist der Redner in Bezug auf Hegel, namentlich wegen der bereits vorgeschrittenen Zeit der Versammlung. Hegel ist ein Zeitgenosse und in vielen Hinsichten der Schüler von Goethe. Alles verstand er bei Goethe, nur nicht die theosophische Grundlage. Hegel zeigt, wie weit jemand konmen kann), der nicht die'oben genannten Grundlagen der Theosophie kennt.

[ 21 ] Nehmt ein Glas Wasser: Sie können daraus nur Wasser schöpfen, wenn es darin ist. Und der Mensch kann nur Weisheit schöpfen aus einer Welt, die selbst von der Weisheit aufgebaut ist. Dieses zu beweisen hat Hegel erstrebt.

[ 22 ] Hegel erkennt die Ideenwelt als eine zusammenhängende geistige Welt, unabhängig von der Natur, und er nennt diese Welt die reine Logik. Logos» hat für Hegel die Bedeutung von: der große Urplan der Welt, die Summe der Ideen, die dieser Welt zugrunde liegen.

[ 23 ] Der Redner weist dann auf die bekannte Systematik von Hegel hin und verfolgt, wie dieser spricht von den drei Seiten der Ideen: die Idee an sich; die Idee in der Natur, ausgebreitet nach Raum und Zeit, wo sie sich selbst bewusst werden wird, hinabsteigend in verschiedene Formen, bis zu den Menschen und weiter; dann die Idee, zurückkehrend in ihr eigenes reines Wesen, sich in sich selbst bewusst geworden.

[ 24 ] Doch, sagt der Redner, trägt Hegel in sich all die Beschränktheit seiner Zeit. Wir müssen nicht allein die philosophischen Linien sehen, nicht die Ideenwelt betrachten als etwas Absolutes. (Der Redner machte den Eindruck zu meinen: nicht als ein konkretes Ding.)

[ 25 ] Für Hegel war die wissenschaftliche Weltbetrachtung etwas Absolutes geworden, und man hat immer das Gefühl, dass Hegel meint, dass wenn der Mensch die Ideenwelt begriffen hat, die Menschheit an ihr Ende gekommen ist.

[ 26 ] Hegel wusste nichts von der Unendlichkeit von Formen, wodurch die Ideenwelt sich allmählich in aufeinanderfolgenden Leben bewusst wird, und dass der Mensch den Logos des Gefühls sowie den Logos der Idee lernen muss zu leben und zu erleben. Aus der Hegel’schen Philosophie entstand eine Art Materialismus. [Nachdem er] beinahe zwei volle Stunden unermüdlich mit großer Geisteskraft gesprochen [hatte], schloss dieser außergewöhnliche Redner seinen Vortrag mit den so treffenden Worten von Goethe:

Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt cs nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?