Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111
8 März 1908, Rotterdam
22. Das esoterische Leben
[ 1 ] Unter dem esoterischen Leben hat man zu verstehen die Kenntnis der Dinge der höheren Welten, durch welche wir uns bereits durch ein Verlangen, durch ein Heimweh angezogen fühlen. Wie kann man zu einer Kenntnis von ihnen gelangen? Um es mit einem Wort zu sagen: Es geschieht durch Einweihung, welche Dr. Steiner verglich mit dem Sehendwerden eines Blindgeborenen. Die Einweihung ist begleitet von einer allmählichen Erweckung von Fähigkeiten und Kräften, wodurch wir unbekannte Dinge wahrnehmen, die zu einer Welt von Licht, Farbe und Glanz außerhalb des Bereiches der stofflichen Sinnesorgane gehören. Das Astrale, das Devachanische und noch höhere Welten sind ja um uns herum, und die Entwicklung geistigen Lebens geschieht gemäß den Gesetzen der Natur, und nicht außerhalb ihrer regelmäßigen Entwicklung. Einmal erreichen wir alle diese Welten, und Eingeweihte hat es bereits in uralten Zeiten gegeben, deren Entwicklungsgang schneller vor sich gegangen war als bei dem Rest der Menschheit. Indem wir einen Blick werfen auf die ferne Vergangenheit, finden wir, dass in diesen alten Zeiten die Seelen der Menschen noch nicht vollkommen Besitz ergriffen hatten von ihren Körpern. Den Menschen von damals fehlte das Vermögen, sich feste Vorstellungen zu machen, und es waren große Lehrer notwendig, um sie zu führen.
[ 2 ] Der erste Punkt, auf den hingewiesen werden muss, ist, dass niemand Einweihung erobern kann für sich selbst. Es gibt ein geheimnisvolles okkultes Gesetz, wonach keine egoistische Begierde unsere geistige Entwicklung fördern kann, sondern nur ein Gefühl von Pflichtbewusstsein und Altruismus, und dabei nicht nur allein das Gefühl, ich will meinen Mitmenschen helfen, sondern auch die Einsicht, ich muss auf die zielsicherste Weise die Werkzeuge dazu anfertigen.
[ 3 ] Das Bewusstsein von dieser Pflicht ist eine der ersten großen Bedingungen für das innere Leben und den Einfluss seiner Gesetze. Das liegt darin begründet, dass ein großer Unterschied besteht zwischen dem Denken des primitiven Menschen und demjenigen eines esoterisch Entwickelten. Von den Gedanken und Gefühlen des Letzteren strömen nämlich Folgen, Wirkungen aus in die Außenwelt. Deshalb muss der Mensch, welcher das esoterische Leben beginnen will, erst durchdrungen sein von dem Gefühl der Pflicht gegenüber der Menschheit, von Verantwortlichkeit für die Folgen seines okkulten Einflusses nach außen.
[ 4 ] Der folgende Punkt, der uns klar vor dem Geiste stehen muss, ist, dass das esoterische Leben abhängig ist von bestimmten Bedingungen im Zusammenhang mit den großen Gesetzen der okkulten Welt. Es ist nun recht schwer für uns einzusehen, dass es nicht so ist, wie wir uns vorstellen, dass es sein sollte, sondern so, wie diejenigen, die es durch Erfahrung wissen, es uns sagen. Einen gläsernen Stab macht man elektrisch durch Reiben. Wer aber damit anfängt, zu sagen «Reiben will ich nichb, dem wird es nie gelingen, seinen Stab elektrisch zu machen. Ohne sich den großen Gesetzen des okkulten Lebens zu unterwerfen, kommt man darin nicht weiter. Um von diesen Gesetzen eine vorläufige Charakteristik zu erlangen, müssen wir uns den Zustand der gegenwärtigen Menschheit deutlich vor Augen führen.
[ 5 ] Wenn wir mit dem okkulten Auge weit in die frühere Menschheit zurückblicken, kommen wir zu einer eigenartigen Entdeckung. In dem alten Lemurien und auch später, in der atlantischen Zeitepoche, so lehrt uns die Akasha-Chronik, empfand der Mensch den Einfluss seiner Umgebung viel mehr als heute. Die physische Möglichkeit des Schlafens hing ab vom Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang. Auf andere Weise wieder waren die Menschen unterworfen den Einflüssen des Mondes. Gewisse Funktionen im Körper hingen mit großer Genauigkeit ab von der Weltenuhr. Gewisse Ereignisse geschahen bei Auf- und Niedergang der Sonne. Es war damals eine physische Unmöglichkeit, dass man, so wie es jetzt in unseren großen Städten geschieht, die Nacht zum Tage macht. Die Menschheit lebte in harmonischem Zusammenstimmen mit dem Rhythmus der Natur. Die Tatsache dieses Zusammenstimmens in Lemurien war bedingt durch das unbewusste Ego. Erst durch die bewusste Entwicklung dieses Ego entstand Disharmonie. Das Ego begann sein Selbstbewusstsein zu zeigen, indem es von dem Rhythmus der Natur abwich. Die Verrichtungen, die vordem mit dem Lauf der Sonne und des Mondes zusammenhingen, wurden verschoben. Bis zu dieser Zeit, wo dieses stattfand (in der Epoche des Übergangs zu der fünften Rasse), hatte der Mensch eine Art von träumerischer Hellsichtigkeit besessen. Nun, beim Erobern unserer gegenwärtigen Form des Bewusstseins, welches sich, wie gesagt, zuerst äußerte in dem Abweichen von Rhythmen der Natur, ging diese Hellsichtigkeit zwischenzeitlich verloren. Die Wirksamkeit des zum Bewusstsein erwachten Ich bestand in dem Ordnen und Läutern des Astralleibes, und dieser geläuterte und geordnete Teil wurde Manas. Dieses Manas umfasst alle Gedanken, alle Erinnerungen, jegliche intellektuelle Funktion, und wir können es nennen das Selbst des Geistes, das Geistselbst. Und es ist die Aufgabe des Ich, den Astralleib durch Läuterung zu einem manasischen Leib zu machen. Aber wie kann die Hellsichtigkeit, die Hellhörigkeit wiederum erworben werden, welche dem Menschen früher eigen gewesen - sei es auch in traumhafter Weise -, ihm aber doch verloren gegangen ist durch das Abweichen vom Rhythmus der Natur? Dies kann allein geschehen durch Einwirkung des Prinzips der Budhi auf den Ätherleib, welcher ihre Abschattung ist in den niedrigeren Welten. Auf diese Weise kann sie wiederum erobert werden, aber nicht traumhaft, sondern mit voller Bewusstheit.
[ 6 ] Das esoterische Leben will diesen hellsichtigen Bewusstseinszustand wiederum erwecken durch Methoden, welche die Seele beeinflussen. Die Gabe der Hellsichtigkeit wird dem Menschen nicht geschenkt. Der Meister oder [der von ihm geprüfte Schüler] gibt dem Kandidaten Anweisungen, deren Befolgung ihn wieder in Harmonie bringen muss mit dem Rhythmus der Natur. Als Vorbereitung kann er sich auf dem Wege des Studiums in Berührung bringen mit den Theorien und Lehren der großen esoterischen Weisheit, aber diese rein intellektuelle Übung genügt nicht. Der Kandidat muss sich zu regelmäßigen Zeiten jeden Tag der Meditation und Konzentration hingeben, innere Versenkung in sein eigenes Seelenleben pflegen. Die regelmäßige Wiederholung wirkt auf das höhere Seelenleben, von dem der Ätherleib das Fahrzeug ist. Als Inhalt der Meditation ist zu wählen der eine oder andere tiefsinnige Spruch, und es ist am besten, wenn der Lehrer diesen wählt, wenn es auch wünschenswert ist, dass der Spruch selber auf hohe geistige Autorität hin zu uns gekommen ist, wie zum Beispiel: «Bevor das Auge sehen kann, muss es der Tränen sich entwöhnen.» In diesem Satz liegt eine Welt von geistiger Tiefe, und er ist gegeben durch einen Meister der Weisheit.
[ 7 ] Aus einem solchen Brunnen fließt die Wahrheit unerschöpflich und quillt beim neuen Überdenken immer wieder aufs Neue und in tausenderlei Schattierungen von geistigem Licht. Das esoterische Leben besteht nicht darin, solch einen Spruch intellektuell zu verstehen, man mnussimmer’wieder mit'seinier ganzen Seeleinuhmanfgehen. Nicht immer einen neuen Spruch soll man suchen oder wollen, sondern immer aufs Neue muss der gleiche Inhalt durch die Seele gehen. Dieses erklärt auch die folgenreiche Kraft des Gebetes: Wer betet, lässt immer wieder denselben geistigen Strom durch seine Seele gehen. Und die Wiederholung bedeutet einwirken auf ein anderes geistiges Fahrzeug als das der Intelligenz.
[ 8 ] Wenn wir die Gliederung des Menschen verfolgen, finden wir einerseits das Ich, diesen von der Umwelt unaussprechlichen Namen, andererseits die zunächst vier niedrigeren Prinzipien, wovon jedes für sich durch das Ich umgearbeitet, bewusst gemacht werden muss. So müssen die Begierden umgearbeitet werden in moralische Ideale. Wenn wir mit dem okkulten Blick den Wilden mit dem Europäer vergleichen, so sehen wir, dass bei dem Ersteren der Astralleib einheitlich ist, beim Zweiten jedoch ist ein Teil durch das Ich umgearbeitet zu Manas. Der Anblick der Aura beweist dies. Und dieses Manas ist im Okkultismus das geistige Selbst, jedoch in seiner niedrigsten Form. ‚Aber der Mensch ist nicht allein Manas. Wenn der Mensch älter wird, nimmt er an Kenntnis zu, wenigstens bis zu einem gewissen Alter. Aber was nahezu gleich bleibt - es sei denn, dass er sein Wesen nach okkulten Methoden entwickelt -, das sind seine Gewohnheiten und sein Temperament. Dieses Temperament, diese Charaktereigenschaften, diese Gewohnheiten gehen hervor aus dem Ätherleib. Auf den ätherischen Leib bestimmend, entwickelnd einwirken kann nur geschehen durch Impulse aus der Budhi heraus, von der das Ätherische die Widerspiegelung ist. Diese Impulse, welche immer und immer wieder auf den Ätherleib einwirken müssen, werden geweckt durch devotionelle religiöse Gefühle, wahre Kunst, Musik. So entspringt aus dem durch den Einfluss von Budhi erweckten und umgearbeiteten Ätherleib die Kraft, die Willenskraft, bewusst eine Gewohnheit zu verändern, was eigentlich heißt, auf eine Gewohnheit zu verzichten oder sich einen sittlichen Mangel abzugewöhnen.
[ 9 ] Und hierin spielt auch die Wiederholung eine Rolle. In regelmäßigen Zeiten, jeden Tag, sollte der Mensch sich der Meditation hingeben, wovon oben gesprochen wurde, und nicht allein den Inhalt der Meditation begreifen, sondern mit seiner Seele in ihr aufgehen. So viel von dem Ätherischen im Bewusstsein wiedererschaffen ist, ebenso viel ist Budhi-Bewusstsein. Später, wenn der Kandidat das Prinzip des Atma zu Bewusstsein bringen will, wird er auf den physischen Leib einwirken müssen.
[ 10 ] Nun - sagte Dr. Steiner - müssen wir uns noch von dieser Wiederholung in Rhythmen einen klaren Begriff bilden. Wir müssen uns die Sache vorstellen analog den Wachstumsgesetzen der Pflanzenwelt. Das Wachstum einer Pflanze wird von innen her durch das ätherische Prinzip beherrscht. Dieses ätherische Prinzip wird geführt durch das Gesetz der Wiederholung, so kommen an dem Stamm die Äste und an den Zweigen die Blätter. Das astrale Prinzip der Pflanze umgibt sie von außen als ein glänzendes Licht, das das Prinzip der Wiederholung in seinem Wirken führt und zähmt und im richtigen Augenblick die weitere Blattbildung aufhält, um Raum zu schaffen für die Bildung von Blüte, Blume, Frucht und Samen. Das ätherische Prinzip ist das der Wiederholung, das astrale das der Abschließung. Beim Menschen sieht man die Wirkung des ätherischen Prinzips im Bau der Wirbelsäule, welche durch die Schädelbildung abgeschlossen wird. Esoterisch zu leben bedeutet Einwirken auf den Ätherleib durch Wiederholung, denn im Geiste muss wiederholt werden, was unbewusst geschieht. Diese Wiederholung muss Tag für Tag geschehen in der Meditation. So wie bei der Pflanze alle Kraft nach außen wirkt im Wachstum, so muss beim Menschen alle Kraft nach außen wirken durch die Meditation. Die Seele hat durch diese geistige Wiederholung wieder Rhythmus, mit anderen Worten, sie hat regelmäRige geistige Ruhepunkte.
[ 11 ] Man kann einem einfachen Rhythmus folgen jeden Tag hindurch oder Woche für Woche den gleichen Spruch nehmen, aber man kann den Rhythmus auch zusammengesetzt machen zum Beispiel dadurch, dass man einen bestimmten Spruch für jeden Tag der Woche hat. So wird der Rhythmus entwickelt aus dem, woraus wir selber entwickelt sind, und das Ich kommt zur Selbstständigkeit, tritt im Rhythmus aus sich selbst heraus. Darum werden in alten Sagen Eingeweihte des sechsten Grades Sonnenhelden genannt, da diese nicht abwichen vom Rhythmus, den der Sonnenlauf der Natur gibt.
[ 12 ] Das esoterische Leben ist nicht allein Wiederholung, es muss auch Führung und Begrenzung haben, so wie das astrale Glanzlicht bei den Pflanzen. Dieses Element wird bei der Entwicklung des esoterischen Lebens des Menschen repräsentiert durch devotionelle Gefühle, Religion, wahre Kunst; sich richten nach einer Individualität als seinem Ideal. Und diese Meditation und diese Devotion müssen dann zusammenfallen, wie bei der Pflanze Blütenkeim und Frucht.
[ 13 ] Aber der Mensch, der sich dem esoterischen Leben hingibt, muss auch das Auge gerichtet halten auf die Welt um sich herum. Weltflucht ist nicht sein Endziel. Er hat Arbeitskraft und Tüchtigkeit und will nicht Heiliger in der Ferne sein, sondern ein Heiliger in der Welt. Es ist nicht esoterisch, in sich selbst gekehrt seines Wegs zu gehen, wenn draußen viel zu sehen, zu lernen und zu tun ist. Und das Werk eines solchen Menschen nach außen muss der Ausdruck sein seines Inneren. Darum muss eine auf Missverständnis beruhende Absonderung Platz machen für Heiligkeit im Dienste der Menschheit.
