Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111
27 März 1909, Rome
28. Einführung In Die Theosophie III
[ 1 ] Wir haben den Menschen verfolgt bis zu dem Punkt, an dem er in die geistige Welt kommt. Betrachten wir einmal diese Welt. Das ist nicht so einfach und so leicht, weil die Verhältnisse in der geistigen Welt wesentlich verschieden sind von denen der physischen Welt und wir keine Worte haben, um so etwas zu beschreiben. Jede Sprache ist für die physische Welt geprägt, und weil wir von übersinnlichen Welten zu reden haben, können wir nicht die gewohnte Sprache gebrauchen, sondern müssen Bilder anwenden. Dennoch kann die geistige Welt mit der physischen Welt verglichen werden. Alles, was die Letztere enthält - Gebiete, Meere, Luft -, hat sein Analogon in der geistigen Welt. Was «Erde in der geistigen Welt ist, enthält dasjenige, was die physische Welt auch hat, das heißt Menschen, Tiere, Pflanzen, Mineralien, aber wie in einem negativen Bilde. Zum Beispiel hat ein Kristall [auf der Erde] eine bestimmte Form von physischer Materie ausgefüllt. In der geistigen Welt aber gibt es diese Materie nicht. An ihrer Stelle gibt es ein Loch, und was der Hellseher als Aura um den [irdischen] Kristall sieht, ist alles, was vom Kristall in der geistigen Welt anwesend ist. Es ist das Astrallicht, dessen Strahlen hineindringen bis in den Raum, der dem physischen Teil des Kristalls entspricht.
[ 2 ] Wenn wir eine Pflanze in der geistigen Welt beobachten, so sehen wir nicht ihre Wurzel, sondern nur den Teil der Pflanze, der über die Erde ragt, besonders die Blätter und die Blumen. Eine Rose zum Beispiel zeigt rötlich leuchtende Blätter; die Blume ist durchsichtig und hat eine grünlich-gelbe Farbe. Von den Tieren sieht man nur das Nervensystem, das wie ein Baum aussieht. Ganz phantastisch sind diese Tierfiguren im Devachan, wenn man sie zurückbringt auf das Urbild [...] von einem zukünftigen Stadium des jetzigen Tierreiches. Ein Pferd zum Beispiel zeigt dem hellsehenden Auge eine kolossale Masse über dem Kopfe. Der Elefant hat einen noch viel größeren Kopf, so groß wie ein Haus, und der physische Leib verschwindet ganz vor dem Auge des Hellsehers. Dasselbe gilt, verhältnismäßig aber, für den Menschen. Alle diese Formen bilden zusammen, was man die feste Erde des Devachan nennen könnte, auf der ihre menschlichen Bewohner herumgehen.
[ 3 ] Im Devachan gibt es auch etwas, das sich vergleichen lässt mit unseren Meeren und Flüssen, auch regelmäßig verlaufend. Auch dort gibt es ein einheitliches Element, das sich vergleichen lässt mit dem Wasser hier bei uns: das einheitliche Leben, das wie auf Erden auch dort alle Menschen, Tiere und Pflanzen belebt. Aber dort, auf der geistigen Erde, wirkt es wie ein vergeistigtes Element. Die Flüsse kann man mit den regelmäßigen Strömungen des Blutes vergleichen, die Meere mit den Blut-Reservoirs [...].
[ 4 ] Es gibt auch eine geistige Luft, die gebildet ist von derselben, stets sich wandelnden Substanz, die hier auf Erden unsere Empfindungen, Gefühle, Leidenschaften bildet. Wie unsere Luft Stürme und Gewitter hat, so auch dort. Die Stürme dort sind die hier auf Erden materialisierten Leidenschaften. Sodass zum Beispiel: Wenn heftige Leidenschaften hier auf Erden die Menschen zum Kampf gegeneinander bringen, so sieht der Hellseher oben in der geistigen Welt den Kampf der Leidenschaften, während auf dem physischen Plan der körperliche Kampf stattfindet. Daher stammt die Legende von den Kämpfen in der Luft, wie sie gesehen wurden nach der Niederlage von Attila. Wie wir in der physischen Welt die vier Elemente haben, so haben wir im Okkultismus Erde, Wasser, Luft und Feuer, und im Devachan ebenso viele Gebiete. Dasjenige Gebiet, das dem Feuer entsprechen würde, ist gebildet von dem, was wir Ursprüngliches, Originelles schaffen. Und daneben sehen wir auch die Urbilder von dem, was auf Erden besteht. In Wirklichkeit bringt der Mensch von sich selbst etwas Ursprüngliches mit, das er nicht von der Außenwelt empfängt.
[ 5 ] Betrachten wir einmal in der Geschichte der Menschheitsentwicklung den Augenblick, in dem das erste Feuer durch das Reiben von zwei Holzstöcken entstand, und sehen wir dann auf alle Leidenschaften, die durch diese Entdeckung entstanden sind. Der Fortschritt ist eben dieser erfinderischen Tätigkeit des Menschen zu danken. Die Urbilder dieser menschlichen Gedanken sind das vierte Element, das sich durch das ganze Devachan verbreitet als «Wärme. Dann gibt es noch weitere Gebiete, die aber nicht hier auf Erden ihre Entsprechungen haben, sodass es unnötig ist, sie zu nennen. Der Mensch kommt also in das Devachan mit seinem Ich, seiner gereinigten Astralwesenheit und dem Extrakt vom Lebensleib. Was wird dann weiter aus ihm? Er ist dann wie ein vegetabilischer Keim vom Lichte ausgestrahlt. Alles, was ihn umgibt, wirkt auf ihn ein wie auf den Pflanzenkeim die Säfte der Erde und das Licht. Und wie sich hier auf Erden die Pflanze entwickelt, so entwickelt sich der Mensch im Devachan, sich allmählich in ein anderes Wesen umwandelnd.
[ 6 ] Welches sind die ersten Wahrnehmungen im Devachan? [Der Verstorbene] sieht verschiedene Gebilde. Zuerst dasjenige seines eigenen Körpers, das sehr verschieden ist von unserem physischen Körper. Außerdem, während wir uns auf dem physischen Plan mit unserem physischen Träger identifizieren, nehmen wir im Devachan deutlich den Unterschied zwischen unserem Ich und seinem Träger wahr. Wir sehen von Letzterem die Form wie eine Zeichnung und begreifen, dass wir sie verlassen haben, uns über sie erhoben haben und sie zurückgelassen haben, um einen Teil zu bilden von dem irdischen Element des Devachan. Die Grundempfindung ist also diese: «Ich bin ich» und «Du bist dw, während wir früher auch «Ich» sagten von unserem Körper.
[ 7 ] Um uns herum nehmen wir rosafarbige Strömungen von geistigem Fluidum wahr, und wir erkennen, dass sich in allen einheitliches Leben regt. Dieses Leben gibt uns von der Einheit allen Lebens eine mächtigere Überzeugung, als es je die größte Religiosität geben kann, und erfüllt uns mit Freude.
[ 8 ] Dann werden wir der Luft gewahr: Alles, was Liebe, Hass, Freude und Schmerz. ist, ist dort in der wahren Form sichtbar. Man sieht alles, was hier auf Erden in den Seelen verborgen lebt. Was hier unten ist, verbirgt sich [hier unten] alles hinter einer Maske; von dort aus gesehen ist alles sichtbar, und jede Seele ist entschleiert. Eine Empfindung, die der Wärme oder Kälte gleicht, wird im Devachan hervorgebracht durch die Wahrnehmung der wirklichen Form der Gedankenwelt. Hier auf Erden ist der Gedanke keine Wirklichkeit, besonders nicht für den Materialisten. Nur der Spiritualist hat eine Ahnung von seiner Wirklichkeit. Was wir hier also unter Gedanken verstehen, ist nur ein Schatten in Bezug auf das wirkliche Wesen der Gedanken, die wahrhafte Wesenheiten sind. Dort bewegen wir uns zwischen wirklichen Figuren, die durchwoben sind von unserem Gedankenstoff. Wir haben schon gesagt, dass der Mensch dort wie ein Keim ist; dieser entwickelt sich wie auf Erden eine Pflanze und erhält Glieder und Organe. - Was für Organe? Geistige Organe, das heißt geistige Augen und Ohren. Der erste Sinn, der sich öffnet, ist der Sehsinn. Dann folgt der Gehörsinn. Ist dieser entwickelt, dann wird der Mensch, der vorher in absoluter Stille sich befand, anfangen, die Sphärenharmonien zu vernehmen, von denen Pythagoras spricht. Musik, das geistige Wort, oder wie die Kirche sie nennt: die Chöre der Engel.
[ 9 ] Ebenso wie die Pflanze, wenn ihr Zyklus abgelaufen ist, Früchte trägt, so erreicht auch der Mensch im Devachan einen Punkt, an dem er reif ist. Im Ganzen dauert der Aufenthalt im Devachan schr lange. Hat er den Punkt der Reife erreicht, dann kehrt der Mensch zurück zur Erde mit dem, was er im Astralleib und im Ätherleib mitgebracht hatte als Ergebnis seiner eigenen Erfahrungen.
[ 10 ] Die Lehre der Reinkarnation findet sich in allen Religionen; dennoch ist sie im Christentum seit zweitausend Jahren wenig in den Vordergrund gestellt worden. Doch hat der Christus über sie mit seinen Aposteln geredet. Drei von ihnen nahm er mit auf den Berg und machte sie für den Augenblick hellsehend. Die Vergangenheit erschien ihnen wie Gegenwart, und sie sahen Jesus zwischen Moses und Elias. Da sagten sie: Wie ist das [möglich], dass Elias hier ist, während er noch kommen soll? Aber Christus antwortete: Elias ist schon gekommen, aber ihr habt ihn nicht erkannt; Johannes der Täufer war Elias, aber sagt es niemand, bis der Christus von den Menschen erhoben sein wird. - Wir werden später sehen, warum sie es geheim halten sollten.
[ 11 ] Wenn wir die Entwicklung des Menschen verfolgen von der Geburt ab, so sehen wir, dass sein physischer Körper aus der physischen Welt geformt wird und mit jeder Verkörperung wechselt, während der eigentliche Wesenskern des Menschen immer bleibt für alle Verkörperungen, das Leben im Himmel zwischen zwei Verkörperungen inbegriffen. Was geschieht nun mit den Verbindungen, die wir anknüpfen während dieses Lebens, das so kurz ist gegenüber dem, das wir in der geistigen Welt verbringen? Finden wir unsere Lieben im Devachan wieder? Die Geisteswissenschaft antwortet hierauf mit einem bestimmten «Ja!».
[ 12 ] Ja, wir finden sie wieder, und zwar in viel intimerer Weise, weil die physischen Hindernisse aufgehoben sind. Nehmen wir zum Beispiel die Mutter mit ihrem Kinde: Im Anfang war das Verhältnis einfach physisch, körperlich; später wird es immer geistiger, und es ist dieses geistige und seelische Band, das fortdauert. Nichts von dem, was geistig gebunden wurde, geht verloren, und wir finden das geliebte Wesen wieder sogar bis in die letzten Inkarnationen. Die unbegreiflichen Neigungen von Menschen zueinander, die seltsamsten Begegnungen deuten auf vorhergehende Verbindungen.
[ 13 ] Gehen wir jetzt zurück zu dem, was wir die Geschichte der seelischen Zustände nach dem Tode genannt haben. Wir erwähnten schon das Mysterium von Golgatha und seine wirkliche und große Bedeutung auch im Reiche der Toten. Vor der Christus-Erscheinung auf Erden ging die Seele nach dem Tode durch das Reinigungsfeuer im Kamaloka, und als sie an die Schwelle der geistigen Welt gekommen war, trat ihr ein Führer entgegen. In lang verflossenen Zeiten war dieser Führer einer ihrer Vorfahren, dem ein noch älterer folgte, und so weiter, bis der allerälteste erreicht war, der Stammvater der Rasse oder des Volkes. Diese Tatsache erklärt uns den Ausdruck im Alten Testament: sich in Abraham vereinigen.
[ 14 ] Bei den Ägyptern hießen diese Führer die ‹Zweiundvierzig Richter der Toten› und hatten den Auftrag, den Toten bis an die Türe des Paradieses zu führen. Von da an war die Seele reif genug, um allein weiterzugehen. In jedem Zeitalter und in jedem Volke finden wir eine besondere Art solcher Führer. Außer den Vorfahren treten als Führer auf die großen Lehrer der Menschheit, wie zum Beispiel die Rishis, Krishna bei den Indern, Zarathustra bei den Persern, Hermes im Ägypten des Moses, Buddha, Lao-Tse bei den betreffenden Völkern. Sie sind die großen Eingeweihten, die den Menschen den Weg verkürzten, sodass sie nicht stufenweise die ganze Folge der Vorfahren hinaufzugehen brauchten.
[ 15 ] Durch Christi Erscheinen ist sein Licht der Seelenführer geworden. Er kommt ihnen entgegen und begleitet sie. In der vorchristlichen orientalischen Weisheit wird gesprochen von zwei Wegen. Diejenigen, die nicht reif waren für die Lehre von Buddha, von Lao-Tse und so weiter, mussten den ganzen Weg der Vorfahren hinaufgehen, den sogenannten «Pitriyana». Die anderen, die im Leben in eine lebendige Verbindung getreten waren zu einem «Meister, wurden durch ihn auf dem Wege der Götter geführt, dem sogenannten «Devayana». Christus aber hat einen einzigen, gemeinsamen göttlichen Weg gegeben für alle diejenigen, die mit ihm in lebendige Verbindung treten, und dieser Weg wird sie einstmals in eine große Brüderschaft vereinigen. Alle anderen Wege werden sich in diesen einzigen christlichen Weg verschmelzen durch die immer zunehmende Erkenntnis.
[ 16 ] Vergleichen wir jetzt den Weg des Buddha mit dem christlichen. Buddha sah vor allen Dingen das Leiden, das Elend, die Schmerzen und so weiter im Leben und predigte, dass man den Durst nach dem Dasein austilgen solle. Sechshundert Jahre später schon kam der Christus Jesus, und durch den Christusimpuls erkannte die Menschheit ihre Aufgabe auf der Erde. Je mehr das Christusprinzip in uns hineindringt, umso mehr erkennen wir, dass Altwerden «Wachsen» heißt und dass die Krankheiten «Prüfungen» sind. Das Christusprinzip überwindet sogar die Krankheiten, weil es die Materie beherrscht. Diese Eigenschaft wird immer mehr von den Menschen erkannt werden, und sie werden sie gebrauchen können, um die Krankheiten zu vertilgen. Der Tod bringt uns dem Christus näher, und durch seine Anziehungskraft wird das Christusprinzip in uns immer mehr wachsen in den folgenden Inkarnationen, bis wir den mächtigen Christus der Offenbarung, der alles erlöst, werden sehen können.
[ 17 ] Die Christuskraft verbindet die Seelen und vernichtet den Ausdruck, der da sagt, Trennung ist Leiden, weil durch ihn keine Trennung mehr möglich ist. Auch das, was wir vorher nicht liebten, werden wir als eins mit uns empfinden, ohne die geringste Nuance von Opposition oder Antipathie. Außerdem wird es auch keine Ursache zum «Verlangen» sein, nicht nur weil das Christusprinzip die Entsagung lehrt, sondern auch, weil es am Ende die Empfindung der völligen Befriedigung gibt, die alles Verlangen ausschließt. Christus sagte: «Ich bin der Weg.»
