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The Rudolf Steiner Archive

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Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111

29 März 1909, Rome

30. Einführung In Die Theosophie V

[ 1 ] Heute wollen wir von der christlichen Einweihung sprechen. Vorher aber müssen wir uns klar werden über das Einweihungsprinzip, damit wir verstehen, was wir tun müssen, um es zu erlangen. Meine Worte werden nur eine allgemeine Übersicht geben können, da es Jahrzehnte bedarf, um sie vollkommen zu begreifen.

[ 2 ] Zuerst sehen wir, dass es drei Grundkräfte im Menschen gibt: Denken, Fühlen und Wollen. Jedem dieser Kräfte entspricht ein System, ein Weg zur Einweihung. Wir haben den indischen Weg, der zusammenhängt mit der Gedankenentwicklung, den eigentlichen christlichen Weg im Zusammenhang mit der Gefühlsentwicklung und endlich den Rosenkreuzerweg, der mit der Willensentwicklung zusammenhängt. Heute wollen wir also die eigentliche christliche Einweihung ins Auge fassen.

[ 3 ] Denken wir an den Zustand des Menschen, wenn er schläft, wenn das Ich und der Astralleib außerhalb des physischen Leibes sind. Weil der Astralleib weder Ohren noch Augen hat, nimmt der Mensch nichts wahr während der Nacht. Deswegen muss er in seinem Astralleib geistige Organe entwickeln. Dies erreicht man durch die «Reinigung oder «Katharsis, wie sie im alten Griechenland genannt wurde. Das ist die erste Stufe. Auf der zweiten Stufe muss der Mensch seinem Ätherleib die Wahrnehmungen des Astralleibes einprägen. Die Wahrnehmung wird gleich, nachdem sie gemacht ist, wie ein Abdruck im Ätherleib wiederholt.

Diagram 1
Diagram 1

[ 4 ] In der christlichen Einweihung musste der Einzuweihende, um dies zustande zu bringen, in sich die heftigsten Gefühle hervorrufen. Es handelt sich dabei nicht um die Gefühle des täglichen Lebens, die sich nicht auf den Astralleib beziehen. Es sollen viel tiefere Gefühle sein, die kräftig auf den Astralleib einwirken, wenn er außerhalb des physischen Leibes ist.

[ 5 ] Die erste Empfindung, die der Einzuweihende in sich erleben musste, ergab sich durch den Unterricht des Meisters. Dieser führte ihn an einen stillen entfernten Ort, und dort lenkte er die Aufmerksamkeit des Schülers auf die ruhige Natur, während er ihm sagte: Sieh diese Pflanze an, wie sie ihre Wurzeln in die Erde versenkt hat und nach oben hin ihren Stängel getrieben hat mit den Blättern, den Blumen, den Früchten — wie hat sie das gemacht? Vermittels der Kräfte, die sie von der Erde eingesogen hat. Sodass, könnte sie reden, so würde sie zu dem leblosen mineralischen Boden sagen: Ich erhebe mich über dich, aber mein Leben verdanke ich dir, und dankbar beuge ich mich zu dir nieder. Dieses demütige Gefühl der Dankbarkeit musste der Kandidat Wochen und Wochen lang auf sich einwirken lassen.

[ 6 ] Dann ging der Meister dazu über, ihm die Tiere zu zeigen, die ihrerseits für ihre Nahrung wieder von der Pflanzenwelt abhängig sind. Der gleiche Zusammenhang besteht zwischen dem Menschenreich und dem Tierreich und zwischen den Menschen untereinander, sodass ein Gefühl gegenseitigen Dankes alle Reiche der Natur verbindet. Eben das Gefühl musste der Kandidat in sich erleben.

[ 7 ] An einem gewissen Punkt angelangt, hat der Diszipel eine Vision, die immer für alle Schüler dieselbe ist. Er sieht, was im JohannesEvangelium im dreizehnten Kapitel beschrieben wird. Er sieht den Christus, der seinen zwölf Aposteln die Füße wäscht. Dieses SichHinneigen des Höheren zum Niederen deutet darauf hin, dass das Höhere nicht ohne das Niedere bestehen kann. Das Symptom, das diese Vision begleitet, ist die Empfindung von strömendem Wasser, das über die Füße fließt. Diese Tatsache ist die geistige Waschung.

[ 8 ] In dieser Weise ist der Schüler für die folgende Empfindung reif geworden. Der Meister sagt ihm: Du musst deine Seele erfüllen mit allen Schmerzen der Welt, jeden Tag und immer intensiver. Dann fühlt der Diszipel eine Zeit lang einen stechenden Schmerz, weil dieses Gefühl sich in seinen Astralleib einverwoben hat. Dann hat er die Vision des Christus, wie er gegeißelt wird; als äußeres Symptom fühlt er, wie wenn er selbst gegeißelt würde.

[ 9 ] Dann kommt das Astralische ihm entgegen, und der Schüler erlebt ein drittes Gefühl. Der Meister sagt ihm: Du musst in dir so erleben, als ob das Allerheiligste, das es für dich auf der Welt gibt, in Staub zertreten wird. Nach Wochen und Monaten und Jahren bisweilen erlebt der Schüler wie Stiche, die ihm in den Kopf dringen, und sieht dabei den Christus mit Dornen gekrönt.

[ 10 ] Dann kommt die vierte Stufe, und der Meister sagt zum Schüler: Bis jetzt hast du deinen Leib genannt; jetzt musst du lernen, ihn als ein bloßes Werkzeug zu betrachten. Er soll dir wie ein fremdes Ding werden, wie ein Beil, und du musst in diesem Gefühl verharren, auch wenn er irgendeine Verletzung bekommt. Der Schüler muss so weit kommen, dass er sagt: Ich gehe nicht durch die Türe, aber ich trage meinen Leib durch sie hindurch. Das ist leicht gesagt, aber es bedarf vieler Kraft und Ausdauer, um es wirklich zu erleben und in die Praxis umzusetzen. Die Wirkung ist so, dass der Diszipel, während er ganz versunken ist in dem Gefühl der Entzweiung zwischen sich und seinem Leib, an seinem Leibe die fünf Stigmata bekommt, an den Händen, den Füßen und eines an der rechten Seite. Man muss aber vorsichtig sein, und [nicht jede solche Erscheinung einer geistigen Entwicklung zuschreiben], weil die Stigmata auch durch gewisse pathologische Verhältnisse verursacht werden können. An diesem Punkt hat man die Vision von dem Christus, der sein Kreuz trägt, und der Diszipel wird durch seine blutenden Wunden zum (Träger des Kreuzes; das Kreuz ist sein Leib, den er hinter sich durch die Welt schleppt.

[ 11 ] Darauf folgt eine noch höhere Stufe, in der der Mensch den Gekreuzigten betrachtet und so tief über die Kreuzigung meditiert, dass er für die äußere Welt blind und taub wird und das Gefühl hat, selbst gekreuzigt zu sein. So erreicht er den «mystischen Tod, die fünfte Stufe. An diesem Punkte erscheint ihm die ganze Welt verfinstert, der Boden vergeht unter seinen Füßen, er hört nichts mehr - es ist die furchtbarste Probe. Der Einzuweihende erlebt alle Schmerzen, alle Laster, alle Sünden. Es ist der «Gang zur Hölle. Und er vernimmt, dass, wie viel Leiden und Schmerzen es auch in der Welt gäbe, ihrer immer noch mehr entstehen können. Dann kommt ein wichtiger Augenblick: Die Finsternis hört auf, und die geistige Welt zeigt sich. Das ist eben das «Entzweireißen des Vorhangs. In dem Augenblick zum ersten Mal sieht der Kandidat die Tat des Christus; und nur so und auf keinem andern Weg kann diese Tat vollständig begriffen werden. Dieser Übergang wird wie eine Befreiung erlebt und darf auch so bezeichnet werden. Der Schüler lernt den Sinn der Worte: Stirb und Werde.

[ 12 ] Von diesem Augenblicke an hat sich der Kandidat einen klaren Begriff gemacht von der Gerechtigkeit, die in der moralischen Welt waltet, wie das Gleichgewicht die physische Welt aufrechterhält, und er sieht nicht nur die Wirkungen, sondern auch die Ursachen; er sträubt sich nicht mehr gegen die «göttliche Gerechtigkeit» bei irgendeiner Katastrophe, wie zum Beispiel die vor Kurzem geschehene in Messina, Reggio [Calabria] und so weiter, bei der das Erdbeben Schuldige und Unschuldige zugrunde richtete. Er erkennt, dass es in der Welt einen steten Ausgleich gibt.

[ 13 ] Wenn der Kandidat in die Zeit zurückschaut und zum Beispiel die atlantische Katastrophe betrachtet, durch die eine so ungeheure Anzahl von Menschen zugrunde ging, erkennt er, dass die jetzigen Katastrophen, mit [dieser] verglichen, nur Kleinigkeiten sind, und dass auf keine Weise das Prinzip der Gerechtigkeit durchbrochen wird. Die Atlantier nämlich kannten die Gebrauchsweise der treibenden Naturkräfte, die in einem geheimnisvollen Zusammenhang stehen zum Wasser und zur Luft. Und weil sie diese Kräfte nicht zum Guten anwendeten, wurde die verheerende Reaktion in diesen beiden Elementen hervorgerufen und der Kontinent überschwemmt.

[ 14 ] In unserer Zeit aber ist die Ursache der heutigen Katastrophen anderswo zu suchen, und zwar in der materialistischen Denkweise, die im Zusammenhang steht mit dem Feuer und mit der Erde. Sodass, je mehr die Menschen materialistisch fühlen, denken und wollen, desto kräftiger die Einwirkung auf diese Elemente ist. Dadurch entstehen dann die Erdbeben. Und weil man überhaupt nicht glaubt an den engen Zusammenhang zwischen dem menschlichen Tun und Treiben und der Natur, und dieser doch besteht, deshalb wirkt er zurück, nicht nur auf den einzelnen Menschen, sondern auch auf die Gesamtmasse der Menschheit. Daher die große Anzahl von Persönlichkeiten, die betroffen werden. Es sterben Schuldige und Unschuldige bei solchen Katastrophen; aber für die Unschuldigen wird es in den folgenden Inkarnationen ausgeglichen. In der Atlantis waren es ganze Völkerschaften, die durch ihren verirrten Willen einen schlechten Gebrauch ihrer magischen Kräfte machten und die eben genannte Katastrophe hervorriefen.

[ 15 ] Wir dagegen haben jene magischen Kräfte nicht mehr; dennoch verursachen wir ungeheure Umwälzungen durch unsere Gedanken und durch den schlechten Gebrauch der Naturkräfte, von denen wir Besitz ergreifen. Daraus sehen wir, dass der Begriff des Karma derselbe ist wie der Begriff der Handlung — wie es im Sanskrit heißt —, und man kann ebenso gut Karma wie Handlung sagen. Das KarmaGesetz zeigt dem Menschen seine Stellung und seine Wirkung. Der Hellseher sieht, wie diejenigen, die zusammen von derselben Katastrophe betroffen worden sind, sich, wenn sie sich wieder verkörpern, zusammenfinden in ein und derselben Gruppe von Menschen und dasselbe Ideal haben für das Wohl der Menschheit.

[ 16 ] Kehren wir jetzt zu den Einweihungsstufen zurück und betrachten wir die sechste Stufe. Der Schüler erfährt, dass alles, was ihn außerhalb seines Leibes umgibt, seinem Leibe zugehört, das heißt die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere - in einem Worte: die ganze Erde, auf die sein Bewusstsein sich erstreckt. In dieser Weise wird in ihm das Gefühl des Getrenntseins ausgelöscht. Er begreift, dass dieses Gefühl eine Täuschung ist, dass er im Gegenteil mit allem verbunden ist wie der Finger am Körper, und dass die Möglichkeit, frei nach seinem Willen herumzugehen auf der Erde, gar nicht das Losgelöst-Sein von einem inneren Zusammenhang mit der Umgebung in sich schließt. Wir sind mit unserer Umgebung verbunden zuallererst durch die Atmungs- und Ernährungs-Funktionen. Diese Stufe wird bezeichnet als die «Grablegung. Dann wird einem klar der Sinn der Worte des Christus «Der mein Brot isset, tritt mich mit Füßen», die wörtlich aufgefasst werden müssen, weil alles auf Erden der Leib des Christus ist. Auf dieser sechsten Stufe wird der Mensch dem Christus einverleibt, in Christus begraben. In demselben Augenblick wird er zum Bewohner der geistigen Welt; er lebt in ihr, und nur scheinbar ist er an seinen physischen Leib gebunden.

[ 17 ] Die siebte Stufe ist nicht mit Menschenworten zu beschreiben, weil nur derjenige, der ohne das physische Gehirn denken kann, sich einen Begriff von ihr machen kann. Sie ist die höchste Seligkeit, die innere ‹Himmelfahrt›.

[ 18 ] Durch den Durchgang durch die sieben Stufen wird der Astralleib des Einzuweihenden vollständig umgewandelt, und er erlangt die «Erleuchtung. Das Ziel dieses ungeheuer schweren Weges ist die Erkenntnis des Christus. Der Kandidat schaut dann in vollkommenem Lichte die Wahrheit dessen, was sich in Palästina zugetragen hat, das, was historisch nur undeutlich erscheint. Es geht ihm wie einem, der in einem dunklen Zimmer ist, wo er nichts sehen kann und plötzlich ein Licht seinem Auge alles offenbart.

[ 19 ] Von der ersten bis zur siebten Stufe ist es ein Schreiten von der Finsternis zu dem immer helleren Lichte, bis das Licht seine höchste Intensität erhält durch die Mission des Christus, der alles beleuchtet mit seinen Strahlen.