Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111
30 März 1909, Rome
31. Einführung in die Theosophie VI
[ 1 ] Gestern haben wir den Weg der christlichen Einweihung beschrieben und haben gesehen, wie ungeheuer schwer er ist, so schwer, dass er von den ersten Stufen an eine Trennung vom täglichen Leben bedingt. Darum ist das Leben in unserer Zeit nicht vereinbar mit jenem Wege. Deswegen sahen die Okkultisten des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts die Notwendigkeit ein, die Möglichkeit herbeizuschaffen, den Weg der Einweihung zugänglicher zu machen. Schon im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert hatten sich die Begriffe der Menschheit geändert, wie das besonders deutlich wurde in der Zeit von Kopernikus und Galilei. Der Weg musste also übereinstimmen mit den neuen Anschauungsweisen, insbesondere mit der sich damals entwickelnden Naturwissenschaft. Dieser Notwendigkeit kam der rosenkreuzerische Weg entgegen. Er lässt keine einzige Frage unbeantwortet, sei es auf dem Gebiete der Religion ‚oder auf dem der Wissenschaft. Diese Einweihung offenbart uns die tiefsten Tiefen der biblischen Weisheit und macht uns stark, um allen Anforderungen des modernen Lebens gerecht zu werden. Dieser Weg wird bezeichnet nach dem Namen des Stifters der rosenkreuzerischen Schule, Christian Rosenkreutz, dessen wahrer Name aber nur den Eingeweihten bekannt ist.
[ 2 ] Der Rosenkreuzerweg ist verschieden von dem christlichen, obwohl er dasselbe Ziel hat. Sehen wir uns einmal an, worin er besteht. Er besteht aus Taten und Handlungen im Innersten der Seele, so innerlich sogar, dass die anderen Menschen sie nicht zu bemerken brauchen und sie leicht zwischen allen gewöhnlichen Beschäftigungen des Lebens hindurch vollbracht werden können. Es sind Reinigungsübungen, die sehr viel helfen, und zwar:
1. Gedankenkonzentration,
2. Initiative des Handelns,
3. Gleichgewicht in Freude und in Leid,
4. Positivität im geistigen Leben,
5. Unbefangenheit des Urteils,
6. alle vorigen harmonisch zusammen ausführen.
[ 3 ] Hauptbedingung ist die stete Wiederholung solcher Übungen. Das Ergebnis ist die Umwandlung des Ätherleibes, der der Träger ist, in dem alle unsere Gewohnheiten, die wir eben der Wiederholung verdanken, sozusagen registriert werden. Die Pflanze zum Beispiel, die schon einen Ätherleib hat, zeigt uns dieses Wiederholungsgesetz, indem sie stets neue Blätter hervorbringt; während dort, wo der Astralleib der Pflanze ist, dieses Gesetz versagt.
[ 4 ] Auch für den Menschen zeigt sich die Notwendigkeit der Wiederholung in Bezug auf seine höhere Entwicklung. Das bloße Verstandesbegreifen genügt nicht, um den Ätherleib zu verwandeln. Darauf beruht ja die Wirkung der religiösen Übungen, bei denen die Wiederholung stets für das esoterische Leben in Betracht gezogen wird. Darum wird zum Beispiel das «Vaterunser mehrmals wiederholt; und es genügt nicht, es bloß zu verstehen.
[ 5 ] [Erste Übung:] Lassen wir uns die erste Übung beschreiben, die der Konzentration. Man wählt einen Ort und eine Zeit, in denen unser Geist am ruhigsten ist, und fängt an, über irgendeinen beliebigen Gegenstand zu denken. Nur muss der Gegenstand von uns selbst gewählt sein und womöglich ohne suggestive Eigenschaften sein, das heißt uninteressant sein, zum Beispiel eine Stecknadel. Unser Gedanke muss fest bei der Stecknadel bleiben, auch wenn alle möglichen konkreten Formen der Stecknadel in Betracht genommen werden, ebenso wie alle Begriffe, die sich auf sie beziehen. Einzig und allein soll nur das Bild der Stecknadel festgehalten werden. Diese Übung muss fünf Minuten dauern, und das Wichtigste an ihr ist nicht der Gegenstand, an den gedacht wird, sondern die Kraft, mit der gedacht wird. Der Gegenstand der Konzentration kann also jeden Tag ein anderer sein, kann sogar mehrmals an einem Tag gewechselt werden.
[ 6 ] Zweite Übung: Initiative des Handelns. Man nimmt sich vor, irgendeine Handlung zu einer bestimmten Zeit des Tages zu vollbringen; je unbedeutender, je besser, wenn man sicher ist, nicht gestört zu werden. Man sagt sich zum Beispiel: Morgen um diese Zeit wirst du in jene Ecke einen Stuhl hinstellen, und nichts wird dich abhalten, es zu tun. Die Wiederholung solcher kleinen Handlungen entwickelt in kurzer Zeit einen starken Willen.
[ 7 ] Dritte Übung: Gleichgewicht - Unbefangenheit. Der esoterische Schüler muss Lust und Leid beherrschen können, das unwillkürliche automatische Lachen und Weinen unterdrücken, ebenso wenig himmelhoch-jauchzend als zu Tode betrübt sein. Das macht einen selbstverständlich nicht gefühllos. Im Gegenteil, der Schüler muss immer empfindlicher werden und immer mehr alle Stufen von Leid und Freude begreifen, aber in allem muss er stets Herr seiner selbst bleiben.
[ 8 ] Vierte Übung: Die Positivität der Seele, das heißt jene Beschaffenheit des Denkens und Fühlens, in allen Dingen das zu suchen, was gut, schön und nützlich ist, auch wenn es den entgegengesetzten Schein hat. Sogar in einem Wahnsinnigen wird man noch den göttlichen Funken der Vernunft finden. Die Wahrheit in einer Welt des Irrtums suchen heißt nicht, kritiklos zu werden, sondern eben die Kritik so weit zu führen, dass man herausfindet, was den andern Menschen zumeist entgeht. In einer persischen Legende haben wir ein Beispiel einer solchen Positivität, wie sie der Christus verstand. Als er mit seinen Jüngern auf dem Wege war, sahen sie den Kadaver eines Hundes in vorgerückter Verwesung. Die Apostel wandten sich mit Abscheu ab, während sie untereinander über den abscheulichen Anblick redeten. Christus dagegen blieb vor dem Kadaver stehen und machte seine Jünger darauf aufmerksam, welch schöne Zähne dieser Hund hatte.
[ 9 ] Fünfte Übung: Unbefangenheit des Urteils. Hierunter versteht man das Aufgeben des Absoluten in der persönlichen Meinung, und zu jeder Zeit Bereitsein, dieselbe zu ändern, wenn eingesehen wird, dass die Änderung vernünftig ist. Wir müssen immer darauf bedacht sein, etwas Neues zu lernen, sei es von einem Kinde, sei es von einem Grashalm.
[ 10 ] [Sechste Übung:] Hat man jede dieser Übungen einen Monat lang durchgesetzt, dann muss man im sechsten Monat versuchen, sie alle fünf harmonisch durchzuführen. Diese Harmonisierung übrigens muss schon im zweiten Monat allmählich anfangen und stattfinden, wenn die Ausführung der zweiten Übung keineswegs die der ersten beeinträchtigen soll. Im dritten Monat soll man die ersten zwei Übungen auch machen und in dieser Weise fortführen, soweit es die täglichen Pflichten zulassen. Diese Übungen müssen auf den Astralleib wirken; so stark muss der Eindruck sein, der auf diesen gemacht wird, dass er ihn behält bis in den Schlafzustand, wenn er vom physischen Leib getrennt ist. Die Schulung des Rosenkreuzers muss ihn befähigen, denken zu können ohne äußere Anregung. Er muss in sich selbst die Anregung zum Denken schöpfen können, sodass der Gedanke immer mehr von seinem Willen abhängt und nicht einfach von den Verhältnissen hervorgebracht wird. Diese Übungen machen uns allmählich fähig, unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsachen der übersinnlichen Welt zu lenken, deren Erkenntnis eben die Hauptsache der okkulten Lehren ausmacht. Viele bedauern es, dass die Theosophie immer von Welten redet, die den gewöhnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten nicht zugänglich sind, während die Wissenschaft dagegen alles beweist, was sie lehrt. Die elementare Theosophie hat jedoch stets diesen transzendentalen Charakter in allen okkulten Schulen gehabt.
[ 11 ] Wer die Theorie verstanden hat und sie am Leben prüft, wird sehen, wie alles zusammen übereinstimmt. Übrigens gibt es ein noch höheres Stadium, das in meiner «Philosophie der Freiheit» beschrieben wird. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mich selbst zitiere. Aber dieses Buch enthält eine Reihenfolge von Gedanken, von denen jeder folgende aus dem vorangehenden hervorgeht in solcher Weise, dass man weder den einen an die Stelle des andern setzen noch einen daraus entfernen könnte.
[ 12 ] Die zweite Stufe besteht darin, dass man die sogenannte «Imaginatiom erreicht durch eine ganz besondere Versenkung in sich selbst. Man stellt sich Bilder vor das geistige Auge, denen man seine ganze Aufmerksamkeit widmet, wodurch dann die Imagination oder das imaginative Bewusstsein erweckt wird. Wieder findet an diesem Punkte ein Gespräch zwischen dem Meister und seinem Schüler statt. Der Meister spricht: Sieh, wie die Pflanze ihre Wurzel in der Erde hat, wie sie Blätter und Blüten entfaltet; fühle, wie sie wächst und wie sie in sich ihre Säfte hat, und schaue dann den Menschen an und lerne den Unterschied verstehen. Die Pflanze ist unbewusst; im Menschen aber wird alles zurückgespiegelt als Lust und Leid in verschiedenen Graden. Im Menschen fließt das rote Blut als Träger der Leidenschaften und der Triebe, während in der Pflanze der keusche grüne Saft sich bewegt, das leidenschaftslose Chlorophyll. Erlebe dies! Dann schaue auf das wirkliche Ideal der Zukunft, wenn der Mensch sich selbst umgearbeitet haben wird und sein Blut so rein und keusch wie der Saft der Pflanze geworden sein wird. Als Symbol dieser Umwandlung kann uns die Rose dienen, in der dasjenige, was unten grün ist, oben sich in Rot verwandelt, ohne die Reinheit und Keuschheit einzubüßen. Fühle diese Entwicklung nach stets höheren Stufen! Fühle weiter, was gemeint ist mit den Worten: «Stirb und Werde»! Alle Leidenschaften müssen überwunden werden, und das rote Blut muss wiederum rein werden. Das siehst du alles in dem Symbolum der Rosenkreuzer: im schwarzen Kreuz den Tod und in den sieben Rosen die Zeichen des höheren Werdens.
[ 13 ] In Jesus war eben das Blut wiederum so rein geworden, dass nach einer Legende, als das Blut aus den fünf Wunden floss, Bienen sich auf die Wunde an der Seite setzten und das Blut aufsogen, denn dieses war so rein geworden, dass Honig daraus gemacht werden konnte wie aus dem reinen Blute der Pflanze. Die Hauptsache ist, sich imaginativ ganz tief in das sich vorgestellte Bild zu versenken, nicht bloß sich ein Bild vorzustellen. Dasselbe gilt für alle Symbole, zum Beispiel für den Schlüssel Salomos: oben ein weißer fliegender Drache, unten ein schwarzer, der stirbt.
[ 14 ] Durch gewissenhaftes Üben kommt man dazu, morgens aufzuwachen mit dem Bewusstsein, dass man die Nacht in einer Welt der Symbole verbracht hat. Es ist wie ein Auftauchen aus den Tiefen des Meeres in das Licht, und die Finsternis erhellt sich.
[ 15 ] Dann kommt die dritte Stufe, das «Lesen der okkulten Schrifv. Die Bilder stellen sich vor die Imagination, und es ist nicht mehr möglich, an Täuschung zu denken. Diese Bilder sind die Sprache der höheren Wesenheiten: Engel, Erzengel, Seraphim, Thronoi und so weiter. So erleben wir die Welt der geistigen Wesenheiten. Von dem wirklichen Bilde lernen wir die Imagination unterscheiden durch die Wirkung, die sie auf uns ausübt. Zum Beispiel wird das Bild eines glühenden Eisens uns nie brennen wie das glühende Eisen selbst; und wenn auch das Bild einer Limonade uns das Wasser in den Mund kommen lässt, so wird es doch niemals unseren Durst löschen. Durch die Imaginationsübungen also lernen wir, die okkulte Schrift zu lesen, und das ist ein bedeutungsvoller Fortschritt.
[ 16 ] Dann kommt die vierte Stufe: Die «Zubereitung des Steins der Weisen». Diese Bezeichnung könnte einen zum Lachen bringen, wenn man an die mannigfaltigen alten Vorschriften denkt, die sich darauf beziehen; wir aber wissen, um was es sich handelt. Betrachten wir noch einmal die Pflanze. Der Mensch atmet Sauerstoff ein, sammelt sich Kohlenstoff und atmet Kohlensäure aus. Die Pflanze dagegen atmet Kohlensäure ein, behält den Kohlenstoff und befreit den Sauerstoff, wodurch der Mensch die Luft wieder gebrauchen kann. Der Atmungsprozess der Pflanze, obwohl er, wie er in der Wissenschaft beschrieben wird, als wenig bedeutend betrachtet wird, hat dennoch im Okkultismus eine große Bedeutung. Weil alles in der Welt nach einem Gesetz der Harmonie bestimmt und geordnet ist, schreibt der Meister dem Schüler eine rhythmische Atmungsart vor, die wir nur andeutend behandeln können, weil sie zu dem Gebiete der esoterischen Lehre gehört. Der Atmungsprozess wird so geordnet, dass der Mensch den Kohlenstoff verarbeitet, wie die Pflanze es tut, sodass wir hier in Wirklichkeit die Reinigung und die Umwandlung des Blutes haben, das dadurch verpflanzlicht wird. Der Kohlenstoff ist eben der Stein der Weisen. Und hier haben wir seine Zubereitungsweise in großen Zügen: Der Mensch ist die Retorte, er lernt Pflanze zu werden im höheren Sinne. Aber nur derjenige lernt es, der in diesem höheren Sinne es verstehen kann, und nicht derjenige, der darin nur eine neue Quelle für materiellen Nutzen suchen würde.
[ 17 ] Kommen wir jetzt zur fünften Stufe. Der Meister sagt zum Schüler: Lerne den «Zusammenhang zwischen dem Mikrokosmos und dem Makrokosmos! Im Menschen ist alles enthalten, was ihn in der äußeren Welt umgibt. Wir nennen zum Beispiel den Zusammenhang zwischen dem Auge und der Sonne. Man abstrahiere von allem Äußeren und konzentriere sich einzig und allein auf einen Punkt des Auges oder des Herzens, dann versteht man die Wirkung der Sonne im Kosmos, weil die Sonnensubstanz sich eben im Auge und im Herzen befindet. So lernt der Schüler, dass ihm die Sonne Auge und Herz schenkte, wie er vom Monde verschiedene Teile des Gehirns hat. Allmählich dringt der Schüler auf diese Weise in seine Umgebung hinein.
[ 18 ] Jetzt kommen wir an die sechste Stufe: Der Schüler denkt nicht mehr, sagen wir, an das Herz, sondern an die Kräfte, die es ihm gaben, und so macht er es mit allen Dingen. So dringt man ein in die Seele der Dinge und erlebt ihr eigenartiges Leben. Man würde zum Beispiel glauben, dass, wenn man von einer Pflanze ein Blatt abreißt, sie Schmerz empfinden müsse wie ein Leib, dem man einen Finger abreißt. Aber nein, dem ist nicht so. Die Pflanze genießt es, wenn man sie pflückt oder verbrennt oder wenn sie mit der Sense abgeschnitten wird. Nichts ist schöner für das hellsichtige Auge zu schauen wie die Zeit der Ernte, wenn Pflanzen und Blumen den Schnitt der Sense wollüstig genießen. Dagegen leidet die Pflanze, wenn sie mit ihren Wurzeln aus der Erde herausgezogen wird. Für den Stein wiederum ist es ein Genuss, wenn er zersplittert wird, anstatt mit anderen Steinen zusammen zu einem Bau vermauert zu werden. Für das Salz zum Beispiel ist das Aufgelöst-Werden im Wasser Genuss, Leid dagegen der Kristallisierungsprozess. In uralten Zeiten war die ganze Erde in Wasser gebettet. Allmählich verfestigte sie sich, und sie wurde geboren wie aus den Schmerzen der Seele der Steine. Wir gehen herum auf versteinertem Leiden, wie andererseits von ihrer Vergeistigung ihre Seligkeit entstehen wird. Paulus sagte: Jedes geschaffene Ding muss seine Geburt mit Schmerzen bezahlen.
[ 19 ] Jetzt sind wir bei der siebenten Stufe angelangt, derjenigen der «Gottseligkeiv, die unaussprechlich ist mit Menschenworten. Sie gibt die Lösung des Christus-Geheimnisses.
[ 20 ] Wie wir sehen: Für diesen rosenkreuzerischen Weg nach aufwärts braucht man sich nur in sich selbst hineinzubegeben und kann zu gleicher Zeit in dem alltäglichen Leben verbleiben.
