The Gospel of St. John
in comparison with the other three Gospels,
particularly the Gospel of Luke
GA 112
25 June 1909, Kassel
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The Gospel of St. John, tr. Lockwood
Zweiter Vortrag
2. Living Spiritual History
[ 1 ] Wenn vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus über ein solches Thema gesprochen wird, wie es das unsrige ist, so geschieht das nicht etwa in dem Sinn, daß irgendeine Urkunde, irgendein Schriftwerk, das im Laufe der Menschheitsentwickelung entstanden ist, zugrunde gelegt wird, und nun etwa auf die Autorität dieses Schriftwerkes hin diese oder jene Tatsachensumme beleuchtet wird. So geschieht es in der Geisteswissenschaft nicht. Sondern was geschehen ist im Laufe der Menschheitsentwickelung, das wird von der Geisteswissenschaft ganz unabhängig von allen Dokumenten erforscht; und dann erst, wenn der Geistesforscher mit den Mitteln, die unabhängig von einer jeden Urkunde sind, über die betreffenden Dinge geforscht hat und sie zu charakterisieren weiß, wird an die betreffende Urkunde herangegangen und nachgesehen, ob sich auch in den Urkunden findet, was man zunächst ganz unabhängig von einer jeden Überlieferung erforscht hat. Also alles, was über den Verlauf irgendwelcher Ereignisse in diesen Vorträgen gesagt wird, das ist nicht etwa bloß in dem Sinne gesagt, daß es aus der Bibel, aus den vier Evangelien geschöpft ist, sondern es sind die Ergebnisse der von allen Evangelien unabhängigen Geistesforschung. Aber bei jeder Gelegenheit soll darauf hingewiesen werden, daß alles, was der Geistesforscher erkunden und beobachten kann, in den Evangelien und namentlich im Johannes-Evangelium wiedergegeben wird.
[ 1 ] When a subject such as our present one is discussed from the standpoint of spiritual science, this is not done by basing the facts upon some document or other exposition come into being in the course of human development, and by then illuminating the facts in question on the authority of such a document. That is not the way of spiritual science. On the contrary, entirely independent of all documents, spiritual science investigates what has occurred in human evolution; and only then—after the spiritual scientist has completed his research by means independent of any documents, and knows how to describe what he has found—only then is the document in question examined with a view of discovering whether it agrees with what had first been disclosed without reference to any tradition whatever. So all the statements made in these lectures concerning the course of this or that event are by no means to be taken as merely deriving from the Bible, from one of the four Gospels, but rather as the conclusions arrived at by spiritual research independent of the Gospels. But no opportunity will be missed to show that everything the spiritual scientist can fathom and observe is to be found in the Gospels, particularly in the Gospel of St. John.
[ 2 ] Es gibt ein merkwürdiges Wort des großen Mystikers Jakob Böhme. Über das Wort wundern sich nur diejenigen, welche außerhalb des Rahmens der Geisteswissenschaft stehen. Jakob Böhme macht einmal darauf aufmerksam, daß er redet von den vergangenen Zeiten der Menschheitsentwickelung - etwa von der Persönlichkeit des Adam - wie von Erlebnissen, die sich unmittelbar um ihn herum abspielen, und er sagt: Vielleicht könnte mancher fragen: Bist du denn dabei gewesen, als Adam auf der Erde wandelte? Und unumwunden antwortet Jakob Böhme: Jawohl, ich bin dabei gewesen! — Und das ist ein merkwürdiges Wort. Denn die Geisteswissenschaft ist tatsächlich in der Lage, das, was geschehen ist, und sei es auch vor noch so langen Zeiten, wirklich mit den Augen des Geistes zu beobachten. Ich möcht ein der Einleitung nur mit einigen allgemeinen Worten darauf hinweisen, worauf das beruht.
[ 2 ] We have a curious utterance by the great mystic Jacob Boehme which puzzles all who are not in touch with spiritual science. Jacob Boehme once drew attention to his way of discussing past epochs in human evolution—say, the figure of Adam—as though they had been within the scope of his own experiences, and he said: “Many might ask, Were you then present when Adam walked the earth?” And Jacob Boehme answers unequivocally: “Yes, I was present.” Now, that is a noteworthy statement; for actually, spiritual science is in a position really to observe with the eyes of the spirit whatever has occurred, be it ever so far back; and in these introductory remarks I should like to touch briefly upon the reason for this.
[ 3 ] Alles, was in der sinnlich-physischen Welt geschieht, das hat ja sein Gegenbild in der geistigen Welt. Wenn sich eine Hand bewegt, so ist nicht nur das vorhanden, was Ihr Auge als die sich bewegende Hand sieht, sondern hinter der sich bewegenden Hand, hinter dem Augenbild der Hand liegt zum Beispiel mein Gedanke und mein Wille: die Hand soll sich bewegen. Es liegt überhaupt ein Geistiges dahinter. Während das Augenbild, der sinnliche Eindruck der Handbewegung vorbeigeht, bleibt das geistige Gegenbild in der geistigen Welt eingeschrieben und hinterläßt immer eine Spur, so daß wir, wenn wir das geistige Auge geöffnet haben, von allen Dingen, die geschehen sind in der Welt, die Spuren verfolgen können, die da zurückgeblieben sind von ihren geistigen Gegenbildern. Nichts kann geschehen in der Welt, ohne daß es solche Spuren gibt.
[ 3 ] Everything that happens in the physical sensorial world has, of course, its counterpart in the spiritual world. When a hand moves there is present not only what your eye sees as a moving hand, but behind this moving hand, this visible image of the hand, there are, for example, my thought and my will: the hand is to move. In short, a spiritual element underlies it all. But while the visible image, the sense impression of the hand motion, passes, its spiritual counterpart remains inscribed in the spiritual world and always leaves a trace; so if our spiritual eyes are opened we can trace all things that have happened in the world by the imprints left by their spiritual counterparts. Nothing can occur in the world without leaving such traces.
[ 4 ] Nehmen wir an, es läßt der Geistesforscher den Blick zurückschweifen bis zu Karl dem Großen oder bis in die römische Zeit oder in das griechische Altertum. Alles, was da geschehen ist, ist seinen geistigen Urbildern nach durch Spuren erhalten geblieben in der geistigen Welt und kann dort geschaut werden. Dieses Schauen der Spuren, welche alle Geschehnisse in der geistigen Welt zurücklassen, nennt man das «Lesen in der Akasha-Chronik ». Es gibt eine solche lebendige Schrift, die das geistige Auge sehen kann. Und wenn der Geistesforscher Ihnen die Ereignisse von Palästina oder die Beobachtungen des Zarathustra beschreibt, so beschreibt er nicht das, was in der Bibel, was in den Gathas steht, sondern er beschreibt, was er selbst in der Akasha-Chronik zu lesen versteht. Und dann wird eben nachgeforscht, ob das, was in der Akasha-Chronik entziffert worden ist, sich auch in den Urkunden, in unserm Falle in den Evangelien, findet. Es ist also gegenüber den Urkunden ein völlig freier Standpunkt, den die Geistesforschung einnimmt. Gerade darum aber wird sie die eigentliche Richterin sein über das, was in den Urkunden vorkommt. Wenn uns aber in den Urkunden das gleiche entgegentritt, was wir in der Akasha-Chronik selbst zu verfolgen in der Lage sind, dann ergibt sich für uns, daß diese Urkunden wahr sind, und ferner, daß sie jemand geschrieben haben muß, der auch in die Akasha-Chronik zu schauen vermag. Viele der religiösen und anderen Urkunden des Menschengeschlechtes erobert die Geisteswissenschaft auf diese Weise wieder. An einem besonderen Kapitel der Menschheitsentwickelung, an dem Johannes-Evangelium und seiner Beziehung zu den anderen Evangelien wollen wir uns das, was jetzt gesagt worden ist, veranschaulichen. Aber Sie dürfen sich nicht vorstellen, daß die Akasha-Chronik, die geistige Geschichte, die wie ein aufgeschlagenes Buch vor dem geöffneten Auge des Sehers daliegt, etwa wie eine Schrift der gewöhnlichen Welt ist. Eine Art lebendiger Schrift ist sie, und wir wollen versuchen, uns das an dem Folgenden klarzumachen.
[ 4 ] Suppose the spiritual scientist gazes back to Charlemagne, or to the time of Rome, or to Greek Antiquity: everything that took place there has been preserved in the spiritual world as imprints of its spiritual prototypes, and can be seen there. This seeing is called reading the akashic record. There exists this living script which the spiritual eye can see; and when the spiritual scientist describes the events of Palestine or the observation of Zarathustra he is not describing what is found in the Bible or in the Gathas, but what he himself is able to read in the akashic record. Only then does he investigate whether the disclosures of the akashic record are to be found in the documents as well—in our case, the Gospels. The attitude, therefore, of spiritual research toward documents is wholly unhampered; and for this very reason spiritual research will be the true judge of what documents have to tell. But when we find the same information in the documents as we were able to glean from the akashic record we infer first, that the documents are true, and second, that someone must have written them who was also able to read in the akashic record. Many religious and other documents of the human race are retrieved by spiritual science in this way.—What has just been said shall now be clarified by the study of a special chapter in human evolution, the Gospel of St. John, and its relation to the other Gospels. But you must not imagine that the akashic record, the spiritual history which lies open like a book before the seer's eyes, resembles any script of the ordinary world. It is a living kind of script, and we will try to understand this through what is to follow.
[ 5 ] Nehmen wir an, der Blick des Sehers schweift zurück - sagen wir in die Zeit des Cäsar. Cäsar hat dies und das getan, und insofern er es auf dem physischen Plan getan hat, haben es seine Zeitgenossen gesehen. Alles hat eine Spur zurückgelassen in der Akasha-Chronik. Wenn man aber zurücksieht als Seher, dann sieht man die Taten so, wie wenn man ein geistiges Schattenbild oder ein geistiges Urbild vor sich hätte. Denken Sie sich noch einmal die Bewegung der Hand. Das Augenbild können Sie als Seher nicht erblicken; aber die Absicht, die Hand zu bewegen, die unsichtbaren Kräfte, welche die Hand bewegt haben, die werden Sie immer sehen. So ist alles zu sehen, was in den Gedanken des Cäsar gelebt hat, sei es, daß er diese oder jene Schritte machen oder diesen oder jenen Kampf führen wollte. Alles, was die Zeitgenossen gesehen haben, ist ja aus seinen Willensimpulsen hervorgegangen, hat sich ja realisiert durch die unsichtbaren Kräfte, die hinter den Augenbildern stehen. Aber das, was hinter diesen Augenbildern stand, ist wirklich wie der wandelnde und handelnde Cäsar zu sehen, wie ein Geistesbild des Cäsar, wenn man zurückblickt als geistiger Seher in die AkashaChronik.
[ 5 ] Suppose the seer gazes back in time—say, to the time of Caesar. Caesar did certain deeds, and in so far as they occurred on the physical plane his contemporaries witnessed them. But they all left their traces in the akashic record; and when the seer looks back he sees them as spiritual shadow-pictures or prototypes.—Call to mind again the movement of the hand: as a seer you do not perceive the picture this presents to the eye, but you will always see the intention to move the hand, the invisible forces that move it. In the same way is to be seen everything that went on in Caesar's thoughts, be it certain steps he intended to take or some battle he planned. Everything seen by his contemporaries originated in the impulses of his will and was executed by the invisible forces underlying the sense images. But the latter really appear in the akashic record as the Caesar who moved and had his being, as the spiritual image of Caesar. Here someone inexperienced in such matters might object: Your tales are nothing but day-dreams—you know from your history what Caesar did, and now your mighty imagination makes you believe you are seeing all sorts of invisible akashic pictures.—
[ 6 ] Nun könnte jemand, der in solchen Dingen nicht bewandert ist, sagen: Wenn ihr uns erzählt von vergangenen Zeiten, so glauben wir, daß das alles nur Träumerei ist. Denn ihr kennt aus der Geschichte, was der Cäsar getan hat, und glaubt dann durch eure mächtige Einbildung irgendwelche unsichtbaren Akasha-Bilder zu sehen. — Wer aber in diesen Dingen bewandert ist, der weiß, daß es um so leichter ist, in der Akasha-Chronik zu lesen, je weniger man dieselben Dinge aus der äußeren Geschichte kennt. Denn die äußere Geschichte und ihre Kenntnis ist geradezu eine Störung für den Seher. Wenn wir an ein bestimmtes Lebensalter kommen, so haftet uns mancherlei Erziehung an aus unserer Zeit heraus. Auch der Seher kommt mit der Erziehung seines Zeitalters zu demjenigen Zeitpunkt, wo er sein seherisches Ich gebären kann. Er hat gelernt aus der Geschichte, er hat gelernt, wie Geologie, Biologie, wie die Kulturgeschichte und Archäologie ihm die Dinge überliefern. Das alles stört eigentlich den Blick und kann ihn befangen machen für das, was in der Akasha-Chronik zu lesen ist. Denn in der äußeren Geschichte darf man durchaus nicht etwa dieselbe Objektivität suchen und dieselbe Sicherheit, die bei der Entzifferung der AkashaChronik möglich ist. Bedenken Sie nur einmal, wovon es in der Welt abhängt, daß dieses oder jenes «Geschichte » wird. Da sind von irgendeinem Ereignis diese oder jene Urkunden erhalten geblieben, während andere, und vielleicht gerade die wichtigsten, abhanden gekommen sind. An einem Beispiel können wir sehen, wie unsicher alle Geschichte sein kann.
[ 6 ] But those who have experience in these things know that the less familiar one is with such events through outer history, the easier it is to read in the akashic record; for outer history and a knowledge of it are actually confusing for the seer. When we have reached a certain age we are hampered by various aspects of our education connected with the age in which we live. In the same way the seer, equipped with the education provided by his epoch, arrives at the point when he can give birth to his clairvoyant ego. He has studied history; he has learned how things are handed down in geology, biology, archaeology, and the history of culture. All this actually interferes with his vision and may bias him in his reading of the akashic record; for in outer history one can by no means expect to find the same objectivity and certainty that are to be achieved in deciphering the akashic record. Consider for a moment what it is that causes this or that event to become what is called history: it may be that certain documents have been preserved relating to some events, while others—and perhaps the most important ones—have been lost. An example will show how unreliable all history can be.
[ 7 ] Unter den mancherlei dichterischen Plänen Goethes, die liegen geblieben sind, und die ja für den, der sich näher auf Goethe einläßt, eine schöne Beigabe werden zu den großen herrlichen Werken, die er uns abgeschlossen gegeben hat, unter diesen Plänen befindet sich auch das Fragment einer Nausikaa-Dichtung. Er wollte eine Nausikaa dichten. Es sind aber nur wenige Skizzen vorhanden, wo er sich aufgeschrieben hat, wie er diese Dichtung ausführen wollte. So hat er ja vielfach gearbeitet, manchmal einige Sätze hingeworfen, und oft ist nur wenig davon erhalten geblieben. So auch von der Nausikaa. Einige Zettel sind da, worauf einige Notizen stehen. Nun hat es zwei Menschen gegeben, die beide versucht haben, diese Nausikaa nachzudichten. Beide waren Forscher: der Literaturhistoriker Scherer und Herman Grimm. Aber Herman Grimm war nicht nur ein Forscher, sondern auch ein phantasievoller Denker; es ist derselbe, von dem auch die Schriften stammen «Das Leben Michelangelos» und über «Goethe». Herman Grimm tat es, indem er versuchte, sich in den Geist Goethes hineinzufinden, und sich fragte: Wenn Goethe so und so war, wie würde er wohl dann eine solche Gestalt wie die in der Odyssee vorkommende Nausikaa aufgefaßt haben? Da hat er dann mit einer gewissen Mißachtung dieser historischen Urkunde eine Nausikaa in der Idee Goethes nachgedichtet. Scherer, der überall nach dem forschte, was schwarz auf weiß an Dokumenten vorhanden ist, sagte, eine Nausikaa Goethes darf man nur nachkonstruieren auf Grund des vorhandenen Materials. Und er versuchte ebenfalls eine Nausikaa zu konstruieren, aber nur aus dem, was sich aus diesen Zetteln ergab. Da sagte Herman Grimm: Wennes nun aber vorgekommen ist, daß der Kammerdiener Goethes einige von den Zetteln, auf denen gerade etwas sehr Wichtiges stand, genommen hat und mit ihnen eingeheizt hat? Ist irgendeine Garantie gegeben, daß diese vorhandenen Zettel überhaupt in Betracht kommen neben den anderen, mit denen vielleicht eingeheizt worden ist?
[ 7 ] Among a number of poems Goethe had planned but did not finish—and for the deeper student these constitute a beautiful supplement to the great and glorious finished works he left us—there is the fragment of a poem on Nausicaa. There exist only a few sketches in which Goethe had noted how he intended to deal with this poem. He often worked that way, jotting down a few sentences of which frequently but little is preserved. That was the case with the Nausicaa. Now, there were two men who endeavored to complete this work, both of them research men: Scherer, the literary historian, and Herman Grimm. But Herman Grimm was not only a researcher but an imaginative thinker—the man who wrote The Life of Michelangelo and the Goethe. Herman Grimm went about the task by trying to find his way into Goethe's spirit, and he asked himself: Goethe being what he was, how would he have conceived of a figure like the Nausicaa of the Odyssey?—Whereupon, with a certain disregard of that historical document, he created a Nausicaa in the spirit of Goethe. Scherer on the other hand, who always sought what was to be found among the documents in black and white, argued that a Nausicaa begun by Goethe must be completed purely on the basis of the material available; and he, too, tried to construct a Nausicaa, but exclusively out of what these scraps of paper had to offer. Of this procedure Herman Grimm remarked: What if Goethe's servant used some of these scraps of paper—perhaps just the ones containing something very important—for Iighting the fire? Have we any guarantee that the surviving scraps of paper are of any value at all compared with those that may have been used for lighting the fire?
[ 8 ] So wie mit diesem Beispiel kann es mit aller Geschichte sein, die auf Urkunden gebaut ist. Und es geht sehr oft auch so. Wenn man auf Urkunden baut, darf man niemals außer acht lassen, daß gerade die wichtigsten zugrunde gegangen sein können. Daher haben wir in der Geschichte nichts anderes als eine «fable convenue». Wenn aber der Seher diese «fable convenue» mitbringt und die Dinge in der Akasha-Chronik ganz anders sieht, dann hat er Mühe, an das Akasha-Bild zu glauben. Und die, welche zum äußeren Publikum gehören, werden ihn dann anfahren, wenn er aus der Akasha-Chronik irgendeine Sache anders erzählt. Daher ist es dem, der in diesen Sachen bewandert ist, am allerliebsten, wenn er von alten Zeiten reden kann, von denen keine Urkunden da sind, wenn er von längst vergangenen Entwickelungsstadien unserer Erde sprechen kann.
[ 8 ] All history based on documents may be analogous to this illustration, and indeed it often is. When building on documents we must never lose sight of the possibility that just the most important ones may have perished. Indeed, what passes for history is nothing more nor less than a fable convenue. But when the seer is hampered by this convention and at the same time sees everything quite differently in the akashic record, it is difficult for him to have faith in the akashic picture; and the public will voice its resentment when he tells a different story out of the akashic record. Hence one who is experienced in these things likes best to speak of ancient times of which there exist no documents, of the remote stages in the evolution of our earth.
[ 9 ] Darüber gibt es keine Urkunden. Da berichtet die Akasha-Chronik am allertreuesten, weil man am wenigsten dabei durch die äußere Geschichte gestört wird. Aus diesen Bemerkungen mögen Sie entnehmen, daß niemand, der in solchen Sachen bewandert ist, je auf den Gedanken kommen wird, daß die Schilderungen der Akasha-Chronik irgendwie ein Nachklang dessen sein könnten, was man schon aus der äußeren Geschichte weiß.
[ 9 ] There are no documents relating to those epochs; and that is where the akashic record reports most faithfully, because the seer is not confused by outer history.—You will be able to gather from these remarks that it could never occur to anyone familiar with these matters that the pictures provided by the akashic record might be an echo of what is already known to him from outer history.
[ 10 ] Wenn wir nun dem großen Ereignis, über dessen Sinn wir gestern einige Andeutungen gemacht haben, nachforschen in der Akasha-Chronik, so finden wir in der Hauptsache das Folgende. Das ganze Menschengeschlecht, soweit es auf der Erde lebt, stammt ab aus einem geistigen Reich, aus einem geistig-göttlichen Dasein. Wir können sagen: Bevor irgendwie die Möglichkeit vorhanden war, daß ein äußeres physisches Auge Menschenkörper sah, irgendeine Hand Menschenkörper greifen konnte, war der Mensch als eine geistige Wesenheit vorhanden, und in den ältesten Zeiten war er vorhanden als Teil der göttlich-geistigen Wesenheiten. Er ist herausgeboren als ein Wesen aus göttlich-geistigen Wesenheiten. Die Götter sind sozusagen die Vorfahren der Menschen, und die Menschen sind die Nachkommen der Götter. Die Götter brauchten Menschen zu ihren Nachkommen, weil sie gewissermaßen nicht imstande waren, ohne solche Nachkommen herunterzusteigen in die physisch-sinnliche Welt. Die Götter setzten damals in anderen Welten ihr Dasein fort und wirkten von außen herein auf den Menschen, der sich nach und nach auf der Erde entwickelte.
[ 10 ] If we now search the akashic record for the great event to which we alluded yesterday, we find the following salient points. The whole human race, in as far as it lives on the earth, is descended from a divine realm, from a divine-spiritual existence. It can be stated that before any possibility existed for a physical eye to see human bodies, for a hand to touch human bodies, man was present as a spiritual being; and in the earliest ages he existed as a part of the divine-spiritual beings: the Gods are the ancestors of men, so to speak, and men the descendants of the Gods. The Gods had need of men as their issue, because without them they would have been unable to descend, as it were, into the sensorial physical world. In that remote time the Gods had their being in other worlds, acting from without upon man who gradually evolved upon the earth.
[ 11 ] Und nun mußten die Menschen von Stufe zu Stufe jene Hindernisse überwinden, die das Erdenleben bewirkte. Was sind das für Hindernisse?
[ 11 ] And now men had to overcome, step by step, the obstacles placed in their path by their earth life. What is the nature of these obstacles?
[ 12 ] Das ist ja das Wesentliche für den Menschen, daß die Götter geistig geblieben sind, und die Menschen als ihre Nachkommen physisch geworden sind. Der Mensch, der das Geistige nur als das Innerliche des Physischen hatte und als äußeres Wesen physisch geworden war, mußte alle die Hindernisse, die eben das physische Dasein gab, überwinden. Innerhalb des materiellen Daseins mußte er sich weiterbilden. Dadurch entwickelte er sich von Stufe zu Stufe herauf, wurde immer reifer und reifer, und dadurch wurde es ihm immer mehr und mehr möglich, sich hinaufzuwenden zu den Göttern, aus deren Schoß er herausgeboren ist. Also ein Heruntersteigen von den Göttern und ein Sich-wieder-Hinaufwenden zu den Göttern, um die Götter nach und nach wieder zu erreichen und sich wieder mit ihnen zu vereinigen, das ist der Weg des Menschen durch das Erdenleben. Damit der Mensch aber diese Entwickelung durchmachen konnte, mußten einzelne menschliche Individualitäten immer etwas schneller als die andern sich entwickeln, den andern voraneilen, um deren Führer und Lehrer zu werden. Solche Führer und Lehrer stehen dann innerhalb der übrigen Menschheit und finden sozusagen den Weg zu den Göttern früher zurück als die andern. So daß wir uns vorstellen können: In einem bestimmten Zeitalter haben die Menschen eine gewisse Entwickelungsreife erlangt; da ahnen sie vielleicht nur den Rückweg zu den Göttern, aber haben es noch weit bis dahin. Es ist ein Funke dieses Göttlichen in dem Menschen, aber in den Führern ist jeweilig mehr vorhanden. Sie stehen näher dem Göttlichen, das der Mensch wieder erreichen soll. Und das, was in diesen Führern der Menschheit lebt, das erblickt derjenige, dessen Auge für das Geistige geöffnet ist, als das Wesentliche und die Hauptsache an ihnen.
[ 12 ] The aspect of evolution essential for mankind was the need for the Gods to remain spiritual, while men, as their descendants, became physical. All the obstacles presented specifically by physical existence had to be surmounted by man, who possessed spirit only as the inner phase of the physical, and who as an outer being had become physical. It was within the confines of material existence that he had to develop; and it was in this way that he progressed upward step by step, steadily maturing until he should become increasingly able to turn to the Gods in whom he had his genesis. A descent from the Gods, and then a turning back to them, in order to reach and re-unite with them, that is man's path through life on earth. But if this evolution was to come about, certain human individualities always had to develop more rapidly than the rest, to hurry on ahead in order to become their leaders and teachers. Such men, then, have their being in humanity's midst and find their way back to the Gods, as it were, in advance of others. We can picture it in this way: In a given epoch men have attained to a certain degree of maturity in their development. They may have the premonition of a return to the Gods, but they have a long way to go before achieving it. Every man has within him a spark of the divine, but in the leaders it is always brighter: they are closer to that divine principle to which man must ultimately attain again. And this that dwells in the leaders of mankind is perceived, by those whose eyes have been opened to the spirit, as their essence and chief attribute.
[ 13 ] Nehmen wir an, irgendein großer Führer der Menschheit stünde vor einem andern Menschen, der diesem Führer zwar nicht ebenbürtig wäre, aber doch über den Durchschnitt der Menschen hinausragte. Dieser Mensch, nehmen wir an, hat eine lebendige Empfindung dafür, daß der andere ein großer Führer ist, daß das Geistige, das die übrigen Menschen erlangen sollen, schon in einem höheren Grade in ihm vorhanden ist. Wie würde solch ein Mensch diesen Führer schildern? Er würde etwa sagen: Da steht vor mir ein Mensch, ein Mensch im physischen Leibe wie die andern. Aber der physische Leib ist das Unbedeutende an ihm, das kommt gar nicht in Betracht an ihm. Wenn ich aber das geistige Auge auf ihn richte, dann erscheint mir mit ihm verbunden ein mächtiges Geistwesen, ein göttlich-geistiges Wesen. Und das ist so bedeutend, daß ich alle Aufmerksamkeit nur auf dieses göttlich-geistige Wesen lenke und nicht auf das, was physisch bei ihm erscheint wie an einem anderen Menschen. — So eröffnet sich dem geistigen Seher an einem Menschheitsführer etwas, was an Wesenheit die ganze übrige Menschheit überragt, und was er ganz anders beschreiben muß. Denn er beschreibt, was er mit dem geistigen Auge daran sieht.
[ 13 ] Let us suppose some great leader of mankind confronted another man, not his equal but above the average. The latter feels vividly that the other is a great leader, permeated to a high degree by the spirituality to which other men must eventually attain. How would such a man describe this leader? He might say: Before me stands a man, a man in a physical body like everyone else; but his physical body is negligible, it need not be taken into account. When, however, I observe him with the eye of the spirit, I see united with him a mighty spiritual being, a divine-spiritual being which predominates to such an extent that my whole attention is focussed on it—not on what appears as body which he has in common with others. To spiritual sight, then, there appears in a leader of mankind something which in its nature towers above the rest of humanity, and which must be described in quite a different way: the description must be of what the spiritual eye sees.
[ 14 ] Diejenigen, welche heute die maßgebende Stimme in der Öffentlichkeit haben, die würden sich freilich über solch einen überragenden Menschheitsführer lustig machen. Wir sehen ja, wie heute schon verschiedene Gelehrte damit anfangen, Größen in der Menschheit vom psychiatrischen Standpunkt aus zu behandeln! Erkennen würden ihn nur diejenigen, welche ihren geistigen Blick geschärft haben. Die aber würden wissen, daß er kein Narr oder Schwärmer ist, und auch nicht einfach ein «begabter Mensch », wie Wohlwollendere ihn vielleicht bezeichnen, sondern daß er zu den größten Gestalten des Menschheitslebens im geistigen Sinne gehört. So würde es heute sein. Aber in der Vergangenheit war es doch noch etwas anders, und auch noch in einer Vergangenheit, die gar nicht so weit hinter uns liegt.
[ 14 ] Nowadays public men whose word is law would undoubtedly be amused at the idea of such surpassing leaders of mankind: we already have the spectacle of various erudite scientists regarding the shining lights of humanity as psychiatric cases. Such a leader would only be recognized as such by those whose spiritual vision had been sharpened; but these would indeed know that he was neither a fool nor a visionary, nor simply a very gifted person, as the more benevolent might designate him, but rather, that he was among the greatest figures of human life in the spiritual sense.
[ 15 ] Wir wissen ja, daß die Menschheit in bezug auf ihr Bewußtsein verschiedene Metamorphosen durchgemacht hat. Alle Menschen haben einstmals ein dumpfes, dämmerhaftes Hellsehen gehabt. Selbst zu der Zeit, als der Christus gelebt hat, war das Hellsehen noch bis zu einem gewissen Grade entwickelt, und in früheren Jahrhunderten noch mehr, wenn es auch nur noch ein Schattenbild von dem Hellsehen der atlantischen und der ersten nachatlantischen Zeiten war. Nach und nach verschwand erst das hellseherische Bewußtsein der Menschen. Es waren aber immer noch einige unter den Menschen verstreut, die es kannten, und auch heute noch gibt es solche, die «natur-hellsehend » sind, die ein dumpfes Hellsehen haben und daher unterscheiden können in bezug auf die geistige Wesenheit des Menschen.
[ 15 ] That is the way it would be today; but in the past it was a different matter, even in the none too remote past. Human consciousness, as we know, has undergone various metamorphoses, and formerly all men were endowed with a dim, shadowy clairvoyance. Even at the time when Christ lived on earth clairvoyance was still developed to a certain degree, and in earlier centuries even more so, though it was but a shadow of the clairvoyance common in the Atlantean and the first post-Atlantean epochs. It disappeared only gradually. But a few isolated individuals still had it, and even today there are natural clairvoyants whose dim higher vision enables them to distinguish the spiritual nature of men.
[ 16 ] Nehmen wir die Zeit, in der für das alte indische Volk der Buddha erschienen ist. Damals war es noch nicht so wie heute. Heute würde die Erscheinung eines Buddha, wenn sie noch gar in Europa geschähe, gar nicht irgendwie besonders respektiert werden. Aber zu Buddhas Zeiten war das anders. Denn es gab dazumal noch eine große Anzahl von Menschen, die sehen konnten, was da eigentlich vorging: daß mit dieser Buddha-Geburt etwas ganz anderes geschehen war als mit irgendeiner andern gewöhnlichen Geburt. In den Schriften des Morgenlandes, und gerade in denjenigen Schriften, die mit tiefstem Verständnis diese Sache behandeln, wird die Buddha-Geburt im großen Stile, möchte man sagen, beschrieben. Da wird erzählt, daß «der Großen Mutter Ebenbild » die Königin Maya war, und daß ihr vorhergesagt worden war, sie würde ein mächtiges Wesen zur Welt bringen. Als dann dieses Wesen geboren wurde, kam es als eine Frühgeburt auf die Welt.
[ 16 ] Let us turn to the time in which Buddha appeared to the ancient Indian people. Conditions were very different at that time. Today the appearance of a Buddha, especially in Europe, would arouse no particular respect. But in those old days it was a different matter, for there were very many who could discern the true nature of the event, namely, that this Buddha birth meant a great deal more than does an ordinary birth. In oriental writings, especially in those treating the subject with the deepest understanding, the birth of Buddha is described in the grand manner, as one might put it. It is related that Queen Maya was “the image of the Great Mother”, and that it was foretold she would bring a mighty being into the world. This being was then born prematurely—
[ 17 ] Sehr häufig ist das eines der Mittel, um ein bedeutendes Wesen in die Welt zu schicken: es eine Frühgeburt sein zu lassen, weil dann das menschliche Wesen, in das sich das höhere geistige Wesen verkörpern soll, sich nicht so gründlich mit der Materie vereinigt, als wenn es die vollständige Reifezeit ausgetragen wird.
[ 17 ] A very common means of launching an outstanding being in the world, because thereby the human being in which the higher spiritual being is to incarnate is less closely amalgamated with matter than when the child is carried the full time of gestation.
[ 18 ] Es wird nun weiter in den bedeutsamen Schriften des Morgenlandes berichtet, daß in demselben Augenblick, als der Buddha geboren wurde, er erleuchtet war, und die Augen sogleich aufschlug und sie nach den vier Hauptpunkten der Welt richtete, nach Norden, Süden, Osten, Westen. Und ferner wird uns gesagt, daß er sogleich sieben Schritte machte, und daß die Spuren dieser sieben Schritte eingegraben sind in den Boden, wo er sie machte. Und auch gesprochen hat er gleich, so wird uns gesagt, und die Worte, die er sprach, lauteten: «Dies ist das Leben, in welchem ich vom Bodhisattva zum Buddha werde, die letzte der Verkörperungen, die ich auf dieser Erde durchzumachen habe.»
[ 18 ] It is then further related in the notable records of the Orient that at the moment of birth Buddha was enlightened, that he opened his eyes at once and directed his gaze to the four points of the compass, to the north, south, east, and west. We are told that he then took seven steps, and that the marks of these steps are engraved in the ground he trod. It is further recorded that he spoke at once, and the words he spoke were these: “This is the life in which I shall rise from Bodhisattva to Buddha, the last incarnation I shall have to pass through on this earth!”
[ 19 ] So sonderbar solch eine Mitteilung für den materialistisch denkenden Menschen von heute erscheint, und so wenig man sie ohne weiteres materialistisch deuten darf, so wahr ist sie für den, der die Dinge mit geistigen Augen zu schauen vermag. Und es waren eben damals noch Leute, die aus einer natürlichen Hellsehergabe heraus geistig zu schauen vermochten, was mit dem Buddha geboren war. Es sind sonderbare Sätze, die ich Ihnen aus morgenländischen Schriften jetzt über den Buddha mitgeteilt habe. Heute sagt man, das sei Sage und Mythe. Derjenige aber, der diese Dinge versteht, der weiß, daß sich da etwas verbirgt, was gegenüber der geistigen Welt Wahrheit ist. Und solche Ereignisse, wie die Buddha-Geburt, bedeuten nicht bloß etwas im engen Kreise der Persönlichkeit, die da geboren ist, sondern sie bedeuten etwas für die Welt, strahlen gleichsam geistige Kräfte aus. Und die, welche noch in Zeiten lebten, als die Welt empfänglicher war für geistige Kräfte, die sahen, daß wirklich bei der Geburt des Buddha geistige Kräfte ausgestrahlt wurden.
[ 19 ] Strange as such a communication may appear to the materialistic-minded man of today, and impossible as it is to interpret offhand from a materialistic viewpoint, it is nevertheless the truth for one who is able to see things with the eye of the spirit; and at that time there still existed men who, by means of natural clairvoyance, could discern spiritually what it was that was born with Buddha. Those are strange excerpts I have quoted from the oriental writings: nowadays they are called legends and myths. But he who understands these things knows that something of spiritual truth is hidden therein; and events such as the Buddha birth have significance not only for the intimate circle of the personality in question but for the world as well, for they radiate spiritual forces, as it were. And those who lived at a time when the world was more receptive to spiritual forces perceived that at the birth of Buddha spiritual forces were actually rayed forth.
[ 20 ] Es wäre sehr billig, wenn jemand jetzt sagen wollte: Warum geschieht denn das heute nicht mehr? Oh, es sind heute auch Wirkungen da, nur ist der Seher dazu nötig, um sie zu sehen. Denn es gehört nicht bloß dazu, daß derjenige da ist, von dem die Kräfte ausstrahlen, sondern auch der andere, der sie annimmt. In den Zeiten, als die Menschen noch spiritueller waren, waren sie auch noch empfänglicher für solche Ausstrahlungen. Daher ist wieder eine tiefe Wahrheit dahinter, wenn uns gesagt wird, daß bei der Geburt des Buddha Kräfte wirkten, die heilender und versöhnender Natur waren. Das ist nicht bloß eine Sage, sondern tiefe Wahrheiten stecken dahinter, wenn gesagt wird, daß damals, als der Buddha zur Welt kam, diejenigen, die sich vorher gehaßt hatten, jetzt sich in Liebe vereinten, die sich gestritten hatten, nun in Lobreden sich begegneten, und so weiter.
[ 20 ] It would be a trivial question to ask: Why does that sort of thing not still occur today? As a matter of fact, it does happen; only it requires a seer to perceive it. It is not enough that there should be one to radiate these forces: there must also be someone there to receive them. When people were more spiritual than they are today they were also more receptive to such radiations. So again a profound truth underlies the story that healing and reconciling forces were at work when Buddha was born. It is not a legend but a report based on deep truths which tells us that when Buddha came into the world, those who had previously hated each other were now united in love, those who had quarreled now met with expressions of mutual esteem, and so forth.
[ 21 ] Wer mit dem Auge des Sehers die Entwickelung der Menschheit überblickt, dem erscheint sie nicht wie einem Historiker als ein ebener Weg, der höchstens ein wenig von denen überragt wird, die man als historische Gestalten gelten läßt. Daß es auch Höhen und Berge gibt, das wollen die Menschen nicht zugeben, das vertragen sie nicht. Wer aber mit geistigen Augen die Welt überblickt, der weiß, daß es mächtige Höhen, mächtige Berge gibt, die über den Weg der übrigen Menschheit hinausragen. Das sind eben die Führer der Menschheit.
[ 21 ] To one who surveys the development of mankind with the eye of the seer this does not appear as it does to the historian—a level path, at most overtopped a bit here and there by figures accepted as historical. Men will not admit that spiritual peaks and mountains exist—that is more than they can bear. But the seer knows that there are lofty heights and mountains towering above the path of the rest of mankind: these are the leaders of humanity.
[ 22 ] Worauf beruht nun solche Führerschaft der Menschheit? Eine solche Führerschaft beruht darauf, daß der Mensch nach und nach die Stufen durchmacht, die ihn zum Leben in der geistigen Welt führen. Eine der Stufen haben wir gestern als die wichtigste gezeigt: die Geburt des höheren, des geistigen Ich. Und wir haben gesagt, daß es Vorstufen und daß es Nachstufen gibt. Aus dem, was wir gestern gesagt haben, können Sie ersehen, daß dasjenige, was wir als das Christus-Ereignis bezeichnen, die mächtigste Erhebung in der Menschheitsentwickelung ist, und daß eine lange Vorbereitung notwendig war, damit sich das Christus-Wesen in dem Jesus von Nazareth verkörpern konnte. Um diese Vorbereitungen zu verstehen, ist es nötig, daß wir uns dieselbe Erscheinung ein wenig im kleinen vor Augen führen.
[ 22 ] Now, upon what is such leadership built? Upon having gradually passed through the stages leading to life in the spiritual world. One of these stages we pointed out yesterday as the most important one: the birth of the higher ego, the spiritual ego; and we said that this was preceded and followed by other stages. It is evident that what we designate the Christ event is the mightiest peak in the range of human evolution, and that a long preparation was indispensable before the Christ Being could incarnate in Jesus of Nazareth. In order to understand this preparation we must visualize the same phenomenon on a smaller scale.
[ 23 ] Nehmen wir an, ein Mensch tritt den geistigen Erkenntnispfad in irgendeiner Verkörperung an, das heißt er macht irgendwelche von den Übungen - von denen wir auch noch sprechen werden -, welche die Seele immer geistiger und geistiger gestalten, immer empfänglicher machen für das Geistige und sie dem Zeitpunkt entgegenführen, wo sie das höhere, unvergängliche Ich gebiert, das in die geistige Welt hineinschauen kann. Viele Erlebnisse macht der Mensch bis dahin durch. Nun darf man sich nicht vorstellen, daß der Mensch irgend etwas übereilen kann in geistiger Beziehung. In Geduld und Ausdauer muß so etwas durchgemacht werden. Nehmen wir also an, ein Mensch beginnt mit einer solchen Entwickelung. Sein Ziel ist die Geburt des höheren Ich. Aber er bringt es nur bis zu einer gewissen Stufe. Er erreicht gewisse Vorstufen zu der Geburt des höheren Ich. Nun stirbt er und wird dann wiedergeboren. Jetzt kann zweierlei eintreten, wenn ein solcher Mensch, der in einer Verkörperung eine gewisse geistige Schulung durchgemacht hat, wiedergeboren wird. Entweder er kann den Drang fühlen, sich wieder einen Lehrer zu suchen, um sich zeigen zu lassen, wie er rasch das wiederholt, was er vorher durchgemacht hat, und wie er zu den entsprechend höheren Stufen hinaufkommt. Oder er sucht aus irgendwelchem Grunde keinen solchen Weg. Auch da wird sich sein Leben oft anders gestalten als bei einem andern Menschen. Bei einem Menschen, der etwas von dem Erkenntnispfad bereits durchgemacht hat, wird das Leben auch ganz von selbst etwas bringen, das sich ausnimmt wie Wirkungen der Erkenntnishöhe, die er schon in der vorhergehenden Verkörperung erreicht hat. Er wird anderes erleben, und die Erlebnisse werden einen anderen Eindruck auf ihn machen, als es bei anderen Menschen der Fall ist. Und dann wird er an solchen Erlebnissen aufs neue erreichen, was er früher durch sein Streben erlangt hat. In der früheren Inkarnation mußte er von Punkt zu Punkt strebend tätig sein. Im nächsten Leben, wo ihm sozusagen wiederholentlich das Leben selbst bringt, was er früher erstrebt hat, da tritt es gleichsam von außen an ihn heran, und es kann sein, daß er in ganz anderer Form die Ergebnisse der früheren Inkarnation erlebt. So kann es geschehen, daß ihm schon in der Kindheit in irgendeinem Erlebnis etwas entgegentritt, was auf sein ganzes Gemüt einen solchen Eindruck macht, daß die Kräfte, die er sich in der vorherigen Inkarnation angeeignet hat, wieder in ihm erstehen. Nehmen wir an, ein solcher Mensch habe in einer Inkarnation eine bestimmte Stufe der Weisheitsentwickelung erlangt. In der nächsten Inkarnation wird er wiedergeboren als ein Kind wie jeder andere. Aber mit sieben oder acht Jahren macht er irgend etwas Schweres durch. Das hat auf seine Seele die Wirkung, daß alles das wieder herauskommt, was er sich früher als Weisheit errungen hat, so daß er jetzt wieder auf der früher erreichten Stufe steht und von da zu der nächsten hinanschreiten kann. Nun nehmen wir weiter an, er bemühe sich jetzt, um einige Stufen weiter zu kommen. Er stirbt wieder. In der nächsten Inkarnation kann es wieder so gehen. Wieder kann ein äußeres Erlebnis an ihn herantreten, das ihn gleichsam auf die Probe stellt, wodurch dann wieder zutage kommt zuerst das, was er in der vorvorigen Inkarnation sich erarbeitet hat, dann das, was er in der vorigen Inkarnation erlangt hat, und dann kann er wiederum eine Stufe höher steigen.
[ 23 ] Let us suppose a man starts on the path to spiritual cognition in any one of his incarnations—that is, he carries out some of the exercises (to be described later) which render the soul more and more spiritual, more receptive to what is spiritual, and guide it toward the moment when it bears the higher, imperishable ego that can see into the spiritual world. Many experiences are passed through before that moment arrives. One must not imagine that anything pertaining to the spirit can be hurried: everything of the sort must be absolved with patience and perseverance. Let us suppose, then, that someone starts a training of this kind. His aim is the birth of the higher ego, but he only succeeds in reaching a certain preliminary stage. Then he dies; and in due time he is born again. Here one of two things can happen: either he can feel the urge to seek a teacher who will show him how he can rapidly repeat what he had previously passed through and attain to the higher stages, or else, for one reason or another, he does not take this way. In the latter case, as well, the unfolding of his life will often be different from that of the lives of other men. The life of one who has trodden the path of enlightenment at all will quite of itself provide something resembling effects of the stage he had already reached in his previous incarnation. He will have experiences of a different nature, and the impression of these on him will be different from that received by other men. Then he will attain anew, by means of these experiences, to what he had previously achieved through his efforts. In his former incarnation he had to strive actively from step to step; but now that life brings him as a recurrence, so to speak, what he had once acquired through effort, this approaches him from without, as it were; and it may be that he will experience the results of his previous incarnations in quite a different form. Thus it may happen that even in his childhood some experience can make upon his soul an impression of such a nature as to re-engender the forces he had acquired in his previous life. Suppose such a man had attained to a certain degree of wisdom in a given incarnation. He is then born again as a child, like everyone else. But at the age of seven or eight he has some painful experience, and the consequence is that all the wisdom he had once acquired comes to the fore again: he is back at the stage he had reached before, and thence can advance to the next one. Now we will suppose further that he endeavors to proceed another few steps, and dies again. In his next incarnation the same thing can happen again: once more some outer experience can put him to the test, as it were, again revealing first, what he had achieved in his next to the last incarnation, and then, in his last one. And now he can climb another step.
[ 24 ] Sie sehen daraus, daß wir das Leben eines solchen Menschen, der schon früher gewisse Stufen der Entwickelung durchschritten hat, nur begreifen, wenn wir solches in Rechnung ziehen. Da ist zum Beispiel eine Stufe, die man bald erreicht, wenn man erst auf dem Erkenntniswege strebt, das ist die Stufe des sogenannten heimatlosenMenschen, desjenigen Menschen, der hinauswächst über die unmittelbaren Vorurteile der nächsten Umgebung, der frei wird von dem, was ihn an allen möglichen Gängelbanden der nächsten Umgebung zieht. Der Mensch braucht dadurch nicht pietätlos zu werden, er kann sogar um so pietätvoller sein. Aber er muß frei sein von den Banden der nächsten Umgebung. Nehmen wir den Fall, daß ein solcher Mensch in einem Stadium stirbt, wo er sich hindurchgearbeitet hat zu einer gewissen Freiheit und Unabhängigkeit. Nun wird er wiedergeboren, und da kann es sein, daß verhältnismäßig früh ein Erlebnis auftritt, wodurch das Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit wiedergeboren wird. Gewöhnlich geschieht es dadurch, daß der Betreffende seinen Vater oder irgendeinen, mit dem er sonst verbunden ist, verliert, oder auch, daß dieser Vater sich nicht gut gegen ihn benimmt, ihn vielleicht verstößt oder dergleichen mehr. Das teilen uns getreulich die Sagen der verschiedenen Völker mit, denn in diesen Dingen sind die Mythen und Sagen der Völker wirklich weiser als die heutige Wissenschaft. Da werden Sie überall den Typus finden, daß der Vater den Auftrag gibt, daß das Kind ausgesetzt werde; das Kind wird von Hirten aufgefunden, wird von ihnen genährt, aufgezogen und später zu seinem Beruf zurückgebracht, wie zum Beispiel Chiron, Romulus und Remus. Um das wiedererstehen zu lassen, was sie sich in früheren Inkarnationen bereits errungen hatten, dazu sollten sie sozusagen durch den Verrat ihrer Heimat an ihnen selber gelangen. Auch die Sage von der Aussetzung des Ödipus gehört dahin.
[ 24 ] You will see from this that only by taking account of such events can we understand the life of one who had already passed through certain stages of development. There is one stage, for instance, that is soon reached by serious striving along the path of enlightenment: the stage of the so-called Wanderer, of him who has outgrown the prejudices of his immediate surroundings and has cast off the fetters imposed by his environment. This need not make him irreverent: we can become all the more reverent; but he must be free of the prejudices of his immediate surroundings. Let us assume that this man dies at a stage in which he has already worked his way through to a modicum of freedom and independence. When he is born again it can happen that comparatively early in his life some experience will re-awaken this feeling of freedom and independence in him. As a rule, this is the result of losing his father or someone else to whom he is closely bound; or it might be a consequence of his father's reprehensible behavior toward him—he might have cast him out, or something of the sort. All this is faithfully reported in the legends of the various peoples, for in matters of this kind the folk myths and legends are really wiser than is modern science. Among the legends you will often find the type in which the child is cast out, is found by shepherds, nourished and brought up by them, and later restored to his station (Chiron, Romulus and Remus). The fact that their own home plays them false serves to re-awaken in them the fruits of former incarnations. The legend of the casting out of Oedipus is in this category, too.
[ 25 ] Nun können Sie sich auch denken, daß, je weiter der Mensch ist - sei es auf der Stufe der Geburt seines höheren Ich, oder darüber hinaus -, desto reicher an Erlebnissen auch sein Leben sein muß, damit er dahin kommt, daß er wieder ein neues Erlebnis durchmacht, das er früher noch nicht hatte.
[ 25 ] You will now understand that the more advanced a man is—whether at the stage when his higher ego is born or even farther—the richer in experience his life must be if he is to be capable of a new experience, one he had not yet had.
[ 26 ] Derjenige, welcher jene mächtige Wesenheit, die wir den Christus nennen, in sich verkörpern sollte, konnte diese Mission natürlich nicht in einem beliebigen Lebensalter übernehmen. Dazu mußte er erst nach und nach reif werden. Kein gewöhnlicher Mensch konnte das übernehmen. Das mußte schon einer sein, der durch viele Leben hindurch hohe Grade der Einweihung erlangt hatte. Was da geschehen mußte, das erzählt uns treulich die Akasha-Chronik. Sie berichtet uns, wie durch viele Leben hindurch eine Individualität von Stufe zu Stufe gestrebt hat zu hohen Einweihungsgraden. Dann wurde sie wiedergeboren, und nun machte sie in dieser irdischen Verkörperung Erlebnisse durch, die zunächst vorbereitend waren. Aber in dem, was sich da verkörpert hatte, lebte bereits eine Individualität, welche hohe Stufen durchgemacht hatte. Ein Eingeweihter war es, der dazu bestimmt war, in einem späteren Zeitpunkt seines Lebens die Christus-Individualität in sich aufzunehmen. Die Erlebnisse, die nun dieser Eingeweihte zunächst hat, sind Wiederholungen seiner früheren Einweihungsstufen. Dadurch wird aus der Seele alles das herausgeholt, wozu sich diese Seele früher aufgeschwungen hat.
[ 26 ] He who was destined to embody in Himself the mighty Being we call the Christ could naturally not assume this mission at any random age: he had first to mature very gradually. No ordinary man could undertake this mission: it had to be one who in the course of many lives had attained to lofty degrees of initiation. What was here demanded is faithfully told us in the akashic record. This relates how a certain individuality had striven upward throughout many lives step by step to high degrees of initiation. Then this individuality was born again, and in this earthly embodiment passed first through preparatory experiences. But in this embodiment there lived an individuality who had already passed through high stages of initiation, an initiate destined in a later period of his life to receive into himself the Individuality of the Christ. And the first experiences of this initiate are repetitions of his former degrees of initiation, whereby all the previous achievements of his soul are re-evoked.
[ 27 ] Nun wissen wir: Der Mensch besteht aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem astralischen Leib und dem Ich. Wir wissen aber auch, daß im Verlaufe des Menschenlebens zunächst mit der physischen Geburt nur der physische Leib des Menschen geboren wird, daß dann bis zum 7. Jahre der Ätherleib des Menschen noch umgeben ist mit einer Art Äther-Mutterhülle, und mit dem 7. Jahre, mit dem Zahnwechsel, diese Äther-Mutterhülle ebenso zurückgestoßen wird wie die physische Mutterhülle, wenn der physische Leib in die äußere physische Welt hineingeboren wird. Dann später mit der Geschlechtsreife wird in ähnlicher Weise eine astralische Hülle hinweggestoßen, und der astralische Leib wird geboren. Mit dem 21. Jahre ungefähr wird dann das Ich geboren, aber auch wieder nur nach und nach.
[ 27 ] Now, we know that the human being consists of physical body, etheric body, astral body, and ego. But we also know that in the course of human life only the physical body is born at physical birth, and that up to the seventh year the etheric body is still enclosed in a sort of etheric maternal sheath which is then discarded, at the time of the change of teeth, in the same way as is the physical maternal sheath when the physical body is born into the outer physical world. Similarly, at puberty, an astral sheath is thrown off and the astral body is born. And approximately in the twenty-first year the ego is born, but again only gradually.
[ 28 ] Nachdem wir durchgegangen haben die Gebutt des physischen Leibes, die des Ätherleibes mit dem 7. Jahre, des astralischen Leibes mit dem 14. bis 15. Jahre, haben wir in ähnlicher Weise eine Geburt der Empfindungsseele, der Verstandesseele und der Bewußtseinsscele zu beachten; und zwar wird mit dem 21. Jahre ungefähr die Empfindungsseele geboren, mit dem 28. Jahre die Verstandesscele und ungefähr mit dem 35. Jahre die Bewußtseinsseele.
[ 28 ] Having considered the birth of the physical body, of the etheric body in the seventh year, and of the astral body in the fourteenth or fifteenth year, we must similarly take into account a birth of the sentient soul, the intellectual soul, and the consciousness soul; and the ages at which these births occur are approximately the twenty-first, the twenty-eighth, and the thirty-fifth year respectively.
[ 29 ] Nun werden wir sehen, daß die Christus-Wesenheit in einem Menschen der Erde sich nicht früher verkörpern konnte, nicht früher Platz haben konnte in diesem Menschen, als bis die Verstandesseele vollständig geboren war. Es konnte also die Christus-Wesenheit in jenem Eingeweihten, in den sie hineingeboren wurde, nicht vor dem 28. Jahre sich verkörpern. Das zeigt uns auch die geistige Forschung. Zwischen dem 28. und dem 35. Jahre zog die Christus-Wesenheit ein in diejenige Individualität, die als ein großer Bingeweihter die Erde betrat, und dann nach und nach unter dem Glanze, unter dem Lichte dieser großen Wesenheit alles das entwickelte, was der Mensch sonst ohne diesen Glanz, ohne dieses Licht entwickelt, nämlich den Ätherleib, den astralischen Leib, die Empfindungsseele und die Verstandesseele. So können wir also sagen: Bis zu diesem Lebensalter haben wir in dem, der berufen war, der Christus-Träger zu werden, einen großen Eingeweihten vor uns, der nach und nach die Erlebnisse durchmacht, welche endlich alles das herausbringen, was er in früheren Inkarnationen erlebt und sich erarbeitet hat an Eroberungen der geistigen Welt. Dann tritt für ihn die Möglichkeit ein, sich zu sagen: Jetzt bin ich da, ich opfere alles hin, was ich habe. Ich will kein selbständiges Ich weiter sein. Ich mache mich zum Träger des Christus. Der soll in mir wohnen, und von jetzt ab in mir alles sein!
[ 29 ] From this it is evident that the Christ Being could not incarnate in a man of this earth, could not find room in such a man, before the intellectual soul was completely born: the Christ Being could not embody in the initiate into whom He was born before this initiate had reached his twenty-eighth year. Spiritual science confirms this. It was between the twenty-eighth and thirty-fifth years that the Christ Being entered the individuality who walked the earth as a great initiate, and who gradually, in the light and radiance of this great Being, unfolded all that otherwise man develops without this radiance, this light; namely, the etheric body, the astral body, the sentient soul, and the intellectual soul. Thus we can say that up to this age we see before us in him who was called to be the Christ bearer a lofty initiate who gradually passed through the experiences that finally evoked all he had undergone in previous incarnations—the sum of his conquests in the spiritual world. Only then could he say, Now I am here; now will I sacrifice all that I have. I no longer desire an independent ego, but will make of myself the bearer of the Christ: henceforth He shall dwell in me, shall fill me completely.
[ 30 ] Diesen Zeitpunkt, in dem der Christus sich in eine Persönlichkeit der Erde verkörperte, deuten alle vier Evangelien an. Mögen sie auch sonst Verschiedenheiten haben, diesen Zeitpunkt, in dem der Christus in den großen Eingeweihten gleichsam hineinschlüpft, den deuten alle vier Evangelien an: Es ist die Johannes-Taufe. In jenem Augenblick, den der Schreiber des Johannes-Evangeliums so klar bezeichnet, indem er sagt, daß der Geist herunterstieg in der Gestalt einer Taube und sich vereinigte mit dem Jesus von Nazareth, da haben wir die Geburt des Christus, da wird in der Seele des Jesus von Nazareth der Christus als ein neues, höheres Ich geboren. Bis dahin hat ein anderes Ich, das eines großen Eingeweihten, sich so weitentwickelt, daß es reif war zu diesem Ereignis.
[ 30 ] All four Gospels stress this moment when the Christ incorporated in a personality of this earth. However much they may differ in other respects, they all point to this event of the Christ slipping into the great initiate, as it were: the Baptism by John. In that moment, so clearly defined by the author of the John Gospel when he says that the Spirit descended in the form of a dove and united with Jesus of Nazareth, in that moment occurred the birth of Christ: as a new and higher Ego the Christ is born in the soul of Jesus of Nazareth. And the other ego, that of a great initiate, had now attained to the lofty plane on which it was ripe for this event.
[ 31 ] Und wer sollte geboren werden in die Jesus von Nazareth-Wesenheit?
[ 31 ] And Who was it that was to be born in the Being of Jesus of Nazareth?
[ 32 ] Das haben wir gestern bereits angedeutet: der Gott, der von Anfang an da war, der sich sozusagen in der geistigen Welt gehalten hat und die Menschen sich einstweilen entwickeln ließ, der sollte jetzt heruntersteigen und sich in dem Jesus von Nazareth verkörpern. — Deutet uns etwa der Schreiber des Johannes-Evangeliums das an? - Wir brauchen nur einmal in dieser Beziehung die Worte des Evangeliums ernst zu nehmen. Lesen wir zu diesem Zwecke den Anfang des Alten Testamentes:
[ 32 ] This was indicated yesterday: the God Who was there from the beginning, Who had remained aloof in the spiritual world, so to speak, leaving mankind to its evolution. He it was Who descended and incarnated in Jesus of Nazareth. Can we find this indicated by the writer of the John Gospel? We need only take the words of the Gospel very seriously; and with this in mind let us read the beginning of the Old Testament:
«Im Anfange (oder im Urbeginne) schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war wirre und finster über dem Abgrund. Und der göttliche Geist schwebte über den Wassern.»
In the (primordial) beginning God created the heaven and the earth. And the earth was without form, and void; and darkness was upon the face of the deep. And the Spirit of God moved upon the face of the waters.
[ 33 ] Stellen wir uns die Situation vor: Der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Unten steht die Erde mit ihren Reichen als den Nachfolgern des göttlichen Geistes. Unter ihnen entwickelt sich eine Individualität so weit, daß sie diesen Geist, der über den Wassern schwebte, in sich aufnehmen kann. Was sagt der Schreiber des Johannes-Evangeliums? Er sagt uns, daß der Täufer Johannes erkannt hat, daß die entsprechende Wesenheit da war, von der im Alten Testament die Rede ist. Er sagt: «Ich sah, daß der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel, und blieb auf ihm.» Er wußte, wenn der Geist auf einen herabfährt, dann ist das der, der da kommen soll: der Christus. Da haben Sie den Anfang der Weltentwickelung, den über den Wassern schwebenden Geist, da haben Sie den mit dem Wasser taufenden Johannes und den Geist, der erst über den Wassern schwebte, der jetzt in die Individualität des Jesus von Nazareth hineinfährt. Man kann nicht in grandioserer Weise, als der Schreiber des Johannes-Evangeliums es tut, das Ereignis von Palästina anknüpfen an jenes andere Ereignis, das im Anfange derselben Urkunde erzählt wird, an welche das Evangelium sich anschließt.
[ 33 ] Let us visualize the situation: The Spirit of God moved upon the face of the waters. Below, the earth with its kingdoms as the issue of the divine Spirit; and among these one individual evolves to the point of being able to take into himself this Spirit that moved upon the face of the waters. What does the author of the John Gospel say? He tells us that John the Baptist recognized the Being spoken of in the Old Testament. He says: I saw the Spirit descending from heaven like a dove, and it abode upon him. He knew that upon whomsoever the Spirit should descend was He that was to come: the Christ. There you have the beginning of world evolution: the Spirit moving upon the face of the waters; and there you have John who baptized with water, and the Spirit that in the beginning moved upon the face of the waters and now descends into the individuality of Jesus of Nazareth. It would be impossible to connect in a more grandiose way the event of Palestine with that other event, told at the beginning of the same document whose continuation is the Gospel.
[ 34 ] Aberauchin anderer Weise knüpft der Schreiber des Johannes-Evangeliums an diese älteste Urkunde an. Er tut es gerade mit den Worten, mit denen er ausdrückt, daß sich mit dem Jesus von Nazareth dasselbe verbindet, was von Anfang an geschaffen hat an aller Erdenentwickelung. Wir wissen ja, daß die ersten Worte im Johannes-Evangelium heißen:
[ 34 ] But in other ways as well we find the John Gospel linked with this oldest of documents. The writer effects this by pointing out that with Jesus of Nazareth is merged the same principle that from the beginning worked creatively at all earth evolution. We know that the opening words of the Gospel of St. John read:
«Im Urbeginne war das Wort (oder der Logos), und das Wort (oder der Logos) war bei Gott, und ein Gott war das Wort (oder der Logos).»
In the beginning was the Word (or Logos), and the Word (or Logos) was with God, and a God was the Word (or Logos).
[ 35 ] Was ist der Logos? und wie war er bei Gott? Nehmen wir einmal den Anfang des Alten Testamentes da, wo wir diesen Geist vor uns haben, von dem es heißt:
[ 35 ] What is this Logos, and in what sense was it with God? Let us turn to the beginning of the Old Testament, to the passage presenting this Spirit of whom it is written:
«Und der göttliche Geist schwebte über den Wassern. Und der göttliche Geist rief: Es werde Licht! Und es ward Licht.»
And the Spirit of God moved upon the face of the waters. And the divine Spirit said, Let there be light: and there was light.
[ 36 ] Halten wir das fest, und drücken wir das jetzt etwas anders aus. Hören wir zu, wie der göttliche Geist das Schöpfungswort durch die Welt ruft. Was ist es, das Wort? Im Urbeginne war der Logos, und der göttliche Geist rief, und es geschah das, was der Geist rief. Das heißt: In dem Wort war Leben. Denn wenn nicht Leben darinnen gewesen wäre, so hätte es nicht geschehen können. Und was geschah? Es wird erzählt:
[ 36 ] Let us keep that in mind and express it somewhat differently; let us listen to the divine Spirit intoning the creative Word through the world. What is this Word? In the beginning was the Logos, and the divine Spirit called out, and what the Spirit called out came to pass. That means that in the Word there was life; for had there been no life in it, nothing could have come to pass. And what was it that came to pass? We are told:
«Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.»
And God said, Let there be light: and there was light.
[ 37 ] Und jetzt nehmen wir wieder das Johannes-Evangelium.
[ 37 ] Turn back here to the John Gospel:
«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.»
In the beginning was the Word, and the Word was with God, and a God was the Word.
[ 38 ] Nun war das Wort hineingeströmt in die Materie, war da gleichsam die äußere Gestalt der Gottheit geworden.
[ 38 ] Now the Word had streamed into matter, where it became the outer form of the Godhead, as it were.
«In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.»
In it was life; and the life was the light of men.
[ 39 ] So knüpft der Schreiber des Johannes-Evangeliums direkt an die älteste Urkunde an, an die Genesis. Nur mit etwas anderen Worten deutet er auf denselben göttlichen Geist hin. Und dann macht er uns klar, daß es der göttliche Geist ist, der dann erscheint in dem Jesus von Nazareth.
[ 39 ] In this way the author links his Gospel to that oldest of documents, the Book of Genesis. He refers to the same divine Spirit, only in different words. Then he makes it clear that this is the divine Spirit Who appears in Jesus of Nazareth.
[ 40 ] Darin ist der Schreiber des Johannes-Evangeliums mit den anderen Evangelisten einig, daß mit der Johannes-Taufe des Jesus von Nazareth der Christus in dem Jesus von Nazareth geboren wird, und daß der Jesus von Nazareth vorher sich wohl dazu vorzubereiten hatte. Und wir müssen uns darüber klar sein, daß alles, was uns vom Leben des Jesus von Nazareth vother erzählt wird, nichts anderes ist als eine Summe von Erlebnissen, die uns seinen Aufstieg in die höheren Welten in früheren Inkarnationen darlegen, wie er alles, was er in sich hatte, in seinem astralischen Leib, seinem Ätherleib und seinem physischen Leib, nach und nach zubereitet hat, um endlich den Christus aufnehmen zu können.
[ 40 ] All four Evangelists agree that with the Baptism by John the Christ was born in Jesus of Nazareth, and that for the consummation of this event Jesus of Nazareth had needed comprehensive preparation. We must understand that everything previously told us concerning the life of Jesus of Nazareth is nothing but the sum of experiences portraying his ascent into the higher worlds during previous incarnations: the gradual preparation of everything embraced in his astral body, etheric body, and physical body for the eventual reception of the Christ.
[ 41 ] Derjenige, welcher das Lukas-Evangelium geschrieben hat, sagt sogar in etwas paradigmatischen Worten, daß der Jesus von Nazareth sich in jeglicher Beziehung vorbereitet hat auf dieses große Ereignis, auf die Geburt des Christus in ihm. Welches die einzelnen Erlebnisse sind, die ihn heraufgeführt haben bis zu dem Christus-Erlebnis, davon wollen wir morgen sprechen. Heute wollen wir noch darauf hinweisen, wie der Schreiber des Lukas-Evangeliums mit einem einzigen Satze sagt: Der, der den Christus aufgenommen hat, hat sich wohl vorbereitet in den vorhergehenden Jahren. In seinem astralischen Leib ist er so tugendvoll und edel und weise geworden, wie er werden mußte, damit der Christus in ihm geboren werden konnte. Und auch seinen Ätherleib hat er so reif gemacht und seinen physischen Leib so geschmeidig und schön, daß der Christus in ihm sein konnte.
[ 41 ] The Evangelist who wrote the Gospel of St. Luke even says, somewhat paradigmatically, that Jesus of Nazareth had prepared himself in every respect for this great event, the birth of Christ in him. The individual experiences that led him upward to the Christ event will be discussed tomorrow. Today I shall merely point out that the author of the Luke Gospel told us in a single sentence that he who received the Christ into himself had indeed prepared himself in the previous years: that his astral body had achieved the virtue, nobility and wisdom indispensable for the birth of the Christ in him; and furthermore, that he had brought his etheric body to such a degree of maturity, and had developed such pliancy and beauty in his physical body, that the Christ could dwell in him.—
[ 42 ] Man braucht das Evangelium nur richtig zu verstehen. Nehmen wir im zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums den 52. Vers. Freilich so, wie dieser Vers in den gewöhnlichen Bibeln steht, wird er nicht das sagen, was ich jetzt eben gesagt habe. Dort heißt dieser 52. Vers des zweiten Kapitels:
[ 42 ] One need only understand the Gospel aright. Take the second Chapter of Luke, verse 52. True, the wording of this verse in most of the Bible translations will not tell you what I just said. There it says:
«Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.»
And Jesus increased in wisdom and age, and in favor with God and man.1In Luther's translation “age” is the word that corresponds to the “stature” of our King James version. It is retained here in order to avoid altering the term adhered to by Dr. Steiner.
[ 43 ] Man möchte ja noch einigen Sinn damit verbinden, wenn ein solcher Mensch, wie der Schreiber des Lukas-Evangeliums, von Jesus von Nazareth sagt, daß er zunahm an Weisheit. Wenn er aber dann als ein wichtiges Ereignis erzählt, daß er an « Alter» zunahm, so ist das nicht ohne weiteres verständlich, denn das ist doch etwas, was man nicht besonders hervorzuheben braucht. Daß es dennoch geschieht, deutet darauf hin, daß hier noch etwas anderes vorliegen muß. Nehmen wir einmal den 52. Vers des zweiten Kapitels im Ürtext:
[ 43 ] It would still make sense if such a man as the writer of the Luke Gospel had related of Jesus of Nazareth that he increased in wisdom; but when he reports as a solemn fact that he increased in age—well, that is not clear on its face, for it is a circumstance calling for no special emphasis. That it is nevertheless mentioned suggests that something more must be involved. Let us examine the verse in question in the original text:
Καὶ Ἰησοῦς προέκοπτεν ἐν τῇ σοφίᾳ καὶ ἡλικίᾳ, καὶ χάριτι παρὰ Θεῷ καὶ ἀνθρώποις.
Kai Jesous proekopten en to Sophia, kai helekia kai chariti Para theo kai anthropois.
[ 44 ] Das ist in Wirklichkeit aber folgendes: «Er nahm zu an Weisheit», das heißt, er bildete seinen astralischen Leib aus. Wer da weiß, an was der griechische Geist bei dem Worte ἡλικίᾳ (hēlikia) dachte, der kann Ihnen sagen, daß hier jene Entwickelung gemeint ist, die der Ätherleib durchmacht, wodurch Weisheit allmählich zur Fertigkeit wird. Sie wissen, daß der astralische Leib die Eigenschaften ausbildet, die zum einmaligen Gebrauch da sind; das heißt, man versteht einmal etwas und hat es verstanden. Der Ätherleib bildet das, was er entwickelt, als Gewohnheiten, Neigungen und Fertigkeiten aus. Durch immerwährende Wiederholung geschieht es. Das, was Weisheit ist, wird zur Gewohnheit. Man führt es aus, weil es einem in Fleisch und Blut übergegangen ist. Also dieses Zunehmen an «Reife» bedeutet es. Ebenso wie der astralische Leib an Weisheit, so ist der Ätherleib gewachsen an edlen Gewohnheiten, an Gewohnheiten zum Guten, Edlen und Schönen. Und das dritte, woran der Jesus von Nazareth zunahm, χάρις (charis), heißt in Wirklichkeit das, was als Schönheit sich offenbart und sichtbar wird. Alleanderen Übertragungen sind nicht richtig. Wit müssen übersetzen, daß er zunahm an «anmutiger Schönheit», daß sich also auch sein physischer Leib schön und edel bildete:
[ 44 ] As a matter of fact, here is what this means: “He increased in wisdom” signifies that he developed his astral body; and anyone who knows what the Greek mind associated with the word helekia can tell you that the term refers to the development of the etheric body, whereby wisdom gradually becomes skill. As you know, the astral body develops the qualities called upon for individual occasions: we understand something once and for all. The etheric body, on the other hand, shapes what it develops into habits, inclinations, and capabilities. This occurs by means of constant repetition. Wisdom becomes a habit: it is practised because it has become second nature. So what this "increase in age" means is an increase in maturity: just as the astral body has grown in wisdom, so the etheric body has increased in pure habits in the realm of goodness, nobility, and beauty. And the third quality that increased in Jesus of Nazareth, charis, really means that which manifests itself and becomes visible as beauty. No other translations are right. In translating this verse we must indicate that Jesus gained in gracious beauty; in other words, that his physical body, too, grew in beauty and nobility.
«Und Jesus nahm zu an Weisheit (in seinem astralischen Leibe), an reifen Neigungen (in seinem Ätherleibe), und an anmutiger Schönheit (in seinem physischen Leibe), so daß das sichtbar war Gott und den Menschen.»
And Jesus increased in wisdom (in his astral body), in maturity of disposition (in his etheric body), and in gracious beauty (in his physical body), in a way manifest to God and man.
[ 45 ] Da haben Sie die Schilderung des Lukas, die uns zeigt, wie er wußte, daß derjenige, welcher den Christus in sich aufnehmen sollte, die dreifache Hülle, den physischen Leib, Ätherleib und astralischen Leib, zur höchsten Entfaltung auszubilden hatte.
[ 45 ] There you have the delineation given by St. Luke. Clearly, he knew that he who was to receive the Christ into himself had first to develop the threefold sheath—physical body, etheric body, and astral body—to its highest capacity.
[ 46 ] Auf diese Weise werden wir erkennen, daß man in den Evangelien wiederfinden kann, was die Geisteswissenschaft, unabhängig von den Evangelien, sagt. Dadurch ist die Geisteswissenschaft gerade eine Kulturströmung, die uns die religiösen Urkunden wiedererobert, und diese Wiedereroberung wird nicht nur ein Ereignis des menschlichen Wissens und Erkennens sein, sondern eine Eroberung des Gemütes und des Verständnisses, in Gefühl und Empfindung. Und ein solches Verständnis brauchen wir besonders, wenn wir dieses Ereignis, den Einschlag des Christus in die Menschheitsentwickelung, begreifen wollen.
[ 46 ] In this way we shall learn how one can rediscover in the Gospels what spiritual science tells us independent of them. For this reason spiritual science constitutes a cultural current capable of recapturing the religious documents; and this recapture will not remain a mere milestone in human knowledge and cognition, but will stand as a conquest of soul and mind in the realm of feeling and sentience. And that is precisely the sort of understanding we need if we are to grasp the intervention of the Christ in the evolution of humanity.
