Das Johannes-Evangelium
im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien
besonders zu dem Lukas-EvangeliumGA 112
25 Juni 1909, Kassel
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Wenn vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus über ein solches Thema gesprochen wird, wie es das unsrige ist, so geschieht das nicht etwa in dem Sinn, daß irgendeine Urkunde, irgendein Schriftwerk, das im Laufe der Menschheitsentwickelung entstanden ist, zugrunde gelegt wird, und nun etwa auf die Autorität dieses Schriftwerkes hin diese oder jene Tatsachensumme beleuchtet wird. So geschieht es in der Geisteswissenschaft nicht. Sondern was geschehen ist im Laufe der Menschheitsentwickelung, das wird von der Geisteswissenschaft ganz unabhängig von allen Dokumenten erforscht; und dann erst, wenn der Geistesforscher mit den Mitteln, die unabhängig von einer jeden Urkunde sind, über die betreffenden Dinge geforscht hat und sie zu charakterisieren weiß, wird an die betreffende Urkunde herangegangen und nachgesehen, ob sich auch in den Urkunden findet, was man zunächst ganz unabhängig von einer jeden Überlieferung erforscht hat. Also alles, was über den Verlauf irgendwelcher Ereignisse in diesen Vorträgen gesagt wird, das ist nicht etwa bloß in dem Sinne gesagt, daß es aus der Bibel, aus den vier Evangelien geschöpft ist, sondern es sind die Ergebnisse der von allen Evangelien unabhängigen Geistesforschung. Aber bei jeder Gelegenheit soll darauf hingewiesen werden, daß alles, was der Geistesforscher erkunden und beobachten kann, in den Evangelien und namentlich im Johannes-Evangelium wiedergegeben wird.
[ 2 ] Es gibt ein merkwürdiges Wort des großen Mystikers Jakob Böhme. Über das Wort wundern sich nur diejenigen, welche außerhalb des Rahmens der Geisteswissenschaft stehen. Jakob Böhme macht einmal darauf aufmerksam, daß er redet von den vergangenen Zeiten der Menschheitsentwickelung - etwa von der Persönlichkeit des Adam - wie von Erlebnissen, die sich unmittelbar um ihn herum abspielen, und er sagt: Vielleicht könnte mancher fragen: Bist du denn dabei gewesen, als Adam auf der Erde wandelte? Und unumwunden antwortet Jakob Böhme: Jawohl, ich bin dabei gewesen! — Und das ist ein merkwürdiges Wort. Denn die Geisteswissenschaft ist tatsächlich in der Lage, das, was geschehen ist, und sei es auch vor noch so langen Zeiten, wirklich mit den Augen des Geistes zu beobachten. Ich möcht ein der Einleitung nur mit einigen allgemeinen Worten darauf hinweisen, worauf das beruht.
[ 3 ] Alles, was in der sinnlich-physischen Welt geschieht, das hat ja sein Gegenbild in der geistigen Welt. Wenn sich eine Hand bewegt, so ist nicht nur das vorhanden, was Ihr Auge als die sich bewegende Hand sieht, sondern hinter der sich bewegenden Hand, hinter dem Augenbild der Hand liegt zum Beispiel mein Gedanke und mein Wille: die Hand soll sich bewegen. Es liegt überhaupt ein Geistiges dahinter. Während das Augenbild, der sinnliche Eindruck der Handbewegung vorbeigeht, bleibt das geistige Gegenbild in der geistigen Welt eingeschrieben und hinterläßt immer eine Spur, so daß wir, wenn wir das geistige Auge geöffnet haben, von allen Dingen, die geschehen sind in der Welt, die Spuren verfolgen können, die da zurückgeblieben sind von ihren geistigen Gegenbildern. Nichts kann geschehen in der Welt, ohne daß es solche Spuren gibt.
[ 4 ] Nehmen wir an, es läßt der Geistesforscher den Blick zurückschweifen bis zu Karl dem Großen oder bis in die römische Zeit oder in das griechische Altertum. Alles, was da geschehen ist, ist seinen geistigen Urbildern nach durch Spuren erhalten geblieben in der geistigen Welt und kann dort geschaut werden. Dieses Schauen der Spuren, welche alle Geschehnisse in der geistigen Welt zurücklassen, nennt man das «Lesen in der Akasha-Chronik ». Es gibt eine solche lebendige Schrift, die das geistige Auge sehen kann. Und wenn der Geistesforscher Ihnen die Ereignisse von Palästina oder die Beobachtungen des Zarathustra beschreibt, so beschreibt er nicht das, was in der Bibel, was in den Gathas steht, sondern er beschreibt, was er selbst in der Akasha-Chronik zu lesen versteht. Und dann wird eben nachgeforscht, ob das, was in der Akasha-Chronik entziffert worden ist, sich auch in den Urkunden, in unserm Falle in den Evangelien, findet. Es ist also gegenüber den Urkunden ein völlig freier Standpunkt, den die Geistesforschung einnimmt. Gerade darum aber wird sie die eigentliche Richterin sein über das, was in den Urkunden vorkommt. Wenn uns aber in den Urkunden das gleiche entgegentritt, was wir in der Akasha-Chronik selbst zu verfolgen in der Lage sind, dann ergibt sich für uns, daß diese Urkunden wahr sind, und ferner, daß sie jemand geschrieben haben muß, der auch in die Akasha-Chronik zu schauen vermag. Viele der religiösen und anderen Urkunden des Menschengeschlechtes erobert die Geisteswissenschaft auf diese Weise wieder. An einem besonderen Kapitel der Menschheitsentwickelung, an dem Johannes-Evangelium und seiner Beziehung zu den anderen Evangelien wollen wir uns das, was jetzt gesagt worden ist, veranschaulichen. Aber Sie dürfen sich nicht vorstellen, daß die Akasha-Chronik, die geistige Geschichte, die wie ein aufgeschlagenes Buch vor dem geöffneten Auge des Sehers daliegt, etwa wie eine Schrift der gewöhnlichen Welt ist. Eine Art lebendiger Schrift ist sie, und wir wollen versuchen, uns das an dem Folgenden klarzumachen.
[ 5 ] Nehmen wir an, der Blick des Sehers schweift zurück - sagen wir in die Zeit des Cäsar. Cäsar hat dies und das getan, und insofern er es auf dem physischen Plan getan hat, haben es seine Zeitgenossen gesehen. Alles hat eine Spur zurückgelassen in der Akasha-Chronik. Wenn man aber zurücksieht als Seher, dann sieht man die Taten so, wie wenn man ein geistiges Schattenbild oder ein geistiges Urbild vor sich hätte. Denken Sie sich noch einmal die Bewegung der Hand. Das Augenbild können Sie als Seher nicht erblicken; aber die Absicht, die Hand zu bewegen, die unsichtbaren Kräfte, welche die Hand bewegt haben, die werden Sie immer sehen. So ist alles zu sehen, was in den Gedanken des Cäsar gelebt hat, sei es, daß er diese oder jene Schritte machen oder diesen oder jenen Kampf führen wollte. Alles, was die Zeitgenossen gesehen haben, ist ja aus seinen Willensimpulsen hervorgegangen, hat sich ja realisiert durch die unsichtbaren Kräfte, die hinter den Augenbildern stehen. Aber das, was hinter diesen Augenbildern stand, ist wirklich wie der wandelnde und handelnde Cäsar zu sehen, wie ein Geistesbild des Cäsar, wenn man zurückblickt als geistiger Seher in die AkashaChronik.
[ 6 ] Nun könnte jemand, der in solchen Dingen nicht bewandert ist, sagen: Wenn ihr uns erzählt von vergangenen Zeiten, so glauben wir, daß das alles nur Träumerei ist. Denn ihr kennt aus der Geschichte, was der Cäsar getan hat, und glaubt dann durch eure mächtige Einbildung irgendwelche unsichtbaren Akasha-Bilder zu sehen. — Wer aber in diesen Dingen bewandert ist, der weiß, daß es um so leichter ist, in der Akasha-Chronik zu lesen, je weniger man dieselben Dinge aus der äußeren Geschichte kennt. Denn die äußere Geschichte und ihre Kenntnis ist geradezu eine Störung für den Seher. Wenn wir an ein bestimmtes Lebensalter kommen, so haftet uns mancherlei Erziehung an aus unserer Zeit heraus. Auch der Seher kommt mit der Erziehung seines Zeitalters zu demjenigen Zeitpunkt, wo er sein seherisches Ich gebären kann. Er hat gelernt aus der Geschichte, er hat gelernt, wie Geologie, Biologie, wie die Kulturgeschichte und Archäologie ihm die Dinge überliefern. Das alles stört eigentlich den Blick und kann ihn befangen machen für das, was in der Akasha-Chronik zu lesen ist. Denn in der äußeren Geschichte darf man durchaus nicht etwa dieselbe Objektivität suchen und dieselbe Sicherheit, die bei der Entzifferung der AkashaChronik möglich ist. Bedenken Sie nur einmal, wovon es in der Welt abhängt, daß dieses oder jenes «Geschichte » wird. Da sind von irgendeinem Ereignis diese oder jene Urkunden erhalten geblieben, während andere, und vielleicht gerade die wichtigsten, abhanden gekommen sind. An einem Beispiel können wir sehen, wie unsicher alle Geschichte sein kann.
[ 7 ] Unter den mancherlei dichterischen Plänen Goethes, die liegen geblieben sind, und die ja für den, der sich näher auf Goethe einläßt, eine schöne Beigabe werden zu den großen herrlichen Werken, die er uns abgeschlossen gegeben hat, unter diesen Plänen befindet sich auch das Fragment einer Nausikaa-Dichtung. Er wollte eine Nausikaa dichten. Es sind aber nur wenige Skizzen vorhanden, wo er sich aufgeschrieben hat, wie er diese Dichtung ausführen wollte. So hat er ja vielfach gearbeitet, manchmal einige Sätze hingeworfen, und oft ist nur wenig davon erhalten geblieben. So auch von der Nausikaa. Einige Zettel sind da, worauf einige Notizen stehen. Nun hat es zwei Menschen gegeben, die beide versucht haben, diese Nausikaa nachzudichten. Beide waren Forscher: der Literaturhistoriker Scherer und Herman Grimm. Aber Herman Grimm war nicht nur ein Forscher, sondern auch ein phantasievoller Denker; es ist derselbe, von dem auch die Schriften stammen «Das Leben Michelangelos» und über «Goethe». Herman Grimm tat es, indem er versuchte, sich in den Geist Goethes hineinzufinden, und sich fragte: Wenn Goethe so und so war, wie würde er wohl dann eine solche Gestalt wie die in der Odyssee vorkommende Nausikaa aufgefaßt haben? Da hat er dann mit einer gewissen Mißachtung dieser historischen Urkunde eine Nausikaa in der Idee Goethes nachgedichtet. Scherer, der überall nach dem forschte, was schwarz auf weiß an Dokumenten vorhanden ist, sagte, eine Nausikaa Goethes darf man nur nachkonstruieren auf Grund des vorhandenen Materials. Und er versuchte ebenfalls eine Nausikaa zu konstruieren, aber nur aus dem, was sich aus diesen Zetteln ergab. Da sagte Herman Grimm: Wennes nun aber vorgekommen ist, daß der Kammerdiener Goethes einige von den Zetteln, auf denen gerade etwas sehr Wichtiges stand, genommen hat und mit ihnen eingeheizt hat? Ist irgendeine Garantie gegeben, daß diese vorhandenen Zettel überhaupt in Betracht kommen neben den anderen, mit denen vielleicht eingeheizt worden ist?
[ 8 ] So wie mit diesem Beispiel kann es mit aller Geschichte sein, die auf Urkunden gebaut ist. Und es geht sehr oft auch so. Wenn man auf Urkunden baut, darf man niemals außer acht lassen, daß gerade die wichtigsten zugrunde gegangen sein können. Daher haben wir in der Geschichte nichts anderes als eine «fable convenue». Wenn aber der Seher diese «fable convenue» mitbringt und die Dinge in der Akasha-Chronik ganz anders sieht, dann hat er Mühe, an das Akasha-Bild zu glauben. Und die, welche zum äußeren Publikum gehören, werden ihn dann anfahren, wenn er aus der Akasha-Chronik irgendeine Sache anders erzählt. Daher ist es dem, der in diesen Sachen bewandert ist, am allerliebsten, wenn er von alten Zeiten reden kann, von denen keine Urkunden da sind, wenn er von längst vergangenen Entwickelungsstadien unserer Erde sprechen kann.
[ 9 ] Darüber gibt es keine Urkunden. Da berichtet die Akasha-Chronik am allertreuesten, weil man am wenigsten dabei durch die äußere Geschichte gestört wird. Aus diesen Bemerkungen mögen Sie entnehmen, daß niemand, der in solchen Sachen bewandert ist, je auf den Gedanken kommen wird, daß die Schilderungen der Akasha-Chronik irgendwie ein Nachklang dessen sein könnten, was man schon aus der äußeren Geschichte weiß.
[ 10 ] Wenn wir nun dem großen Ereignis, über dessen Sinn wir gestern einige Andeutungen gemacht haben, nachforschen in der Akasha-Chronik, so finden wir in der Hauptsache das Folgende. Das ganze Menschengeschlecht, soweit es auf der Erde lebt, stammt ab aus einem geistigen Reich, aus einem geistig-göttlichen Dasein. Wir können sagen: Bevor irgendwie die Möglichkeit vorhanden war, daß ein äußeres physisches Auge Menschenkörper sah, irgendeine Hand Menschenkörper greifen konnte, war der Mensch als eine geistige Wesenheit vorhanden, und in den ältesten Zeiten war er vorhanden als Teil der göttlich-geistigen Wesenheiten. Er ist herausgeboren als ein Wesen aus göttlich-geistigen Wesenheiten. Die Götter sind sozusagen die Vorfahren der Menschen, und die Menschen sind die Nachkommen der Götter. Die Götter brauchten Menschen zu ihren Nachkommen, weil sie gewissermaßen nicht imstande waren, ohne solche Nachkommen herunterzusteigen in die physisch-sinnliche Welt. Die Götter setzten damals in anderen Welten ihr Dasein fort und wirkten von außen herein auf den Menschen, der sich nach und nach auf der Erde entwickelte.
[ 11 ] Und nun mußten die Menschen von Stufe zu Stufe jene Hindernisse überwinden, die das Erdenleben bewirkte. Was sind das für Hindernisse?
[ 12 ] Das ist ja das Wesentliche für den Menschen, daß die Götter geistig geblieben sind, und die Menschen als ihre Nachkommen physisch geworden sind. Der Mensch, der das Geistige nur als das Innerliche des Physischen hatte und als äußeres Wesen physisch geworden war, mußte alle die Hindernisse, die eben das physische Dasein gab, überwinden. Innerhalb des materiellen Daseins mußte er sich weiterbilden. Dadurch entwickelte er sich von Stufe zu Stufe herauf, wurde immer reifer und reifer, und dadurch wurde es ihm immer mehr und mehr möglich, sich hinaufzuwenden zu den Göttern, aus deren Schoß er herausgeboren ist. Also ein Heruntersteigen von den Göttern und ein Sich-wieder-Hinaufwenden zu den Göttern, um die Götter nach und nach wieder zu erreichen und sich wieder mit ihnen zu vereinigen, das ist der Weg des Menschen durch das Erdenleben. Damit der Mensch aber diese Entwickelung durchmachen konnte, mußten einzelne menschliche Individualitäten immer etwas schneller als die andern sich entwickeln, den andern voraneilen, um deren Führer und Lehrer zu werden. Solche Führer und Lehrer stehen dann innerhalb der übrigen Menschheit und finden sozusagen den Weg zu den Göttern früher zurück als die andern. So daß wir uns vorstellen können: In einem bestimmten Zeitalter haben die Menschen eine gewisse Entwickelungsreife erlangt; da ahnen sie vielleicht nur den Rückweg zu den Göttern, aber haben es noch weit bis dahin. Es ist ein Funke dieses Göttlichen in dem Menschen, aber in den Führern ist jeweilig mehr vorhanden. Sie stehen näher dem Göttlichen, das der Mensch wieder erreichen soll. Und das, was in diesen Führern der Menschheit lebt, das erblickt derjenige, dessen Auge für das Geistige geöffnet ist, als das Wesentliche und die Hauptsache an ihnen.
[ 13 ] Nehmen wir an, irgendein großer Führer der Menschheit stünde vor einem andern Menschen, der diesem Führer zwar nicht ebenbürtig wäre, aber doch über den Durchschnitt der Menschen hinausragte. Dieser Mensch, nehmen wir an, hat eine lebendige Empfindung dafür, daß der andere ein großer Führer ist, daß das Geistige, das die übrigen Menschen erlangen sollen, schon in einem höheren Grade in ihm vorhanden ist. Wie würde solch ein Mensch diesen Führer schildern? Er würde etwa sagen: Da steht vor mir ein Mensch, ein Mensch im physischen Leibe wie die andern. Aber der physische Leib ist das Unbedeutende an ihm, das kommt gar nicht in Betracht an ihm. Wenn ich aber das geistige Auge auf ihn richte, dann erscheint mir mit ihm verbunden ein mächtiges Geistwesen, ein göttlich-geistiges Wesen. Und das ist so bedeutend, daß ich alle Aufmerksamkeit nur auf dieses göttlich-geistige Wesen lenke und nicht auf das, was physisch bei ihm erscheint wie an einem anderen Menschen. — So eröffnet sich dem geistigen Seher an einem Menschheitsführer etwas, was an Wesenheit die ganze übrige Menschheit überragt, und was er ganz anders beschreiben muß. Denn er beschreibt, was er mit dem geistigen Auge daran sieht.
[ 14 ] Diejenigen, welche heute die maßgebende Stimme in der Öffentlichkeit haben, die würden sich freilich über solch einen überragenden Menschheitsführer lustig machen. Wir sehen ja, wie heute schon verschiedene Gelehrte damit anfangen, Größen in der Menschheit vom psychiatrischen Standpunkt aus zu behandeln! Erkennen würden ihn nur diejenigen, welche ihren geistigen Blick geschärft haben. Die aber würden wissen, daß er kein Narr oder Schwärmer ist, und auch nicht einfach ein «begabter Mensch », wie Wohlwollendere ihn vielleicht bezeichnen, sondern daß er zu den größten Gestalten des Menschheitslebens im geistigen Sinne gehört. So würde es heute sein. Aber in der Vergangenheit war es doch noch etwas anders, und auch noch in einer Vergangenheit, die gar nicht so weit hinter uns liegt.
[ 15 ] Wir wissen ja, daß die Menschheit in bezug auf ihr Bewußtsein verschiedene Metamorphosen durchgemacht hat. Alle Menschen haben einstmals ein dumpfes, dämmerhaftes Hellsehen gehabt. Selbst zu der Zeit, als der Christus gelebt hat, war das Hellsehen noch bis zu einem gewissen Grade entwickelt, und in früheren Jahrhunderten noch mehr, wenn es auch nur noch ein Schattenbild von dem Hellsehen der atlantischen und der ersten nachatlantischen Zeiten war. Nach und nach verschwand erst das hellseherische Bewußtsein der Menschen. Es waren aber immer noch einige unter den Menschen verstreut, die es kannten, und auch heute noch gibt es solche, die «natur-hellsehend » sind, die ein dumpfes Hellsehen haben und daher unterscheiden können in bezug auf die geistige Wesenheit des Menschen.
[ 16 ] Nehmen wir die Zeit, in der für das alte indische Volk der Buddha erschienen ist. Damals war es noch nicht so wie heute. Heute würde die Erscheinung eines Buddha, wenn sie noch gar in Europa geschähe, gar nicht irgendwie besonders respektiert werden. Aber zu Buddhas Zeiten war das anders. Denn es gab dazumal noch eine große Anzahl von Menschen, die sehen konnten, was da eigentlich vorging: daß mit dieser Buddha-Geburt etwas ganz anderes geschehen war als mit irgendeiner andern gewöhnlichen Geburt. In den Schriften des Morgenlandes, und gerade in denjenigen Schriften, die mit tiefstem Verständnis diese Sache behandeln, wird die Buddha-Geburt im großen Stile, möchte man sagen, beschrieben. Da wird erzählt, daß «der Großen Mutter Ebenbild » die Königin Maya war, und daß ihr vorhergesagt worden war, sie würde ein mächtiges Wesen zur Welt bringen. Als dann dieses Wesen geboren wurde, kam es als eine Frühgeburt auf die Welt.
[ 17 ] Sehr häufig ist das eines der Mittel, um ein bedeutendes Wesen in die Welt zu schicken: es eine Frühgeburt sein zu lassen, weil dann das menschliche Wesen, in das sich das höhere geistige Wesen verkörpern soll, sich nicht so gründlich mit der Materie vereinigt, als wenn es die vollständige Reifezeit ausgetragen wird.
[ 18 ] Es wird nun weiter in den bedeutsamen Schriften des Morgenlandes berichtet, daß in demselben Augenblick, als der Buddha geboren wurde, er erleuchtet war, und die Augen sogleich aufschlug und sie nach den vier Hauptpunkten der Welt richtete, nach Norden, Süden, Osten, Westen. Und ferner wird uns gesagt, daß er sogleich sieben Schritte machte, und daß die Spuren dieser sieben Schritte eingegraben sind in den Boden, wo er sie machte. Und auch gesprochen hat er gleich, so wird uns gesagt, und die Worte, die er sprach, lauteten: «Dies ist das Leben, in welchem ich vom Bodhisattva zum Buddha werde, die letzte der Verkörperungen, die ich auf dieser Erde durchzumachen habe.»
[ 19 ] So sonderbar solch eine Mitteilung für den materialistisch denkenden Menschen von heute erscheint, und so wenig man sie ohne weiteres materialistisch deuten darf, so wahr ist sie für den, der die Dinge mit geistigen Augen zu schauen vermag. Und es waren eben damals noch Leute, die aus einer natürlichen Hellsehergabe heraus geistig zu schauen vermochten, was mit dem Buddha geboren war. Es sind sonderbare Sätze, die ich Ihnen aus morgenländischen Schriften jetzt über den Buddha mitgeteilt habe. Heute sagt man, das sei Sage und Mythe. Derjenige aber, der diese Dinge versteht, der weiß, daß sich da etwas verbirgt, was gegenüber der geistigen Welt Wahrheit ist. Und solche Ereignisse, wie die Buddha-Geburt, bedeuten nicht bloß etwas im engen Kreise der Persönlichkeit, die da geboren ist, sondern sie bedeuten etwas für die Welt, strahlen gleichsam geistige Kräfte aus. Und die, welche noch in Zeiten lebten, als die Welt empfänglicher war für geistige Kräfte, die sahen, daß wirklich bei der Geburt des Buddha geistige Kräfte ausgestrahlt wurden.
[ 20 ] Es wäre sehr billig, wenn jemand jetzt sagen wollte: Warum geschieht denn das heute nicht mehr? Oh, es sind heute auch Wirkungen da, nur ist der Seher dazu nötig, um sie zu sehen. Denn es gehört nicht bloß dazu, daß derjenige da ist, von dem die Kräfte ausstrahlen, sondern auch der andere, der sie annimmt. In den Zeiten, als die Menschen noch spiritueller waren, waren sie auch noch empfänglicher für solche Ausstrahlungen. Daher ist wieder eine tiefe Wahrheit dahinter, wenn uns gesagt wird, daß bei der Geburt des Buddha Kräfte wirkten, die heilender und versöhnender Natur waren. Das ist nicht bloß eine Sage, sondern tiefe Wahrheiten stecken dahinter, wenn gesagt wird, daß damals, als der Buddha zur Welt kam, diejenigen, die sich vorher gehaßt hatten, jetzt sich in Liebe vereinten, die sich gestritten hatten, nun in Lobreden sich begegneten, und so weiter.
[ 21 ] Wer mit dem Auge des Sehers die Entwickelung der Menschheit überblickt, dem erscheint sie nicht wie einem Historiker als ein ebener Weg, der höchstens ein wenig von denen überragt wird, die man als historische Gestalten gelten läßt. Daß es auch Höhen und Berge gibt, das wollen die Menschen nicht zugeben, das vertragen sie nicht. Wer aber mit geistigen Augen die Welt überblickt, der weiß, daß es mächtige Höhen, mächtige Berge gibt, die über den Weg der übrigen Menschheit hinausragen. Das sind eben die Führer der Menschheit.
[ 22 ] Worauf beruht nun solche Führerschaft der Menschheit? Eine solche Führerschaft beruht darauf, daß der Mensch nach und nach die Stufen durchmacht, die ihn zum Leben in der geistigen Welt führen. Eine der Stufen haben wir gestern als die wichtigste gezeigt: die Geburt des höheren, des geistigen Ich. Und wir haben gesagt, daß es Vorstufen und daß es Nachstufen gibt. Aus dem, was wir gestern gesagt haben, können Sie ersehen, daß dasjenige, was wir als das Christus-Ereignis bezeichnen, die mächtigste Erhebung in der Menschheitsentwickelung ist, und daß eine lange Vorbereitung notwendig war, damit sich das Christus-Wesen in dem Jesus von Nazareth verkörpern konnte. Um diese Vorbereitungen zu verstehen, ist es nötig, daß wir uns dieselbe Erscheinung ein wenig im kleinen vor Augen führen.
[ 23 ] Nehmen wir an, ein Mensch tritt den geistigen Erkenntnispfad in irgendeiner Verkörperung an, das heißt er macht irgendwelche von den Übungen - von denen wir auch noch sprechen werden -, welche die Seele immer geistiger und geistiger gestalten, immer empfänglicher machen für das Geistige und sie dem Zeitpunkt entgegenführen, wo sie das höhere, unvergängliche Ich gebiert, das in die geistige Welt hineinschauen kann. Viele Erlebnisse macht der Mensch bis dahin durch. Nun darf man sich nicht vorstellen, daß der Mensch irgend etwas übereilen kann in geistiger Beziehung. In Geduld und Ausdauer muß so etwas durchgemacht werden. Nehmen wir also an, ein Mensch beginnt mit einer solchen Entwickelung. Sein Ziel ist die Geburt des höheren Ich. Aber er bringt es nur bis zu einer gewissen Stufe. Er erreicht gewisse Vorstufen zu der Geburt des höheren Ich. Nun stirbt er und wird dann wiedergeboren. Jetzt kann zweierlei eintreten, wenn ein solcher Mensch, der in einer Verkörperung eine gewisse geistige Schulung durchgemacht hat, wiedergeboren wird. Entweder er kann den Drang fühlen, sich wieder einen Lehrer zu suchen, um sich zeigen zu lassen, wie er rasch das wiederholt, was er vorher durchgemacht hat, und wie er zu den entsprechend höheren Stufen hinaufkommt. Oder er sucht aus irgendwelchem Grunde keinen solchen Weg. Auch da wird sich sein Leben oft anders gestalten als bei einem andern Menschen. Bei einem Menschen, der etwas von dem Erkenntnispfad bereits durchgemacht hat, wird das Leben auch ganz von selbst etwas bringen, das sich ausnimmt wie Wirkungen der Erkenntnishöhe, die er schon in der vorhergehenden Verkörperung erreicht hat. Er wird anderes erleben, und die Erlebnisse werden einen anderen Eindruck auf ihn machen, als es bei anderen Menschen der Fall ist. Und dann wird er an solchen Erlebnissen aufs neue erreichen, was er früher durch sein Streben erlangt hat. In der früheren Inkarnation mußte er von Punkt zu Punkt strebend tätig sein. Im nächsten Leben, wo ihm sozusagen wiederholentlich das Leben selbst bringt, was er früher erstrebt hat, da tritt es gleichsam von außen an ihn heran, und es kann sein, daß er in ganz anderer Form die Ergebnisse der früheren Inkarnation erlebt. So kann es geschehen, daß ihm schon in der Kindheit in irgendeinem Erlebnis etwas entgegentritt, was auf sein ganzes Gemüt einen solchen Eindruck macht, daß die Kräfte, die er sich in der vorherigen Inkarnation angeeignet hat, wieder in ihm erstehen. Nehmen wir an, ein solcher Mensch habe in einer Inkarnation eine bestimmte Stufe der Weisheitsentwickelung erlangt. In der nächsten Inkarnation wird er wiedergeboren als ein Kind wie jeder andere. Aber mit sieben oder acht Jahren macht er irgend etwas Schweres durch. Das hat auf seine Seele die Wirkung, daß alles das wieder herauskommt, was er sich früher als Weisheit errungen hat, so daß er jetzt wieder auf der früher erreichten Stufe steht und von da zu der nächsten hinanschreiten kann. Nun nehmen wir weiter an, er bemühe sich jetzt, um einige Stufen weiter zu kommen. Er stirbt wieder. In der nächsten Inkarnation kann es wieder so gehen. Wieder kann ein äußeres Erlebnis an ihn herantreten, das ihn gleichsam auf die Probe stellt, wodurch dann wieder zutage kommt zuerst das, was er in der vorvorigen Inkarnation sich erarbeitet hat, dann das, was er in der vorigen Inkarnation erlangt hat, und dann kann er wiederum eine Stufe höher steigen.
[ 24 ] Sie sehen daraus, daß wir das Leben eines solchen Menschen, der schon früher gewisse Stufen der Entwickelung durchschritten hat, nur begreifen, wenn wir solches in Rechnung ziehen. Da ist zum Beispiel eine Stufe, die man bald erreicht, wenn man erst auf dem Erkenntniswege strebt, das ist die Stufe des sogenannten heimatlosenMenschen, desjenigen Menschen, der hinauswächst über die unmittelbaren Vorurteile der nächsten Umgebung, der frei wird von dem, was ihn an allen möglichen Gängelbanden der nächsten Umgebung zieht. Der Mensch braucht dadurch nicht pietätlos zu werden, er kann sogar um so pietätvoller sein. Aber er muß frei sein von den Banden der nächsten Umgebung. Nehmen wir den Fall, daß ein solcher Mensch in einem Stadium stirbt, wo er sich hindurchgearbeitet hat zu einer gewissen Freiheit und Unabhängigkeit. Nun wird er wiedergeboren, und da kann es sein, daß verhältnismäßig früh ein Erlebnis auftritt, wodurch das Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit wiedergeboren wird. Gewöhnlich geschieht es dadurch, daß der Betreffende seinen Vater oder irgendeinen, mit dem er sonst verbunden ist, verliert, oder auch, daß dieser Vater sich nicht gut gegen ihn benimmt, ihn vielleicht verstößt oder dergleichen mehr. Das teilen uns getreulich die Sagen der verschiedenen Völker mit, denn in diesen Dingen sind die Mythen und Sagen der Völker wirklich weiser als die heutige Wissenschaft. Da werden Sie überall den Typus finden, daß der Vater den Auftrag gibt, daß das Kind ausgesetzt werde; das Kind wird von Hirten aufgefunden, wird von ihnen genährt, aufgezogen und später zu seinem Beruf zurückgebracht, wie zum Beispiel Chiron, Romulus und Remus. Um das wiedererstehen zu lassen, was sie sich in früheren Inkarnationen bereits errungen hatten, dazu sollten sie sozusagen durch den Verrat ihrer Heimat an ihnen selber gelangen. Auch die Sage von der Aussetzung des Ödipus gehört dahin.
[ 25 ] Nun können Sie sich auch denken, daß, je weiter der Mensch ist - sei es auf der Stufe der Geburt seines höheren Ich, oder darüber hinaus -, desto reicher an Erlebnissen auch sein Leben sein muß, damit er dahin kommt, daß er wieder ein neues Erlebnis durchmacht, das er früher noch nicht hatte.
[ 26 ] Derjenige, welcher jene mächtige Wesenheit, die wir den Christus nennen, in sich verkörpern sollte, konnte diese Mission natürlich nicht in einem beliebigen Lebensalter übernehmen. Dazu mußte er erst nach und nach reif werden. Kein gewöhnlicher Mensch konnte das übernehmen. Das mußte schon einer sein, der durch viele Leben hindurch hohe Grade der Einweihung erlangt hatte. Was da geschehen mußte, das erzählt uns treulich die Akasha-Chronik. Sie berichtet uns, wie durch viele Leben hindurch eine Individualität von Stufe zu Stufe gestrebt hat zu hohen Einweihungsgraden. Dann wurde sie wiedergeboren, und nun machte sie in dieser irdischen Verkörperung Erlebnisse durch, die zunächst vorbereitend waren. Aber in dem, was sich da verkörpert hatte, lebte bereits eine Individualität, welche hohe Stufen durchgemacht hatte. Ein Eingeweihter war es, der dazu bestimmt war, in einem späteren Zeitpunkt seines Lebens die Christus-Individualität in sich aufzunehmen. Die Erlebnisse, die nun dieser Eingeweihte zunächst hat, sind Wiederholungen seiner früheren Einweihungsstufen. Dadurch wird aus der Seele alles das herausgeholt, wozu sich diese Seele früher aufgeschwungen hat.
[ 27 ] Nun wissen wir: Der Mensch besteht aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem astralischen Leib und dem Ich. Wir wissen aber auch, daß im Verlaufe des Menschenlebens zunächst mit der physischen Geburt nur der physische Leib des Menschen geboren wird, daß dann bis zum 7. Jahre der Ätherleib des Menschen noch umgeben ist mit einer Art Äther-Mutterhülle, und mit dem 7. Jahre, mit dem Zahnwechsel, diese Äther-Mutterhülle ebenso zurückgestoßen wird wie die physische Mutterhülle, wenn der physische Leib in die äußere physische Welt hineingeboren wird. Dann später mit der Geschlechtsreife wird in ähnlicher Weise eine astralische Hülle hinweggestoßen, und der astralische Leib wird geboren. Mit dem 21. Jahre ungefähr wird dann das Ich geboren, aber auch wieder nur nach und nach.
[ 28 ] Nachdem wir durchgegangen haben die Gebutt des physischen Leibes, die des Ätherleibes mit dem 7. Jahre, des astralischen Leibes mit dem 14. bis 15. Jahre, haben wir in ähnlicher Weise eine Geburt der Empfindungsseele, der Verstandesseele und der Bewußtseinsscele zu beachten; und zwar wird mit dem 21. Jahre ungefähr die Empfindungsseele geboren, mit dem 28. Jahre die Verstandesscele und ungefähr mit dem 35. Jahre die Bewußtseinsseele.
[ 29 ] Nun werden wir sehen, daß die Christus-Wesenheit in einem Menschen der Erde sich nicht früher verkörpern konnte, nicht früher Platz haben konnte in diesem Menschen, als bis die Verstandesseele vollständig geboren war. Es konnte also die Christus-Wesenheit in jenem Eingeweihten, in den sie hineingeboren wurde, nicht vor dem 28. Jahre sich verkörpern. Das zeigt uns auch die geistige Forschung. Zwischen dem 28. und dem 35. Jahre zog die Christus-Wesenheit ein in diejenige Individualität, die als ein großer Bingeweihter die Erde betrat, und dann nach und nach unter dem Glanze, unter dem Lichte dieser großen Wesenheit alles das entwickelte, was der Mensch sonst ohne diesen Glanz, ohne dieses Licht entwickelt, nämlich den Ätherleib, den astralischen Leib, die Empfindungsseele und die Verstandesseele. So können wir also sagen: Bis zu diesem Lebensalter haben wir in dem, der berufen war, der Christus-Träger zu werden, einen großen Eingeweihten vor uns, der nach und nach die Erlebnisse durchmacht, welche endlich alles das herausbringen, was er in früheren Inkarnationen erlebt und sich erarbeitet hat an Eroberungen der geistigen Welt. Dann tritt für ihn die Möglichkeit ein, sich zu sagen: Jetzt bin ich da, ich opfere alles hin, was ich habe. Ich will kein selbständiges Ich weiter sein. Ich mache mich zum Träger des Christus. Der soll in mir wohnen, und von jetzt ab in mir alles sein!
[ 30 ] Diesen Zeitpunkt, in dem der Christus sich in eine Persönlichkeit der Erde verkörperte, deuten alle vier Evangelien an. Mögen sie auch sonst Verschiedenheiten haben, diesen Zeitpunkt, in dem der Christus in den großen Eingeweihten gleichsam hineinschlüpft, den deuten alle vier Evangelien an: Es ist die Johannes-Taufe. In jenem Augenblick, den der Schreiber des Johannes-Evangeliums so klar bezeichnet, indem er sagt, daß der Geist herunterstieg in der Gestalt einer Taube und sich vereinigte mit dem Jesus von Nazareth, da haben wir die Geburt des Christus, da wird in der Seele des Jesus von Nazareth der Christus als ein neues, höheres Ich geboren. Bis dahin hat ein anderes Ich, das eines großen Eingeweihten, sich so weitentwickelt, daß es reif war zu diesem Ereignis.
[ 31 ] Und wer sollte geboren werden in die Jesus von Nazareth-Wesenheit?
[ 32 ] Das haben wir gestern bereits angedeutet: der Gott, der von Anfang an da war, der sich sozusagen in der geistigen Welt gehalten hat und die Menschen sich einstweilen entwickeln ließ, der sollte jetzt heruntersteigen und sich in dem Jesus von Nazareth verkörpern. — Deutet uns etwa der Schreiber des Johannes-Evangeliums das an? - Wir brauchen nur einmal in dieser Beziehung die Worte des Evangeliums ernst zu nehmen. Lesen wir zu diesem Zwecke den Anfang des Alten Testamentes:
«Im Anfange (oder im Urbeginne) schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war wirre und finster über dem Abgrund. Und der göttliche Geist schwebte über den Wassern.»
[ 33 ] Stellen wir uns die Situation vor: Der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Unten steht die Erde mit ihren Reichen als den Nachfolgern des göttlichen Geistes. Unter ihnen entwickelt sich eine Individualität so weit, daß sie diesen Geist, der über den Wassern schwebte, in sich aufnehmen kann. Was sagt der Schreiber des Johannes-Evangeliums? Er sagt uns, daß der Täufer Johannes erkannt hat, daß die entsprechende Wesenheit da war, von der im Alten Testament die Rede ist. Er sagt: «Ich sah, daß der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel, und blieb auf ihm.» Er wußte, wenn der Geist auf einen herabfährt, dann ist das der, der da kommen soll: der Christus. Da haben Sie den Anfang der Weltentwickelung, den über den Wassern schwebenden Geist, da haben Sie den mit dem Wasser taufenden Johannes und den Geist, der erst über den Wassern schwebte, der jetzt in die Individualität des Jesus von Nazareth hineinfährt. Man kann nicht in grandioserer Weise, als der Schreiber des Johannes-Evangeliums es tut, das Ereignis von Palästina anknüpfen an jenes andere Ereignis, das im Anfange derselben Urkunde erzählt wird, an welche das Evangelium sich anschließt.
[ 34 ] Aberauchin anderer Weise knüpft der Schreiber des Johannes-Evangeliums an diese älteste Urkunde an. Er tut es gerade mit den Worten, mit denen er ausdrückt, daß sich mit dem Jesus von Nazareth dasselbe verbindet, was von Anfang an geschaffen hat an aller Erdenentwickelung. Wir wissen ja, daß die ersten Worte im Johannes-Evangelium heißen:
«Im Urbeginne war das Wort (oder der Logos), und das Wort (oder der Logos) war bei Gott, und ein Gott war das Wort (oder der Logos).»
[ 35 ] Was ist der Logos? und wie war er bei Gott? Nehmen wir einmal den Anfang des Alten Testamentes da, wo wir diesen Geist vor uns haben, von dem es heißt:
«Und der göttliche Geist schwebte über den Wassern. Und der göttliche Geist rief: Es werde Licht! Und es ward Licht.»
[ 36 ] Halten wir das fest, und drücken wir das jetzt etwas anders aus. Hören wir zu, wie der göttliche Geist das Schöpfungswort durch die Welt ruft. Was ist es, das Wort? Im Urbeginne war der Logos, und der göttliche Geist rief, und es geschah das, was der Geist rief. Das heißt: In dem Wort war Leben. Denn wenn nicht Leben darinnen gewesen wäre, so hätte es nicht geschehen können. Und was geschah? Es wird erzählt:
«Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.»
[ 37 ] Und jetzt nehmen wir wieder das Johannes-Evangelium.
«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.»
[ 38 ] Nun war das Wort hineingeströmt in die Materie, war da gleichsam die äußere Gestalt der Gottheit geworden.
«In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.»
[ 39 ] So knüpft der Schreiber des Johannes-Evangeliums direkt an die älteste Urkunde an, an die Genesis. Nur mit etwas anderen Worten deutet er auf denselben göttlichen Geist hin. Und dann macht er uns klar, daß es der göttliche Geist ist, der dann erscheint in dem Jesus von Nazareth.
[ 40 ] Darin ist der Schreiber des Johannes-Evangeliums mit den anderen Evangelisten einig, daß mit der Johannes-Taufe des Jesus von Nazareth der Christus in dem Jesus von Nazareth geboren wird, und daß der Jesus von Nazareth vorher sich wohl dazu vorzubereiten hatte. Und wir müssen uns darüber klar sein, daß alles, was uns vom Leben des Jesus von Nazareth vother erzählt wird, nichts anderes ist als eine Summe von Erlebnissen, die uns seinen Aufstieg in die höheren Welten in früheren Inkarnationen darlegen, wie er alles, was er in sich hatte, in seinem astralischen Leib, seinem Ätherleib und seinem physischen Leib, nach und nach zubereitet hat, um endlich den Christus aufnehmen zu können.
[ 41 ] Derjenige, welcher das Lukas-Evangelium geschrieben hat, sagt sogar in etwas paradigmatischen Worten, daß der Jesus von Nazareth sich in jeglicher Beziehung vorbereitet hat auf dieses große Ereignis, auf die Geburt des Christus in ihm. Welches die einzelnen Erlebnisse sind, die ihn heraufgeführt haben bis zu dem Christus-Erlebnis, davon wollen wir morgen sprechen. Heute wollen wir noch darauf hinweisen, wie der Schreiber des Lukas-Evangeliums mit einem einzigen Satze sagt: Der, der den Christus aufgenommen hat, hat sich wohl vorbereitet in den vorhergehenden Jahren. In seinem astralischen Leib ist er so tugendvoll und edel und weise geworden, wie er werden mußte, damit der Christus in ihm geboren werden konnte. Und auch seinen Ätherleib hat er so reif gemacht und seinen physischen Leib so geschmeidig und schön, daß der Christus in ihm sein konnte.
[ 42 ] Man braucht das Evangelium nur richtig zu verstehen. Nehmen wir im zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums den 52. Vers. Freilich so, wie dieser Vers in den gewöhnlichen Bibeln steht, wird er nicht das sagen, was ich jetzt eben gesagt habe. Dort heißt dieser 52. Vers des zweiten Kapitels:
«Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.»
[ 43 ] Man möchte ja noch einigen Sinn damit verbinden, wenn ein solcher Mensch, wie der Schreiber des Lukas-Evangeliums, von Jesus von Nazareth sagt, daß er zunahm an Weisheit. Wenn er aber dann als ein wichtiges Ereignis erzählt, daß er an « Alter» zunahm, so ist das nicht ohne weiteres verständlich, denn das ist doch etwas, was man nicht besonders hervorzuheben braucht. Daß es dennoch geschieht, deutet darauf hin, daß hier noch etwas anderes vorliegen muß. Nehmen wir einmal den 52. Vers des zweiten Kapitels im Ürtext:
Καὶ Ἰησοῦς προέκοπτεν ἐν τῇ σοφίᾳ καὶ ἡλικίᾳ, καὶ χάριτι παρὰ Θεῷ καὶ ἀνθρώποις.
[ 44 ] Das ist in Wirklichkeit aber folgendes: «Er nahm zu an Weisheit», das heißt, er bildete seinen astralischen Leib aus. Wer da weiß, an was der griechische Geist bei dem Worte ἡλικίᾳ (hēlikia) dachte, der kann Ihnen sagen, daß hier jene Entwickelung gemeint ist, die der Ätherleib durchmacht, wodurch Weisheit allmählich zur Fertigkeit wird. Sie wissen, daß der astralische Leib die Eigenschaften ausbildet, die zum einmaligen Gebrauch da sind; das heißt, man versteht einmal etwas und hat es verstanden. Der Ätherleib bildet das, was er entwickelt, als Gewohnheiten, Neigungen und Fertigkeiten aus. Durch immerwährende Wiederholung geschieht es. Das, was Weisheit ist, wird zur Gewohnheit. Man führt es aus, weil es einem in Fleisch und Blut übergegangen ist. Also dieses Zunehmen an «Reife» bedeutet es. Ebenso wie der astralische Leib an Weisheit, so ist der Ätherleib gewachsen an edlen Gewohnheiten, an Gewohnheiten zum Guten, Edlen und Schönen. Und das dritte, woran der Jesus von Nazareth zunahm, χάρις (charis), heißt in Wirklichkeit das, was als Schönheit sich offenbart und sichtbar wird. Alleanderen Übertragungen sind nicht richtig. Wit müssen übersetzen, daß er zunahm an «anmutiger Schönheit», daß sich also auch sein physischer Leib schön und edel bildete:
«Und Jesus nahm zu an Weisheit (in seinem astralischen Leibe), an reifen Neigungen (in seinem Ätherleibe), und an anmutiger Schönheit (in seinem physischen Leibe), so daß das sichtbar war Gott und den Menschen.»
[ 45 ] Da haben Sie die Schilderung des Lukas, die uns zeigt, wie er wußte, daß derjenige, welcher den Christus in sich aufnehmen sollte, die dreifache Hülle, den physischen Leib, Ätherleib und astralischen Leib, zur höchsten Entfaltung auszubilden hatte.
[ 46 ] Auf diese Weise werden wir erkennen, daß man in den Evangelien wiederfinden kann, was die Geisteswissenschaft, unabhängig von den Evangelien, sagt. Dadurch ist die Geisteswissenschaft gerade eine Kulturströmung, die uns die religiösen Urkunden wiedererobert, und diese Wiedereroberung wird nicht nur ein Ereignis des menschlichen Wissens und Erkennens sein, sondern eine Eroberung des Gemütes und des Verständnisses, in Gefühl und Empfindung. Und ein solches Verständnis brauchen wir besonders, wenn wir dieses Ereignis, den Einschlag des Christus in die Menschheitsentwickelung, begreifen wollen.
