Das Johannes-Evangelium
im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien
besonders zu dem Lukas-EvangeliumGA 112
24 Juni 1909, Kassel
Erster Vortrag
[ 1 ] In einem großen Teil der strebenden Menschheit wurde gerade an dem heutigen Tag des Jahres ein bestimmtes Fest gefeiert. Und diejenigen, die sich hier in dieser Stadt mit uns Freunde der anthroposophischen Bewegung nennen, haben einen gewissen Wert darauf gelegt, daß diese Reihe von Vorträgen beginnen könne gerade an diesem heutigen Tage, am Johannistage. Der Tag des Jahres, der damit bezeichnet wird, war ein Fest bereits im alten Persertum. Da feierte man an einem Tage, der etwa einem heutigen Junitage entsprechen würde, das Fest der sogenannten Wasser- und Feuertaufe. Im alten Rom feierte man an einem ähnlichen Junitage das Fest der Vesta; das war wiederum das Fest der Feuertaufe. Und wenn wir zurückgehen in die Zeit der europäischen Kultur vor dem Christentum und in diejenigen Zeiten, in denen das Christentum noch nicht verbreitet war, da finden wir wiederum ein solches Junifest, ein Fest, das zusammenfiel mit der Zeit, in welcher die Tage am längsten, die Nächte am kürzesten geworden sind, wo die Tage wiederum beginnen abzunehmen, wo die Sonne also wiederum beginnt, einen Teil ihrer Kraft zu verlieren, die sie allem Wachstum und allem Gedeihen der Erde spendet. Wie ein Rückgang, ein nach und nach eintretendes Verschwinden des Gottes Baldur, den man verknüpft dachte mit der Sonne, so erschien dieses Junifest unseren europäischen Vorfahren. Und in den christlichen Zeiten wurde allmählich dieses Junifest das Johannesfest zur Feier des Vorläufers des Christus Jesus. Damit kann es auch für uns gewissermaßen zum Ausgangspunkt werden derjenigen Betrachtungen, die wir für die nächsten Tage anstellen wollen über dieses bedeutsamste Ereignis in der Menschheitsentwickelung, das wir die Tat des Christus Jesus nennen. Diese Tat, ihre ganze Bedeutung für die Menschheitsentwickelung, und wie sie sich darstellt zunächst einmal in der bedeutsamsten christlichen Urkunde, in dem Evangelium des Johannes, und dann im Vergleich damit in den anderen Evangelien, die Betrachtung darüber wird der Gegenstand dieses Vortragszyklus’ sein. Der Johannistag erinnert uns daran, daß dieser größten Individualität, die an der Menschheitsentwickelung teilgenommen hat, vorangegangen ist ein Vorläufer. Damit berühren wir gleich einen wichtigen Punkt, den wir sozusagen auch wie eine Art Vorläufer als Betrachtung an den Ausgangspunkt unserer Vorträge stellen müssen. Im Verlaufe der Menschbeitsentwickelung treten immer wieder und wieder tief bedeutsame Ereignisse auf, die ein stärkeres Licht ausbreiten als andere Ereignisse. Von Epoche zu Epoche sehen wir, wie solche wesentlichen Ereignisse in der Geschichte zu verzeichnen sind. Und immer wieder wird uns gesagt, daß es Menschen gibt, welche in einer gewissen Beziehung vorauswissen, vorausverkünden können solche Ereignisse. Damit wird zugleich klargemacht, daß diese Ereignisse nicht willkürlich sind, sondern daß derjenige, der hineinsieht in den ganzen Sinn und in den ganzen Geist der Menschheitsgeschichte, weiß, wie solche Ereignisse kommen müssen, und wie er selber zu arbeiten hat, vorbereitend zu arbeiten hat, damit sie eintreten können.
[ 2 ] Wir werden in den nächsten Tagen noch öfter zu sprechen haben von dem Vorläufer des Christus Jesus. Heute wollen wir ihn zunächst nur unter dem Gesichtspunkt betrachten, daß er einer derjenigen war, welche durch besondere Geistesgaben tiefer hineinschauen können in den Zusammenhang der Menschheitsentwickelung und dadurch wissen, daß es ausgezeichnete Punkte gibt innerhalb dieser Menschheitsentwickelung. Daher war er geeignet, dem Christus Jesus die Wege zu ebnen. Wenn wir aber auf den Christus Jesus selber sehen, um sozusagen sogleich an den Hauptgegenstand unserer Betrachtung zu kommen, so müssen wir uns klarmachen, daß wahrhaftig nicht umsonst ein großer Teil der Menschheit die Zeitrechnung einteilt in eine Epoche vor der Erscheinung des Christus Jesus auf Erden und in eine Epoche nach derselben. Damit zeigt dieser Teil der Menschheit, daß er eine Empfindung hat von der einschneidenden Bedeutung des Christus-Mysteriums. Aber das, was wahr ist, was wirklich ist, das muß immer wieder und wieder in neuen Formen und in neuen Arten der Menschheit verkündet werden. Denn die Bedürfnisse der Menschheit ändern sich von Zeit zu Zeit. Unsere Zeit braucht in gewisser Beziehung eine neue Verkündigung auch dieses größten Ereignisses der irdischen Menschheitsentwickelung, des Christus-Ereignisses, und diese Verkündigung will die Anthroposophie sein.
[ 3 ] Diese anthroposophische Verkündigung des Christus-Mysteriums ist nichts dem Inhalte nach Neues, auch nicht für uns. Sie ist aber etwas Neues in bezug auf die Form. Denn das, was hier in den nächsten Tagen wird ausgesprochen werden, das wurde in engeren Kreisen auch innerhalb unserer Kultur und unseres Geisteslebens seit Jahrhunderten ausgesprochen. Das eine nur unterscheidet die heutige Verkündigung von jeder vorhergehenden: daß sie zu einem größeren Kreise sprechen darf. Diejenigen kleineren Kreise, in denen dieselbe Verkündigung seit Jahrhunderten schon innerhalb unseres europäischen Geisteslebens ertönte, sie hatten dasselbe Zeichen, das Ihnen hier [im Vortragssaal] entgegenschaut, das Rosenkreuz, als ihr Symbolum anerkannt. Und so darf wohl auch jetzt, wo diese Verkündigung in unserer Gegenwart vor ein größeres Publikum tritt, wiederum das Rosenkreuz als das Symbolum dieser Verkündigung gelten. Lassen Sie mich zunächst wiederum sinnbildlich charakterisieren, worauf ungefähr diese RosenkreuzerVerkündigung über den Christus Jesus fußt.
[ 4 ] Die Rosenkreuzer sind eine Gemeinschaft, die seit dem vierzehnten Jahrhundert innerhalb des europäischen Geisteslebens ein geistiges, ein echt geistiges Christentum pflegten. Diese Rosenkreuzer-Gesellschaft, die, abgesehen von allen äußeren geschichtlichen Formen, die tiefste Wahrheit des Christentums an den Tag zu bringen suchte für ihre Bekenner, diese Gesellschaft nannte ihre Bekenner immer auch « Johannes-Christen». Wenn wir den Ausdruck Johannes-Christen verstehen werden, dann werden wir den ganzen Geist und die Gesinnung der folgenden Vorträge, wenn auch nicht mit dem Verstande erklären, so doch wenigstens ahnend erfassen können.
[ 5 ] Sie wissen, das Johannes-Evangelium, diese gewaltige Urkunde des Menschengeschlechtes, beginnt ja mit den Worten: «Im Urbeginne war das Wort. Und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. Dieses war im Urbeginne bei Gott.» (Joh 1, 1).
[ 6 ] Das Wort - oder der Logos — war also im Urbeginne bei Gott. Und von ihm heißt es weiter, daß das Licht in die Finsternis schien, und daß die Finsternis zunächst das Licht nicht begriff; daß dieses Licht in der: Welt war, daß es unter den Menschen war, daß diese Menschen aber wiederum nur eine kleine Anzahl unter den ihrigen zählten, die das Licht zu begreifen vermochten. Dann erschien das fleischgewordene Wort als ein Mensch, in einem Menschen, dessen Vorläufer der Täufer war, der Johannes. Und nun sehen wir, wie diejenigen, die etwas begriffen haben von der Bedeutung dieser Erscheinung des Christus auf Erden, sich klarzumachen bemühen, was der Christus eigentlich ist, und wie der Schreiber des Johannes-Evangeliums unmittelbar darauf hinweist, daß das, was in dem Jesus von Nazareth als tiefste Wesenheit lebte, nichts anderes war als das, woraus auch alle andern Wesenheiten entstanden sind, die um uns herum sind, — daß es der lebendige Geist, das lebendige Wort, der Logos selbst war.
[ 7 ] Aber auch die andern Evangelisten haben sich, ein jeder nach seiner Art, bemüht darzustellen, was in dem Jesus von Nazareth eigentlich erschienen ist. Da sehen wir zum Beispiel, wie der Schreiber des LukasEvangeliums bemüht ist zu zeigen, wie etwas ganz Besonderes erschienen ist, als durch die Taufe des Christus Jesus durch Johannes den Täufer der Geist sich vereinigte mit dem Leibe des Jesus von Nazareth.Und dann stellt uns der Schreiber des Lukas-Evangeliums weiter dar, wie dieser Jesus von Nazareth der Abkömmling von Vorfahren ist, die weit, weit hinaufreichen. Da wird uns gesagt, daß der Stammbaum des Jesus von Nazareth hinaufreicht bis zu David, bis zu Abraham, bis zu Adam, ja bis zu Gott selber. Wohlgemerkt, im Lukas-Evangelium ist überall darauf hingewiesen: Jesus von Nazareth war der Sohn des Joseph, Joseph war der Sohn des Eli, der war ein Sohn des Matthat..., dann: der war ein Sohn des David, und weiter heißt es dann: der war ein Sohn des Adam, und Adam war Gottes! Das heißt, der Schreiber des Lukas-Evangeliums legt einen besonderen Wert darauf, daß von diesem Jesus von Nazareth, mit dem sich der Geist vereinigt hat bei der Taufe des Johannes, eine gerade Abstammungslinie hinaufgeht bis zu dem, den er den Vater des Adam, den Gott, nennt. Solche Dinge muß man durchaus wörtlich nehmen.
[ 8 ] Im Matthäus-Evangelium wird versucht, diesen Jesus von Nazareth wiederum seinem Stammbaum nach bis hinauf zu Abraham zu führen, dem sich der Gott geoffenbart hat.
[ 9 ] Dadurch, und durch manches andere auch, durch viele Worte, die wir in den Evangelien finden können, wird die Individualität, die der Träger des Christus ist, und die ganze Erscheinung des Christus als etwas hingestellt, was nicht nur eine der größten, sondern was die größte aller Erscheinungen in der Menschheitsentwickelung ist. Dadurch ist doch unbedingt ausgedrückt, was man mit schlichten Worten in der folgenden Art sagen kann: Wenn der Christus Jesus von denen, die seine Größe ahnen, angesehen wird als die wichtigste Erscheinung in der Menschheitsentwickelung der Erde, dann muß dieser Christus Jesus irgendwie zusammenhängen mit dem Wesentlichsten und Heiligsten im Menschen selbst. Es muß also innerhalb des Menschen selber etwas geben, was man unmittelbar auf das Christus-Ereignis beziehen kann. Könnten wir denn nicht die Frage aufwerfen: Wenn der Christus Jesus wirklich entsprechend den Evangelien das wichtigste Ereignis der Menschheitsentwickelung ist, muß sich dann nicht überall, in jeder von all den Seelen der Menschen etwas finden, was Bezug hat zu dem Christus Jesus?
[ 10 ] Das ist es auch, was insbesondere den Johannes-Christen der Rosenkreuzer-Gesellschaften das Wichtigste und Wesentlichste war: daß sich in jeder Menschenseele etwas findet, was unmittelbar Bezug hat, was ein Verhältnis hat zu dem, was in Palästina durch den Christus Jesus geschehen ist. Und wenn der Christus Jesus für die Menschheit das größte Ereignis genannt werden kann, dann muß. auch in der Menschenseele das, was dem Christus-Ereignis entspricht, das Größte und Bedeutungsvollste sein. Was kann das sein? Darauf haben sich die Schüler der Rosenkreuzer geantwortet: Für jede Menschenseele gibt es etwas, was man bezeichnet mit den Worten «Erweckung» oder «Wiedergeburt» oder «Initiation ». Wir wollen sehen, was mit diesen Worten gemeint ist.
[ 11 ] Wenn wir den Blick richten auf die verschiedenen Dinge um uns herum, die unsere Augen sehen, die unsere Hände greifen, dann sehen wir, wie diese Dinge entstehen und vergehen. Wir sehen, wie die Blume entsteht und vergeht, wie die ganze Vegetation des Jahres heraufkommt und wieder hinuntergeht. Und wenn es auch Dinge gibt in der Welt, wie die Berge und Felsen, die den Jahrhunderten zu trotzen scheinen, schon in dem Sprichwort «Steter Tropfen höhlt den Stein» drückt es sich aus, daß die Menschenseele eine Ahnung davon hat, daß selbst die majestätischen Felsen und Berge den Gesetzen der Vergänglichkeit unterworfen sind. Und der Mensch weiß: Es entsteht und vergeht das, was selbst auferbaut ist aus den Elementen; es entsteht und vergeht das, was der Mensch nicht nur seine Leiblichkeit nennt, sondern was er nennt sein «vergängliches Ich». Aber diejenigen, welche da wissen, wie man in eine geistige Welt gelangen kann, die wissen auch, daß der Mensch zwar nicht durch Augen und Ohren und durch die anderen Sinne hineindringt in diese geistige Welt, daß er aber dorthin gelangen kann durch den Weg der Erweckung, der Wiedergeburt, der Initiation. Und was wird wiedergeboren?
[ 12 ] Der Mensch, wenn er in sein Inneres blickt, kommt zuletzt dazu, zu sagen: Was mir in meinem Innern entgegentritt, das ist das, wozu ich «Ich » sage. Dieses Ich unterscheidet sich schon durch den Namen von allen Dingen der Außenwelt. Zu einem jeden Ding der Außenwelt kann man den Namen von außen hinzufügen: zu dem Tisch kann jeder «Tisch », zu der Uhr jeder «Uhr» sagen. Niemals aber kann der Name «Ich » an unser Ohr klingen, wenn er uns selbst bedeuten soll; denn das «Ich» muß im Innern ausgesprochen werden. Für jeden anderen sind wir ein «Du». Dadurch schon findet der Mensch, wie sich diese IchWesenheit unterscheidet von dem, was sonst in ihm und um ihn herum ist. Aber nun kommt das hinzu, was die Geistesforscher aller Zeiten immer wieder und wieder aus ihren eigenen Erlebnissen für die Menschheit betont haben: daß innerhalb dieses Ich ein anderes, ein höheres Ich geboren wird, geboren wie das Kind aus der Mutter.
[ 13 ] Wenn der Mensch uns in seinem Leben entgegentritt, können wir sagen: Wir sehen ihn zuerst als Kind, wie er ungeschickt in bezug auf die äußere Umgebung die Dinge anschaut, wie er dann nach und nach lernt, die Dinge zu begreifen, nach und nach verständig wird und an Intellekt und Willen wächst; wir sehen, wie der Mensch zunimmt an Kraft und Energie. Aber es gibt Menschen, die nicht nur in dieser Weise zunehmen, sondern es hat auch immer solche Menschen gegeben, die noch zu einer höheren Entwickelung gelangen über der gewöhnlichen, die dazu kommen, daß sie sozusagen ein zweites Ich finden, das zu dem ersten Ich vermag «Du» zu sagen, wie das Ich selbst zur Außenwelt und zu seinem Leibe «Du » sagt, das gewissermaßen hinunterschaut auf dieses erste Ich.
[ 14 ] So steht es als ein Ideal vor der Menschenseele, und so tritt es als eine Wirklichkeit ein für diejenigen, welche die Anweisungen der Geistesforscher befolgen und sich sagen: Das Ich, von dem ich bisher wußte, nimmt teil an der ganzen Außenwelt, es ist mit der Außenwelt vergänglich. Aber in mir schlummert ein zweites Ich, dessen sich die Menschen nicht bewußt sind, aber sich bewußt werden können, das ebenso verbunden ist mit dem Unvergänglichen, wie das erste Ich mit dem Vergänglichen und Zeitlichen verbunden ist. Und mit der Wiedergeburt kann dies höhere Ich ebenso hineinschauen in eine geistige Welt, wie das niedere Ich durch die Sinne - Augen, Ohren und so weiter - in die sinnliche Welt schauen kann. Was man so Erweckung, Wiedergeburt, Initiation nennt, das ist das größte Ereignis der menschlichen Seele auch nach der Ansicht derjenigen, die sich Bekenner des Rosenkreuzes nannten. Sie wußten, daß mit diesem Ereignis der Wiedergeburt des höheren Ich, das auf das niedere Ich herabschauen kann, wie der Mensch auf die äußeren Gestalten schaut, das Ereignis des Christus Jesus zusammenhängen muß. Das heißt, wie für den einzelnen Menschen innerhalb seiner Entwickelung eine Wiedergeburt stattfinden kann, so ist für die ganze Menschheit eine Wiedergeburt eingetreten mit dem Christus Jesus. Was für den einzelnen Menschen ein inneres, wie man sagt, mystisch-geistiges Ereignis ist, was er als die Geburt seines höheren Ich erleben kann, das ist in der Außenwelt, in der Geschichte, mit dem Ereignis von Palästina durch den Christus Jesus für die ganze Menschheit eingetreten.
[ 15 ] Wie stellte sich das zum Beispiel einem Menschen dar wie dem, der das Evangelium des Lukas geschrieben hat? Er konnte sich sagen: Der Stammbaum des Jesus von Nazareth führt hinauf bis zu Adam und Gott selber. Was heute Menschheit ist, was heute im physischen Menschenleibe wohnt, das stieg einst herunter aus göttlich-geistigen Höhen, das ist aus dem Geiste geboren, das war einmal bei Gott. Adam war derjenige, der aus den geistigen Höhen in die Materie heruntergeschickt worden ist; er ist in diesem Sinne der Sohn des Gottes. Es war also einst ein göttlich-geistiges Reich, sagte sich der Schreiber des Lukas-Evangeliums; das verdichtete sich gleichsam zu dem vergänglichen irdischen Reich: Adam entstand. Adam war ein irdisches Abbild des Sohnes des Gottes, und von Adam stammen die Menschen ab, die im physischen Leibe sind. Und in diesem Jesus von Nazareth lebte auf eine besondere Weise nicht nur das, was in jedem Menschen lebt, und was sonst in dem Menschen ist, sondern es lebte in ihm etwas, was man nur finden kann seiner Wesenheit nach, wenn man sich bewußt wird, daß das Wesentliche im Menschen vom Göttlichen abstammt. In dem Jesus von Nazareth ist noch etwas ersichtlich von dieser göttlichen Abstammung. Der Schreiber des Lukas-Evangeliums findet sich daher genötigt zu sagen: Seht euch an den, der durch den Johannes getauft worden ist. Er hat besondere Kennzeichen an sich für das Göttliche, aus dem ursprünglich der Adam abstammt. Das kann sich in ihm erneuern. Wie der Gott herabgestiegen ist in die Materie und als Gott verschwunden ist im Menschengeschlecht, so erscheint er wieder. Die Menschheit konnte in ihrem Innersten, Göttlichen wiedergeboren werden in dem Jesus von Nazareth. — Es wollte der Schreiber des Lukas-Evangeliums sagen: Wenn wir den Stammbaum des Jesus von Nazareth hinaufverfolgen bis zu seinem Ursprung, so finden wir den göttlichen Ursprung und die Eigenschaften des Gottes-Sohnes in ihm in einer erneuerten Weise wieder und mehr, als es in der bisherigen Menschheit sein konnte.
[ 16 ] Und der Schreiber des Johannes-Evangeliums betonte nur noch schärfer, daß in dem Menschen etwas Göttliches lebt, und daß dieses Göttliche in seiner großartigsten Gestalt erschien als der Gott und der Logos selber. Der Gott, der gleichsam in die Materie hinein begraben wurde, wird wiedergeboren als Gott in dem Jesus von Nazareth, das wollten diejenigen sagen, die also ihre Evangelien einleiteten.
[ 17 ] Und jene, welche die Weisheit dieser Evangelien fortsetzen wollten, wie sagten sie? Wie sagten die Johannes-Christen? Also sagten sie: Im einzelnen Menschen gibt es ein großes, gewaltiges Ereignis, das man nennen kann die Wiedergeburt des höheren Ich. Wie das Kind aus der Mutter geboren wird, so wird das göttliche Ich geboren aus dem Menschen. Die Initiation, die Erweckung ist möglich, und wenn sie einmal eingetreten ist — so sagten die, welche etwas davon verstanden -, dann wird etwas anderes wichtig als das, was vorher wichtig war. Was da wichtig wird, das wollen wir uns einmal durch einen Vergleich näherbringen.
[ 18 ] Denken wir, wir haben einen Menschen vor uns, der siebzig Jahre geworden ist, aber einen erweckten Menschen, der sein höheres Ich gewonnen hat. Und denken wir uns, es wäre im vierzigsten Jahre gewesen, daß er die Wiedergeburt, die Erweckung seines höheren Ich, erlebt hat. Wäre damals jemand an ihn herangetreten und hätte sein Leben beschreiben wollen, so hätte er sich sagen können: Ich habe hier einen Menschen vor mir, der sein höheres Ich eben geboren hat. Das ist derselbe, den ich vor fünf Jahren in dieser Lage, und in jener Lage vor zehn Jahren gekannt habe. - Und wenn er uns hätte darstellen wollen die Identität dieses Menschen, wenn er uns hätte zeigen wollen, daß dieser Mensch einen ganz besonderen Ausgangspunkt schon bei seiner Geburt hatte, dann würde er die Jahre von vierzig zurück in bezug auf sein physisches Dasein verfolgen, und dieses physische Dasein, so wie es in Betracht kommt, beschreiben im Sinne dessen, der vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus spricht. Mit dem vierzigsten Jahre ist aber in diesem Menschen ein höheres Ich geboren. Von jetzt ab überstrahlt das höhere Ich die ganzen Lebensverhältnisse. Jetzt ist das ein neuer Mensch. Jetzt ist uns nicht mehr wichtig, was vorher da war, jetzt handelt es sich darum, daß wir vor allem erkennen, wie das höhere Ich von Jahr zu Jahr zunimmt und sich weiterentwickelt. Wenn dann dieser Mensch siebzig Jahre alt geworden ist, dann würden wir uns erkundigen, welchen Weg vom vierzigsten bis zum siebzigsten Jahre das höhere Ich durchgemacht hat. Und wichtig würde für uns sein, daß es das echt geistige Ich ist, das er uns in seinem siebzigsten Jahre darbietet, wenn wir uns zu dem bekennen, was damals vor dreißig Jahren in der Seele dieses Menschen geboren worden ist. - So machten es die Evangelienschreiber, und so machten es im Zusammenhange damit die JohannesChristen des Rosenkreuzertums mit dem Wesen, das wir den Christus Jesus nennen.
[ 19 ] Die Evangelienschreiber hatten sich die Aufgabe gestellt, zunächst zu zeigen, daß der Christus Jesus seinen Ursprung hat in dem Urgeiste der Welt, in dem Gott selber. Der Gott, der in der ganzen Menschheit verborgen gelebt hat, tritt in dem Christus Jesus besonders hervor. Das ist derselbe Gott, von dem das Johannes-Evangelium sagt, daß er im Urbeginn, von Anfang an da war. Dieses Interesse: zu zeigen, daß eben dieser Gott in dem Jesus von Nazareth war, das hatten die Evangelienschreiber. Diejenigen aber, welche bis in unsere Zeit hinein die urewige Weisheit fortzusetzen hatten, sie hatten jetzt das Interesse, zu zeigen, wie das höhere Ich der Menschen, wie der göttliche Geist der Menschheit, der durch das Ereignis von Palästina in dem Jesus von Nazareth geboren wurde, wie er derselbe geblieben und bewahrt worden ist bei all denen, die das rechte Verständnis dafür gehabt haben.
[ 20 ] Wie wir bei dem von uns zum Vergleich gestellten Menschen beschrieben haben, daß er im vierzigsten Jahre sein höheres Ich geboren hat, so haben die Evangelienschreiber den Gott im Menschen beschrieben bis zu dem Ereignis in Palästina: wie sich der Gott entwickelt hat, wie er wiedergeboren ist und so weiter. Diejenigen aber, die zu zeigen hatten, daß sie die Fortsetzer sind der Evangelienschreiber, sie mußten darauf hinweisen, daß das die Zeit ist der Wiedergeburt des höheren Ich, wo man es nur zu tun hat mit dem geistigen Teil, der jetzt alles andere überstrahlt. Die, welche sich Johannes-Christen nannten und das Rosenkreuz zu ihrem Symbolum hatten, die sagten: Gerade das, was für die Menschheit wiedergeboren ist als das Geheimnis von dieser Menschheit höherem Ich, das ist bewahrt worden. Das ist bewahrt worden von jener engeren Gemeinschaft, die von dem Rosenkreuzertum ihren Ausgang genommen hat. Sinnbildlich ist diese Kontinuität angedeutet: Jene heilige Schale, aus welcher der Christus Jesus gegessen und getrunken hat mit seinen Jüngern, die man den «Heiligen Gral» nennt und in der das Blut, das aus der Wunde floß, aufgefangen wurde durch Joseph von Arimathia, sie ist, wie erzählt wird, durch Engel nach Europa gebracht worden. Ihr wurde ein Tempel gebaut, und die Rosenkreuzer wurden die Bewahrer dessen, was da war in dem Gefäße, das heißt dessen, was das Wesen des wiedergeborenen Gottes ausmachte. Das Mysterium von dem wiedergeborenen Gotte waltete in der Menschheit: das ist das Grals-Mysterium.
[ 21 ] Das ist das Mysterium, das wie ein neues Evangelium hingestellt wird und von dem gesagt wird: Wir sehen hinauf zu einem solchen Weisen, wie dem Schreiber des Johannes-Evangeliums, der da sagen konnte: Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. Das, was im Urbeginne bei Gott war, das ist wiedergeboren worden bei dem, den wir haben leiden und sterben sehen auf Golgatha, und der auferstanden ist. - Diese Kontinuität des göttlichen Prinzips durch alle Zeiten hindurch, und die Wiedergeburt dieses göttlichen Prinzips, das wollte der Schreiber des Johannes-Evangeliums darstellen. Aber alle, die solches darstellen wollten, die wußten: Das, was von Anfang an war, ist erhalten geblieben. Im Anfange war das Mysterium vom höheren Menschen-Ich; im Gral war es aufbewahrt; mit dem Gral blieb es verbunden, und im Gral lebt das Ich, das verbunden ist mit dem Ewigen und Unsterblichen wie das niedere Ich mit dem Vergänglichen und Sterblichen. Und wer das Geheimnis des Heiligen Gral kennt, der weiß, daß aus dem Holz des Kreuzes hervorgeht das lebendig sprießende Leben, das unsterbliche Ich, das symbolisiert ist durch die Rosen am schwarzen Kreuzesholz. So ist das Geheimnis des Rosenkreuzes etwas, was wie eine Fortsetzung des JohannesEvangeliums sich ausnehmen kann. Und wir können geradezu in bezug auf das Johannes-Evangelium und das, was es fortsetzt, die folgenden Worte sagen:
[ 22 ] «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. Dieses war im Urbeginne bei Gott. Alles ist durch dasselbe geworden, und ohne durch dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden. In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.»
[ 23 ] Nur einige der Menschen, die etwas hatten von dem, was nicht aus dem Fleisch geboren ist, die begriffen das Licht, das in die Finsternis schien. Da aber ist das Licht Fleisch geworden und wohnte unter den Menschen in der Gestalt des Jesus von Nazareth.
[ 24 ] Nun könnte man ganz im Sinne des Geistes des Johannes-Evangeliums sagen: Und das, was als Christus in dem Jesus von Nazareth lebte, war das höhere göttliche Ich der ganzen Menschheit, des wiedergeborenen, in Adam als in seinem Ebenbilde irdisch gewordenen Gottes. Dieses wiedergeborene Menschen-Ich setzte sich fort als ein heiliges Geheimnis, wurde aufbewahrt unter dem Symbolum des Rosenkreuzes und wird heute verkündet als das Geheimnis des Heiligen Gral, als das Rosenkreuz.
[ 25 ] Dasjenige, was in jeder Menschenseele als das höhere Ich geboren werden kann, das weist uns hin auf die Wiedergeburt des göttlichen Ich in der Entwickelung der ganzen Menschheit durch das Ereignis von Palästina. Wie in jedem einzelnen Menschen das höhere Ich geboren wird, so wird in Palästina das höhere Ich der ganzen Menschheit, das göttliche Ich geboren, und es wird erhalten und weiter entwickelt in dem, was sich hinter dem Zeichen des Rosenkreuzes verbirgt. Aber wenn wir des Menschen Entwickelung betrachten, haben wir nicht nur dieses eine große Ereignis, die Wiedergeburt des höheren Ichs, sondern außer diesem einen großen eine Menge kleinerer. Bevor der Mensch sein höheres Ich gebären kann, bevor dieses große, umfassende, durchdringende Erlebnis für die Seele eintreten kann - die Geburt des unsterblichen Ichs im sterblichen -, müssen umfassende Vorstufen durchschritten werden. Der Mensch muß sich in der mannigfaltigsten Weise vorbereiten. Und wenn er in sich das große Erlebnis gehabt hat, durch das er sich sagt: Jetzt fühle ich etwas in mir, jetzt weiß ich etwas in mir, das hinunterschaut auf mein gewöhnliches Ich, wie mein gewöhnliches Ich auf die Sinnesdinge herunterschaut, jetzt bin ich ein Zweites in dem Ersten; jetzt bin ich hinaufgeschritten in diejenigen Reiche, wo ich mit den göttlichen Wesenheiten vereint bin, wenn der Mensch dieses Erlebnis gehabt hat, dann kommen andere, weitere Stufen, die er zu durchschreiten hat, zwar anderer Natur als die Vorstufen, die aber doch auch zu durchschreiten sind.
[ 26 ] So haben wir das eine große, einschneidende Ereignis, die Geburt des höheren Ich in jedem individuellen Menschen. Aber auch in der ganzen Menschheit haben wir eine solche Geburt: die Wiedergeburt des göttlichen Ichs. Und dann gibt es vorbereitende Stufen dazu, und Stufen, die auf dieses einschneidende Ereignis folgen müssen. Auf die vorbereitenden Stufen sehen wir zurück von dem Christus-Ereignis aus. Da sehen wir andere große Erscheinungen innerhalb der Menschheitsentwickelung, sehen, wie es nach und nach herankommt, dieses ChristusEreignis, wie etwa der Schreiber des Lukas-Evangeliums sagte: Erst war ein Gott, ein Geist-Wesen in Geisteshöhen. Es ist heruntergestiegen in die materielle Welt, und es ist Mensch geworden, Menschheit geworden. — In dem Menschen, wie er sich entwickelt, konnte man zwar sehen, daß ihm der Gott zugrunde liegt. Aber den Gott konnte man nicht sehen, wenn man nur mit äußeren physischen Augen die Menschheitsentwickelung ansah. Der Gott war sozusagen hinter der irdisch-physischen Welt, und da sahen ihn diejenigen, die da wußten, wo er ist, die hineinschauen konnten in seine Reiche.
[ 27 ] Gehen wir einmal zurück bis in die erste Kultur nach einer großen Katastrophe, bis in die uralt-indische Kultur. Da sehen wir sieben große heilige Lehrer, die man als die heiligen Rischis bezeichnet. Sie weisen hinauf auf ein höheres Wesen, von dem sie sagten: Unsere Weisheit kann dieses hohe Wesen ahnen, aber nicht kann unsere Weisheit dieses hohe Wesen schauen! Die sieben heiligen Rischis sehen viel. Jenseits ihrer Sphäre aber ist dieses hohe Wesen, das sie nannten «Vishva Karman». Und Vishva Karman ist ein Wesen, das zwar die geistige Welt erfüllte, aber jenseits dessen war, was sonst das hellseherische Menschenauge in diesen Zeiten schauen konnte. Dann kam die Kultur, die man benannt hat nach ihrem großen Führer Zarathustra, und Zarathustra saßte zu denen, die er zu führen hatte: Wenn das hellseherische Auge auf die Dinge der Welt sieht, auf die Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen, so sieht es hinter diesen Dingen allerlei geistige Wesenheiten. Aber dasjenige geistige Wesen, dem der Mensch sein eigentliches Dasein verdankt, das in des Menschen tiefstem Ich einmal leben muß, das sieht man noch nicht, wenn man die Dinge der Erde anschaut, nicht mit physischen und nicht mit hellseherischen Augen. - Wenn aber der Zarathustra seinen hellseherischen Blick zur Sonne hinauf richtete, dann - sagte er - sieht man nicht nur die Sonne, sondern, wie man bei dem Menschen eine den Menschen umgebende Aura sieht, so sieht man bei der Sonne die große Sonnen-Aura, Ahura Mazdao. — Und die große Sonnen-Aura ist es, die einmal auf eine Weise, die später charakterisiert werden soll, den Menschen hervorgebracht hat. Der Mensch ist das Abbild des Sonnengeistes, des Ahura Mazdao. Auf der Erde aber wohnte er noch nicht, der Ahura Mazdao.
[ 28 ] Und dann kommt die Zeit, in welcher der hellsichtig werdende Mensch beginnt, in dem, was ihn auf der Erde umgibt, den Ahura Mazdao zu sehen. Der große Moment ist eingetreten, wo das geschehen konnte, was in Zarathustras Zeiten noch nicht möglich war. Wenn Zarathustras hellsichtiges Auge sich öffnete und sehen konnte, was im irdischen Blitz, was im Donner sich kundgab, da war es nicht Ahura Mazdao, war es nicht der große Sonnengeist, der das Urbild der Menschheit ist. Aber wenn er sich zur Sonne wendete, da sah er Ahura Mazdao. — Als Zarathustra in Moses einen Nachfolger gefunden hatte, da öffnete sich des Moses hellseherisches Auge, und er konnte dann sehen im brennenden Dornbusch und im Feuer auf Sinai denjenigen Geist, der sich ihm ankündigte als «Ehjeh ascher ehjeh», als der «Ich bin, der da war, der da ist, der da sein wird», der Jahve oder Jehova. Was war da geschehen?
[ 29 ] Seit jener Vorzeit, seit der Erscheinung des Zarathustra, vor der Erscheinung des Moses auf der Erde, war der Geist, der früher nur auf der Sonne war, heruntergewandert zur Erde. Er leuchtete in dem brennenden Dornbusch, leuchtete in dem Feuer von Sinai auf. Er war in den Elementen der Erde. Und noch eine Zeit, und der Geist, den die großen Rischis erahnten, von dem sie aber sagen mußten: Unsere Hellsichtigkeit kann ihn noch nicht sehen, — der Geist, den der Zarathustra auf der Sonne suchen mußte, der im Blitz und Donner dem Moses sich kundgab, war in einem Menschen erschienen, in dem Jesus von Nazareth. Das war die Entwickelung: aus dem Weltenall heruntergestiegen zunächst bis zu den physischen Elementen, dann bis in einen menschlichen Leib hinein; da erst war das göttliche Ich, von dem der Mensch stammte und auf das der Schreiber des Lukas-Evangeliums den Stammbaum des Jesus von Nazareth zurückführt, wiedergeboren. Da war das große Ereignis der Wiedergeburt des Gottes im Menschen eingetreten.
[ 30 ] Da sehen wir zurück auf die Vorstufen. Vorstufen also hat auch die Menschheit durchgemacht. Und diejenigen, die mit der Menschheit fortgeschritten waren als ihre früheren Führer, auch sie mußten diese Vorstufen durchmachen, bis einer von ihnen so weit gekommen war, daß er der Träger des Christus werden konnte. So sehen wir, wie sich vor einer geistigen Betrachtung die Entwickelung der Menschheit darstellt.
[ 31 ] Und noch etwas anderes ist wichtig. Was die heiligen Rischis als Vishva Karman verehrten, was Zarathustra als den Ahura Mazdao der Sonne ansprach, was Moses als «ehjeh ascher ehjeh» verehrte, das mußte in einem einzelnen Menschen, in dem Jesus von Nazareth, in begrenzter irdischer Menschlichkeit erscheinen. So weit mußte es kommen. Aber daß in einem solchen Menschen, wie es der Jesus von Nazareth war, diese hohe Wesenheit wohnen konnte, dazu war Mannigfaltiges notwendig. Dazu mußte der Jesus von Nazareth selbst schon auf einer hohen Stufe stehen. Nicht ein jeder Mensch konnte der Träger eines solchen Wesens werden, das in die Welt kommt in der geschilderten Weise.
[ 32 ] Nun wissen wir, die wir an die Geisteswissenschaft herangetreten sind, daß es eine Wiederverkörperung gibt. Daher müssen wir uns sagen, daß der Jesus von Nazareth — nicht der Christus - viele Verkörperungen hinter sich hatte, und daß er über mannigfaltigste Stufen in den früheren Verkörperungen hinweggeschritten war, bevor er Jesus von Nazareth werden konnte. Das heißt nichts anderes als: Jesus von Nazareth selber mußte ein hoher Eingeweihter werden, bevor er der Christus-Träger werden konnte. Wenn nun ein hoher Eingeweihter geboren wird, wie unterscheidet sich da eine solche Geburt und das nachherige Leben von der Geburt und dem nachherigen Leben eines gewöhnlichen Menschen? Im allgemeinen kann man annehmen, daß der Mensch, wenn er geboren wird, wenn auch nur annähernd, nach dem gestaltet ist, was von einer früheren Verkörperung kommt. So ist es aber nicht bei einem Eingeweihten. Der Eingeweihte könnte kein Führer der Menschheit sein, wenn er nur das in seinem Innern hätte, was ganz dem Äußeren entspricht. Denn sein Äußeres muß der Mensch aufbauen nach den Verhältnissen der äußeren Umgebung. Wenn ein Eingeweihter geboren wird, muß in seinen Körper hinein eine hohe Seele kommen, die schon in früheren Zeiten Gewaltiges in der Welt erlebt hat. Daher ist bei allen solchen die Sage, daß ihre Geburt in anderer Weise erfolgte als bei anderen Menschen. Warum und wie?
[ 33 ] Die Frage «Warum?» haben wir eben schon berührt: weil ein umfassendes Ich, das früher schon Bedeutsamstes durchgemacht hat, sich mit dem Leib verbindet. Aber der Leib kann anfangs nicht das aufnehmen, was sich als die geistige Natur in diesen Leib verkörpern will. Daher ist es bei einer Wesenheit, die als ein hoher Eingeweihter in einen vergänglichen Menschen hinein verkörpert wird, notwendig, daß mehr als bei einem-anderen Menschen das sich wiederverkörpernde Ich von vornherein die physische Gestalt umschwebt. Während bei einem gewöhnlichen Menschen die physische Gestalt bald nach der Geburt ähnlich ist und angepaßt ist der geistigen Gestalt oder der menschlichen Aura, ist die menschliche Aura eines Eingeweihten, der wiedergeboren wird, leuchtend. Es ist der geistige Teil, der ankündigt, daß hier mehr vorhanden ist, als man im gewöhnlichen Sinne sehen kann. Was kündigt dieses Geistige an? Es kündigt an, daß nicht nur in der physischen Welt ein Kind geboren ist, sondern daß in der geistigen Welt etwas vorgegangen ist! Das wollen die Erzählungen sagen, die an alle wiedergeborenen Eingeweihten sich anschließen: Nicht nur ein Kind wird geboren; sondern in dem Geistigen wird etwas geboren, was nicht umfaßt werden kann durch das, was da unten geboren wird. — Wer erkennt aber das? Nurderjenige erkennt es,der selber ein hellsichtiges Auge für die geistige Welt hat. Daher wird erzählt, daß bei der Geburt des Buddha ein Eingeweihter erkannte, daß hier ein anderes Ereignis vorging als sonst bei der Geburt eines Menschen. Daher wird von dem Jesus von Nazareth erzählt, daß ihn erst einmal der Täufer vorherzuverkündigen hatte.
[ 34 ] Wer einen Einblick in die geistigen Welten hat, der weiß, daß der Eingeweihte kommen muß und wiedergeboren wird, und er weiß, daß das ein Ereignis in der geistigen Welt ist. Das wußten aber auch die drei Könige aus dem Morgenlande, die da gekommen sind, um zu opfern bei der Geburt des Jesus von Nazareth. Und dasselbe wird auch dargestellt durch den eingeweihten Priester im Tempel, der da sagt: Jetzt mag ich gerne sterben, nachdem meine Augen denjenigen gesehen haben, der das Heil der Menschheit sein wird!
[ 35 ] So sehen wir, daß wir hier genau zu unterscheiden haben: Wir haben einen hohen Eingeweihten, der wiedergeboren wird als Jesus von Nazareth, von dessen Geburt gesagt werden muß: Es wird ein Kind geboren. Aber mit diesem Kinde erscheint etwas, was nicht umfaßt werden wird durch den physischen Leib des Kindes. — Und dann haben wir mit diesem Jesus von Nazareth zugleich etwas gegeben, was in der geistigen Welt eine Bedeutung hat, was erst nach und nach diesen Leib hinauf entwickeln wird bis zu einem Punkt, wo dieser Leib reif sein wird für diesen Geist. Als aber dieser Leib reif war für diesen Geist, da ist auch das Ereignis geschehen, wo der Täufer herantritt an den Jesus von Nazareth, und wo ein höherer Geist sich heruntersenkt, mit dem Jesus von Nazareth sich verbindet, wo der Christus in den Jesus von Nazareth einzieht. Da aber kann derjenige, der als der Täufer der Vorläufer des Christus Jesus war, sagen: Ich trat in die Welt. Ich war derjenige, der einem Höheren den Weg bereitet hat. Ich habe mit meinem äußeren Munde verkündet, daß das Gottesreich, das Reich der Himmel nahe ist, daß die Menschen den Sinn ändern sollen. Ich bin unter die Menschen getreten und habe davon sprechen können, daß ein besonderer Impuls in die Menschheit kommen wird. Wie die Sonne im Frühling weiter heraufgeht, um zu verkündigen, daß etwas Neues aufsprießt, so bin ich erschienen, um zu verkündigen dasjenige, was da aufsprießt in der Menschheit als das wiedergeborene Menschheits-Ich!
[ 36 ] Da aber, als das Menschliche in dem Jesus von Nazareth am höchsten gestiegen war, so daß der menschliche Leib des Jesus von Nazareth ein Ausdruck des Geistes des Jesus von Nazareth war, da wurde er auch reif, in der Johannes-Taufe den Christus in sich aufzunehmen. Der Leib des Jesus von Nazareth war entfaltet wie die helle Sonne am Johannistage im Juni. Das war vorherverkündet worden. Dann sollte der Geist aus dem Dunkel heraus geboren werden wie die Sonne, die bis zum Johannistage immer mehr und mehr an Kraft gewinnt, immer wächst und wächst und dann beginnt abzunehmen. So war das, was der Täufer zu verkündigen hatte. Er hatte zu verkündigen, wie die Sonne heraufzieht in immer höherem Glanz bis zu dem Punkte, wo er sagen konnte: Derjenige, den die alten Propheten verheißen haben, der aus den geistigen Reichen heraus der Sohn der geistigen Reiche genannt worden ist, er ist erschienen! — Bis zu dem Punkte hat Johannes der Täufer gewirkt. Dann aber, wenn die Tage wieder kürzer werden, wenn das Dunkel wieder überhandnimmt, dann soll durch die Vorbereitungen das innere Geisteslicht leuchten, soll immer heller und heller werden, wie der Christus in dem Jesus von Nazareth aufleuchtet.
[ 37 ] So sah der Johannes den Jesus von Nazareth herankommen. Und er empfand das Heranwachsen des Jesus von Nazareth als sein eigenes Abnehmen, und wie das Zunehmen der Sonne. Ich werde von jetzt an abnehmen, sagt er, wie die Sonne vom Johannistage an abnimmt. Er aber wird zunehmen, er, die geistige Sonne, und aus der Verfinsterung heraus leuchten! — So hat er sich angekündigt. So hat begonnen die Wiedergeburt des Menschheits-Ich, von der die Wiedergeburt eines jeden individuellen höheren menschlichen Ich in der Menschheit abhängt.
[ 38 ] Damit ist das wichtigste Ereignis in der Entwickelung des einzelnen Menschen charakterisiert: die Wiedergeburt dessen, was als Unsterbliches aus dem gewöhnlichen Ich hervorgehen kann. Sie ist geknüpft an das größte Ereignis, an das Christus-Ereignis, dem nun die folgenden Stunden gewidmet sein sollen.
