Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

Support the Archive

Das Johannes-Evangelium
im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien
besonders zu dem Lukas-EvangeliumGA 112

6 Juli 1909, Kassel

Dreizehnter Vortrag

[ 1 ] Gestern haben wir vor unsere Seele hingestellt die Bedeutung des Mysteriums von Golgatha für die menschliche Entwickelung auf unserer Erde. Nun aber hängt in der Welt jedes Ereignis durch schier unendliche Beziehungen im Grunde genommen mit der Entwickelung des ganzen Kosmos zusammen. Und wir werden das Mysterium von Golgatha seiner Wesenheit nach vollständig nur verstehen können, wenn wir uns auch über die kosmische Bedeutung dieses Ereignisses auf klären.

[ 2 ] Wir wissen ja bereits, daß die Wesenheit, die wir als die Christus-Wesenheit bezeichnen, aus überirdischen Regionen heruntergestiegen ist auf unsere Erde, daß sie sozusagen in ihrem Herankommen gesehen wurde im alten Persien durch die Hellsehergabe des Zarathustra auf der Sonne, dann durch Moses im brennenden Dornbusch und in dem Feuer auf Sinai, und endlich für diejenigen, die das Christus-Ereignis erlebt haben, in der Anwesenheit des Christus indemLeibe des Jesus von Nazareth.

[ 3 ] Wir wissen, daß unsere Erdenereignisse, vor allen Dingen die Menschheitsentwickelung, mit unserem Sonnensystem zusammenhängen. Denn wir haben ja gezeigt, daß diese Menschheitsentwickelung, so wie sie geworden ist, überhaupt sich nicht hätte vollziehen können, wenn nicht einst aus einem Weltenkörper, in welchem unsere Sonne und unser heutiger Mond noch mit der Erde vereinigt waren, zunächst die Sonne und dann später der Mond herausgetreten wären und unsere Erde dadurch wie in eine Gleichgewichtslage zwischen Sonne und Mond hineingestellt worden wäre. Weil der Mensch nicht hat mitmachen können das rasche Tempo der Entwickelung jener Wesen, die sich auf der Sonne einen Schauplatz suchten, so mußte eben die Erde von der Sonne getrennt werden. Und weil dann, wenn die Erde mit dem Monde zusammengeblieben wäre, die Menschheit einer raschen Verhärtung, einer Verknöcherung anheimgefallen wäre, mußte der Mond mit seinen Substanzen und Wesenheiten herausgetrennt werden. Dadurch wurde die Menschheitsentwickelung in der richtigen Weise ermöglicht. Aber wir haben gestern gesehen, daß ein gewisser Rest von Tendenz zur Verhärtung immerhin geblieben ist und daß dieser Rest ausreichen würde, die Menschheit am Ennde unserer Erdentwickelung einer Art von Verwesungszustand entgegenzuführen, wenn nicht der Christus-Impuls gekommen wäre. Das wird uns ermöglichen, ein wenig hineinzuschauen in unsere ganze Entwickelung.

[ 4 ] Einmal waren also Sonne, Mond und Erde ein Weltenkörper. Dann kam die Zeit, in welcher sich die Sonne abtrennte; da waren nur Erde und Mond noch vereint. Dann trennte sich der heutige Mond ab, und die Erde blieb zurück als der Schauplatz der Menschheitsentwickelung. Das war in der alten lemurischen Zeit, welche der sogenannten atlantischen Zeit, die wir jetzt schon von verschiedenen Gesichtspunkten her besprochen haben, vorangegangen ist. Dann entwickelte sich die Erde so, daß die Kräfte von Sonne und Mond von außen wirkten, von der atlantischen Zeit bis in unsere Zeit herauf.

[ 5 ] Betrachten wir nun einmal den weiteren Fortgang der Erdenentwickelung bis zu der Zeit, in welcher der Christus-Impuls kam. Und zwar wollen wir da einen ganz bestimmten Zeitpunkt unserer Erdenentwickelung ins Auge fassen, den Zeitpunkt, in welchem auf Golgatha das Kreuz erhöht wurde, wo aus den Wunden des Christus Jesus das Blut herausfloß. Diesen Zeitpunkt unserer Erdenentwickelung fassen wir ins Auge.

[ 6 ] Bis zu diesem Zeitpunkt hin ist mit der Menschheit dasjenige geschehen, was die Folge davon ist, daß in das Innere der menschlichen Wesenheit eingezogen sind die vereinigten Mächte der luziferischen und ahrimanischen Wesenheiten. Und wir haben gesehen, daß durch dieses Einziehen sich der Mensch hineinlebte in bezug auf die äußere Welt in Maja oder Illusion: Ahriman bewirkte, daß die äußere Welt dem Menschen nicht in ihrer wahren Gestalt erschien, sondern so, als ob sie nur eine materielle, eine stoffliche Welt wäre, als ob nicht hinter allem Stofflichen das Geistige wäre. Es befand sich also der Mensch lange Zeit — und für viele Glieder der Erdenentwickelung befindet er sich noch heute darin — in einem Zustand, der durch Irrtum bewirkt worden ist, weil der Mensch nur die sinnlichen, materiellen Eindrücke um sich sieht und sie durch seine Vorstellungen verarbeitet. Durch diesen Einfluß des Ahriman oder Mephistopheles sieht der Mensch also die äußere Welt in einem falschen Bilde, und er macht sich illusorische und unwahre Vorstellungen über die geistige Welt. Aber alles Geistige steht im Zusammenhang mit physischen Wirkungen, und wir haben gesehen, welche physischen Wirkungen einhergingen mit diesem Trugbild der äußeren Anschauung. Wir haben gesehen, daß eben eine Folge des luziferischen und des ahrimanischen Einflusses die war, daß des Menschen Blut immer weniger und weniger geeignet wurde, ihm die Fähigkeit zu geben, in der äußeren Welt das Richtige zu sehen, so daß mit der Verschlechterung des Blutes, mit dem Auflösen des Blutes, wie es war in den Zeiten alter Blutsverwandtschaft, mit diesem Zerstieben, mit diesem Abtöten des Blutes durch die Blutmischung verbunden war ein Immer-größer-Werden der Illusion. Denn der Mensch konnte nicht mehr die alte Weisheit fragen, die er früher noch als ein Erbstück hatte und die ihm sagte: Es ist nicht so, daß die Außenwelt bloß Stoff ist; denn wenn du dich an deine alten Weisheitserbstücke hältst, so sagen dir diese, daß hinter der physischen Welt eine geistige Welt steht. — Aber diese Erbstücke verloren sich immer mehr und mehr. Und so war der Mensch immer mehr mit seinem ganzen Seelenleben und seiner Erkenntnis auf die äußere physische Welt angewiesen. Das also verwandelte ihm alle physischen Eindrücke in Illusion, in Täuschung. Wäre nun nicht der Christus-Einfluß eingetreten, so würde der Mensch endlich so weit gekommen sein, daß er alle alten Erbstücke der Weisheit hätte verlieren müssen, daß er nach und nach ganz angewiesen wäre bloß auf die äußere Welt der Sinne und ihre Eindrücke. Er hätte vergessen, daß es eine geistige Welt gibt. Das hätte eintreten müssen. Blind hätte der Mensch werden müssen für die geistige Welt.

[ 7 ] Nun müssen wir eine solche Wahrheit, daß der Mensch immer mehr und mehr verfallen würde in Täuschung und Irrtum über die äußere Welt, in ihrem vollen Ernste betrachten. Es ist nicht so einfach, diese Wahrheit, die eben jetzt vor Sie hingestellt worden ist - das Verfallen des Menschen in Irrtum über die äußeren Eindrücke der Sinnenwelt -, in vollem Ernste und in voller Breite zu nehmen. Versuchen Sie einmal zu begreifen, was das heißt: Wir sollen alle äußeren Eindrücke der Sinne, wie sie sich uns darbieten in der physisch-sinnlichen Welt, erkennen als Illusion, als Täuschung. Wir sollen uns sagen lernen: Wie die Tatsachen und Eindrücke in der Sinnenwelt sind und auf uns Eindruck machen, so sind sie falsch, und wir müssen lernen, hinter den äußeren Eindrücken ihre wahre Gestalt zu sehen.

[ 8 ] Ich werde Ihnen ein Ereignis nennen, auf das es in der Regel schwer wird für den Menschen, die Wahrheit anzuwenden, so daß er sich sagt: Die Gestalt, die sich mir darbietet in der äußeren Welt über dieses Ereignis, ist unwahr, ist eine Illusion, ist Maja. — Und wissen Sie, was das Für ein Ereignis ist? Dieses Ereignis ist der Tod. Indem der Tod uns in der äußeren, physischen Welt entgegentritt, indem er zu unserer Erkenntnis spricht, die nach und nach unter den Einflüssen, die wir geschildert haben, zu einer solchen geworden ist, die nur äußere physische Ereignisse begreifen kann, trägt der Tod ein Gewisses von Eigenschaften an sich, ist er so geworden, daß ihn die Menschen nur noch unter dem Gesichtsblick der äußeren physischen Welt betrachten können. Gerade über den Tod mußte die Menschheit in die irrtümlichsten, verhängnisvollsten Anschauungen verfallen. Also die Konsequenz müssen wir ziehen, daß die Gestalt, in der sich uns der Tod darstellt, nur Maja, Illusion, eine Täuschung ist.

[ 9 ] Vor unseren Augen in der äußeren physischen Welt stehen die mannigfaltigsten Ereignisse. Da stehen vor unserem Auge die Sterne, die den Weltenraum durchsetzen ; da sind die Berge, die Pflanzen, die Tiere; da ist die ganze Welt unserer Mineralien; da steht auch der Mensch und alles übrige mit den Tatsachen, die wir durch unsere Beobachtung mit den Sinnen gewinnen können. Und wenn wir uns fragen: Woher sind denn diese Tatsachen? Woher kommt denn diese äußere physisch-sinnliche Welt, die sich uns als eine materielle Welt darstellt? dann müssen wir antworten: Sie kommt aus dem Geistigen. Geistiges liegt unserer physisch-sinnlichen Welt zugrunde. - Und wenn wir auf die ursprünglichste Gestalt des Geistes zurückgehen würden, aus dem alles SinnlichPhysische hervorgeht, so würden wir es nennen müssen die Grundlage alles Seins, in der christlichen Esoterik dasjenige, was man in der Gottheit das Vater-Prinzip nennt. Es liegt zugrunde alledem, was Geschöpf ist, das göttliche Vater-Prinzip. Was also ist dem Menschen eigentlich verhüllt worden, indem sich für ihn alles eingetaucht hat in Maja oder Illusion? Das göttliche Vater-Prinzip! Statt der Trugbilder der Sinne müßte er in allem, was um ihn herum ist, das göttliche Vater-Prinzip sehen. Das göttlich-geistige Vater-Prinzip, dem alle Dinge und er selber angehören, das müßte der Mensch sehen allüberall. Das göttlich-geistige Vater-Prinzip, dem alle Dinge und er selber angehören, zeigt sich also nicht in seiner wahren Gestalt. Dadurch, daß der Mensch erlitten hat diejenigen Verminderungen seiner Fähigkeiten, von denen wir gesprochen haben, dadurch zeigt sich dieses Vater-Prinzip durch die große Täuschung, durch die Maja hindurch.

[ 10 ] Was ist eingewoben in die große Täuschung? Unter all den Tatsachen, die wir sehen, stellt sich uns eine dar, die grundwesentlich ist, und das ist der Tod. Sagen müßte sich der Mensch daher: Die äußeren Dinge, die sich unseren Sinnen darbieten, sind in Wahrheit das VaterPrinzip; das göttlich-geistige Vater-Element, das drücken sie aus. Und wenn uns einverwoben ist in die ganze Sinnenwelt der Tod, so ist der Tod für uns etwas, was zum göttlich-geistigen Vater-Prinzip gehört. Dadurch, daß der Mensch sich so entwickelt hat, wie er sich entwickelt hat, dadurch ist für ihn das göttliche Vater-Prinzip eingehüllt in mancherlei Hüllen - und zuletzt in die Hülle des Todes. Was muß der Mensch deshalb hinter dem Tode suchen, wie hinter allem Sinnlichen? Den Vater, den kosmischen Vater! So wie der Mensch lernen muß von einem jeglichen Ding zu sagen: «Es ist der Vater in Wahrheit», so muß er lernen, sich zu sagen: «Der Tod ist der Vater.» Und warum erscheint uns im Sinnlich-Physischen ein falsches Bild des Vaters? Warum erscheint uns das Bild des Vaters so verzerrt, daß es bis zu dem entstellt erscheint, was sich uns als der trügerische Tod darstellt? Weil all unserem Leben beigemischt ist das Luzifer-Ahriman-Prinzip! Wenn also der Mensch nun geführt werden sollte von einer falschen, von einer trügerischen, majahaften Anschauung über den Tod zu einer richtigen Anschauung über den Tod, was müßte da geschehen?

[ 11 ] Der Mensch müßte durch die Tatsachen aufgeklärt werden über den Tod! Es müßte etwas geschehen, durch das der Mensch lernen könnte, daß es unwahr ist, was er über den Tod gewußt hat, was er über den Tod empfunden hat, was er alles unter dem Impuls seiner Vorstellung über den Tod hat tun können. Es mußte ein Ereignis auftreten, das ihm die wahre Gestalt des Todes vor Augen stellte. Die falsche Gestalt des Todes mußte ausgelöscht werden, eine wahre Gestalt des Todes mußte hingestellt werden.

[ 12 ] Das war die Mission des Christus auf Erden, daß er an die Stelle der falschen Gestalt des Todes durch seine Tat die wahre Gestalt des Todes hinstellte.

[ 13 ] Der Tod ist zu diesem Zerrbild des Vaters geworden dadurch, daß Luzifer-Ahriman sich eingemischt hat in die Menschheitsentwickelung. Der Tod war die Folge, die Wirkung des Einflusses von Luzifer-Ahriman. Was mußte also derjenige tun, der diese falsche Gestalt des Todes aus der Welt schaffen wollte?

[ 14 ] Nimmermehr hätte die falsche Gestalt des Todes aus dem Menschenleben fortkommen können, wenn nicht die Ursache - Luzifer- Ahriman beseitigt worden wäre. Aber das hätte kein Erdenwesen vollbringen können. Ein Erdenwesen kann innerhalb der Erdenentwickelung wohl auslöschen die Dinge, die durch Erdenwesen selbst geschehen sind, nicht aber den luziferisch-ahrimanischen Einfluß. Den konnte nur ein Wesen herausbringen, das selber noch nicht auf der Erde war, als Luzifer-Ahriman wirkte, das noch im Weltenraum draußen war, das in einer Zeit auf die Erde kam, wo Luzifer-Ahriman schon ganz in den Menschenleib hineingegangen war.

[ 15 ] Nun kam dieses Wesen auf die Erde und beseitigte gerade im richtigen Moment, wie wir gesehen haben, Luzifer-Ahriman, schuf hinweg die Ursache dessen, was den Tod gebracht hat in die Welt. Also mußte das ein Wesen sein, welches mit allen sonstigen Todesursachen innerhalb der Menschheit nichts zu tun hatte. Mit alledem, wodurch die Menschen den Tod erlitten haben, das ist mit alledem, was durch Luzifer, später dutch Ahriman bewirkt worden ist, was die einzelnen Menschen dadurch auf der Erde vollbracht haben, daß es einen LuziferAhriman-Einfluß gab, mit anderen Worten: mit all dem, wodurch die Menschen schuldig geworden sind, in das Böse verfallen sind, mit all dem durfte diese Wesenheit nichts zu tun haben. Denn hätte ein Wesen den Tod erlitten, welches unter dem Einfluß aller dieser Ursachen gestanden hätte, dann wäre dieser Tod begründet gewesen. Ein solcher Tod, der unbegründet war, der ohne Schuld von einem Wesen auf sich genommen wurde, ein ganz und gar unschuldiger Tod konnte allein auslöschen allen schuldigen Tod.

[ 16 ] Demnach mußte ein Unschuldiger den Tod erleiden, sich mit dem Tode vermählen, mußte den Tod über sich ergehen lassen. Und indem er den Tod über sich ergehen ließ, brachte er hinein in dieses Menschenleben diejenigen Kräfte, welche nach und nach für den Menschen die Erkenntnis der wahren Gestalt des Todes schaffen, das heißt, die Erkenntnis, daß der Tod, wie er in der Sinneswelt auftritt, keine Wahrheit hat, daß im Gegenteil dieser Tod eintreten mußte zum Behufe des Lebens in der geistigen Welt, daß mit diesem Tode gerade die Grundlage geschaffen ist für das Leben im Geistigen.

[ 17 ] So war durch den unschuldigen Tod auf Golgatha der Beweis geliefert, den die Menschen nach und nach verstehen werden: daß der Tod der immer lebendige Vater ist! Und haben wir erst die richtige Anschauung über den Tod, haben wir erst durch das Ereignis von Golgatha kennengelernt, daß das äußere Sterben nichts bedeutet, daß in dem Leibe des Jesus von Nazareth der Christus gelebt hat, mit dem wir uns vereinigen können, haben wir erst erkannt, daß dieser Christus bewirkt hat, daß, obwohl das Bild des Todes am Kreuz sich darbietet, dies nur ein äußeres Ereignis ist, und daß das Leben des Christus im Ätherleibe vor dem Tode dasselbe ist wie nach diesem Tode, daß dieser Tod also dem Leben nichts anhaben kann, - haben wir begriffen, daß wir hier einen Tod vor uns haben, der das Leben nicht auslöscht, der selbst Leben ist, dann haben wir durch das, was am Kreuze hing, ein für allemal das Wahrzeichen, daß der Tod in Wahrheit der Leben-Spender ist. Ebenso wie die Pflanze aus dem Samen hervorwächst, ist auch der Tod kein Vernichter, sondern ein Same des Lebens. Er ist hineingesät worden in unsere physisch-sinnliche Welt, damit diese physisch-sinnliche Welt nicht herausfällt aus dem Leben, sondern heraufgenommen werden kann in das Leben. Die Widerlegung des Todes mußte am Kreuze geliefert werden durch den widerspruchsvollen Tod, durch den Tod, der ein unschuldiger gewesen ist. Was aber wurde damit eigentlich getan?

[ 18 ] Wir wissen aus den vorhergehenden Vorträgen, daß der Mensch ein Ich als das vierte Glied seiner Wesenheit hat, und daß, indem dieses Ich sich entwickelt, es zu seinem äußeren physischen Instrument das Blut hat. Das Blut ist der Ausdruck des Ich. Deshalb verfiel das Ich in Irrtum, immer mehr und mehr in Maja oder Illusion, als das Blut immer schlechter und schlechter wurde. Deshalb verdankt der Mensch auch die Erhöhung der Kraft seines Ich dem Umstande, daß er sein Blut hat. Wiederum aber verdankt er dieses Ich in geistiger Beziehung dem Umstande, daß er sich unterscheiden lernte von der geistigen Welt, daß er eine Individualität wurde. Das konnte ihm nicht unter anderen Verhältnissen gegeben werden als dadurch, daß ihm der Ausblick zur geistigen Welt zunächst durchschnitten wurde. Und was ihm diesen Ausblick durchschnitten hat, das war eben der Tod. Hätte der Mensch immer gewußt, daß der Tod der Same des Lebens ist, er wäre auch nicht zu einer selbständigen Ichheit gekommen, denn er wäre geblieben im Zusammenhang mit der geistigen Welt. So aber trat der Tod ein, gab ihm die Illusion, daß er getrennt sei von der geistigen Welt, und erzog so den Menschen zur selbständigen Ichheit.

[ 19 ] Aber diese Ichheit wurde immer selbständiger und selbständiger, und zwar so, daß sie ihre Selbständigkeit übertrieb, überspannte über einen gewissen Punkt hinaus. Das konnte auf der anderen Seite nur ausgeglichen werden dadurch, daß dieser Ichheit jene Kraft entzogen wurde, welche sie über diesen Punkt hinausgetrieben hatte. Was also in dem Ich zu stark in den Egoismus hineingeführt hatte, was an dem Ich nicht die bloße Egoität, die Ichheit, sondern den Egoismus gefördert hatte, das mußte herausgetrieben werden. Das wurde aber herausgetrieben — so daß es im Verlaufe der Zukunft immer mehr und mehr auch aus den einzelnen Ichen herausgetrieben werden kann - damals, als der Tod am Kreuz auf Golgatha eintrat und das Blut aus den Wunden floß.

[ 20 ] In dem fließenden Blute aus den Wunden des Christus sehen wir daher das tatsächliche Symbolum für den überschüssigen Egoismus im menschlichen Ich. So wie das Blut der Ausdruck ist für das Ich, so ist das Blut, das auf Golgatha floß, der Ausdruck für das Überschüssige im menschlichen Ich. Wäre das Blut nicht geflossen auf Golgatha, so wäre der Mensch im Egoismus geistig verhärtet und damit dem Schicksal entgegengegangen, das wir gestern beschrieben haben. Mit dem auf Golgatha fließenden Blute ist der Anstoß dazu gegeben, daß dasjenige, was das Ich zum Egoisten macht, allmählich aus der Menschheit schwinden kann.

[ 21 ] Aber ein jegliches physisches Ereignis hat zu seinem Gegenbilde ein geistiges Ereignis. In demselben Maße, als das Blut aus den Wunden auf Golgatha floß, geschah etwas Geistiges. Es geschah in diesem Moment, daß zum ersten Male Strahlen von der Erde nach dem Weltenraum hinausgingen, die früher nicht hinausgegangen waren, so daß wir, in diesem Zeitpunkt geschaffen, von der Erde Strahlen nach dem Weltenraum uns denken. Immer finsterer und finsterer war die Erde geworden mit dem Fortgange der Zeit bis zu dem Ereignis von Golgatha. Jetzt fließt das Blut auf Golgatha, und zu leuchten beginnt die Erde!

[ 22 ] Hätte in der vorchristlichen Zeit irgendein Wesen - zunächst mit hellseherischer Kraft — von einem fernen Weltenkörper auf die Erde herunterblicken können, dann hätte es gesehen, wie die Erdenaura nach und nach verglomm und am dunkelsten wurde in der Zeit, die dem Ereignis von Golgatha voranging. Dann aber hätte es gesehen, wie die Erdenaura aufleuchtete in neuen Farben. Die Tat auf Golgatha hat die Erde mit einem astralischen Licht durchdrungen, das nach und nach zum ätherischen und dann zum physischen Licht werden wird. Denn ein jegliches Wesen in der Welt entwickelt sich weiter. Was heute Sonne ist, das war zuerst Planet. Und wie sich der alte Saturn zur Sonne entwickelt hat, so entwickeltsich unsere Erde, die jetzt Planetist, zur Sonne heran. Der erste Anstoß zum Sonnewerden unserer Erde ist damals gegeben worden, als das Blut aus den Wunden des Erlösers auf Golgatha floß. Da fing die Erde zu leuchten an, zunächst astralisch, also nur für den Hellseher sichtbar. Aber in der Zukunft wird das astralische Licht zum physischen Licht werden, und die Erde wird ein leuchtender Körper, ein Sonnen-Körper werden.

[ 23 ] Ich habe Ihnen schon öfter gesagt: Nicht dadurch, daß sich physische Materie zusammenballt, entsteht ein Weltenkörper, sondern dadurch, daß von einem geistigen Wesen aus ein neuer geistiger Mittelpunkt, ein neuer Schauplatz geschaffen wird. Vom Geistigen aus beginnt die Bildung eines Weltenkörpers. Jeder physische Weltenkörper ist zuerst Geist gewesen. Das, was unsere Erde einmal werden wird, ist zunächst das Aurisch-Astralische, das hier anfing auszustrahlen von der Erde. Das ist die erste Anlage zur künftigen Sonnen-Erde. Das aber, was damals ein Mensch mit seinen trügerischen Sinnen gesehen hätte, das ist ein Trugbild. Das ist gar keine Wahrheit; das löst sich auf, das hört auf zu sein. Je mehr die Erde Sonne wird, desto mehr verbrennt diese Maja im Sonnenfeuer, geht auf darinnen.

[ 24 ] Dadurch aber, daß damals die Erde durchstrahlt worden ist von einer neuen Kraft, daß die Grundlage gelegt worden ist zum Sonnewerden der Erde, dadurch war die Möglichkeit gegeben, daß diese Kraft auch die Menschen durchstrahlt. Es wurde der erste Anstoß zu dem gegeben, was ich gestern dargestellt habe: zum Ausstrahlen der ChristusKraft in den ätherischen Menschenleib. Und durch das, was da astralisch in ihn einstrahlen konnte, dadurch konnte dieser ätherische Menschenleib neue Lebenskraft aufzunehmen beginnen, wie er sie braucht für die spätere Zukunft.

[ 25 ] Wenn Sie sich also eine gewisse Zeit nach dem Ereignis von Golgatha vorstellen und sie vergleichen mit jener Zeit, da das Ereignis von Golgatha geschah, wenn Sie also einen zukünftigen Zustand der Menschheit vergleichen mit dem Zeitpunkt, als das Ereignis von Golgatha sich vollzog, dann können Sie sich sagen: Damals, als der Christus-Einschlag kam, war die Erde noch so, daß sie von sich selber aus nichts mehr einstrahlen konnte in die Ätherleiber der Menschen. Eine Zeitlang danach aber sind die Ätherleiber derjenigen Menschen, die eine Beziehung zu dem Christus-Impuls gefunden haben, durchstrahlt worden, sie haben aufgenommen in sich, wenn sie den Christus verstanden haben, die strahlende Gewalt, die seither in der Erde ist, die neue Leuchtkraft der Erde. Sie haben aufgenommen in den Ätherleibern das Christus-Licht! In die Ätherleiber der Menschen fließt das Christus-Licht ein.

[ 26 ] Und jetzt, da seit jener Zeit in den Ätherleibern der Menschen immer ein Teil ist des Christus-Lichtes, was geschieht jetzt? Was geschieht mit demjenigen Teil im Ätherleib des Menschen, der das Christus-Licht in sich aufgenommen hat? Was geschieht mit ihm nach dem Tode? Was ist es überhaupt, was da als Folge des Christus-Impulses in den Ätherleib des Menschen sich nach und nach einlebt?

[ 27 ] Das ist etwas, was der Christus-Impuls gebracht hat, was der Christus-Impuls in den Ätherleib des Menschen hineingesenkt hat, was seitdem da sein kann in dem Ätherleib des Menschen und was vorher nicht da war. Seit jener Zeit ist in den Ätherleibern der Menschen die Möglichkeit gegeben, daß in ihnen gleichsam als eine Wirkung des Christus-Lichtes etwas Neues auftritt, etwas auftritt, was Leben atmet, was unsterblich ist, was niemals dem Tode verfallen kann. Wenn es aber nicht dem Tode verfällt, so wird es, solange der Mensch auf der Erde noch dem Trugbild des Todes verfällt, gerettet sein vom Tode, wird es den Tod nicht mitmachen. Es gibt also seit jener Zeit etwas im Ätherleibe des Menschen, was den Tod nicht mitmacht, was nicht verfälltden Sterbekräften der Erde. Und dieses Etwas, das den Tod nicht mitmacht, was die Menschen sich nach und nach erobern durch den Einfluß des Christus-Impulses, das strömt nun zurück, das strömt hinaus in den Weltenraum, das bildet, je nachdem es stärker oder schwächer ist im Menschen, eine Kraft, die da hinausfließt in den Weltenraum. Und es wird diese Kraft eine Sphäre um die Erde herum bilden, die im SonneWerden ist. Eine Art von Geistes-Sphäre bildet sich um die Erde herum aus den lebendig gewordenen Ätherleibern. Ebenso wie das ChristusLicht von der Erde ausstrahlt, ebenso haben wir eine Art von Widerspiegelung des Christus-Lichtes im Umkreise der Erde. Was hier widergespiegelt wird als Christus-Licht, und was als Folge des Christus-Ereignisses eingetreten ist, ist das, was Christus den Heiligen Geist nennt. Ebenso wahr, wie die Erde ihr Sonne-Werden beginnt durch das Ereignis von Golgatha, ebenso wahr ist es, daß von diesem Ereignis an die Erde auch beginnt, schöpferisch zu werden und um sich herum einen geistigen Ring zu bilden, der später wiederum zu einer Art von Planet um die Erde wird.

[ 28 ] So geht im Kosmos von diesem Ereignis von Golgatha an etwas Wesentliches vor. Damals, als das Kreuz erhöht wurde auf Golgatha und das Blut rann aus den Wunden des Christus Jesus, da wurde ein neuer kosmischer Mittelpunkt geschaffen. Wir waren dabei, als dieser neue kosmische Mittelpunkt geschaffen wurde! Wir waren dabei als Men sehen, ob nun in einem physischen Leib oder außerhalb des physischen Lebens zwischen Geburt und Tod.

[ 29 ] So entstehen Neubildungen von Welten! Das aber müssen wir verstehen, daß wir vor dem Ausgangspunkt einer neu sich bildenden Sonne stehen, indem wir den sterbenden Christus betrachten.

[ 30 ] Der Christus vermählt sich dem Tod, der auf der Erde der charakteristische Ausdruck des Vater-Geistes geworden ist. Der Christus geht hin zum Vater und vermählt sich mit seinem Ausdruck, dem Tod, — und unwahr wird das Bild des Todes, denn der Tod wird zum Samen einer neuen Sonne im Weltenall. Fühlen wir dieses Ereignis, fühlen wir dieses Unwahrwerden des Todes, fühlen wir, daß der Tod an dem Kreuze das Samenkorn wird, aus dem eine neue Sonne hervorsprießt, dann fühlen wir auch so recht, wie die Menschheit auf der Erde es hat empfinden und ahnen müssen als den allerwichtigsten Übergang innerhalb der Menschheitsentwickelung.

[ 31 ] Da war einstmals eine Zeit, wo die Menschen noch ein dumpfes, dämmerhaftes Hellsehen hatten. Da lebten sie im Geistigen, und da sahen sie zurück in ihr Leben. Wenn sie etwa im dreißigsten Jahre gestanden haben, sahen sie zurück auf ihr zwanzigstes, auf ihr zehntes Jahr und so weiter, bis zu ihrer Geburt, aber sie wußten: Ich bin in diese Geburt hineingekommen aus göttlich-geistigen Höhen. - Damals war die Geburt kein Anfang: als geistige Wesenheiten sahen sie die Geburt und sahen sie auch den Tod, und sie wußten, daß in ihnen ein Geistiges ist, etwas, was von diesem Tode nicht berührt werden konnte. Geburt und Tod im heutigen Sinn waren noch nicht da. Geburt und Tod kamen erst — und bekamen ihre unwahre, trügerische Gestalt in dem äußeren Bilde des Vaters. In dem äußeren Bilde des Vaters wurde das Charakteristische der Tod! Und dann sahen die Menschen hin auf den Tod und sahen, wie er scheinbar das Leben vernichtet. Und der Tod wurde immer mehr und mehr zu einem Bilde, das den Gegensatz des Lebens darstellte. Wenn das Leben vielfach Leiden brachte, so war der Tod etwas, was das größte Leiden darstellte.

[ 32 ] Wie mußte derjenige, der von außen auf die Erdenereignisse sah, das heißt, der sah, wie diese Erdenereignisse sich spiegelten in der Menschheit vor dem Eintritt des Christus, wie mußte er über den Tod denken? Er mußte, wenn er aus göttlich-geistigen Höhen herunterstieg als ein höheres Wesen, das andere Anschauungen hatte als die Menschen, er mußte, wenn er auf die Menschheit hinsah, so sagen, wie der Buddha gesagt hat.

[ 33 ] Herausgekommen war dieser Buddha aus einem Königspalaste, in welchem er erzogen worden war. Er hatte dort nichts anderes gesehen als das, was das Leben erhöhte. Jetzt aber, da er heraustrat, sah er einen leidenden Menschen, da sah er einen kranken Menschen, vor allen Dingen aber sah er einen toten Menschen. Als er das erlebt hatte, da trat ihm vor die Augen der Satz: «Krankheit ist Leiden! Alter ist Leiden! Tod ist Leiden!» So hatte es in der Tat die Menschheit empfunden. Und das, was die ganze Menschheit empfunden hatte, aus Buddhas groBer Seele rang es sich los.

[ 34 ] Dann kam der Christus. Und nach dem Christus, nachdem weitere sechshundert Jahre vergangen waren, wie sechshundert Jahre vergangen waren von dem Buddha bis zu dem Christus, da gab es Leute, die da sagen konnten, wenn sie das Kreuz sahen und den toten Menschen darauf: Was am Kreuze hängt, das ist das Symbolum jenes Samens, aus dem Leben über Leben quillt! - Sie hatten wahr empfinden gelernt über den Tod!

[ 35 ] Der Christus Jesus hat sich dem Tode vermählt, ist hingegangen zu diesem Tode, der der charakteristische Ausdruck des Vaters wurde, hat sich vereinigt mit diesem Tode. Und aus der Vermählung des Christus Jesus mit dem Tode ist der Anfang einer Lebens-Sonne geboten. Es ist ein Trugbild, eine Maja oder Illusion, daß der Tod gleichbedeutend mit Leiden ist. Der Tod, wenn die Menschen im Laufe der Zukunft lernen, ihn so an sich herantreten zu lassen, wie er an den Christus herantrat, ist in Wahrheit der Keim zum Leben. Und so viel werden die Menschen beitragen zu einer neuen Sonne und zu einem neuen Planetensystem, als sie, empfangend vom Christus-Impuls, hingeben von ihrem Eigenen, und so immer mehr und mehr die Lebens-Sonne zu einer gröBeren machen.

[ 36 ] Es könnte jemand einwenden: Das sagt die Geisteswissenschaft! Was aber willst du mit einer solchen Kosmologie gegenüber dem Evangelium?

[ 37 ] Der Christus hat diejenigen, die seine Schüler waren, belehrt. Und um sie reif zu machen für das Größte, hat er diejenige Methode befolgt, welche notwendig ist, damit man das Größte in der entsprechenden Weise begreifen lernt: er hat zu den Jüngern gesprochen in Gleichnissen oder, wie es in der deutschen Bibel übersetzt heißt, in «Sprichwörtern» -, in Übertragungen und Gleichnissen. Da kommt der Zeitpunkt, wo die Schüler immer reifer und reifer geworden sind, und wo sie sich reif glauben konnten, die Wahrheit ohne Sprichwörter zu hören. Und der Christus Jesus läßt den Zeitpunkt eintreten, wo er ohne Sprichwort, ohne Gleichnis zu seinen Aposteln reden will. Denn die Apostel wollen hören den Namen, wegen dessen er in die Welt gekommen ist; den wichtigen Namen wollen sie hören:

«Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei. .

Solches habe ich zu euch dutch Sprichwörter geredet. Es kommt aber die Zeit, daß ich nicht mehr durch Sprichwörter mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.»

[ 38 ] Fühlen wir den Zeitpunkt herankommen, wo er reden will zu seinen Jüngern von dem Vater!

«An demselbigen Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten will.

Denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, darum daß ihr mich liebet, und glaubet, daß ich von Gott ausgegangen bin.

Ich bin vom Vater ausgegangen.»

[ 39 ] Er ist natürlich ausgegangen von dem Vater in der wahren Gestalt, und nicht von der trügerischen Gestalt des Vaters.

«Ich bin vom Vater ausgegangen, und gekommen in die Welt; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater.»

[ 40 ] Nun leuchtet in den Jüngern auf, weil sie reif geworden sind, daß die Welt, wie sie um sie herum ist, der äußere Ausdruck des Vaters ist, und daß dasjenige, was das Bedeutsamste an der äußeren Welt ist - da, wo die äußere Welt am meisten Maja oder Illusion ist —, der Ausdruck des Vaters ist: daß der Tod der Name ist für den Vater. Das geht den Jüngern auf. Nur muß man es richtig lesen.

«Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du freiheraus, und sagest kein Sprichwort.

Nun wissen wir, daß du alle Dinge weißt, und bedarfst nicht, daß dich jemand frage; darum glauben wir, daß du von Gott ausgegangen bist.

Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubet ihr.

Siehe, es kommt die Stunde, und ist schon kommen, daß ihr zerstreuet werdet, ein jeglicher in das Seine, und mick allein lasset. Aber ich bin nicht allein; denn der Vater ist bei mir.

Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habet. In der Welt habet ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.» (16, 24-33)

[ 41 ] Wußten die Jünger, wohin er jetzt geht? Ja, sie wußten von jetzt ab, er geht zum Tode, er vermählt sich mit dem Tode. Und nun lesen Sie, was er zu ihnen gesagt hat, nachdem sie verstehen gelernt haben die Worte: «Ich bin vom Tode ausgegangen », das heißt vom Tode in seiner wahren Gestalt, vom Lebens-Vater, «und kommen in die Welt; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater.» Da sagen seine Jünger:

«Nun wissen wir, daß du alle Dinge weißt, und bedarfst nicht, daß dich jemand frage; darum glauben wir, daß du von Gott ausgegangen bist.»

[ 42 ] Jetzt wußten die Jünger, daß die wahre Gestalt des Todes im göttlichen Vater-Geist begründet ist, daß der Tod, wie er angeschaut wird von den Menschen und empfunden wird, eine trügerische Erscheinung ist, ein Irrtum. So enthüllt der Christus seinen Jüngern den Namen des Todes, hinter dem sich verbirgt der Quell des höchsten Lebens. Nimmermehr wäre die neue Lebens-Sonne entstanden, wenn nicht der Tod in die Welt gekommen wäre und sich hätte überwinden lassen von dem Christus. So ist der Tod, in seiner wahren Gestalt angesehen, der Vater. Und der Christus ist in die Welt gekommen, weil von diesem Vater ein falsches Spiegelbild entstanden ist im Tode. Und der Christus ist in die Welt gekommen, um die wahre Gestalt, ein wahres Nachbild des lebendigen Vater-Gottes zu schaffen. Der Sohn ist der Nachkomme des Vaters, der die wahre Gestalt des Vaters offenbart. Wahrhaftig, der Vater hat seinen Sohn in die Welt geschickt, damit die wahre Natur des Vaters offenbar werde, das heißt, das ewige Leben, das sich hinter dem zeitlichen Tode verbirgt.

[ 43 ] Das ist nicht bloß Kosmologie der Geisteswissenschaft. Es ist das, was man braucht, um die ganze, volle Tiefe des Johannes-Evangeliums auszuschöpfen. Und derjenige, der das Johannes-Evangelium geschrieben hat, hat damit höchste Wahrheiten gleichsam niedergelegt und sich sagen können: Darinnen stehen Wahrheiten, von denen die Menschheit in alle Zukunft wird zehren können. Und indem die Menschheit immer mehr und mehr diese Wahrheiten verstehen und üben lernen wird, wird sie eine neue Weisheit haben und in einer neuen Art in die geistige Welt hineinwachsen. — Aber erst nach und nach wird das geschehen. Daher mußte von der Gesamtleitung der christlichen Entwickelung die Möglichkeit gegeben werden, sozusagen Beibücher zu schaffen, die sich neben das Johannes-Evangelium hinstellen, Bücher, die nicht etwa bloß für die allerwilligsten Versteher da waren, wie das Johannes-Evangelium, das ja sein sollte ein Vermächtnis des Christus für die Ewigkeit, sondern es mußten Beibücher geschaffen werden für die nächsten Zeiten.

[ 44 ] Da wurde zunächst ein Buch geschaffen, aus dem die ersten Jahrhunderte der christlichen Entwickelung, ihrem Verständnisse angemessen, lernen konnten das Beste, was sie brauchten für das Verständnis des Christus-Ereignisses. Freilich waren auch da, im Verhältnis zur ganzen Menschheit, nur wenige, die aus diesem Beibuch verstanden, um was es sich für sie handelte. Dieses erste Beibuch, das gegeben wurde, zwar nicht für die Allerauserlesensten, aber doch für die Auserlesenen, das war das Markus-Evangelium. Das Markus-Evangelium hat gerade diejenige Einrichtung - und wir kommen darauf noch zurück -, durch die es sozusagen einem gewissen Verständnis der damaligen Zeit besonders nahe lag.

[ 45 ] Dann kam eine Zeit, in der man allmählich anfing das Markus-Evangelium weniger zu verstehen, in der sich das menschliche Verständnis so richtete, daß man am besten verstand, die ganze Kraft des Christus in dem innerlichen Wert für die menschliche Seele und in einer gewissen Verachtung der äußeren physischen Welt zu sehen. Eine Zeit kam, in der man so recht die Anlage hatte, sagen zu können: Wertlos sind die äußeren zeitlichen Güter, der rechte Reichtum ist nur in dem entwikkelten menschlicheren Innern. Das war die Zeit, in der auch zum Beispiel Johannes Tauler sein Buch geschrieben hat «Vom armen Leben Kristi», wo man besonders verstanden hat das Lukas-Evangelium. — Lukas, ein Schüler des Paulus, ist einer derjenigen, die das Evangelium des Paulus selber in der Weise, wie es eben für diesen Zeitraum entsprechend war, umgestaltet haben, so daß es vor allen Dingen das «arme Leben» des Jesus von Nazareth, der in einem Stall bei armen Hirten geboren wird, an die Spitze gestellt hat. Da sehen wir das «arme Leben Kristi» von Johannes Tauler in dem Lukas-Evangelium dargestellt - ein zweites Beibuch für die weitere Entwickelung der Menschheit.

[ 46 ] In unserer Zeit werden wiederum einige Menschen sein, die das, was sie verstehen können, unserer Zeit entsprechend, am besten aus dem Matthäus-Evangelium lernen. Es wird so kommen, daß unsere Zeit, wenn sie vielleicht auch dann den Namen « Matthäus» weniger wählt, doch immer mehr und mehr dasjenige wählt, was am meisten dem Matthäus-Evangelium entspricht. Es wird eine Zeit kommen, wo man immer mehr darauf hinweisen wird, daß man nichts verstehen könne von den übersinnlichen Ereignissen, die sich bei der Johannes-Taufe abspielten, wie wir sie erzählt haben. Das ist etwas, was für viele Menschen noch in der Zukunft liegt. Wir leben uns in die Zeit hinein, wo man denjenigen, der im dreißigsten Jahre seines Lebens den Christus aufgenommen hat, immer mehr und mehr--selbstalsReligionsforscher— zum «schlichten Mann aus Nazareth » machen wird. Die Menschen, die das wollen, denen das Wichtigste ist der schlichte Mann aus Nazareth, die geringeren Wert legen auf den Christus als auf den hohen Eingeweihten, die den Jesus von Nazareth wollen, sie werden das MatthäusEvangelium - wenigstens dem Sinne nach - besonders wichtig finden. Eine materialistisch denkende Zeit kann sagen: Schlagen wir das Matthäus-Evangelium auf, so finden wir da ein Geschlechtsregister, eine Abstammungstafel, wo uns gezeigt wird die Vorfahrenreihe des Jesus von Nazareth; das geht von Abraham herunter durch dreimal vierzehn Glieder bis zu Joseph. Und wie gesagt wird: Abraham zeugte Isaak, Isaak den Jakob und so weiter, so geht es bis zum Joseph und Jesus von Nazareth. Und das steht da aus dem Grunde, um klarzulegen, daß man die physische Stammeslinie, die physische Vererbungslinie desjenigen Körpers, in welchen der Jesus von Nazareth seiner Individualität nach hineingeboren worden ist, hinauf bis zu Abraham leiten kann. Lassen Sie den Joseph weg, so hat diese Stammtafel nicht den allergetingsten Sinn. Reden Sie dieser Starmmtafel gegenüber von einer übersinnlichen Geburt, dann hört diese Stammtafel auf, den allergeringsten Sinn zu haben. Denn warum sollte sich der Schreiber des MatthäusEvangeliums bemühen, durch dreimal vierzehn Glieder eine Stammtafel zu zeichnen, wenn er nachher sagen wollte: Der Jesus von Nazareth stammt nach dem Physischen, nach dem Fleische nicht ab von Joseph! - Man kann das Matthäus-Evangelium nur verstehen in dem Betonen, daß die Individualität hineingeboren war in einen Leib, der wirklich abstammte durch den Joseph von Abraham. Das war die Intention, daß diese Stammestafel sagte: Nein, der Joseph kann im Sinne des Matthäus-Evangeliums nicht weggelassen werden! — Daher kann der Joseph nicht fortgelassen werden von denen, welche die übersinnliche Geburt im Sinne der Johannes-Taufe nicht begreifen können.

[ 47 ] Aber das Matthäus-Evangelium ist ursprünglich geschrieben in einer Gemeinde, wo man den Hauptwert nicht gelegt hat auf den Christus, sondern auf diejenige Individualität, die in der Person des Eingeweihten Jesus von Nazareth vor der Welt stand. Dem Matthäus-Evangelium liegt zugrunde das, was als Einweihungsurkunde kannten die ebionitischen Gnostiker, und auf eine solche Schrift als ihre Vorlage geht zurück das Matthäus-Evangelium. Da wurde der Wert gelegt auf den Eingeweihten Jesus von Nazareth, und alles übrige wird noch viel deutlicher dadurch, daß es in dem ebionitischen Evangelium steht. Dadurch aber ist gerade im Matthäus-Evangelium diejenige Stimmung gegeben, die man nicht gerade herauslesen muß - denn sie ist in Wahrheit nicht drinnen —, aber man kann sie hineinlesen, man kann das Matthäus-Evangelium so lesen, daß man sagt: Wir haben es darin nicht zu tun mit einer übernatürlichen Geburt. - Und doch wiederum wird die Möglichkeit gegeben sein, dasjenige, was im Matthäus-Evangelium vorgeführt wird, als Symbol zu finden für einen Gott, den man eben so nennt, der als ein Gotteigentlich doch nur ein Mensch ist, wenn das auch Matthäus nicht so meint. Aber diejenigen, die sich heute auf Matthäus berufen und sich immer mehr darauf berufen werden, sie werden es so interpretieren.

[ 48 ] Damit für keinen Menschen, der an den Christus herangehen will, verloren gehe die Möglichkeit, sich ihm zu nähern, ist auch für die Menschen, die sich nicht erheben können von dem Jesus zu dem Christus, dafür gesorgt, daß sie in dem Matthäus-Evangelium eine derjenigen Sprossen haben, durch die sie sich hinaufentwickeln können zu dem Jesus von Nazareth.

[ 49 ] Die Geistesforschung ist aber dazu berufen, die Menschen hinaufzuführen zum Verständnis des Evangeliums der Evangelien, zum Johannes-Evangelium. Ein jedes andere Evangelium ist wie eine Ergänzung des Johannes-Evangeliums anzusehen. Und die Gründe für alle anderen Evangelien liegen im Johannes-Evangelium. Wir begreifen daher auch die anderen Evangelien erst recht, wenn wir sie auf dem Untergrunde des Johannes-Evangeliums betrachten.

[ 50 ] Die Betrachtung des Johannes-Evangeliums wird die Menschen dahin führen, im weitesten Sinne zu begreifen, was auf Golgatha geschehen ist; zu begreifen, durch welches Mysterium der Tod innerhalb der Menschheitsentwickelung in der Gestalt, die seine unwahre ist, widerlegt worden ist. Und die Menschen werden begreifen lernen, wie durch die Tat von Golgatha nicht nur gezeigt worden ist für die Erkenntnis, daß der Tod in Wahrheit Lebensquell ist, sondern wie durch sie bewirkt worden ist, daß dem Menschen eine Stellung zum Tode möglich wird, die ihn dahin führt, sein eigenes Wesen immer lebendiger und lebendiger zu gestalten, bis es endlich ganz lebendig wird, das heißt, auferstehen kann von allem Tod—, bis es den Tod überwunden hat. Das war es, was sich dem Paulus enthüllte, als er den lebendigen Christus vor Damaskus sah, als er wußte: Der Christus lebt! — als er hineinschaute durch sein hellsehend gewordenes Auge in das, was geistige Erden-Umgebung war, und nun als ein Eingeweihter des Alten Testamentes wußte: Vorher war die Erde ohne ein gewisses Licht. Jetzt sehe ich das Licht darinnen. Also war der Christus da, also war derjenige, der am Kreuze geendet hat, der Christus in dem Jesus von Nazareth!

[ 51 ] So konnte der Paulus vor Damaskus das Ereignis begreifen, das auf Golgatha geschehen war.