Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

Support the Archive

Der Orient im Lichte des Okzidents
Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi
GA 113

23 August 1909, München

Erster Vortrag

[ 1 ] Wer die Menschengeschichte ein wenig kennt, wird ja auch, ohne daß man gerade viel Esoterik zu Hilfe nimmt, wissen, daß das Wort und die Idee «Geschichte» vieles einschließt, insbesondere dann, wenn man versucht, die Idee der Geschichte nicht bloß als etwas zu nehmen, was betrachtet sein will, sondern was wie alle Dinge des geistigen Lebens eben erlebt sein will. Das Leben aber fordert auf allen Gebieten Lernen; und das Lernen wiederum fordert auf allen Gebieten Geduld. Man könnte — und das mag sich insbesondere auf unser Beispiel beziehen — das Wort Geduld durch ein anderes übersetzen; man könnte es übersetzen durch das andere «Wartenkönnen». Es ist nun versucht worden, die Lebensregel, die in den soeben ausgesprochenen Worten liegt, gerade auf das anzuwenden, was wir gestern vollbringen durften.

[ 2 ] Wir treten mit unserer deutschen geisteswissenschaftlichen Strömung in die Vollendung des siebenten Jahres unserer Arbeit. Vor sieben Jahren habe ich in Berlin einen Vortrag vor einem Kreise von Menschen gehalten, welche eine ganze Reihe anderer Vorträge von mir gehört hatten. Er war gewissermaßen dazumal als eine Zugabe zu einem anderen Vortragszyklus verabreicht worden. Das ist also jetzt mehr, etwas wenig mehr als sieben Jahre her. Es handelte sich dazumal darum, eine Überleitung der Empfindungen und geistigen Interessen, die aus einem, wenn auch geisteswissenschaftlichen, doch anders genannten Wirken hervorgingen, eine Überleitung zu finden in die geisteswissenschaftliche Strömung hinein. Und es gab dazumal die innere Möglichkeit, eine gute Überleitung zu finden. Der Vortrag, von dem ich da spreche, betitelte sich: «Die Kinder des Luzifer». Dazumal war ein Publikum anwesend, das allgemein die Gesichtspunkte in literarischer Beziehung hinnahm; es war auch der Ausgangspunkt genommen worden von dem Werke, dessen Aufführung wir gestern erleben durften, von Schurés Drama «Die Kinder des Luzifer». Dazumal also fingen wir an, sozusagen zu reden über die «Kinder des Luzifer», und im «Geheimen» 1Die Anwendung des Wortes «geheim» hat der Anthroposophie manchen Vorwurf zugezogen. Hier hat man einen der Fälle, wo in ganz begreiflicher Art dies Wort gebraucht wird. Es geschieht auch in anderen. Niemals aber in dem Sinn einer solch unsinnigen «Geheimtuerei», wie manche Gegner den Leuten glauben machen wollen. Es konnte ja sogar geschehen, daß, als ich ein Buch «Geheimwissenschaft» betitelte, gesagt wurde: es könne keine geheime Wissenschaft geben. Das ist natürlich ebenso selbstverständlich, wie es keine natürliche, wohl aber eine Naturwissenschaft geben kann. Wenn ich eine «Geheimwissenschaft» veröffentliche, so werde ich doch nicht wollen, daß, was sie sagt, geheim bleibe. — und zwar in dem Sinne ist das Wort «im Geheimen» hier gemeint, wie man vom geheimen Wesen spricht in der Geisteswissenschaft — im Geheimen war dazumal auch schon der Gedanke im Hintergrunde, daß es einmal gelingen könne, gerade dieses Werk des modernen Geisteslebens in bühnenmäßiger Form vor die Augen einer Anzahl von Zuschauern treten zu lassen. Es lag der Gedanke zugrunde, daß das Geistesleben eine große Einheit und Harmonie ist und daß es dem Menschen obliegt, innerhalb des Geisteslebens einer gegebenen Zeit die schönsten Blüten zu erkennen und zu beachten. Es lag der Gedanke zugrunde, daß das moderne Geistesleben in einer gewissen Beziehung ein Chaos sei. Aber wie aus dem Chaos heraus im Grunde genommen doch die Welt erwachsen ist, so wird auch eine Art Kosmos des Geisteslebens für die Zukunft nur dadurch erblühen können, daß wir uns die Mühe geben, aus dem Chaos des modernen Geisteslebens heraus die besten Blüten zu nehmen. Es lag der Gedanke zugrunde, daß es falsch wäre, etwas anderes als gerade ein modernes, aus dem vollen Geistesleben der Gegenwart heraus geschöpftes Kunstwerk von diesem Gesichtspunkte aus zu behandeln. Man könnte natürlich im Laufe der Jahrhunderte oder sagen wir selbst Jahrtausende manches andere Kunstwerk finden, modernisieren und heute vor ein Publikum bringen; aber jede Zeitenseele hat ihre Eigentümlichkeit; und dasjenige, was die Zeitenseele selbst zu schaffen in der Lage ist, das muß, wenn es nur das Rechte ist, auch mit der größten Wärme und mit der besten Intimität wiederum zu dieser Zeitenseele sprechen. Wenn das Geistesleben seine schönsten Blüten tragen soll, so wird es zu seiner Mission gehören, den Menschen nicht nur Dogmen beizubringen, nicht nur Lehren zu verkündigen, sondern in einer gewissen Beziehung die Augen zu öffnen. Es ist im allgemeinen nicht schwierig etwas anzuerkennen, was durch Jahrhunderte oder auch vielleicht nur durch Jahrzehnte bereits sich Geltung verschafft hat, aber das hier zur Geltung gebrachte Geistesleben soll etwas sein, was die ursprünglichsten, elementarsten Kräfte in der Menschenseele wachruft; und zu den elementarsten Kräften in der Menschenseele gehört die Anfeuerung des offenen Blickes für alles dasjenige, was um uns herum durch die Sonne des Geisteslebens erweckt wird an Blüten und Früchten unserer gegenwärtigen Geisteskultur. Eine Augenaufschließerin möchte unsere Bewegung sein.

[ 3 ] Wenn man aber die Idee und den Begriff der Geschichte lebendig erfaßt, so gehört, wie schon angedeutet, noch etwas anderes dazu: Geduld oder sagen wir Wartenkönnen. Die Überstürzung, die Ungeduld, sie hindert so manches, was als Frucht reifen soll im Leben; und es wäre geradezu töricht gewesen, vor sieben Jahren an mehr zu denken als an ein leises Hinweisen auf dasjenige, was sich später realisieren sollte. Was alles verhinderte, dazumal etwa sogleich an die Ausführung des vorschwebenden Planes einer bühnenmäßigen Verkörperung dieses Geisteswerkes zu gehen! Es ist nur nötig eine einzige Tatsache anzuführen und Sie werden verstehen, was verhinderte dazumal an die Ausführung zu gehen. Derjenige, welcher ins Geistesleben hineinsieht, weiß, daß es darin gewisse große Gesetze gibt. Das war auch einer derjenigen großen Sätze, die gestern im Drama selbst Ihnen erklungen haben: Das Geistesleben hat seine Gesetze, die nicht übertreten werden dürfen, die beachtet werden müssen. — Und eines der größten Gesetze des Geisteslebens, dessen Nichtbeachtungen besonders bei einer solchen Bewegung, wie die unsrige es ist, immer schwer sich rächen wird, ist dasjenige, was uns vorgezeichnet wird da, wo uns die höheren geistigen Wesenheiten im Naturwirken selbst die Art ihrer Arbeit veranschaulichen.

[ 4 ] Sehen Sie sich einmal die Art dieses Naturwirkens an; beachten Sie die Natur in ihrem Schaffen; und Sie werden sehen, in der Natur ist immer die Möglichkeit vorhanden, daß aus dem Geschaffenen unzählige Mißerfolge hervorgehen. Sehen Sie sich das Meer an mit seinen unzähligen Keimen, die in dasselbe versenkt werden, und beachten Sie, wie viele von diesen Keimen als Lebewesen hervorsprießen. Fragen Sie sich, ob die schaffenden Wesenheiten der Natur sich jemals die Frage aufwerfen: Sollen wir trauern über die Mißerfolge, die wir haben, wenn wir soundsoviele Ansätze nehmen und sehen, daß die Früchte des Schaffens unter der Hand ersterben? Einzig und allein durch die Betrachtung dieses großen Gesetzes im Geistesleben gelingt auch in diesem dasjenige, was gelingen soll, wie es in der Natur gelingt, daß das Leben sprießt und sproßt, weil sich die Geister, die der Natur zugrunde liegen, niemals betrüben über ihre Mißerfolge. Einzig und allein aus diesem Grunde gelingt das Werk, das in der Natur, das heißt in dem Produkte des höheren Geisteslebens auszuführen ist. Der Erfolg als solcher ist kein Maßstab für das Rechte und Wahre. Das muß ein geisteswissenschaftliches Gesetz sein. Dieses Gesetz mußte innerhalb unserer Bewegung beachtet werden.

[ 5 ] Es soll dies wahrhaftig nicht etwas anderes als eine Art Rückblick auf die Tatsachen sein, und zugleich dieser Rückblick in Zusammenhang gebracht werden mit einigen innerlich mit unserem ganzen Vortragszyklus zusammenhängenden Ideen, Gesetzen und Tatsachen. Es sind seit dem Vortrage, den ich erwähnt habe, wie ich Ihnen gesagt habe, ungefähr sieben Jahre verflossen, und wir konnten zu unserer größten Befriedigung gestern sehen die Aufführung der «Kinder des Luzifer» vor einem vollen Hause. Es sind über sechshundert Freunde versammelt gewesen, um sich gestern «Die Kinder des Luzifer» anzuhören. Wie viele waren unter diesen Zuhörern, die sich jenen Vortrag, den ersten Keim zur Arbeit, angehört haben? Eine einzige Dame war darunter unter den gestrigen Zuhörern, die sich jenen Vortrag dazumal angehört hatte und die vorher noch nicht in unseren Reihen war. Der Vortrag war für die damaligen Verhältnisse auch nicht schlecht besucht. All die anderen Menschen haben sich unserer Bewegung nicht angeschlossen. Aber das ist das große Gesetz des Wirkens in der geistigen Welt, daß die verlorengegangenen Keime sich umwandeln und Auferstehungen erleben. Und an unserem Beispiele dürfen wir dieses Gesetz bestätigt finden. Sie sehen, daß es nicht unrichtig ist, das Wort und die Idee des Geschehens in Zusammenhang zu bringen mit den Worten Geduld und Wartenkönnen. Warten können, bis diejenigen Verhältnisse eintreten, welche es möglich machen, aus dem Schoße der Zeit heraus dasjenige zu holen, was wir haben reifen lassen. Alle menschliche Arbeit vermag nichts, ohne daß gleichzeitig die Geduld und das Wartenkönnen neben ihr einherschreiten, ohne daß Reifen, Reifwerden eine gewisse Rolle spielen.

[ 6 ] Es ist damit aber doch im kleinen ein Beweis gegeben, daß gewisse Dinge notwendig sind, wenn im Kulturleben etwas reifen soll. Es wäre natürlich eine vollständig verhängnisvolle Idee gewesen, in irgendeiner gewöhnlichen Theateraufführung «Die Kinder desLuzifer» zu bringen. Denn was gehört dazu, um das Ganze zur Einheit zu machen? Die Hauptsache, das dürfen wir nicht vergessen, sind nicht diejenigen, die darstellen, nicht diejenigen, die die Dinge machen; die Hauptsache ist auch nicht die Arbeit, die getan wird, sind weder die Vorbereitungen noch die Fertigstellungen. Wenn das Werk entsprungen ist aus des Dichters Seele, dann ist die erste Tat getan. Was dann geschieht als Vermittlerweg, das gehört zu demjenigen, wovon ich eben jetzt sagte: die Darstellung und die Arbeit der Darstellung und alles übrige, die sind nicht die Hauptsache; die sind völlig Nebensache in einer gewissen Beziehung. Die Hauptsache sind die Zuhörer und Zuschauer. Und die Hauptsache ist, daß durch die Seelen und durch die Herzen der Zuschauer ein gemeinschaftliches Leben geht; ein Leben, das diese Herzen fähig macht, jene geheimnisvollen Strömungen, die von dem Werke ausgehen, nicht nur zu empfinden, sondern in Gemeinschaft, in innerer Harmonie zu empfinden. Wir reden innerhalb unserer Bewegung, als von unserem ersten Grundsatze, von der Begründung eines Kernes von Menschheit, in dem Menschenliebe und Brüderlichkeit lebt. O diese Menschenliebe und Brüderlichkeit, sie ist eine zarte, wenn auch sehr wichtige Pflanze. Und sie blüht nur, wo Seelen in Harmonie miteinander zusammenklingen; das heißt, wo gemeinschaftliches Geistesleben in gemeinsamer Art durch die Seelen zittert. Das war gestern vorhanden. Unsere Bewegung soll ein Instrument sein, unsere Seelen in dieser Weise zu härten, zu befestigen und zugleich aufzuschließen, so daß wir gemeinsam in Harmonie einströmen lassen können ein Geistiges, das einströmen soll. Ein gemeinsamer Hauch soll durch die Seelen gehen können. Dann wird die Frucht der Brüderlichkeit, die Frucht der geistigen Harmonie unter den Menschen reifen können.

[ 7 ] Und nun vergleichen Sie mit demjenigen, was gestern vor Sie hingetreten ist, eine andere Theateraufführung, und fragen Sie sich, ob es möglich ist in dem Chaos unseres Geisteslebens, daß eine gemeinsame Empfindung herunterströmt von der Bühne und Widerhall, Echo findet in den Herzen der Menschen. Das ist erst das eigentliche Kunstwerk, das sich in unseren Herzen abspielt. Wenn das Kunstwerk entsprungen ist der Seele des Dichters, dann geht es eben seinen Weg; und worauf es ankommt, ist erst voll erfüllt, wenn es widerklingt in soundsovielen Herzen und Seelen; und da erst kommt dann die zweite der Hauptsachen, um die es sich dabei handelt.

[ 8 ] Nur aus dem Grunde, um ein wenig darauf hinzuweisen, wie unsere Bewegung ein Instrument werden kann in der Menschheitskultur, sind diese Worte gesagt worden. Die Menschen werden sich in unserer Zeit niemals zusammenfinden zu einer Gesellschaft von Harmonie und Liebe und Eintracht, wenn Harmonie und Liebe und Eintracht Worte bleiben. Es gibt nur eines, was den Boden abgeben kann, in dem reifen muß unser erster Grundsatz der allgemeinen Brüderlichkeit und der allgemeinen Liebe: und das ist die gemeinschaftliche Arbeit. Das, was damit gesagt wird, es kann ja immer nur realisiert werden an einzelnen Beispielen. Wenn aber diese einzelnen Beispiele weiterwirken, wenn sie beachtet werden, dann werden sie hinausdringen nicht nur in unser Geistesleben, sondern in unser ganzes gegenwärtiges Leben und werden es erfüllen. Es wird wahrhaft menschlicher Geist einziehen in die menschliche Arbeit und damit in den menschlichen Fortschritt. Und Geisteswissenschaft wird erweisen, daß sie das Praktischste ist, was es im Leben als ein Ferment geben kann. Sie kann, wenn man ihr nur Gelegenheit dazu gibt, einen jeglichen Zweig unseres Lebens in der praktischsten Weise durchdringen und beleben. Unsere Gegenwart ist im allgemeinen dazu reif in dem Sinne, daß sie auf jedem ihrer Gebiete die Notwendigkeit des geisteswissenschaftlichen Eingreifens erweist. Überall sehen wir, daß die Gegenwart fordert von uns: Geistes-Erkenntnis soll einströmen in unser Leben. Das Verständnis der Menschheit, das schleicht aber erst langsam hinter dem menschlichen Bedürfnisse nach. Unsere Arbeit mag daher noch lange eine Pionierarbeit sein, eine Arbeit für die Zukunft. Aber sie kann warten, sie wird sich nicht aufdrängen, sie hat viel Geduld. Sie wird da eingreifen, wo man sie verlangt, wo man sie haben will. Sie muß freilich in Geduld erst ihre Arbeit tun, damit man nicht später einmal etwas verlangt in der Welt, was noch gar nicht da ist. Oh, es werden in gar nicht ferner Zukunft viele Gebiete des menschlichen Lebens sein, auf denen man lechzen wird nach dieser Arbeit. Auch solche Gebiete des menschlichen Lebens wird es geben, die heute diese Arbeit verachten als die wüsteste Träumerei, als die schlimmste Phantastik. Man wird nach ihr verlangen, verlangen an Orten, von denen man es sich heute gar nicht versieht, an denen man sie heute wie ein Traumgebilde zur Tür hinaus verweist. Aber sie wird vorläufig in Geduld ihre Arbeit tun. Sie ist auch nicht bis zu dem Grade unpraktisch, daß sie mißversteht unsere Gegenwart. Sie will praktisch sein, Praxis üben da, wo es sich wirklich darum handelt, im einzelnen mit jedem Finger zuzugreifen. Wer könnte nicht sehen, daß uns die Welt des gegenwärtigen Geistes- und Kulturlebens noch vielfach die Tür verschließt, daß sie uns nicht haben will, daß sie sagt, wenn wir mit unserer Praxis kommen: Bleibt, wo ihr seid, ihr Träumer, ihr träumt von allerlei übersinnlichen Welten, von einem Geiste, den es gar nicht gibt. Eure Praxis können wir nicht brauchen! Wer könnte befangen genug sein, das nicht ganz klar zu sehen? Ist es da nicht natürlich, daß man zunächst den Versuch macht, praktisch zu sein da, wo die Welt des Scheines wirkt, auf dem Boden, der die Welt bloß bedeutet? Wenn man sich nur klar darüber ist, daß man in der richtigen Weise in der Welt des Scheines ein Bild gibt der wirklichen Welt, so mag durch diese Welt des Scheines, des schönen Scheines, des künstlerischen Scheines, jene Welt, durch welche Götter sicher zu uns sprechen, so mag durch diese Welt die erste Anregung gegeben werden. Weil in der Kunst, wenn sie im echten Sinne aufgefaßt wird, wahrhaftig Götter zu uns sprechen, werden wir durch die Kunst am sichersten das Tor finden, um mit unserer Praxis in die sogenannten praktischen Zweige des Lebens allmählich hineinzudringen. Arbeit ist der Boden, auf dem ersprießen kann unser erster Grundsatz: brüderliches Zusammenleben, brüderliches Zusammenwirken. Wird im angedeuteten Sinne gearbeitet, so läßt sich ausprüfen im schönsten Sinne des Wortes, ob es unter Menschen möglich ist, Eintracht, Harmonie und Brüderlichkeit zu kultivieren.Dem, was dann wie in einemBilde vor das Auge tritt wie in der gestrigen Aufführung, geht mancherlei voran; und wenn es fertig ist, so macht sich der Beschauer manchmal nicht das richtige Bild davon, was dem vorangeht. Dasjenige, was in unserem Falle vorangegangen ist, darf mit Fug und Recht ein Arbeiten im Sinne des ersten geisteswissenschaftlichen Grundsatzes der Eintracht und Brüderlichkeit, ein Zusammenarbeiten und Zusammenwirken genannt werden.

[ 9 ] Dasjenige, was uns bei der vorbereitenden Arbeit vorschwebte, das war Freiheit der Menschenseele in der Einheit des Wirkens, in der Harmonie des Wirkens. Vielleicht läßt sich nicht alles gleich auf einen Schlag erreichen; aber dasjenige, was uns vorschwebte, das war, daß wir eine Einheit zustandebringen könnten, ohne daß irgend jemand nötig hatte, sich in eineMaschinerie hineinzubegeben, innerhalb welcher das Kommandowort ertönt und dann dieses und jenes gemacht wird und dergleichen. Wenigstens schwebte es uns als Idee vor, und es ist gewiß in vielen Punkten erreicht worden, daß ein jeder der Mitarbeitenden das Gefühl hatte, daß er seine Sache vertritt. Und damit bin ich an dem Punkte, wo, weil es doch sozusagen zum wahren geistigen Leben gehört, ein paar besondere Worte ausgesprochen werden sollen. Nicht so sehr aus dem Grunde, um über dieses eine Beispiel freier geistiger Arbeit zu sprechen, sondern um eben darüber zu sprechen als ein Beispiel für das, was Grundsatz, was Richtschnur und Idee eines geistigen Zusammenlebens sein können. Es hat sich für uns gezeigt, daß es möglich ist, die Kräfte innerhalb der Menschenseelen zu entbinden, die entbunden werden können, wenn eine spirituelle Idee durch die Herzen, durch die Seelen geht, und wenn die Seelen so weit reif sind, daß ein jeder der Mitwirkenden sich an seinem Platze fühlt. Mit tiefster Befriedigung darf es gesagt werden, daß diejenigen Mitglieder unserer Bewegung, welche zusammengewirkt haben, um die gestrige Aufführung zustande zu bringen, nicht nur mit Hingebung - ich sage es mit vollem Bewußtsein —, sondern vor allen Dingen mit innerstem Verständnis für dieSache gearbeitet haben;und so konnte es denn kommen, nicht nur die Darsteller der einzelnen Gestalten des Dramas zusammenzufügen zum Ganzen, das Ihnen gestern entgegengetreten ist, sondern auch imstande zu sein, durch die nicht nur hingebungsvolle, sondern verständnisvolle Arbeit unserer malenden künstlerischen Mitglieder ein Ganzes zu schaffen. Es wäre unmöglich, im einzelnen Ihnen alles anzuführen, was notwendig war an Arbeit dieses oder jenes Mitgliedes. Wenn aber von dem ersten bis zum letzten Kostüm etwas Ganzes werden soll, etwas werden soll, was nun nicht nur sozusagen immer ausdrückt das einzelne, das durch den einzelnen Darsteller zur Geltung kommt, sondern was ein Gesamtbild gibt, dann ist es notwendig, daß auch diesen Teil der Arbeit eine gemeinsame Idee beseelt, und ich darf mit Befriedigung sagen, daß dieses unser verehrtes Mitglied, das die ungeheuer schwierige Arbeit übernommen hat, im Sinne der Gesamtaufführung unsere Kostüme herzustellen, daß dieses unser Mitglied gearbeitet hat mit dem allertiefsten Verständnisse. Es war - und ich sage das mit vollem Bewußtsein — darinnen eine außerordentliche Genialität in der Art, wie das einzelne in die Gesamtheit hineingestellt worden ist. So daß, wenn ich dabei ein persönliches Gefühl ausdrücken darf, mich gestern im tiefsten Innern wirklich eine weite Dankbarkeit beseelte gegenüber all denen, die in so verständnisvoller Arbeit, jeder an seinem Platze, mitgewirkt hatten, eine Dankbarkeit, die sich gegenüber jedem einzelnen gerne auch heute ausdrücken möchte, eine Dankbarkeit, die auch noch eine andere Seite hat, jene Seite, die dieses Dankgefühl wiederum hinaufströmen läßt zu dem allgemeinen Urquell unseres spirituellen Lebens, aus dem doch alles dasjenige, was wir Menschen vermögen, in Wahrheit entspringt. Und nur, weil dieses spirituelle Leben tätig war, konnten wir diesen schwachen Versuch machen, ein solches Kunstwerk auf die Bühne zu bringen.

[ 10 ] Aber man konnte dabei auch Erfahrungen und Erlebnisse sammeln. Derjenige, der auf manchen Gebieten dabei gearbeitet hat, der durfte sich erfreuen daran, wie das spirituelle Leben in einer gewissen Beziehung eine sieghafte Kraft hat. Das gibt Vertrauen, das gibt festen Glauben an die Zukunft unserer Bewegung. Wir dürfen vielleicht den Glauben für das Große, den Glauben für das Umfassende unserer Bewegung aus dem Apergu über das einzelne schöpfen. Es war zum Beispiel im höchsten Grade befriedigend zu sehen, wie in den letzten zehn Tagen die spirituelle Kraft des Kunstwerkes, das wir aufführten, nicht nur wirkte auf die Mitwirkenden, die dabei beteiligt waren, wie es wirkte auf die Arbeiter, die im Theater mit Hammer und Zange arbeiteten, wie die gerne und willig mitarbeiteten bis zum letzten Theaterarbeiter hinunter. Das ist etwas, was auch zum Kunstwerke gehört, wenn der Blick sich erweitert von einem eng umgrenzten Rahmen dahin, wo das Kunstwerk wiederum wirken soll durch sein spirituelles Leben und seine spirituelleKraft wie eineSonne auf das gesamteKulturleben. Das gibt Kraft und gibt Mut. Das gibt uns aber auch einen Hinblick und einen Hinweis auf die sozialeSendung der Geisteswissenschaft. Ja, diese hat eine soziale Sendung, sie hat eine Mission für die gesamte Menschheitskultur und die gesamte Menschheitswohlfahrt. Oh, es sind viele Seelen in unserer Zeit, die den Glauben haben, nur durch materielle Mittel und durch materielle Maßnahmen könnten Menschenwohlfahrt und Menschenheil in unser zerklüftetes Leben wieder kommen, und die den Glauben und das Vertrauen verloren haben zu der siegreichen Kraft der Spiritualität. Die Praxis aber lehrt, daß der Geist die Kraft hat, geheime Freuden, geheime hingebungsvolle Lust in der Menschenseele zu entbinden; sie lehrt uns, daß, wenn wir immer mehr und mehr imstande sein werden, das Brot des geistigen Lebens unserer Gegenwart zu reichen, die Menschenseelen da sein werden, die sehnsuchtsvoll dieses Brot verzehren wollen. Spiritualität hat eine sieghafte Kraft.

[ 11 ] Ein solches Aperçu, das durch zehn Tage gemacht werden kann, ein solches Aperçu kann doch schon lehrreich sein. Es kann uns den Glauben geben zu dem, was wir wollen alsBekenner der Geisteswissenschaft; und es kann uns den Mut geben, ohne Unterlaß weiterzuarbeiten an dem Werke, das uns vorschwebt. Es darf der Geisteswissenschafter diesen offenen Blick für das Leben haben, auf daß er von dem Leben lerne. Denn nur dadurch, daß wir auf jeden Schritt unseres Lebens als Lernende zurückblicken, können wir Fortschritte machen.So wie wir sieben Jahre warten konnten auf dieses Ideal, so werden wir auf anderes, auf vieles, was durch unsere Bewegung geschehen soll, warten können bis es herangereift ist im Schoße der Zeit. Wir werden im Glauben warten können. Denn wir haben, wenn wir Geisteswissenschaft im Sinne der Gegenwart richtig verstehen, den Zentralpunkt dessen, was man den Glauben im höchsten Sinne nennt; wir haben diesen Zentralpunkt immer vor unser Antlitz hingestellt; wir haben den einen festen Punkt immer vor unser Auge hingestellt, der uns gestern entgegengetreten ist durch das Symbolum des Kreuzes.

[ 12 ] Wir wissen, was das Kreuz für die menschliche Seele bedeutet. Und wir haben uns im Laufe der Jahre bemüht, dasjenige was uns zufließt, als eine Gabe aus den spirituellen Welten zu betrachten. Wir haben uns bemüht, diese geisteswissenschaftliche Inhaltlichkeit zu einem Instrumente zu machen, um diesen Mittelpunkt des Menschheitsfortschrittes immer besser und besser zu verstehen, um den Christus und das Kreuz zu begreifen. Wenn wir erkennen die Wirklichkeit des Christus-Prinzipes, dann verstehen wir, daß dieses Christus-Prinzip eine Kraft ist, eine lebendige Kraft, die seit dem Beginn unserer Zeitrechnung mit dem Menschenleben auf der Erde verbunden ist, als sich in dem Leibe des Jesus von Nazareth dieses Christus-Prinzip mit einem Menschen verbunden hat. Seitdem ist es bei uns Menschen, wirkt unter uns und wir können teilhaftig werden seines Wirkens, wenn wir uns bemühen, alle diejenigen Mittel, die uns zur Verfügung stehen, anzuwenden, um dieses Christus-Prinzip zu begreifen; so zu begreifen, daß wir es zum Leben unserer eigenen Seele machen. Dann aber, wenn wir dieses Christus-Prinzip so verstehen, daß wir wissen, es ist in der Menschheit, es ist da, wir können hin zu ihm, wir können Lebenswasser aus dieser Quelle schöpfen, dann haben wir jenen Glauben, der warten kann, warten auf alles, was im Schoße der Zeit reifen soll, was reifen wird, wenn wir Geduld haben. Reifen wird für uns aus dem Schoße des Vergänglichen, wenn wir innerhalb dieses Vergänglichen das ChristusPrinzip erfassen, das Unvergängliche, das Ewige, das Unsterbliche. Aus dem Zeitenschoße wird das Überzeitliche für uns Menschen geboren. Wenn wir auf diesem festen Stützpunkte stehen, dann haben wir ausgehend von ihm nicht einen blinden, dann haben wir einen von Wahrheit und von Erkenntnis durchdrungenen Glauben und sagen uns: Es wird, was werden soll; und nichts hindert uns, unsere besten Kräfte einzusetzen für das, wovon wir glauben, daß es werden soll. Der Glaube auf der einen Seite, er ist das, was die echte Frucht des Kreuzes ist; er ist das, was uns immer zuruft: Blicke auf deine Mißerfolge, sie sind scheinbarer Tod deines Schaffens! Blicke von deinen Mißerfolgen auf das Kreuz und erinnere dich, daß am Kreuze war der Quell ewigen Lebens, der den Zeitentod besiegt nicht nur für sich, sondern für alle Menschen. Und aus zwei Vorstellungen entsprießt uns größter Lebensmut. Wir müssen sie nur in der richtigen Weise fassen. Oh, es ist zuweilen von gutmeinenden Menschen gegen die hier gemeinte Geisteswissenschaft eingewendet worden, daß mancher, der zu ihr kommt, weil er dieses oder jenes aufnimmt scheinbar auf bloße Autorität hin, sich schwach mache, daß er Kraft verliere. Der aber, der eine solche Behauptung tut, verwechselt das Scheinbare mit dem Wahren. Die hier gemeinte Geisteswissenschaft schwächt nicht die Menschen, sie ist eine Kraft, in der die Stärke lebt. Was kann die Frische, das Sprießende und Sprossende einer freien großen Natur und Naturluft dazu, wenn ein geschwächter Organismus in diese frische, frohe Luft kommt und sie nicht vertragen kann? Wird er noch mehr geschwächt, ist es Schuld der frischen, frohen Lebensluft? Soll sie anders sein oder soll vielmehr der Mensch sich dazu reif machen, die frische, frohe Lebensluft zu vertragen? Geist-Erkenntnis will sein eine gesunde Luft des Geistes. Kein Wunder, daß zuweilen aus der krankhaften Luft unseres Geisteslebens, wie es in der Gegenwart ist, ein geschwächter Organismus sich kraftlos und schwach fühlt im Beginne seiner geisteswissenschaftlichen Laufbahn. Geduld und Mut, die uns aus dem wirklich verstandenen ChristusPrinzip sprießen, sie sind die echten wahren Früchte des einen Teiles des hier gemeinten Geisteslebens. Aber eines gehört noch dazu. Mut, Ausdauer, Glauben allein genügen doch nicht; eines gehört dazu und wird immer mehr und mehr, je weiter wir der Zukunft entgegenschreiten, dazu gehören.

[ 13 ] Das ist: wir müssen die Möglichkeit haben, wenn wir eine Idee als die richtige erkannt haben, durch nichts uns beirren lassen an der Richtigkeit dieser Idee. Wir können uns tausendmal sagen, sie läßt sich jetzt nicht realisieren, wir müssen in Geduld und Ausdauer warten, bis die Verwirklichung möglich ist. Wenn wir glauben, daß es im Fortgange des Menschenlebens die Christus-Kraft ist, die alles reifen läßt aus dem Schoße der Zeiten im rechten Augenblicke, so müssen wir dessen ungeachtet ein Urteil über die Richtigkeit, über die unbezweifelbare Richtigkeit unseres geistigen Inhaltes haben. Können wir auf den Erfolg warten, so werden wir immer weniger genötigt sein, bloß zu warten, wenn es sich darum handelt, das Richtige, das Wahre, das Weise auch als Wahres, Weises, als Richtiges einzusehen. Nur das Kreuz ist es, das dem richtigen Verständnis Lebensmut und Lebensglauben gibt; der Stern aber ist es, der Stern, den einstmals Luzifer, der Lichtträger, innehatte, der aber diesem verlorengegangen und an das Christus-Prinzip übergegangen ist, der Stern, der uns in jedem Augenblicke erleuchten kann, wenn wir uns ihm hingeben, über die Richtigkeit, über das Unbezweifelbare unseres geistigen Inhaltes. Das ist der andere Kraftpunkt, auf dem wir fest stehen müssen. Wir müssen uns eine Erkenntnis aneignen können, die in die’ Tiefen desLebens geht, die hinter die äußeren, materiellen Erscheinungen geht, die da hineinleuchtet, wo Licht ist, auch dann, wenn es für das menschliche Auge, wenn es für den menschlichen Verstand, wenn es für die äußere Wahrnehmung finster wird. Es war notwendig für die menschliche Entwickelung, daß das ChristusEreignis eintrat im Laufe des Menschheitsfortschrittes, und wir werden in den nächsten Tagen darauf hinzuweisen haben, wie notwendig es war. Es war notwendig, was in so tiefsinniger Weise im JohannesEvangelium angedeutet ist, es war notwendig, daß diese Finsternis eine Zeitlang über die Menschheit kam. Hineingeleuchtet hat in diese Finsternis das, was wir das Christus-Prinzip, den Christus nennen. Es ist in Wirklichkeit so, wie es im Johannes-Evangelium beschrieben ist. Aber alles Leben schreitet vor, alles Leben geht weiter. Eine wunderbare, herrliche Sage der Menschheit spricht davon, daß dem Luzifer, als er vom Himmel auf die Erde herunterstürzte, ein Edelstein aus seiner Krone fiel. Aus diesem Edelstein — so sagt uns die Sage — wurde jenes Gefäß, in welchem der Christus Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl genommen hat; jenes Gefäß, in dem aufgefangen worden ist das Blut Christi, das vom Kreuze floß; jenes Gefäß, das von Engeln in die westliche Welt gebracht worden ist und in der westlichen Welt von denen aufgenommen wird, welche zum wahren Verständnis des Christus-Prinzips vordringen wollen. Es wurde aus dem Stein, der entfiel der Krone Luzifers, der heilige Gral.

[ 14 ] Was ist der heilige Gral? Sie alle wissen, daß der Mensch, so wie er heute ist, viergliedrig ist, den physischen, ätherischen, astralischen Leib und das Ich hat, daß dieses Ich im Verlaufe des menschlichen Fortschrittes entgegenschreiten muß einer immer mehr und mehr es erfüllenden Vollkommenheit, daß es immer höher und höher steigen muß. Luzifer, dem im Orient herrschenden, gefallenen, ihm entfiel der Edelstein aus der Krone; jener Edelstein ist in gewisser Beziehung nichts anderes als die volle Krafl des menschlichen Ichs. Dieses menschliche Ich muß erst in der Finsternis vorbereitet werden, um in einer neuen würdigen Art den Stern Luzifers innerhalb des Christus-Lichtes erglänzen zu sehen. Dieses Ich mußte sich hinauferziehen an dem ChristusPrinzipe, heranreifen zu demEdelstein, der nun nicht mehr demLuzifer gehört, der seiner Krone entfallen ist; das heißt, es mußte heranreifen durch Weisheit, um wieder die Fähigkeit zu haben, das Licht, das uns nicht von außen zufließt, das uns dann scheint, wenn wir selbst das Nötige dazu tun können, zu ertragen. So ist geisteswissenschaftliche Arbeit die Arbeit am menschlichen Ich, um es zum Gefäß zu machen, das wiederum fähig ist, das Licht zu empfangen, das da ist, wo heute für die äußeren Augen, für den äußeren menschlichen Verstand Finsternis und Nacht ist. Eine alte Sage sagt, daß die Nacht die ursprüngliche Herrscherin war. Diese Nacht ist aber wieder da; sie ist in allem, was heute von Finsternis erfüllt ist. Erfüllen wir uns aber selbst mit jenem Lichte, das uns aufgehen kann, wenn wir begreifen den Stern, den der Lichtträger, der andere Geist, Luzifer verloren hat; dann wird uns jene Nacht zum Tage. Die Augen hören auf zu schauen, wenn das äußere Licht die Gegenstände nicht beleuchtet; der Verstand versagt, wenn es sich darum handelt, hinter die äußere Natur der Dinge zu dringen; der Stern, der uns wird, wenn die zugleich klare und gutgesinnteForschung spricht, der erleuchtet uns das, was nur scheinbar Nacht ist, macht es uns zum Tage. Das aber ist es auch, was uns alle ertötenden und lähmenden Zweifel nimmt. Dann kommt für uns der Augenblick, wo wir Lebensmut und Glaubenskraft haben, um in Geduld zu warten; wo wir aber auch jene Sicherheit haben, die uns wird, wenn durchleuchtet ist die Welt unseres Geistes von jenem Lichte, das uns sagt: Es gibt keine Berechtigung des Zweifels im Absoluten. Können wir auf der einen Seite warten, haben wir die Kraft, unsere Intentionen reifen zu lassen, und haben wir auf der anderen Seite die absolute innere Sicherheit vom Bestande des Ewigen, des Unvergänglichen, von dem Bestande des die Verstandesfinsternis durchleuchtenden Lichtes, dann haben wir die beiden Kräfte, die uns vorwärtsbringen, dann haben wir begriffen, daß es Mission ist für die Zukunft, zwei Welten zu vereinen, dann verstehen wir, was es heißt: vor unserer Seele und vor unserem Geiste stehen die Zeichen zweier Welten, in Liebe sich vereinend. Dann begreifen wir Christi Kreuz und den im Christus-Licht erglänzenden Stern Luzifers.

[ 15 ] Das darf als etwas angeführt werden, was in einer gewissen Beziehung die Mission des geisteswissenschaftlichen Lebens für dieZukunft ist: auf der einen Seite uns zu geben Sicherheit und Kraft, zu stehen auf einem festen Grunde spirituellen Lebens, empfänglich zu werden für die neugeborene Leuchte des ehemaligen Lichtträgers, und auf der anderen Seite uns zu stützen auf den anderen Stützpunkt des festen Glaubens und der festen Zuversicht, daß das, was geschehen soll durch die Kräfte, die in der Welt liegen, geschehen wird. Nur durch diese zwiefache Sicherheit werden wir wirken können, was wir wirken sollen in der Welt; nur durch diese zwiefache Sicherheit wird es uns gelingen, Geist-Erkenntnis ins Leben überzuführen.

[ 16 ] Daher müssen wir uns klar darüber sein, daß wir nicht nur die Aufgabe haben, den Stern zu begreifen wie er geleuchtet hat durch das Menschenwerden, bis dem Luzifer aus der Krone entfallen ist der Edelstein, sondern wir müssen begreifen, daß wir das aufnehmen müssen, was aus diesem Edelsteine geworden ist, den heiligen Gral, daß wir verstehen müssen das Kreuz im Stern; daß wir verstehen müssen das, was als lichtvolle Weisheit geleuchtet hat in Urweltzeiten, was wir im tiefsten verehren als Weisheit der vorchristlichen Zeiten, zu denen wir wahrhaftig in voller Hingebung aufblicken, und daß wir dem hinzufügen müssen das, was die Welt hat werden können durch die Mission des Kreuzes. Nicht das Geringste soll uns entfallen von der vorchristlichen Weisheit, nicht das Geringste soll uns entfallen von dem Lichte des Orientes. Wir blicken zum Phosphoros, zum Lichtträger; ja, wir erkennen diesen ehemaligen Lichtträger als die Wesenheit, die uns erst verständlich machen kann die ganze tiefe innereBedeutung desChristus; aber wir sehen neben Phosphoros Christophoros, den Christusträger, und versuchen die geisteswissenschaftliche Mission zu verstehen, daß sie nur erfüllt werden kann, wenn wirklich die Zeichen dieser beiden Welten «in Liebe sich vereinen». Verstehen wir diese Mission so, dann wird uns der Stern der Leiter sein zur Sicherheit eines lichtvollen geistigen Lebens, dann wird uns der Christus der Leiter sein zu der inneren Wärme unserer Seele im Glauben und Vertrauen, daß da geschehen wird, was man nennen kann: Geburt des Ewigen aus dem Zeitlichen. Erinnern wir uns stets des Prinzipes: daß wenn, was wir wollen, das Rechte ist, uns nichts beirren kann darinnen, zu warten, bis uns die Früchte reifen.Stehen wir fest in dem Aufblicke zum Stern, den Luzifer verloren hat, auf der einen Seite, zum Kreuze des Christus auf der anderen Seite, dann werden wir innerlich und lebendig die Mission der Geist-Erkenntnis durchdringen, dann werden wir immer mehr und mehr in uns befestigen die Sicherheit, daß das Licht, das aus dieser Geist-Erkenntnis leuchtet, ein wahres Sternenlicht ist. Dann aber auch werden wir immer mehr und mehr den Glauben und das Vertrauen haben, daß reifen werden die Früchte dieser Erkenntnis; dann wird uns nichts zaghaft machen; dann werden wir in Geduld und Ausdauer alle Mißerfolge hinnehmen können. Wir werden, zurückblickend auf ein Kleines, was wir zunächst erreicht haben, uns sagen: Wir werden nach und nach einen kleinen Keim durch unsere Bewegung in der Menschheit schaffen, so daß das Licht des Orients sein Widerleuchten finden kann, sein mächtiges, verständnisvolles Widerleuchten in dem Christus-Prinzipe des Abendlandes. Dann werden wir auch erkennen, daß es ein Licht des Okzidents gibt, das scheint, um das, was aus dem Orient stammt, noch lichtvoller zu machen als es durch seine eigene Kraft ist. Lichtvoll wird eine Sache durch die Lichtquelle, von der sie beleuchtet wird. Daher sage niemand, daß irgendeine Verfälschung orientalischer Weisheit eintritt, wenn das Licht des Okzidents auf diese orientalische Weisheit scheint. Es wird scheinen das, was schön, groß und erhaben ist. Es wird am schönsten, größten und erhabensten scheinen, wenn es mit dem edelsten Lichte erleuchtet wird. Wenn uns diese Idee, die wir ahnend in unsere Seele aufnehmen, erfüllt, dann werden wir an Kleinem gefühls- und empfindungsmäßig Größeres lernen können; dann werden wir daran lernen, uns zu sagen: Wir stehen fest in unseren Wahrheiten, und wir warten geduldig auf dieRealisierung dieser Wahrheiten; wir haben die Kraft, nicht zu wanken in dem, was aus dem Lichte auf der einen Seite kommt; wir haben aber auch die Kraft, zu warten, und wenn es noch so lange dauern sollte, bis das, was wir als Keim legen wollen in der Zeiten Schoß, die Früchte reifen lassen wird.

[ 17 ] Wir konnten warten, bis wir an die uns so am Herzen liegende Aufgabe herantreten konnten, «Die Kinder des Luzifer» verkörpert vor menschliche Augen hinzustellen. Die Geisteswissenschaft hat nach allen Richtungen, auf allen Gebieten des Lebens ihre großen Aufgaben. Sind wir heute schon sicher durch jenes Licht, das diese Aufgaben in sich schließt, wenn wir den einen Stützpunkt fest unter uns haben, so sind wir auf der anderen Seite auch sicher im Glauben und Vertrauen, daß die kleinsten und die größten Aufgaben, wenn wir uns ihnen hingeben, erfüllt werden müssen.

[ 18 ] Und so bauen wir auf das Licht, das von der Geist-Erkenntnis ausgeht; und so bauen wir auf die Wärme, die von ihr ausgeht, und die uns erfüllt, die uns mit Glauben und Zuversicht in unserer Mission erfüllen kann. Und wirken im rechten Sinne und wahrer Art weiter unter den beiden Zeichen des Sterns und des Kreuzes, den «Zeichen zweier Welten in Liebe sich vereinend», wirken von Zeitpunkt zu Zeitpunkt, wirken in festem Glauben daran, daß, wenn wir im Laufe der Zeiten unsere Aufgabe richtig erfassen, wir wirken für das, wofür der Mensch wirken soll, für die Ewigkeit. Denn für menschliches Wirken ist die Ewigkeit die Geburt desjenigen, das in den Zeiten reift.