Anthroposophy, Psychosophy
and Pneumatosophy
GA 115
3 November 1910, Berlin
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Anthroposophy Psychosophy Pneumatosophy, tr. SOL
Psychosophie III
Psychosophy III
Eleusis
An Hölderlin
Um mich, in mir wohnt Ruhe. Der geschäft’gen Menschen
Nie müde Sorge schläft. Sie geben Freiheit
Und Muße mir. Dank dir, du meine
Befreierin, o Nacht! - Mit weißem Nebelflor
Umzieht der Mond die ungewissen Grenzen
Der fernen Hügel. Freundlich blinkt
Der helle Streif des Sees herüber.
Des Tags langweil’gen Lärmen fernt Erinnerung,
Als lägen Jahre zwischen ihm und jetzt.
Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
Und der entfloh’nen Tage Lust. Doch bald weicht sie
Des Wiedersehens süßern Hoffnungen.
Schon malt sich mir der langersehnten, feurigen
Umarmung Szene; dann der Fragen, des geheimern,
Des wechselseitigen Ausspähens Szene,
Was hier an Haltung, Ausdruck, Sinnesart am Freund
Sich seit der Zeit geändert; - der Gewißheit Wonne,
Des alten Bundes Treue, fester, reifer noch zu finden,
Des Bundes, den kein Eid besiegelte:
Der freien Wahrheit nur zu leben,
Frieden mit der Satzung,
Die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie einzugehn!
Nun unterhandelt mit der trägern Wirklichkeit der Sinn,
Der über Berge, Flüsse leicht mich zu dir trug.
Doch ihren Zwist verkündet bald ein Seufzer und mit ihm
Entflieht der süßen Phantasien Traum.Mein Aug’ erhebt sich zu des ew’gen Himmels Wölbung,
Zu dir, o glänzendes Gestirn der Nacht!
Und aller Wünsche, aller Hoffnungen
Vergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab.
Der Sinn verliert sich in dem Anschau’n,
Was mein ich nannte, schwindet.
Ich gebe mich dem Unermetßlichen dahin.
Ich bin in ihm, bin alles, bin nur es.
Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,
Ihm graut vor dem Unendlichen, und staunend faßt
Er dieses Anschau’ns Tiefe nicht.
Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige,
Vermählt es mit Gestalt. - Willkommen, ihr,
Erhab’ne Geister, hohe Schatten,
Von deren Stirne die Vollendung strahlt!
Erschrecket nicht. Ich fühl’, es ist auch meine Heimat,
Der Glanz, der Ernst, der euch umfließt.Ha! Sprängen jetzt die Pforten deines Heiligtums,
O Ceres, die du in Eleusis throntest!
Begeist’rungtrunken fühlt’ ich jetzt
Die Schauer deiner Nähe,
Verstände deine Offenbarungen,
Ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernähme
Die Hymnen bei der Götter Mahle,
Die hohen Sprüche ihres Rats.Doch deine Hallen sind verstummt, o Göttin!
Geflohen ist der Götter Kreis in den Olymp
Zurück von den entheiligten Altären,
Gefloh’n von der entweihten Menschheit Grab
Der Unschuld Genius, der her sie zauberte.
Die Weisheit deiner Priester schweigt.
Kein Ton der heil’gen Weih’n
Hat sich zu uns gerettet, und vergebens sucht
Der Forscher Neugier mehr, als Liebe
Zur Weisheit. Sie besitzen die Sucher und verachten dich.
Um sie zu meistern, graben sie nach Worten,
In die dein hoher Sinn gepräget wär”.
Vergebens! Etwas Staub und Asche nur erhaschen sie,
Worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.
Doch unter Moder und Entseeltem auch gehelen sich
Die Ewigtoten, die Genügsamen! - Umsonst, es blieb
Kein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur.
Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fülle,
Des unaussprechlichen Gefühles Tiefe viel zu heilig,
Als daß er trock’ne Zeichen ihrer würdigte.
Schon der Gedanke faßt die Seele nicht,
Die, außer Zeit und Raum in Ahnung der Unendlichkeit
Versunken, sich vergißt und wieder zum Bewußtsein nun
Erwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,
Spräch’ er mit Engelzungen, fühlt der Worte Armut.
Ihm graut, das Heilige so klein gedacht,
Durch sie so klein gemacht zu haben, daß die Red’ ihm Sünde deucht,
Und daß er bebend sich den Mund verschließt.
Was der Geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weises
Gesetz den ärmern Geistern, das nicht kund zu tun,
Was sie in heil’ger Nacht gesehn, gehört, gefühlt,
aß nicht den Bessern selbst auch ihres Unfugs Lärm
n seiner Andacht stört’, ihr hohler Wörterkram
Ihn auf das Heil’ge selbst erzürnen machte, dieses nicht
So in den Kot getreten würde, daß man dem
Gedächtnis gar es anvertraute, daß es nicht
Zum Spielzeug und zur Ware des Sophisten,
Die er obolenweis verkaufte,
Zu des beredten Heuchlers Mantel, oder gar
Zur Rute schon des frohen Knaben, und so leer
Am Ende würde, daß es nur im Widerhall
Von fremden Zungen seines Lebens Wurzel hätte.
Es trugen geizig deine Söhne, Göttin,
Nicht deine Ehr’ auf Gaß’ und Markt, verwahrten sie
Im innern Heiligtum der Brust.
Drum lebtest du auf ihrem Munde nicht.
Ihr Leben ehrte dich. In ihren Taten lebst du noch.Auch diese Nacht vernahm ich, heil’ge Gottheit, Dich.
Dich offenbart oft mir auch deiner Kinder Leben,
Dich ahn’ ich oft als Seele ihrer Taten!
Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben,
Der einer Gottheit, wenn auch alles untergeht, nicht wankt.
Eleusis
To Hölderlin
Around me, within me, dwells peace. The restless people
Never tire of their cares. They grant me freedom
And leisure. Thanks to you, my
Liberator, O Night!—With a white misty veil
The moon traces the uncertain boundaries
Of the distant hills. A friendly glimmer
Of the lake’s bright strip shines across.
It banishes the memory of the day’s tedious clamor,
As if years lay between it and now.
Your image, beloved, steps before me,
And the joy of days gone by. Yet soon it gives way
To sweeter hopes of reunion.
Already I envision the scene of the long-awaited, fiery
Embrace; then the scene of questions, of the more secret,
Of mutual scrutiny,
What in my friend’s bearing, expression, and disposition
Has changed since that time;—the joy of certainty,
To find the faith of the old bond, firmer, more mature still,
The bond that no oath sealed:
To live by free truth alone,
At peace with the constitution,
Which governs thought and feeling, never, never to yield!
Now the mind negotiates with sluggish reality,
Which once carried me lightly over mountains and rivers to you.
But a sigh soon announces their discord, and with it
The sweet dream of fantasy flees.My eye rises to the vault of the eternal sky,
To you, O shining star of the night!
And all desires, all hopes
Forgotten, flow down from your eternity.
The mind loses itself in the vision,
What I called “I” fades away.
I surrender myself to the Immeasurable.
I am in it, am everything, am only it.
The recurring thought grows estranged,
It shudders at the Infinite, and in wonder
It cannot grasp the depth of this vision.
Imagination brings the eternal closer to the senses,
Marries it to form. — Welcome, you,
Sublime spirits, lofty shadows,
From whose brows perfection shines!
Do not be alarmed. I feel that it is also my home,
The radiance, the solemnity that surrounds you.Ha! If now the gates of your sanctuary were to burst open,
O Ceres, who once reigned in Eleusis!
Drunk with inspiration, I would now feel
The thrills of your presence,
Understand your revelations,
I would interpret the lofty meaning of the images, I would hear
The hymns at the gods’ feast,
The lofty sayings of their council.But your halls have fallen silent, O Goddess!
The circle of gods has fled to Olympus
Back from the desecrated altars,
Fleeing from the grave of desecrated humanity
The genius of innocence that conjured them here.
The wisdom of your priests is silent.
No sound of the sacred consecrations
Has reached us, and in vain does
The seeker’s curiosity seeks more than love
For wisdom. They possess the seekers and despise you.
To master them, they dig for words,
In which your lofty spirit would be imprinted.”
In vain! They catch only dust and ashes,
In which your life will never return to them again.
Yet even amidst decay and lifelessness, there dwell
The eternally dead, the contented! — In vain, there remained
No sign of your feasts, no trace of an image.
To the son of consecration, the abundance of lofty teachings,
The depth of inexpressible feeling was far too sacred,
That he should deign to honor them with dry symbols.
Even the thought does not grasp the soul,
Which, beyond time and space, immersed in a sense of infinity
Forgets itself and now awakens once more to consciousness.
Whoever would even speak of this to others,
Even if he spoke with the tongues of angels, would feel the poverty of words.
He dreads having conceived the sacred as so small,
Having made it so small through them, that speech seems a sin to him,
And that he tremblingly seals his lips.
What the consecrated one thus forbade himself, a wise
Law forbade the poorer spirits from making known,
What they saw, heard, and felt on that holy night,
provided that the better ones themselves were not disturbed by the clamor of their own folly
in their devotion, nor did their hollow verbiage
enrage them against the Holy One Himself, so that this
would not be trampled into the mud, that one might
memory, lest it
become a plaything and merchandise of the sophist,
whom he sold for a few obols,
the cloak of the eloquent hypocrite, or even
the rod of the merry boy, and thus become so empty
in the end that it would find the root of its life only in the echo
From foreign tongues would have the root of its life.
Your sons, goddess, carried it sparingly,
Not your honor in the streets and markets; they kept it
In the inner sanctuary of the breast.
Therefore you did not live on their lips.
Their lives honored you. In their deeds you still live.This night, too, I heard you, holy deity.
The lives of your children often reveal you to me,
I often sense you as the soul of their deeds!
You are the lofty spirit, the faithful faith,
That does not waver in a deity, even if all else perishes.
[ 1 ] Wir werden diesen Vortrag wiederum beginnen mit der Rezitation einer Dichtung, die dienen soll zur Illustration einiger Dinge, die ich heute und morgen werde auszuführen haben. Diesmal soll es sich gewissermaßen handeln um eine Dichtung eines Nicht-Dichters, die gegenüber der andern Geistesbetätigung der betreffenden Persönlichkeit erscheint wie ein gelegentlicher Abfall aus dieser Geistesberätigung. Wir haben es also mit einer Seelenoffenbarung zu tun, die gewissermaßen nicht aus dem allerinnersten Impuls dieser Seele hervorgegangen ist. Und gerade an dieser Tatsache wird es uns dann möglich sein, innerhalb dieser Vorträge manches zum 'Thema gehörige besonders gut zu beobachten. Die Dichtung ist von dem deutschen Philosophen Hegel und behandelt sein Verhältnis zu gewissen Einweihungsgeheimnissen der Menschheit.
[ 1 ] We will once again begin this lecture with the recitation of a poem intended to illustrate some of the points I will be discussing today and tomorrow. This time, it is, so to speak, a poem by a non-poet, which, in contrast to the other intellectual pursuits of the person in question, appears as a sort of occasional byproduct of those pursuits. We are thus dealing with a revelation of the soul that, in a sense, did not arise from the innermost impulse of that soul. And it is precisely this fact that will enable us, within these lectures, to observe certain aspects of the subject particularly well. The poem is by the German philosopher Hegel and deals with his relationship to certain initiatory mysteries of humanity.
[ 2 ] Wenn wir an die Behauptung der beiden letzten Vorträge denken, daß das Seelenleben, wenn wir es überblicken, uns bis an seine Grenzen hin im wesentlichen seine beiden Elemente zeige, das Urteilen und die Erlebnisse von Liebe und Haß, die mit dem Begehren zusammenhängen, so könnte es scheinen, als ob mit dieser Behauptung gerade das Allerwichtigste des Seelenlebens außer acht gelassen wäre, wodurch sich die Seele so recht in ihrer Innerlichkeit erlebt: das Gefühl, das Fühlen. So könnte es jemandem beikommen zu sagen, es sei in diesen Vorträgen das Seelenleben gerade durch das charakterisiert worden, was ihm gewissermaßen nicht eigentümlich ist, und es sei zunächst keine Rücksicht auf das genommen worden, was im Seelenleben hin und her, auf und ab wogt als Gefühl und ihm seinen jeweiligen Charakter gibt.
[ 2 ] If we consider the assertion made in the last two lectures—that when we survey the life of the soul, it essentially reveals to us, right up to its limits, its two elements: judgment and the experiences of love and hate associated with desire— it might seem as though this assertion overlooks precisely the most essential aspect of the life of the soul—that through which the soul truly experiences itself in its innermost being: feeling. Thus, one might be led to say that in these lectures, the life of the soul has been characterized precisely by what is, in a sense, not peculiar to it, and that no account has been taken, at least initially, of what surges back and forth, up and down in the life of the soul as feeling and gives it its respective character.
[ 3 ] Wir werden nun sehen, daß wir allerdings das Dramatische des Seelenlebens, das wir gestern versuchten hervorzuheben, werden verstehen können, wenn wir uns dem Gefühle dadurch nähern, daß wir von den beiden charakterisierten Elementen des Seelenlebens ausgehen. Da müssen wir zunächst wieder bei einfachen Tatsachen des Seelenlebens beginnen. Und die einfachsten Tatsachen des Seelenlebens wurden ja schon öfter genannt. Es sind die durch die Tore unserer Sinne gewonnenen Sinneserlebnisse, die hereindringen in unser Seelenleben und in demselben dann weiter ihr Dasein haben. Vergleichen Sie einmal diese Tatsache - daß sozusagen das Seelenleben seine Wogen hin schlägt bis zu den Toren der Sinne und von diesen Toren der Sinne zurücknimmt in sich selber die Erlebnisse der Sinneswahrnehmungen, die dann selbständig weiterleben innerhalb des Seelenlebens -, vergleichen Sie diese Tatsache mit der andern, daß alles, was sich zusammenfassen läßt in den Erlebnissen von Liebe und Haß, die aus den Begehrungen kommen, aufsteigt wie aus dem inneren Seelenleben selber. Wie aus einem Mittelpunkt des Seelenlebens steigen zunächst für die bloße Seelenbeobachtung die Begehrungen auf, und diese Begehrungen sind es ja, die, selbst für eine oberflächliche Betrachtung, in der Seele zu den Erlebnissen von Liebe und Haß führen. Aber wir würden fehl gehen, wenn wir die Begehrungen etwa zunächst in der Seele selber suchen wollten. Für die [genaue] Seelenbeobachtung sind diese Begehrungen nicht in der Seele selbst zu suchen. Da würden sie nicht gefunden werden können. Wenn Sie nur eine allseitige Seelenbeobachtung dagegen nehmen, so werden Sie finden, wenn Sie Ihr Seelenleben betrachten, wie die Begehrungen aufsteigen gegenüber der Außenwelt, und wie nun in der Seele selber hervorquellen Liebe und Haß, die Ausdrücke des Begehrens. So können wir sagen, daß weitaus der größte Umfang der seelischen Erlebnisse, soweit es sich um Vorstellungen handelt, gewonnen wird an den Grenzen des Seelenlebens durch die Tore der Sinne. Dasjenige dagegen, was im Seelischen sich als Begehren auslebt, als Liebe und Haß, das steigt aus dem Mittelpunkt der Seele auf.
[ 3 ] We shall now see that we can indeed understand the dramatic nature of the life of the soul—which we tried to highlight yesterday—if we approach the feeling by starting from the two elements of the life of the soul that we have characterized. To do this, we must first return to the simple facts of the life of the soul. And the simplest facts of the life of the soul have, of course, been mentioned many times before. They are the sensory experiences gained through the gates of our senses, which penetrate into our life of the soul and continue to exist within it. Compare this fact—that, so to speak, the life of the soul sends out its waves to the gates of the senses and, from these gates of the senses, takes back into itself the experiences of sensory perceptions, which then continue to live on independently within the life of the soul— compare this fact with the other, that everything that can be summed up in the experiences of love and hate, which arise from desires, rises as if from the inner life of the soul itself. As if from a center of the soul’s life, desires first arise for mere observation of the soul, and it is these desires that, even upon superficial observation, lead to the experiences of love and hate within the soul. But we would be mistaken if we were to seek these desires, for instance, first within the soul itself. For [precise] observation of the soul, these desires are not to be sought in the soul itself. They could not be found there. If, on the other hand, you engage in a comprehensive observation of the soul, you will find, when you observe your inner life, how desires arise in relation to the external world, and how love and hatred—the expressions of desire—now well up within the soul itself. Thus we can say that by far the greatest extent of soul experiences, insofar as they concern perceptions, is gained at the boundaries of the soul life through the gates of the senses. That which, on the other hand, plays out in the soul as desire—as love and hatred—arises from the center of the soul.
[ 4 ] Nun werden wir uns am besten verständigen können, wenn wir in eine Art graphisches Bild bringen, was wir so als eine Tatsache erkennen. Da werden wir dieses Seelenleben, das von uns in seiner Innerlichkeit zunächst betrachtet werden soll, gut charakterisieren können, wenn wir es als das Innere eines Kreises betrachten, das uns den Inhalt unseres vielgestaltigen Seelenlebens repräsentieren soll. Denken wir uns nun die Sinnesorgane wirklich wie Tore, als die wir sie auch zu betrachten haben. Das können Sie auch aus den Vorträgen über Anthroposophie entnehmen. Jetzt genügt es, daß wir sie als Tore, wie Öffnungen nach der Außenwelt hin betrachten. Wenn wir nun das Innere des Seelenlebens graphisch darstellen wollten, könnten wir nichts Besseres tun, als aus dem Mittelpunkt dieses Seelenlebens wie hervorquellen zu lassen allseitig in das Seelenleben hinein die Flut der Begehrungen, die sich ausleben in den Phänomenen von Liebe und Haß. So würden wir gleichsam unsere Seele ganz angefüllt haben mit Begehrungen und würden bis zu den Toren der Sinne die Flut der Begehrungen hinbrandend finden.
[ 4 ] We will be able to communicate most effectively if we represent what we recognize as a fact in a kind of visual image. We will be able to characterize this inner life of the soul—which we are to consider first in its inner nature—well if we view it as the interior of a circle, which is to represent the content of our multifaceted inner life. Let us now imagine the sense organs truly as gates, as we must indeed regard them. You can also glean this from the lectures on anthroposophy. Now it suffices that we regard them as gates, as openings toward the outer world. If we now wished to represent the inner life of the soul graphically, we could do nothing better than to let the flood of desires—which play out in the phenomena of love and hate—well up from the center of this inner life and flow in every direction into the soul. In this way, we would, as it were, have filled our soul entirely with desires and would find the flood of desires surging all the way to the gates of the senses.


[ 5 ] Was wird nun da zustande kommen, wo ein Sinneserlebnis eintritt, zum Beispiel das des Tones durch das Gehörorgan oder das der Farbe durch das Gesichtsorgan? Die Außenwelt lassen wir zunächst in bezug auf ihren Inhalt unberücksichtigt und sagen: Nehmen wir auf der einen Seite den Moment, in dem die sinnliche Wahrnehmung geschieht, dieser Wechselverkehr der Seele mit der Außenwelt. Versetzen wir uns lebendig in diesen Augenblick, wo die Seele, innerlich es erlebend, durch das Tor des Sinnesorganes an der Außenwelt unmittelbar das Farb- oder Tonerlebnis hat. Jetzt denken Sie sich abgewendet von dem Sinneserlebnis, und denken Sie sich einmal, daß die Seele nun weiter in der Zeit lebt und sich als Erinnerungsvorstellung das mitnimmt und behält, was sie sich gleichsam erobert hat an dem Sinneserlebnis. Das trägt also die Seele jetzt weiter.
[ 5 ] What happens when a sensory experience occurs, for example, that of sound through the organ of hearing or that of color through the organ of sight? Let us initially disregard the external world in terms of its content and say: Let us take, on the one hand, the moment in which sensory perception occurs—this interaction between the soul and the external world. Let us vividly place ourselves in this moment, where the soul, experiencing it inwardly, has the direct experience of color or sound through the gateway of the sense organ. Now imagine turning away from the sensory experience, and imagine that the soul now lives on in time, taking with it and retaining as a memory-image what it has, as it were, captured from the sensory experience. This is what the soul now carries forward.
[ 6 ] Wir haben gesagt, wir müssen unterscheiden zwischen dem, was die Seele da weiterträgt als Erinnerungsvorstellung der Sinneswahrnehmung und zwischen der Sinneswahrnehmung selber; denn wenn man nicht ordentlich unterscheidet, kommt nicht Wahrheit heraus, sondern Schopenhauerianismus. Daher müssen wir unterscheiden das in der Seele als Erinnerungsvorstellung fortdauernde Erleben und das in der Tätigkeit der Sinneswahrnehmung entstehende Erleben. Was ist geschehen in dem Augenblick, da die Seele durch das Tor der Sinneswahrnehmung ausgesetzt war der Außenwelt?
[ 6 ] We have said that we must distinguish between what the soul carries forward as a memory-image of sensory perception and sensory perception itself; for if one does not make this distinction properly, the result is not truth, but Schopenhauerianism. Therefore, we must distinguish between the experience that persists in the soul as a memory image and the experience that arises in the activity of sensory perception. What happened at the moment when the soul was exposed to the external world through the gateway of sensory perception?
[ 7 ] Wie die Erfahrung unmittelbar ergibt, ist ja wirklich unsere Seele innerlich lebend in dem Flutenmeere der Begehrungen, der Phänomene von Liebe und Haß, in dem Umfange, wie ich es gestern und vorgestern charakterisiert habe. Und indem die Seele ihre eigenen Wogen bis zu den Toren der Sinne hinschlagen läßt, schlägt eben an das Tor der Sinne das Begehren an, und dieses Begehren berührt sich tatsächlich in dem Augenblick des Sinneserlebnisses mit der Außenwelt. Dieses Begehren ist es, das gleichsam von der andern Seite her einen Siegelabdruck erhält. Nehmen Sie ein Petschaft, auf dem der Name Müller steht, und drücken Sie es in Siegellack ab, dann bleibt der Name Müller in dem Siegellack zurück. Was ist in dem Siegelabdruck zurückgeblieben? Eine Prägung, durch das Petschaft verursacht. Sie können nicht sagen, was da hineingedrückt ist, stimme nicht überein mit dem, was die äußere Welt bewirkt hat! Das wäre wieder nicht unbefangene Beobachtung, sondern Kantianismus. Insofern Sie bloß auf das äußere Materielle sehen wollen, ist es schon Kantianiismus. Wenn Sie aber auf das sehen, worauf es ankommt, auf den Namen Müller in diesem Fall, und nicht auf das Messing, so müssen Sie sagen: In dem, was sich da entgegengestellt hat dem Sinneserlebnis, hat sich von außen eine Prägung hineingedrückt, ein Abdruck gebildet. Der wird mitgenommen. Geradeso wie Sie nicht das Petschaft mitnehmen, so nehmen Sie auch die Farbe oder den Ton nicht mit, aber Sie nehmen mit, was in der Seele als Prägung entstanden ist. Was man Begehren, was man die Phänomene von Liebe und Haß nennen kann, das kommt den Sinneserlebnissen entgegen.
[ 7 ] As experience immediately reveals, our soul truly lives within the surging sea of desires, the phenomena of love and hate, to the extent that I described yesterday and the day before. And as the soul allows its own waves to crash up to the gates of the senses, desire strikes precisely at the gate of the senses, and this desire actually comes into contact with the external world at the very moment of sensory experience. It is this desire that, as it were, receives a seal impression from the other side. Take a seal bearing the name Müller and press it into sealing wax; the name Müller remains imprinted in the sealing wax. What has remained in the seal impression? An imprint caused by the seal. You cannot say that what has been pressed into it does not correspond to what the external world has brought about! That would again not be unbiased observation, but Kantianism. Insofar as you wish to look merely at the external material, it is already Kantianism. But if you look at what matters—in this case, the name Müller—and not at the brass, then you must say: In what has opposed the sensory experience, an impression has been pressed in from the outside, a mark has been formed. That is what is taken along. Just as you do not take the seal with you, so you do not take the color or the tone with you, but you do take with you what has arisen in the soul as an imprint. What one might call desire, what one might call the phenomena of love and hate, that meets the sensory experiences.
[ 8 ] Kann man es denn so nennen? Ist denn wirklich, selbst bei dem bloßen Sinneserlebnis, etwas zu spüren von einem Phänomen von Liebe oder Haß? Gibt es etwas im unmittelbaren Sinneserlebnis, was wirklich wie eine Art von Begehren nach außen sich hindrängen muß? Wenn da nichts, was einem Begehren ähnlich oder gleichartig wäre, hindrängen würde zu dem Sinneserlebnis, so bekämen Sie es nicht mit im weiteren Seelenleben; dann bildete sich keine Erinnerungsvorstellung. Es gibt aber eine Tatsache dafür, daß Begehren anschlägt nach außen, ob Sie nun Tonwahrnehmungen, Farbwahrnehmungen, Geruchswahrnehmungen oder dergleichen haben, und diese Tatsache ist die Tatsache der Aufmerksamkeit. Ein Sinneserlebnis, auf das wir nur hinstieren, macht natürlich dann auch einen Eindruck auf uns nach den Gesetzen, die bestehen zwischen der Außenwelt und dem Sinnesorgan, aber der Eindruck, auf den Sie nur hinstieren, trägt sich nicht im Seelenleben weiter fort. Sie müssen ihm von innen entgegenkommen mit der Kraft der Aufmerksamkeit. Und je größer die Aufmerksamkeit ist, desto leichter trägt die Seele die Sinneserlebnisse als Erinnerungsvorstellungen im weiteren Leben mit. So steht die Seele mit der Außenwelt so im Zusammenhang, daß gleichsam diese Seele das, was sie im Innern ist, substantiell, bis an die äußersten Grenzen ihres Wesens schlagen läßt, und das zeigt sich an den äußersten Grenzen ihres Wesens noch in der Tatsache der Aufmerksamkeit.
[ 8 ] Can one really call it that? Is there really, even in the mere sensory experience, anything to be felt of a phenomenon of love or hate? Is there anything in the immediate sensory experience that truly must push its way forward as a kind of outward desire? If there were nothing resembling or akin to a desire pushing its way into the sensory experience, you would not register it in your further inner life; then no memory image would form. But there is a fact that supports the idea that desire extends outward, whether you are perceiving sounds, colors, smells, or the like, and that fact is the fact of attention. A sensory experience that we merely stare at naturally makes an impression on us according to the laws that govern the relationship between the external world and the sensory organ, but the impression that you merely stare at does not carry over into the life of the soul. You must meet it from within with the power of attention. And the greater the attention, the more easily the soul carries the sensory experiences forward as memories in the course of life. Thus the soul is connected to the external world in such a way that, as it were, this soul allows what it is inwardly to extend substantially to the outermost limits of its being, and this is still evident at the outermost limits of its being in the very fact of attention.
[ 9 ] Das andere, was zum Seelenleben gehört, das Urteilen, wird gerade beim unmittelbaren Sinneserlebnis ausgeschaltet. Da macht sich das Begehren, das Hingebende und Exponierende der Seele gegenüber den äußeren Eindrücken allein geltend. Ein Sinneseindruck ist gerade dadurch charakterisiert, daß die Aufmerksamkeit bei ihm so hingeordnet ist, daß die Urteilsfällung als solche ausgeschaltet wird. Wenn sich die Seele dem Rot oder irgendeinem 'Ton exponiert, lebt in diesem Exponieren nur Begehren, und die andere Seelentätigkeit, das Urteilen, wird in diesem Falle ausgeschaltet, unterdrückt. Nur muß man sich klar sein, daß man da ganz genau die Grenze ziehen muß, wenn | man genau und nicht phantastisch betrachten will. Wenn Sie zum Beispiel eine rote Farbe gesehen haben und sagen: Rot ist - so haben Sie schon geurteilt; nur wenn Sie beim Farbeindruck stehenbleiben, haben Sie es mit einer bloßen Korrespondenz der Seele mit der Außenwelt zu tun. Was entsteht nun bei der Wechselwirkung des Begehrungselementes mit der Außenwelt?
[ 9 ] The other aspect of the soul’s life—judgment—is suspended precisely during the immediate sensory experience. Here, only the soul’s desire, its self-surrender, and its exposure to external impressions come to the fore. A sensory impression is characterized precisely by the fact that attention is directed toward it in such a way that judgment as such is suspended. When the soul exposes itself to the color red or to any ‘tone,’ only desire lives in this exposure, and the other activity of the soul—judgment—is in this case suspended, suppressed. One must, however, be clear that one must draw the line very precisely here if one wishes to observe accurately and not fantastically. For example, if you have seen a red color and say, “Red is”—then you have already judged; only if you stop at the color impression are you dealing with a mere correspondence of the soul with the external world. What now arises from the interaction of the element of desire with the external world?
[ 10 ] Wir haben ja, weil wir genau vorstellen wollen, unterschieden zwischen Sinneswahrnehmung und Sinnesempfindung und haben die Sinneswahrnehmung das Erlebnis genannt, das beim Exponieren den äußeren Eindrücken gegenüber durchgemacht wird, was erlebt wird während des Eindruckes, die Sinnesempfindung aber dasjenige, was da bleibt, was die Seele mitträgt. Daher können wir sagen: In dem, was wir mittragen, haben wir eine Modifikation des Begehrens. Die Aufmerksamkeit zeigt uns, daß Begehren da ist, und was bleibt, das entpuppt sich als Sinnesempfindung. Was in unserer Seele weiterlebt, ist daher modifiziertes Begehren als Empfindung. Wir tragen in der Tat das Wesen unserer eigenen Seele auch mit den Sinnesvorstellungen, mit den Sinnesempfindungen mit. Durch das, was da wogt und brandet durch unser ganzes Seelenwesen, durch die Begehrenskraft in uns, entsteht die Sinnesempfindung.
[ 10 ] Since we want to explain this precisely, we have distinguished between sensory perception and sensory sensation, calling sensory perception the experience that occurs when exposed to external impressions—what is experienced during the impression itself—while sensory sensation is what remains, what the soul carries with it. Therefore, we can say: In what we carry with us, we have a modification of desire. Attention shows us that desire is present, and what remains turns out to be a sensory sensation. What lives on in our soul is therefore modified desire as sensation. We do indeed carry the essence of our own soul along with the sensory images and sensations. Through what surges and swells through our entire soul, through the power of desire within us, the sensory sensation arises.
[ 11 ] Die Sinnesempfindung, haben wir gesehen, entsteht an der Grenze zwischen Seelenleben und Außenwelt, bei dem Tor der Sinne. Nehmen wir aber einmal an, die Begehrungskraft in uns ginge nicht bis an die Grenze des Seelenlebens, sie bliebe innerhalb desselben. Wenn wir von einem Sinneserlebnis sprechen, würden wir sagen, es dringe die Begehrungskraft bis an die Oberfläche der Seele. Denken wir uns aber nun, es würde sich eine Begehrung vorschieben, würde aber nicht bis an die Grenze des Seelenlebens kommen, sondern sie stumpfe sich gleichsam innerhalb des Seelenwesens ab, bliebe innerhalb desselben und griffe nicht vor bis zum Tore eines Sinnes. Was wäre in diesem Falle geschehen? Wir haben gesehen: Wenn die Begehrung vorstößt und genötigt ist, sich zurückzuziehen, so entsteht die Empfindung, die Sinnesempfindung. Die Sinnesempfindung entsteht nur dann, wenn das Zurückziehen durch einen Gegenschlag von außen bewirkt wird, also durch das, was der Sinn macht. Innere Empfindung entsteht, wenn das Begehren nicht durch eine direkte Berührung mit der Außenwelt in sich zurückgeschoben wird, sondern innerhalb der Seele - ein Stück vor der Grenze irgendwie — zurückgeschlagen wird. Da entsteht die innere Empfindung, und diese ist das Gefühl. Gefühle sind daher für die Seelenbeobachtung modifiziertes Begehren. Gefühle sind gleichsam solche stehenbleibende, in sich selber sich zurückschlagende Begehrungen, die nicht hinbrandend sind bis an die Grenze des Seelenlebens, sondern die innerhalb des Seelenlebens leben. So können wir sagen: Auch in den Gefühlen haben wir im wesentlichen dasjenige seelensubstantiell enthalten, was wir Begehren nennen. Wenn dies der Fall ist, sind Gefühle als solche nicht irgendwie etwas Neues im Seelenleben, wenn wir dessen Elemente betrachten, sondern Gefühle sind dann substantiell, real innerhalb des Seelenlebens selber sich abspielende Begehrungsvorgänge.
[ 11 ] As we have seen, sensory perception arises at the boundary between the life of the soul and the external world, at the gateway of the senses. But let us suppose for a moment that the power of desire within us did not extend to the boundary of the life of the soul, but remained within it. When we speak of a sensory experience, we would say that the power of desire penetrates to the surface of the soul. But let us now imagine that a desire were to arise, yet it would not reach the boundary of the soul’s life; rather, it would, as it were, be blunted within the soul’s being, remain within it, and not extend as far as the gateway of a sense. What would have happened in this case? We have seen: When desire advances and is compelled to withdraw, the sensation—the sensory perception—arises. Sensory perception arises only when the withdrawal is caused by a counterforce from the outside, that is, by what the sense organ does. Inner sensation arises when the desire is not pushed back into itself by direct contact with the external world, but is repelled within the soul—somewhere just before the boundary. This is where inner sensation arises, and this is the feeling. Feelings are therefore, for the observation of the soul, modified desire. Feelings are, as it were, such desires that remain stationary, rebounding within themselves, which do not burn their way to the boundary of the soul’s life, but which live within the soul’s life. Thus we can say: Even in feelings, we essentially have contained within the substance of the soul that which we call desire. If this is the case, feelings as such are not in any way something new in the life of the soul when we consider its elements; rather, feelings are then substantial, real processes of desire taking place within the life of the soul itself.


[ 12 ] Diese Dinge, die wir jetzt gewonnen haben, wollen wir einmal festhalten, und nun die beiden Elemente des Seelenlebens, Urteilen und die Erlebnisse von Liebe und Haß, die aus den Begehrungen stammen, einmal nach einer gewissen Seite hin charakterisieren. Wir können nämlich sagen: Alles, was als Urteilstätigkeit - und darauf kommt es ja an - sich in der Seele vollzieht, endet in einem gewissen Moment; aber auch was sich als Begehrung abspielt, endet in einem gewissen Moment. — Die Urteilstätigkeit der Seele endet da, wo die Entscheidung zustande gekommen ist, wo wir sozusagen das Urteil abgeschlossen haben in einer Vorstellung, die wir dann als eine wahre mit uns weitertragen. Und fragen wir nach dem Ende der Begehrung, so finden wir die Befriedigung. So daß tatsächlich jede Begehrung in unserer Seele sozusagen nach Befriedigung strebt und jede Urteilstätigkeit nach Entscheidung. Wenn wir also gleichsam in unser Seelenleben hineinschauen, finden wir auf der einen Seite Urteilstätigkeit. Solange sie noch nicht zum Abschluß gekommen ist, drängt sie im Seelenleben zur Entscheidung. Und auf der andern Seite finden wir Begehrungen. Solange sie nicht ihre Befriedigung gefunden haben, drängen sie im lebendigen Seelenleben nach der Befriedigung. So können wir jetzt sagen: Weil unser Seelenleben aus den Elementen Urteilen und Begehren besteht, deshalb sind die wichtigsten Tatsachen des Seelenlebens, die wir fortdauernd in jeder Seele finden müssen, weil jede Seele fortwährend diese Elemente in sich enthält, das Hinströmen der Seele zu Entscheidungen und zu Befriedigungen. Wenn wir also ein Seelenleben in seinem hinfließenden Strom betrachten würden, würden wir es gewissermaßen erfüllt finden vom Streben zu Entscheidungen und vom Streben zu Befriedigungen. Das ist auch in der Tat der Fall.
[ 12 ] Let us first take stock of what we have now established, and then characterize the two elements of the life of the soul—judgment and the experiences of love and hate that arise from desires—from a certain perspective. For we can say: Everything that takes place in the soul as a judgmental activity—and that is what matters—comes to an end at a certain moment; but what unfolds as desire also comes to an end at a certain moment. — The soul’s activity of judgment ends where the decision has been reached, where we have, so to speak, concluded the judgment in a conception that we then carry forward with us as true. And if we ask about the end of desire, we find satisfaction. So that, in fact, every desire in our soul strives, so to speak, for satisfaction, and every activity of judgment for a decision. So when we look, as it were, into our inner life, we find, on the one hand, the activity of judgment. As long as it has not yet come to a conclusion, it urges the inner life toward a decision. And on the other hand, we find desires. As long as they have not found their satisfaction, they urge the living soul toward satisfaction. So we can now say: Because our soul life consists of the elements of judgment and desire, the most important facts of soul life—which we must continually find in every soul, since every soul constantly contains these elements—are the soul’s flow toward decisions and toward satisfaction. If, then, we were to observe a soul life in its flowing stream, we would find it, so to speak, filled with the striving toward decisions and the striving toward satisfactions. This is indeed the case.
[ 13 ] Wenn Sie nun das Gefühlsleben des Menschen nach gewissen Seiten hin betrachten, werden Sie die Ursprünge einer großen Mannigfaltigkeit von Gefühlen leicht finden können, wenn Sie bedenken, daß das im Seelenleben etwas herbeiführen muß, wenn fort_ während Strebungen nach Befriedigungen und nach Entscheidungen fortströmen. Betrachten Sie innerhalb des Gefühlslebens solche Erscheinungen, welche zum Beispiel fallen unter den Begriff der Ungeduld, unter den Begriff der Hoffnung, der Sehnsucht, des Zweifels, ja auch vielleicht der Verzweifelung, so haben Sie Anhaltspunkte, um etwas Reales, geistig Greifbares mit diesen Worten zu verbinden, wenn Sie sich sagen: Alles dies - Ungeduld, Hoffnung, Sehnsucht, Zweifel, Verzweifelung — sind verschiedene Arten, wie in der Seele der fortfließende Strom sich äußert in dem Streben nach Entscheidungen der Urteilskräfte oder nach Befriedigungen der Begehrungskräfte. Versuchen Sie dies einmal real in dem Gefühl der Ungeduld zu fassen. Da werden Sie es lebendig spüren können, wie in der Ungeduld das Streben nach einer Befriedigung lebt. Da können Sie es fassen, wie in dem Gefühl der Ungeduld etwas lebt, was man nennen kann ein in dem Strom der Seele fortfließendes Begehren. Und das kann erst einen Abschluß finden, wenn es in die Befriedigung ausläuft. Urteilskräfte werden dabei kaum entfaltet. Oder nehmen Sie das Gefühl der Hoffnung. In der Hoffnung werden Sie leicht erkennen können den fortlaufenden Strom des Begehrens, aber jenes Begehrens, das auf der andern Seite durchsetzt ist von dem andern Element des Seelenlebens, von dem, was wir genannt haben das Bewegen der Urteilskräfte nach der Entscheidung hin. Wer sich das Gefühl der Hoffnung analysiert, wird darin leicht diese zwei Elemente fließen sehen: das Begehren, das durchtränkt ist von dem Streben der Urteilstätigkeit nach der Entscheidung. Und weil gerade in diesem Gefühl diese zwei Elemente sich so das Gleichgewicht halten für das Seelenleben, sich absolut die Waage halten wie zwei gleiche Gewichte in den zwei Waageschalen, darum hat das Gefühl der Hoffnung das in sich Abgeschlossene. Es ist genau so viel Begehren nach Befriedigung da wie Aussicht auf günstige Entscheidung.
[ 13 ] If you now consider certain aspects of the human emotional life, you will easily be able to find the origins of a great variety of feelings, if you bear in mind that this must bring about something in the life of the soul when the striving for gratification and for decisions flows on continuously. If you consider, within the emotional life, phenomena that fall, for example, under the concept of impatience, under the concept of hope, of longing, of doubt, and perhaps even of despair, then you have points of reference for connecting something real, something spiritually tangible, with these words, when you say to yourself: All of this—impatience, hope, longing, doubt, despair—are different ways in which the flowing stream within the soul expresses itself in the striving of the powers of judgment for decisions or of the powers of desire for gratification. Try to grasp this concretely in the feeling of impatience. There you will be able to feel it vividly, how the striving for satisfaction lives within impatience. There you can grasp how something lives within the feeling of impatience that one might call a desire flowing in the stream of the soul. And this can only find resolution when it flows into satisfaction. The powers of judgment are scarcely deployed in this process. Or take the feeling of hope. In hope, you will easily be able to recognize the continuous stream of desire, but that desire which, on the other hand, is interwoven with the other element of soul life, with what we have called the movement of the powers of judgment toward decision. Anyone who analyzes the feeling of hope will easily see these two elements flowing within it: the desire that is permeated by the striving of the powers of judgment toward a decision. And because it is precisely in this feeling that these two elements maintain such a balance for the life of the soul—balancing each other perfectly like two equal weights on the two pans of a scale—that is why the feeling of hope possesses a sense of completeness. There is just as much desire for satisfaction as there is prospect of a favorable decision.
[ 14 ] Nehmen Sie an, ein anderes Gefühl würde dadurch entstehen, daß ein Begehren da ist, das nach Erfüllung drängt; dieses Begehren wäre aber von einer Urteilstätigkeit durchsetzt in der Seele, die durch ihre eigene Stärke und Kraft keine Entscheidung herbeiführen könnte. Die Urteilstätigkeit wäre nicht fähig, eine Entscheidung herbeizuführen. Das Begehren aber verbinde sich mit einer solchen Urteilstätigkeit, die keine Entscheidung herbeiführen kann. Da haben Sie das Gefühl des Zweifels.
[ 14 ] Suppose a different feeling were to arise from the presence of a desire that urges for fulfillment; this desire, however, would be permeated in the soul by an act of judgment that, by its own strength and power, could not bring about a decision. The act of judgment would be incapable of bringing about a decision. Yet the desire is connected to such an act of judgment that cannot bring about a decision. Therein lies the feeling of doubt.
[ 15 ] So könnten wir im weiten Umkreis der Gefühle finden, daß zusammenspielen in merkwürdiger Weise Urteilstätigkeit und Begehrungen. Und wenn jemand die beiden Elemente in einem Gefühl noch nicht gefunden hat, so muß er weiter suchen. Er kann ganz sicher sein, daß er noch nicht weit genug gesucht hat.
[ 15 ] Thus, within the broad sphere of feelings, we might find that the activity of judgment and desires interact in a remarkable way. And if someone has not yet found these two elements in a feeling, they must continue searching. They can be quite certain that they have not yet searched far enough.
[ 16 ] Wenn wir die Bedeutung der Urteilstätigkeit für das Seelenleben als das eine Element nehmen, müssen wir sagen: Die Urteilstätigkeit schließt ab in einer Vorstellung, und die Vorstellung hat nur dann im Leben eine Bedeutung, wenn sie eine wahre ist. Wahrheit hat ihren Grund in sich selber. Die Seele für sich selbst kann nicht entscheiden über die Wahrheit. Das muß jeder empfinden, wenn er das Seelenleben in seiner eigentümlichen Art vergleicht mit dem, was zuletzt in der Wahrheit von ihm erobert werden soll. Man braucht sich nur folgendes zu überlegen: Was wir für das Seelenleben Urteilen nennen, ist etwas, was auch, mit einem andern Ausdruck, Überlegung genannt werden kann, und die Überlegung führt zuletzt zu dem, was wir uns als Urteil aus der Vorstellung bilden. Aber nicht dadurch, daß wir überlegen, wird die Entscheidung, das Urteil, richtig, sondern es wird richtig aus ganz andern, aus sachlichen Gründen, die herausgehoben sind aus der Willkür des Seelenlebens, so daß das Urteil, wonach die Seele in der Entscheidung strebt, außerhalb des Seelenelementes zustande kommt.
[ 16 ] If we take the significance of the activity of judgment for the life of the soul as the one element, we must say: The activity of judgment culminates in a concept, and the concept has meaning in life only if it is a true one. Truth has its foundation in itself. The soul cannot decide for itself regarding truth. Everyone must feel this when they compare the life of the soul in its peculiar way with that which is ultimately to be conquered by truth. One need only consider the following: What we call judgment in the life of the soul is something that can also, in other words, be called reflection, and reflection ultimately leads to what we form as a judgment from the idea. But it is not through our deliberation that the decision, the judgment, becomes correct; rather, it becomes correct for entirely different, objective reasons that are removed from the arbitrariness of the life of the soul, so that the judgment toward which the soul strives in its decision comes into being outside the realm of the soul.
[ 17 ] Fragen wir nach dem andern Element, das wie aus unbekannten Untergründen, aus dem Mittelpunkt der Seele hereinquillt und sich im Seelenleben nach allen Seiten ausbreitet, fragen wir nach dem Ursprung des Begehrens, so finden wir es zunächst nicht im Seelenleben, sondern außerhalb desselben, so daß Begehrungen und Entscheidungen von außen hereinreichen in unser Seelenleben. Aber innerhalb des Seelenlebens spielt sich nun das ab, was das Ende der Begehrungen ist: die Befriedigung. Und innerhalb des Seelenlebens spielt sich gegenüber der Wahrheit, die ihren Grund außen hat, der Kampf um die Wahrheit, der Kampf bis zur Entscheidung ab. So sind wir in unserem Urteilen sozusagen Kämpfer, und so sind wir innerhalb unseres Seelenlebens gegenüber unseren Begehrungen Genießer. Und es ist wichtig zu unterscheiden, daß vom Urteilen nur der Anfang dem Seelenleben angehörig ist; die Entscheidung führt uns über das Seelenleben hinaus. Beim Begehren ist es umgekehrt; da fällt nicht der Anfang, sondern das Ende, die Befriedigung, in das Seelenleben herein.
[ 17 ] If we inquire into the other element that wells up, as it were, from unknown depths, from the center of the soul, and spreads out in all directions within the life of the soul—if we inquire into the origin of desire—we do not find it initially within the life of the soul, but outside of it, so that desires and decisions reach into our life of the soul from the outside. But within the life of the soul, what takes place is the end of desires: satisfaction. And within the life of the soul, in contrast to the truth that has its foundation outside, the struggle for truth—the struggle leading to a decision—takes place. Thus, in our judgments we are, so to speak, fighters, and within the life of our soul, in relation to our desires, we are enjoyers. And it is important to distinguish that, in the case of judgment, only the beginning belongs to the life of the soul; the decision leads us beyond the life of the soul. With desire, it is the reverse; there, it is not the beginning but the end—satisfaction—that enters into the life of the soul.
[ 18 ] Prüfen wir einmal genauer, was da in das Seelenleben hereinfällt als die Befriedigung, und halten wir es zusammen mit dem, was wir vorhin gesagt haben: die Empfindung sei im Grunde genommen ein Hinbranden des Begehrens bis an die Grenze des Seelenlebens, und das Gefühl sei etwas, was in der Mitte bleibe, wo das Begehren sich gleichsam in sich selber zurückstumpft. Was wird also an der Stelle sein, wo das Seelenleben in sich selber die Befriedigung, das Ende des Begehrens erlebt? Da wird das Gefühl sein. Daher können wir sagen: Wenn innerhalb des Seelenbinnenlebens das Begehren sein Ende erreicht "in der Befriedigung, dann entsteht das Gefühl.
[ 18 ] Let us examine more closely what it is that enters into the life of the soul as satisfaction, and let us consider it in conjunction with what we said earlier: that sensation is, in essence, a burning of desire to the very limits of the life of the soul, and that feeling is something that remains in the middle, where desire, as it were, dulls itself within itself. So what will be present at the point where the inner life experiences satisfaction—the end of desire—within itself? There will be the feeling. Therefore, we can say: When, within the inner life, desire reaches its end “in satisfaction,” then the feeling arises.
[ 19 ] Das ist aber doch nur die eine Art von Gefühlen, wo das Begehren sein Ende erreicht inmitten des Seelenbinnenlebens. Eine andere Art von Gefühlen entsteht auf eine noch andere Art, nämlich dadurch, daß in der Tat in den Untergründen des Seelenlebens Beziehungen bestehen zwischen dem seelischen Innenleben, gleichsam dem seelischen Binnenleben, und der Außenwelt. Das drückt sich darin aus, daß sich unsere Begehrungen auf äußere Gegenstände richten. Aber sie reichen deshalb nicht überall -— wie bei den Sinneswahrnehmungen — bis an die äußeren Gegenstände heran. Wenn wir die Farbe erkennen, reicht das Begehren bis an die Außenwelt heran. Aber aus dem Begehren kann sich auch ein Gefühl entwickeln innerhalb des Seelenlebens, das doch einen Bezug hat zu einem äußeren Gegenstande. Das Begehren kann sich jedem Gegenstande gegenüber entwikkeln, auch wenn es inmitten der Seele stehenbleibt. Es hat da doch einen Bezug zu dem Gegenstande wie in einer Fernwirkung, ähnlich wie eine Magnetnadel sich einstellt auf den Pol, ohne ihn zu erreichen. Daraus sehen wir: Begehrungen können sich im Seelenbinnenleben abschließen, auch wenn sie mit der Außenwelt in einer Beziehung stehen; so daß die Außenwelt auch mit dem Seelenleben ein Verhältnis hat, das nicht bis an die Grenze dieses Seelenlebens heranprallt. Dann können diejenigen Gefühle entstehen, wo das Begehren dem Gegenstande gegenüber aufrecht bleibt, und wo es fortbesteht gegenüber dem Gegenstande, auch wenn dieser nicht in der Lage ist, das Begehren zu befriedigen. Nehmen wir an, eine Seele naht sich einem Gegenstande, ein Begehren wird gegenüber dem Gegenstande erregt, der Gegenstand ist aber nicht in der Lage, dieses Begehren zu befriedigen: dann bleibt das Begehren aufrecht in der Seele und erlebt nicht die Befriedigung.
[ 19 ] But this is only one kind of feeling, where desire reaches its end in the midst of the inner life of the soul. Another kind of feeling arises in yet another way, namely through the fact that, in reality, there are connections in the depths of the soul’s life between the inner life of the soul—as it were, the soul’s inner world—and the external world. This is expressed in the fact that our desires are directed toward external objects. But they do not therefore reach out everywhere—as with sensory perceptions—to the external objects themselves. When we perceive a color, the desire reaches out to the external world. But a feeling can also develop from the desire within the inner life of the soul that nevertheless has a connection to an external object. Desire can develop toward any object, even if it remains within the soul. It still has a connection to the object, as if through a distant effect, similar to how a magnetic needle aligns itself with the pole without reaching it. From this we see: Desires can be contained within the inner life of the soul, even if they are related to the external world; so that the external world also has a relationship with the life of the soul that does not come into direct contact with the very limits of that life. Then those feelings can arise in which the desire remains active toward the object, and in which it persists toward the object even if the object is not in a position to satisfy the desire. Suppose a soul approaches an object, a desire is aroused toward the object, but the object is not in a position to satisfy this desire: then the desire remains intact in the soul and does not experience satisfaction.
[ 20 ] Betrachten Sie einmal diese Erscheinung ganz genau und vergleichen Sie sie mit einem Begehren, das innerhalb des Seelenlebens sein Ende erreicht. Es ist ein beträchtlicher Unterschied zwischen diesen zwei Begehrungen, wovon die eine in der Seele zu Ende gekommen ist, die andere nicht. Eine Begehrung, die in der Befriedigung geendet hat, die vom Seelenleben so weitergetragen wird, daß sie gleichsam neutralisiert ist, wirkt innerhalb des Seelenlebens so, daß alles, was mit dem Seelenleben zusammenhängt, einen gesundenden Einfluß erhält. Durch diejenige Begehrung aber, die unbefriedigt bleibt und nun in der Seele weitergetragen wird, weil sie der Gegenstand nicht befriedigen konnte, erhält die Seele, nachdem der Gegenstand weg ist, einen lebendigen Bezug - sozusagen zu nichts. Und die Folge ist, daß die Seele lebt in einer unbefriedigten Begierde als in einer nicht in der Realität begründeten inneren Tatsache. Dieses Faktum allein genügt, daß das Seelenleben auf das, womit es zusammenhängt, nämlich auf das Geist- und Leibesleben, durch die unbefriedigten Begierden einen ungünstigen Einfluß, einen krankmachenden Einfluß ausübt. Gefühle, die sich an befriedigte Begierden anschließen, sind daher für die unmittelbare Seelenbeobachtung sehr wohl zu unterscheiden von denjenigen, welche sozusagen von stehenbleibenden Begierden sich bilden. Wenn die Dinge grob auftreten, sind sie ja leicht zu unterscheiden. Wenn sie aber feiner auftreten, glaubt der Mensch gewöhnlich nicht, daß er es mit dem zu tun hat, womit er es nun doch zu tun hat.
[ 20 ] Consider this phenomenon very closely and compare it to a desire that has come to an end within the life of the soul. There is a significant difference between these two desires, one of which has come to an end in the soul, while the other has not. A desire that has ended in satisfaction—which is carried on by the soul’s life to such an extent that it is, as it were, neutralized—has such an effect within the soul’s life that everything connected with the soul’s life receives a healing influence. But through the desire that remains unsatisfied and is now carried on within the soul—because the object could not satisfy it—the soul, after the object is gone, retains a living connection—so to speak, to nothing. And the consequence is that the soul lives in an unsatisfied desire as in an inner fact not grounded in reality. This fact alone suffices for the soul life to exert an unfavorable influence, a sickening influence, on that with which it is connected—namely, the life of the spirit and the body—through the unsatisfied desires. Feelings associated with satisfied desires are therefore quite distinguishable in direct observation of the soul from those that arise, so to speak, from lingering desires. When things manifest coarsely, they are indeed easy to distinguish. But when they manifest more subtly, people usually do not believe that they are dealing with what they are, in fact, dealing with.
[ 21 ] Nehmen Sie an, ein Mensch steht einem Gegenstande gegenüber. Er geht davon weg. Da kommt es jetzt nicht auf ein Begehren an, das bis zum Gegenstande gekommen ist, sondern auf ein Begehren, das bis zum seelischen Binnenleben gekommen ist. Er kann also weggehen und sagt nachher, der Gegenstand habe ihn befriedigt, oder er sagt, der Gegenstand habe ihn nicht befriedigt. Wenn er es auch anders ausdrückt, so ist es doch dasselbe, zum Beispiel wenn er sagt, es habe ihm gefallen oder nicht gefallen. Da liegt doch in dem einen Falle, wenn auch noch so versteckt, ein Begehren vor, das seine Befriedigung gefunden hat, oder, beim Mißfallen, liegt eine Begehrung vor, die als Begehrung aufrecht geblieben ist.
[ 21 ] Suppose a person stands facing an object. He walks away from it. What matters here is not a desire that has reached the object, but a desire that has reached the inner life of the soul. He can therefore walk away and say afterward that the object satisfied him, or he can say that the object did not satisfy him. Even if they express it differently, it is still the same thing, for example, if they say they liked it or did not like it. In the former case, however hidden it may be, there is a desire that has found satisfaction; in the latter, there is a desire that has remained as a desire.
[ 22 ] Nur eine einzige Art von Gefühlen gibt es zunächst — und das ist etwas tief Bezeichnendes für das Seelenleben -, die in einer etwas andern Art sich ausnehmen im Seelenleben. Sie werden leicht einsehen, daß Gefühle - also entweder solche Begehrungen, die ihr Ende gefunden haben oder solche, die es nicht gefunden haben - sich nicht nur anlehnen können an äußere Gegenstände, sondern auch an innere Seelenerlebnisse. So kann sich das Gefühl, das wir bezeichnen müssen als eine unbefriedigte Begierde, anlehnen an eine Empfindung, die vielleicht etwas ins Gedächtnis zurückbringt, das wir längst hinter uns haben. Also in uns selbst finden wir Anlässe für unsere Gefühle, für befriedigte oder nicht befriedigte Begehrungen. Unterscheiden wir einmal in uns die Erregung von Begehrungen durch äußere Gegenstände und die Erregung von Begehrungen durch uns selber, durch unser eigenes Seelenleben. Es gibt zum Beispiel noch andere, gar sehr hervortretende innere Erlebnisse, die uns zeigen können, wie wir durch unser Innenleben stehengebliebene Begierden haben, die nicht bis zum Endziel gekommen sind.
[ 22 ] There is initially only one kind of feeling—and this is something deeply characteristic of the life of the soul—which manifests itself in a somewhat different way in the life of the soul. You will easily see that feelings—that is, either desires that have found their end or those that have not—can be based not only on external objects but also on internal mental experiences. Thus, the feeling that we must describe as an unsatisfied desire can be based on a sensation that perhaps brings something to mind that we have long since left behind. So within ourselves we find the causes of our feelings, of satisfied or unsatisfied desires. Let us distinguish within ourselves between the arousal of desires by external objects and the arousal of desires by ourselves, by our own inner life. There are, for example, other, very prominent inner experiences that can show us how we have desires left over from our inner life that have not reached their final goal.
[ 23 ] Stellen Sie sich vor, Sie denken nach über eine Sache. Ihre Urteilskraft ist zu schwach, Sie kommen in Ihrem Nachdenken zu keinem Ende und müssen ohne Entscheidung schließen. Da stehen Sie Ihrem Seelenleben, Ihren eigenen Begehrungen gegenüber mit einem Unbefriedigtsein. Da haben Sie ein Schmerzerlebnis an Ihrem Gefühl des Unbefriedigtseins. Nur eine einzige Art von Gefühlen gibt es, wo wir weder mit dem Urteilen zur Entscheidung kommen, noch das Begehren in der Befriedigung endet, und wo doch kein Schmerzgefühl entsteht. Es sind Gefühle, wo wir weder einem äußeren Gegenstande mit unseren Begehrungen unmittelbar gegenüberstehen, noch auch unseren inneren Erlebnissen unmittelbar. Bei den gewöhnlichen Sinneserlebnissen des Alltags stehen wir mit unseren Begehrungen dem Gegenstande unmittelbar gegenüber, aber wir urteilen dabei nicht. Sobald das Urteilen beginnt, sind wir über das Sinneserlebnis schon hinausgegangen. Nehmen wir an, wir tragen das Urteilen wie auch das Begehren bis an die Grenze des Seelenlebens, wo der Sinneseindruck aus der Außenwelt unmittelbar an uns heranbrandet; wir entwickelten also ein Begehren, das wir, indem es durch den Gegenstand erregt wird, ganz durchdringen bis an die Grenze, aber nun bis an die genaue Grenze des Eindruckes hin mit Urteilskraft, mit Urteilsfähigkeit. Dann wird ein eigentümliches Gefühl entstehen, das sozusagen zusammengesetzt ist in einer ganz merkwürdigen Art. Das können wir uns am besten in folgender Weise klarmachen.
[ 23 ] Imagine you are reflecting on a matter. Your power of judgment is too weak; you reach no conclusion in your reflection and must conclude without a decision. There you stand before your inner life, your own desires, with a sense of dissatisfaction. There you experience a sense of pain in your feeling of dissatisfaction. There is only one kind of feeling in which we neither reach a decision through judgment nor does the desire end in satisfaction, and yet no feeling of pain arises. These are feelings in which we are neither directly confronted with an external object through our desires nor directly with our inner experiences. In the ordinary sensory experiences of everyday life, we face the object directly with our desires, but we do not judge in the process. As soon as judgment begins, we have already moved beyond the sensory experience. Let us suppose we carry both judgment and desire to the very edge of the soul’s life, where the sensory impression from the external world surges directly toward us; we thus develop a desire that, being aroused by the object, penetrates us completely to the very limit—but now to the exact limit of the impression—with the power of judgment, with the capacity to judge. Then a peculiar feeling will arise that is, so to speak, composed in a very strange way. We can best clarify this for ourselves in the following manner.
[ 24 ] Wir lassen [angedeutet in den Querlinien] unser Begehren hintließen bis an die Grenze unseres Seelenlebens, zum Beispiel bis zum Auge hin. Wir strengen unser Seelenleben in bezug auf die Begehrungen an, lassen es hinfließen - insofern es ein Begehrungsvermögen ist - bis an die Tore des Sinneserlebnisses, A. Wir strengen aber auch unsere Urteilskraft an und lassen sie ebenso bis zum äußeren Eindruck hinströmen [angedeutet in den Längslinien]. Dann hätten wir ein Symbol für das eben angedeutete, in ganz einzigartiger Art zusammengesetzte Gefühl.
[ 24 ] We allow [as indicated by the diagonal lines] our desire to extend to the very limits of our inner life, for example, to the eye. We strain our soul life in relation to our desires, allowing it to flow—insofar as it is a capacity for desire—to the gates of sensory experience, A. But we also strain our power of judgment and allow it to flow just as far toward the external impression [indicated by the vertical lines]. Then we would have a symbol for the feeling just indicated, composed in a wholly unique way.


[ 25 ] Den Unterschied zwischen diesen beiden Strömungen, die da bis zum äußeren Eindrucke hingehen, werden wir recht würdigen, wenn wir ins Auge fassen, was bereits gesagt worden ist. Wenn wir Urteilskraft entwickeln, so liegt die Spitze der Tätigkeit der Seele nicht in der Seele, sondern außerhalb derselben. Denn über Wahrheit entscheidet nicht die Seele. Wahrheit überwältigt das Begehren. Das Begehren muß kapitulieren vor der Wahrheit. Und wenn wir in unserer Seele etwas durch unsere Urteilskraft entscheiden sollen, was im eminentesten Sinne wahr sein soll, so müssen wir in unsere Seele eben etwas hereinnehmen, was der Seele fremd ist. Wir können also sagen: Die Linien von unten nach oben, die die Kräfte der Urteilsfähigkeit darstellen sollen, gehen aus uns heraus, umfassen etwas Äußeres. Unser Seelenleben kann aber als das Leben der Begehrungen überhaupt nicht weiter als bis an die Grenze kommen. Dort wird es entweder in sich zurückgeschleudert, oder es nimmt sich vorher selber in sich zurück, bleibt auf sich selber beschränkt. Es fühlt sich unser Begehren überwältigt, wenn das Urteil in der Seele abschließt mit der Entscheidung der Wahrheit. Aber wir nehmen in unserem Beispiel ja gerade an, daß bis zum Eindruck hin sowohl das Begehren fließe wie auch das Urteilen, und daß die beiden Ströme sich gegenüber dem Eindruck vollständig decken. Und da sehen wir dann: Es fließt nicht unser Begehren aus und bringt uns sozusagen ein Fremdes zurück in der Wahrheit, sondern da geht unser Begehren fort und bringt uns das Urteil zurück, das bis an die Grenze des Seelenlebens gegangen ist. Da wogt das Begehren bis an die Grenze der Seele, kehrt da gleichsam um und kehrt mit dem Urteil in sich selber zurück. Aber was für Urteile können wir da nur zurückbringen? Nur ästhetische Urteile, die irgendwie zusammenhängen mit Kunst und Schönheit. Das kann nur bei der Kunstbetrachtung vorliegen, daß sozusagen unser eigenes Seelenleben . just bis an die Grenze seiner Wirksamkeit geht und da unmittelbar an dem Objekt der Außenwelt kehrtmacht und mit dem Urteil:in sich selber zurückkehrt. Sie können das zunächst sonderbar finden, aber die eigene Seelenbeobachtung könnte es Ihnen bestätigen.
[ 25 ] We will truly appreciate the difference between these two currents, which extend all the way to external impressions, when we consider what has already been said. When we develop our power of judgment, the focus of the soul’s activity lies not within the soul, but outside of it. For it is not the soul that decides what is true. Truth overwhelms desire. Desire must capitulate before truth. And if we are to decide something in our soul through our power of judgment—something that is to be true in the most eminent sense—then we must take into our soul something that is foreign to the soul. We can therefore say: The lines from bottom to top, which are meant to represent the powers of judgment, extend outward from us and encompass something external. But our soul life, as the life of desires, cannot go any further than the boundary. There it is either thrown back upon itself, or it withdraws into itself beforehand, remaining confined to itself. Our desire feels overwhelmed when the judgment in the soul concludes with the decision of truth. But in our example we are precisely assuming that up to the point of the impression both desire and judgment flow, and that the two streams coincide completely with regard to the impression. And there we then see: it is not our desire that flows out and brings us, so to speak, something foreign back in truth, but rather our desire goes forth and brings us back the judgment that has gone to the very limit of the life of the soul. There the desire surges to the very limit of the soul, turns back there, as it were, and returns with the judgment into itself. But what kind of judgments can we bring back there? Only aesthetic judgments that are somehow connected with art and beauty. This can only occur in the contemplation of art, where, so to speak, our own soul life goes precisely to the limits of its effectiveness and there turns back immediately at the object of the external world and returns with the judgment into itself. You may find this strange at first, but your own observation of the soul could confirm it to you.
[ 26 ] Nehmen Sie einmal an, Sie stehen vor der Sixtinischen Madonna oder der Venus von Milo oder vor irgendeinem Kunstwerke, das im wahren Sinne wirklich ein Kunstwerk ist. Können Sie sagen, daß der Gegenstand in diesem Falle Ihr Begehren erregt? Ja, er erregt es; aber nicht durch sich selber. Wenn der Gegenstand durch sich selber das Begehren erregen würde, was ja möglich ist, so würde es nicht abhängen von einer gewissen Entwickelung der Seele, ob überhaupt das Begehren erregt wird. Es ist durchaus denkbar, daß Sie etwa vor der Venus von Milo stehen und gar kein inneres Bewegen dem Kunstwerke gegenüber verspüren. Gewiß, das kann bei andern Objekten auch sein. Aber wenn das bei andern Objekten vorkommt, dann entsteht diesen andern Objekten gegenüber die gewöhnliche Gleichgültigkeit. Diese Gleichgültigkeit entsteht auch bei denjenigen, die keine entsprechende Seelentätigkeit der Venus von Milo entgegenbringen. Diejenigen aber, die ein entsprechendes Seelenleben dem Kunstwerke entgegenbringen, lassen den Strom des Begehrens bis an die Grenze fließen, und dann kommt ihnen etwas zurück. Den andern kommt nichts zurück. Es kommt aber nicht ein Begehren zurück. Es kommt auch gar kein Begehren zurück, das nach dem Objekt zurückdrängt, sondern es kommt das Begehren zurück, was sich in einem Urteil ausspricht: Dies ist schön. — Da setzen sich in der Seele Begehrungskräfte und Urteilskräfte mit sich selber auseinander. Und der Mensch kann sich dabei an der Außenwelt nur dann befriedigen, wenn die Außenwelt nur die Erregerin ist seiner eigenen inneren Seelentätigkeit. Geradesoviel kann der Mensch an der Venus von Milo erleben, als er selber in der Seele schon hat, und geradesoviel wird ihm zurückkehren, als er nach außen strömen läßt an dem unmittelbaren Eindruck. Daher gehört zum Genießen des Schönen die unmittelbare Gegenwart des Kunstwerkes, weil in der Tat die Seelensubstanz streben muß bis an die Grenze des Seelenlebens. Und jede Erinnerung an das Kunstwerk gibt im Grunde genommen etwas anderes als ein ästhetisches Urteil. Das ästhetische Urteil entsteht unter dem unmittelbaren Eindruck des Kunstwerkes, wo bis an die Grenze die Wogen des Seelenlebens gehen, willig bis an die Grenze gehen, und als ästhetische Urteile wieder zurückkommen.
[ 26 ] Suppose you are standing before the Sistine Madonna or the Venus de Milo or before any work of art that is truly a work of art in the genuine sense. Can you say that the object in this case arouses your desire? Yes, it does; but not through itself. If the object were to arouse desire through itself—which is, of course, possible—then whether desire is aroused at all would not depend on a certain development of the soul. It is entirely conceivable that you might stand before the Venus de Milo and feel no inner stirring whatsoever toward the work of art. Certainly, this can also be the case with other objects. But when this happens with other objects, the usual indifference arises toward those other objects. This indifference also arises in those who do not direct a corresponding activity of the soul toward the Venus de Milo. But those who direct a corresponding inner life toward the work of art allow the stream of desire to flow to its limit, and then something returns to them. Nothing returns to the others. But it is not a desire that returns. It is not even a desire that pushes back toward the object, but rather the desire that expresses itself in a judgment: This is beautiful. — Here, the forces of desire and the forces of judgment engage with one another within the soul. And a person can find satisfaction in the external world only if the external world serves merely as the stimulus for their own inner soul activity. A person can experience in the Venus de Milo only as much as they already possess within their own soul, and just as much will return to them as they allow to flow outward from the immediate impression. Therefore, the enjoyment of beauty requires the immediate presence of the work of art, because the substance of the soul must indeed strive to the very limits of the soul’s life. And every memory of the work of art essentially yields something other than an aesthetic judgment. The aesthetic judgment arises under the immediate impression of the work of art, where the waves of soul life reach the very limits, willingly reaching the limits, and returning as aesthetic judgments.
[ 27 ] So haben wir in der Wahrheit etwas, wovor, gewissermaßen als vor einem dem Seelenleben Äußeren, die Begehrung kapituliert, und so haben wir in dem Schönen etwas, wo die Begehrung unmittelbar zusammenfällt mit dem Urteilen, wo die Entscheidung selber herbeigerufen wird durch die freiwillig sich an den Grenzen des Seelenlebens abschließende Begehrung, die als Urteil zurückkommt. Daher breitet das innere Seelenerlebnis im Schönen eine so unendlich warme Befriedigung innerhalb der Seele aus. Und es ist das höchste Gleichmaß der Seelenkräfte im Grunde genommen vorhanden, wenn die Begehrung brandet bis an die Grenze des Seelenlebens und nun nicht in sich wieder zurückkehrt als bloßes Begehren, sondern als ein Urteil, was der Seele nun ist wie eine Sache der Außenwelt. Daher gibt es auch nicht leicht etwas, wo eine Bedingung für ein gesundes Seelenleben so stark entwickelt werden kann als in der Hingabe an das Schöne. Wenn wir streben nach den denkerischen Früchten der Seele, arbeiten wir im Grunde genommen innerhalb der Seele mit einem Material, vor dem das Begehrungsvermögen fortwährend kapitulieren muß. Dieses Begehrungsvermögen wird ja gewiß vor der Majestät der Wahrheit kapitulieren müssen; aber das ist nicht möglich ohne eine Beeinträchtigung der Seelengesundheit und desjenigen, was mit dem Seelenleben zusammenhängt. Ein sozusagen fortdauerndes Streben auf dem denkerischen Gebiet, wobei fortdauernd Begehrungen kapitulieren müssen, das ist etwas, was in einer gewissen Beziehung den Menschen doch leiblich und seelisch ausdörren wird. Bei denjenigen Urteilen dagegen, die zu gleicher Zeit ein gleiches Maß von befriedigten Begehrungen mit zurückbringen in unser Seelenleben, ist es so, daß die Begierden als solche mit dem Urteil sich am meisten ausgleichen. |
[ 27 ] Thus, in truth, we have something before which, as it were, as before something external to the life of the soul, desire capitulates; and thus, in beauty, we have something where desire immediately coincides with judgment, where the decision itself is brought about by the desire that voluntarily concludes itself at the limits of the life of the soul and returns as judgment. Hence, the inner experience of the soul in beauty spreads such an infinitely warm satisfaction within the soul. And the highest equilibrium of the soul’s powers is essentially present when desire surges to the very limits of the soul’s life and now does not return to itself as mere desire, but as a judgment, which is now to the soul like a thing of the external world. Therefore, there is hardly anything else where a condition for a healthy soul life can be developed as strongly as in devotion to beauty. When we strive for the intellectual fruits of the soul, we are essentially working within the soul with a material before which the power of desire must continually capitulate. This power of desire will certainly have to capitulate before the majesty of truth; but this is not possible without impairing the health of the soul and that which is connected with the life of the soul. A sort of ceaseless striving in the realm of thought, in which desires must continually capitulate, is something that, in a certain sense, will nevertheless drain a person physically and spiritually. In contrast, with those judgments that simultaneously bring back an equal measure of satisfied desires into our inner life, it is the case that the desires as such are most fully balanced by the judgment. |
[ 28 ] Nun mißverstehen Sie mich nicht. Es soll mit alledem nicht gesagt sein, daß etwa der Mensch gut tue, wenn er fortwährend im Genuß des Schönen schwelgen würde und der Wahrheit gegenüber geltend machen würde, daß sie ungesund sei. Damit gäbe es eine leichte Entschuldigung für ein faules Wahrheitsstreben, wenn jemand anführen wollte: Sie haben gesagt, Denken ist ungesund, und in Schönheit schwelgen ist gesund; also tue ich das letztere! — Das ist nicht etwas, was eintreten sollte, sondern es sollte sich als Folge für die Seele folgendes ergeben. Weil Wahrheit in bezug auf den Fortgang der menschlichen Kultur wie auch des einzelnen menschlichen Lebens eine Pflicht ist, so ist der Mensch gegenüber dem Wahrheitsstreben gezwungen, sein Begierdenleben zurückzudrängen. Weil die Entscheidung über die Wahrheit nicht bei ihm selbst liegt, zwingt uns die Wahrheit, das Begierdenleben in uns selber zurückzudrängen. Und das müssen wir auch ruhig tun innerhalb des Wahrheitsstrebens. Daher ist das Wahrheitsstreben im Grunde genommen dasjenige, was unser Selbstgefühl am allermeisten in das richtige Maß zurückdrängt. Wenn wir an uns selbst erleben, wie unser Wahrheitsstreben fortdauernd seine Grenze findet an der eigenen Urteilsfähigkeit und objektiv die Sachlage betrachten, dann können wir ganz zufrieden sein. Wahrheitsstreben macht uns immer bescheidener und bescheidener. Aber wenn der Mensch es immer so machte, wenn er immer bloß so weiterlebte, daß er auf diese Weise immer bescheidener und bescheidener würde, so würde er schließlich bei seiner eigenen Auflösung ankommen; es . würde ihm etwas fehlen, was zur Erfüllung des Seelenlebens notwendig ist: das Spüren, das Empfinden des eigenen Innern. Der Mensch darf sich nicht entselbsten, indem er sich bloß dem hingibt, vor dem das innere Gewoge seines Begierdenlebens kapitulieren muß. Und hier tritt nun das Wirken des ästhetischen Urteils ein. Das Leben des ästhetischen Urteils ist so, daß der Mensch das, was er an die Grenze der Seele hinbringt, auch zurückbringt. Das ist ein solches Leben, wo der Mensch das darf, was er in der Wahrheit soll. Was man in der Wahrheit soll, das ist: absolut unselbstisch, unegoistisch die Entscheidung sich herbeiführen lassen. Anders geht das Wahrheitsstreben nicht. Wie ist es aber in der Schönheit? Da ist es etwas anders. Da geben wir uns auch ganz hin, lassen, fast wie bei der Sinnesempfindung, das innere Seelengewoge bis an seine Grenze fließen. Was kommt uns dann aber zurück? Was uns von außen gar nicht gegeben werden kann, was von außen gar nicht entschieden werden kann: wir selbst kommen uns wieder zurück. Wir haben uns hingegeben und werden uns zurückgegeben. Das ist das Eigentümliche des ästhetischen Urteils, daß es das Moment des Selbstlosen wie die Wahrheit in sich enthält, und zugleich das Geltendmachen des menschlichen Selbstsinnes, dessen, was wir gestern und vorgestern den «inneren Herrn» genannt haben. Wie ein freies Geschenk werden wir uns selbst zurückgegeben im ästhetischen Urteil.
[ 28 ] Now do not misunderstand me. None of this is meant to imply that it would be good for a person to continually revel in the enjoyment of beauty and to claim, with regard to truth, that it is unhealthy. This would provide an easy excuse for a lazy pursuit of truth, if someone were to argue: You said that thinking is unhealthy, and revelling in beauty is healthy; so I will do the latter! — This is not something that should happen, but rather the following should result for the soul. Because truth is a duty with regard to the progress of human culture as well as of the individual human life, human beings are compelled, in the pursuit of truth, to suppress their life of desire. Because the decision regarding truth does not lie with them, truth compels us to suppress the life of desire within ourselves. And we must do this calmly within the pursuit of truth. Therefore, the pursuit of truth is, in essence, what most effectively brings our sense of self back into proper perspective. When we experience for ourselves how our pursuit of truth continually finds its limit in our own capacity for judgment and we view the situation objectively, then we can be fully content. The pursuit of truth makes us ever more humble. But if a person were to act this way constantly, if they were to continue living solely in such a manner that they became ever more humble, they would eventually arrive at their own dissolution; they would lack something necessary for the fulfillment of the soul’s life: the feeling, the sensing of their own inner self. Human beings must not lose themselves by merely surrendering to that before which the inner turmoil of their life of desire must capitulate. And this is where the work of aesthetic judgment comes in. The life of aesthetic judgment is such that a person brings back what they bring to the limits of the soul. This is a life in which a person is allowed to do what they truly ought to do. What one ought to do in truth is this: to allow the decision to be brought about in a completely selfless, unselfish manner. There is no other way to pursue the truth. But what of beauty? There it is somewhat different. There, too, we surrender ourselves completely, allowing, almost as in sensory perception, the inner surging of the soul to flow to its very limits. But what then returns to us? That which cannot be given to us from without, that which cannot be decided from without: we ourselves return to ourselves. We have surrendered ourselves and are returned to ourselves. This is the peculiarity of the aesthetic judgment, that it contains within itself the element of selflessness, just as truth does, and at the same time the assertion of the human sense of self, that which we called the “inner Lord” yesterday and the day before. Like a free gift, we are returned to ourselves in the aesthetic judgment.
[ 29 ] Sie sehen: Ich muß insbesondere in diesen Vorträgen Ihnen etwas geben, was am wenigsten zu Definitionen und so weiter führen kann. Ich habe mich ja öfters gegen das Definieren ausgesprochen. Und ich werde deshalb auch nicht sagen: Dies ist ein Gefühl und so weiter, sondern ich werde versuchen zu charakterisieren, indem wir einfach den Umfang des Seelenlebens abstecken, indem wir uns einfach ergehen in dem Umfang des Seelenlebens.
[ 29 ] You see: I must, especially in these lectures, give you something that is least likely to lead to definitions and so on. I have, after all, often spoken out against defining things. And so I will not say: This is a feeling and so on, but I will try to characterize it by simply delineating the scope of soul life, by simply immersing ourselves in the scope of soul life.
[ 30 ] Bei den Vorträgen über Anthroposophie im vorigen Jahr haben wir ja gesehen, daß nach unten die Leiblichkeit an das Seelenleben angrenzt, und an der Grenze des Leiblichen und des Seelischen haben wir den Menschen zu erfassen versucht und abzuleiten versucht, was mit der äußeren Leibesgestalt zusammenhängt. Wenn Sie sich das zurückrufen, werden Sie eine Grundlage bekommen für manches, was in diesen Vorträgen zu sagen ist, und worauf eigentlich diese psychosophischen Vorträge sich zuletzt zuspitzen. Sie sollen ja zuletzt auch Lebensregeln, Lebensweisheit bieten. Dazu mußten wir in den früheren Vorträgen eine breite Grundlage erst schaffen.
[ 30 ] In last year’s lectures on anthroposophy, we saw that physicality adjoins the life of the soul from below, and at the boundary between the physical and the soul we tried to grasp the human being and to deduce what is connected with the outer physical form. If you recall this, you will gain a foundation for much of what is to be said in these lectures, and for what these psychosophical lectures ultimately aim at. After all, they are ultimately intended to offer rules for living and wisdom for life. To this end, we first had to lay a broad foundation in the earlier lectures.
[ 31 ] Durch die heutigen Charakterisierungen haben wir vielleicht einen Hinweis darauf gewonnen, daß im inneren Seelenleben dasjenige wogt, was wir begehren. Nun haben wir gestern gesagt, daß gewisse, auch gefühlsartige Erlebnisse wie die Urteile, in einer gewissen Beziehung abhängen von dem, was unsere Vorstellungen in uns selber für ein eigenes Leben führen. Wir haben gestern damit geschlossen, daß wir gesagt haben: Unsere Vorstellungen, die wir uns in der Vergangenheit angeeignet haben, werden lebendig, sind wie Blasen in unserem Seelenleben, indem sie wieder ein eigenes Seelenleben, ein eigenes Begehrungsleben führen. — Was sie für ein Leben führen, davon hängt in einem gewissen Momente unseres Daseins für uns vieles ab. Was wir gestern charakterisieren konnten als Langeweile oder als sonst den Menschen schädigende oder nützende Seelenereignisse, das macht es aus, ob der Mensch glücklich oder unglücklich in einem gewissen Moment ist. Also, wie unsere Vorstellungen, die wir uns früher angeeignet haben, sich als selbständige Wesenheiten benehmen, davon hängt unser gegenwärtiges Seelenempfinden ab.
[ 31 ] Through today’s characterizations, we may have gained an indication that what we desire surges within our inner soul life. Now, we said yesterday that certain experiences, including those of an emotional nature such as judgments, depend in a certain sense on the life our ideas lead within us. We concluded yesterday by saying: The ideas we have acquired in the past come alive; they are like bubbles in our inner life, in that they lead a life of their own, a life of their own desires. — Much depends on the kind of life they lead at a certain moment of our existence. What we were able to characterize yesterday as boredom or as other soul events that are harmful or beneficial to the human being determines whether the person is happy or unhappy at a certain moment. Thus, our present soul experience depends on how the ideas we have acquired in the past behave as independent entities.
[ 32 ] Da entsteht dann die Frage: Wie müssen wir uns verhalten, wenn wir das Seelenleben betrachten gerade mit Bezug darauf, daß wir zum Beispiel gewissen Vorstellungen gegenüber, die wir in unser gegenwärtiges Seelenleben hereinbekommen sollen, in einer gewissen Weise machtlos sind? Andere Vorstellungen gehen leichter in unser Seelenleben herein. Und Sie wissen, wieviel davon abhängt, ob wir in dieser Beziehung mächtig oder machtlos sind, leicht oder schwer die Vorstellungen hervorbringen, ob wir imstande sind, sie aus der Erinnerung leicht oder schwer heraufzuholen. Wo wir uns erinnern an eine bestimmte Sache, da müssen wir fragen: Welche Vorstellungen sind es, die sich leichter ergeben, und welche sind es, die sich schwerer ergeben? - Denn das kann im Leben außerordentlich wichtig sein. Können wir von vornherein etwas tun bei der Aufnahme von Vorstellungen, so daß wir ihnen etwas mitgeben, wodurch sie sich uns leichter wieder ergeben? Ja, wir können ihnen etwas mitgeben. Und schon allein die Betrachtung dieser Tatsache würde für viele Menschen unendlich nützlich sein, denn es würden sich viele Menschen ihr äußeres Leben und ihr Seelenleben ungeheuer erleichtern, wenn sie beachten würden, wodurch eine Vorstellung leichter erinnert werden kann, wodurch man das Leichter-erinnert-Werden fördern kann. Wenn Sie die Seelenbeobachtung allseitig pflegen, kann sie Ihnen zeigen, daß Sie der Vorstellung etwas mitgeben müssen, wenn sie leichter in die Erinnerung kommen soll. Wir haben als Elemente des Seelenlebens gefunden Begehren und Urteilen. Da das Seelenleben aus diesen zwei Elementen besteht, werden wir auch nur innerhalb dieser beiden Elemente das finden können, was wir einer Vorstellung mitgeben müssen, wenn sie leichter erinnert werden soll. Was können wir einer Vorstellung von unserem Begehren mitgeben? Wir können der Vorstellung eben nur Begehren mitgeben. Wie tun wir denn das? Dadurch, daß wir im Momente, wo wir die Vorstellung aufnehmen, möglichst viel von unseren eigenen Begehrungen auf sie übertragen. Das ist ein guter Paß für unser Seelenleben, wenn wir der Vorstellung einen Teil unseres Begehrens abgeben. Das können wir nur dadurch tun, daß wir die betreffende Vorstellung mit Liebe aufnehmen, mit Liebe durchdringen. Je liebevoller wir eine Vorstellung aufnehmen, und das kann noch in einer andern Weise ausgedrückt werden: je mehr Interesse wir einer Vorstellung zuwenden, je mehr wir uns beim Aufnehmen einer Vorstellung selbst verlieren mit unserem Egoismus, desto besser wird sie in der Erinnerung bleiben. Wer sich nicht gegenüber einer Vorstellung verlieren kann, dem gegenüber wird sie nicht leicht im Gedächtnis bleiben. Wir werden im weiteren Verlauf der Vorträge auch noch Anhaltspunkte gewinnen, wie wir eine Vorstellung umgeben können mit einer Atmosphäre von Liebe.
[ 32 ] This then raises the question: How should we behave when we consider our inner life, particularly in light of the fact that we are, for example, in a certain sense powerless in the face of certain ideas that we are supposed to bring into our present inner life? Other ideas enter our inner life more easily. And you know how much depends on whether we are powerful or powerless in this regard, whether we can bring these ideas to mind easily or with difficulty, and whether we are able to recall them from memory easily or with difficulty. When we recall a particular thing, we must ask: Which ideas arise more easily, and which arise more with difficulty?—For this can be extraordinarily important in life. Can we do something from the outset when taking in ideas, so that we give them something that makes them arise more easily for us again? Yes, we can give them something. And simply contemplating this fact would be infinitely useful for many people, for many people would make their outer life and their inner life immensely easier if they were to consider what makes an idea easier to recall, what can promote the process of being more easily recalled. If you cultivate soul observation in all its aspects, it can show you that you must give the idea something to take with it if it is to come more easily to mind. We have found desire and judgment to be elements of the soul life. Since the soul life consists of these two elements, we will also be able to find only within these two elements what we must give an idea to take with it if it is to be remembered more easily. What can we impart to an idea from our desire? We can impart nothing but desire to the idea. How do we do that? By transferring as much of our own desires as possible onto the idea at the very moment we take it in. It is a good practice for our soul life when we impart a part of our desire to the idea. We can only do this by taking in the idea in question with love, by permeating it with love. The more lovingly we take in an idea—and this can be expressed in another way: the more interest we show in an idea, the more we lose ourselves in our egoism while taking in an idea—the better it will remain in our memory. For those who cannot lose themselves in an idea, it will not easily remain in their memory. In the course of these lectures, we will also gain further insights into how we can surround an idea with an atmosphere of love.
[ 33 ] Das andere, was wir einer Vorstellung mitgeben können, ist das, was wir in der Seele an Urteilskraft haben. Das heißt mit andern Worten: Eine jede Vorstellung wird leichter erinnert werden können, wenn sie durch urteilende Seelenkraft aufgenommen worden ist, als wenn sie nur einfach eingeprägt worden ist. Also, wenn Sie einer Vorstellung gegenüber, die Sie in Ihr Seelengefüge aufnehmen, urteilen und sie aufnehmen, indem Sie sie umfassen, umspannen mit dem Urteil, geben Sie ihr wieder etwas mit, was die Erinnerung an sie fördert. So geben Sie ihr etwas mit wie eine Atmosphäre. Und es hängt von dem Menschen selber ab, wie er seine Vorstellungen zubereitet, ob sie leichter oder schwieriger wieder auftreten. Wir werden sehen, daß die Art, wie wir eine Vorstellung mit Liebe oder Urteilskraft umgeben, etwas außerordentlich Wichtiges ist für unser Seelenleben.
[ 33 ] The other thing we can impart to an idea is the power of judgment we possess in our soul. In other words: Any idea will be easier to recall if it has been taken in through the soul’s power of judgment than if it has simply been imprinted. So, when you encounter an idea that you take into your soul, if you judge it and take it in by embracing it, by enveloping it with your judgment, you are giving it something that promotes its recall. In this way, you are giving it something like an atmosphere. And it depends on the person themselves how they prepare their ideas, whether they will resurface more easily or with greater difficulty. We will see that the way we surround an idea with love or judgment is something extraordinarily important for our soul life.
[ 34 ] Das ist die eine Frage für morgen. Das andere ist das, daß unser Seelenleben in einer fortlaufenden Beziehung steht zu dem Ich-Zentrum. Und wenn wir den Weg gehen, den wir heute mit einer gewissen Schwierigkeit hingestellt haben, so werden wir morgen die Möglichkeit finden, die beiden Richtungen, die Richtung des Gedächtnisses und die Richtung des Ich-Erlebnisses, zusammenzuführen.
[ 34 ] That is one question for tomorrow. The other point is that our inner life stands in a continuous relationship to the I-center. And if we follow the path we have outlined today with some difficulty, we will find the possibility tomorrow of bringing together the two directions: the direction of memory and the direction of the I-experience.
[ 35 ] Es könnte manchen wundern, daß alle Gefühle im Menschen im Grunde genommen Begehrungen sein sollen. Und es könnte namentlich denjenigen wundern, welcher weiß, daß mit dem höheren Seelenleben, mit dem Seelenleben, das durch eine esoterische Entwickelung angestrebt wird, gerade verbunden ist, das Begehren in einer gewissen Weise zu überwinden. Wenn man jedoch sagt: Das Begehren überwinden -, so ist das gegenüber der Seelenkunde ein nicht genauer Ausdruck; denn das Begehren entspringt nicht in der Seele selbst, es wogt herein aus unbekannten Tiefen. Was ist es, was da in die Seele hereinwogt? Wofür ist es ein Ausdruck? Wir können es vorläufig abstrakt -— morgen werden wir es konkret fassen — auffassen als das, was auf einem höheren Gebiet dem Begehren entspricht und aus des Menschen ureigenstem Wesen hervorgeht als der Wille. Und wenn wir das Begehren zum Zwecke einer höheren Entwickelung bekämpfen, so bekämpfen wir nicht den Willen, der einer Begehrung zugrunde liegt, sondern nur die einzelnen Modifikationen, die einzelnen Gegenstände des Begehrens. Dadurch machen wir den Willen rein, und dann wirkt der Wille in uns rein. Und ein solcher Wille, der frei geworden ist von den Gegenständen, der gegenstandslos ist, stellt gerade in einer gewissen Beziehung ein Höchstes in uns dar. Sie dürfen dabei nicht an den «Willen zum Dasein» denken — das wäre kein gegenstandsloser Wille -, sondern Sie müssen denken an Willen mit einem Inhalt des Begehrens, der sich an keinen Gegenstand wendet. Wille ist nur dann rein und frei, wenn er zunächst nicht modifiziert ist zu einem bestimmten Begehren, wenn er also hinwegführt von einem bestimmten Begehren.
[ 35 ] It might surprise some that all human feelings are, in essence, supposed to be desires. And it might surprise, in particular, those who know that the higher life of the soul—the life of the soul sought through esoteric development—is precisely connected with overcoming desire in a certain way. However, when one says, “Overcome desire,” this is not a precise expression in terms of the science of the soul; for desire does not arise within the soul itself, but surges in from unknown depths. What is it that surges into the soul? What is it an expression of? We can provisionally—we will grasp it concretely tomorrow—conceive of it as that which, on a higher plane, corresponds to desire and emerges from the very essence of the human being as the will. And when we combat desire for the sake of higher development, we do not combat the will that underlies desire, but only the individual modifications, the individual objects of desire. In this way we purify the will, and then the will acts within us in a purified state. And such a will, which has become free from objects, which is objectless, represents, in a certain sense, a supreme reality within us. You must not think here of the “will to exist”—that would not be an objectless will—but you must think of a will with a content of desire that is directed toward no object. Will is pure and free only when it is not initially modified into a specific desire, that is, when it leads away from a specific desire.


[ 36 ] So können wir selbst noch bis in unser Gefühlsleben hereinwogen sehen das Willensleben. Wenn das der Fall ist, so müßte man daran so recht studieren können, daß Wille und Gefühl etwas Verwandtes haben. Man kann ja allerlei phantastische Definitionen für Wille und Gefühl geben, und so könnte zum Beispiel jemand sagen: Wille muß hinführen zu einem Gegenstande, muß in Tat übergehen. — Aber mit solchen Definitionen ist der Wirklichkeit gegenüber gar nichts getan, und wir werden sehen, daß sie gewöhnlich ganz und gar unberechtigt sind und daß der Mensch, der solche Definitionen abgibt, gut daran tun würde, wenn er sich dem Genius der Sprache hingeben würde, der gescheiter ist als die persönliche Menschenseele. So hat die Sprache zum Beispiel ein geniales Wort für dasjenige innere Erlebnis, wo der Wille unmittelbar Gefühl wird. Denken Sie, der Wille würde bis zu einer Grenze gehen, sich dann in sich selber abstumpfen, und der Mensch würde das in sich selber sich abstumpfende Willensstreben von innen beschauen, gleichsam den Willen in sich zurückgehen lassen und dann beschauen: Das würde eintreten, wenn der Mensch einem andern Wesen gegenüberträte, und das innere Gewoge des Willens bis zu einem Punkte gehen würde und dann zurückgehalten würde. Das ist ganz gewiß ein tiefes Gefühl des Unbetriedigtseins des Willens. Da erfindet die Sprache für diesen Willen, der ganz gewiß nicht zur Tat wird, denn er geht in sich zurück, ein geniales Wort. Da erfindet sie das Wort «Widerwille», und das ist für jeden ganz deutlich kein Wille; so daß dieser Wille, wenn er sich selbst erkennt, für das Gefühl der Wille ist, der sich in sich selbst zurückzieht. Und die Sprache hat für diese Selbstanschauung des Willens das Wort «Widerwille» und drückt damit ein Gefühl aus. Daran können wir sehen, wie unsinnig die Definition wäre, daß Wille der Ausgangspunkt zur Tat wäre. Und innerhalb des Willens .wogt dann der modifizierte Wille, das Begehren; und je nachdem er sich so oder so auslebt, zeigen sich die verschiedenen Seelengebilde.
[ 36 ] Thus we can see the life of the will extending even into our emotional life. If that is the case, one ought to be able to study it in such a way that will and feeling are seen to have something in common. One can, of course, give all sorts of fanciful definitions of will and feeling, and so, for example, someone might say: Will must lead to an object, must pass into action. — But such definitions do nothing to capture reality, and we shall see that they are usually entirely unjustified, and that the person who offers such definitions would do well to surrender to the genius of language, which is wiser than the individual human soul. For example, language has a brilliant word for that inner experience where the will immediately becomes feeling. Suppose the will were to go as far as a certain limit, then become dulled within itself, and the person were to observe from within this striving of the will that is becoming dulled within itself, as it were, to let the will recede within oneself and then observe it: This would occur if a person were to face another being, and the inner surge of the will were to go as far as a certain point and then be held back. This is most certainly a profound sense of the will’s unchallenged state. Here language invents a brilliant word for this will, which certainly does not become action, for it withdraws into itself. Here it invents the word “reluctance,” and this is quite clearly not will for anyone; so that this will, when it recognizes itself, is for the feeling the will that withdraws into itself. And language has the word “reluctance” for this self-contemplation of the will, thereby expressing a feeling. From this we can see how nonsensical the definition would be that the will is the starting point for action. And within the will, the modified will—desire—then surges; and depending on how it plays itself out in one way or another, the various soul formations reveal themselves.
