Anthroposophy, Psychosophy
and Pneumatosophy
GA 115
2 November 1910, Berlin
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Anthroposophy Psychosophy Pneumatosophy, tr. SOL
Psychosophie II
Psychosophy II
[ 1 ] Wir haben gestern unsere psychosophische Betrachtung damit geschlossen, daß wir auf der einen Seite darauf hinwiesen, wie im Grunde genommen dieses auf- und abwogende menschliche Seelenleben sich zurückführen läßt gleichsam auf zwei Elemente: auf Urteilen und auf die inneren Erlebnisse von Liebe und Haß. Wir haben ferner darauf hingewiesen, daß dann aber noch in unserem Seelenleben auftauchen die uns durch unsere Sinne gegebenen Empfindungen, und daß sich unser Seelenleben im Grunde genommen anfüllt mit diesen Empfindungen, daß sozusagen diese Empfindungen immer auf- und abwogen in unserem Seelenleben. Wir haben ferner darauf hingewiesen, daß innerhalb dieses seelischen Gewoges dann eines auftritt, was sich radikal von allem übrigen unterscheidet, was wir bei unserem Tagesleben in der Außenwelt erfahren. Unsere Empfindungen erleben wir, während wir sozusagen mit der Außenwelt leben, und sie wandeln sich in uns so um, daß sie dann in uns weiterleben. Wenn wir dieses Gewoge von Erlebnissen, das angeregt ist durch die Einflüsse unserer Sinne, überblicken, so tritt uns innerhalb desselben eine Wahrnehmung auf, die ganz anderer Art ist als alle übrigen Wahrnehmungen. Alle übrigen Wahrnehmungen, die wir zunächst im gewöhnlichen Leben haben, sind durch äußere Sinnesreize ausgelöst und sind dann weiter in uns verarbeitet worden. Sie sind aus Wahrnehmungen Empfindungen geworden und leben dann nach in dem, was die Empfindungen in uns übriglassen. Ganz anders ist nun das, was als eine Ich-Wahrnehmung in uns lebt. Das tritt mitten unter dem Gewoge der andern, durch die Außenwelt veranlaßten Erlebnisse auf, ist gewissermaßen während unseres Seelenlebens überall dabei und unterscheidet sich eben dadurch von allen andern Erlebnissen der Seele, daß es nicht von außen veranlaßt werden kann. Damit ist gleichsam eine Art von Gegensatz in unserem Seelenleben gegeben: die Ich-Empfindung und alle übrigen Seelenerlebnisse. Was für Geheimnisse sich hinter diesem Gegensatz verbergen, wird sich allerdings erst im Laufe dieser Vorträge zeigen. Aber ein Gefühl dafür sollten wir uns von Anfang an bei diesen Vorträgen erwerben dadurch, daß dieser Gegensatz uns so recht vor die Seele trete.
[ 1 ] Yesterday we concluded our psychosophical discussion by pointing out, on the one hand, how this ebbing and flowing of human soul life can essentially be traced back, as it were, to two elements: judgments and the inner experiences of love and hate. We also pointed out that, however, the sensations conveyed to us through our senses then emerge in our soul life, and that our soul life is essentially filled with these sensations, so that, so to speak, these sensations are constantly ebbing and flowing within our soul life. We have also pointed out that within this emotional ebb and flow, something then arises that differs radically from everything else we experience in our daily life in the external world. We experience our sensations while we live, so to speak, with the external world, and they are transformed within us in such a way that they then continue to live on within us. When we survey this ebb and flow of experiences, which is stimulated by the influences of our senses, a perception arises within it that is of a completely different kind from all other perceptions. All other perceptions that we initially have in ordinary life are triggered by external sensory stimuli and are then further processed within us. They have become sensations from perceptions and then live on in what the sensations leave behind within us. Quite different, however, is what lives within us as a perception of the self. This arises amidst the tumult of other experiences caused by the external world; it is, so to speak, present everywhere in our inner life and differs from all other experiences of the soul precisely in that it cannot be caused from without. Thus there is, as it were, a kind of contrast in our inner life: the sense of self and all other inner experiences. What secrets lie hidden behind this contrast will, of course, only become apparent in the course of these lectures. But we should acquire a sense of it from the very beginning of these lectures by allowing this contrast to truly come before our souls.
[ 2 ] Gleichsam angewiesen sind wir auf die äußere Welt mit allem übrigen Erleben, und hinein stellen wir in alles übrige Erleben unsere Ich-Wahrnehmung. Daß also in unsere Seele von zwei Seiten her dasjenige kommt, was da auf- und abwogt, das können wir schon an diesem, ich möchte sagen, ganz abstrakten Gegensatz empfinden lernen. Und es ist wichtig, daß wir dieses menschliche Seelenleben — und um das handelt es sich zunächst, denn auf anderes Seelenleben werden wir erst vom Menschen aus ein kleines Streiflicht werfen können — uns im Kleinen, im Abstrakten, und im Konkreten, im Großen vor Augen führen, so recht fühlend zunächst vor Augen führen. Dieses menschliche Seelenleben ist wirklich von vornherein keine Einheit, sondern es ist etwas wie ein dramatischer Kampfplatz, auf dem sich Gegensätze fortwährend ausleben. Und derjenige Mensch, der mit einer etwas feineren Empfindung und einem tieferen Gefühl diesem Leben der menschlichen Seele, der menschlichen Psyche lauscht, wird wirklich nicht verkennen können den dramatischen Charakter dieses menschlichen Seelenlebens. Gegenüber den gegensätzlichen Mächten in der menschlichen Seele fühlt eigentlich der Mensch so etwas wie ein Nicht-Herr-Sein darin, ein Hingegebensein an diese Gegensätzlichkeit. An dieses Hingegebensein an die Gegensätzlichkeit des Seelenlebens, an, wir könnten sagen, diese zwei Naturen in unserem Seelenleben ist der kleinste Mensch, ist der größte Genius gebunden. Und um in Ihnen ein Gefühl hervorzurufen von dem, was als Gegensätze in der Menschenseele wogt, auch bei einem größten Genius noch, habe ich Ihnen gestern an die Spitze gestellt ein Gedicht Goethes.
[ 2 ] We are, as it were, dependent on the external world and all other experiences, and we project our sense of self into all other experiences. We can already begin to grasp—through this, I might say, quite abstract contrast—that what surges and ebbs within us enters our soul from two directions. And it is important that we bring this human soul life—and this is what matters first and foremost, for we will only be able to cast a brief light on other forms of soul life starting from the human being—before our eyes in the small, in the abstract, and in the concrete, in the large, bringing it before our eyes with true feeling at first. This human soul life is truly, from the outset, not a unity, but rather something like a dramatic battlefield on which opposites are constantly playing out. And the person who listens to this life of the human soul, the human psyche, with a somewhat finer sensibility and a deeper feeling, will truly be unable to fail to recognize the dramatic character of this human soul life. Faced with the opposing forces in the human soul, a person actually feels something like a lack of mastery over it, a surrender to this opposition. To this surrender to the opposites of soul life—to, we might say, these two natures within our soul life—the humblest person is bound, as is the greatest genius. And to evoke in you a sense of what surges as opposites within the human soul, even in the greatest genius, I placed a poem by Goethe at the beginning of yesterday’s lecture.
[ 3 ] Wenn etwa jemand von Ihnen von gestern auf heute seinen Goethe in die Hand genommen und dieses Gedicht nachgelesen hat, wird er zu einer eigentümlichen Empfindung gekommen sein, zu einer Empfindung, von der es gut wäre, wenn sie unserem ganzen Vortragszyklus zugrunde liegen würde. Ich will Ihnen diese Empfindung ein bißchen verdeutlichen; denn nicht in abstracto wollen wir das Seelenleben schildern, sondern wir wollen versuchen, sozusagen Blut hineinzubringen und hineinkommen in das Lebendige dieses Seelenlebens.
[ 3 ] If any of you, for example, picked up your copy of Goethe between yesterday and today and reread this poem, you will have arrived at a peculiar feeling—a feeling that would be good to have as the foundation for our entire lecture series. I would like to clarify this feeling for you a little; for we do not wish to describe the life of the soul in the abstract, but rather we want to try, so to speak, to breathe life into it and enter into the vitality of this life of the soul.
[ 4 ] Wenn Sie das gestern rezitierte Gedicht vom «Ewigen Juden» nachgelesen haben, werden Sie sich gesagt haben: Das steht ja ganz anders dadrinnen! Es ist ja etwas anderes vorgelesen worden, als was in Goethes Werken steht! — Es ist nämlich etwas getan worden für die Rezitation, was gegenüber dem, was man philologische Wissenschaft nennt, eine Brutalität, eine ungeheure Barbarei sein mag: es ist dieses Gedicht vom «Ewigen Juden» besonders zubereitet worden und nicht so vorgelesen worden, wie es in Goethes Werken steht. Gewisse Dinge sind geändert worden, anderes ist weggelassen worden, und es ist durch das, was geboten worden ist, ein ganz anderes Bild hervorgerufen worden. Das darf man natürlich vor den Philologen nicht tun. Aber man darf es dann tun, wenn man eine ganz besondere Absicht hat, wenn es sich darum handelt, eine tiefere Perspektive auf das menschliche Seelendrama zu eröffnen. Denn der «Ewige Jude» ist ein Gedicht Goethes, das er in seiner allerersten Jugend geschrieben hat. Und was Ihnen gestern vorgelesen worden ist, das ist in diesem Gedicht dasjenige, was ganz gewiß in bezug auf seinen Inhalt auch hätte vor die reife Goethe-Seele im höchsten Greisenalter hintreten können, und er würde dazu gesagt haben: Ja, das ist etwas, was ich selber vertreten will. — Dagegen würde er sich von dem, was gestern ausgelassen oder geändert worden ist, abgewendet haben und vielleicht gesagt haben, daß er sich ein wenig schäme, diese Dinge geschrieben zu haben. Wer mit einer so tiefen, unbegrenzten Anerkennung Goethe gegenübersteht wie ich selber, der darf vielleicht auch einmal so über Goethe sprechen, wie ich heute zu sprechen genötigt bin, wenn ich über das Gedicht vom «Ewigen Juden» spreche. In Goethes frühester Jugend ist dieses Gedicht entstanden. Und seine Jugend spricht sich darin insofern aus, wie es eben natürlich ist für die Zeit, in der er es geschrieben hat, wo er noch ein rechter Nichtsnutz war, einer, von dem man so ganz bestimmt nichts lernen kann. Oder darf man denn vielleicht nicht sagen, daß man in bezug auf manche Dinge von Goethe nichts lernen kann? Man kann frank und frei sagen, daß er damals noch nicht einmal ohne Fehler richtig orthographisch schreiben konnte. Warum darf man also nicht sagen, gewisse Dinge in dem Gedicht vom «Ewigen Juden» sind nichtsnutzig? Man wird allerdings nicht mitgehen können mit jenem elenden Zeitgeschmack, der alle Werke eines jeden großen Künstlers womöglich in ihrer frühesten Gestalt ans Tageslicht zieht. Damit zeigt man nur seine eigene Schwäche. Ja, in Goethes Jugendgedicht ist etwas, was nicht er selbst war. In Goethes Jugendseele haben Dinge und Vorstellungen rumort, die ganz und gar nur aus seinem Milieu stammten. Die gehen uns nichts an, die gehen nur ihn an. Es fügt sich da etwas zusammen, was man nennen könnte eine Ehe zwischen dem Zeitlichen in Goethes Seele und dem Ewig-Göttlichen in der Goethe-Seele. Und das, was da entstand, ist ein Ewiges für die ganze Menschheit. Das hat Wert für uns, und das hat Wert für alle Menschen, die auf uns folgen werden. Diese zwei Dinge, wovon das eine nur Goethe selber angeht, das andere uns und alle Nachwelt angeht, wurden auseinandergeschält. Diese zwei Goethe in dem jungen Goethe, diese zwei Seelen in seiner Natur wurden durch einen Schnitt auseinandergelegt, und was schon in dem jungen Goethe war von dem, was bis an sein Lebensende in ihm gewaltet hat, das wurde abgetrennt von dem, was nur im jungen Goethe war — was im alten Goethe abgestorben war — und wurde zurückbehalten.
[ 4 ] If you have read the poem “The Eternal Jew” that was recited yesterday, you must have thought to yourself: That’s written quite differently in the text! What was read aloud was different from what appears in Goethe’s works! — For something has been done for the sake of the recitation that, in the eyes of what is called philological scholarship, may be a brutality, a monstrous barbarity: this poem of the “Eternal Jew” has been specially adapted and was not read as it appears in Goethe’s works. Certain things have been changed, others have been omitted, and what was presented has evoked a completely different picture. Of course, one must not do this in front of philologists. But one may do it when one has a very specific intention, when the aim is to open up a deeper perspective on the drama of the human soul. For “The Eternal Jew” is a poem by Goethe that he wrote in his very earliest youth. And what was read to you yesterday is, in this poem, that which, in terms of its content, could certainly have been presented to the mature Goethean soul in his very old age, and he would have said: Yes, this is something I myself wish to uphold. — On the other hand, he would have turned away from what was omitted or altered yesterday and perhaps said that he was a little ashamed to have written those things. Anyone who regards Goethe with such deep, boundless admiration as I do myself may perhaps also speak of Goethe in the way I am compelled to speak today when I speak of the poem “The Eternal Jew.” This poem was written in Goethe’s earliest youth. And his youth is expressed in it to the extent that it is only natural for the time in which he wrote it, when he was still a real good-for-nothing, someone from whom one certainly cannot learn anything. Or is it perhaps not permissible to say that, with regard to certain things, one cannot learn anything from Goethe? One can say frankly and freely that back then he could not even spell correctly without making mistakes. So why should one not say that certain things in the poem “The Eternal Jew” are worthless? One cannot, however, go along with that wretched contemporary taste that seeks to bring to light all the works of every great artist, if possible, in their earliest form. To do so is merely to reveal one’s own weakness. Yes, there is something in Goethe’s youthful poem that was not himself. Things and ideas rumbled in Goethe’s youthful soul that stemmed entirely from his milieu. They are none of our business; they concern only him. Something comes together there that one might call a marriage between the temporal in Goethe’s soul and the eternal-divine in the Goethean soul. And what emerged there is something eternal for all of humanity. This has value for us, and it has value for all people who will follow us. These two things—one of which concerns only Goethe himself, the other of which concerns us and all posterity—were separated. These two Goethes in the young Goethe, these two souls in his nature, were separated by a cut, and what was already present in the young Goethe of that which reigned within him until the end of his life was separated from what was only in the young Goethe—what had died in the old Goethe—and was retained.
[ 5 ] Das zeigt uns, wie in den Genius hineinspielen die Kräfte, zu denen er sich erst in der Zukunft emporarbeitet, und diejenigen Kräfte, die aus dem Umkreis seiner Umgebung kommen. Und wenn wir hinblikken auf Goethes Seele in der Jugend, erscheint sie uns wirklich wie ein Kampfplatz, auf dem sich abspielt der Kampf zwischen dem Helden Goethe, der durch das ganze Leben ihn begleitet und der eigentliche Träger seines Genius ist, und zwischen etwas anderem, was er niederzukämpfen hatte in seiner Seele. Und wäre dieser Kampf nicht dagewesen: Goethe wäre nicht Goethe geworden. Da haben wir etwas handgreiflich vor uns, was in der Seele arbeitet: diese Gegensätzlichkeit. Die Seele kann kein einheitliches Wesen sein, denn sonst würde sie stillestehen, würde nicht fortschreiten können. Es ist wichtig, daß wir uns von vornherein das Gefühl aneignen von der Polarität, der Gegensätzlichkeit im Seelenleben. Wenn wir dieses Gefühl nicht haben, werden wir auch nicht dazu kommen, in der rechten Weise alles zu würdigen, was gerade mit Bezug auf das Seelenleben gesagt werden muß. Und gerade wenn wir ein so typisches Seelenleben haben wie dasjenige Goethes, blicken wir auf ein solches Seelenleben hin wie auf ein Drama und suchen uns ihm mit scheuer Ehrfurcht zu nahen, weil wir innerhalb einer einzigen Inkarnation in diesem Kampfe, der sich als Seelenleben abspielt, das erblicken, was der wahre Inhalt, das wirkliche Schicksal des einzelnen Seelenlebens ist.
[ 5 ] This shows us how the genius is shaped by the forces he will only come to master in the future, as well as by those forces that arise from his immediate surroundings. And when we look at Goethe’s soul in his youth, it truly appears to us as a battlefield where the struggle takes place between the hero Goethe—who accompanies him throughout his entire life and is the true bearer of his genius—and something else that he had to overcome within his soul. And had this struggle not existed, Goethe would not have become Goethe. Here we have something tangible before us that works within the soul: this polarity. The soul cannot be a uniform entity, for otherwise it would stand still, would be unable to progress. It is important that we acquire from the outset a sense of polarity, of the opposition within the life of the soul. If we do not have this sense, we will not be able to properly appreciate everything that must be said specifically in relation to the life of the soul. And precisely when we have a soul life as typical as Goethe’s, we regard such a soul life as a drama and seek to approach it with timid reverence, because within a single incarnation, in this struggle that unfolds as soul life, we perceive what is the true content, the real destiny of the individual soul life.
[ 6 ] Und auf ein anderes noch dürfen wir bei diesem Seelendrama hinweisen. Nehmen wir noch einmal die Gegensätzlichkeit in der Goethe-Seele, wie sie uns vor das geistige Auge tritt gerade durch die gestrige Rezitation und durch die Erklärung, die ich gegeben habe. Was kann sich uns daraus ergeben?
[ 6 ] And there is another aspect of this psychological drama that we should point out. Let us once again consider the contradictions within Goethe’s soul, as they come to mind precisely through yesterday’s recitation and the explanation I provided. What conclusions can we draw from this?
[ 7 ] Wenn wir Goethes Seelenleben überblicken, können wir sehen, wie er im Alter dem einen nur folgt, was wir gestern in der Rezitation an Vorstellungen, Empfindungen, an Seeleninhalten loslösten von dem andern, was er dann durch die Kraft der eigenen Seele gleichsam aus sich herauswarf. An diese beiden Gewalten war Goethe ohne sein Zutun als Seelenwesen sein ganzes Leben hindurch hingegeben. So ist jeder Mensch, indem er eine Seele ist, ein Wesen, das nicht bloß Herr ist in sich, sondern er ist auch an etwas Inneres hingegeben, das über ihn Gewalt hat, das von seinem Wissen von vornherein nicht umfaßt werden kann. Denn hätte Goethe in der Zeit, als er den «Ewigen Juden» schrieb, alles umspannt in seiner Seele, was zu umspannen möglich gewesen wäre, so wäre dieses Gedicht künstlerischer geworden und etwa so, wie wir es gestern vorgelesen haben, jedenfalls aber nicht mit dem Inhalt, wie er in Goethes Werken steht.
[ 7 ] When we survey Goethe’s inner life, we can see how, in his later years, he followed only that which we had, in yesterday’s recitation, drawn out of him—the ideas, feelings, and inner contents—and how he then, through the power of his own soul, cast them out of himself, as it were. Goethe was devoted to these two forces throughout his entire life, as a soul being, without any effort on his part. Thus, every human being, insofar as they are a soul, is a being who is not merely master of themselves, but is also devoted to something inner that has power over them, something that cannot be comprehended by their knowledge from the outset. For if, at the time he wrote “The Eternal Jew,” Goethe had encompassed in his soul everything that could possibly be encompassed, this poem would have become more artistic and something like what we read aloud yesterday; in any case, however, it would not have had the content as it appears in Goethe’s works.
[ 8 ] Hingegeben ist der Mensch an sein Seelenleben. Da wirkt etwas, was im Grunde genommen ebenso eine äußere Welt für sein Seelenleben darstellt, wie etwas anderes in der Außenwelt. Wie wir keine Gewalt haben, wenn wir einer roten Rose gegenüberstehen, sie als nicht rot uns vorzustellen, sondern wie die Rose uns zwingt, die rote Farbe in der Vorstellung von der roten Rose in uns weiterlebend zu haben, so existiert etwas, was uns in gewisser Weise die Notwendigkeit auferlegt, das Seelendrama in einer ganz bestimmten Art auszuleben. Herr über uns ist die Außenwelt bei allen unseren Sinneswahrnehmungen. Einen solchen Herrn müssen wir auch im inneren Seelenleben anerkennen, wenn wir die Gegensätze dieses Seelenlebens ins Auge fassen und es in der Weise betrachten, daß wir es vor uns hinstellen, wie es in der Zeit verläuft von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Lebensepoche zu Lebensepoche, und durch eine innere Gewalt vorwärtsgetrieben wird und immer reicher und reicher wird.
[ 8 ] Human beings are devoted to their inner life. There is something at work here that, in essence, constitutes an external world for their inner life just as much as anything else in the external world. Just as we have no power, when faced with a red rose, to imagine it as not red—but rather, just as the rose compels us to keep the red color alive in our conception of the red rose—so there exists something that, in a certain way, imposes upon us the necessity of living out the drama of the soul in a very specific manner. The external world is our master in all our sensory perceptions. We must also acknowledge such a master in our inner soul life when we face the opposites of this soul life and view it in such a way that we set it before us as it unfolds in time from day to day, from year to year, from epoch of life to epoch of life, driven forward by an inner force and becoming ever richer and richer.
[ 9 ] Schon aus diesen einfachen, konkreten Darstellungen, wobei wir ganz auf dem physischen Plan geblieben sind, sehen Sie, daß wir durch unsere Sinneswahrnehmungen einen äußeren Zwang, einen Herrn in bezug auf das äußere Leben anerkennen müssen, und einen inneren Herrn in uns. Wo wir auch stehen, an welchem Punkt des Raumes, die Außenwelt ist Herr über unsere Sinneswahrnehmungen. Und wir würden in Phantastik verfallen, würden wir nicht diesen Herrn in bezug auf die Sinneswahrnehmungen anerkennen. Insofern wir nun selber vorwärtsschreiten in uns, haben wir auf den dramatischen Gegensatz in unserem Seelenleben hinzublicken, und da haben wir zu erkennen, daß wir, wie in der Außenwelt, einen ebensolchen Herrn in uns haben, der zum Beispiel bewirkt, daß wir mit sieben Jahren ein anderes Seelenleben haben als mit zwanzig oder dreißig Jahren oder später. Das sei zunächst zur Veranschaulichung gesagt für manches, was uns vor Augen treten wird.
[ 9 ] Even from these simple, concrete examples—in which we have remained entirely on the physical plane—you can see that, through our sensory perceptions, we must acknowledge an external force, a master in relation to external life, and an inner master within us. Wherever we stand, at whatever point in space, the external world is master of our sensory perceptions. And we would fall into fantasy if we did not acknowledge this master in relation to our sensory perceptions. As we now proceed inward within ourselves, we must look toward the dramatic contrast in our inner life, and there we must recognize that, just as in the external world, we have an equally dominant force within us that, for example, causes us to have a different inner life at the age of seven than at twenty or thirty or later. Let this be said for now by way of illustration for many things that will come before our eyes.
[ 10 ] Dieses Seelendrama, das wir so im Konkreten am Beispiele Goethes vor uns hingestellt haben, ist nun doch zuletzt nur zusammengesetzt aus den beiden Elementen des Seelenlebens, aus Urteilen und aus den Phänomenen von Liebe und Haß. Nun wurde gestern gesagt: Urteilen führt zu Vorstellungen, Liebe und Haß kommen aus dem Begehren. Sie könnten nun leicht in dem, was gesagt worden ist, einen Widerspruch gegenüber dem unmittelbaren Tatbestand, dem unmittelbaren Erlebnis der Außenwelt sehen, denn Sie könnten sagen: Wenn du behauptest, Urteilen führe zu Vorstellungen, so widersprichst du der ganz einfachen Tatsache, daß durch die Sinneswahrnehmungen, dadurch, daß diese sich aufdrängen von der Außenwelt her, Vorstellungen entstehen. Wenn wir der Rose gegenüberstehen und den Eindruck «rot» haben, so entsteht die Vorstellung «rot», ohne daß ein Urteil dem zugrunde liegt. — Und Sie könnten weiter sagen: Also führt nicht das Urteilen zu Vorstellungen, sondern es ist sogar umgekehrt, erst muß die Vorstellung da sein, und dann muß der Mensch auf Grund der Vorstellung urteilen! — Halten Sie diesen scheinbaren Widerspruch einmal fest. Er ist nämlich gar nicht so leicht zu durchdringen, er ist nicht so leicht zu durchschauen in seiner Art. Wir werden mancherlei zusammentragen müssen von dem, was wir durch die Beobachtung des Seelenlebens gewinnen können, damit wir einen Schlüssel erhalten, um über diesen scheinbaren Widerspruch hinwegzukommen.
[ 10 ] This drama of the soul, which we have so concretely set before us using Goethe as an example, is ultimately composed only of the two elements of the life of the soul: judgments and the phenomena of love and hate. Now, it was said yesterday: Judgments lead to ideas; love and hatred arise from desire. You might now easily see in what has been said a contradiction to the immediate facts, to the immediate experience of the external world, for you might say: If you claim that judgment leads to concepts, then you are contradicting the very simple fact that concepts arise through sensory perceptions, through the fact that these impose themselves from the external world. When we stand before a rose and have the impression “red,” the concept “red” arises without any judgment underlying it. — And you might go on to say: So it is not judgment that leads to concepts, but rather the opposite; first the concept must be there, and then the person must judge on the basis of the concept! — Let us note this apparent contradiction. For it is not at all easy to penetrate; it is not so easy to see through in its nature. We will have to gather various insights from what we can gain through the observation of the life of the soul, so that we may obtain a key to overcoming this apparent contradiction.
[ 11 ] Da müssen Sie vor allen Dingen Ihre Aufmerksamkeit darauf richten, daß Vorstellungen etwas sind, was tatsächlich im menschlichen Seelenleben ein eigenes Dasein, ein eigenes Leben führt. Ich bitte, diesen Satz nicht leicht zu nehmen, sondern in seiner ganzen Schwere: Vorstellungen sind etwas, was wie Parasiten, wie innere Lebewesen innerhalb des Seelenwesens ein eigenes Dasein führen. Und auf der andern Seite führt auch das Begehren ein eigenes Dasein im Seelenleben. Unser Seelenleben steht in der Tat den Vorstellungen und den Begehrungen oder Begierden so gegenüber, daß sich beide wie selbständige Wesenheiten ausnehmen, denen wir als Seelenwesen hingegeben sind. Sie können sich leicht überzeugen, daß Vorstellungen etwas sind, was ein eigenes Leben in unserer Seele führt: Sie brauchen nur daran zu denken, daß Sie es nicht in den eigenen Kräften des Seelenlebens haben, eine Vorstellung, die Sie aufgenommen haben, ohne weiteres wieder in die Erinnerung zurückzurufen. Eine Vorstellung, die wir vielleicht erst gestern gebildet haben, weigert sich zuweilen recht sehr, wieder in unser Seelenleben zurückzukehren. Wir sagen im trivialen Leben dann: Wir haben das, worum es sich handelt, vergessen. Es will nicht hinauf, es weigert sich zunächst. Da spielt sich ein Kampf ab zwischen dem, was unstreitig als eine Seelenkraft in uns existiert und was die Vorstellung herbeizerren will, und etwas anderem, was in unserer Seele gegenwärtig ist. Dies ist ein Kampf in unserer Seele mit der Vorstellung. Dennoch braucht sich nichts in der Außenwelt zu ereignen und wir können uns doch an die Vorstellung wieder erinnern. Sie war also in uns, aber sie hat sich geweigert, sich uns sogleich in ihrem Dasein zu ergeben. Sie wissen ferner aber auch, daß bei den verschiedensten Menschenindividualitäten dieser Kampf ein sehr verschiedener ist, der in der menschlichen Seele gekämpft wird zwischen den eigenen Seelenkräften und den wieder heraufzubringenden Vorstellungen, welche zwar in der Seele leben, sich aber sozusagen als Gegner der unmittelbaren Seelenkräfte ausnehmen. Und die Verschiedenheit dieser beiden ist so groß, daß wir sogar ihre äußersten Enden ziemlich erschreckend weit voneinander entfernt finden. Da finden Sie an dem einen Ende jene Menschenindividualitäten, die im Grunde genommen niemals in Verlegenheit sind, das gegenwärtig zu haben, was in ihrer Seele je gelebt hat, wenn sie es brauchen, die sich immer leicht erinnern an ihren gesamten Vorstellungs- und Wissensschatz. Und auf der andern Seite haben wir Menschen, die an einer so großen Vergeßlichkeit leiden, daß sie ganz ohnmächtig sind gegenüber den Vorstellungen, die in ihnen leben, um diese wirklich ins bewußte Leben wieder hinaufzubringen. Für den wirklichen Seelenkenner ist es nun etwas außerordentlich Wichtiges [zu sehen], wie rasch ein Mensch sich erinnert, wie rasch Vorstellungen, die ein Mensch erlebt hat, sich ergeben gegenüber den Kräften, die sie wieder hinaufbringen wollen. Das ist für einen Seelenkenner ein Maßstab für etwas viel Tieferes in der menschlichen Wesenheit. Es weist ihn darauf hin, daß dieses Entferntsein von den eigenen Vorstellungen ein Ausdruck ist von innerer Gesundheit oder Krankheit. Und da Gesundheit und Krankheit in ihren Nuancen in den Extremen ineinander übergehen, so kann man sagen: Wir haben selbst in diesen intimen Kleinigkeiten für den Seelenkenner einen tiefen Hinweis gegeben bis in die Leiblichkeit hinein in bezug auf die Konstitution eines Menschen. Aus der Art und Weise, wie eine Seele mit den Vorstellungen zu kämpfen hat, um sie wieder in die Erinnerung hinaufzurufen, wird der Seelenkenner sogar in die Möglichkeit versetzt sein, schließen zu können, wo es sozusagen dem betreffenden Menschen fehlt. Wir blicken gleichsam durch die Seele hindurch auf etwas, was noch etwas anderes ist als Seele, wenn wir dieses Seelenerlebnis des Kampfes mit der eigenen Vorstellungswelt erkennen.
[ 11 ] Above all, you must focus your attention on the fact that ideas are something that actually lead a life of their own within the human soul. Please do not take this statement lightly, but rather in all its gravity: ideas are something that, like parasites, like inner living beings, lead a life of their own within the soul. And on the other hand, desire also leads a life of its own in the life of the soul. Our soul life indeed stands in such a relationship to ideas and desires or cravings that both appear as independent entities to which we, as soul beings, are devoted. You can easily convince yourself that ideas are something that lead a life of their own within our soul: You need only consider that you do not possess the power within your own soul life to readily recall a concept you have absorbed. A concept we may have formed only yesterday sometimes resists quite strongly returning to our soul life. In everyday life, we then say: We have forgotten what it is about. It does not want to come up; it refuses at first. A struggle is taking place between what indisputably exists within us as a soul force—which seeks to draw the image forth—and something else that is present in our soul. This is a struggle within our soul with the image. Yet nothing need happen in the external world, and we can still recall the image. So it was within us, but it refused to surrender itself to us immediately in its existence. You also know, however, that among the most diverse human individualities this struggle is a very different one, fought within the human soul between one’s own soul forces and the ideas to be brought back up, which, though they live in the soul, present themselves, so to speak, as opponents of the immediate soul forces. And the difference between these two is so great that we even find their extreme opposites to be quite alarmingly far apart. At one end you find those human individuals who, in essence, are never at a loss to bring to mind whatever has ever lived in their soul when they need it, who always easily recall their entire store of ideas and knowledge. And on the other hand, we have people who suffer from such great forgetfulness that they are completely powerless in the face of the ideas that live within them, unable to truly bring these back up into conscious life. For the true connoisseur of the soul, it is now something extraordinarily important [to observe] how quickly a person remembers, how quickly the ideas a person has experienced yield to the forces that seek to bring them back up. For a connoisseur of the soul, this is a measure of something much deeper in the human being. It points out to him that this detachment from one’s own ideas is an expression of inner health or illness. And since health and illness merge into one another in their nuances at the extremes, one can say: Even in these intimate details, we have provided the soul-reader with a profound indication, extending into the physical realm, regarding a person’s constitution. From the way a soul struggles with its ideas in order to recall them, the soul-reader will even be able to infer where, so to speak, the person in question is lacking. We look, as it were, through the soul onto something that is still something other than the soul itself when we recognize this soul experience of the struggle with one’s own world of ideas.
[ 12 ] Aber noch in einer andern Weise können Sie sich ein Bild davon machen, wie die Vorstellungen tatsächlich ein eigenes Leben in unserer Seele führen. Die Vorstellungen, die wir in irgendeinem Lebensalter haben, sind etwas in ihrer Gesamtheit, über das wir nicht ganz Herr sind, dem wir hingegeben sind. Und wir können uns an gewissen Erlebnissen eine Überzeugung dafür verschaffen, daß es so ist. Ob wir zum Beispiel einen Menschen, der zu uns spricht, verstehen oder nicht verstehen, hängt ja von uns, von unserem Seelenleben ab. Sie werden mich verstehen, wenn ich zu Ihnen in meinen verschiedenen Vorträgen spreche. Wenn Sie aber jemanden, der nichts davon kennt, und wenn er noch so gebildet wäre in der heutigen Zeitbildung, jetzt in diese Vorträge mitbringen würden, so würde er vielleicht gar nichts verstehen. Warum ist das so? Weil Sie, vielleicht seit Jahren, andere Vorstellungen sich angeeignet haben! Was den Vorstellungen, die aus der heutigen Rede fließen, entgegenkommt, das sind jene Vorstellungen, welche Sie sich seit Jahren angeeignet haben. So sind es also Ihre Vorstellungen in der Seele, welche den neuen Vorstellungen entgegenkommen. Hier haben Sie sogar ein Beispiel dafür, daß der Mensch in der Willkür seines Seelenlebens eine äußerst geringe Macht hat. Es hilft gar nichts, irgend etwas verstehen zu wollen, wenn man nicht die Vorstellungsmassen in sich hat, welche dieses Verstehen möglich machen. Da kommt Vorstellung der Vorstellung entgegen. Und wenn Sie Ihr Seelenleben belauschen, werden Sie sogar bemerken können, daß Ihr Ich dabei eine äußerst geringe Rolle spielt. In dem Augenblick nämlich, wo Sie bei etwas zuhören, was Sie fesselt, haben Sie die beste Gelegenheit, Ihr Ich zu vergessen, und je mehr Sie zuhören, desto mehr haben Sie Gelegenheit, Ihr Ich zu vergessen. Versuchen Sie nur einmal, hinterher auf einen solchen Moment zurückzublicken, wo Sie so recht hingegeben waren an das, was Sie verstanden haben, dann werden Sie sich sagen müssen: Da war etwas in mir, wobei mein Ich nicht viel getan hat, wobei sich mein Ich ganz vergessen hat. — Man war wie hingegeben, wie selbstverloren — sagt man dann. Und der Mensch ist immer wie selbstverloren, wenn er etwas ganz besonders gut versteht. Da schalten Sie sogar Ihr Ich aus und setzen die Vorstellungsmasse, die Sie in sich haben, der andern Vorstellungsmasse entgegen, die in Ihre Seele hereinkommen soll. Und da gibt es etwas wie einen Kampf, nämlich Vorstellungen gegen Vorstellungen, und Sie selbst geben den Schauplatz ab für diesen Kampf von Vorstellungen, die schon da sind, gegenüber noch nicht vorhandenen Vorstellungen, die neu hereinkommen wollen.
[ 12 ] But there is another way you can get a sense of how ideas actually lead a life of their own within our souls. The ideas we hold at any stage of life are, taken as a whole, something over which we do not have complete control, something to which we are devoted. And certain experiences can convince us that this is indeed the case. Whether, for example, we understand a person speaking to us or not depends on us, on our inner life. You will understand me when I speak to you in my various lectures. But if you were to bring someone who knows nothing of this—no matter how well-educated they might be in today’s sense of education—into these lectures, they might not understand a thing. Why is that? Because you have, perhaps over the course of years, acquired other ideas! What corresponds to the ideas flowing from today’s talk are those ideas you have acquired over the years. So it is your concepts in the soul that correspond to the new concepts. Here you even have an example of the fact that human beings have extremely little power over the arbitrariness of their soul life. It does no good at all to want to understand something if you do not possess within yourself the mass of concepts that makes this understanding possible. Concept meets concept. And if you listen in on your inner life, you will even be able to notice that your ego plays an extremely minor role in this. For at the very moment when you are listening to something that captivates you, you have the best opportunity to forget your ego, and the more you listen, the more opportunity you have to forget your ego. Just try once to look back on such a moment, when you were so completely absorbed in what you understood, and you will have to admit to yourself: There was something within me where my ego did not do much, where my ego completely forgot itself. — One was as if absorbed, as if lost in the moment — one says then. And a person is always as if lost in the moment when they understand something particularly well. There you even switch off your ego and set the mass of ideas you have within yourself against the other mass of ideas that is to enter your soul. And there is something like a battle, namely ideas against ideas, and you yourself provide the stage for this battle between ideas that are already there and ideas that do not yet exist but wish to enter anew.
[ 13 ] Nun hängt im Seelenleben etwas ganz Bedeutsames davon ab, ob wir die Vorstellungen im Seelenleben haben, die notwendig sind, um etwas zu verstehen, oder ob wir sie nicht haben. Denken Sie, wir hören einer Sache zu, ohne daß wir die Vorstellungen haben, die notwendig sind, um diese Sache zu verstehen. Wir hören, wie man im trivialen Leben sagt, unvorbereitet zu. Dann zeigt sich etwas sehr Merkwürdiges. In dem Augenblick, wo wir unvorbereitet zuhören und nicht verstehen können durch die Art des Seelenlebens, wie ich es jetzt eben charakterisiert habe, da tritt etwas wie von hinten an uns heran, tritt an uns heran wie ein Dämon. Was ist das? Es ist das im Seelenleben lebende Ich. Das zeigt sich so, daß es gleichsam wie von hinten uns überfällt. Solange wir hingegeben sein können, selbstverloren sein können, meldet es sich nicht. In dem Augenblick aber meldet es sich, wo wir nicht verstehen können, nicht mitkönnen. Und wie meldet es sich da?
[ 13 ] Now, in the life of the soul, something quite significant depends on whether we possess the concepts necessary to understand something, or whether we do not. Imagine we are listening to something without having the concepts necessary to understand it. We listen, as they say in everyday life, unprepared. Then something very strange happens. At the very moment when we listen unprepared and cannot understand due to the nature of our inner life, as I have just described it, something approaches us as if from behind, approaches us like a demon. What is this? It is the ego living within the soul. It reveals itself in such a way that it, as it were, overtakes us from behind. As long as we can be absorbed, lost in ourselves, it does not make itself known. But it makes itself known the moment we cannot understand, cannot keep up. And how does it make itself known then?
[ 14 ] Wer das Seelenleben belauscht, wird bald bemerken, daß das, was da in das Seelenleben hineinspielt, etwas ist, was ihm Unbehagen machen wird. Da füllt sich die eigene Seele an mit etwas, was ihr Unbehagen macht. Halten wir uns das vor Augen, so dürfen wir sagen: Dieses Unbehagen zeigt uns ja, daß unser Seelenleben so geartet ist, daß die Vorstellungen, die wir schon haben, auf neue Vorstellungen wirken, die in uns eindringen wollen, aber durchaus nicht gleichgültig wirken, sondern so, daß sie gleichsam das eigene Seelenleben in Behagen, in ein innerlich In-sich-befriedigt-Sein bringen, oder aber in ein Unbehagen bringen. Da sehen wir wieder, wie der Mensch den Vorstellungen hingegeben ist. Und für den Seelenkenner liegt hier wieder etwas außerordentlich Wichtiges vor, wenn es auch nicht gleich brutal im Leben zutage tritt. Dieses Unbehagen, das sich gegenüber dem Nichtverstandenen in der Seele bildet, ist nun eine Kraft, die im Seelenleben so weiter wirkt, daß sie über dasselbe hinausgeht und etwas ergreift, was noch tiefer liegt in der menschlichen Natur. Es kann bis in die Leiblichkeit hinein schädigend wirken, was auf diese Weise aus dem Nichtverstehen, aus dem Unbehagen sich ergibt. Und es würde von einer großen Wichtigkeit sein, daß gerade bei feinen, bis in das Seelenleben hineinspielenden Gesundheits- oder Krankheitsnuancen eines Menschen darauf Rücksicht genommen würde, ob er in seinem Leben viel in die Notwendigkeit versetzt ist, an Dinge heranzutreten, die er nicht versteht, oder ob er sein Seelenleben so verbringt, daß er allem mit Verständnis folgen kann. Das sind Dinge, die viel wichtiger sind, als man sie gewöhnlich im alltäglichen Leben nimmt. Aber gehen wir weiter.
[ 14 ] Anyone who listens to the inner life of the soul will soon notice that what is at play there is something that will cause them unease. Their own soul becomes filled with something that makes them feel uneasy. If we keep this in mind, we can say: This unease shows us, after all, that our inner life is such that the ideas we already have affect new ideas that seek to penetrate us; yet these new ideas do not act indifferently, but rather in such a way that they bring our own inner life, as it were, into a state of contentment, into an inner self-satisfaction—or else into a state of unease. Here we see once again how human beings are devoted to their ideas. And for the connoisseur of the soul, there is again something extraordinarily important here, even if it does not immediately manifest itself brutally in life. This unease that forms in the soul in the face of the incomprehensible is now a force that continues to work in the soul’s life in such a way that it goes beyond the soul itself and seizes hold of something that lies even deeper in human nature. What arises in this way from incomprehension, from unease, can have a damaging effect even down into the physical body. And it would be of great importance, particularly in the case of subtle nuances of health or illness that affect a person’s inner life, to take into account whether they are frequently forced in their life to confront things they do not understand, or whether they live their inner life in such a way that they can follow everything with understanding. These are things that are far more important than they are usually regarded in everyday life. But let us move on.
[ 15 ] Die Vorstellungen in uns, wurde gesagt, haben ein eigenes Leben; sie sind wie Wesen in unserem Innern. Sie können sich davon überzeugen, wenn Sie sich noch etwas anderes vor die Seele halten. Erinnern Sie sich an diejenigen Momente Ihres Seelenlebens, wo die Außenwelt so war, daß, trotzdem Sie von dieser Außenwelt Anregungen empfangen wollten oder irgend etwas als Eindrücke haben wollten, um Erlebnisse zu haben, Ihnen diese Außenwelt nichts gab. Sie gab Ihnen einfach nichts. Sie ging an Ihnen vorbei, ohne daß Sie von ihr Eindrücke empfingen. Da erleben Sie wieder etwas in der Seele, nämlich das, was man gewöhnlich die Langeweile nennt. Bei der Langeweile ist es im Seelenleben so, daß die Seele ein Begehren entwickelt, nach Eindrücken verlangt, und diesem Begehren ist sie hingegeben. Aber diesem Begehren wird nicht entsprochen, es bleibt unbefriedigt. Woher kommt denn die Langeweile?
[ 15 ] It has been said that the ideas within us have a life of their own; they are like beings within us. You can see this for yourself if you hold something else before your soul. Recall those moments in your inner life when the external world was such that, even though you wanted to receive stimuli from it or wanted some kind of impression in order to have an experience, the external world gave you nothing. It simply gave you nothing. It passed you by without your receiving any impressions from it. There you experience something in the soul again, namely what is usually called boredom. With boredom, the situation in the life of the soul is that the soul develops a desire, craves impressions, and is devoted to this desire. But this desire is not fulfilled; it remains unsatisfied. Where, then, does boredom come from?
[ 16 ] Wenn Sie ein wirklich guter Beobachter natürlicher Dinge sind, werden Sie eine allerdings oftmals nicht gemachte, aber trotzdem sich aufdrängende Beobachtung machen können: daß sich nämlich im Grunde genommen nur der Mensch langweilen kann. Tiere langweilen sich nie. Und der ist ein schlechter Beobachter, der glaubt, daß Tiere sich langweilen. Sie können sogar Merkwürdiges im Sich-Langweilen der Menschen wahrnehmen. Wenn Sie Menschen mit einem einfachen, primitiven Seelenleben betrachten, so langweilen sich diese im Grunde genommen viel weniger als Menschen mit einem komplizierteren Seelenleben in den gebildeteren Ständen und Klassen. Wer in der Welt herumgeht und Beobachtungen zu machen versteht, der wird sehen, wie viel weniger man sich langweilt auf dem Lande als in der Stadt. Das heißt, Sie müssen natürlich nicht darauf sehen, wie sich die Stadtmenschen auf dem Lande langweilen, sondern wie sich die Landmenschen auf dem Lande langweilen. Sie müßten da auf das Seelenleben blicken, wie es bedingt ist durch die kompliziertere Natur der Bildung. Also schon bei den Menschen ist ein Unterschied in bezug auf sich langweilen oder sich nicht langweilen.
[ 16 ] If you are a truly keen observer of nature, you will be able to make an observation that is often overlooked but nonetheless obvious: namely, that, fundamentally speaking, only humans can get bored. Animals never get bored. And anyone who believes that animals get bored is a poor observer. You can even perceive something curious in the way humans get bored. If you observe people with a simple, primitive inner life, they are actually much less likely to get bored than people with a more complicated inner life in the more educated classes and social strata. Anyone who goes about the world and knows how to make observations will see how much less one gets bored in the countryside than in the city. That is to say, you must of course not look at how city dwellers get bored in the countryside, but rather how country people get bored in the countryside. You would have to look there at the inner life as it is conditioned by the more complex nature of education. So even among people there is a difference with regard to getting bored or not getting bored.
[ 17 ] Die Langeweile ist auch nicht etwas, was so ohne weiteres aus unserem Seelenleben kommt. Wodurch langweilen wir uns? Durch das eigene Leben der Vorstellungen! Was da begehrt, neue Eindrücke zu haben, das sind unsere alten Vorstellungen. Die wollen neu befruchtet sein, wollen neue Eindrücke haben. Daher haben die Menschen so wenig Gewalt über die Langeweile: es sind die Vorstellungen, die wir im vergangenen Leben in uns aufgenommen haben und die ein eigenes Leben in der Seele entwickeln, die nach neuen Anregungen verlangen. Begierden entwickeln sie. Und wenn diese Begierden nicht befriedigt werden, so drückt sich das unbefriedigte Begehren — also eine Eigenschaft, die wir im Seelenleben selber studieren müssen — im Seelenleben in der Langeweile aus. Daher hat der stumpfsinnige Mensch, der wenig Vorstellungen hat, auch weniger begierdevolle Vorstellungen, und je weniger er Begierden nach neuen Eindrücken entwickeln kann, desto weniger langweilt er sich. Nur dürfen Sie daraus nicht den Schluß ziehen, daß es der Ausdruck eines hochentwikkelten Menschen ist, wenn er sich ewig langweilt. Die Menschen, die ewig gähnen, sind auch nicht die, die es zur höchsten Entwickelung ihres Seelenlebens gebracht haben, obwohl sie es höher gebracht haben als die, welche sich gar nicht langweilen können, weil sie wenig Vorstellungen in sich haben. Es gibt nämlich eine Art Kur gegen die Langeweile, und bei einem Weitergehen der Seelenentwickelung wird wieder die Langeweile nicht möglich.
[ 17 ] Boredom is not something that simply arises from our inner life. What causes us to be bored? The life of our own ideas! What yearns for new impressions are our old ideas. They want to be revitalized; they want new impressions. That is why people have so little control over boredom: it is the ideas we have absorbed in our past lives—ideas that have developed a life of their own within the soul—that crave new stimuli. They give rise to desires. And if these desires are not satisfied, then the unsatisfied desire—that is, a quality we must study within our own soul life—expresses itself in the soul life as boredom. That is why the dull-witted person, who has few ideas, also has fewer desirous ideas, and the less he can develop desires for new impressions, the less he is bored. But you must not conclude from this that it is a sign of a highly developed person if they are perpetually bored. People who are perpetually yawning are also not those who have attained the highest development of their inner life, although they have attained a higher level than those who cannot get bored at all because they have few ideas within themselves. For there is, in fact, a kind of cure for boredom, and as the soul’s development progresses, boredom once again becomes impossible.
[ 18 ] Warum langweilt sich das Tier nicht? Wenn es die Tore der Sinne gegenüber der Umwelt geöffnet hat, hat es fortwährend Eindrücke von der Außenwelt. Und nun denken Sie sich diese Eindrücke: es fließt das innere Seelenleben dahin und bekommt Anregungen. Was außen fließt als fortlaufender Weltenprozeß und was im Innern des Tieres fließt, das fließt eigentlich gleichzeitig, das hält das gleiche Zeitmaß ein. Das Tier ist mit einem Eindruck dann fertig, wenn ein neuer herankommt, und nun ist es wiederum diesem hingegeben. Da ist ein Gleichmaß vorhanden. Das ist nun der Vorzug des Menschen gegenüber dem Tier, daß er ein anderes Zeitmaß bei sich einführen kann. In der Aufeinanderfolge der Vorstellungen seines Seelenlebens kann er ein anderes Zeitmaß haben als das, was draußen im Weltenprozesse vor sich geht. Daher kann es beim Menschen so sein, daß er etwas vor sich hat, was ihm oft Eindruck gemacht hat, an dem er oft vorübergegangen ist; dann aber verschließt er sich vor dem Eindruck. Er schließt gleichsam den äußeren Gang der Ereignisse zu, den Gang der Zeit; er folgt ihm nicht. In seinem Innern aber vergeht die Zeit auch. Aber weil sie jetzt keine äußeren Eindrücke hat, bleibt sie unausgefüllt. Solange der Mensch nun die Vorstellungen des vergangenen Lebens in sich hat, so lange wirken diese Vorstellungen hinein in die Zeit, die er leer läßt, und wirken so in der Seele zunächst weiter. Und so kann nun folgendes eintreten.
[ 18 ] Why doesn’t the animal get bored? When it has opened the gates of its senses to the environment, it constantly receives impressions from the outside world. And now imagine these impressions: the inner life of the soul flows along and receives stimuli. What flows externally as a continuous world process and what flows within the animal actually flows simultaneously; it maintains the same temporal rhythm. The animal is done with one impression when a new one arrives, and now it is again absorbed in that one. There is a uniformity here. This is the advantage humans have over animals: that they can introduce a different temporal rhythm within themselves. In the succession of images of his soul life, he can have a different measure of time than what is taking place outside in the world process. Therefore, it can be the case with human beings that they have before them something that has often made an impression on them, something they have often passed by; but then they close themselves off from the impression. They shut out, as it were, the external course of events, the course of time; they do not follow it. Yet time also passes within him. But because it now lacks external impressions, it remains unfilled. As long as a person holds the images of past life within himself, these images continue to influence the time he leaves empty, and thus continue to work within the soul for the time being. And so the following may now occur.


[ 19 ] Denken Sie sich noch einmal das seelische Erleben des Tieres, das parallel geht dem äußeren Zeitverlauf [es wird gezeichnet]. Da verläuft dieses innere Seelenleben des Tieres so, daß es hingegeben ist dem äußeren Zeitverlauf oder auch den Wahrnehmungen des eigenen Leibes. Denn auch wenn die Tiere zum Beispiel verdauen, geben die Vorstellungen, die von innen aufsteigen, eine innere Anregung. Und das ist etwas außerordentlich Interessantes für das Tier. Beim Tier wirkt der äußere Zeitverlauf so, daß er eine fortwährende Anregung bietet gegenüber dem Inneren. Man könnte sagen: Für das Tier ist jeder Moment in seinem Leben interessant. — Nicht so beim Menschen. Es können die äußeren Gegenstände aufhören, für ihn von Interesse zu sein; die Dinge interessieren ihn nicht mehr. Aber der äußere Zeitverlauf geht doch weiter! Stellen Sie sich also das innere Seelenleben des Menschen vor und dazu den äußeren Zeitverlauf: Es kommen an das Seelenleben des Menschen heran die äußeren Eindrücke; die hat der Mensch unzählige Male erlebt, und deshalb interessieren sie ihn nicht mehr. Dann hört das innere Seelenleben auf, und da auch die Zeit fortfließt mit dem Seelenleben, so bleibt die Zeit leer und der Mensch langweilt sich. Wegen der unausgefüllten Zeit also kann sich der Mensch langweilen. Aber was wirkt da in die unausgefüllte Zeit doch hinein? Die früheren Vorstellungen, die ein Begehren jetzt haben, aber nichts bekommen. Während wir also in der einen Richtung fortwährend Reize haben beim Tier, haben wir beim Menschen in der Zeitrichtung von der Vergangenheit in die Zukunft hinein ein Begehren nach Eindrücken, weil die Vorstellungen selber nach neuem Inhalt, nach neuen Bereicherungen verlangen. Das ist der Vorzug des Menschen vor dem Tier, daß seine Vorstellungen von früher fortleben und ein eigenes Leben in die Zukunft hinein entwickeln. Auf Dinge, die dabei täuschen könnten, werde ich noch hinweisen.
[ 19 ] Consider once more the inner experience of the animal, which runs parallel to the external passage of time [it is depicted]. The animal’s inner life unfolds in such a way that it is attuned to the external passage of time or to the sensations of its own body. For even when animals are digesting, for example, the images that rise from within provide an inner stimulus. And that is something extraordinarily interesting for the animal. In the animal, the external passage of time acts in such a way that it offers a continuous stimulus to the inner life. One could say: For the animal, every moment in its life is interesting. — Not so with human beings. External objects may cease to be of interest to him; things no longer interest him. But the external passage of time continues nonetheless! So imagine the inner life of the human soul and, alongside it, the external passage of time: external impressions reach the human soul; the human being has experienced these countless times, and therefore they no longer interest him. Then the inner life of the soul ceases, and since time also flows on with the life of the soul, time remains empty and the human being becomes bored. It is because of this unfilled time, then, that the human being can become bored. But what is it that acts upon this unfilled time? The earlier ideas, which now have a desire but receive nothing. So while we have constant stimuli in one direction in animals, in humans we have a desire for impressions in the temporal direction from the past into the future, because the ideas themselves demand new content, new enrichment. This is the advantage of humans over animals: that their past ideas live on and develop a life of their own into the future. I will point out things that might be misleading in this regard.


[ 20 ] Es gibt aber eine Kur gegen die Langeweile, die etwa in folgendem besteht. In den Vorstellungen, die fortfließen, lebt nicht nur ein Begehren, sondern auch ein Inhalt, so daß sie nicht nur als Begehrungen, sondern auch als ein Inhalt in der Seele weiterleben. Daher können wir selber Vorstellungen aus der Vergangenheit in die Zukunft hineintragen. Und das ist dann wieder die höhere Seelenentwickelung, wenn die Vorstellungen selber uns aus der Vergangenheit etwas hereintragen. Und es ist ein großer Unterschied, ob der Mensch etwas hat an seinen Vorstellungen, was ihn interessieren kann und was sein künftiges Seelenleben ausfüllen kann, oder ob er nichts in sich hat. So kann sich der Mensch von einer gewissen Stufe an langweilen. Aber wenn er sich mit inhaltsvollen Vorstellungen erfüllt, können diese auch wiederum in die Zukunft hinein wirken. Das gibt dann den Unterschied zwischen solchen Menschen, die imstande sind, ihre Langeweile selber zu kurieren, und denjenigen, welche dazu nicht imstande sind. Das weist hin auf ein selbständiges Leben unserer Vorstellungen in uns, auf ein Leben, das wir, wie sich klar herausgestellt hat, nicht in unserer Macht haben, sondern dem wir hingegeben sind. Wenn wir nicht dafür sorgen, daß unsere Vorstellungen inhaltsvoll sind, müssen wir uns langweilen. Nur durch inhaltsvolle Vorstellungen können wir uns vor der Langeweile schützen.
[ 20 ] There is, however, a remedy for boredom, which consists roughly of the following. In the images that flow by, there is not only a desire but also a content, so that they live on in the soul not only as desires but also as a content. Therefore, we ourselves can carry images from the past into the future. And this, in turn, is the higher development of the soul, when the images themselves carry something from the past into our lives. And there is a great difference between whether a person has something in their images that can interest them and fill their future spiritual life, or whether they have nothing within themselves. Thus, from a certain stage onward, a person can become bored. But if they fill themselves with meaningful ideas, these can in turn have an effect on the future. This is what distinguishes those who are capable of curing their own boredom from those who are not. This points to an independent life of our ideas within us, a life over which, as has become clear, we have no control, but to which we are surrendered. If we do not ensure that our ideas are meaningful, we are bound to be bored. Only through meaningful ideas can we protect ourselves from boredom.
[ 21 ] Das ist wieder etwas außerordentlich Bedeutsames für den Seelenkenner. Denn das normale menschliche Leben verlangt nämlich, daß ein gewisses Maß gehalten werde zwischen der Erfüllung des Seelenlebens und dem äußeren Leben überhaupt. Und eine inhaltsleere Seele, die trotzdem in der Zeit weiterlebt — denn die Zeit wartet ja nicht —, das heißt, eine sich langweilende Seele ist ein Gift auch in einer gewissen Beziehung für die Leiblichkeit. Viel Langeweile haben im Leben ist eine wirkliche Krankheitsursache. Es ist im Grunde genommen gar keine schlechte Empfindung, wenn von einer «tötenden» Langeweile gesprochen wird, wenn man auch nicht gleich daran stirbt. Aber es ist Langeweile etwas, was tatsächlich als psychisches Gift wirkt. Und es wirkt weit über den Bereich des Seelenlebens hinaus.
[ 21 ] This is once again something of extraordinary significance for the connoisseur of the soul. For normal human life requires that a certain balance be maintained between the fulfillment of the inner life and external life in general. And a soul devoid of content that nevertheless continues to live on in time—for time does not wait—that is, a bored soul, is in a certain sense a poison for the physical body as well. Experiencing a great deal of boredom in life is a genuine cause of illness. It is, in fact, not an inaccurate description to speak of “deadly” boredom, even if one does not die from it immediately. But boredom is something that actually acts as a psychological poison. And its effects extend far beyond the realm of the soul’s life.
[ 22 ] So haben Sie schon heute mancherlei aufnehmen müssen, von dem Sie vielleicht die Empfindung haben werden, daß es noch immer fast pedantisch klingende Ausführungen waren. Aber wir werden dadurch doch immer mehr in das wirkliche Seelenleben hineinkommen. Feine Unterschiede sind notwendig, wenn wir dieses wunderbare Drama in der Seele kennenlernen wollen mit dem Helden in der Mitte, mit dem Ich. Es ist in uns allen nämlich ein Jemand verborgen, der im Grunde genommen weiser ist, als wir selber gewöhnlich im Leben sind. Und wenn dieser Jemand in unserem Seelenleben nicht weiser wäre, als wir selber sind, dann wäre es eigentlich schlimm im Menschenleben.
[ 22 ] So today you have already had to take in all sorts of things, and you may feel that these were still almost pedantic explanations. But through them we will nevertheless delve ever deeper into the true life of the soul. Subtle distinctions are necessary if we are to get to know this wonderful drama within the soul, with the hero at its center—the “I.” For hidden within all of us is a Someone who is, in essence, wiser than we ourselves usually are in life. And if this Someone were not wiser than we ourselves are in our inner life, then human life would actually be a terrible thing.
[ 23 ] Wie nun der einzelne Mensch sich darlebt, ist es in der Tat so, daß er sich den kuriosesten Vorstellungen hingibt über das, was Seele ist, was Geist ist, was Leib ist und dergleichen. Diese Dinge werden in der buntesten Weise durcheinandergeworfen. Und besonders interessant ist folgendes. Während man in alten Zeiten, als auch noch die äußere Wissenschaft mehr auf Hellsehertum beruhte, richtig unterschieden hat, inwiefern der Mensch hineingestellt ist in ein leibliches, in ein seelisches und in ein geistiges Leben, hat sich ein Kirchenkonzil in verhältnismäßig früher Zeit gezwungen gefühlt, den Geist abzuschaffen, und da wurde ein für allemal das Dogma aufgestellt: Der Mensch besteht aus Leib und Seele. — Ja, der Geist ist wirklich abgeschafft worden. Und wenn Sie die Dogmatik der christlichen Kirche kennenlernen würden, so würden Sie einen Einblick bekommen in das, was da gespielt hat infolge der Abschaffung des Geistes. Natürlich sind einige daraufgekommen, daß doch etwas da sei, demgegenüber man als von «Geist» reden müsse. Aber das waren die gewaltigsten Ketzer. Wo man nicht ausreichte mit Leib und Seele und den Geist einführte als ein drittes, da war man ein gewaltiger Ketzer. Das beruht nur auf einer Unsicherheit, die man hatte gegenüber der absoluten Berechtigung, von Leib, Seele und Geist zu sprechen. Und in dem Augenblick, wo man aufhört von Leib, Seele und Geist zu sprechen, wirft man alles durcheinander. Aber die Menschen sind schon so, daß sie alles durcheinanderwerfen. Und wenn man nicht mehr recht weiß, was Geist ist und was Seele ist, dann kann etwas anderes dahinter verschwinden. So ist in der Tat ein freier Ausblick auf das Geistesleben verschwunden.
[ 23 ] As for how the individual lives his life, it is indeed the case that he indulges in the most curious notions about what the soul is, what the spirit is, what the body is, and so on. These things are jumbled together in the most haphazard way. And the following is particularly interesting. Whereas in ancient times, when even external science was based more on clairvoyance, a clear distinction was made regarding the extent to which the human being is situated within a physical, a soul, and a spiritual life, a church council in relatively early times felt compelled to abolish the spirit, and thus the dogma was established once and for all: Human beings consist of body and soul. — Yes, the spirit has truly been abolished. And if you were to familiarize yourself with the dogmatics of the Christian Church, you would gain insight into what has transpired as a result of the abolition of the spirit. Of course, some people realized that there must be something to which one must refer as “spirit.” But these were the most formidable heretics. Where one felt that body and soul were insufficient and introduced the spirit as a third element, one was deemed a formidable heretic. This stems solely from an uncertainty regarding the absolute legitimacy of speaking of body, soul, and spirit. And the moment one stops speaking of body, soul, and spirit, one throws everything into confusion. But people are such that they throw everything into confusion. And when one no longer really knows what spirit is and what soul is, then something else can disappear behind it. Thus, in fact, a clear view of spiritual life has disappeared.
[ 24 ] Aber wenn auch die Menschen schon immer wieder in den Fehler der mangelhaften Unterscheidung verfallen, so können wir doch sagen, daß etwas wie ein guter Geist über dem Menschen wacht, und daß der Mensch doch ein ganz dunkles Gefühl hat von der Wahrheit. Ein solches dunkles Gefühl von der Wahrheit kann der Mensch dadurch haben, daß in seiner Umgebung so etwas wirkt wie der Geist der Sprache. Die Sprache ist wirklich gescheiter als die Menschen. Die Menschen ruinieren ja viel an der Sprache, aber es läßt sich doch nicht alles ruinieren. Die Sprache ist korrekter und vernünftiger als der einzelne Mensch. Daher ist die Sprache auch so, daß sie in den Reizen und Eindrücken, die sie auf die menschliche Seele ausübt, zuweilen recht richtig wirkt, während der Mensch, wenn er mit seinen Urteilen dazukommt, Fehler macht. Und nun möchte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie der Mensch, wenn er der Sprache hingegeben ist, doch ° Richtiges fühlt und empfindet.
[ 24 ] But even though people repeatedly fall into the trap of failing to distinguish properly, we can still say that something like a benevolent spirit watches over humanity, and that people do have a very vague sense of the truth. Human beings can have such a vague sense of the truth because something like the spirit of language is at work in their environment. Language is truly wiser than human beings. People do ruin much of language, but not everything can be ruined. Language is more correct and more reasonable than the individual human being. That is why language, in the stimuli and impressions it exerts on the human soul, sometimes acts quite correctly, whereas human beings, when they come along with their judgments, make mistakes. And now I would like to show you, by way of an example, how human beings, when they are devoted to language, nevertheless feel and sense what is right.
[ 25 ] Denken Sie, Sie stünden erstens einem Baum, zweitens einer Glokke und drittens einem Menschen gegenüber. Und aus demjenigen, was Ihnen die Außenwelt sagt, also aus den unmittelbaren Sinneseindrücken, fangen Sie nun an zu urteilen, das heißt, Sie bringen Ihr Seelenleben in Regsamkeit. Urteilen ist etwas, was in der Seele vorgeht. Sie urteilen also dem Baum, dann der Glocke und dann dem Menschen gegenüber. Blicken Sie auf den Baum hin: er ist grün. Was da Ihr Urteil ergibt, drücken Sie aus, dem Genius der Sprache gemäß, indem Sie sagen: Der Baum ist grün. — Nehmen wir an, jetzt wollen Sie etwas an der Glocke ausdrücken, was aus den Sinneseindrücken folgt, nämlich daß die Glocke tönt, einen Ton gibt. Da werden Sie in dem Augenblick, wo die Glocke tönt, Ihre Wahrnehmung ausdrükken mit dem Sprachurteil: Die Glocke tönt. — So haben Sie die Grünheit des Baumes ausgedrückt, indem Sie sagen: Der Baum ist grün —, und was Sie an der Glocke erleben, drücken Sie aus, indem Sie sagen: Die Glocke tönt. — Jetzt gehen wir zum Menschen: der Mensch redet, spricht. Sie drücken dies aus, indem Sie Ihre äußere Wahrnehmung in die Worte kleiden: Der Mensch spricht. — Jetzt betrachten wir die drei Urteile, die gefällt worden sind, und was auf diese drei Arten entstanden ist: Der Baum ist grün — Die Glocke tönt — Der Mensch spricht. — In allen drei Fällen haben Sie es, wenn ich so sagen darf, mit Sinneseindrücken zu tun. Aber Sie werden fühlen, daß in allen drei Fällen die Sinneseindrücke, wenn ich sie vergleiche mit dem sprachlichen Urteil, sich als erwas ganz Verschiedenes ergeben. Da müssen Sie allerdings, wenn Sie das erste Urteil: Der Baum ist grün — in Betracht ziehen, daran denken, was drücke ich denn damit aus? Ich drücke im Grunde genommen damit etwas aus, was sich durch die Urteilsform auf den Raum beziehen muß. Wenn ich sage: Der Baum ist grün —, drücke ich etwas aus, was sich auf den Raum beziehen muß, etwas, was jetzt so ist, nach drei Stunden wieder so ist, nach sechs Stunden wieder so und so weiter. Es ist etwas Bleibendes. Nehmen Sie das andere Urteil: Die Glocke tönt. — Drücken Sie da auch etwas aus, was im Raume drinnensteht? Nein. Da drücken Sie etwas aus, was gar nicht im Raum drinnensteht, sondern was in der Zeit verläuft, etwas, was ein Werden ist, was im Flusse ist. Daher können Sie — weil der Genius der Sprache sehr gescheit ist — auch niemals in gleicher Weise sprechen von etwas, was in den Raum hineingestellt ist, wie von etwas, was in der Zeit verläuft. Für das, was sich auf das Urteil bezieht, insofern der Baum in den Raum hineingestellt ist, läßt Sie die Sprache kein richtiges Zeitwort unmittelbar gebrauchen. Sie müssen ein Hilfszeitwort zu Hilfe nehmen, etwas, was Ihnen hilft, sprachlich in der Zeit zu leben, und müssen sagen: Der Baum ist grün. — Aber Sie dürfen ein Zeitwort gebrauchen vielleicht für ein ganz ähnliches Faktum; wenn Sie nämlich etwas anderes im Auge haben, können Sie vielleicht so etwas sagen wie: Der Baum grünt. — Aber ich bitte Sie, sich zu fragen, ob Sie da nicht gerade an die Zeit appellieren? Wo Ihnen der Sprachgenius gestattet, in die Zeit überzugehen, müssen Sie übergehen in das, was in der Zeit verläuft, in das, was wird, in das Entstehen der Grünheit. In der Sprache wirkt tatsächlich ein Genius, ein wunderbarer Genius. Es ist zwar in ihr mancherlei durch den Menschen verdorben worden, aber in der Tat ist es so, daß uns die Sprache nicht gestattet, bei dem, was in den Raum hineingestellt ist, unmittelbar ein Zeitwort anzuwenden.
[ 25 ] Imagine that you are facing, first, a tree; second, a bell; and third, a human being. And based on what the external world tells you—that is, on your immediate sensory impressions—you now begin to judge; in other words, you set your inner life in motion. Judging is something that takes place in the soul. So you judge the tree, then the bell, and then the person. Look at the tree: it is green. You express the judgment that arises from this, in accordance with the genius of language, by saying: The tree is green. — Let’s assume that now you want to express something about the bell that follows from your sensory impressions, namely that the bell rings, that it produces a sound. At the very moment the bell rings, you will express your perception with the linguistic judgment: “The bell rings.” — Thus you have expressed the greenness of the tree by saying: The tree is green —, and what you experience with the bell, you express by saying: The bell is ringing. — Now let us turn to the human being: the human being speaks. You express this by putting your external perception into words: The human being speaks. — Now let us consider the three judgments that have been made, and what has arisen in these three ways: The tree is green — The bell rings — The person speaks. — In all three cases, you are dealing, if I may say so, with sensory impressions. But you will feel that in all three cases, when I compare the sensory impressions with the linguistic judgment, they turn out to be something quite different. There, however, when you consider the first judgment: The tree is green — you must consider: what am I actually expressing with this? Essentially, I am expressing something that, by virtue of the form of the judgment, must relate to space. When I say: The tree is green — I am expressing something that must relate to space, something that is this way now, will be this way again in three hours, in six hours, and so on. It is something enduring. Take the other judgment: “The bell is ringing.”—Are you also expressing something that is situated in space? No. There you are expressing something that is not situated in space at all, but rather something that unfolds in time, something that is a becoming, something that is in flux. Therefore—because the genius of language is very clever—you can never speak in the same way about something that is situated in space as you do about something that unfolds in time. For what pertains to the judgment, insofar as the tree is situated in space, language does not allow you to use a proper verb directly. You must resort to an auxiliary verb, something that helps you live linguistically in time, and must say: The tree is green. — But you may use a verb perhaps for a very similar fact; for if you have something else in mind, you can perhaps say something like: The tree is turning green. — But I ask you to consider whether you are not appealing precisely to time here? Where the genius of language permits you to move into time, you must move into that which unfolds in time, into that which is becoming, into the emergence of greenness. There is indeed a genius at work in language, a wondrous genius. Although much in it has been corrupted by humans, the fact remains that language does not permit us to apply a verb directly to that which is situated in space.
[ 26 ] Und bei dem zweiten Urteil, wo wir einen Prozeß meinen, ein Werden, da können wir gar nicht mit «ist» ein Werdendes ausdrücken. Sie könnten es höchstens umschreiben: Die Glocke ist tönend —, und dadurch das Zeitwort selber zu etwas machen, was den ganzen Sinn in sich verkehrt. Wenn Sie so umschreiben, so verderben Sie die Sprache.
[ 26 ] And in the second judgment, where we are referring to a process, a becoming, we cannot possibly use “is” to express something that is becoming. At most, you could rephrase it: The bell is ringing —, thereby turning the verb itself into something that completely reverses the meaning. If you paraphrase in this way, you corrupt the language.
[ 27 ] Nun das dritte Urteil: Der Mensch spricht. — Da drücken Sie die Sinneswahrnehmung aus mit dem Zeitworte «spricht». Aber überlegen Sie sich einmal, was für ein Unterschied besteht, wenn Sie das Urteil aussprechen: Die Glocke tönt, und: Der Mensch spricht. — In dem ersten Urteil ist damit etwas gesagt, worauf es ankommt, denn auf den Ton kommt es an. Aber wenn ich sage: Der Mensch spricht —, so ist damit etwas gesagt, worauf es gar nicht ankommt; sondern es kommt auf dasjenige an, was in dem «sprechen» gar nicht ausgedrückt ist, nämlich, was er sagt. Es kommt gar nicht auf den Sinnesreiz an — was in dem Zeitwort ausgedrückt ist —, sondern es kommt auf den Inhalt an, was mit dem Zeitwort ausgedrückt ist. Da machen Sie mit der Sprache halt vor dem Inhalt! Warum machen Sie das eine Mal bei dem Urteil: Die Glocke tönt — nicht halt, und warum machen Sie das andere Mal mit der Sprache halt vor dem Inhalt? Warum bleiben Sie gleichsam stehen vor dem, worauf es ankommt? Weil Sie im letzteren Falle der lebendigen Seele unmittelbar gegenübertreten wollen! Sie gehen auf den Inhalt nicht ein mit dem Wort, das Ihnen der Sprachgenius erlaubt, das heißt, Sie charakterisieren das, was Ihnen gegenübersteht, als ein Äußeres. Das Innerliche der Glocke nehmen Sie in das Wort herein; da haben Sie das metallische Innere in dem Worte «tönen». Wo Sie aber vor dem lebendigen Menschen mit seiner seelischen Innerlichkeit stehen, hüten Sie sich schon durch die Sprache davor, die Innerlichkeit in das Wort hereinzunehmen.
[ 27 ] Now for the third judgment: The man speaks. — Here you express sensory perception using the verb “speaks.” But consider for a moment what a difference there is when you utter the judgment: The bell rings, and: The man speaks. — In the first sentence, this conveys something that matters, because the sound is what matters. But when I say: “The man speaks”—this conveys something that doesn’t matter at all; rather, what matters is what is not expressed at all in the “speaking,” namely, what he says. It is not the sensory stimulus that matters—what is expressed in the verb—but rather the content, what is expressed by the verb. Here you stop with language before the content! Why do you not stop in the first instance with the judgment: “The bell rings”—and why do you stop with language before the content in the second instance? Why do you, as it were, stop short of what really matters? Because in the latter case you want to confront the living soul directly! You do not address the content with the word that the genius of language allows you; that is, you characterize what stands before you as an external phenomenon. You bring the inner nature of the bell into the word; there you have the metallic interior in the word “ring.” But when you stand before the living human being with his or her spiritual inner life, you already guard against bringing that inner life into the word through language itself.
[ 28 ] Da haben Sie im Genius der Sprache greifbar den Unterschied zwischen dem, was auf den Ort sich bezieht, auf den Raum, und was auf einen Prozeß sich bezieht, auf das Werden, und zwischen demjenigen, was sich bezieht auf das seelisch Innerliche. Wenn wir dieses von außen beschreiben, machen wir in der Sprache wie in scheuer Ehrfurcht halt vor dem Inneren, vor dem, worauf es ankommt. Wir erkennen also an, indem wir sprechen, das seelisch Innerliche. Und wir werden nun im Verlauf der weiteren Vorträge sehen, daß es in der Tat wichtig ist, wieder zu einer bestimmten Empfindung zu erheben, daß wir Seelisches als ein sich ringsherum Begrenzendes auffassen, als ein bis an seine Grenzen hin von innen Herauswogendes und an seine Grenzen Aufbrandendes. Und wenn wir es bezeichnen von außen, sind wir durch den Genius der Sprache gezwungen, vor der Innerlichkeit selbst in einer gewissen Weise halt zu machen. Das ist wichtig, daß Sie, man möchte sagen, die Seele in ihrer wahren Wesenheit erkennen lernen als eine Art Binnengebilde, als Innengebilde, und sich klarmachen, daß das, was von außen kommen muß, aufschlägt an ein im Innern sich Wehrendes. Daher haben wir uns die Seele vorzustellen wie einen Kreis, an den von allen Seiten herankommen die Sinneserlebnisse, und innerlich brandet und wogt das innere Seelenleben. Aber das hat sich uns heute gezeigt: daß dieses Seelenleben nicht innerlich unabhängig ist, sondern daß es innerlich erlebt das eigene Leben der Vorstellungen, der Vorstellungsmassen. Die in das Innenleben hereingezogenen Vorstellungen führen ein Dasein in der Zeit.
[ 28 ] Here, in the genius of language, you can clearly see the difference between what relates to place, to space, and what relates to a process, to becoming, and between what relates to the inner life of the soul. When we describe this from the outside, we pause in language, as if in reverent awe, before the inner world, before what really matters. We thus acknowledge, through our speech, the inner life of the soul. And we shall now see, in the course of the subsequent lectures, that it is indeed important to rise once more to a certain sensibility, to perceive the soul as something that delimits itself all around, as something that surges outward from within to its very limits and bursts forth at those limits. And when we describe it from the outside, we are compelled by the genius of language to pause, in a certain sense, before the inner life itself. It is important that you, one might say, learn to recognize the soul in its true essence as a kind of inner structure, as an inner formation, and realize that what must come from the outside strikes upon something that defends itself within. Therefore, we must imagine the soul as a circle, approached from all sides by sensory experiences, while the inner life of the soul surges and swells within. But this has become clear to us today: that this inner life is not internally independent, but that it experiences within itself the life of its own ideas, of the masses of ideas. The ideas drawn into the inner life exist within time.


[ 29 ] Es wird sich in den nächsten Tagen nun zeigen, wie dieses Leben der Vorstellungen, das in der Seele gegenüber der äußeren Welt abgegrenzt ist, Ursache ist unserer höchsten Glückseligkeit und unserer tiefsten Schmerzen, insoweit sie in der Seele ihren Ursprung haben. Und wir werden sehen, wie der Geist der große Heiler ist für das, was die Vorstellungen an Schmerzen und Leiden in unserer Seele hervorrufen. Aber wir dürfen zugleich sagen: Wie es im äußeren Leibesleben so ist, daß Hunger gestillt werden muß, und wie die Stillung des Hungers gesundend ist, so ist es auch im inneren Seelenleben: Vorstellungen verlangen in einer gewissen Weise eine innere Ernährung durch andere Vorstellungen. — Wenn wir uns aber überladen, wenn wir essen über den Hunger hinaus, so führt das zur Untergrabung der Gesundheit. Und daher spielt sich das Schicksal der Seele so ab, daß neu eintretende Vorstellungen gesundend und auch krankmachend wirken können. Und wir werden sehen, wie der Geist nicht nur gesundend wirken kann gegenüber dem Hunger an Vorstellungen, sondern auch wirken kann als der Heiler gegenüber dem Überladen mit Vorstellungen.
[ 29 ] In the coming days, it will become clear how this life of ideas—which is set apart in the soul from the external world—is the source of our greatest bliss and our deepest pain, insofar as these have their origin in the soul. And we will see how the spirit is the great healer for the pain and suffering that ideas cause in our soul. But we may also say: Just as it is in the outer physical life that hunger must be satisfied, and just as the satisfaction of hunger is healing, so it is also in the inner life of the soul: ideas, in a certain sense, require inner nourishment through other ideas. — But if we overload ourselves, if we eat beyond our hunger, this leads to the undermining of health. And thus the fate of the soul unfolds in such a way that newly arising ideas can have a healing effect and also a sickening one. And we shall see how the spirit can not only have a healing effect on the hunger for ideas, but can also act as the healer in the face of an overload of ideas.
