Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

Support the Archive

Anthroposophie, Psychosophie
and Pneumatosophie
GA 115

2 November 1910, Berlin

Psychosophie II

[ 1 ] Wir haben gestern unsere psychosophische Betrachtung damit geschlossen, daß wir auf der einen Seite darauf hinwiesen, wie im Grunde genommen dieses auf- und abwogende menschliche Seelenleben sich zurückführen läßt gleichsam auf zwei Elemente: auf Urteilen und auf die inneren Erlebnisse von Liebe und Haß. Wir haben ferner darauf hingewiesen, daß dann aber noch in unserem Seelenleben auftauchen die uns durch unsere Sinne gegebenen Empfindungen, und daß sich unser Seelenleben im Grunde genommen anfüllt mit diesen Empfindungen, daß sozusagen diese Empfindungen immer auf- und abwogen in unserem Seelenleben. Wir haben ferner darauf hingewiesen, daß innerhalb dieses seelischen Gewoges dann eines auftritt, was sich radikal von allem übrigen unterscheidet, was wir bei unserem Tagesleben in der Außenwelt erfahren. Unsere Empfindungen erleben wir, während wir sozusagen mit der Außenwelt leben, und sie wandeln sich in uns so um, daß sie dann in uns weiterleben. Wenn wir dieses Gewoge von Erlebnissen, das angeregt ist durch die Einflüsse unserer Sinne, überblicken, so tritt uns innerhalb desselben eine Wahrnehmung auf, die ganz anderer Art ist als alle übrigen Wahrnehmungen. Alle übrigen Wahrnehmungen, die wir zunächst im gewöhnlichen Leben haben, sind durch äußere Sinnesreize ausgelöst und sind dann weiter in uns verarbeitet worden. Sie sind aus Wahrnehmungen Empfindungen geworden und leben dann nach in dem, was die Empfindungen in uns übriglassen. Ganz anders ist nun das, was als eine Ich-Wahrnehmung in uns lebt. Das tritt mitten unter dem Gewoge der andern, durch die Außenwelt veranlaßten Erlebnisse auf, ist gewissermaßen während unseres Seelenlebens überall dabei und unterscheidet sich eben dadurch von allen andern Erlebnissen der Seele, daß es nicht von außen veranlaßt werden kann. Damit ist gleichsam eine Art von Gegensatz in unserem Seelenleben gegeben: die Ich-Empfindung und alle übrigen Seelenerlebnisse. Was für Geheimnisse sich hinter diesem Gegensatz verbergen, wird sich allerdings erst im Laufe dieser Vorträge zeigen. Aber ein Gefühl dafür sollten wir uns von Anfang an bei diesen Vorträgen erwerben dadurch, daß dieser Gegensatz uns so recht vor die Seele trete.

[ 2 ] Gleichsam angewiesen sind wir auf die äußere Welt mit allem übrigen Erleben, und hinein stellen wir in alles übrige Erleben unsere Ich-Wahrnehmung. Daß also in unsere Seele von zwei Seiten her dasjenige kommt, was da auf- und abwogt, das können wir schon an diesem, ich möchte sagen, ganz abstrakten Gegensatz empfinden lernen. Und es ist wichtig, daß wir dieses menschliche Seelenleben — und um das handelt es sich zunächst, denn auf anderes Seelenleben werden wir erst vom Menschen aus ein kleines Streiflicht werfen können — uns im Kleinen, im Abstrakten, und im Konkreten, im Großen vor Augen führen, so recht fühlend zunächst vor Augen führen. Dieses menschliche Seelenleben ist wirklich von vornherein keine Einheit, sondern es ist etwas wie ein dramatischer Kampfplatz, auf dem sich Gegensätze fortwährend ausleben. Und derjenige Mensch, der mit einer etwas feineren Empfindung und einem tieferen Gefühl diesem Leben der menschlichen Seele, der menschlichen Psyche lauscht, wird wirklich nicht verkennen können den dramatischen Charakter dieses menschlichen Seelenlebens. Gegenüber den gegensätzlichen Mächten in der menschlichen Seele fühlt eigentlich der Mensch so etwas wie ein Nicht-Herr-Sein darin, ein Hingegebensein an diese Gegensätzlichkeit. An dieses Hingegebensein an die Gegensätzlichkeit des Seelenlebens, an, wir könnten sagen, diese zwei Naturen in unserem Seelenleben ist der kleinste Mensch, ist der größte Genius gebunden. Und um in Ihnen ein Gefühl hervorzurufen von dem, was als Gegensätze in der Menschenseele wogt, auch bei einem größten Genius noch, habe ich Ihnen gestern an die Spitze gestellt ein Gedicht Goethes.

[ 3 ] Wenn etwa jemand von Ihnen von gestern auf heute seinen Goethe in die Hand genommen und dieses Gedicht nachgelesen hat, wird er zu einer eigentümlichen Empfindung gekommen sein, zu einer Empfindung, von der es gut wäre, wenn sie unserem ganzen Vortragszyklus zugrunde liegen würde. Ich will Ihnen diese Empfindung ein bißchen verdeutlichen; denn nicht in abstracto wollen wir das Seelenleben schildern, sondern wir wollen versuchen, sozusagen Blut hineinzubringen und hineinkommen in das Lebendige dieses Seelenlebens.

[ 4 ] Wenn Sie das gestern rezitierte Gedicht vom «Ewigen Juden» nachgelesen haben, werden Sie sich gesagt haben: Das steht ja ganz anders dadrinnen! Es ist ja etwas anderes vorgelesen worden, als was in Goethes Werken steht! — Es ist nämlich etwas getan worden für die Rezitation, was gegenüber dem, was man philologische Wissenschaft nennt, eine Brutalität, eine ungeheure Barbarei sein mag: es ist dieses Gedicht vom «Ewigen Juden» besonders zubereitet worden und nicht so vorgelesen worden, wie es in Goethes Werken steht. Gewisse Dinge sind geändert worden, anderes ist weggelassen worden, und es ist durch das, was geboten worden ist, ein ganz anderes Bild hervorgerufen worden. Das darf man natürlich vor den Philologen nicht tun. Aber man darf es dann tun, wenn man eine ganz besondere Absicht hat, wenn es sich darum handelt, eine tiefere Perspektive auf das menschliche Seelendrama zu eröffnen. Denn der «Ewige Jude» ist ein Gedicht Goethes, das er in seiner allerersten Jugend geschrieben hat. Und was Ihnen gestern vorgelesen worden ist, das ist in diesem Gedicht dasjenige, was ganz gewiß in bezug auf seinen Inhalt auch hätte vor die reife Goethe-Seele im höchsten Greisenalter hintreten können, und er würde dazu gesagt haben: Ja, das ist etwas, was ich selber vertreten will. — Dagegen würde er sich von dem, was gestern ausgelassen oder geändert worden ist, abgewendet haben und vielleicht gesagt haben, daß er sich ein wenig schäme, diese Dinge geschrieben zu haben. Wer mit einer so tiefen, unbegrenzten Anerkennung Goethe gegenübersteht wie ich selber, der darf vielleicht auch einmal so über Goethe sprechen, wie ich heute zu sprechen genötigt bin, wenn ich über das Gedicht vom «Ewigen Juden» spreche. In Goethes frühester Jugend ist dieses Gedicht entstanden. Und seine Jugend spricht sich darin insofern aus, wie es eben natürlich ist für die Zeit, in der er es geschrieben hat, wo er noch ein rechter Nichtsnutz war, einer, von dem man so ganz bestimmt nichts lernen kann. Oder darf man denn vielleicht nicht sagen, daß man in bezug auf manche Dinge von Goethe nichts lernen kann? Man kann frank und frei sagen, daß er damals noch nicht einmal ohne Fehler richtig orthographisch schreiben konnte. Warum darf man also nicht sagen, gewisse Dinge in dem Gedicht vom «Ewigen Juden» sind nichtsnutzig? Man wird allerdings nicht mitgehen können mit jenem elenden Zeitgeschmack, der alle Werke eines jeden großen Künstlers womöglich in ihrer frühesten Gestalt ans Tageslicht zieht. Damit zeigt man nur seine eigene Schwäche. Ja, in Goethes Jugendgedicht ist etwas, was nicht er selbst war. In Goethes Jugendseele haben Dinge und Vorstellungen rumort, die ganz und gar nur aus seinem Milieu stammten. Die gehen uns nichts an, die gehen nur ihn an. Es fügt sich da etwas zusammen, was man nennen könnte eine Ehe zwischen dem Zeitlichen in Goethes Seele und dem Ewig-Göttlichen in der Goethe-Seele. Und das, was da entstand, ist ein Ewiges für die ganze Menschheit. Das hat Wert für uns, und das hat Wert für alle Menschen, die auf uns folgen werden. Diese zwei Dinge, wovon das eine nur Goethe selber angeht, das andere uns und alle Nachwelt angeht, wurden auseinandergeschält. Diese zwei Goethe in dem jungen Goethe, diese zwei Seelen in seiner Natur wurden durch einen Schnitt auseinandergelegt, und was schon in dem jungen Goethe war von dem, was bis an sein Lebensende in ihm gewaltet hat, das wurde abgetrennt von dem, was nur im jungen Goethe war — was im alten Goethe abgestorben war — und wurde zurückbehalten.

[ 5 ] Das zeigt uns, wie in den Genius hineinspielen die Kräfte, zu denen er sich erst in der Zukunft emporarbeitet, und diejenigen Kräfte, die aus dem Umkreis seiner Umgebung kommen. Und wenn wir hinblikken auf Goethes Seele in der Jugend, erscheint sie uns wirklich wie ein Kampfplatz, auf dem sich abspielt der Kampf zwischen dem Helden Goethe, der durch das ganze Leben ihn begleitet und der eigentliche Träger seines Genius ist, und zwischen etwas anderem, was er niederzukämpfen hatte in seiner Seele. Und wäre dieser Kampf nicht dagewesen: Goethe wäre nicht Goethe geworden. Da haben wir etwas handgreiflich vor uns, was in der Seele arbeitet: diese Gegensätzlichkeit. Die Seele kann kein einheitliches Wesen sein, denn sonst würde sie stillestehen, würde nicht fortschreiten können. Es ist wichtig, daß wir uns von vornherein das Gefühl aneignen von der Polarität, der Gegensätzlichkeit im Seelenleben. Wenn wir dieses Gefühl nicht haben, werden wir auch nicht dazu kommen, in der rechten Weise alles zu würdigen, was gerade mit Bezug auf das Seelenleben gesagt werden muß. Und gerade wenn wir ein so typisches Seelenleben haben wie dasjenige Goethes, blicken wir auf ein solches Seelenleben hin wie auf ein Drama und suchen uns ihm mit scheuer Ehrfurcht zu nahen, weil wir innerhalb einer einzigen Inkarnation in diesem Kampfe, der sich als Seelenleben abspielt, das erblicken, was der wahre Inhalt, das wirkliche Schicksal des einzelnen Seelenlebens ist.

[ 6 ] Und auf ein anderes noch dürfen wir bei diesem Seelendrama hinweisen. Nehmen wir noch einmal die Gegensätzlichkeit in der Goethe-Seele, wie sie uns vor das geistige Auge tritt gerade durch die gestrige Rezitation und durch die Erklärung, die ich gegeben habe. Was kann sich uns daraus ergeben?

[ 7 ] Wenn wir Goethes Seelenleben überblicken, können wir sehen, wie er im Alter dem einen nur folgt, was wir gestern in der Rezitation an Vorstellungen, Empfindungen, an Seeleninhalten loslösten von dem andern, was er dann durch die Kraft der eigenen Seele gleichsam aus sich herauswarf. An diese beiden Gewalten war Goethe ohne sein Zutun als Seelenwesen sein ganzes Leben hindurch hingegeben. So ist jeder Mensch, indem er eine Seele ist, ein Wesen, das nicht bloß Herr ist in sich, sondern er ist auch an etwas Inneres hingegeben, das über ihn Gewalt hat, das von seinem Wissen von vornherein nicht umfaßt werden kann. Denn hätte Goethe in der Zeit, als er den «Ewigen Juden» schrieb, alles umspannt in seiner Seele, was zu umspannen möglich gewesen wäre, so wäre dieses Gedicht künstlerischer geworden und etwa so, wie wir es gestern vorgelesen haben, jedenfalls aber nicht mit dem Inhalt, wie er in Goethes Werken steht.

[ 8 ] Hingegeben ist der Mensch an sein Seelenleben. Da wirkt etwas, was im Grunde genommen ebenso eine äußere Welt für sein Seelenleben darstellt, wie etwas anderes in der Außenwelt. Wie wir keine Gewalt haben, wenn wir einer roten Rose gegenüberstehen, sie als nicht rot uns vorzustellen, sondern wie die Rose uns zwingt, die rote Farbe in der Vorstellung von der roten Rose in uns weiterlebend zu haben, so existiert etwas, was uns in gewisser Weise die Notwendigkeit auferlegt, das Seelendrama in einer ganz bestimmten Art auszuleben. Herr über uns ist die Außenwelt bei allen unseren Sinneswahrnehmungen. Einen solchen Herrn müssen wir auch im inneren Seelenleben anerkennen, wenn wir die Gegensätze dieses Seelenlebens ins Auge fassen und es in der Weise betrachten, daß wir es vor uns hinstellen, wie es in der Zeit verläuft von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Lebensepoche zu Lebensepoche, und durch eine innere Gewalt vorwärtsgetrieben wird und immer reicher und reicher wird.

[ 9 ] Schon aus diesen einfachen, konkreten Darstellungen, wobei wir ganz auf dem physischen Plan geblieben sind, sehen Sie, daß wir durch unsere Sinneswahrnehmungen einen äußeren Zwang, einen Herrn in bezug auf das äußere Leben anerkennen müssen, und einen inneren Herrn in uns. Wo wir auch stehen, an welchem Punkt des Raumes, die Außenwelt ist Herr über unsere Sinneswahrnehmungen. Und wir würden in Phantastik verfallen, würden wir nicht diesen Herrn in bezug auf die Sinneswahrnehmungen anerkennen. Insofern wir nun selber vorwärtsschreiten in uns, haben wir auf den dramatischen Gegensatz in unserem Seelenleben hinzublicken, und da haben wir zu erkennen, daß wir, wie in der Außenwelt, einen ebensolchen Herrn in uns haben, der zum Beispiel bewirkt, daß wir mit sieben Jahren ein anderes Seelenleben haben als mit zwanzig oder dreißig Jahren oder später. Das sei zunächst zur Veranschaulichung gesagt für manches, was uns vor Augen treten wird.

[ 10 ] Dieses Seelendrama, das wir so im Konkreten am Beispiele Goethes vor uns hingestellt haben, ist nun doch zuletzt nur zusammengesetzt aus den beiden Elementen des Seelenlebens, aus Urteilen und aus den Phänomenen von Liebe und Haß. Nun wurde gestern gesagt: Urteilen führt zu Vorstellungen, Liebe und Haß kommen aus dem Begehren. Sie könnten nun leicht in dem, was gesagt worden ist, einen Widerspruch gegenüber dem unmittelbaren Tatbestand, dem unmittelbaren Erlebnis der Außenwelt sehen, denn Sie könnten sagen: Wenn du behauptest, Urteilen führe zu Vorstellungen, so widersprichst du der ganz einfachen Tatsache, daß durch die Sinneswahrnehmungen, dadurch, daß diese sich aufdrängen von der Außenwelt her, Vorstellungen entstehen. Wenn wir der Rose gegenüberstehen und den Eindruck «rot» haben, so entsteht die Vorstellung «rot», ohne daß ein Urteil dem zugrunde liegt. — Und Sie könnten weiter sagen: Also führt nicht das Urteilen zu Vorstellungen, sondern es ist sogar umgekehrt, erst muß die Vorstellung da sein, und dann muß der Mensch auf Grund der Vorstellung urteilen! — Halten Sie diesen scheinbaren Widerspruch einmal fest. Er ist nämlich gar nicht so leicht zu durchdringen, er ist nicht so leicht zu durchschauen in seiner Art. Wir werden mancherlei zusammentragen müssen von dem, was wir durch die Beobachtung des Seelenlebens gewinnen können, damit wir einen Schlüssel erhalten, um über diesen scheinbaren Widerspruch hinwegzukommen.

[ 11 ] Da müssen Sie vor allen Dingen Ihre Aufmerksamkeit darauf richten, daß Vorstellungen etwas sind, was tatsächlich im menschlichen Seelenleben ein eigenes Dasein, ein eigenes Leben führt. Ich bitte, diesen Satz nicht leicht zu nehmen, sondern in seiner ganzen Schwere: Vorstellungen sind etwas, was wie Parasiten, wie innere Lebewesen innerhalb des Seelenwesens ein eigenes Dasein führen. Und auf der andern Seite führt auch das Begehren ein eigenes Dasein im Seelenleben. Unser Seelenleben steht in der Tat den Vorstellungen und den Begehrungen oder Begierden so gegenüber, daß sich beide wie selbständige Wesenheiten ausnehmen, denen wir als Seelenwesen hingegeben sind. Sie können sich leicht überzeugen, daß Vorstellungen etwas sind, was ein eigenes Leben in unserer Seele führt: Sie brauchen nur daran zu denken, daß Sie es nicht in den eigenen Kräften des Seelenlebens haben, eine Vorstellung, die Sie aufgenommen haben, ohne weiteres wieder in die Erinnerung zurückzurufen. Eine Vorstellung, die wir vielleicht erst gestern gebildet haben, weigert sich zuweilen recht sehr, wieder in unser Seelenleben zurückzukehren. Wir sagen im trivialen Leben dann: Wir haben das, worum es sich handelt, vergessen. Es will nicht hinauf, es weigert sich zunächst. Da spielt sich ein Kampf ab zwischen dem, was unstreitig als eine Seelenkraft in uns existiert und was die Vorstellung herbeizerren will, und etwas anderem, was in unserer Seele gegenwärtig ist. Dies ist ein Kampf in unserer Seele mit der Vorstellung. Dennoch braucht sich nichts in der Außenwelt zu ereignen und wir können uns doch an die Vorstellung wieder erinnern. Sie war also in uns, aber sie hat sich geweigert, sich uns sogleich in ihrem Dasein zu ergeben. Sie wissen ferner aber auch, daß bei den verschiedensten Menschenindividualitäten dieser Kampf ein sehr verschiedener ist, der in der menschlichen Seele gekämpft wird zwischen den eigenen Seelenkräften und den wieder heraufzubringenden Vorstellungen, welche zwar in der Seele leben, sich aber sozusagen als Gegner der unmittelbaren Seelenkräfte ausnehmen. Und die Verschiedenheit dieser beiden ist so groß, daß wir sogar ihre äußersten Enden ziemlich erschreckend weit voneinander entfernt finden. Da finden Sie an dem einen Ende jene Menschenindividualitäten, die im Grunde genommen niemals in Verlegenheit sind, das gegenwärtig zu haben, was in ihrer Seele je gelebt hat, wenn sie es brauchen, die sich immer leicht erinnern an ihren gesamten Vorstellungs- und Wissensschatz. Und auf der andern Seite haben wir Menschen, die an einer so großen Vergeßlichkeit leiden, daß sie ganz ohnmächtig sind gegenüber den Vorstellungen, die in ihnen leben, um diese wirklich ins bewußte Leben wieder hinaufzubringen. Für den wirklichen Seelenkenner ist es nun etwas außerordentlich Wichtiges [zu sehen], wie rasch ein Mensch sich erinnert, wie rasch Vorstellungen, die ein Mensch erlebt hat, sich ergeben gegenüber den Kräften, die sie wieder hinaufbringen wollen. Das ist für einen Seelenkenner ein Maßstab für etwas viel Tieferes in der menschlichen Wesenheit. Es weist ihn darauf hin, daß dieses Entferntsein von den eigenen Vorstellungen ein Ausdruck ist von innerer Gesundheit oder Krankheit. Und da Gesundheit und Krankheit in ihren Nuancen in den Extremen ineinander übergehen, so kann man sagen: Wir haben selbst in diesen intimen Kleinigkeiten für den Seelenkenner einen tiefen Hinweis gegeben bis in die Leiblichkeit hinein in bezug auf die Konstitution eines Menschen. Aus der Art und Weise, wie eine Seele mit den Vorstellungen zu kämpfen hat, um sie wieder in die Erinnerung hinaufzurufen, wird der Seelenkenner sogar in die Möglichkeit versetzt sein, schließen zu können, wo es sozusagen dem betreffenden Menschen fehlt. Wir blicken gleichsam durch die Seele hindurch auf etwas, was noch etwas anderes ist als Seele, wenn wir dieses Seelenerlebnis des Kampfes mit der eigenen Vorstellungswelt erkennen.

[ 12 ] Aber noch in einer andern Weise können Sie sich ein Bild davon machen, wie die Vorstellungen tatsächlich ein eigenes Leben in unserer Seele führen. Die Vorstellungen, die wir in irgendeinem Lebensalter haben, sind etwas in ihrer Gesamtheit, über das wir nicht ganz Herr sind, dem wir hingegeben sind. Und wir können uns an gewissen Erlebnissen eine Überzeugung dafür verschaffen, daß es so ist. Ob wir zum Beispiel einen Menschen, der zu uns spricht, verstehen oder nicht verstehen, hängt ja von uns, von unserem Seelenleben ab. Sie werden mich verstehen, wenn ich zu Ihnen in meinen verschiedenen Vorträgen spreche. Wenn Sie aber jemanden, der nichts davon kennt, und wenn er noch so gebildet wäre in der heutigen Zeitbildung, jetzt in diese Vorträge mitbringen würden, so würde er vielleicht gar nichts verstehen. Warum ist das so? Weil Sie, vielleicht seit Jahren, andere Vorstellungen sich angeeignet haben! Was den Vorstellungen, die aus der heutigen Rede fließen, entgegenkommt, das sind jene Vorstellungen, welche Sie sich seit Jahren angeeignet haben. So sind es also Ihre Vorstellungen in der Seele, welche den neuen Vorstellungen entgegenkommen. Hier haben Sie sogar ein Beispiel dafür, daß der Mensch in der Willkür seines Seelenlebens eine äußerst geringe Macht hat. Es hilft gar nichts, irgend etwas verstehen zu wollen, wenn man nicht die Vorstellungsmassen in sich hat, welche dieses Verstehen möglich machen. Da kommt Vorstellung der Vorstellung entgegen. Und wenn Sie Ihr Seelenleben belauschen, werden Sie sogar bemerken können, daß Ihr Ich dabei eine äußerst geringe Rolle spielt. In dem Augenblick nämlich, wo Sie bei etwas zuhören, was Sie fesselt, haben Sie die beste Gelegenheit, Ihr Ich zu vergessen, und je mehr Sie zuhören, desto mehr haben Sie Gelegenheit, Ihr Ich zu vergessen. Versuchen Sie nur einmal, hinterher auf einen solchen Moment zurückzublicken, wo Sie so recht hingegeben waren an das, was Sie verstanden haben, dann werden Sie sich sagen müssen: Da war etwas in mir, wobei mein Ich nicht viel getan hat, wobei sich mein Ich ganz vergessen hat. — Man war wie hingegeben, wie selbstverloren — sagt man dann. Und der Mensch ist immer wie selbstverloren, wenn er etwas ganz besonders gut versteht. Da schalten Sie sogar Ihr Ich aus und setzen die Vorstellungsmasse, die Sie in sich haben, der andern Vorstellungsmasse entgegen, die in Ihre Seele hereinkommen soll. Und da gibt es etwas wie einen Kampf, nämlich Vorstellungen gegen Vorstellungen, und Sie selbst geben den Schauplatz ab für diesen Kampf von Vorstellungen, die schon da sind, gegenüber noch nicht vorhandenen Vorstellungen, die neu hereinkommen wollen.

[ 13 ] Nun hängt im Seelenleben etwas ganz Bedeutsames davon ab, ob wir die Vorstellungen im Seelenleben haben, die notwendig sind, um etwas zu verstehen, oder ob wir sie nicht haben. Denken Sie, wir hören einer Sache zu, ohne daß wir die Vorstellungen haben, die notwendig sind, um diese Sache zu verstehen. Wir hören, wie man im trivialen Leben sagt, unvorbereitet zu. Dann zeigt sich etwas sehr Merkwürdiges. In dem Augenblick, wo wir unvorbereitet zuhören und nicht verstehen können durch die Art des Seelenlebens, wie ich es jetzt eben charakterisiert habe, da tritt etwas wie von hinten an uns heran, tritt an uns heran wie ein Dämon. Was ist das? Es ist das im Seelenleben lebende Ich. Das zeigt sich so, daß es gleichsam wie von hinten uns überfällt. Solange wir hingegeben sein können, selbstverloren sein können, meldet es sich nicht. In dem Augenblick aber meldet es sich, wo wir nicht verstehen können, nicht mitkönnen. Und wie meldet es sich da?

[ 14 ] Wer das Seelenleben belauscht, wird bald bemerken, daß das, was da in das Seelenleben hineinspielt, etwas ist, was ihm Unbehagen machen wird. Da füllt sich die eigene Seele an mit etwas, was ihr Unbehagen macht. Halten wir uns das vor Augen, so dürfen wir sagen: Dieses Unbehagen zeigt uns ja, daß unser Seelenleben so geartet ist, daß die Vorstellungen, die wir schon haben, auf neue Vorstellungen wirken, die in uns eindringen wollen, aber durchaus nicht gleichgültig wirken, sondern so, daß sie gleichsam das eigene Seelenleben in Behagen, in ein innerlich In-sich-befriedigt-Sein bringen, oder aber in ein Unbehagen bringen. Da sehen wir wieder, wie der Mensch den Vorstellungen hingegeben ist. Und für den Seelenkenner liegt hier wieder etwas außerordentlich Wichtiges vor, wenn es auch nicht gleich brutal im Leben zutage tritt. Dieses Unbehagen, das sich gegenüber dem Nichtverstandenen in der Seele bildet, ist nun eine Kraft, die im Seelenleben so weiter wirkt, daß sie über dasselbe hinausgeht und etwas ergreift, was noch tiefer liegt in der menschlichen Natur. Es kann bis in die Leiblichkeit hinein schädigend wirken, was auf diese Weise aus dem Nichtverstehen, aus dem Unbehagen sich ergibt. Und es würde von einer großen Wichtigkeit sein, daß gerade bei feinen, bis in das Seelenleben hineinspielenden Gesundheits- oder Krankheitsnuancen eines Menschen darauf Rücksicht genommen würde, ob er in seinem Leben viel in die Notwendigkeit versetzt ist, an Dinge heranzutreten, die er nicht versteht, oder ob er sein Seelenleben so verbringt, daß er allem mit Verständnis folgen kann. Das sind Dinge, die viel wichtiger sind, als man sie gewöhnlich im alltäglichen Leben nimmt. Aber gehen wir weiter.

[ 15 ] Die Vorstellungen in uns, wurde gesagt, haben ein eigenes Leben; sie sind wie Wesen in unserem Innern. Sie können sich davon überzeugen, wenn Sie sich noch etwas anderes vor die Seele halten. Erinnern Sie sich an diejenigen Momente Ihres Seelenlebens, wo die Außenwelt so war, daß, trotzdem Sie von dieser Außenwelt Anregungen empfangen wollten oder irgend etwas als Eindrücke haben wollten, um Erlebnisse zu haben, Ihnen diese Außenwelt nichts gab. Sie gab Ihnen einfach nichts. Sie ging an Ihnen vorbei, ohne daß Sie von ihr Eindrücke empfingen. Da erleben Sie wieder etwas in der Seele, nämlich das, was man gewöhnlich die Langeweile nennt. Bei der Langeweile ist es im Seelenleben so, daß die Seele ein Begehren entwickelt, nach Eindrücken verlangt, und diesem Begehren ist sie hingegeben. Aber diesem Begehren wird nicht entsprochen, es bleibt unbefriedigt. Woher kommt denn die Langeweile?

[ 16 ] Wenn Sie ein wirklich guter Beobachter natürlicher Dinge sind, werden Sie eine allerdings oftmals nicht gemachte, aber trotzdem sich aufdrängende Beobachtung machen können: daß sich nämlich im Grunde genommen nur der Mensch langweilen kann. Tiere langweilen sich nie. Und der ist ein schlechter Beobachter, der glaubt, daß Tiere sich langweilen. Sie können sogar Merkwürdiges im Sich-Langweilen der Menschen wahrnehmen. Wenn Sie Menschen mit einem einfachen, primitiven Seelenleben betrachten, so langweilen sich diese im Grunde genommen viel weniger als Menschen mit einem komplizierteren Seelenleben in den gebildeteren Ständen und Klassen. Wer in der Welt herumgeht und Beobachtungen zu machen versteht, der wird sehen, wie viel weniger man sich langweilt auf dem Lande als in der Stadt. Das heißt, Sie müssen natürlich nicht darauf sehen, wie sich die Stadtmenschen auf dem Lande langweilen, sondern wie sich die Landmenschen auf dem Lande langweilen. Sie müßten da auf das Seelenleben blicken, wie es bedingt ist durch die kompliziertere Natur der Bildung. Also schon bei den Menschen ist ein Unterschied in bezug auf sich langweilen oder sich nicht langweilen.

[ 17 ] Die Langeweile ist auch nicht etwas, was so ohne weiteres aus unserem Seelenleben kommt. Wodurch langweilen wir uns? Durch das eigene Leben der Vorstellungen! Was da begehrt, neue Eindrücke zu haben, das sind unsere alten Vorstellungen. Die wollen neu befruchtet sein, wollen neue Eindrücke haben. Daher haben die Menschen so wenig Gewalt über die Langeweile: es sind die Vorstellungen, die wir im vergangenen Leben in uns aufgenommen haben und die ein eigenes Leben in der Seele entwickeln, die nach neuen Anregungen verlangen. Begierden entwickeln sie. Und wenn diese Begierden nicht befriedigt werden, so drückt sich das unbefriedigte Begehren — also eine Eigenschaft, die wir im Seelenleben selber studieren müssen — im Seelenleben in der Langeweile aus. Daher hat der stumpfsinnige Mensch, der wenig Vorstellungen hat, auch weniger begierdevolle Vorstellungen, und je weniger er Begierden nach neuen Eindrücken entwickeln kann, desto weniger langweilt er sich. Nur dürfen Sie daraus nicht den Schluß ziehen, daß es der Ausdruck eines hochentwikkelten Menschen ist, wenn er sich ewig langweilt. Die Menschen, die ewig gähnen, sind auch nicht die, die es zur höchsten Entwickelung ihres Seelenlebens gebracht haben, obwohl sie es höher gebracht haben als die, welche sich gar nicht langweilen können, weil sie wenig Vorstellungen in sich haben. Es gibt nämlich eine Art Kur gegen die Langeweile, und bei einem Weitergehen der Seelenentwickelung wird wieder die Langeweile nicht möglich.

[ 18 ] Warum langweilt sich das Tier nicht? Wenn es die Tore der Sinne gegenüber der Umwelt geöffnet hat, hat es fortwährend Eindrücke von der Außenwelt. Und nun denken Sie sich diese Eindrücke: es fließt das innere Seelenleben dahin und bekommt Anregungen. Was außen fließt als fortlaufender Weltenprozeß und was im Innern des Tieres fließt, das fließt eigentlich gleichzeitig, das hält das gleiche Zeitmaß ein. Das Tier ist mit einem Eindruck dann fertig, wenn ein neuer herankommt, und nun ist es wiederum diesem hingegeben. Da ist ein Gleichmaß vorhanden. Das ist nun der Vorzug des Menschen gegenüber dem Tier, daß er ein anderes Zeitmaß bei sich einführen kann. In der Aufeinanderfolge der Vorstellungen seines Seelenlebens kann er ein anderes Zeitmaß haben als das, was draußen im Weltenprozesse vor sich geht. Daher kann es beim Menschen so sein, daß er etwas vor sich hat, was ihm oft Eindruck gemacht hat, an dem er oft vorübergegangen ist; dann aber verschließt er sich vor dem Eindruck. Er schließt gleichsam den äußeren Gang der Ereignisse zu, den Gang der Zeit; er folgt ihm nicht. In seinem Innern aber vergeht die Zeit auch. Aber weil sie jetzt keine äußeren Eindrücke hat, bleibt sie unausgefüllt. Solange der Mensch nun die Vorstellungen des vergangenen Lebens in sich hat, so lange wirken diese Vorstellungen hinein in die Zeit, die er leer läßt, und wirken so in der Seele zunächst weiter. Und so kann nun folgendes eintreten.

AltName

[ 19 ] Denken Sie sich noch einmal das seelische Erleben des Tieres, das parallel geht dem äußeren Zeitverlauf [es wird gezeichnet]. Da verläuft dieses innere Seelenleben des Tieres so, daß es hingegeben ist dem äußeren Zeitverlauf oder auch den Wahrnehmungen des eigenen Leibes. Denn auch wenn die Tiere zum Beispiel verdauen, geben die Vorstellungen, die von innen aufsteigen, eine innere Anregung. Und das ist etwas außerordentlich Interessantes für das Tier. Beim Tier wirkt der äußere Zeitverlauf so, daß er eine fortwährende Anregung bietet gegenüber dem Inneren. Man könnte sagen: Für das Tier ist jeder Moment in seinem Leben interessant. — Nicht so beim Menschen. Es können die äußeren Gegenstände aufhören, für ihn von Interesse zu sein; die Dinge interessieren ihn nicht mehr. Aber der äußere Zeitverlauf geht doch weiter! Stellen Sie sich also das innere Seelenleben des Menschen vor und dazu den äußeren Zeitverlauf: Es kommen an das Seelenleben des Menschen heran die äußeren Eindrücke; die hat der Mensch unzählige Male erlebt, und deshalb interessieren sie ihn nicht mehr. Dann hört das innere Seelenleben auf, und da auch die Zeit fortfließt mit dem Seelenleben, so bleibt die Zeit leer und der Mensch langweilt sich. Wegen der unausgefüllten Zeit also kann sich der Mensch langweilen. Aber was wirkt da in die unausgefüllte Zeit doch hinein? Die früheren Vorstellungen, die ein Begehren jetzt haben, aber nichts bekommen. Während wir also in der einen Richtung fortwährend Reize haben beim Tier, haben wir beim Menschen in der Zeitrichtung von der Vergangenheit in die Zukunft hinein ein Begehren nach Eindrücken, weil die Vorstellungen selber nach neuem Inhalt, nach neuen Bereicherungen verlangen. Das ist der Vorzug des Menschen vor dem Tier, daß seine Vorstellungen von früher fortleben und ein eigenes Leben in die Zukunft hinein entwickeln. Auf Dinge, die dabei täuschen könnten, werde ich noch hinweisen.

AltName

[ 20 ] Es gibt aber eine Kur gegen die Langeweile, die etwa in folgendem besteht. In den Vorstellungen, die fortfließen, lebt nicht nur ein Begehren, sondern auch ein Inhalt, so daß sie nicht nur als Begehrungen, sondern auch als ein Inhalt in der Seele weiterleben. Daher können wir selber Vorstellungen aus der Vergangenheit in die Zukunft hineintragen. Und das ist dann wieder die höhere Seelenentwickelung, wenn die Vorstellungen selber uns aus der Vergangenheit etwas hereintragen. Und es ist ein großer Unterschied, ob der Mensch etwas hat an seinen Vorstellungen, was ihn interessieren kann und was sein künftiges Seelenleben ausfüllen kann, oder ob er nichts in sich hat. So kann sich der Mensch von einer gewissen Stufe an langweilen. Aber wenn er sich mit inhaltsvollen Vorstellungen erfüllt, können diese auch wiederum in die Zukunft hinein wirken. Das gibt dann den Unterschied zwischen solchen Menschen, die imstande sind, ihre Langeweile selber zu kurieren, und denjenigen, welche dazu nicht imstande sind. Das weist hin auf ein selbständiges Leben unserer Vorstellungen in uns, auf ein Leben, das wir, wie sich klar herausgestellt hat, nicht in unserer Macht haben, sondern dem wir hingegeben sind. Wenn wir nicht dafür sorgen, daß unsere Vorstellungen inhaltsvoll sind, müssen wir uns langweilen. Nur durch inhaltsvolle Vorstellungen können wir uns vor der Langeweile schützen.

[ 21 ] Das ist wieder etwas außerordentlich Bedeutsames für den Seelenkenner. Denn das normale menschliche Leben verlangt nämlich, daß ein gewisses Maß gehalten werde zwischen der Erfüllung des Seelenlebens und dem äußeren Leben überhaupt. Und eine inhaltsleere Seele, die trotzdem in der Zeit weiterlebt — denn die Zeit wartet ja nicht —, das heißt, eine sich langweilende Seele ist ein Gift auch in einer gewissen Beziehung für die Leiblichkeit. Viel Langeweile haben im Leben ist eine wirkliche Krankheitsursache. Es ist im Grunde genommen gar keine schlechte Empfindung, wenn von einer «tötenden» Langeweile gesprochen wird, wenn man auch nicht gleich daran stirbt. Aber es ist Langeweile etwas, was tatsächlich als psychisches Gift wirkt. Und es wirkt weit über den Bereich des Seelenlebens hinaus.

[ 22 ] So haben Sie schon heute mancherlei aufnehmen müssen, von dem Sie vielleicht die Empfindung haben werden, daß es noch immer fast pedantisch klingende Ausführungen waren. Aber wir werden dadurch doch immer mehr in das wirkliche Seelenleben hineinkommen. Feine Unterschiede sind notwendig, wenn wir dieses wunderbare Drama in der Seele kennenlernen wollen mit dem Helden in der Mitte, mit dem Ich. Es ist in uns allen nämlich ein Jemand verborgen, der im Grunde genommen weiser ist, als wir selber gewöhnlich im Leben sind. Und wenn dieser Jemand in unserem Seelenleben nicht weiser wäre, als wir selber sind, dann wäre es eigentlich schlimm im Menschenleben.

[ 23 ] Wie nun der einzelne Mensch sich darlebt, ist es in der Tat so, daß er sich den kuriosesten Vorstellungen hingibt über das, was Seele ist, was Geist ist, was Leib ist und dergleichen. Diese Dinge werden in der buntesten Weise durcheinandergeworfen. Und besonders interessant ist folgendes. Während man in alten Zeiten, als auch noch die äußere Wissenschaft mehr auf Hellsehertum beruhte, richtig unterschieden hat, inwiefern der Mensch hineingestellt ist in ein leibliches, in ein seelisches und in ein geistiges Leben, hat sich ein Kirchenkonzil in verhältnismäßig früher Zeit gezwungen gefühlt, den Geist abzuschaffen, und da wurde ein für allemal das Dogma aufgestellt: Der Mensch besteht aus Leib und Seele. — Ja, der Geist ist wirklich abgeschafft worden. Und wenn Sie die Dogmatik der christlichen Kirche kennenlernen würden, so würden Sie einen Einblick bekommen in das, was da gespielt hat infolge der Abschaffung des Geistes. Natürlich sind einige daraufgekommen, daß doch etwas da sei, demgegenüber man als von «Geist» reden müsse. Aber das waren die gewaltigsten Ketzer. Wo man nicht ausreichte mit Leib und Seele und den Geist einführte als ein drittes, da war man ein gewaltiger Ketzer. Das beruht nur auf einer Unsicherheit, die man hatte gegenüber der absoluten Berechtigung, von Leib, Seele und Geist zu sprechen. Und in dem Augenblick, wo man aufhört von Leib, Seele und Geist zu sprechen, wirft man alles durcheinander. Aber die Menschen sind schon so, daß sie alles durcheinanderwerfen. Und wenn man nicht mehr recht weiß, was Geist ist und was Seele ist, dann kann etwas anderes dahinter verschwinden. So ist in der Tat ein freier Ausblick auf das Geistesleben verschwunden.

[ 24 ] Aber wenn auch die Menschen schon immer wieder in den Fehler der mangelhaften Unterscheidung verfallen, so können wir doch sagen, daß etwas wie ein guter Geist über dem Menschen wacht, und daß der Mensch doch ein ganz dunkles Gefühl hat von der Wahrheit. Ein solches dunkles Gefühl von der Wahrheit kann der Mensch dadurch haben, daß in seiner Umgebung so etwas wirkt wie der Geist der Sprache. Die Sprache ist wirklich gescheiter als die Menschen. Die Menschen ruinieren ja viel an der Sprache, aber es läßt sich doch nicht alles ruinieren. Die Sprache ist korrekter und vernünftiger als der einzelne Mensch. Daher ist die Sprache auch so, daß sie in den Reizen und Eindrücken, die sie auf die menschliche Seele ausübt, zuweilen recht richtig wirkt, während der Mensch, wenn er mit seinen Urteilen dazukommt, Fehler macht. Und nun möchte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie der Mensch, wenn er der Sprache hingegeben ist, doch ° Richtiges fühlt und empfindet.

[ 25 ] Denken Sie, Sie stünden erstens einem Baum, zweitens einer Glokke und drittens einem Menschen gegenüber. Und aus demjenigen, was Ihnen die Außenwelt sagt, also aus den unmittelbaren Sinneseindrücken, fangen Sie nun an zu urteilen, das heißt, Sie bringen Ihr Seelenleben in Regsamkeit. Urteilen ist etwas, was in der Seele vorgeht. Sie urteilen also dem Baum, dann der Glocke und dann dem Menschen gegenüber. Blicken Sie auf den Baum hin: er ist grün. Was da Ihr Urteil ergibt, drücken Sie aus, dem Genius der Sprache gemäß, indem Sie sagen: Der Baum ist grün. — Nehmen wir an, jetzt wollen Sie etwas an der Glocke ausdrücken, was aus den Sinneseindrücken folgt, nämlich daß die Glocke tönt, einen Ton gibt. Da werden Sie in dem Augenblick, wo die Glocke tönt, Ihre Wahrnehmung ausdrükken mit dem Sprachurteil: Die Glocke tönt. — So haben Sie die Grünheit des Baumes ausgedrückt, indem Sie sagen: Der Baum ist grün —, und was Sie an der Glocke erleben, drücken Sie aus, indem Sie sagen: Die Glocke tönt. — Jetzt gehen wir zum Menschen: der Mensch redet, spricht. Sie drücken dies aus, indem Sie Ihre äußere Wahrnehmung in die Worte kleiden: Der Mensch spricht. — Jetzt betrachten wir die drei Urteile, die gefällt worden sind, und was auf diese drei Arten entstanden ist: Der Baum ist grün — Die Glocke tönt — Der Mensch spricht. — In allen drei Fällen haben Sie es, wenn ich so sagen darf, mit Sinneseindrücken zu tun. Aber Sie werden fühlen, daß in allen drei Fällen die Sinneseindrücke, wenn ich sie vergleiche mit dem sprachlichen Urteil, sich als erwas ganz Verschiedenes ergeben. Da müssen Sie allerdings, wenn Sie das erste Urteil: Der Baum ist grün — in Betracht ziehen, daran denken, was drücke ich denn damit aus? Ich drücke im Grunde genommen damit etwas aus, was sich durch die Urteilsform auf den Raum beziehen muß. Wenn ich sage: Der Baum ist grün —, drücke ich etwas aus, was sich auf den Raum beziehen muß, etwas, was jetzt so ist, nach drei Stunden wieder so ist, nach sechs Stunden wieder so und so weiter. Es ist etwas Bleibendes. Nehmen Sie das andere Urteil: Die Glocke tönt. — Drücken Sie da auch etwas aus, was im Raume drinnensteht? Nein. Da drücken Sie etwas aus, was gar nicht im Raum drinnensteht, sondern was in der Zeit verläuft, etwas, was ein Werden ist, was im Flusse ist. Daher können Sie — weil der Genius der Sprache sehr gescheit ist — auch niemals in gleicher Weise sprechen von etwas, was in den Raum hineingestellt ist, wie von etwas, was in der Zeit verläuft. Für das, was sich auf das Urteil bezieht, insofern der Baum in den Raum hineingestellt ist, läßt Sie die Sprache kein richtiges Zeitwort unmittelbar gebrauchen. Sie müssen ein Hilfszeitwort zu Hilfe nehmen, etwas, was Ihnen hilft, sprachlich in der Zeit zu leben, und müssen sagen: Der Baum ist grün. — Aber Sie dürfen ein Zeitwort gebrauchen vielleicht für ein ganz ähnliches Faktum; wenn Sie nämlich etwas anderes im Auge haben, können Sie vielleicht so etwas sagen wie: Der Baum grünt. — Aber ich bitte Sie, sich zu fragen, ob Sie da nicht gerade an die Zeit appellieren? Wo Ihnen der Sprachgenius gestattet, in die Zeit überzugehen, müssen Sie übergehen in das, was in der Zeit verläuft, in das, was wird, in das Entstehen der Grünheit. In der Sprache wirkt tatsächlich ein Genius, ein wunderbarer Genius. Es ist zwar in ihr mancherlei durch den Menschen verdorben worden, aber in der Tat ist es so, daß uns die Sprache nicht gestattet, bei dem, was in den Raum hineingestellt ist, unmittelbar ein Zeitwort anzuwenden.

[ 26 ] Und bei dem zweiten Urteil, wo wir einen Prozeß meinen, ein Werden, da können wir gar nicht mit «ist» ein Werdendes ausdrücken. Sie könnten es höchstens umschreiben: Die Glocke ist tönend —, und dadurch das Zeitwort selber zu etwas machen, was den ganzen Sinn in sich verkehrt. Wenn Sie so umschreiben, so verderben Sie die Sprache.

[ 27 ] Nun das dritte Urteil: Der Mensch spricht. — Da drücken Sie die Sinneswahrnehmung aus mit dem Zeitworte «spricht». Aber überlegen Sie sich einmal, was für ein Unterschied besteht, wenn Sie das Urteil aussprechen: Die Glocke tönt, und: Der Mensch spricht. — In dem ersten Urteil ist damit etwas gesagt, worauf es ankommt, denn auf den Ton kommt es an. Aber wenn ich sage: Der Mensch spricht —, so ist damit etwas gesagt, worauf es gar nicht ankommt; sondern es kommt auf dasjenige an, was in dem «sprechen» gar nicht ausgedrückt ist, nämlich, was er sagt. Es kommt gar nicht auf den Sinnesreiz an — was in dem Zeitwort ausgedrückt ist —, sondern es kommt auf den Inhalt an, was mit dem Zeitwort ausgedrückt ist. Da machen Sie mit der Sprache halt vor dem Inhalt! Warum machen Sie das eine Mal bei dem Urteil: Die Glocke tönt — nicht halt, und warum machen Sie das andere Mal mit der Sprache halt vor dem Inhalt? Warum bleiben Sie gleichsam stehen vor dem, worauf es ankommt? Weil Sie im letzteren Falle der lebendigen Seele unmittelbar gegenübertreten wollen! Sie gehen auf den Inhalt nicht ein mit dem Wort, das Ihnen der Sprachgenius erlaubt, das heißt, Sie charakterisieren das, was Ihnen gegenübersteht, als ein Äußeres. Das Innerliche der Glocke nehmen Sie in das Wort herein; da haben Sie das metallische Innere in dem Worte «tönen». Wo Sie aber vor dem lebendigen Menschen mit seiner seelischen Innerlichkeit stehen, hüten Sie sich schon durch die Sprache davor, die Innerlichkeit in das Wort hereinzunehmen.

[ 28 ] Da haben Sie im Genius der Sprache greifbar den Unterschied zwischen dem, was auf den Ort sich bezieht, auf den Raum, und was auf einen Prozeß sich bezieht, auf das Werden, und zwischen demjenigen, was sich bezieht auf das seelisch Innerliche. Wenn wir dieses von außen beschreiben, machen wir in der Sprache wie in scheuer Ehrfurcht halt vor dem Inneren, vor dem, worauf es ankommt. Wir erkennen also an, indem wir sprechen, das seelisch Innerliche. Und wir werden nun im Verlauf der weiteren Vorträge sehen, daß es in der Tat wichtig ist, wieder zu einer bestimmten Empfindung zu erheben, daß wir Seelisches als ein sich ringsherum Begrenzendes auffassen, als ein bis an seine Grenzen hin von innen Herauswogendes und an seine Grenzen Aufbrandendes. Und wenn wir es bezeichnen von außen, sind wir durch den Genius der Sprache gezwungen, vor der Innerlichkeit selbst in einer gewissen Weise halt zu machen. Das ist wichtig, daß Sie, man möchte sagen, die Seele in ihrer wahren Wesenheit erkennen lernen als eine Art Binnengebilde, als Innengebilde, und sich klarmachen, daß das, was von außen kommen muß, aufschlägt an ein im Innern sich Wehrendes. Daher haben wir uns die Seele vorzustellen wie einen Kreis, an den von allen Seiten herankommen die Sinneserlebnisse, und innerlich brandet und wogt das innere Seelenleben. Aber das hat sich uns heute gezeigt: daß dieses Seelenleben nicht innerlich unabhängig ist, sondern daß es innerlich erlebt das eigene Leben der Vorstellungen, der Vorstellungsmassen. Die in das Innenleben hereingezogenen Vorstellungen führen ein Dasein in der Zeit.

AltName

[ 29 ] Es wird sich in den nächsten Tagen nun zeigen, wie dieses Leben der Vorstellungen, das in der Seele gegenüber der äußeren Welt abgegrenzt ist, Ursache ist unserer höchsten Glückseligkeit und unserer tiefsten Schmerzen, insoweit sie in der Seele ihren Ursprung haben. Und wir werden sehen, wie der Geist der große Heiler ist für das, was die Vorstellungen an Schmerzen und Leiden in unserer Seele hervorrufen. Aber wir dürfen zugleich sagen: Wie es im äußeren Leibesleben so ist, daß Hunger gestillt werden muß, und wie die Stillung des Hungers gesundend ist, so ist es auch im inneren Seelenleben: Vorstellungen verlangen in einer gewissen Weise eine innere Ernährung durch andere Vorstellungen. — Wenn wir uns aber überladen, wenn wir essen über den Hunger hinaus, so führt das zur Untergrabung der Gesundheit. Und daher spielt sich das Schicksal der Seele so ab, daß neu eintretende Vorstellungen gesundend und auch krankmachend wirken können. Und wir werden sehen, wie der Geist nicht nur gesundend wirken kann gegenüber dem Hunger an Vorstellungen, sondern auch wirken kann als der Heiler gegenüber dem Überladen mit Vorstellungen.