Anthroposophie Psychosophie Pneumatosophie
GA 115
23 Oktober 1909, Berlin
Erster Vortrag
[ 1 ] Wir haben hier in Berlin und an andern Orten, an denen unsere Theosophische Gesellschaft verbreitet ist, in den letzten Jahren so vieles gehört aus dem Gesamtgebiete der Theosophie, das entnommen war aus sozusagen hohen Regionen der hellseherischen Forschung, daß einmal das Bedürfnis entstehen mußte, oder besser gesagt, müßte, einiges zu tun für eine ernste und würdige Fundamentierung unserer geistigen Strömung. Und es wird wohl gerade die jetzige Generalversammlung, welche unsere lieben Mitglieder vereinigt nach dem siebenjährigen Bestande unserer Deutschen Sektion, ein richtiger Anlaß dazu sein, etwas beizutragen zu einer festeren Fundamentierung, zum Schaffen einer festeren Ordnung unserer Sache. Dies soll von mir in den vier Vorträgen unter dem Titel «Anthroposophie» in diesen Tagen versucht werden.
[ 2 ] Die Kasseler Vorträge über das Johannes-Evangelium, die Düsseldorfer Vorträge über die Hierarchien, die Basler über das LukasEvangelium, die Münchner über die Lehren der orientalischen Theosophie, sie alle haben uns Veranlassung gegeben, in hohe Regionen der geistigen Forschung hinaufzusteigen und herunterzuholen schwer zugängliche geistige Wahrheiten. Es war das, was uns da immer beschäftigt hat, Theosophie, war, zum Teil wenigstens, ein Hinaufsteigen zu hohen Gipfeln der spirituellen menschlichen Erkenntnis.
[ 3 ] Und nun, da wir am Beginne eines neuen Zyklus unserer Bewegung stehen, müssen wir bedenken, daß man wirklich in dem, was man den zyklischen Verlauf der Ereignisse der Welt nennt — wenn man sich allmählich ein Gefühl dafür aneignet —, mit Berechtigung etwas Tieferes sehen kann. Es war gerade in den Tagen unserer allerersten Generalversammlung, da wir die Deutsche Sektion zu begründen hatten; da hielt ich damals vor einem Publikum, das nur zu einem sehr geringen Teil aus Theosophen bestand, Vorträge, welche dazumal auch als ein Kapitel aus der Anthroposophie bezeichnet wurden, als ein historisches Kapitel der Anthroposophie. Jetzt, nach sieben Jahren, scheint wiederum die Zeit gekommen zu sein, wo sozusagen auch in dieser Beziehung ein Zyklus erfüllt ist und wo wieder gesprochen werden darf in einem umfassenderen Sinne von dem, was man unter Anthroposophie verstehen soll.
[ 4 ] Wir wollen uns zuerst durch einen Vergleich klarmachen, was Anthroposophie ist. Man kann, wenn man eine Gegend kennenlernen will, alles das, was sich da ausbreitet an Dörfern, Wäldern, Auen, Straßen und so weiter, anschauen, indem man unten herumgeht von Dorf zu Dorf, durch Straße um Straße, durch Auen und Wälder, von Ort zu Ort. Man wird dann jedesmal, je nachdem man sich da oder dort befindet, immer einen kleinen, einen ganz geringen Teil des ganzen Gebietes vor Augen haben. Man kann aber auch hinaufsteigen auf einen Bergesgipfel und kann von diesem hohen Bergesgipfel aus das ganze Land überschauen. Dann werden sich für den gewöhnlichen Blick die Einzelheiten nur sehr undeutlich ausnehmen; dafür wird man aber eine Überschau haben über das Ganze. So etwa könnte man das Verhältnis bezeichnen, welches besteht zwischen dem, was man im gewöhnlichen Leben menschliche Erkenntnis, menschliche Wissenschaft nennt, zu dem, was Theosophie ist. Das gewöhnliche menschliche Erkennen geht in der Welt der Tatsachen herum von Einzelheit zu Einzelheit.
[ 5 ] Die Theosophie steigt auf einen hohen Bergesgipfel hinauf, und je höher sie hinaufsteigt, desto größer wird der Umkreis, den sie überschaut. Sie muß aber dann besondere Mittelanwenden, um überhaupt noch etwas von dem Unteren zu sehen. Die Mittel, die da angewendet werden müssen, sind oft und oft beschrieben worden, auch in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Da ist gezeigt, wie es dem Menschen möglich ist, zu diesem idealen Gipfel emporzudringen, ohne daß er die Möglichkeit verliert, unten überhaupt noch etwas zu sehen.
[ 6 ] Nun gibt es aber - und das kann unmittelbar hervorgehen aus diesem Vergleich - noch eine dritte Möglichkeit: Man steigt nicht ganz zum Bergesgipfel hinauf, man bleibt sozusagen in der Mitte stehen. Wenn man unten ist, so sieht man lauter Einzelheiten vor sich; man hat keinen Überblick, und. man sieht das Obere von unten her. Wenn man oben ist, hat man nichts über sich außer dem göttlichen Himmel, und man sieht unter sich alles nur undeutlich, verschwommen, in Dunst gehüllt. Wenn man in der Mitte ist, so ist das ein besonderer Standpunkt: man hat etwas unter sich und etwas über sich, und man kann die beiden Aussichten miteinander vergleichen.
[ 7 ] Jeder Vergleich hinkt selbstverständlich, aber es war auch nur beabsichtigt, Ihnen vor Augen zu führen, wodurch Theosophie zunächst sich von Anthroposophie unterscheidet. Theosophie ist das Stehen auf dem Bergesgipfel, Anthroposophie das Stehen in der Mitte, so daß man hinauf- und hinunterschaut. Der Standort und der Gesichtspunkt ist nur ein anderer. Jetzt aber reicht der Vergleich nicht mehr aus, um das Folgende zu bezeichnen. Wenn man sich der Theosophie ergibt, so ist es notwendig, daß man über die menschliche Anschauung hinaufsteigt, daß man sich vom niederen Selbst zum höheren Selbst erhebt, und daß man mit den Organen des höheren Selbst zu schauen vermag. Denn der Gipfel, von dem aus die Theosophie zu schauen vermag, liegt über dem Menschen, das gewöhnliche menschliche Erkennen hingegen liegt eigentlich unterhalb des Menschen, und der Mensch selber steht mitten zwischen Natur- und Geisteswelt drinnen. Das Obere reicht in ihn hinein, denn er ist durchsetzt, erfüllt vom Geiste. Er kann den Geist über sich sehen; er nimmt aber nicht seinen Ausgangspunkt vom Geiste, vom Gipfel, sondern so, daß er den Gipfel über sich hat. Zugleich aber sieht er das, was bloß Natur ist, unter sich, denn das ragt von unten in ihn hinein. Theosophie unterliegt der Gefahr, daß, wenn nicht jene Mittel angewendet werden, die zum Beispiel in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben worden sind, das Menschliche überflogen wird und daß der Mensch die Möglichkeit verliert, überhaupt noch etwas Zureichendes zu erkennen. Bei der Theosophie liegt die Gefahr nahe, zu ihren Füßen nicht mehr die Wirklichkeit zu sehen. Sie braucht die Möglichkeit selbstverständlich nicht zu verlieren, wenn jene richtigen Mittel angewendet werden zur Entwickelung derjenigen Organe, mit welchen gesehen wird durch das höhere Selbst.
[ 8 ] Dann aber können wir sagen: Theosophie ist dasjenige, was erforscht wird, wenn der Gott im Menschen spricht. - Das ist im Grunde die wirkliche Definition der Theosophie: Laß den Gottin dir sprechen, und was er dir dann über die Welt sagt, ist Theosophie. Anthroposophie ist damit zu charakterisieren, daß man sagt: Stelle dich in die Mitte zwischen Gott und Natur, laß den Menschen in dir sprechen über das, was über dir ist und in dich hineinleuchtet, und über das, was von unten in dich hineinragt, dann hast du Anthroposophie, die Weisheit, die der Mensch spricht. - Diese Weisheit, die der Mensch spricht, wird einem aber ein wichtiger Stützpunkt und Schlüssel sein können zu dem Gesamigebiete der Theosophie. Und Sie können, nachdem Sie einige Zeit Theosophie aufgenommen haben, kaum etwas Besseres tun, als diesen festen Stützpunkt gewinnen, indem Sie ihn wirklich suchen. Daher werde ich dafür sorgen, daß so schnell als möglich im Anschluß an diese Vorträge ein kurzer Abriß dessen, was Anthroposophie ist, zu haben sein wird.
[ 9 ] Dasjenige, was ich hier gesagt habe, kann auch nach den verschiedensten Seiten hin geschichtlich belegt werden. Wir brauchen gar nicht weit zu gehen. Wir haben da zum Beispiel eine Wissenschaft - Sie können sich darüber aus den verschiedensten populären Handbüchern informieren -, diese Wissenschaft nennt man gewöhnlich Anthropologie. Sie umfaßt, so wie sie heute betrieben wird, nicht bloß den Menschen, sondern, wenn der Ausdruck richtig verstanden wird, alles das, was zum Menschen gehört, alles was man in der Natur erfahren kann, was man braucht, um den Menschen zu verstehen. Aber wie verfährt die Anthropologie? Diese Wissenschaft nimmt ihren Ausgangspunkt von dem Herumwandeln unter den Dingen, sie ist selbst ganz unten. Sie geht von Einzelheit zu Einzelheit. Es ist die Forschung, die mit den Sinnen das Menschliche betrachtet mit Hilfe des Mikroskops. Diese Wissenschaft, die Anthropologie, die ja in den weitesten Kreisen heute allein als Wissenschaft vom Menschen gelten gelassen wird, sie nimmt wirklich ihren Standpunkt unterhalb der Fähigkeiten des Menschen. Sie wendet nicht alles an, was der Mensch an Fähigkeiten zur Erforschung hat. Halten Sie zusammen mit dieser Anthropologie, die sozusagen am Boden haftet, die nicht dringen kann zu irgendeiner Antwort auf die brennenden Rätselfragen des Daseins, halten Sie sie zusammen mit dem, was einem gebracht wird als Theosophie. Da wird hinaufgestiegen in die höchsten Höhen, da handelt es sich darum, eine Antwort zu finden auf die brennendsten Fragen des Daseins. Doch werden Sie die Erfahrung gemacht haben, daß die Menschen, die nicht langsam und allmählich sich in sie hineingefunden haben, die nicht die Geduld gehabt haben, mitzugehen bei alldem, was wir in den letzten Jahren sagen konnten, welche nicht Schritt für Schritt haben mitkommen können, daß die Menschen, die auf dem Standpunkt der Anthropologie stehengeblieben sind, die Theosophie als ein luftiges Gebäude empfinden, als etwas betrachten, dem aller Untergrund fehlt. Sie können nicht einsehen, wie die Seele hinaufsteigt von Stufe zu Stufe, von Imagination zu Inspiration und der Intuition. Sie können sich nicht erheben zu dem Gipfel, können nicht überschauen, was das Ziel alles Menschen- und Weltenwerdens ist.
[ 10 ] So steht gleichsam auf der untersten Stufenleiter die Anthropologie, auf der obersten, wo vielen schwindet die Fähigkeit, zu erkennen, die Theosophie, in der Mitte die Anthroposophie.
[ 11 ] Wir wollen zum Verständnis ein geschichtliches Beispiel zu Hilfe nehmen, woran wir erkennen können, was Theosophie dann wird, wenn sie hinaufdringen will zum Gipfel und nicht in der Lage ist, mit den Mitteln hinaufzudringen, die wir angegeben finden in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Ein solches Beispiel haben wir an dem deutschen Theosophen Solger, der in der Zeit von 1780 bis 1819 lebte. Wir haben in seinen Anschauungen durchaus das, was dem Begriffe nach Theosophie ist. Aber mit welchen. Mitteln suchte Solger hinaufzukommen in die höchsten Höhen? Mit den Begriffen der Philosophie, mit den ausgesogenen und ausgezehrten Begriffen des menschlichen Denkens! Das ist wirklich so, wie wenn jemand hinaufsteigt auf einen Gipfel, um Umschau zu halten, und sein Fernrohr vergißt und unten nichts mehr unterscheiden kann. Das Fernrohr ist in diesem Falle ein geistiges, es ist die Imagination, Inspiration und Intuition. So suchte Solger mit unzulänglichen Mitteln hinaufzusteigen auf den Gipfel.
[ 12 ] Man hat lange gefühlt, daß die menschlichen Fähigkeiten im Laufe der Jahrhunderte immer unfähiger wurden, auf diesen Gipfel hinaufzusteigen. Im ganzen Mittelalter hat man es gefühlt und es sich eingestanden. In neuerer Zeit fühlt man es zwar auch, aber gesteht es sich nicht mehr so recht ein. Man hat lange gefühlt, daß die menschlichen Fähigkeiten einstmals hinaufsteigen konnten zu dem Gipfel, von dem aus so gesprochen werden konnte, wie tatsächlich eine alte Theosophie gesprochen hat. Eine solche alte Theosophie gab es. Dann aber sollte einmal das, was da sich offenbarte auf dem Gipfel, abgeschlossen werden. Es sollte bewahrt werden davor, daß man es mit den gewöhnlichen Mitteln der Erkenntnis in Empfang nehmen konnte. Diese alte Theosophie wurde zur Theologie, die die Offenbarung als abgeschlossen betrachtete. Und so steht neben der Anthropologie, die mit den gewöhnlichen Erkenntnismitteln nur von Einzelheit zu Einzelheit geht, die Theologie, die zwar hinaufsteigen und etwas wissen will von dem, was in den Höhen zu schauen ist, aber sich wiederum verläßt auf etwas, was mit gewöhnlichen Menschenmitteln zu erlangen ist, auf die historische Überlieferung nämlich, auf das, was einmal offenbart worden ist und was sich nicht immer von neuem und immer wieder von neuem der aufstrebenden Menschenseele offenbaren soll. Anthropologie und Theologie standen sich das ganze Mittelalter hindurch gegenüber, ohne sich abzulehnen. Auch in der neueren Zeit stehen sie sich gegenüber, nur in einer andern Form. Die neuere Zeit lehnt vom Standpunkt der Anthropologie die Theologie als etwas Wissenschaftliches in der Regel schroff ab. Wenn Sie nicht stehenbleiben bei den Einzelheiten, sondern hinaufgehen, hinaufsteigen bis zu jener Ihnen charakterisierten Mitte, dann können Sie neben die Theosophie die Anthroposophie stellen, ähnlich wie im Mittelalter neben die Theologie die Anthropologie.
[ 13 ] Auch Anthroposophie zu begründen wurde schon versucht innerhalb des neuzeitlichen Geisteslebens, aber wiederum mit völlig unzulänglichen Mitteln, nämlich bloß mit den Mitteln der abstrakten, ausgesogenen Begriffe der Philosophie. Wenn man verstehen will, um was es sich dabei handelt, so muß man erst verstehen, was überhaupt Philosophie ist. Was Philosophie eigentlich ist, können heute im Grunde nur die Theosophen verstehen, nicht aber können es die Philosophen selber verstehen. Was ist Philosophie? Man kann sie nur verstehen, wenn man sie zunächst geschichtlich betrachtet in ihrem Werdegang. Ein Beispiel soll dies erläutern. Es gab in alten Zeiten die sogenannten Mysterien als Pflegestätten des höheren geistigen Lebens. Da konnten die Schüler durch Entwickelung ihrer Fähigkeiten zu geistigem Anschauen geführt werden. Ein solches Mysterium war zum Beispiel in Ephesus, wo die Geheimnisse der Diana von Ephesus erkundet wurden. Da schauten die Schüler hinein in die geistigen Welten. So viel nun von dem dort Aufgenommenen öffentlich mitgeteilt werden konnte, wurde tatsächlich auch mitgeteilt. Dann empfingen es die andern als etwas in den Mysterien Geschautes, als etwas ihnen Mitgeteiltes, als Gabe. Es gab da Menschen, welche sich bewußt waren, daß sie mitgeteilt erhalten hatten aus den Mysterien heraus die höheren Geheimnisse. Ein solcher Mann war zum Beispiel der große Weise Heraklit. Zu ihm waren insbesondere gedrungen die Geheimnisse des Mysteriums von Ephesus, die Tatsachen, welche dort die hellsichtigen Menschen ergründen konnten. Das, was er dort als Mitteilung erhalten hatte und was er seiner teilweisen Einweihung verdankte, hat er so verkündet, daß es allgemein verstanden werden konnte. Daher sieht der, welcher die Lehren des Heraklit, des sogenannten «Dunklen», liest, daß da etwas ’Tieferes zugrunde liegt, so daß man in diesen ursprünglichen Lehren noch durchscheinen sehen kann das unmittelbare Erlebnis, die Erfahrung der höheren Welten. Dann kamen die Nachfolger Heraklits. Sie hatten keine Ahnung mehr, daß dieses Mitgeteilte herausstammte aus den unmittelbaren Erlebnissen der höheren Welten. Sie fingen an, mit dem Verstande zu spekulieren, sie glaubten, mit ihrem bloßen philosophischen Verstande da und dort etwas Unrichtiges zu finden, und besserten daran herum. Das wurde so in Begriffen fortgesponnen und vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht weiter. Und wenn wir heute irgend etwas von Philosophie vor uns haben, so haben wir nichts anderes vor uns als ein Erbstück alter Lehren, aus dem das Leben herausgeblasen, herausgepreßt ist und von dem nur das tote Begriffsgerippe übriggeblieben ist. Die Philosophen sind sich nicht bewußt, woher die Begriffe stammen. Philosophien sind Abstraktionen, Erbstücke der alten Weisheit, die bis zum ausgepreßten Begriff gekommen sind. Es gibt keinen Philosophen, der irgend etwas aus sich selber ausdenken kann. Dazu gehört der Gang in die höheren Welten hinauf.
[ 14 ] Und nur ein solches Gerippe von Philosophie, solche ausgepreßten Begriffe standen im Grunde genommen eben den Philosophen des 19. Jahrhunderts zur Verfügung, wenn sie das in Angriff nahmen, was man Anthroposophie nennen kann. Das Wort ist schon einmal gebraucht worden. Robert Zimmermann hat eine «Anthroposophie» geschrieben, aber er unternahm sie mit höchst unzulänglichen Mitteln, wie Solger die Theosophie. Er hat sie herausgesponnen mit den ausgesogensten, abstraktesten Begriffen, und dieses Gespinst war dann seine Anthroposophie. Man hat da wirklich das abstrakteste, trockenste, die Sache gar nicht mehr berührende Begriffsgespinst. Das ist überhaupt das Charakteristische, daß, was im 19. Jahrhundert über das äußere, einzelne Erlebnis, über die Anthropologie hinausgehen und Anthroposophie sein wollte, trockenes Begriffsgespinst geworden ist.
[ 15 ] Theosophie muß wiederum dadurch, daß sie die Mittel herbeischafft, die Wirklichkeit innerhalb des geistigen Lebens zu erkennen, auch vertiefen die Menschheitserkenntnis, die man Anthroposophie nennen kann. Die Anthroposophie ist eine geistige Erkenntnis der Welt, die sich rein auf den mittleren, menschlichen Standpunkt stellt, und nicht auf den untermenschlichen, wie etwa die Anthropologie. Die Theosophie Solgers steht auf einem übermenschlichen Standpunkte, hat aber keinen Inhalt. Die Begriffe wollen dort oben nur die Menschheit überfliegen. Weil solche Leute aus ihrer Welt heraus oben nichts sehen können, so spinnen sie fein an dem Webstuhl der Begriffe. So an dem Webstuhl der Begriffe spinnen, wollen wir nicht. Wir wollen auf die Wirklichkeit gehen. Und Sie werden sehen, daß uns die Wirklichkeit des gesamten menschlichen Lebens entgegentreten wird. Sie werden die alten Freunde, die alten Objekte unserer Betrachtungen wiedererkennen, aber von einem andern Gesichtspunkte aus beleuchtet, nämlich von dem Gesichtspunkte, der zugleich hinauf- und hinunterschaut.
[ 16 ] Der Mensch ist wirklich das wichtigste Objekt unserer Betrachtung. Schon wenn wir auf das erste Glied des menschlichen Wesens, den physischen Leib, eingehen, wenn wir darüber nachdenken, was wir durch die Theosophie gewonnen haben und näher darauf eingehen, dann werden wir gewahr, was für ein kompliziertes Gebilde dieser physische Leib eigentlich ist. Damit Sie sich zunächst wenigstens eine gefühlsmäßige Erkenntnis dessen verschaffen, was Anthroposophie eigentlich will, so denken Sie einmal über folgendes nach: Das, was wir heute den physischen Menschenleib nennen, ist sozusagen ein altes Produkt. Wir wissen, daß seine erste keimhafte Anlage auf dem alten Saturn entstanden ist und sich verändert hat auf der alten Sonne, auf dem alten Monde und auf der Erde. Der Ätherleib ist hinzugekommen auf der Sonne, der astralische Leib auf dem Monde. Immer haben sich diese Glieder der menschlichen Wesenheit im Verlaufe der Entwickelung geändert. Was uns heute entgegentritt als der komplizierte Menschenleib mit Herz und Nieren, Augen und Ohren und so weiter, das ist das Produkt einer langen Entwickelung. Alles ist entstanden aus einer Form, die auf dem alten Saturn in höchst einfacher Gestalt im Keime vorhanden war. Das hat sich durch Jahrmillionen immer wieder verändert und verwandelt, so daß es endlich zur heutigen Vollkommenheit und Kompliziertheit aufsteigen konnte. Betrachten Sie heute irgendein Glied dieses physischen Leibes, das Herz oder die Lunge, so können Sie es nicht verstehen, wenn Sie nicht jenen tieferen Einblick haben, wie diese Glieder entstanden sind und sich gebildet haben. Von dem, was heute die Form des Herzens, die Form der Lunge ist, war auf dem alten Saturn natürlich noch nichts vorhanden. Ganz nach und nach haben diese Organe ihre heutige Form angenommen. Eines hat sich früher, das andere später gebildet und ist dem physischen Leibe eingegliedert worden. Ein Organ können wir geradezu ansprechen als ein Sonnenorgan, weil es sich während des alten Sonnenzustandes zuerst angegliedert und gezeigt hat. Ein anderes können wir ansprechen als Mondenorgan und so weiter. So können wir uns die Begriffe holen aus dem Weltenall, aus der Betrachtung der ganzen Welt, wenn wir verstehen wollen, wie dieses komplizierte Gebilde, der physische Menschenleib, eigentlich entstanden ist und was er heute bedeutet.
[ 17 ] Das ist eine theosophische Betrachtung des Menschen. Was ist dagegen die anthropologische Betrachtung des Menschen? Wenn man ihn anthropologisch betrachtet, so nimmt man das Herz und betrachtet es für sich, man nimmt den Magen und betrachtet ihn für sich. Man untersucht sie in ihrem Nebeneinander, als ob es gleichgültig wäre, welches Organ jünger und welches älter ist. Darauf nimmt man keine Rücksicht, da wird alles als Einzelheit mechanisch nebeneinandergestellt. Theosophie geht auf die höchsten Höhen hinauf und erklärt aus dem Geistigen alles Einzelne. Anthropologie bleibt ganz unten stehen, geht aus von dem Einzelnen und ist heute bei dem äußersten Extrem angekommen: sie betrachtet die einzelnen Zellen in ihrem Nebeneinander, als ob es gleichgültig wäre, daß ein Zellenkomplex zur alten Mondenzeit, ein anderer auf der alten Sonne entstanden ist. Die eiinzelnen Zellenkomplexe sind wirklich zu verschiedenen Zeiten entstanden. Man kann äußerlich die Einzelheiten anführen, aber man wird sie nicht verstehen, wenn man sie nicht vom geistigen Gesichtspunkte aus betrachtet. So wandelt Anthropologie ganz unten herum, und Theosophie nimmt den höchsten Gipfel ein.
[ 18 ] Nun denken Sie, daß sich die Sache noch mehr kompliziert. Das menschliche Herz zählt zu den Organen, die zu den allerältesten gehören, wenigstens in der Keimanlage. So wie es heute aussieht, hat es sich freilich erst in späterer Zeit ausgebildet. Und nun betrachten wir die alte Sonnenzeit. Da war zum Beispiel diese Keimanlage des menschlichen Herzens abhängig von den Kräften, die auf der alten Sonne herrschten. Dann ging die Entwickelung weiter. In der ersten Periode der Mondenzeit war der alte Mond mit der Sonne vereinigt, da machte das Herz wieder eine Entwickelung durch. Da trat aber das große Ereignis ein, daß die Sonne sich trennte. Sie wirkte nun von außen, so daß von da ab das Herz eine ganz andere Entwickelung durchmachte. Die Entwickelung verlief von jener Zeit ab so, daß ein Sonnen- und ein Mondenanteil da war, und man kann das Herz nur verstehen, wenn man unterscheiden kann den Sonnen- und den Mondenanteil. Dann vereinigte sich die Sonne wieder mit dem Monde. Während der Erdenentwickelung trat die Sonne zuerst wiederum heraus und wirkte von außen schärfer auf die Entwickelung ein. Dann trat die Mondentrennung ein und der Mond wirkte von außen, so daß wir eine neue Phase in der Entwickelung dieses alten Organs haben.
[ 19 ] So sehen wir hineinscheinen in den menschlichen physischen Leib die verschiedensten Kräfte von den verschiedensten Standpunkten aus. Weil das Herz zu den ältesten Organen gehört, so haben wir da wirklich einen Sonnenanteil, einen Mondenanteil, einen zweiten Sonnenanteil und einen zweiten Mondenanteil und dann noch extra einen Erdenanteil nach der Herausgliederung der Erde. Wenn alle diese Anteile an einem Organ oder an dem menschlichen physischen Leib so zusammenstimmen, wie sie in der Harmonie des Kosmos zusammenstimmen, dann ist Gesundheit beim Menschen vorhanden. Sobald einer der Anteile überwiegt, sagen wir zum Beispiel, es werde der Sonnenanteil zu groß gegenüber dem Mondenanteil in bezug auf das Herz, dann wird das Herz krank. Und Sie verstehen diese Krankheit, wenn Sie wissen, wie durch irgendwelche Umstände der Mondenanteil sozusagen ins Hintertreffen gekommen ist. Alle Krankheit der Menschen beruht darauf, daß diese verschiedenen Anteile in Unordnung kommen, unregelmäßig geworden sind. Alle Heilung bestände darin, daß die Harmonie wieder hervorgebracht werde. Aber nur sprechen davon genügt nicht, man muß diese Harmonie wirklich kennen, man muß wirklich in die Weisheit der Welt hineinsteigen, um an jedem Organ die verschiedenen Anteile finden zu können.
[ 20 ] So ist der physische Leib ein ungeheuer kompliziertes Gebilde. Das können Sie schon ahnen aus dem, was wir bisher betrachtet haben. Sie können ahnen, was eine wirklich okkulte Physiologie und Anatomie ist, die mit allen diesen Faktoren rechnen muß und welche den Menschen aus dem ganzen Kosmos heraus begreift. Sie spricht vom Sonnen- und Mondenanteil im Herzen, Kehlkopf, Gehirn und so weiter. Da aber alle diese Anteile im Menschen selber wirken, so wie der Mensch heute vor uns steht, so ist er sozusagen das verfestigte, kristallisierte Produkt all der Vorgänge, die geschehen sind vom Saturn aus auf Sonne, Mond und Erde. So steht im Menschen etwas vor uns, worin verfestigt sind alle diese Anteile. |
[ 21 ] Sieht man nun nicht hinaus in die Welt, sondern in den Menschen selber hinein und versteht die einzelnen Organe, den physischen Leib, Ätherleib, astralischen Leib, Empfindungsseele, Verstandesseele, Bewußtseinsseele, so wie der Mensch heute ist, so ist das Anthroposophie. Wir werden auch bei der Anthroposophie auszugehen haben von dem Untersten, um allmählich zum Höchsten aufzusteigen. Das Unterste für den Menschen ist die sinnlich-physische Welt, das, was durch die Sinne und den sinnlich-physischen Verstand gegeben ist. Sie betrachten wir in der Theosophie, ausgehend vom Weltganzen, in den kosmischen Zusammenhängen mit den sinnlich-physischen, den äußeren Erscheinungen. Das ist theosophische Betrachtungsweise. Anthroposophische Betrachtung muß in bezug auf die sinnlich-physische Welt vom Menschen ausgehen, muß das betrachten an dem Menschen, was an ihm sinnlich-physisch ist. Sie muß ausgehen vom Menschen und ihn betrachten, insofern er ein Sinneswesen ist. Das wird das erste sein. Dann werden wir den menschlichen Ätherleib zu betrachten haben, dann den astralischen Leib und das Ich, das, was an ihm selber zu finden ist.
[ 22 ] Was muß uns insbesondere interessieren, wenn die physisch-sinnliche Welt in Betracht kommt? Was am Menschen selber ist. Das sind zunächst die Sinne, denn sie sind es eigentlich, durch welche er Erkenntnis erhält von der physisch-sinnlichen Welt. Man muß zunächst von den menschlichen Sinnen, wenn man vom physischen Plane ausgeht, in der Anthroposophie sprechen, denn sie sind das, wodurch der Mensch überhaupt etwas weiß von der physisch-sinnlichen Welt. Und wir werden sehen, wie wichtig es ist, um wirklich den Menschen zu erkennen, von der Betrachtung seiner Sinne auszugehen. Das sei also unser erstes Kapitel. Dann werden wir aufsteigen zur Betrachtung der einzelnen geistigen Gebiete in der menschlichen Natur.
[ 23 ] Wenn man nun die menschlichen Sinne betrachtet, dann kommt man als Anthroposoph schon ins Gehege mit der Anthropologie, denn Anthroposophie muß immer ausgehen von dem, was sinnlich wirklich ist, aber sie muß sich klar sein, daß der Geist von oben hereinwirkt. Die Anthropologie geht nur ein auf das, was sie unten erforschen kann und wirft alles durcheinander. Gerade in dem Kapitel über die menschlichen Sinne ist alles in der äußeren Anthropologie durcheinandergeworfen, und wichtige Dinge sind gerade außer Betracht gelassen, weil die Menschen keinen Leitfaden haben, um die entsprechenden Tatsachen wirklich und richtig zu finden. Wenn der Faden fehlt, der durch das Labyrinth der Tatsachen führen soll, dann ist es nicht möglich, aus diesem Labyrinth herauszukommen. Den Fadenknäuel, der in der Sage den Theseus aus dem Labyrinth des Minotaurus führt, den muß die geistige Forschung spinnen. Die gewöhnliche Anthropologie bleibt drinnen in dem Labyrinth und fällt dem Minotaurus zum Opfer. So werden wir sehen, daß Anthroposophie allerdings über die Sinne etwas anderes zu sagen hat als die gewöhnliche äußere Betrachtung.
[ 24 ] Aber es ist auch interessant zu sehen, wie die heutige Wissenschaft schon durch die äußeren Tatsachen gezwungen wird, ein wenig gründlicher und ernster die Dinge zu betrachten, als dies früher geschehen ist. Das Trivialste ist ja immer, daß man spricht von den fünf menschlichen Sinnen: Tastsinn, Geruchs-, Geschmacks-, Gehör- und Gesichtssinn. Wir werden sehen, daß bei dieser ganzen Aufzählung der fünf Sinne wirklich schon alles drunter und drüber geworfen ist. Zu diesen Sinnen hat die heutige Wissenschaft allerdings schon drei andere Sinne hinzugefügt, mit denen sie freilich nichts Rechtes anzufangen weiß. Heute werden wir die allerersten Fundamente legen zu einer anthroposophischen Sinneslehre. Wir werden die Sinne aufzählen, insofern sie anhand des oben besprochenen Fadens wirklich Bedeutung haben.
[ 25 ] Der erste Sinn des Menschen, der in Betracht kommt, ist derjenige, den man in der Geisteswissenschaft nennen kann den Lebenssinn. Das ist ein wirklicher Sinn, und ebenso wie man vom Gesichtssinn spricht, hat man vom Lebenssinn zu sprechen. Was ist der Lebenssinn? Er ist etwas im Menschen, was er eigentlich, wenn alles in Ordnung ist, nicht fühlt, sondern nur dann fühlt, wenn etwas in ihm nicht in Ordnung ist. Der Mensch fühlt Mattigkeit, die er wahrnimmt als ein inneres Erlebnis, wie er eine Farbe wahrnimmt. Und das, was im Hunger- oder Durstgefühl zum Ausdruck kommt, oder was man ein besonderes Kraftgefühl nennen kann, das müssen Sie auch innerlich wahrnehmen wie eine Farbe oder einen Ton. Man nimmt dies in der Regel nur wahr, wenn irgend etwas nicht in Ordnung ist. Die erste menschliche Eigenwahrnehmung wird durch den Lebenssinn gegeben, durch den der Mensch als ein Ganzes sich seiner Körperlichkeit nach bewußt wird. Das ist der erste wirkliche Sinn, und er muß ebenso berücksichtigt werden wie der Gesichts- oder Gehörsinn oder der Geruchssinn. Niemand kann die Sinne verstehen, der nicht weiß, daß es eine Möglichkeit gibt, sich als ein Ganzes innerlich zu fühlen, sich als einer innerlich geschlossenen, körperlichen Gesamtheit bewußt zu werden.
[ 26 ] Das zweite, was als ein Sinn von diesem Lebenssinn wieder ganz verschieden ist, das ist das, was Sie herausfinden können, wenn Sie irgendeines Ihrer Glieder bewegen. Sie bewegen Ihren Arm oder Ihr Bein. Sie würden kein menschliches Wesen sein, wenn Sie nicht Ihre eigenen Bewegungen wahrnehmen könnten. Eine Maschine nimmt ihre Eigenbewegung nicht wahr, das kann nur ein lebendiges Wesen, vermöge eines wirklichen Sinnes. Der Sinn dafür, was wir in uns selber bewegen, vom Augenzwinkern bis zur Bewegung der Beine, ist ein wirklicher zweiter Sinn, der Eigenbewegungssinn.
[ 27 ] Ein dritter Sinn wird uns bewußt werden, wenn wir daran denken, daß der Mensch unterscheidet zwischen oben und unten. Wenn er solches nicht mehr wahrnehmen kann, so ist das für ihn sehr gefährlich, er kann sich dann nicht mehr halten und sinkt um. Wir können hinweisen auf ein Organ, das viel mit diesem Sinn zu tun hat, nämlich auf die drei halbzirkelförmigen Kanäle im Ohr. Bei Verletzung dieses Organs verliert der Mensch seinen Orientierungssinn. Auch im Tierreiche läßt sich dieser Sinn verfolgen. Da zeigt er sich als gewisse Gleichgewichtsorgane. Wenn da gewisse kleine, steinchenförmige Gebilde, die sogenannten Otolithen, in gewisser Weise an einem bestimmten Orte liegen, so haben wir die Gleichgewichtslage, im andern Falle nur ein Taumeln. Das ist der Gleichgewichts- oder der statische Sinn.
[ 28 ] Mit diesen Sinnen, die wir bis jetzt aufgezählt haben, nimmt der Mensch etwas in sich selber wahr, fühlt etwas in sich selber. Jetzttreten wir heraus aus dem Menschen, wo er in Wechselwirkung zu treten beginnt mit der äußeren Welt. Das erste Wechselverhältnis mit der Welt ist dasjenige, wo der Mensch den Stoff mit sich vereinigt und diesen Stoff wahrnimmt. Dies kann man nur dann, wenn sich wirklich dieser Stoff mit dem menschlichen Leibe vereinigen läßt. Dies trifft nur für gasförmige Stoffe zu. Durch die Organe des Geruchssinnes werden solche aufgenommen. Da beginnt zuerst der Verkehr mit der Außenwelt. Ohne daß ein Körper gasförmige Stoffe aussendet, kann er nicht gerochen werden. Die Rose muß gasförmigen Stoff aussenden, damit sie gerochen werden kann. Der vierte Sinn ist also der Geruchssinn.
[ 29 ] Der fünfte Sinn entsteht dann, wenn der Mensch nicht mehr bloß wahrnimmt die Stofflichkeit, sondern schon den ersten Schritt macht in die Stofflichkeit hinein, also in ein tieferes Verhältnis tritt zum Stoffe. Da muß der Stoff schon irgendeine Wirkung in ihm ausüben. Das ist dann der Fall, wenn ein fester oder wäßriger Körper an unsere Geschmacksorgane gelangt. Da nimmt man nicht direkt die Stofflichkeit wahr, sondern der Körper muß zuerst aufgelöst werden durch die Flüssigkeit des Mundes. Hier kann bloß ein Wechselverhältnis wahrgenommen werden zwischen der Zunge und dem Körper. Es sagen uns die Dinge nicht nur, was sie sind als Stoff, sondern was sie bewirken können. Das Wechselverhältnis zwischen Mensch und Natur ist ein intimeres geworden. Das ist der fünfte Sinn, der Geschmackssinn.
[ 30 ] Der sechste Sinn ist der, wo das, was der Mensch an den Dingen wahrnimmt, noch intimer das Wesen der Dinge kundgibt. Die Dinge sagen hier dem Menschen mehr, als sie ihm bloß durch den Geschmackssinn sagen. Das geschieht nun so, daß besondere Vorkehrungen getroffen sind, damit die Dinge sich dem Menschen in ganz gewisser Weise ankündigen können. Beim Geruch nimmt der menschliche Leib die Dinge so, wie sie sind. Der Geschmackssinn ist schon komplizierter, dafür geben die Dinge hier schon etwas mehr von ihrer Innerlichkeit kund. Beim sechsten Sinn aber können wir noch tiefer in die Welt eindringen. Das ist dann der Falle, wenn wir unterscheiden, ob etwas äußeres Stoffliches Licht durchläßt oder nicht. Daß es in einer bestimmten Weise Licht durchläßt, zeigt sich darin, ob und wie es gefärbt ist. Ein Ding, welches das grüne Licht durchstrahlen läßt, zeigt damit, daß es eben gerade innerlich so ist, daß es dieses Licht durchstrahlen lassen kann. Während die äußerste Oberfläche im Geruchssinne sich offenbart, wird schon etwas von der innern Natur eines Dinges uns durch den Geschmackssinn bekannt; im Gesichtssinn hingegen wird etwas offenbar von dem Durch und Durch der Dinge. Dies ist das Wesen des sechsten Sinnes, des Gesichtssinnes. Das Auge ist deshalb ein so wunderbares Organ, weil es viel tiefer in die Natur der Dinge einzudringen gestattet als die eben besprochenen Sinnesorgane. Beim Gesichtssinn haben wir etwas sehr Eigentümliches. Wenn wir mit dem Auge zum Beispiel die Rose rot sehen, so kündigt sich ihr Inneres durch die Oberfläche an. Wir sehen nur die Oberfläche, und weil sie bedingt ist durch das Innere, lernen wir durch sie dieses Innere bis zu einem gewissen Grade kennen.
[ 31 ] Beim siebenten Sinn muß der Mensch noch intimere Bekanntschaft machen mit dem Ding. Greifen wir ein Stück Eis oder ein Stück heißen Stahl mit der Hand an, so dringen wir noch tiefer in das Innere einer Sache ein. Bei der Farbe haben wir bloß das, was sich an der Oberfläche abspielt. Eis hingegen ist durch und durch kalt, und auch beim heißen Stahl geht die Wärme durch den ganzen Körper. Bei Wärme und Kälte haben wir also eine noch intimere Bekanntschaft mit der Natur der Dinge als beim Gesichtssinn, der uns nur über die Oberflächenbeschaffenheit aufklärt. Der Wärmesinn greift intimer in die Untergründe der Dinge. Solches wäre der Wärmesinn oder der siebente Sinn.
[ 32 ] Nun versuchen wir, wie die Sache sich weiter stellen wird. Kann der Mensch vermittels seiner Sinne noch tiefer in die Untergründe der Dinge gelangen? Kann er das intime Innere der Dinge noch genauer kennenlernen als durch den Wärmesinn? Ja, das kann er, indem die Dinge ihm zeigen, wie sie in ihrer Innerlichkeit sind, wenn sie zu tönen anfangen. Die Wärme ist in den Dingen ganz gleichmäßig verteilt. Was Ton in den Dingen ist, ist nicht gleichmäßig verteilt. Der Ton bringt die Innerlichkeit der Dinge zum Erzittern. Dadurch zeigt sich eine gewisse innere Beschaffenheit. Wie das Ding im Innern beweglich ist, nehmen Sie wahr durch den intimeren Gehörsinn. Er liefert uns eine intimere Kenntnis der Außenweltals der Wärmesinn. Das ist der achte Sinn, der Gehörsinn. Im Ton offenbart uns ein Ding, wie es innerlich ist, wenn wir dieses Ding anschlagen. Wir unterscheiden die Dinge nach ihrer inneren Natur, nach der Art, wie sie innerlich erzittern und erbeben können, wenn wir sie zum Tönen bringen. Die Seele der Dinge spricht in gewisser Weise da zu uns.
[ 33 ] Gibt es nun noch höhere Sinne als den Gehörsinn? Hier müssen wir noch viel behutsamer zu Werke gehen, um die höheren Sinne zu erforschen; denn wir dürfen die Sinne nicht mit etwas anderem verwechseln. Im gewöhnlichen Leben, da wo man unten stehenbleibt, wo man alles durcheinanderwirft, spricht man noch von andern Sinnen, zum Beispiel vom Nachahmungssinn, vom Verheimlichungssinn und so weiter. Da ist das Wort Sinn aber falsch angewendet, Sinn ist das, wodurch wir uns eine Erkenntnis verschaffen ohne Mitwirken des Verstandes. Wo wir uns durch das Urteil eine Erkenntnis verschaffen, da sprechen wir nicht von Sinn, sondern nur da, wo unsere Urteilsfähigkeit noch nicht in Kraft getreten ist. Nehmen Sie eine Farbe wahr, so gebrauchen Sie einen Sinn. Wollen Sie urteilen zwischen zwei Farben, so gebrauchen Sie keinen Sinn.
[ 34 ] Gibt es in diesem Sinn - hier das Wort Sinn schon nicht richtig gebraucht - noch andere Sinne als die acht bisher genannten? Ja, es gibt noch einen neunten Sinn. Wir finden ihn, wenn wir uns überlegen, daß es allerdings im Menschen noch eine gewisse Wahrnehmungsfähigkeit gibt. Das ist ganz besonders wichtig für die Fundamentierung der Anthroposophie. Es gibt eine Wahrnehmungsfähigkeit, die nicht auf dem Urteil beruht, aber doch in ihm vorhanden ist. Es ist dasjenige, was wir wahrnehmen, wenn wir durch die Sprache uns mit unseren Mitmenschen verständigen. In dem Wahrnehmen dessen, was uns durch die Sprache gegeben ist, liegt nicht nur ein Ausdruck des Urteilens, sondern es liegt ein wirklicher Sprachsinn da zugrunde. Dieser Sprachsinn ist der neunte Sinn. Von ihm muß man sprechen, wie man von einem Gesichts- oder Geruchssinn spricht. Das Kind lernt sprechen, bevor es urteilen lernt. Das ganze Volk hat eine Sprache; das Urteilen obliegt dem einzelnen Menschen. Was zum Sinne spricht, unterliegt nicht der Seelentätigkeit des einzelnen Menschen. Das Hören kündet einem das innere Erzittern an. Die Wahrnehmung, daß ein Laut dieses oder jenes bedeutet, ist nicht bloßes Hören. Der Sinn, der sich darin als Sinn der Sprache ausdrückt, gibt sich eben einem andern Sinne kund, dem Sprachsinn. Daher kann das Kind lange, bevor es urteilen lernt, sprechen oder Gesprochenes verstehen. Erst an der Sprache lernt es urteilen. Welcher Erzieher ist der Sprachsinn, geradeso wie der Gesichtssinn und der Gehörsinn solche Erzieher sind, während der ersten Lebensjahre! Man kann an dem nichts ändern, was der Sinn wahrnimmt; man kann nichts daran verderben. Das ist ebenso bei der Farbe wie beim Wahrnehmen des Innern des Sprachlautes. Der Sprachsinn ist notwendig als ein besonderer Sinn zu bezeichnen. Er ist der neunte Sinn.
[ 35 ] Dann kommen wir zum zehnten der Sinne. Das ist derjenige, der für das gewöhnliche Menschenleben der höchste ist. Durch ihn wird der Mensch fähig, den Begriff, der nicht in Sprachlaute sich kleidet, wahrnehmend zu verstehen. Der Begriffssinn ist geradeso ein Sinn wie jeder andere. Damit wir urteilen können, müssen wir Begriffe haben. Soll die Seele sich regen durch den Begriff, so muß sie Begriffe wahrnehmen können. Dies vermag sie durch den Begriffssinn. So haben wir in ihm einen zehnten Sinn aufgezählt.
[ 36 ] Aber ein Sinn ist ganz vergessen, könnten Sie sagen, der Tastsinn. Allerdings! Der Tastsinn wird gewöhnlich zusammengeworfen mit dem Wärmesinn. Daß so gesprochen werden kann, kommt von dem Durcheinanderwerfen durch diejenigen, die den geistigen Faden nicht haben. Zunächst hat der Tastsinn freilich nur als Wärmesinn Bedeutung. Als solcher Sinn ist sozusagen im groben zu bezeichnen die ganze Haut. Diese ist auch in gewisser Weise für den Tastsinn da. Doch ist, richtig betrachtet, nicht nur das ein Tasten, was wir tun, wenn wir einen Gegenstand anrühren, seine Oberfläche abfühlen; Tasten ist es auch, wenn wir mit den Augen etwas suchen. Auch Geruchssinn und Geschmackssinn können tasten. Wenn wir schnüffeln, so tasten wir mit dem Geruchssinn. Bis herauf zum Wärmesinn ist das Tasten eine gemeinschaftliche Eigenschaft der Sinne vier bis sieben. Von diesen Sinnen können wir also sprechen als von Sinnen des Tastens. Nur unsere grobklotzige Betrachtungsweise der Physiologie kann einem Sinn etwas zuschreiben, was einer ganzen Reihe von Sinnen zukommt, dem Geruchssinn, Geschmackssinn, Gesichtssinn und Wärmesinn. Beim Gehörsinn können wir kaum mehr von einem Tasten sprechen, es ist in ganz geringem Maße nur vorhanden; noch weniger beim Sprachsinn und wiederum weniger beim Begriffssinn. Diese Sinne werden daher bezeichnet als Sinne des Begreifens. Während wir beim Tastsinn etwas haben, was an der Oberfläche bleibt, was nicht in die Dinge hineindringen kann, so dringen wir beim Wärmesinn zunächst in die Dinge ein und dann immer tiefer und tiefer. Diese oberen Sinne liefern uns das Verstehen und Begreifen der Dinge in ihrem Innern, und sie werden daher als Sinne des Begreifens bezeichnet.
[ 37 ] Sie sehen nun daraus, daß wir, bevor wir zum Geruchssinn kommen, drei andere Sinne aufzuzählen haben, die uns unterrichten über das eigene menschliche Innere. Aus ihm heraus holen sie ihre Kundschaften. Dann kommen wir zur Grenze zwischen Innen- und Außenwelt zunächst durch den Geruchssinn, und dann gelangen wir durch die höheren Sinne immer tiefer und tiefer in die Außenwelt hinein.
[ 38 ] Liegt etwas darunter und darüber? Das, was aufgezählt worden ist, istnur ein Ausschnitt. Darüber und darunter liegen andere Sinne. Vom Begriffssinn könnten wir aufsteigen zum ersten astralischen Sinne und würden dann kommen zu den Sinnen, die ins Geistige eindringen können. Da würden wir zunächst finden einen elften, zwölften und dreizehnten Sinn. Diese drei unbekannten Sinne sollen hier zunächst nur erwähnt werden. Wir werden genauer davon sprechen, wenn wir morgen oder übermorgen aus dem Physischen ins Geistige aufsteigen. Sie werden uns tiefer hineinführen in die Untergründe des geistigen Lebens, in die der Begriff nicht eindringt. Der Begriff macht Halt an einer bestimmten Stelle. Jenseits des Begriffs liegt das, was erst durch die höheren Sinne wahrgenommen werden kann. Der Geruch macht Halt vor dem eigenen Innern. Wie Sie unter dem Geruch noch drei Sinne haben, so über dem Begriff noch drei höhere Sinne, durch die wir eindringen in das Äußere der geistigen Dinge, wie mit jenen unteren Sinnen in das Äußere der physischen Dinge.
[ 39 ] Aber heute werden wir auf dem physischen Plane bleiben. Deshalb haben wir das aufgezählt, was zum Wahrnehmen des Physischen gehört. Es war nicht unnötig, uns so auf eine Fundamentierung der Dinge einzulassen. Weil sie vergessen worden ist, ist in den Wissenschaften alles in der entsetzlichsten Weise durcheinandergeworfen worden, bis hinein in Philosophie und Erkenntnistheorie. Man spricht im allgemeinen: Was kann der Mensch erkennen durch die einzelnen Sinne? — Man kann nicht den Unterschied angeben, der zwischen Gehör- und Gesichtssinn ist. Man spricht von Schallwellen geradeso wie von Lichtwellen, ohne zu berücksichtigen, daß der Gesichtssinn weniger tief in das Wesen der Dinge eindringt als der Gehörsinn, der etwas von der Seelennatur der äußeren Welt offenbart. Durch die drei noch höheren Sinne, den elften, zwölften und dreizehnten Sinn, werden wir auch in den Geist der Dinge eindringen. Jeder Sinn hat eine andere Natur und Wesenheit. Dies ist zunächst zu berücksichtigen. Daher können Sie eine große Anzahl von Ausführungen, die heute über die Natur des Gesichtssinnes und sein Verhältnis zur Umwelt, namentlich die Physik bringt, von vorneherein als etwas betrachten, was niemals gerechnet hat mit der Natur der Sinne überhaupt. Unzählige Irrtümer haben sich auf diese Verkennung des Wesens der Sinne aufgebaut. Dies muß betont werden, weil dem hier Gesagten die populären Darstellungen gar nicht gerecht werden. Ja, populäre Bücher können gerade das Gegenteil davon sagen. Sie lesen dort Dinge, die von Leuten geschrieben sind, die nicht einmal eine Ahnung haben können von der inneren Natur der Sinnenwesenheit. Wir müssen uns klarmachen, daß die Wissenschaft von ihrem Standpunkte aus anders sprechen muß, daß sie dem Irrtum verfallen muß, weil die Entwickelung so war, daß das Richtige vielfach vergessen worden ist. Das ist das erste Kapitel der Anthroposophie: die wirkliche Natur und Wesenheit unserer Sinne.
