The Deeper Mysteries of Human Development
in the Light of the Gospels
GA 117
4 December 1909, Munich
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The Deeper Mysteries of Human Development, tr. SOL
9. Gruppenseele und Individualität
9. Group Soul and Individuality
[ 1 ] Wir wollen uns heute mit einem allgemeinen Thema beschäftigen, und zwar mit der Frage nach der Bedeutung und den Aufgaben der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft in der Gegenwart, und dann am Dienstag mit einem individuelleren Thema, das das einzelne Menschenschicksal und Wesen betrifft.
[ 1 ] Today we would like to address a general topic, namely the question of the significance and tasks of anthroposophically oriented spiritual science in the present day, and then on Tuesday we will turn to a more specific topic concerning the individual human destiny and nature.
[ 2 ] Wir haben es oftmals betont, daß Anthroposophie gerade in der Gegenwart eine besondere Aufgabe und Bedeutung für die Menschheit hat. Schließlich muß sich ja derjenige, der sich als denkender Mensch mit Anthroposophie befaßt, doch immer wieder die Frage vorlegen: Welche Ziele verfolgt eigentlich diese geistige Bewegung und wie stellt sich dieselbe zu andern Aufgaben in unserer Zeit? - Nun kann man, wie wir es öfters schon gemacht haben, diese Aufgaben von den verschiedensten Gesichtspunkten aus beleuchten. Heute wollen wir einmal versuchen, den Entwickelungsgang der Menschheit an demjenigen Punkte, an dem wir selbst stehen, aufzufangen, ein wenig in die Zukunft hineinzuschauen und uns dann fragen: Was hat Anthroposophie für eine Aufgabe gerade mit Rücksicht auf den Entwickelungspunkt der Menschheit, in dem wir in der Gegenwart stehen?
[ 2 ] We have often emphasized that anthroposophy has a special mission and significance for humanity, especially in the present day. After all, anyone who, as a thinking human being, engages with anthroposophy must repeatedly ask themselves: What goals does this spiritual movement actually pursue, and how does it relate to other challenges of our time? — Now, as we have often done before, we can examine these challenges from a wide variety of perspectives. Today, let us try to grasp the course of human development at the point where we ourselves stand, look a little into the future, and then ask ourselves: What is the task of anthroposophy, particularly in view of the stage of human development at which we currently stand?
[ 3 ] Wir wissen ja, daß seit der großen atlantischen Katastrophe, seitdem sich durch sie der Erdkreis als Wohnplatz der Menschen ganz umgestaltet hat, bis in unsere Gegenwart herein fünf Kulturzeiträume zu verzeichnen sind. Wir haben diese fünf Kulturzeiträume öfters aufgezählt als den altindischen, altpersischen, chaldäisch-ägyptischen, griechisch-lateinischen Zeitraum, und dann als den Zeitraum, in dem wir selbst stehen, den fünften Kulturzeitraum, der seit, sagen wir, dem 8., 9., 10. Jahrhundert sich vorbereitet hat und in dem wir eigentlich mittendrin stehen. Nun müssen wir uns darüber klar sein, daß solche Einteilungen natürlich nicht so gemeint sind, als ob schroff abschlösse irgendeine Entwickelungsepoche und dann eine neue begänne, sondern das alles geht langsam und allmählich ineinander über, und man kann sagen, lange bevor eine solche Epoche abgelaufen ist, bereitet sich innerhalb derselben schon die neue vor. So daß wir von unserem Kulturzeitraum, von dem fünften der nachatlantischen Zeit, uns sagen können, es bereitet sich durchaus jetzt schon, und zwar recht bedeutsam dasjenige vor, was das eigentlich Kennzeichnende des sechsten Kulturzeitraumes sein wird. Und die Menschheit der Gegenwart wird sich im allgemeinen teilen in zwei Teile: in solche Menschen, die heute sich von alldem keinen Begriff machen, die nichts davon wissen, daß sich so etwas vorbereitet wie die sechste Kulturepoche, die sozusagen blind in den Tag hineinleben, und in solche Menschen, welche sich Vorstellungen darüber machen, daß sich etwas Neues vorbereitet und welche auch wissen, daß ja im Grunde genommen dasjenige, was sich vorbereitet, durch die Menschen gemacht werden muß, durch die Menschen vorbereitet werden muß. Man kann in gewisser Beziehung als Mensch sich hineinstellen in die Zeit und sich sagen, daß man macht, was allgemein üblich ist, macht, was die andern gemacht haben, was die Väter uns anerzogen haben, oder man kann sich so hineinstellen, daß man bewußt weiß: Wenn du überhaupt bewußt ein Glied sein willst in der Menschenkette, so mußt du etwas tun, entweder an dir selber oder an deiner Umgebung, was dazu beiträgt, dasjenige, was ja doch kommen muß, nämlich die sechste Kulturepoche, vorzubereiten, so viel an dir liegt. Verstehen kann man nur, wie so etwas möglich ist, Vorbereitungen zu treffen für diese sechste Kulturepoche, wenn man auf den Charakter unseres eigenen Zeitraumes ein wenig eingeht. Da bietet sich uns am besten das Mittel der Vergleichung dar.
[ 3 ] We know, of course, that since the great Atlantic catastrophe—which completely transformed the Earth as a place of human habitation—there have been five cultural epochs up to the present day. We have often listed these five cultural epochs as the ancient Indian, ancient Persian, Chaldean-Egyptian, and Greco-Roman periods, and then the period in which we ourselves live—the fifth cultural epoch, which has been in preparation since, let us say, the 8th, 9th, and 10th centuries, and in which we are actually right in the midst of. Now we must be clear that such divisions are of course not meant to imply that any epoch of development ends abruptly and then a new one begins, but rather that everything flows slowly and gradually into one another, and one can say that long before such an epoch has run its course, the new one is already preparing itself within it. So that we can say of our cultural epoch, the fifth of the post-Atlantean era, that what will actually characterize the sixth cultural epoch is already being prepared now, and quite significantly so. And the humanity of the present will generally divide into two parts: those who today have no concept of any of this, who know nothing of the fact that something like the sixth cultural epoch is in preparation—who, so to speak, live blindly from day to day—and those who do have an idea that something new is in preparation and who also know that, fundamentally speaking, what is being prepared must be made by human beings, must be prepared by human beings. In a certain sense, as a human being, one can position oneself within the times and tell oneself that one is doing what is generally customary, doing what others have done, what our fathers taught us; or one can position oneself in such a way that one consciously knows: If you want to be a conscious link in the human chain at all, you must do something—either within yourself or in your surroundings—that contributes, as far as you are able, to preparing for what must inevitably come: namely, the sixth cultural epoch. One can only understand how it is possible to make preparations for this sixth cultural epoch if one considers the character of our own era a little. The best way to do this is through comparison.
[ 4 ] Wir wissen, daß diese Kulturzeiträume sich wesentlich voneinander unterscheiden, und wir haben verschiedene Eigenschaften im Laufe der Jahre unserer anthroposophischen Bewegung angeführt, wodurch sie sich voneinander unterscheiden. Wir haben hingewiesen auf die altindische Kulturperiode und haben gezeigt, wie die Seeleneigenschaften des Menschen dazumal anders waren als später, wie der Mensch noch in hohem Grade mit hellsichtigem Bewußtsein begabt war; und wir haben gezeigt, wie die Entwickelung durch die folgenden Kulturzeiträume darinnen besteht, daß die Menschen immer mehr und mehr die Hellsichtigkeit verloren haben und immer mehr ihr Wahrnehmungsvermögen, ihr Verstandesvermögen auf den physischen Plan zu beschränken hatten. Wir haben gesehen, wie sich langsam vorbereitete der vierte Kulturzeitraum, in dem die Menschen sozusagen ganz herausgetreten sind auf den physischen Plan, so daß da jene Wesenheit, die wir den Christus Jesus nennen, auf dem physischen Plan als ein Wesen, als ein Menschenwesen des physischen Planes sich verkörpern konnte. Wir haben dann gesehen, wie seit jener Zeit durch eine gewisse Strömung hindurch dieses heraustrat: wie alle menschlichen Fähigkeiten auf dem physischen Plan sich noch verstärkt haben, wie der materialistische Hang unserer Zeit, all das Drängen der Menschen, nur dasjenige gelten zu lassen, was sich in der physischen Umwelt darbietet, zusammenhängt mit einem weiteren Heruntersteigen des Menschen auf den physischen Plan. Aber dabei soll es nun in der Entwickelung keineswegs bleiben. Die Menschheit muß wiederum hinaufsteigen in die geistige Welt, hinaufsteigen mit all den Errungenschaften, die sie sich angeeignet hat, mit all den Früchten des physischen Planes. Und gerade das soll Anthroposophie sein, was den Menschen bringen kann die Möglichkeit, wiederum hinaufzusteigen in die geistige Welt.
[ 4 ] We know that these cultural epochs differ significantly from one another, and over the years of our anthroposophical movement we have pointed out various characteristics that distinguish them from one another. We have referred to the ancient Indian cultural epoch and have shown how the soul qualities of human beings at that time differed from those of later periods, how human beings were still endowed to a high degree with clairvoyant consciousness; and we have shown how development through the subsequent cultural epochs consists in the fact that human beings have increasingly lost their clairvoyance and have had to limit their powers of perception and their intellectual faculties more and more to the physical plane. We have seen how the fourth cultural epoch slowly prepared itself, in which human beings, so to speak, stepped out entirely onto the physical plane, so that the being we call Christ Jesus could incarnate on the physical plane as a being, as a human being of the physical plane. We then saw how, since that time, through a certain current, this has come to the fore: how all human capacities on the physical plane have become even more intensified, how the materialistic tendency of our time, all the human urge to accept only what presents itself in the physical environment, is connected with a further descent of humanity onto the physical plane. But development is by no means to remain at this stage. Humanity must ascend once more into the spiritual world, ascending with all the achievements it has acquired, with all the fruits of the physical plane. And this is precisely what anthroposophy is meant to be: that which can offer humanity the possibility of ascending once more into the spiritual world.
[ 5 ] Nun können wir sagen: Gleich nach der großen atlantischen Katastrophe gab es zahlreiche Menschen, welche wußten durch ihr unmittelbares Wahrnehmungsvermögen, um uns herum ist eine geistige Welt, wir leben in einer geistigen Welt. Immer weniger und weniger wurden die Menschen, die das wußten, immer mehr und mehr beschränkten sich die Fähigkeiten des Menschen auf die sinnliche Wahrnehmung. Aber wenn auf der einen Seite heute noch die Wahrnehmungsfähigkeit für die geistige Welt die denkbar geringste ist, so bereitet sich doch auf der andern Seite etwas vor in unserer Zeit, was so bedeutsam ist, daß schon für eine größere Anzahl von Menschen in derjenigen Verkörperung, in der Inkarnation, die auf diese jetzige folgt, ganz andersartige Fähigkeiten da sein werden als heute. Wie sich die Fähigkeiten der Menschen geändert haben durch die fünf Kulturzeiträume hindurch, so werden sie sich in den sechsten hinein auch ändern, und eine große Anzahl von heutigen Menschen wird schon in der nächsten Inkarnation deutlich zeigen durch ihre ganze Seelenart, daß sich ihre Fähigkeiten wesentlich geändert haben. Und darüber wollen wir uns heute Klarheit verschaffen, wie andersgeartet diese Seelen der Menschen in der Zukunft, also bei einer großen Anzahl schon in der nächsten Inkarnation, bei andern in der zweitnächsten, sein werden.
[ 5 ] Now we can say: Immediately after the great Atlantean catastrophe, there were many people who knew, through their direct perceptive abilities, that there is a spiritual world around us, that we live in a spiritual world. The number of people who knew this grew fewer and fewer, while human abilities became increasingly limited to sensory perception. But while, on the one hand, the ability to perceive the spiritual world is at an all-time low today, on the other hand, something is taking shape in our time that is so significant that a much larger number of people in the next incarnation—the one following this present one—will possess abilities quite different from those of today. Just as human abilities have changed throughout the five cultural epochs, so too will they change in the sixth, and a large number of people today will already clearly demonstrate in their very next incarnation, through the very nature of their souls, that their abilities have changed significantly. And today we want to gain clarity on just how different these human souls will be in the future—for a large number of them as early as the next incarnation, and for others in the one after that.
[ 6 ] Wir könnten auch noch in einer andern Weise zurückblicken in verflossene Zeiträume der Menschheitsentwickelung. Da würden wir sehen, daß wir immer mehr, je weiter wir zum alten Hellsehen zurückkommen, zugleich mit der menschlichen Seele verknüpft haben das, was man nennen kann den Charakter der Gruppenseelenhaftigkeit. Sie sind schon öfter darauf aufmerksam gemacht worden, daß beim althebräischen Volk im eminentesten Sinne das Bewußtsein von dieser Gruppenseelenhaftigkeit vorhanden war. Wer sich fühlte, sich recht bewußt fühlte als ein Glied des althebräischen Volkes, der sagte sich — darauf ist ja insbesondere aufmerksam gemacht worden: Als einzelner Mensch bin ich eine vorübergehende Erscheinung, aber in mir lebt etwas, was einen unmittelbaren Zusammenhang hat mit all dem Seelenwesen, das herunterströmte seit dem Stammvater Abraham. - Das fühlte der Angehörige des althebräischen Volkes. Wir können sogar esoterisch dieses, was da vom althebräischen Volke gefühlt wurde, als eine spirituelle Erscheinung angeben. Wir verstehen besser, was da geschah, wenn wir folgendes ins Auge fassen.
[ 6 ] We could also look back at past periods of human development in another way. There we would see that, the further back we go to ancient clairvoyance, the more we have linked to the human soul what might be called the character of group-soul-ness. You have often been made aware that among the ancient Hebrew people, the awareness of this group-soul-ness was present in the most eminent sense. Anyone who felt, who felt quite consciously, that they were a member of the ancient Hebrew people would say to themselves—and this has indeed been pointed out in particular: As an individual human being, I am a transient phenomenon, but within me lives something that has a direct connection to the entire soul entity that has flowed down since the forefather Abraham. - That is what the members of the ancient Hebrew people felt. We can even describe, in an esoteric sense, what was felt by the ancient Hebrew people as a spiritual phenomenon. We understand better what happened there if we consider the following:
[ 7 ] Nehmen wir einen althebräischen Eingeweihten. Obwohl gerade im althebräischen Volke die Einweihung nicht so häufig war wie bei andern Völkern, so können wir doch einen solchen wirklichen Eingeweihten, nicht bloß einen in die Theorien und in das Gesetz eingeführten, sondern einen wirklich in die geistigen Welten hineinsehenden Eingeweihten nicht anders charakterisieren, als indem wir auf die ganze Volkseigentümlichkeit Rücksicht nehmen. Es ist heute Sitte in der äußeren Wissenschaft, die ahnungslos nach ihren Dokumenten wirtschaftet, überall das, was im Alten Testament steht, an allerlei äußeren Urkunden zu prüfen und es dann nicht bestätigt zu finden. Wir werden Gelegenheit haben, darauf hinzuweisen, daß das Alte Testament treuer die Tatsachen gibt als die äußere Urkundengeschichte. Jedenfalls zeigt die Geisteswissenschaft, daß tatsächlich eine Blutsverwandtschaft des hebräischen Volkes bis zum Stammvater Abraham hinauf nachzuweisen ist, und daß die Annahme Abrahams als Stammvater eine vollberechtigte ist. Insbesondere aber war das etwas, was man in den althebräischen Geheimschulen wußte: solch eine Individualität, solch eine Seelenwesenheit wie die des Abraham, die war ja nicht bloß als Abraham inkarniert, sondern sie ist eine ewige Wesenheit, die in der geistigen Welt vorhanden blieb. Und in Wahrheit war derjenige ein wirklicher Eingeweihter, der inspiriert wurde von demselben Geiste, von dem Abraham inspiriert worden ist, der ihn für sich beschwören konnte, der durchdrungen war von derselben Seelenhaftigkeit wie Abraham. So daß zwischen jedem Eingeweihten und zwischen dem Stammvater Abraham ein realer Zusammenhang war. Das müssen wir festhalten; das drückte sich in dem Gefühl des Mitgliedes des althebräischen Volkes aus. Das war eine Art Gruppenseelenhaftigkeit. Man fühlte dasjenige, was in Abraham sich ausdrückte, als die Gruppenseele des Volkes. Und so fühlte man in der übrigen Menschheit Gruppenseelen.
[ 7 ] Let us consider an ancient Hebrew initiate. Although initiation was not as common among the ancient Hebrew people as it was among other peoples, we can nevertheless characterize such a true initiate—not merely one introduced to theories and the law, but one who truly beholds the spiritual worlds—only by taking into account the entire national character. It is customary today in external scholarship, which works its way through its documents without a clue, to test everything found in the Old Testament against all manner of external documents and then to find it unconfirmed. We will have occasion to point out that the Old Testament presents the facts more faithfully than external documentary history. In any case, spiritual science shows that a blood kinship of the Hebrew people can indeed be traced back to the patriarch Abraham, and that the acceptance of Abraham as the patriarch is fully justified. In particular, however, this was something known in the ancient Hebrew mystery schools: such an individuality, such a soul-being as that of Abraham, was not merely incarnated as Abraham, but is an eternal being that remained present in the spiritual world. And in truth, a true initiate was one who was inspired by the same spirit that had inspired Abraham, who could invoke him for himself, who was imbued with the same soulfulness as Abraham. So that there was a real connection between every initiate and the patriarch Abraham. We must note this; it was expressed in the feeling of the members of the ancient Hebrew people. This was a kind of group soul-affinity. What was expressed in Abraham was felt as the group soul of the people. And in this way, group souls were felt within the rest of humanity.
[ 8 ] Die Menschheit geht überhaupt auf Gruppenseelen zurück. Je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto weniger ausgeprägt finden wir die einzelne Individualität. Was wir heute noch im Tierreich finden: daß eine ganze Gruppe zusammengehört, das war so bei den Menschen vorhanden und tritt immer deutlicher und deutlicher auf, je weiter wir in Urzeiten zurückgehen. Gruppen von Menschen gehören da zusammen, und die Gruppenseele ist wesentlich stärker als dasjenige, was die Individualseele ist im einzelnen Menschen.
[ 8 ] Humanity can be traced back to group souls. The further back we go in human evolution, the less pronounced individuality becomes. What we still find today in the animal kingdom—that an entire group belongs together—was present in human beings as well, and becomes increasingly evident the further back we go into prehistoric times. Groups of people belong together there, and the group soul is significantly stronger than what the individual soul is in the single human being.
[ 9 ] Wir können nun sagen: Heute in unserer Zeit ist noch immer nicht die Gruppenseelenhaftigkeit der Menschen überwunden, und wer da glauben würde, daß sie vollständig überwunden ist, der würde eben gewisse feinere Erscheinungen des Lebens nicht ins Auge fassen. Wer diese aber ins Auge faßt, wird sehr bald sehen, daß in der Tat gewisse Menschen nicht nur in ihrer Physiognomie einander ähnlich sehen, sondern daß auch die Seeleneigenschaften in Gruppen von Menschen einander ähnlich sind, daß man die Menschen sozusagen in Kategorien einteilen kann. Jeder Mensch kann sich heute noch zu einer gewissen Kategorie rechnen. In bezug auf diese oder jene Eigenschaften wird er vielleicht zu verschiedenen Kategorien gehören, aber eine gewisse Gruppenseelenhaftigkeit ist nicht nur geltend dadurch, daß Völker da sind, sondern auch in anderer Beziehung. Die Grenzen, die zwischen den einzelnen Nationen gezogen sind, fallen immer mehr und mehr dahin; aber andere Gruppierungen sind noch wahrnehmbar. Gewisse Grundeigenschaften stehen bei einzelnen Menschen durchaus so zusammen, daß derjenige, der nur sehen will, letzte Reste von Gruppenseelenhaftigkeit bei den Menschen heute noch wahrnehmen kann.
[ 9 ] We can now say: Even today, in our time, humanity has not yet overcome its group-soul nature, and anyone who believes that it has been completely overcome would simply be failing to take certain subtler aspects of life into account. But anyone who does take these into account will very soon see that, in fact, certain people not only resemble one another in their physiognomy, but that the soul qualities in groups of people are also similar to one another, so that one can, so to speak, divide people into categories. Every person can still count themselves among a certain category today. With regard to this or that characteristic, they may belong to different categories, but a certain group-soul nature is evident not only in the existence of peoples, but also in other respects. The boundaries drawn between individual nations are fading more and more; yet other groupings are still discernible. Certain fundamental characteristics are so closely intertwined in individual human beings that anyone who is willing to look can still perceive the last remnants of group soul characteristics in people today.
[ 10 ] Nun leben wir nämlich gerade in der Gegenwart im eminentesten Sinn in einem Übergange. Alle Gruppenseelenhaftigkeit soll nach und nach abgestreift werden. So wie die Abgründe zwischen den einzelnen Nationen immer mehr und mehr verschwinden, so wie sich die einzelnen Teile der verschiedenen Nationen immer mehr und mehr verstehen, so werden sich auch andere Gruppenseelenhaftigkeiten abstreifen, und immer mehr wird das Individuelle des einzelnen Menschen in den Vordergrund treten.
[ 10 ] For we are currently living, in the truest sense of the word, in a time of transition. All group-soul attachments are to be gradually shed. Just as the chasms between individual nations are disappearing more and more, just as the individual parts of the various nations are coming to understand one another more and more, so too will other group-soul attachments be shed, and the individuality of each person will increasingly come to the fore.
[ 11 ] Damit haben wir aber etwas ganz Wesentliches in der Entwickelung charakterisiert. Wenn wir es von einer andern Seite fassen wollen, so können wir sagen, innerhalb der Entwickelung der Menschheit verliert immer mehr und mehr der Begriff, worin sich die Gruppenseelenhaftigkeit am meisten ausdrückt, an Bedeutung, nämlich der Rassenbegriff. Wenn wir hinter die große atlantische Katastrophe zurückgehen, so sehen wir ja, wie sich die menschlichen Rassen vorbereiten. In der alten atlantischen Zeit haben wir durchaus die Menschen gruppiert nach äußeren Merkmalen in ihrem Körperbau, noch viel stärker als heute. Was wir heute Rassen nennen, das sind nur noch Überbleibsel jener bedeutsamen Unterschiede der Menschen, wie sie in der alten Atlantis üblich waren. So recht anwendbar ist der Rassenbegriff nur auf die alte Atlantis. Daher haben wir, da wir rechnen mit einer wirklichen Entwickelung der Menschheit, für die nachatlantische Zeit gar nicht den Begriff der Rasse im eminentesten Sinne gebraucht. Wir sprechen nicht von einer indischen Rasse, persischen Rasse und so weiter, weil das nicht mehr richtig ist. Wir sprechen von einem altindischen Kulturzeitraum, von einem altpersischen Kulturzeitraum und so weiter.
[ 11 ] This, however, characterizes something quite essential in the course of evolution. If we wish to approach it from another angle, we can say that, within the course of human evolution, the concept in which group-soul-ness is most fully expressed—namely, the concept of race—is becoming increasingly less significant. If we go back to the time before the great Atlantean catastrophe, we can see how the human races were taking shape. In the ancient Atlantean era, people were definitely grouped according to external physical characteristics, even more so than today. What we call races today are merely remnants of those significant differences among people that were common in ancient Atlantis. The concept of race is truly applicable only to ancient Atlantis. Therefore, since we take into account the actual development of humanity, we have had no need at all for the concept of race in the strictest sense for the post-Atlantean era. We do not speak of an Indian race, a Persian race, and so on, because that is no longer accurate. We speak of an ancient Indian cultural period, an ancient Persian cultural period, and so on.
[ 12 ] Und vollends würde es jeden Sinn verlieren, wenn wir davon sprechen wollten, daß sich in unserer Zeit vorbereite eine sechste Rasse. Wenn noch in unserer Zeit Reste der alten atlantischen Unterschiede, der alten atlantischen Gruppenseelenhaftigkeit vorhanden sind, so daß man noch sprechen kann davon, daß die Rasseneinteilung noch nachwirkt — was sich vorbereitet für den sechsten Zeitraum, das besteht gerade darinnen, daß der Rassencharakter abgestreift wird. Das ist das Wesentliche. Deshalb ist es notwendig, daß diejenige Bewegung, welche die anthroposophische genannt wird, welche vorbereiten soll den sechsten Zeitraum, gerade in ihrem Grundcharakter dieses Abstreifen des Rassencharakters aufnimmt, daß sie nämlich zu vereinigen sucht Menschen aus allen Rassen, aus allen Nationen und auf diese Weise überbrückt diese Differenzierung, diese Unterschiede, diese Abgründe, die zwischen den einzelnen Menschengruppen vorhanden sind. Denn es hat in gewisser Beziehung physischen Charakter, was alter Rassenstandpunkt ist, und es wird einen viel geistigeren Charakter haben, was sich in die Zukunft hinein vollzieht.
[ 12 ] And it would be completely meaningless to suggest that a sixth race is being prepared in our time. If remnants of the old Atlantean distinctions, of the old Atlantean group-soul character, still exist in our time, so that one can still speak of the racial division continuing to have an effect—what is being prepared for the sixth epoch consists precisely in the shedding of racial character. That is the essential point. That is why it is necessary that the movement known as anthroposophy, which is to prepare the sixth epoch, should, precisely in its fundamental character, take up this shedding of racial character—namely, that it seeks to unite people from all races, from all nations, and in this way bridges the differentiation, the differences, the chasms that exist between the individual groups of people. For what is the old racial standpoint has, in a certain sense, a physical character, and what unfolds into the future will have a much more spiritual character.
[ 13 ] Daher ist es so dringend notwendig, zu verstehen, daß unsere anthroposophische Bewegung eine geistige ist, die auf das Spirituelle sieht, und gerade das, was aus physischen Unterschieden herrührt, durch die Kraft der geistigen Bewegung überwindet. Es ist ja durchaus begreiflich, daß eine jede Bewegung sozusagen ihre Kinderkrankheiten hat und daß man im Anfang der theosophischen Bewegung die Sache so dargestellt hat, als wenn sozusagen die Erde in sieben Zeiträume zerfiele - man nannte das Hauptrassen - und jede der Hauptrassen in sieben Unterrassen; und daß das alles sich so stetig wiederholen würde, so daß man immer von sieben Rassen sprechen könnte und sieben Unterrassen. Aber man muß über die Kinderkrankheiten hinauskommen und sich klar sein darüber, daß der Rassenbegriff aufhört eine jegliche Bedeutung zu haben gerade in unserer Zeit.
[ 13 ] That is why it is so urgently necessary to understand that our anthroposophical movement is a spiritual one, focused on the spiritual, and that it overcomes precisely those differences that arise from physical distinctions through the power of the spiritual movement. It is, of course, quite understandable that every movement has its teething troubles, so to speak, and that in the early days of the theosophical movement, the matter was presented as if the earth were divided into seven periods—these were called the main races—and each of the main races into seven sub-races; and that all of this would repeat itself so steadily that one could always speak of seven races and seven sub-races. But we must move beyond these teething troubles and realize that the concept of race ceases to have any meaning at all, especially in our time.
[ 14 ] Etwas anderes bereitet sich ferner vor - etwas, das mit der Individualität des Menschen in ganz eminentem Sinne zusammenhängt — im Individueller-Werden und immer Individueller-Werden der Menschen. Es handelt sich nur darum, daß diese Individualität es im rechten Sinne wird, und dazu soll nun die anthroposophische Bewegung dienen, daß die Menschen im rechten Sinne Individualitäten werden, oder Persönlichkeiten, könnten wir auch sagen. Wie kann sie das aber?
[ 14 ] Something else is also taking shape—something that is connected to human individuality in a most profound sense—in the process of human beings becoming more and more individual. The point is simply that this individuality should become such in the true sense, and the anthroposophical movement is now intended to serve this purpose: that human beings may become individualities in the true sense, or personalities, as we might also say. But how can it do this?
[ 15 ] Da müssen wir auf die hervorragendste neue Seeleneigenschaft des Menschen hinblicken, die sich vorbereitet. Es wird oft die Frage gestellt: Ja, wenn es eine Wiederverkörperung gibt, warum erinnert sich der Mensch nicht an seine früheren Verkörperungen? — Das ist eine Frage, die schon öfter von mir beantwortet worden ist, und eine solche Frage nimmt sich so aus, wie wenn man ein vierjähriges Kind bringt und deshalb, weil es nicht rechnen kann und ein Mensch ist, sagen wollte: Der Mensch kann nicht rechnen. — Lassen Sie es zehn Jahre alt werden, dann kann es schon rechnen. So ist es mit der menschlichen Seele. Wenn sie sich auch heute noch nicht erinnern kann, es wird die Zeit kommen, in der sie sich erinnern kann, die Zeit, in der sie dieselben Fähigkeiten hat, wie derjenige sie hat, der heute eingeweiht ist. Aber gerade heute geschieht jener Umschwung. Es gibt heute eine Anzahl von Seelen, welche in unserer Zeit so weit sind, daß sie knapp vor dem Momente stehen, wo sie an ihre früheren Inkarnationen, wenigstens an die letzte, sich erinnern werden. Eine ganze Anzahl von Menschen ist heute sozusagen gerade vor dem Sich-Öfnen des Tores zu dem umfassenden Gedächtnis, das nicht nur das Leben zwischen Geburt und Tod, sondern das die vorhergehenden Inkarnationen, wenigstens die letzte zunächst umfaßt. Und wenn nachder gegenwärtigen Inkarnation eine Anzahl von Menschen wiedergeboren werden, dann werden sie sich erinnern an die gegenwärtige Inkarnation. Es handelt sich nur darum, wie sie sich erinnern. Sich in der richtigen Weise zu erinnern, dazu soll die anthroposophische Entwickelung Veranlassung, Anleitung geben.
[ 15 ] Here we must turn our attention to the most remarkable new quality of the human soul that is now emerging. The question is often asked: “If reincarnation exists, why don’t people remember their past lives?” — That is a question I have answered many times before, and such a question is like bringing a four-year-old child and, simply because the child cannot do arithmetic and is human, wanting to say: Humans cannot do arithmetic. — Let the child grow to be ten years old, and then it will be able to do arithmetic. So it is with the human soul. Even if it cannot remember today, the time will come when it can remember, the time when it will have the same abilities as one who is initiated today. But that very shift is taking place today. There are a number of souls today who have progressed so far in our time that they stand on the very threshold of the moment when they will remember their past incarnations, at least the most recent one. A whole number of people today are, so to speak, just on the verge of the gate opening to the comprehensive memory that encompasses not only the life between birth and death, but also the previous incarnations—at least the most recent one for the time being. And when, after the present incarnation, a number of people are reborn, they will remember the present incarnation. The only question is how they will remember. Anthroposophical development is intended to provide the impetus and guidance for remembering in the right way.
[ 16 ] Wenn man diese anthroposophische Bewegung charakterisieren will von diesem Gesichtspunkte aus, so muß man so sagen: Ihr Charakter ist dieser, daß sie den Menschen hinführt, in rechtem Sinn dasjenige zu erfassen, was man das menschliche Ich, das innerste Glied der menschlichen Wesenheit nennt. Ich habe schon öfter darauf aufmerksam gemacht, daß Fichte mit Recht gesagt hat, die meisten Menschen würden sich lieber für ein Stück Lava im Monde halten als für ein Ich. Und wenn Sie nachdenken, wieviel Menschen es gibt in unserer Zeit, die sich überhaupt eine Vorstellung davon machen, was ein Ich ist, das heißt, was sie selber sind, dann würden Sie im allgemeinen zu einem recht traurigen Resultat kommen.
[ 16 ] If one wishes to characterize this anthroposophical movement from this perspective, one must say: Its character is such that it leads people to grasp, in the true sense, what is called the human “I,” the innermost element of the human being. I have often pointed out that Fichte was right in saying that most people would rather consider themselves a piece of lava on the moon than an “I.” And if you consider how many people there are in our time who have any conception at all of what an “I” is—that is, of what they themselves are—you would generally arrive at a rather sad conclusion.
[ 17 ] Wenn diese Frage auftaucht, muß ich mich immer erinnern an einen Kameraden, den ich vor etwas mehr als dreißig Jahren hatte, und der dazumal als ein ganz junger Bursch vollständig infiziert war von der materialistischen Gesinnung. Heute ist es moderner, monistische Gesinnung zu sagen. Er war schon infiziert trotz seiner jungen Jahre von ihr. Er lachte immer, wenn es hieß, daß im Menschen etwas enthalten sei, was man als geistige Wesenheit bezeichnen kann; denn er war der Anschauung, daß das, was als Gedanke in uns lebt, hervorgebracht werde durch die mechanischen oder chemischen Vorgänge im Gehirn. Ich sagte oft zu ihm: Sieh, wenn du das ernsthaft glaubst als Lebensinhalt, warum lügst du fortwährend ? - Er log in der Tat fortwährend, denn er sagte niemals: Mein Gehirn fühlt, mein Gehirn denkt, sondern: Ich denke, ich fühle, ich weiß dies oder jenes. - Also er stellte sich eine Theorie auf, der er mit jedem Wort widersprach, wie es ja jeder Mensch tut; denn es ist unmöglich, festzuhalten dasjenige, was man sich einbildet als eine materialistische Theorie. Man kann nicht wahrhaftig bleiben, wenn man materialistisch denkt. Wenn man sonst sagt: Mein Gehirn liebt dich -, dann dürfte man nicht sagen «dich», sondern: Mein Gehirn liebt dein Gehirn. - Diese Konsequenz machen sich die Leute nicht klar. Aber es ist tatsächlich etwas, das nicht bloß humoristisch ist, sondern etwas, das zeigt, welcher tiefe Untergrund von unbewußter Unwahrhaftigkeit auf dem Grunde unserer gegenwärtigen Geistesbildung ist.
[ 17 ] Whenever this question comes up, I am always reminded of a comrade I had a little over thirty years ago, who, as a very young man at the time, was completely steeped in materialistic thinking. Today it is more fashionable to speak of a monistic mindset. He was already steeped in it despite his young age. He always laughed when it was suggested that there is something within human beings that can be described as a spiritual entity; for he held the view that what lives within us as thought is produced by mechanical or chemical processes in the brain. I often said to him: Look, if you seriously believe that as your life’s purpose, why do you lie constantly? — He did indeed lie constantly, for he never said: My brain feels, my brain thinks, but rather: I think, I feel, I know this or that. —So he devised a theory that he contradicted with every word, as indeed every person does; for it is impossible to hold fast to what one imagines as a materialistic theory. One cannot remain truthful if one thinks materialistically. If one were to say otherwise: “My brain loves you”—then one should not say “you,” but rather: “My brain loves your brain.”—People do not realize this consequence. But it is in fact something that is not merely humorous, but something that reveals the deep undercurrent of unconscious insincerity at the root of our current intellectual formation.
[ 18 ] Die meisten Menschen würden sich wirklich lieber für ein Stück Lava im Monde halten, das heißt für eine zusammengebraute Materie, als für dasjenige, was ein Ich genannt werden kann. Und am wenigsten kommt man natürlich heute durch äußere Wissenschaft, die ja als solche nach ihren Methoden materialistisch denken muß, zu einem Erfassen des Ich. Dieses Erfassen des Ich, wodurch kann es der Mensch erreichen? Wodurch kann er nach und nach auch einen Begriff, eine Idee von demjenigen erhalten, was er instinktiv fühlt, wenn er ausspricht: Ich denke? — Einzig und allein dadurch, daß er an der Hand anthroposophischer Weltanschauung erkennt, wie sich diese menschliche Wesenheit zusammengliedert, wie der physische Leib Saturncharakter, der Ätherleib Sonnencharakter, der astralische Leib Mondcharakter und das Ich Erdencharakter hat. Wenn wir alles das ins Auge fassen, was wir da an Ideen zusammenholen aus dem ganzen Weltenall, dann begreifen wir, wie das Ich als der eigentliche Werkmeister an allen andern Gliedern arbeitet. Und so kommen wir nach und nach auch zu einem Begriff von dem, was wir vertreten mit dem Worte «Ich»,
[ 18 ] Most people would actually prefer to think of themselves as a piece of lava on the moon—that is, as a jumbled mass of matter—rather than as what can be called a “self.” And, of course, it is least likely today that one can come to an understanding of the self through external science, which, by its very nature and methods, must think in materialistic terms. How, then, can a person attain this understanding of the self? How can they gradually gain a concept, an idea of what they instinctively feel when they say, “I think”? — Solely by recognizing, through the guidance of the anthroposophical worldview, how this human being is structured, how the physical body has a Saturn-like character, the etheric body a Sun-like character, the astral body a Moon-like character, and the “I” an Earth-like character. When we take in all the ideas we gather from the entire universe, we come to understand how the “I,” as the true master craftsman, works upon all the other members. And so, little by little, we also arrive at a concept of what we represent with the word “I,”
[ 19 ] Zu dem höchsten Begriffe von diesem Ich ringen wir uns allmählich hinauf, wenn wir verstehen lernen ein solches Wort. Nicht bloß fühlen wir uns als ein geistiges Wesen, wenn wir uns in einem Ich drin fühlen, sondern wenn wir uns sagen können: In unserer Individualität lebt etwas, was da war vor dem Vater Abraham. - Wenn wir uns nicht bloß sagen können: Ich und der Vater Abraham sind eins -, sondern: Ich und der Vater, das ist das die Welt durchwebende und durchlebende Geistige. - Was im Ich lebt, ist dieselbe geistige Substanz, die die Welt durchwebt und durchlebt als Geistiges. So ringen wir uns allmählich hinauf, dieses Ich, das heißt den Träger der menschlichen Individualität, also dasjenige, was sich von Inkarnation zu Inkarnation zieht, zu verstehen.
[ 19 ] We gradually strive toward the highest concept of this “I” as we learn to understand such a word. We do not merely feel ourselves to be spiritual beings when we feel ourselves within an “I,” but when we can say to ourselves: Within our individuality lives something that existed before the father Abraham. — When we can say not merely: “I and the father Abraham are one,” but: ‘I and the Father—that is the spiritual essence that weaves through and lives within the world.’—What lives within the ‘I’ is the very same spiritual substance that weaves through and lives within the world as the spiritual. Thus we gradually strive to understand this ‘I,’ that is, the bearer of human individuality—that which extends from incarnation to incarnation.
[ 20 ] Auf welche Art aber begreifen wir das Ich, begreifen wir überhaupt die Welt durch anthroposophische Weltanschauung? Diese anthroposophische Weltanschauung kommt auf die individuellste Weise zustande und ist zu gleicher Zeit das Unindividuellste, das sich überhaupt nur denken läßt. Sie kann nur dadurch auf die individuellste Art zustande kommen, daß sich die Geheimnisse des Weltalls in einer menschlichen Seele offenbaren, daß in sie einströmen die großen geistigen Wesenheiten der Welt. In der menschlichen Individualität muß der Inhalt der Welt erlebt werden auf die individuellste Art, aber zu gleicher Zeit muß er erlebt werden mit einem Charakter vollständiger Unpersönlichkeit. Wer erleben will den wahren Charakter der Weltgeheimnisse, der muß ganz auf demjenigen Gesichtspunkt stehen, von dem aus er sich sagt: Wer die eigene Meinung noch achtet, der kann nicht zur Wahrheit kommen. — Das ist nämlich das Eigenartige anthroposophischer Wahrheit, daß der Beobachter keine eigene Meinung, keine Vorliebe für diese oder jene Theorie haben darf, daß er durchaus nicht durch seine besondere individuelle Eigentümlichkeit diese oder jene Anschauung mehr lieben darf als eine andere. Solange er auf diesem Standpunkte steht, ist es unmöglich, daß sich ihm die wahren Weltgeheimnisse offenbaren. Er muß ganz individuell erkennen; aber seine Individualität muß so weit gediehen sein, daß sie nichts mehr von dem Persönlichen, also auch von dem ihm individuell Sympathischen und Antipathischen hat. Das muß streng und ernsthaft genommen werden. Wer noch irgendwelche Vorliebe hat für diese oder jene Begriffe und Anschauungen, wer durch seine Erziehung, durch sein Temperament zu dem oder jenem hinneigen kann, der wird niemals die objektive Wahrheit erkennen.
[ 20 ] But in what way do we understand the “I,” and do we even understand the world through the anthroposophical worldview? This anthroposophical worldview comes about in the most individual way possible and is, at the same time, the most non-individual thing that can even be conceived. It can come about in the most individual way only through the mysteries of the universe revealing themselves in a human soul, through the great spiritual beings of the world flowing into it. Within human individuality, the content of the world must be experienced in the most individual way, yet at the same time it must be experienced with a character of complete impersonality. Whoever wishes to experience the true character of the world’s mysteries must stand entirely on the standpoint from which he says to himself: Whoever still values his own opinion cannot arrive at the truth. — For this is the peculiarity of anthroposophical truth: the observer must have no opinion of his own, no preference for this or that theory; he must by no means, through his particular individual idiosyncrasies, love this or that view more than another. As long as he stands on this standpoint, it is impossible for the true mysteries of the world to reveal themselves to him. He must perceive entirely individually; but his individuality must have developed to such an extent that it no longer retains anything of the personal, including what he individually finds sympathetic or unsympathetic. This must be taken strictly and seriously. Anyone who still has any preference for this or that concept or view, anyone who, through his upbringing or temperament, is inclined toward one thing or another, will never recognize objective truth.
[ 21 ] In diesem Sommer haben wir versucht, hier die orientalischen Weistümer vom Standpunkt der westlichen Lehre zu begreifen. Wir versuchten gerecht zu werden den orientalischen Weistümern und haben sie wahrhaftig in einer Weise hingestellt, daß sie zu ihrem vollen Rechte gekommen sind. Man muß streng betonen, daß es in unserer Zeit bei selbständiger geistiger Erkenntnis unmöglich ist, immer sich durch eine besondere Vorliebe für die orientalische oder für die okzidentalische Weltanschauung zu entscheiden. Wer da sagt je nach seinem verschiedenen Temperamente, er liebe mehr die Eigenartigkeit, die Gesetzmäßigkeit der Welt, so wie sie im orientalischen oder wie sie entsprechend im okzidentalischen vorhanden sind, der hat noch nicht das volle Verständnis für das, um was es sich eigentlich handelt. Nicht dadurch soll man sich entscheiden zum Beispiel für die größere Bedeutung, sagen wir des Christus gegenüber all demjenigen, was die orientalische Lehre erkennt, weil man nach seiner okzidentalischen Erziehung oder seinem Temperamente mehr hinneigt zum Christus. Erst dann ist man berufen, die Frage zu entscheiden: Wie verhält sich der Christus zum Orient? -, wenn einem vom persönlichen Standpunkt aus das Christliche so gleichgültig ist wie das Orientalische. Solange man Vorliebe hat für dieses oder jenes, so lange ist man noch nicht berufen, die Entscheidung zu treffen. Objektiv fängt man erst an zu werden, wenn man die Tatsachen allein sprechen läßt, wenn man keinen Grund der eigenen Meinung mehr achtet, sondern nur die Tatsachen sprechen läßt auf diesem Gebiete.
[ 21 ] This summer, we have attempted to understand Eastern wisdom from the perspective of Western thought. We have sought to do justice to Eastern wisdom and have truly presented it in such a way that it has come into its own. It must be strongly emphasized that in our time, with independent intellectual understanding, it is impossible to always decide in favor of a particular preference for the Eastern or Western worldview. Anyone who, depending on their temperament, claims to prefer the uniqueness or the laws of the world as they exist in the Eastern or, correspondingly, in the Western tradition, has not yet fully grasped what is actually at stake. One should not, for example, decide in favor of the greater significance of, say, Christ over all that Eastern teaching recognizes simply because one, due to one’s Western upbringing or temperament, is more inclined toward Christ. Only then is one called upon to decide the question: How does Christ relate to the East?—when, from a personal standpoint, the Christian is as indifferent to one as the Eastern. As long as one has a preference for this or that, one is not yet called upon to make the decision. One begins to become objective only when one lets the facts speak for themselves, when one no longer respects any reason for one’s own opinion, but lets only the facts speak in this realm.
[ 22 ] Daher tritt uns in der anthroposophischen Weltanschauung, wenn sie uns heute in ihrer wahren Gestalt entgegentritt, etwas entgegen, was innig verwoben ist mit der menschlichen Individualität, weil es aus der Ich-Kraft der Individualität heraussprossen muß und auf der andern Seite unabhängig sein muß, so daß diese Individualität wieder ganz gleichgültig ist. Derjenige Mensch, in dem die anthroposophischen Weistümer erscheinen, muß ihnen gegenüber am gleichgültigsten sein; auf den muß es gar nicht ankommen. Darauf kommt es an, daß er sich so weit gebracht hat, daß er gar nichts von seiner Färbung diesen Dingen aufdrängt. Dann werden sie zwar individuell sein müssen, weil nicht im Lichte der Sterne oder des Mondes etwa das Geistige erscheinen kann, sondern nur in der menschlichen Seele, in der Individualität. Dann wird auf der andern Seite diese so weit sein müssen, daß sie selber sich ausschalten kann beim Zustandekommen dessen, was die Weistümer der Welt sind.
[ 22 ] Therefore, when the anthroposophical worldview presents itself to us today in its true form, we encounter something that is intimately interwoven with human individuality, because it must spring from the “I”-power of individuality and, on the other hand, must be independent, so that this individuality is, in turn, completely irrelevant. The person in whom the anthroposophical teachings appear must be the most indifferent to them; it must not depend on him at all. What matters is that he has brought himself to the point where he imposes nothing of his own coloring on these things. Then they will indeed have to be individual, because the spiritual cannot appear in the light of the stars or the moon, for example, but only in the human soul, in individuality. Then, on the other hand, this individuality will have to be at a stage where it can step aside during the coming into being of what the wisdom teachings of the world are.
[ 23 ] So aber auch wird das, was durch die anthroposophische Bewegung an die Menschheit herantritt, auf der einen Seite etwas, was jeden Menschen angeht, gleichgültig aus welcher Rasse, Nation und so weiter er herausgeboren ist, denn es wendet sich nur an die neue Menschlichkeit, an den Menschen als solchen, aber nicht an ein allgemeines Abstraktum «Mensch», sondern an jeden einzelnen Menschen. Darauf kommt es an. Spricht es daher, ebenso wie es hervorgeht aus der Individualität, aus dem Wesenskern des Menschen, zum tiefsten Wesenskern des Menschen, so erfaßt es diesen Kern des Menschen. Wie wir auch sonst reden von Mensch zu Mensch, im Grunde genommen redet immer nur Oberfläche zu Oberfläche, irgend etwas, was wir nicht mit dem innersten Wesenskern verbunden haben. Verstehen von Mensch zu Mensch, vollständiges Verstehen ist ja gerade heute kaum möglich auf einem andern Gebiete als auf demjenigen, wo das, was erzeugt wird, aus dem Zentrum des menschlichen Wesens hervorkommt und, wenn es richtig verstanden wird vom andern, wiederum zu seinem Zentrum spricht. Daher ist es in gewisser Beziehung eine neue Sprache, welche gesprochen wird durch die Anthroposophie. Wenn wir auch heute noch gezwungen sind, in den einzelnen Landessprachen zu verkündigen, was verkündigt wird - der Inhalt ist eine neue Sprache, die gesprochen wird von der Anthroposophie.
[ 23 ] In this way, what the anthroposophical movement offers to humanity becomes, on the one hand, something that concerns every human being, regardless of the race, nation, or other background into which they were born; for it addresses only the new humanity, the human being as such—not a general abstraction called “human,” but each individual human being. That is what matters. If it speaks, just as it springs from the individuality, from the core of the human being, to the deepest core of the human being, then it grasps this core of the human being. However we may otherwise speak from person to person, fundamentally speaking, it is always only surface to surface, something we have not connected to the innermost core of being. Understanding from human to human—complete understanding—is hardly possible today in any other realm than that in which what is produced springs from the center of the human being and, when correctly understood by the other, speaks back to their center. Therefore, in a certain sense, it is a new language that is spoken through anthroposophy. Even though we are still compelled today to proclaim what is proclaimed in the individual national languages—the content is a new language spoken by anthroposophy.
[ 24 ] Was heute draußen in der Welt gesprochen wird, das ist eine Sprache, die eigentlich nur für ein sehr beschränktes Gebiet gilt. In alten Zeiten, als die Menschen durch ihr altes, dämmerhaftes Hellsehen noch in die geistige Welt schauten, da bedeutete ihr Wort etwas, was in der geistigen Welt war. Das Wort bedeutete etwas, was in der geistigen Welt war. Selbst in Griechenland war das noch anders als heute. Das Wort «Idee», von Plato gebraucht, bedeutet etwas anderes als das Wort «Idee» von unseren heutigen Philosophen gebraucht. Diese heutigen Philosophen können nicht mehr Plato begreifen, weil sie keine Anschauung von demjenigen haben, was er Idee nannte, und es so verwechseln mit dem abstrakten Begriffe. Plato hatte noch vor sich das Geistige, wenn auch schon destilliert; es war sozusagen noch etwas völlig Reales. Da also hatte man in den Worten noch, wenn man sich so ausdrücken darf, den Saft des Geistigen vorhanden. Das können Sie in den Worten spüren. Wenn jemand heute das Wort «Wind», «Luft» gebraucht, nun, dann meint er etwas Äußeres, Physisches. Das Wort Wind entspricht da einem Äußeren, Physischen. Wenn man zum Beispiel im alten Hebräischen das Wort Wind «Ruach» gebrauchte, so meinte man nicht bloß etwas Äußeres, Physisches, sondern ein Geistiges, das da hinfegte durch den Raum. Wenn der Mensch einatmet — nun, heute sagt ihm die materialistische Wissenschaft, daß er einfach materielle Luft einatmet. In alten Zeiten, da hat man nicht geglaubt, daß man die materielle Luft einatmet; da war man sich klar, daß man Geistiges, wenigstens Seelisches einatmet.
[ 24 ] What is spoken in the world today is a language that actually applies only to a very limited sphere. In ancient times, when people could still glimpse the spiritual world through their ancient, dim clairvoyance, their words signified something that existed in the spiritual world. The word signified something that existed in the spiritual world. Even in Greece, things were different back then than they are today. The word “idea,” as used by Plato, means something different from the word “idea” as used by our philosophers today. These modern philosophers can no longer comprehend Plato because they have no conception of what he called an “idea,” and thus confuse it with abstract concepts. Plato still had the spiritual before him, albeit already distilled; it was, so to speak, still something entirely real. So back then, the words still contained, if one may put it that way, the essence of the spiritual. You can sense that in the words. When someone today uses the word “wind” or “air,” well, they mean something external, physical. The word “wind” corresponds to something external and physical. When, for example, the word for wind, “Ruach,” was used in ancient Hebrew, it did not merely refer to something external and physical, but to a spiritual force sweeping through space. When a person inhales—well, today materialistic science tells them that they are simply inhaling material air. In ancient times, people did not believe that they were inhaling material air; they were clear that they were inhaling something spiritual, or at least something of the soul.
[ 25 ] So waren die Worte durchaus Bezeichnungen für Geistiges und Seelisches. Heute hat das aufgehört, heute ist die Sprache auf die äußere Welt beschränkt oder wenigstens bemühen sich diejenigen, die heute auf der Höhe der Zeit stehen wollen, recht sehr, selbst hinter dem, bei welchem es noch handgreiflich ist, daß es Geistig-Seelischem entnommen ist, nur noch einen materialistischen Sinn zu sehen. Die Physik spricht ja davon, daß es einen «Stoß» von Körpern gibt. Sie hat vergessen, daß das Wort «Stoß» entnommen ist von dem, was ein lebendiges Wesen, wenn es ein anderes Wesen stößt, aus dem innersten Lebewesen selber vollbringt. So wird vergessen die ursprüngliche Wortbedeutung bei diesen einfachen Dingen.
[ 25 ] Thus, these words were indeed terms for the spiritual and the soul. Today that has ceased; today language is limited to the external world, or at least those who wish to be in step with the times today go to great lengths to see only a materialistic meaning even in what is so obviously derived from the spiritual and the soul. Physics speaks, after all, of a “collision” of bodies. It has forgotten that the word “collision” is derived from what a living being accomplishes from within its very core when it strikes another being. Thus, the original meaning of the word is forgotten even in these simple matters.
[ 26 ] Also heute ist unsere Sprache - und am meisten ist das bei der wissenschaftlichen Sprache der Fall - eine Sprache geworden, die nur noch Materielles auszudrücken vermag. Dadurch ist das, was, während wir sprechen, in unserer Seele ist, nur verständlich denjenigen Fähigkeiten unserer Seele, die an das physische Gehirn als ihr Instrument gebunden sind; und dann versteht die Seele nichts mehr von all dem, was mit diesen Worten bezeichnet ist, wenn sie entkörpert ist. Wenn die Seele durch die Pforte des Todes gegangen ist, sich nicht mehr bedient des Gehirns, dann sind alle wissenschaftlichen Erörterungen von heute Gebilde, die der entkörperten Seele etwas ganz Unverständliches sind. Sie hört nicht einmal, nimmt nicht wahr das, was man in der Sprache der heutigen Zeit ausdrückt. Es hat keinen Sinn mehr für eine entkörperte Seele, weil es nur Sinn hat für dasjenige, was auf dem physischen Plan ist.
[ 26 ] So today our language—and this is especially true of scientific language—has become a language capable of expressing only material things. Consequently, what is in our soul while we speak is comprehensible only to those faculties of our soul that are bound to the physical brain as their instrument; and then, when the soul is disembodied, it no longer understands anything of all that is designated by these words. Once the soul has passed through the gate of death and no longer makes use of the brain, all of today’s scientific discussions become constructs that are completely incomprehensible to the disembodied soul. It does not even hear or perceive what is expressed in the language of our time. It no longer makes sense to a disembodied soul, because it only makes sense for that which is on the physical plane.
[ 27 ] Das ist wiederum etwas, was wichtiger noch ist zu beachten in dem, was man nennen könnte Vorstellungsart, Denkungsweise. Dadrinnen ist es viel wichtiger zu beachten noch als in der Theorie, denn auf das Leben kommt es an, nicht auf die Theorie, und es ist das Charakteristische, daß man wiederum in der theosophischen Bewegung selber es sehen kann, wie der Materialismus sich hineingeschlichen hat. Weil er nun einmal Zeitmode ist, so hat er sich in die theosophische Auffassung vielfach hineingeschlichen, so daß auch da, im Theosophischen selber, wirklicher Materialismus waltet, zum Beispiel wenn man den Äther- oder Lebensleib beschreibt. Während man sich bemühen sollte, zur Erfassung des Geistigen zu kommen, beschreibt man ihn meistens so, als wenn er ein feineres Materielles wäre, und den astralischen Leib ebenso. Man geht gewöhnlich aus vom physischen Leib, geht weiter dann zum Äther- oder Lebensleib und sagt: Der ist nach dem Muster des physischen Leibes aufgebaut, nur feiner -, und schreitet so hinauf bis Nirwana. Da findet man Beschreibungen, die die Bilder hernehmen von nichts anderem als aus dem Physischen. Ich habe schon erlebt, daß man, wenn man ausdrücken wollte, daß in einem Zimmer eine gute Stimmung ist unter den Anwesenden, man dies nicht einfach in geradem Sinn ausgedrückt hat, sondern daß man gesagt hat: Ach, in diesem Raum sind feine Vibrationen vorhanden. — Man achtet dabei gar nicht darauf, daß man das, was da geistig bei einer Stimmung vorhanden ist, vermaterialisiert, wenn man sich den Raum ausgefüllt denkt mit einer Art dünnem Nebel, der von Vibrationen durchzogen ist.
[ 27 ] This, in turn, is something that is even more important to consider in what one might call one’s mindset or way of thinking. It is far more important to take this into account in practice than in theory, for what matters is life, not theory, and it is characteristic that one can see, even within the Theosophical Movement itself, how materialism has crept in. Since it is, after all, a fashion of the times, it has crept into theosophical thought in many ways, so that even there, within theosophy itself, true materialism prevails, for example when describing the etheric or life body. While one should strive to grasp the spiritual, it is usually described as if it were a finer form of matter, and the astral body likewise. One typically starts with the physical body, then moves on to the etheric or life body and says: It is structured after the pattern of the physical body, only finer—and proceeds in this way all the way up to Nirvana. There one finds descriptions that draw their imagery from nothing other than the physical. I have already observed that when one wanted to express that there was a good atmosphere among those present in a room, one did not simply express this in a straightforward sense, but rather said: “Ah, there are subtle vibrations present in this room.” — In doing so, one pays no attention to the fact that one is materializing what is spiritually present in an atmosphere when one imagines the room filled with a kind of thin mist permeated by vibrations.
[ 28 ] Ja, sehen Sie, das ist das, was ich als denkbar materialistischste Vorstellungsart bezeichnen möchte. Es sitzt sozusagen der Materialismus selbst denen, die spirituell denken wollen, im Nacken. Das soll nur eine Charakteristik unserer heutigen Zeit sein; es ist aber wichtig, daß wir uns dessen bewußt werden. Und daher müssen wir auch gerade darauf achten, was gesagt worden ist: daß unsere Sprache, die immerhin eine Art Tyrannin ist für das menschliche Denken, daß unsere Sprache in die Seele einen Hang zum Materialismus verpflanzt. Und manche, die heute ganz gerne Idealisten sein möchten, drücken sich so aus, durch die Sprachtyrannis verführt, ganz im materialistischen Sinne. Das ist eine Sprache, die nicht mehr verstanden werden kann von der Seele, sobald sie sich nicht mehr gebunden fühlt an das menschliche Gehirn.
[ 28 ] Yes, you see, that is what I would call the most materialistic way of thinking imaginable. Materialism itself, so to speak, is breathing down the necks of those who wish to think spiritually. This is merely one characteristic of our present age; yet it is important that we become aware of it. And that is why we must pay particular attention to what has been said: that our language, which is, after all, a kind of tyrant over human thought, implants a tendency toward materialism in the soul. And some who would very much like to be idealists today, seduced by the tyranny of language, express themselves entirely in a materialistic sense. This is a language that can no longer be understood by the soul once it no longer feels bound to the human brain.
[ 29 ] Es gibt sogar noch etwas anderes, Sie mögen es glauben oder nicht. Für denjenigen, der okkultes Anschauen, wirklich geistiges Wahrnehmen kennt, für den bedeutet die Art der Darstellung, wie sie heute vielfach gepflogen wird in theosophisch-wissenschaftlichen Schriften, einen wirklichen Schmerz, weil es ihm unsinnig vorkommt, wenn er anfängt, nicht mehr mit dem physischen Gehirn zu denken, sondern mit der Seele, die nicht mehr gebunden ist an das physische Gehirn, das heißt wirklich in der geistigen Welt lebt. Solange man mit dem physischen Gehirn denkt, so lange mag es hingehen, so die Welt zu charakterisieren. Sobald man aber anfängt, eine spirituelle Anschauung zu entfalten, so hört es auf, einen Sinn zu haben, in dieser Weise über die Dinge zu sprechen. Dann tut es sogar weh, wenn man den Ausspruch hören muß: In diesem Raum sind gute Vibrationen -, statt: Da herrscht eine gute Stimmung. - Das verursacht sogleich bei demjenigen, der imstande ist, wirklich geistig sich die Dinge vorzustellen, einen Schmerz, weil Gedanken Wirklichkeiten sind. Da füllt sich der Raum aus mit einem dunklen Nebel, wenn jemand die Gedankenform hinstellt: Es sind gute Vibrationen im Raum -, statt: Es herrscht eine gute Stimmung.
[ 29 ] There is actually something else, believe it or not. For those who are familiar with occult insight and true spiritual perception, the manner of presentation commonly found today in theosophical and scientific writings is a source of real pain, because it seems nonsensical to them when they begin to think no longer with the physical brain, but with the soul, which is no longer bound to the physical brain, that is, truly lives in the spiritual world. As long as one thinks with the physical brain, it may be acceptable to characterize the world in this way. But as soon as one begins to develop a spiritual perspective, it ceases to make sense to speak of things in this manner. Then it even hurts to hear the statement: “There are good vibrations in this room”—instead of: “There’s a good atmosphere here.” This immediately causes pain in those capable of truly visualizing things spiritually, because thoughts are realities. The room fills with a dark mist when someone puts forth the thought-form: “There are good vibrations in the room”—instead of: “There’s a good atmosphere here.”
[ 30 ] Es ist nun die Aufgabe der anthroposophischen Vorstellungsart — und die Vorstellungsart ist wichtiger als die Theorien -, daß wir lernen eine Sprache zu sprechen, die nun tatsächlich nicht bloß verstanden wird von der menschlichen Seele, solange sie im physischen Leibe ist, sondern auch dann, wenn diese Seele nicht mehr an das Instrument des physischen Gehirns gebunden ist; also entweder von einer zwar noch im Leibe sich befindenden, aber spirituell anschauenden, oder von der durch die Pforte des Todes gegangenen Seele noch erfaßt werden kann. Und das ist das Wesentliche! Wenn wir die Begriffe hinstellen, welche die Welt erklären, die das menschliche Wesen erklären, dann ist das eine Sprache, die nicht bloß hier auf dem physischen Plan verstanden werden kann, sondern auch von denjenigen, die jetzt nicht im physischen Leibe verkörpert sind, sondern zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben. Ja, was auf unserem anthroposophischen Boden gesprochen wird, das hören und verstehen die sogenannten Toten. Da sind sie völlig mit uns auf einem Boden, wo eine gleiche Sprache gesprochen wird. Da reden wir zu allen Menschen. Denn in gewisser Beziehung ist es zufällig, ob eine menschliche Seele gerade in einem fleischlichen Leibe ist oder in dem andern Zustande zwischen Tod und einer neuen Geburt. Und wir lernen durch die Anthroposophie eine Sprache, die für alle Menschenwesen, gleichgültig ob im einen oder im andern Zustand, verständlich ist. So also reden wir innerhalb des anthroposophischen Feldes eine Sprache, die gesprochen ist auch für die sogenannten Toten. Wir berühren nämlich wirklich durch dasjenige, was wir, wenn es auch scheinbar abstrakt ist, im realen Sinne in den anthroposophischen Erörterungen pflegen, den innersten Menschenkern, die innerste Wesenheit des Menschen. Wir dringen hinein bis in des Menschen Seele. Und damit befreien wir den Menschen, weil wir in seine Seele hineindringen, von aller Gruppenseelenhaftigkeit, das heißt, der Mensch wird auf diese Weise immer fähiger und fähiger, sich in seiner Ichheit wirklich zu erfassen.
[ 30 ] It is now the task of the anthroposophical mode of thinking—and this mode of thinking is more important than the theories—that we learn to speak a language that is not merely understood by the human soul while it is still in the physical body, but also when that soul is no longer bound to the instrument of the physical brain; that is, a language that can still be grasped either by a soul that is still in the body but viewing things spiritually, or by a soul that has passed through the gate of death. And that is the essential point! When we set forth the concepts that explain the world, that explain the human being, then this is a language that can be understood not merely here on the physical plane, but also by those who are not currently incarnated in a physical body, but live between death and a new birth. Yes, what is spoken on our anthroposophical ground is heard and understood by the so-called dead. There they are completely on the same ground as us, where the same language is spoken. There we speak to all human beings. For in a certain sense, it is a matter of chance whether a human soul is currently in a physical body or in the other state between death and a new birth. And through anthroposophy we learn a language that is understandable to all human beings, regardless of whether they are in one state or the other. Thus, within the field of anthroposophy, we speak a language that is also spoken to the so-called dead. For through what we cultivate in the anthroposophical discussions—even if it seems abstract—we truly touch the innermost core of the human being, the innermost essence of the human being. We penetrate right into the human soul. And by doing so, we liberate the human being—because we penetrate into their soul—from all group-soul-boundness; that is to say, in this way the human being becomes increasingly capable of truly grasping their own I-ness.
[ 31 ] Und das ist das Eigentümliche, daß diejenigen, die heute zur Anthroposophie herankommen, die wirklich Anthroposophie aufnehmen, sich gegenüber den andern Menschen, die ihr ferne bleiben, so ausnehmen, als würde sich durch die anthroposophischen Gedanken ihr Ich kristallisieren als eine spirituelle Wesenheit, die dann mitgetragen wird hinaus durch die Pforte des Todes. An der Stelle, wo die Ich-Wesenheit ist, die da bleibt, die da jetzt ist im Leibe und die da bleibt nach dem Tode, an Stelle jener Ich-Wesenheit ist bei den andern Menschen ein Hohlraum, ein Nichts. Alles übrige, was man an Begriffen heute aufnehmen kann, das wird immer mehr und mehr gegenstandslos für den eigentlichen seelischen Wesenskern des Menschen. Das Mittelpunktswesen des Menschen wird erfaßt durch dasjenige, was wir an anthroposophischen Gedanken aufnehmen. Das kristallisiert eine spirituelle Substanz im Menschen, das nimmt er mit nach dem Tode und durch das nimmt er wahr in der geistigen Welt. Damit sieht und hört er in der geistigen Welt, damit durchdringt er jene Finsternis, die sonst für den Menschen in der geistigen Welt ist. Und dadurch wird es bewirkt, daß, wenn der Mensch heute durch diese anthroposophischen Begriffe und anthroposophische Vorstellungsart dieses Ich in sich ausbildet, das nun im Zusammenhange steht mit all den Weltweistümern, die wir erhalten können - wenn er es ausbildet -, er es auch hinüberträgt in die nächste Inkarnation. Dann wird er wiedergeboren mit diesem nun ausgebildeten Ich, und er erinnert sich an dieses ausgebildete Ich. Und das ist die tiefere Aufgabe der anthroposophischen Weltbewegung heute: eine Anzahl von Menschen hinüberzuschicken zur nächsten Inkarnation mit einem Ich, an das sie sich erinnern als ihr individuelles Ich. Und das werden diejenigen Menschen sein, die den Kern der nächsten Kulturperiode bilden.
[ 31 ] And this is what is so remarkable: those who come to anthroposophy today, who truly take it to heart, stand out from other people—who remain distant from it—as if, through anthroposophical ideas, their “I” were crystallizing into a spiritual being that is then carried through the gate of death. In the place where the I-being is—the one that remains, that is now in the body and that remains after death—in the place of that I-being, there is a void, a nothingness in other people. Everything else that can be grasped in terms of concepts today becomes increasingly irrelevant to the actual spiritual core of the human being. The central being of the human being is grasped through what we take in of anthroposophical thought. This crystallizes a spiritual substance within the human being; they take this with them after death, and through it they perceive in the spiritual world. With this they see and hear in the spiritual world; with this they penetrate that darkness which otherwise exists for the human being in the spiritual world. And this brings about the fact that when a person today develops this “I” within themselves through these anthroposophical concepts and the anthroposophical way of thinking—which is now connected to all the world wisdom we can receive—if they develop it, they also carry it over into their next incarnation. Then they will be reborn with this now-developed ego, and they will remember this developed ego. And that is the deeper task of the anthroposophical world movement today: to send a number of people into their next incarnation with an ego that they will remember as their individual ego. And those will be the people who form the core of the next cultural epoch.
[ 32 ] Jene Menschen, welche gut vorbereitet worden sind durch die anthroposophische geistige Bewegung, an ihr individuelles Ich sich zu erinnern, die werden über die ganze Erde verbreitet sein. Denn das Wesentliche in der nächsten Kulturperiode wird sein, daß sie nicht abgegrenzt sein wird durch einzelne Lokalitäten, sondern über die ganze Erde verbreitet sein wird. Die einzelnen Menschen werden zerstreut sein über die ganze Erde, und innerhalb des ganzen Erdgebietes wird der Kern von Menschheit da sein, der wesentlich sein wird für die sechste Kulturperiode. Und so wird es unter diesen Menschen sein, daß sie sich wiedererkennen werden als solche, die in ihrer vorhergehenden Inkarnation zusammen erstrebt haben das individuelle Ich.
[ 32 ] Those people who have been well prepared by the anthroposophical spiritual movement to remember their individual I will be scattered across the entire earth. For the essential feature of the next cultural epoch will be that it will not be confined to individual localities, but will be spread across the entire earth. Individuals will be scattered across the entire earth, and within the entire globe will be present the core of humanity that will be essential for the sixth cultural epoch. And so it will be among these people that they will recognize one another as those who, in their previous incarnation, strove together for the individual I.
[ 33 ] Das ist die richtige Pflege jener Seelenfähigkeit, von der wir gesprochen haben. Die Seelenfähigkeit, die bildet sich auch so aus, daß nicht nur diejenigen, die jetzt geschildert worden sind, sich erinnern werden; sondern immer mehr und mehr Menschen werden, trotzdem sie ihr Ich nicht ausgebildet haben, die Erinnerung haben an die vorhergehende Inkarnation. Aber sie werden sich nicht an ein individuelles Ich erinnern, weil sie es nicht ausgebildet haben, sondern an das Gruppen-Ich, in dem sie geblieben sind. So wird es Menschen geben, die in dieser Inkarnation gesorgt haben für die Ausbildung ihres individuellen Ich. Diese werden sich erinnern als selbständige Individualität; sie werden zurückblicken und sagen: Du warst dieser oder jener. —- Diejenigen, welche die Individualität nicht ausgebildet haben, werden sich an diese Individualität auch nicht erinnern können.
[ 33 ] This is the proper cultivation of that soul capacity we have been discussing. This soul capacity develops in such a way that not only those who have been described will remember; rather, more and more people—even though they have not developed their ego—will retain memories of their previous incarnation. But they will not remember an individual ego, because they have not developed it, but rather the group ego in which they have remained. Thus there will be people who, in this incarnation, have worked on the development of their individual ego. These will remember as independent individuals; they will look back and say: You were this one or that one. —- Those who have not developed their individuality will not be able to remember this individuality either.
[ 34 ] Glauben Sie nicht, daß man durch das bloße visionäre Hellsehen etwa die Fähigkeit erlangt, sich an das vorhergehende Ich zu erinnern. Die Menschen waren einmal hellsehend. Würde das bloße Hellsehen genügen, so müßten sich alle erinnern, denn alle waren hellsehend. Nicht das macht es bloß aus, ob man hellsehend ist, hellsehend werden die Menschen schon in der Zukunft. Das macht es aus, ob man das Ich in dieser Inkarnation gepflegt hat oder nicht. Hat man es nicht gepflegt, so ist es als eine innere menschliche Wesenheit nicht da. Man schaut zurück und erinnert sich, als ein Gruppen-Ich, an dasjenige, was man gemeinschaftlich hatte. So daß diese Menschen sagen werden: Ja, da war ich, aber ich habe mich nicht losgemacht. - Das werden diese Menschen dann empfinden als ihren Fall, als einen neuen Fall der Menschheit, als ein Zurückfallen in die bewußte Zusammengehörigkeit mit der Gruppenseele. Und das wird etwas Furchtbares sein für den sechsten Zeitraum: nicht sich als Individualität im Rückblick fühlen zu können, sondern gehemmt zu sein dadurch, daß man nicht hinaus kann über die Gruppenseelenhaftigkeit. Wenn man es kraß ausdrücken will, so kann man sagen: Denjenigen Menschen, die jetzt ihre Individualität kultivieren, denen wird die ganze Erde gehören mit alldem, was sie hervorbringen kann - es gilt wenigstens bildlich -; diejenigen Menschen, die nicht ausprägen ihr individuelles Ich, die werden angewiesen sein, sich anzuschließen an eine gewisse Gruppe und von der sich eingeben zu lassen, wie sie denken, fühlen, wollen, handeln sollen. Das wird als ein Zurückfallen, als ein Fall empfunden werden in der künftigen Menschheit.
[ 34 ] Do not believe that mere clairvoyance alone grants one the ability to remember one’s previous self. People used to be clairvoyant. If mere clairvoyance were enough, everyone would remember, for everyone was clairvoyant. It is not merely a matter of whether one is clairvoyant; people will become clairvoyant in the future. What matters is whether one has cultivated the self in this incarnation or not. If one has not cultivated it, then it is not present as an inner human entity. One looks back and remembers, as a group self, what one shared collectively. So that these people will say: Yes, I was there, but I did not break away. - These people will then perceive this as their situation, as a new phase for humanity, as a relapse into conscious belonging to the group soul. And this will be something terrible for the sixth epoch: not being able to feel oneself as an individual in retrospect, but being hindered by the fact that one cannot transcend the group-soul nature. To put it bluntly, one could say: Those people who are now cultivating their individuality will own the entire Earth with all that it can produce—at least figuratively speaking—; those people who do not develop their individual self will be compelled to join a certain group and allow themselves to be dictated to by it regarding how they should think, feel, will, and act. This will be perceived as a regression, as a fall, in the future of humanity.
[ 35 ] So dürfen wir dasjenige, was anthroposophische Bewegung, geistiges Leben ist, nicht als bloße Theorie betrachten, sondern als etwas, was uns gegeben wird innerhalb der Gegenwart, weil es vorbereitet etwas, was notwendig ist für die Zukunft der Menschheit. Wenn wir uns richtig erfassen in dem Punkt, gerade da, wo wir jetzt sind, aus der Vergangenheit hergekommen sind, und ein wenig hinblicken auf die Zukunft, so müssen wir sagen: Jetzt ist die Zeit da, wo man beginnt, die menschliche Fähigkeit der Rückerinnerung auszubilden. Es kommt nur darauf an, daß wir sie richtig ausbilden, das heißt, daß wir uns anerziehen ein individuelles Ich. Denn nur an dasjenige, was wir geschaffen haben in unserer Seele, an das können wir uns erinnern. Haben wir es nicht geschaffen, dann bleibt uns nur die fesselnde Erinnerung an ein Gruppen-Ich, und dann empfinden wir das als ein Herunterfallen in eine Gruppe sozusagen höherer Tierheit. Wenn auch die menschlichen Gruppenseelen feiner und höher sind als die tierischen, so bleiben sie eben doch Gruppenseelen. Die Menschen der Vorzeit empfanden das nicht als Fall, weil sie daran waren, sich herauszuentwickeln von der Gruppenseelenhaftigkeit zur einzelnen Seele. Wenn sie jetzt beibehalten wird, dann fallen sie bewußt hinein, und das wird die drückende Empfindung in der Zukunft derjenigen sein, die nicht in der richtigen Art den Anschluß finden entweder jetzt oder in einer späteren Inkarnation: daß sie empfinden werden den Fall in der Gruppenseelenhaftigkeit.
[ 35 ] Thus, we must not regard the anthroposophical movement and spiritual life as mere theory, but as something given to us in the present, because it prepares what is necessary for the future of humanity. If we truly grasp our situation—precisely where we are now, having come from the past, and looking a little toward the future—we must say: Now is the time to begin developing the human capacity for recollection. It all depends on our training it correctly, that is, on our cultivating an individual I. For we can only remember what we have created in our soul. If we have not created it, then all that remains is the binding memory of a group I, and we experience this as a descent into a group of, so to speak, higher animality. Even though human group souls are finer and higher than animal ones, they remain, after all, group souls. The people of ancient times did not perceive this as a fall, because they were in the process of developing from group-soul-boundness toward the individual soul. If it is retained now, they will consciously fall into it, and that will be the oppressive feeling in the future of those who do not find the right connection either now or in a later incarnation: that they will feel the fall into group-soul-boundness.
[ 36 ] Das ist die reale Aufgabe der Anthroposophie: den Anschluß zu geben. So müssen wir sie erfassen innerhalb des Menschenlebens. Wenn wir dies ins Auge fassen, daß der sechste Kulturzeitraum gerade die erste Überwindung, völlige Überwindung des Rassenbegriffes ist, so müssen wir uns klar sein, daß es phantastisch wäre zu glauben, daß auch die sechste Rasse von irgendeinem Ort der Erde ausginge und sich so bildete wie die früheren Rassen. Das ist der Fortschritt, daß immer neue Arten der Lebensentwickelung auftreten innerhalb des Fortganges, daß nicht dasjenige, was an Begriffen für frühere Zeiten gegolten hat, auch für künftige gelten soll. Sonst - wenn wir das nicht einsehen, wird uns nicht die Idee des Fortschrittes ganz klarwerden. Wir werden sozusagen sonst immer wiederum in den Fehler zurückfallen, daß wir sagen: So und so viele Runden, Globen, Rassen und so weiter. Und immer kugelt das herum und wieder herum und immer in derselben Weise. - Man kann nicht einsehen, warum dieses Rad von Runden, Globen, Rassen sich immer wieder drehen soll. Darum handelt es sich, daß das Wort Rasse eine Bezeichnung ist, die nur für gewisse Zeiten gilt. Um den sechsten Zeitraum herum hat der Begriff kaum mehr einen Sinn. Rasse hatten nur noch in sich die Elemente, die von der atlantischen Zeit geblieben sind.
[ 36 ] This is the true task of anthroposophy: to provide the connection. We must therefore understand it within the context of human life. If we consider that the sixth cultural epoch is precisely the first overcoming—the complete overcoming—of the concept of race, then we must realize that it would be fanciful to believe that the sixth race, too, originated from some place on earth and formed itself in the same way as the earlier races. This is the essence of progress: that ever-new forms of life development emerge within the course of history, and that the concepts valid for earlier times are not necessarily valid for future ones. Otherwise—if we fail to recognize this—the idea of progress will not become fully clear to us. Otherwise, we will, so to speak, always fall back into the error of saying: so many cycles, globes, races, and so on. And it always goes round and round again, and always in the same way. - One cannot understand why this wheel of cycles, globes, and races should keep turning over and over again. The point is that the word “race” is a designation that applies only to certain periods. Around the sixth period, the concept hardly makes sense anymore. Races contained within them only the elements that remained from the Atlantean period.
[ 37 ] In der Zukunft wird dasjenige, was zum Tiefsten der menschlichen Seele spricht, sich auch immer mehr und mehr in dem Äußeren des Menschen ausdrücken, und es wird dasjenige, was der Mensch als ein auf der einen Seite ganz Individuelles erworben hat und doch wiederum unindividuell erlebt, dadurch ausdrücken, daß es hinauswirkt bis zum menschlichen Antlitz; so daß die Individualität des Menschen ihm auf seinem Antlitz geschrieben sein wird, nicht die Gruppenseelenhaftigkeit. Das wird die menschliche Mannigfaltigkeit ausmachen. Alles wird individuell erworben, trotzdem es durch die Überwindung der Individualität da ist. Und wir werden nicht Gruppen treffen unter denen, die erfaßt sind vom Ich, sondern im Äußeren wird sich das Individuelle ausdrücken. Das wird auch den Unterschied bilden zwischen den Menschen. Da werden solche sein, die sich ihre Ichheit erworben haben; sie werden über die ganze Erde hin zwar mit den mannigfaltigsten Antlitzen da sein, aber an ihrer Mannigfaltigkeit wird man erkennen, daß bis in die Geste hinein zum Ausdruck sich bringt das individuelle Ich. Während bei denen, die die Individualität nicht ausgebildet haben, die Gruppenseelenhaftigkeit dadurch zum Ausdruck kommen wird, daß sie auch in ihrem Antlitz die Gruppenseelenhaftigkeit tragen werden; das heißt, sie werden in Kategorien zerfallen, die einander gleichen werden. Das wird die äußere Physiognomie unserer Erde sein: daß vorbereitet sein wird eine Möglichkeit, die Individualität als äußeres Zeichen an sich zu tragen und die Gruppenseelenhaftigkeit als äußeres Zeichen an sich zu tragen.
[ 37 ] In the future, that which speaks to the deepest depths of the human soul will also find expression more and more in the human exterior, and it will express that which the human being has acquired as something entirely individual on the one hand, yet experiences as non-individual on the other, by extending outward to the human face; so that the individuality of the human being will be written on his face, not the group-soul character. This will constitute human diversity. Everything will be individually acquired, even though it exists through the overcoming of individuality. And we will not encounter groups among those who are grasped by the I, but the individual will express itself outwardly. This will also form the difference between human beings. There will be those who have acquired their sense of self; they will be present across the entire earth with the most diverse faces, but in their diversity one will recognize that the individual self is expressed right down to their gestures. Whereas in those who have not developed individuality, the group-soul nature will be expressed in that they will also bear the group-soul nature in their features; that is, they will fall into categories that will resemble one another. This will be the outer physiognomy of our Earth: that a possibility will be prepared to bear individuality as an outward sign and to bear group-soul character as an outward sign.
[ 38 ] Das ist der Sinn der irdischen Entwickelung, daß der Mensch immer mehr und mehr die Fähigkeit erlangt, in seinem Äußeren das Innere darzustellen. Deshalb gibt es eine alte Schrift, in welcher das größte Ideal für die Entwickelung des Ich, der Christus Jesus, so charakterisiert wird, daß gesagt wird: Wenn die zwei eins werden, wenn das Äußere wie das Innere wird, dann hat der Mensch die Christushaftigkeit in sich erreicht. Das ist der Sinn einer gewissen Stelle des sogenannten Ägypter-Evangeliums. Solche Stellen begreift man aus der anthroposophischen Weisheit heraus.
[ 38 ] The purpose of earthly evolution is for human beings to increasingly acquire the ability to express their inner selves in their outer appearance. That is why there is an ancient text in which the greatest ideal for the development of the I, Christ Jesus, is characterized as follows: When the two become one, when the outer becomes like the inner, then the human being has attained Christ-likeness within. This is the meaning of a certain passage in the so-called Egyptian Gospel. Such passages are understood from the perspective of anthroposophical wisdom.
[ 39 ] Nachdem wir heute versucht haben, aus den Tiefen unserer Erkenntnis heraus die Aufgabe der Anthroposophie zu erfassen, wollen wir nun Dienstag etwas als ein spirituelles Problem in Angriff nehmen, das uns wiederum, als eine besondere individuelle Angelegenheit des Menschen, auf sein Schicksal, auf sein Wesen führen kann.
[ 39 ] Now that we have attempted today to grasp the task of anthroposophy from the depths of our understanding, let us now, on Tuesday, tackle a spiritual problem that can, in turn, lead us—as a particularly individual human concern—to our destiny and our very being.
