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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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The Deeper Mysteries of Human Development
in the Light of the Gospels
GA 117

26 December 1909, Berlin

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12. Weihnachtsstimmung

12. Christmas Spirit

[ 1 ] Wir haben versucht, in den Tagen vor Weihnachten uns zu jener Stimmung zu erheben, die auch im anthroposophischen Sinne die rechte Weihnachtsstimmung genannt werden kann. Wir versuchten uns damals vor die Seele zu rufen, daß es eine Auslegung des Weihnachtsfestes gibt, die in gewisser Weise die Weihnachtsstimmung anwendbar macht auf alles dasjenige, was Wichtiges im Jahreserlebnis des Menschen vorgeht. Für den Erkenntnissuchenden, insbesondere in unserer Gegenwart, muß es zu den wichtigsten Stimmungen gehören, der Geist-Erkenntnis selber gegenüber sozusagen Weihnacht feiern zu können. Und der Geist-Erkenntnis gegenüber Weihnacht feiern, was könnte es denn anderes heißen, als sich einmal so recht innig, inbrünstig in die Seele rufen, wie wir das Jahr über versuchen, unsere spirituelle Pflicht gegenüber der heutigen Menschheitsentwickelung dadurch zu erfüllen, daß wir verstehen die Aufgabe der Menschheit in unserer Zeit, daß wir unsere Seelen immer reicher und reicher an Inhalt machen, der dem Erlebnis der geistigen Welt entnommen ist, um so zu denjenigen Menschen gehören zu können, gehören zu dürfen, welche die notwendige geistige Arbeit in der nächsten Menschheitsepoche werden zu leisten haben.

[ 1 ] In the days leading up to Christmas, we tried to raise ourselves to that state of mind which, in the anthroposophical sense, can be called the true Christmas spirit. At that time, we tried to bring to mind the fact that there is an interpretation of the Christmas festival which, in a certain way, makes the Christmas spirit applicable to everything of significance that takes place in the course of a person’s year. For those seeking knowledge, especially in our present time, one of the most important moods must be that of being able to celebrate Christmas, so to speak, in relation to spiritual knowledge itself. And to celebrate Christmas in relation to spiritual knowledge—what else could this mean but to call upon our souls once and for all, so deeply and fervently, as we strive throughout the year fulfill our spiritual duty toward the current development of humanity by understanding the task of humanity in our time, by enriching our souls ever more deeply with content drawn from the experience of the spiritual world, so that we may belong—and be permitted to belong—to those who will have to perform the necessary spiritual work in the next epoch of humanity.

[ 2 ] So suchen wir denn in unsere Seelen zu senken das ganze Jahr hindurch geisteswissenschaftlichen Gehalt, versuchen einzudringen in die anthroposophische Weisheit. Und wenn dann das Jahr jenem Ende zuneigt, das sich schon äußerlich als ein wichtiges dadurch symbolisiert, daß außen um uns herum durch die geringe Kraft der Sonnenstrahlen ein Übermaß an Finsternis herrscht, dann versuchen wir in dieser Festeszeit zu verstehen, wie wir in bezug auf dieses anthroposophische Jahr unsere Weihnachten feiern können. Versuchen wir uns ja doch immer aufs neue klarzumachen, daß durchdrungen und durchleuchtet sein muß die ganze anthroposophische Wahrheit von jenem mächtigen Impuls, den wir den Christus-Impuls nennen!

[ 2 ] Thus, throughout the year, we seek to absorb spiritual-scientific insights into our souls and strive to penetrate anthroposophical wisdom. And when the year draws toward that end which is already symbolized outwardly as significant by the fact that, all around us, an excess of darkness prevails due to the waning strength of the sun’s rays, then we try, during this festive season, to understand how we can celebrate our Christmas in relation to this anthroposophical year. Let us indeed strive anew to realize that the entire anthroposophical truth must be permeated and illuminated by that powerful impulse we call the Christ impulse!

[ 3 ] Versuchen wir so uns die anthroposophischen Wahrheiten in das Herz einzuschreiben, in die Seele einzuschreiben wie die Botschaft des Christus selber, so dürfen wir wohl sagen, zur Weihnachtszeit sollen wir Anthroposophen Weihnachtsstimmung dadurch entwickeln, daß wir das, was wir das ganze Jahr hindurch in uns aufnehmen, in unserer Seele selber von tieferen Gefühlen durchleuchtet sein lassen so, daß es ganz Kraft wird, und daß wir fühlen können: wir wissen nicht nur etwas von der anthroposophischen Weisheit, sondern sie dringt in unsere Seele, in unser Herz, so daß sie eine lichtdurchdrungene Wärmekraft ist, die uns befähigt, auf allen Gebieten des Lebens, wo immer wir stehen mögen, in dem kommenden Jahr unsere Pflicht zu erfüllen, unsere Arbeit zu verrichten. Wenn wir also versuchen, die heiligen Wahrheiten vom Geiste zu verwandeln in heilige Gefühle, in heilige Kraft in unserer Seele, dann wird in uns auf einer höheren Stufe dasjenige geboren, was wir zunächst mit den Kräften dieser irdischen Welt in uns aufnehmen. Deshalb dürfen wir ja auch wohl um die Weihnachtszeit immer mehr und mehr derjenigen Gelegenheiten gedenken, durch welche dieser oder jener unserer ganzen Menschheit sich hinaufzuerheben versuchte in jene Regionen der Spiritualität, wo der Christus selber zu finden ist. In die Region dieser Gefühle hatte uns bereits zu Weihnachten geleitet unser echt deutschchristlicher Dichter Novalis. Und auch heute darf wohl ein wenig jene Weihnachtsstimmung, wie sie eben angedeutet worden ist — das SichDurchwärmen an jenen Wärmestrahlen -, ausgehen von einem wirklich theosophischen Dichter, wie Novalis es war. Kommen wir auf Novalis, da, wo er seine schönsten Weistümer herrlich poetisch uns gibt, da können wir vielleicht am wärmsten fühlen, wie wir aus der Geist-Erkenntnis die Möglichkeit gewinnen sollen, das Leben mit einem neuen Glanze zu erfüllen.

[ 3 ] If we try to inscribe the anthroposophical truths into our hearts and souls in this way—just as we would the message of Christ himself—then we may well say that, during the Christmas season, we anthroposophists should cultivate a Christmas spirit by allowing what we have taken in throughout the year to be illuminated within our own souls by deeper feelings, so that it becomes a source of strength, and so that we can feel: we do not merely know something of anthroposophical wisdom, but it penetrates our soul, our heart, so that it becomes a light-filled, warming force that enables us, in all areas of life, wherever we may be, to fulfill our duty and carry out our work in the coming year. So when we try to transform the sacred truths of the Spirit into sacred feelings, into sacred power within our soul, then what we initially take in through the forces of this earthly world is reborn within us on a higher level. That is why, especially around Christmas time, we may well increasingly commemorate those occasions through which this or that individual among all of humanity sought to rise up into those regions of spirituality where Christ himself is to be found. Our genuine German-Christian poet Novalis had already led us into the realm of these feelings at Christmas. And even today, a little of that Christmas spirit, as it has just been described—the warming oneself in those rays of warmth—may well emanate from a truly theosophical poet, such as Novalis was. Let us turn to Novalis; there, where he presents his most beautiful insights to us in a wonderfully poetic way, we may perhaps feel most deeply how we are to gain from spiritual knowledge the ability to fill life with a new radiance.

[ 4 ] Draußen braust das Leben an uns vorbei, und unsere eigene Arbeit verbindet sich mit dem heutigen Gebrause des Lebens. Wenn wir innerhalb der Anthroposophie die Möglichkeit gewinnen, Weisheit aus der spirituellen Welt herunterzuholen, so werden wir überall, so prosaisch auch die Gelegenheiten zu sein scheinen, mit dem Golde der anthroposophischen Weisheit das Leben vergolden. Das müssen wir lernen. Dann werden wir schon sehen, wie wir das Leben mit einem neuen Glanze erfüllen, wenn wir jedes Jahr einmal anthroposophische Weihnachtsstimmung in unsere Seele einziehen lassen, wenn wir die Anthroposophie sozusagen als Gefühl und Empfindung zur Weihnachtszeit wiedergeboren werden lassen in uns selbst. Wir werden dann fühlen, wie unmöglich es ist, wenn wir drinnenbleiben wollen in der gewöhnlichen Welt, zu der Spiritualität sich auch nur einigermaßen ahnend hinaufzuerheben. Oh, es gibt der Anlässe viele, die den heutigen Menschen hindern, die Flügel zu entfalten, um hinaufzukommen in die geistige Welt! Symbolisch kann es uns gleichsam sein, was ich Ihnen kurz erzählen will.

[ 4 ] Outside, life rushes past us, and our own work becomes intertwined with the hustle and bustle of life today. If, within anthroposophy, we gain the ability to draw wisdom down from the spiritual world, then everywhere—no matter how mundane the circumstances may seem—we will gild life with the gold of anthroposophical wisdom. That is what we must learn. Then we will see how we can fill life with a new radiance when, once a year, we allow the anthroposophical Christmas spirit to enter our souls, when we allow anthroposophy, so to speak, to be reborn within us as a feeling and a sensation during the Christmas season. We will then feel how impossible it is, if we wish to remain within the ordinary world, to rise even to the slightest degree toward spirituality. Oh, there are many reasons that prevent people today from spreading their wings to ascend into the spiritual world! What I am about to briefly tell you may serve as a symbol for us.

[ 5 ] Es kann gar mancher von uns an die Geisteswissenschaft herankommen, kann sagen: Ach, das alles, was mir die Geisteswissenschaft bietet, wäre schön, wäre herrlich, das alles macht mein Herz warm, meine Seele liebevoll; aber - ich kann es nicht glauben! Alles, was ich in der äußeren Welt gelernt habe, die Vorurteile, die ich mir angeeignet habe, das hält mich fest, das sagt mir: Dies ist ja doch nur Träumerei, dies ist ja doch nicht auf einen vollen sicheren Grund gebaut! So steht gar mancher im bitteren Zweifel drinnen. Würde er sich herausheben können aus den Vorurteilen der gegenwärtig ihn arg bedrängenden äußeren Welt, würde er frei empfinden können im reinen Äther des Geistes, er würde sehen, daß er die Kraft des Geistigen empfindet, und er würde sie auch heruntertragen in die Arbeit seiner Hände im alltäglichen Leben. Symbolisch für diese Empfindung, die so hindert den Alltagsmenschen, der hineingestellt ist in die Gegenwart, frei und ungehemmt zu empfinden, was die Geisteswissenschaft geben kann für Herz und Seele, symbolisch dafür kann ein kleines Ereignis sein.

[ 5 ] Many of us may approach spiritual science and say: Oh, everything that spiritual science offers me would be wonderful, it would be glorious; it warms my heart and fills my soul with love; but—I cannot believe it! Everything I have learned in the outer world, the prejudices I have acquired—these hold me fast, telling me: This is just a fantasy after all; this is not built on a solid, secure foundation! Thus, many a person stands in the midst of bitter doubt. If they could rise above the prejudices of the external world that is currently pressing down on them so heavily, if they could feel freely in the pure ether of the spirit, they would see that they sense the power of the spiritual, and they would also carry it down into the work of their hands in everyday life. Symbolic of this feeling, which so hinders the everyday person, who is situated in the present, from perceiving freely and uninhibitedly what spiritual science can offer to heart and soul—symbolic of this can be a small event.

[ 6 ] Da war ein Mann des 18., 19. Jahrhunderts, der deutsche Adlige Hardenberg. Er hatte einen Sohn, von dem wir gestehen durften im engeren Arbeitskreise, daß er Dichtungen und Weistümer gegeben hat aus einer Seele heraus, welche die Wiederverkörperung war von bedeutsamen, mächtigen Persönlichkeiten, die Wichtiges geleistet hatten für die Erde. Aber stehend unter der Einwirkung der äußeren Welt auf den Menschen, wie sollte denn der Vater diese Seele in diesem Sohne erkennen? Wie sollte er denn ahnen den Geist, der sich losringen konnte aus der Seele dieses Sohnes? Ebensowenig hat er es gekonnt, aus den Vorurteilen der materiellen Welt, des Zusammenlebens mit der physischen Wirklichkeit sich frei zu machen, wie heute viele Menschen wenig rein empfinden können, aus den Vorurteilen unserer Welt heraus, die zwingende Kraft der spirituellen Weisheit der Anthroposophie.

[ 6 ] There was a man from the 18th and 19th centuries, the German nobleman Hardenberg. He had a son about whom we were able to acknowledge, within our close circle of colleagues, that he produced poetry and words of wisdom from a soul that was the reincarnation of significant, powerful personalities who had accomplished great things for the Earth. But given the influence of the external world on human beings, how could the father possibly recognize this soul in his son? How could he have sensed the spirit that was able to break free from the soul of this son? Just as he was unable to free himself from the prejudices of the material world and life within physical reality, so too are many people today unable to perceive, with any degree of purity, the compelling power of the spiritual wisdom of anthroposophy, amidst the prejudices of our world.

[ 7 ] Der alte Hardenberg hatte sich von der ganz rauhen Seite seines Unverstandes gegenüber seinem Sohn sozusagen losgerungen gehabt. Aus dem vollen materiellen Leben hat er sich hinaufgeschwungen, um in seiner Herrnhuter-Gemeinde dennoch einiges zu empfinden von einem tief religiösen Geiste, man könnte etwa sagen von dem Erkennen des Weltengeistes noch in der alten Weise. Dazu aber hatte er es nicht gebracht, die Kraft und Gewalt der Weistümer zu empfinden, die aus der Seele seines Sohnes kamen. Dazu bedurfte es schon der durch lange Zeiten hindurch festgelegten autoritativen Empfindungen, die man innerhalb einer solchen Gemeinde suggestiv fühlen kann, daß er ergriffen wurde in seiner tiefsten Seele von jenem wirklichen christlichen Geist, der nur verstanden werden kann, wenn er vom Hauch der Geist-Erkenntnis durchweht ist.

[ 7 ] Old Hardenberg had, so to speak, wrested himself free from the harshest aspects of his own lack of understanding toward his son. Rising above his life of material abundance, he managed, within his Herrnhut congregation, to experience something of a deeply religious spirit—one might say, a recognition of the World Spirit in the old way. But he had not managed to feel the power and force of the wisdom that came from his son’s soul. For that, it required the authoritative sentiments established over long periods of time, which one can intuitively sense within such a congregation, so that he was moved in the depths of his soul by that true Christian spirit, which can only be understood when it is permeated by the breath of spiritual insight.

[ 8 ] Der alte Hardenberg fühlte einmal merkwürdig jenen Hauch des Geistes, des christlichen Geistes, als er in seiner Herrnhuter-Gemeinde mit den andern Persönlichkeiten beisammen war und als man ein gemeinschaftliches Lied anstimmte. Durch dieses Lied, dessen Ursprung er nicht kannte, wehte ihn an ein Ewigkeitshauch, und er war tief ergriffen von jenem Lied, das da begann:

[ 8 ] Old Hardenberg once felt, in a remarkable way, that breath of the Spirit—the Christian Spirit—when he was gathered with other leaders in his Herrnhut congregation and they began to sing a hymn together. Through this song, whose origin he did not know, a breath of eternity swept over him, and he was deeply moved by that song, which began:

Was wär ich ohne dich gewesen?
Was würd ich ohne dich nicht sein?

What would I have been without you?
What wouldn't I be without you?

[ 9 ] Etwas fühlte er, was er bisher nicht hatte fühlen können. Und die Feier war zu Ende. Der alte Hardenberg ging hinaus und fragte einige, die Mitteilnehmer waren: Von wem ist denn dieses herrliche Gedicht? — Das ist ja von Ihrem Sohn! — Losgelöst von allem Zusammenhang mit dem Physischen, nicht beirrt durch die Vorurteile des physischen Planes, hatte der alte Hardenberg die zwingende Gewalt des spirituellen Lebens gefühlt. Der Sohn aber war seit einigen Monaten bereits in bezug auf seinen physischen Leib unter der Erde! Denn dieses Erlebnis hatte der alte Hardenberg erst einige Monate nach Novalis’ Tode. Als der alte Hardenberg so imstande war, durch die Umstände für eine kurze Zeit abzustreifen von dem physischen Plan alle die Vorurteile, die sich da ergeben, da wurde er hinaufgetragen in die spirituellen Höhen, wo er ihre zwingende Gewalt fühlte, die zwingende Macht der spirituellen Höhen, welche wir fühlen sollen unbekümmert um alle Vorurteile der materiellen Welt. Lassen wir sie unten, die materialistischen Vorurteile der Gegenwart! Fühlen wir das Zwingende des spirituellen Lebens und lassen wir uns aus demselben Kraft und Wärme in unser Herz fließen! Tun wir das zur rechten Zeit, dann werden wir unsere Pflichten in bezug auf die Menschheit der Gegenwart erfüllen.

[ 9 ] He felt something he had never felt before. And the celebration came to an end. Old Hardenberg went outside and asked some of the attendees: “Who wrote this wonderful poem?” — It’s by your son! — Detached from all connection with the physical, unclouded by the prejudices of the physical plane, old Hardenberg had felt the compelling power of spiritual life. But his son had already been six feet under for several months! For old Hardenberg had this experience only a few months after Novalis’s death. When old Hardenberg was thus able, through the circumstances, to shed for a brief time all the prejudices that arise on the physical plane, he was carried up into the spiritual heights, where he felt their compelling power—the compelling power of the spiritual heights, which we are meant to feel, untroubled by all the prejudices of the material world. Let us leave them below, the materialistic prejudices of the present! Let us feel the compelling force of spiritual life and allow its strength and warmth to flow into our hearts! If we do this at the right time, then we will fulfill our duties toward the humanity of the present.

[ 10 ] Mit diesem Symbolum, das entnommen ist einem wirklichen Erlebnis des Vaters des Novalis, wollte ich Sie hinführen zu der Stimmung, zu der wir uns jetzt erheben wollen durch jene zwingende Gewalt, die in des Novalis Liedern liegt.

[ 10 ] With this symbol, taken from a real experience of Novalis’s father, I wanted to lead you to the mood we now wish to evoke through the compelling power inherent in Novalis’s songs.

[ 11 ] Hier trug Marie von Sivers (Marie Steiner) neun «Geistliche Lieder» des Novalis vor.

[ 11 ] Here, Marie von Sivers (Marie Steiner) performed nine of Novalis’s “Spiritual Songs.”

[ 12 ] Es ist vielleicht am leichtesten möglich, gerade innerhalb dieser Festeszeit auch so recht zu fühlen und zu empfinden, nicht nur zu verstehen und zu wissen, dasjenige, was wir so manche Stunde hindurch im Anschluß an unsere Evangelien betrachtet haben. Und der Betrachtung dieser Evangelien war ja ein großer Teil der Zeit gewidmet, die wir für solche Betrachtungen im verflossenen Jahre zur Verfügung hatten. So sei denn heute in dieser kurzen Betrachtung, die sich an unsere Weihnachtsfeier noch anschließen soll, auch mehr hingedeutet auf wichtige Folgerungen, die sich ergeben aus unserer Evangelienbetrachtung: die Zusammenhänge mit jenem Ereignis, das uns insbesondere zur Weihnachtszeit so lebendig vor Augen stehen soll - die Zusammenhänge mit dem Christus-Ereignis.

[ 12 ] It is perhaps easiest, especially during this festive season, to truly feel and experience—not merely to understand and know—what we have been contemplating for many hours now in our study of the Gospels. And indeed, a large part of the time we had available for such reflections over the past year was devoted to the study of these Gospels. So let us, in this brief reflection today, which is to follow our Christmas celebration, also focus more on the important conclusions that arise from our examination of the Gospels: the connections with that event which should be so vividly before our eyes, especially during the Christmas season—the connections with the Christ event.

[ 13 ] Wir können an dem Christus-Ereignis nach mancherlei Richtungen die Bedeutung und Gewalt der anthroposophischen Weltanschauung für die Gegenwart und für die Menschheitszukunft ermessen. Wenn wir gegenüber dem Christus-Ereignis eine solche tiefe Empfindung in unserer Seele wirken lassen, wie diejenige des Novalis war, werden wir ja immer aufs neue aufgefordert, uns zu fragen: Wie können wir immer mehr und mehr die Wahrheit dessen empfinden, was als ein gewaltiger Impuls eingezogen ist in die Menschheit, als in Palästina der Christus Jesus geboren worden ist? — Und wir dürfen in unserer Gegenwart gerade die Anthroposophie mit diesem Christus-Ereignis in einen innigen Zusammenhang bringen. Konnten wir doch zeigen, wie die verschiedenen Strömungen des menschlichen Geisteslebens der vorchristlichen Zeit zusammenfließen in dem Ereignis von Palästina. Wir konnten darauf hinweisen, wie dieses Ereignis von Palästina heute von einer großen Anzahl von Menschen höchstens geahnt wird, und wie es nach und nach erst, wenn sich die Menschen in spiritueller Hinsicht vertiefen werden, in seiner ganzen Gewalt und Bedeutung in ferner Zukunft wird begriffen werden können. Denn welche Weisheit man auch wird aufbringen im Laufe der Erdentwickelung: die schönste Vertiefung wird diese Weisheit einmal finden können dadurch, daß sie sich zum Instrument machen wird, um zu begreifen, was der Christus-Impuls eigentlich ist.

[ 13 ] Through the Christ event, we can gauge in many ways the significance and power of the anthroposophical worldview for the present and for the future of humanity. If we allow such a deep feeling to take hold in our souls in response to the Christ event—a feeling like that of Novalis—we are constantly called upon to ask ourselves: How can we increasingly perceive the truth of what entered humanity as a powerful impulse when Christ Jesus was born in Palestine? — And in our present time, we may bring anthroposophy into a close connection with this Christ event. For we have been able to show how the various currents of human spiritual life in pre-Christian times converge in the event in Palestine. We were able to point out how this event in Palestine is today at most sensed by a large number of people, and how it will only gradually, as people deepen their spiritual understanding, be comprehended in all its power and significance in the distant future. For whatever wisdom may be developed in the course of Earth’s evolution, this wisdom will one day find its deepest fulfillment by making itself an instrument for understanding what the Christ impulse actually is.

[ 14 ] Heute stehen wir schon in einer gewissen Beziehung vor der unmittelbaren Notwendigkeit, aus den spirituellen Erlebnissen heraus auf dieses Christus-Ereignis hinzuweisen. Die Menschheit hat zur Zeit, als der Christus in Leibesggstalt auf der Erde wandelte, den großen, gewaltigen Impuls bekommen, hinaufzusteigen wiederum in die geistige Welt. Aber dieser Impuls wirkt doch, noch bis in unsere Zeit hinein, sozusagen als ein Impuls, der gerade nur die geeigneten Seelen in seiner wahren Gestalt ergriffen hat. Dagegen die Menschheit als solche setzte zunächst, wie um das Maß dessen, was überwunden werden soll, voll zu machen, den Weg fort, herunter immer tiefer und tiefer in das materielle Dasein. Es ist ja des Menschen Dasein ein Heruntersteigen in die Materie. Immer tiefer und tiefer stieg der Mensch auch in den nachatlantischen Zeiten in die Materie herunter. Das Christus-Ereignis bedeutet den Kraftimpuls, wiederum hinaufzusteigen. Aber dieser Kraftimpuls ist nur zum geringsten Teil irgendwie erfüllt. Dagegen ist das Heruntersteigen in die Materie auch in der nachchristlichen Zeit immer kräftiger und kräftiger zum irdischen Ereignis geworden, so daß durch das Heruntersteigen in die Materie auch das ganze Denken, Fühlen und Empfinden der Menschen angegriffen worden ist.

[ 14 ] Today, in a certain sense, we are faced with the immediate need to point to this Christ event through our spiritual experiences. At the time when Christ walked the earth in physical form, humanity received the great, powerful impulse to ascend once more into the spiritual world. But this impulse continues to work, even into our own time, as it were, as an impulse that has grasped only the suitable souls in its true form. In contrast, humanity as a whole initially continued on its path, descending ever deeper and deeper into material existence, as if to complete the measure of what was to be overcome. For human existence is indeed a descent into matter. Even in the post-Atlantean epochs, humanity descended ever deeper and deeper into matter. The Christ event signifies the impulse of power to ascend once more. But this impulse of power has been fulfilled only to a very small degree. In contrast, the descent into matter has become an ever more powerful earthly reality even in the post-Christian era, so that through this descent into matter, the entire thinking, feeling, and sensibility of human beings has been affected.

[ 15 ] Wir stehen heute bereits vor einem Zeitalter, leben in einem Zeitalter, in welchem die materialistische Forschung in die Auffassung des Christus-Ereignisses eingedrungen ist. Und in ernster Stunde geziemt es sich wohl, auf ernste Dinge hinzuweisen, wie das eines ist, daß in unserer Zeit die materialistische Forschung selbst das spirituellste Ereignis ergriffen hat, das über unsere Erde hingezogen ist. Sehen wir doch, wie heute materialistische Theologen nach der sogenannten «historischen Forschung» sagen, daß es unmöglich einen Beweis für einen äußerlichen historischen Christus geben kann! Und Theologen sind es heute bereits, welche sagen: Historische Forschung zwingt selbst zuzugeben, daß geschichtlich sich nicht nachweisen läßt, daß am Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina derjenige gelebt hat, von dem so gewaltige Worte uns in den Evangelien verkündet werden, von dem so gewaltige Impulse in das menschliche Geistesleben sich hineinergossen zu haben scheinen!

[ 15 ] We are already facing an age today, living in an age in which materialistic research has penetrated our understanding of the Christ event. And in this grave hour, it is fitting to point out serious matters, such as the fact that in our time, materialistic research has even taken hold of the most spiritual event that has ever unfolded on our earth. Let us consider how materialistic theologians today, following so-called “historical research,” claim that there can be no proof of an external, historical Christ! And there are already theologians today who say: Historical research itself compels us to admit that it cannot be historically proven that, at the beginning of our era, the one lived in Palestine of whom such powerful words are proclaimed to us in the Gospels, and from whom such powerful impulses seem to have poured into human spiritual life!

[ 16 ] So scheint heute «Wissenschaft» sich berufen zu fühlen, aus ihren Methoden heraus den historischen Christus hinwegzuwischen aus der Welt. Deshalb darf man sich erinnern, daß Geisteswissenschaft heute gerade beginnt, berufen zu werden, diesen historischen Christus Jesus aus ihren Elementen heraus zu beweisen. Es hängt der Glaube der Menschen nicht ab von den inneren Wahrheiten eines Wissenszweiges. Beweise über Beweise könnte es geben für das Fadenscheinige eines Wissenszweiges. Die Menschen können leben und gar nicht bemerken, daß es solche Beweise gibt. So werden auch in der Zukunft - und die Zeit wird noch lange dauern, wo das der Fall ist - immer mehr und mehr Menschen auf einem Gebiete dem materialistischen Denken entgegengehen und immer mehr und mehr ergriffen werden von dem Glauben, daß die sichere Historische Methode gezwungen ist, abzuleugnen die Gewißheit eines historischen Christus Jesus. Wegzuwischen scheint Wissenschaft dasjenige, wofür wir, wie wir betont haben, ein neues Symbolum im Glanze goldiger Weisheit zu gewinnen hoffen.

[ 16 ] Today, “science” seems to feel called upon to use its methods to erase the historical Christ from the world. That is why we must remember that spiritual science is just now beginning to be called upon to prove the existence of this historical Christ Jesus through its own principles. People’s faith does not depend on the inner truths of a branch of knowledge. There could be proof upon proof of the flimsiness of a branch of knowledge. People can live their lives without even noticing that such evidence exists. Thus, in the future as well—and the time will last a long while yet when this is the case—more and more people in a given field will turn toward materialistic thinking and will be increasingly gripped by the belief that the reliable historical method is compelled to deny the certainty of a historical Jesus Christ. Science seems to be wiping away that for which we, as we have emphasized, hope to gain a new symbol in the radiance of golden wisdom.

[ 17 ] Es wird gewiß die Zeit kommen, wo man wissen wird vom Christus nur in Kreisen, wie es dieser ist, wo man sich bekennen wird zur Geisteswissenschaft, durch die man das Wort verstehen wird: «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt!», und wo der, welcher hineinzuschauen vermag in die geistige Forschung, wissen wird, daß Derjenige, von dem der Impuls des Christentums ausgegangen ist, immer zu finden ist in der geistigen Welt, und daß aus dieser geistigen Welt heraus die Sicherheit zu gewinnen ist für das Christus-Ereignis. Nur in Kreisen, in denen man sich zu einem solchen spirituellen Bekenntnis hält, wird die Sicherheit für dasjenige zu gewinnen sein, für welches man dieses Symbolum wiederum sucht. Und die Menschen draußen werden sich nicht beweisen lassen, daß die Historische Methode, die äußere wissenschaftliche Methode selber auf einem sumpfigen Boden gebaut ist. Wer freilich heute Wert und Wesen der Wissenschaft zu verstehen vermag, der weiß schon auch aus der Fadenscheinigkeit und aus der Unbegründetheit der Methoden heraus, wie wenig es besagt, wenn heute gerade die, welche streng wissenschaftlich vorzugehen glauben, kommen und sagen: Alle dieGestalten, von dem Christus angefangen bis zu den Aposteln, lassen sich nicht historisch beweisen. - Aber es wird noch lange dauern, bis die Menschen von jenem Autoritätsglauben loskommen, von dem sie meinen, er sei kein Autoritätsglaube. Der schlimmste Autoritätsglaube ist heute vorhanden. Und die Menschen sehen gar nicht ein, daß der wahre Erlöser von dem Autoritätsglauben Derjenige ist, der im tiefsten Innern die Menschen bauen gelehrt hat auf die Kraft des eigenen Ichs. Derjenige, der uns gezeigt hat, was aufgenommen werden soll in dieses Ich, der kann uns auch zeigen, wie wir die Kraft der Wahrheit, wie wir die Quellen der Wahrheit in unserem Innern finden. Mit dem Christus im Innern finden wir Wahrheit im Innern; mit dem Christus im Innern finden wir den sicheren Boden eines freien und unabhängigen Urteils, finden wir den sicheren Boden über alle Autorität hinaus. Aber wir müssen uns gerade aus diesem Christus-Ereignis heraus in ernster Stunde auch ein ernstes Wort gesagt sein lassen, damit wir unseren Beruf als Anthroposophen fühlen lernen.

[ 17 ] The time will surely come when people will know of Christ only in circles such as this one, where they profess a belief in spiritual science, through which they will understand the words: “I am with you always, even unto the end of the world!” and where those who are able to look into spiritual research will know that the One from whom the impulse of Christianity originated can always be found in the spiritual world, and that from this spiritual world the certainty of the Christ event is to be gained. Only in circles where one adheres to such a spiritual commitment will the certainty be gained for that which one seeks in this symbol. And people outside these circles will not be convinced that the historical method, the external scientific method itself, is built on shaky ground. Anyone, however, who is able to understand the value and nature of science today already knows, from the flimsiness and groundlessness of the methods, how little it means when precisely those who believe they are proceeding strictly scientifically come and say: All the figures, from Christ on down to the Apostles, cannot be historically proven. - But it will be a long time before people break free from that belief in authority which they think is not a belief in authority. The worst kind of belief in authority exists today. And people do not realize at all that the true Redeemer from this belief in authority is the One who, in the deepest innermost being, taught people to build upon the power of their own “I.” The One who has shown us what is to be taken up into this “I” can also show us how to find the power of truth, how to find the sources of truth within ourselves. With Christ within, we find truth within; with Christ within, we find the secure ground of a free and independent judgment, we find the secure ground beyond all authority. But precisely from this Christ event, in a moment of seriousness, we must also allow ourselves to be spoken to with a serious word, so that we may learn to feel our calling as anthroposophists.

[ 18 ] Vielleicht würde ich die kleine Einfügung, die ich jetzt zu machen gedrängt bin, in den nächsten Vorträgen tun, wenn es nicht längere Zeit dauerte, bis wir uns wiedersehen. Aber ich möchte auf etwas hinweisen, was der Anthroposoph als die tieferen Symptome seiner Zeit einsehen soll, sozusagen das Unmögliche des Wissenschaftstreibens in unserer Zeit. Diejenigen, welche an diese äußere Wissenschaft, die uns heute auch den historischen Christus hinwegdiskutieren will, glauben wollen, die werden ja unbelehrbar sein. Aber es muß doch einige Menschen geben, die aus dem Impuls der Anthroposophie heraus einiges verstehen, wie äußere Wissenschaft auf allen Gebieten sich selber auflöst, und wie allein spirituelles Leben in der Zukunft der Menschheit zum Heile gereichen kann.

[ 18 ] Perhaps I would include the brief aside I now feel compelled to make in my next lectures, were it not for the fact that it will be some time before we meet again. But I would like to point out something that the anthroposophist should recognize as the deeper symptoms of our time—the impossibility, so to speak, of scientific endeavor in our age. Those who wish to believe in this external science, which today seeks to argue away even the historical Christ, will, of course, be beyond instruction. But there must surely be some people who, inspired by anthroposophy, understand to some extent how external science is dissolving itself in all fields, and how only spiritual life can bring salvation to humanity in the future.

[ 19 ] Man sieht an den Zeitereignissen das Wichtigste nicht. Da hat sich in diesen Tagen in Wien ein Prozeß abgespielt, auf den die ganze Welt hingeblickt hat. Ganz Europa war sozusagen durch seine Vertreter versammelt, um sich von diesem Prozeß Kunde bringen zu lassen, weil man ihn für wichtig hielt. Das Wichtigste aber, was sich da abgespielt hat, hat man wahrscheinlich nirgends gesehen. Und diejenigen, welche nicht anthroposophisch vorbereitet sind, würden auch dieses Wichtigste, wenn sie es ausgesprochen hörten, als eine Phantasie empfinden. Da war ein Historiker, ein in Europa berühmter Historiker, der angesehen ist bei seinen Fachgenossen, bei den Geschichtsforschern, und der wichtige Werke nach gegenwärtig streng historischer Methode verfaßt hat, ein «guter Wissenschafter». Dieser Wissenschafter bekam eine Reihe von Dokumenten in die Hand, die überliefert worden sind aus einem der südlicheren Staaten Europas. Diese Dokumente sollten beweisen, daß im Südosten Österreichs Verräterei getrieben worden sei. Wer konnte nun nach dem Urteil der Menschen der Gegenwart mehr berufen sein, da zu prüfen, als ein Historiker? Ein Historiker sollte doch mehr als jemand anderer dazu berufen sein, den Wert von Dokumenten zu prüfen. Beruht doch aller Glaube der Welt auf Dokumenten! Wie man Dokumente verwendet und zusammenstellt, wie man sie prüft, das gibt die Wahrheit. Das soll ja auch einzig und allein die Wahrheit über die Wunder des Christentums geben können!

[ 19 ] One fails to see the most important aspect of current events. A trial has recently taken place in Vienna that the whole world has been watching. All of Europe was, so to speak, represented there, gathered to hear about this trial because it was considered important. But the most important thing that took place there was probably overlooked everywhere. And those who are not prepared in anthroposophy would also perceive this most important aspect, if they heard it spoken of, as a fantasy. There was a historian, a historian famous in Europe, who is respected by his peers, by historians, and who has written important works according to the current strict historical method—a “good scientist.” This scholar came into possession of a series of documents that had been handed down from one of the southern European states. These documents were supposed to prove that treason had been committed in southeastern Austria. Who, in the judgment of people today, could be more qualified to examine this than a historian? A historian should surely be more qualified than anyone else to assess the value of documents. After all, all the faith in the world is based on documents! How one uses and compiles documents, how one examines them—that is what reveals the truth. And that, indeed, is the only way to uncover the truth about the miracles of Christianity!

[ 20 ] Dieser Historiker und Geschichtsforscher, der jene Dokumente in die Hand bekam, war allerdings auch ein Schüler jenes Historikers, an den ich mich gern manchmal erinnere, wenn ich an meine eigene Jugendzeit zurückdenke. Da gab es zwei Historiker: der eine ein strenger Geschichtsforscher in bezug auf die strengen Methoden der Urkundenforschung; der andere, sein Kollege, hielt gerade weniger auf diese strengen Methoden, sondern mehr darauf, daß die Kandidaten einiges aus den wirklichen geschichtlichen Vorgängen wußten. So ereignete es sich denn einmal, daß der Lieblingsschüler jenes Urkundenforschers zu dem Doktorat kam. Er wurde geprüft zuerst in der Urkundenlehre, das heißt in der Lehre, durch die man lernt, recht gut festzustellen, wie man zu der Wahrheit kommt durch äußere, materielle Mittel. Er wurde zum Beispiel gefragt, in welcher päpstlichen Urkunde der i-Punkt zuerst vorkommt. Das ist sehr wichtig, daß man das weiß! Und das wußte der Kandidat gleich, daß unter einem gewissen Innozenz zuerst der i-Punkt vorkommt. Aber der andere Historiker, der Kollege, fragte dann: Darf ich jetzt auch den Kandidaten etwas fragen, der so genau gewußt hat, wo der i-Punkt zuerst vorkommt? Sagen Sie, Herr Kandidat, wissen Sie vielleicht auch, wann jener Papst, in dessen Urkunden der i-Punkt zuerst vorkommt, den päpstlichen Stuhl bestiegen hat? - Nein, das wußte er nicht. Wissen Sie dann vielleicht, wann er gestorben ist? - Nein, das wußte er auch nicht. Nun, Herr Kandidat, sagen Sie mir doch etwas anderes noch von diesem Papst! — Er wußte nichts! Da sagte der Professor, dessen Lieblingsschüler er war: Aber Herr Kandidat, es ist ja heute, als ob Ihnen ein Brett vor den Kopf genagelt ist! - Der andere aber sagte: So, Herr Kollege, es ist doch Ihr Lieblingsschüler! Wer hat ihm denn das Brett vor den Kopf genagelt?

[ 20 ] This historian and researcher, who got his hands on those documents, was, however, also a student of that historian whom I often fondly recall when I think back on my own youth. There were two historians: one was a strict researcher when it came to the rigorous methods of documentary research; the other, his colleague, placed less emphasis on these strict methods and more on the candidates’ knowledge of actual historical events. So it happened one day that the favorite student of that document researcher came to take his doctoral exam. He was first tested in documentary science, that is, in the discipline through which one learns to determine quite well how to arrive at the truth through external, material means. He was asked, for example, in which papal document the dot above the “i” first appears. It is very important to know that! And the candidate knew right away that the dot above the “i” first appears under a certain Innocent. But the other historian, his colleague, then asked: “May I now also ask the candidate a question, since he knew so precisely where the dot above the ‘i’ first appears?” Tell me, Mr. Candidate, do you perhaps also know when that pope, in whose documents the dot above the “i” first appears, ascended to the papal throne? — No, he didn’t know that. Do you perhaps know when he died? — No, he didn’t know that either. Well, Mr. Candidate, tell me something else about this pope! — He knew nothing! Then the professor, whose favorite student he was, said: “But, Mr. Candidate, it’s as if a board were nailed over your head today!” — But the other said: “Well, Mr. Colleague, he is your favorite student, after all! Who nailed the board over his head?”

[ 21 ] Jener Historiker hat dazumal nichts Besonderes gelernt. Aber er wurde ein tüchtiger Urkundenforscher, der mit allen Mitteln der historischen Forschung feststellen kann, was die Wahrheit längst verflossener Zeiten ist. Wie sollte also jemand mehr berufen sein als er, zu untersuchen, was für Verräterei in jenen Dokumenten getrieben worden ist, die ihm von wichtigster Seite übergeben worden waren? Er ging also mit allen Mitteln historischer Forschung daran, zu untersuchen, und klagte in einem öffentlichen Artikel eine ganze Anzahl von Leuten schwerwiegender Handlungen an. Es kam zu einem Prozeß. Und in diesem Prozeß erwies sich eines der allerwichtigsten Dokumente als eine ganz plumpe Fälschung! Es handelte sich darum, daß eine gewisse Persönlichkeit in einer gewissen Stadt einen Verein präsidiert haben sollte; aber durch eine einfache Anfrage hätte man feststellen können, daß dieser Mann in der fraglichen Zeit gerade in Berlin war.

[ 21 ] That historian did not learn anything special back then. But he became a skilled document researcher, capable of using every means of historical research to determine the truth of times long past. Who, then, could be better suited than he to investigate the treachery perpetrated in those documents that had been handed over to him by the most important authorities? He therefore set about investigating the matter using every means of historical research and, in a public article, accused a whole number of people of serious offenses. A trial ensued. And in this trial, one of the most important documents turned out to be a completely crude forgery! The issue was that a certain individual was alleged to have presided over an association in a certain city; but a simple inquiry would have revealed that this man was in Berlin at the time in question.

[ 22 ] Historische Forschung ist hierbei streng zu Werke gegangen mit Dokumenten, die aus den Tatsachen der Gegenwart genommen sind. Historische Methode hat in diesem Falle nichts zustande gebracht, als daß sie sich hat narren lassen in bezug auf Dokumente der Gegenwart. Das Wichtige, was ich meinte, ist das, daß hier nicht einmal irgendein Mensch oder Menschen vor Gericht gestanden haben, sondern die historische, die wissenschaftliche Methode ist in diesem Falle verurteilt worden, tatsächlich verurteilt worden! Das ist das wichtigste Symptom eines unmittelbar in der Gegenwart sich abspielenden Prozesses.

[ 22 ] Historical research has proceeded rigorously in this case, relying on documents drawn from the facts of the present. In this instance, the historical method has achieved nothing other than allowing itself to be misled by documents of the present. The important point I was making is that not even a single person or group of people stood trial here; rather, the historical, the scientific method has been condemned in this case—actually condemned! That is the most important symptom of a process unfolding directly in the present.

[ 23 ] Da sollte man sich ganz ernsthaft fragen: Was ist eine Methode wert, die sich hermacht, darüber zu entscheiden, ob sich vor achtzehn oder neunzehn Jahrhunderten etwas zugetragen hat, wenn diese Methode nicht imstande ist, über die plumpsten Dinge der Gegenwart irgend etwas ausfindig zu machen? «Wissenschaft» selber saß hier auf der Anklagebank. Das sollte man erkennen! Und eine Wissenschaft, die aus den materialistischen Vorurteilen der Gegenwart hervorgeht, wird immer auf der Anklagebank sitzen, wenn die Menschen zu bequem sind, um auf eine solche Autorität zu halten, welche allein Autorität der Gegenwart sein kann, die sich von jener andern dadurch unterscheidet, daß man weiß, wer sie ist. Bei den andern Autoritäten weiß man nicht mehr, wer sie sind, wer sie ist, die Madame «Wissenschaft».

[ 23 ] One should ask oneself quite seriously: What is the value of a method that sets out to determine whether something happened eighteen or nineteen centuries ago, if that method is incapable of uncovering anything about even the most obvious aspects of the present? “Science” itself was sitting in the dock here. One should recognize that! And a science that arises from the materialistic prejudices of the present will always sit in the dock if people are too complacent to rely on such an authority—which alone can be the authority of the present—that differs from the other in that one knows who it is. With the other authorities, one no longer knows who they are, who she is, Madame “Science.”

[ 24 ] Gehen Sie einmal mit ernstem Bekenntnis zur spirituellen Weltanschauung dem nach, was man heute Wissenschaft nennt, und Sie werden sehen, wie es zerstiebt, wie es sich erweist als auf einem wirklich sandigen Boden erbaut, als zusammenstürzend, wenn man ernsthaft damit zu Werke geht. Aber die Menschen werden sich nicht dazu bequemen, von dieser Seite aus einmal die Gegenwart zu betrachten. Die Menschen — namentlich die, welche außerhalb des anthroposophischen Lebens stehen - werden nicht die Gewissenhaftigkeit haben, sich einmal anzusehen, wie die Methoden beschaffen sind, welche die materialistischen Gewaltsurteile in die Seelen der Menschen hineindrängen.

[ 24 ] If you approach what is today called science with a sincere commitment to a spiritual worldview, you will see how it crumbles, how it proves to be built on truly shifting ground, how it collapses when one seriously sets to work with it. But people are not willing to take the time to view the present from this perspective. People—especially those who stand outside of anthroposophical life—will not have the conscientiousness to examine the nature of the methods that force materialistic, dogmatic judgments into people’s souls.

[ 25 ] Daher wird noch lange keine Möglichkeit gegeben sein als im intimen Kreise anthroposophischen Wirkens, dasjenige in seiner Wahrheit zu sehen, was der Menschheit zum größten Heil ist. Und wenn das, was zu Palästina geschehen ist und was wir symbolisch in unserem Herzen jedes Jahr neu auferstehen lassen, wenn das immer mehr und mehr durch die äußere Wissenschaft geleugnet und hinweggewischt werden sollte: innerhalb der anthroposophischen, der spirituellen Weltenströmung wird es eine Stätte geben, wo die Gewalt des palästinensischen Ereignisses immer heller und heller aufleuchten wird und von wo aus wiederum in die übrige Menschheit hinausströmen wird das Leben, das nur aus diesem Ereignisse kommen kann.

[ 25 ] Therefore, for a long time to come, there will be no opportunity—other than within the intimate circle of anthroposophical work—to see, in its true light, what is of the greatest benefit to humanity. And even if what happened in Palestine, and what we symbolically allow to rise anew in our hearts each year, were to be increasingly denied and swept aside by mainstream science: within the anthroposophical, spiritual world current, there will be a place where the power of the Palestinian event will shine ever brighter and brighter, and from which the life that can come only from this event will flow out once more to the rest of humanity.

[ 26 ] Was kann uns durch ein wirkliches Miterleben des Ereignisses von Palästina in der Seele aufgehen? «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Erdenepoche!» So, könnten wir sagen, ist das Grundwort des Christus Jesus. Das heißt, der Christus Jesus wandelte im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina in Leibesgestalt. Er ist seit jener Zeit zu finden in der geistigen Welt, denn er hat sich seit jener Zeit mit der geistigen Atmosphäre der Erde vereinigt. Er ist der Erdengeist geworden. Wir finden ihn innerhalb der geistigen Atmosphäre unserer Erde, wenn wir ihn da suchen. Er durchdringt immer mehr und mehr alles Leben unserer Erde.

[ 26 ] What can dawn upon us in our souls through a genuine experience of the events in Palestine? “I am with you always, even to the end of the age!” We might say that this is the fundamental message of Christ Jesus. This means that Jesus Christ walked in physical form in Palestine at the beginning of our era. Since that time, he has been to be found in the spiritual world, for since that time he has united himself with the spiritual atmosphere of the Earth. He has become the Earth Spirit. We find him within the spiritual atmosphere of our Earth when we seek him there. He permeates more and more all life on our Earth.

[ 27 ] Was aber sollen die Menschen durch diesen sich in ihre Seelen immer mehr und mehr einlebenden Christus-Geist gewinnen? Wollen wir ganz genau verstehen, was die Menschen durch diesen sich in ihre Seelen einlebenden Christus-Geist gewinnen sollen in der Zukunft, dann müssen wir gerade das versuchen, was wir jetzt seit einiger Zeit innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung tun. Was wir in der anthroposophischen Bewegung tun, das ist nicht etwa einer Willkür entsprossen, das ist nicht irgendeinem bloß von diesem oder jenem Menschen aufgestellten Programm entsprossen. Spirituelles Leben geht zuletzt zurück auf diejenigen Quellen, die wir bei jenen Individualitäten suchen, welche wir nennen die «Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen». Und bei ihnen finden wir die Impulse, wenn wir sie richtig suchen, wie wir von Epoche zu Epoche, von Zeitalter zu Zeitalter wirken sollen.

[ 27 ] But what are people to gain from this Christ Spirit that is increasingly taking root in their souls? If we want to understand exactly what people are to gain in the future from this Christ Spirit taking root in their souls, then we must strive to do precisely what we have been doing for some time now within our anthroposophical movement. What we do in the anthroposophical movement has not sprung from mere caprice; it has not sprung from some program devised by this or that individual. Spiritual life ultimately goes back to those sources that we seek in those individualities whom we call the “Masters of Wisdom and the Harmony of Feelings.” And in them we find the impulses, if we seek them correctly, for how we are to work from epoch to epoch, from age to age.

[ 28 ] Es ist ein großer Impuls in der letzten Zeit aus der geistigen Welt zu uns gekommen. Und heute, am feierlichen Weihnachtsabend in unserem Kreise sei hingewiesen auf diesen wichtigen Impuls, sozusagen auf eine Weisung, welche uns im Laufe der letzten Jahre aus der geistigen Welt wie eine Maßnahme des astralischen Planes zugeflossen ist. Und unter diesem Impuls hat sich unsere anthroposophische Bewegung hier in Mitteleuropa entwickelt. Ungefähr in folgender Weise könnten wir diesen Impuls in menschliche Worte kleiden: Siehe hin auf das, was sich in der äußeren Welt zuträgt: die Worte der Evangelien werden immer mehr und mehr mißverstanden! Man deutelt an ihnen herum, man prüft sie mit äußerlichen geschichtlichen Methoden. Alle bloße äußere Geschichte muß eine Zeitlang für den spirituellen Forscher schweigen. Was jetzt notwendig ist, das ist, daß die Evangelien wieder verstanden werden ganz wörtlich, denn in ihrem wörtlichen Verstehen liegt ihr wahrer Weisheitsgrund!

[ 28 ] A great impulse has come to us from the spiritual world in recent times. And today, on this festive Christmas Eve in our circle, we would like to draw attention to this important impulse—a guidance, so to speak, that has flowed to us from the spiritual world over the past few years as an initiative of the astral plane. And under this impulse, our anthroposophical movement has developed here in Central Europe. We could put this impulse into human words roughly as follows: Look at what is happening in the outer world: the words of the Gospels are being misunderstood more and more! People are interpreting them in all sorts of ways; they are examining them with external historical methods. All mere external history must fall silent for a time for the spiritual researcher. What is necessary now is that the Gospels be understood again quite literally, for in their literal understanding lies their true foundation of wisdom!

[ 29 ] Wir wurden angeleitet aus der geistigen Welt heraus, die Evangelien wörtlich erst wieder kennenzulernen, zu verstehen, was in ihren Worten enthalten ist. Aus diesem Impuls — und aus der Erweiterung und Ausgestaltung dieses Impulses - ging alles hervor, was wir in der Betrachtung des Johannes-Evangeliums, des Lukas-Evangeliums und des Matthäus-Evangeliums versucht haben und was wir bei der Betrachtung des Markus-Evangeliums noch versuchen werden. Wörtlich sollen wir wiederum die Evangelien zu verstehen versuchen! So sagen uns diejenigen, deren Impuls wir aus der geistigen Welt empfangen. Das ist kommendes Christentum: folgen diesem Impuls, die Evangelien in ihrer Wörtlichkeit zu verstehen. Und was wird uns, wenn wir die Evangelien wörtlich verstehen, wenn wir die Weisung der spirituellen Mächte befolgen, die vom astralischen Plan herunter so deutlich geredet haben, wie sie in einem Jahrhundert kaum ein zweites Mal sprechen? Das wird uns, was uns notwendig werden muß, wenn wir uns zum Instrument machen wollen, um die kommende Menschheitsepoche in der richtigen Weise leiten und weisen zu können in bezug auf dasjenige, was eine Leitung und Weisung im Raume braucht.

[ 29 ] We were guided from the spiritual world to rediscover the Gospels literally, to understand what is contained in their words. From this impulse—and from the expansion and elaboration of this impulse—arose everything we have attempted in our study of the Gospel of John, the Gospel of Luke, and the Gospel of Matthew, and what we will still attempt in our study of the Gospel of Mark. We are to try once again to understand the Gospels literally! This is what those whose impulse we receive from the spiritual world tell us. This is the Christianity to come: to follow this impulse to understand the Gospels in their literal sense. And what will become of us if we understand the Gospels literally, if we follow the guidance of the spiritual powers who have spoken so clearly from the astral plane—as they have spoken scarcely a second time in a century? This is what will come to us—what must become necessary for us—if we wish to make ourselves instruments capable of guiding and instructing the coming epoch of humanity in the right way regarding that which requires guidance and instruction in the realm of space.

[ 30 ] Wenn wir zurückblicken in diejenigen Zeiten, in denen die Menschheitsentwickelung sich in uralten Vergangenheiten abgespielt hat, da wissen wir, daß es damals noch nicht so war, daß das menschliche Ich voll ausgebildet gewesen wäre. Der Mensch geht in seiner Entwickelung auf eine Gruppenseele zurück. Wie die Tiere heute noch eine Gruppenseele haben, so war einer gewissen Anzahl von Menschen eine gemeinsame Ich-Seele eigen. Das finden wir bei allen Völkern. Wir wissen also, daß sich die Menschheit herausentwickelt hat aus einer Gruppenseelenhaftigkeit. Und in der Zeit, als der Christus heruntergestiegen ist auf unsere Erde, war die Menschheit an dem Punkt angekommen, wo die alten Gruppenseelen anfingen, ihre Bedeutung zu verlieren. Die alten Gruppenseelen hatten sich zurückgezogen. Jeder Mensch war darauf angewiesen, in sich die individuelle Seele, die eigentliche Ichheit zu entwickeln. Und wer brachte das, was sich in die individuelle Seele hineinergießen sollte? Das brachte der ChristusImpuls! Und je mehr wir uns mit diesem Christus-Impuls erfüllen, desto reicher wird unsere Ichheit, so daß sie in sich selber aufsteigen läßt diejenigen Wahrheiten, welche wir brauchen, um in die Zukunft hineinzuleben.

[ 30 ] When we look back to those times when human evolution unfolded in the distant past, we know that the human ego had not yet fully developed. Human development traces back to a group soul. Just as animals still have a group soul today, so too did a certain number of people share a common ego-soul. We find this among all peoples. We therefore know that humanity developed out of a state of group-soul-boundness. And at the time when Christ descended to our Earth, humanity had reached the point where the old group souls were beginning to lose their significance. The old group souls had withdrawn. Every human being was now dependent on developing within themselves the individual soul, the true sense of self. And who brought what was to be poured into the individual soul? The Christ impulse brought it! And the more we fill ourselves with this Christ impulse, the richer our sense of self becomes, so that it allows those truths to rise up within itself that we need to live into the future.

[ 31 ] Jetzt eben sind wir in der Gegenwart an einem wichtigen Wendepunkt angekommen. Gar mancher fragt heute: Was hat es denn für eine Bedeutung, daß wir sprechen von Wiederverkörperung, da man sich doch nicht erinnern kann an die früheren Verkörperungen? Gewiß, man kann es heute nicht. Aber ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, wenn man ein vierjähriges Kind bringt und sagt: Das ist ein Mensch; aber er kann nicht rechnen -, so ist das kein Beweis dafür, daß der Mensch nicht rechnen kann. Man soll warten, bis das Kind herangereift ist, um rechnen zu lernen. In zehn Jahren kann es rechnen. So wird des Menschen Seele heranreifen, sich an die früheren Verkörperungen zu erinnern. Ob sie sich richtig erinnern wird, das ist eine zweite Frage.

[ 31 ] We have now reached an important turning point in the present. Many people today ask: What is the point of speaking of reincarnation, since one cannot remember one’s previous incarnations? Certainly, one cannot do so today. But I have already pointed out that if you bring a four-year-old child and say: ‘This is a human being, but he cannot do arithmetic,’ that is no proof that the human being cannot do arithmetic. One must wait until the child has matured enough to learn arithmetic. In ten years, he will be able to do arithmetic. In the same way, the human soul will mature to the point of remembering its previous incarnations. Whether it will remember correctly is another question.

[ 32 ] Jetzt eben stehen wir an einem wichtigen Wendepunkt. Im vierten nachatlantischen Zeitraum ist der Christus heruntergestiegen als der Impuls, womit die Menschen ihre Ichheit als eine in sich gegründete Wesenheit erfühlen können. Jetzt stehen wir in dem fünften Zeitraum, dem letzten, in dem sich die Menschen nicht mehr an ihre früheren Inkarnationen erinnern können. Im sechsten Zeitraum, der dem unsrigen folgen wird, werden sich die Menschen erinnern an ihre früheren Inkarnationen. Ob sie sich richtig erinnern, das hängt davon ab, wie sie heute die Impulse dazu in ihre Seele aufnehmen, ob sie sich fähig machen, sich in der richtigen Weise zu erinnern. Diejenigen allein werden sich in der Zukunft in der richtigen Weise an ihr gegenwärtiges Dasein erinnern, welche den Christus-Impuls aufgenommen haben, den Quell der wahren Ichheit. Dafür werden sich bei denjenigen, welche diesen Quell der wahren Ichheit nicht aufnehmen, neue - Gruppenseelen bilden.

[ 32 ] We are now standing at an important turning point. In the fourth post-Atlantean epoch, the Christ descended as the impulse through which human beings can experience their sense of self as an entity grounded within themselves. We are now in the fifth epoch, the last one in which human beings can no longer remember their past incarnations. In the sixth epoch, which will follow ours, people will remember their past incarnations. Whether they remember correctly depends on how they receive the impulses for this into their souls today, and whether they make themselves capable of remembering in the right way. Only those who have received the Christ impulse, the source of true selfhood, will remember their present existence correctly in the future. In contrast, new group souls will form among those who do not receive this source of true selfhood.

[ 33 ] Sehen Sie einmal hin auf die äußere Wirklichkeit: wie die Menschen heute geradezu drängen nach Gruppenseelenhaftigkeit, obwohl sie es nicht müßten, sondern Wahrheitsquellen finden könnten, die ihnen in der eigenen Seele ersprießen. Beobachten Sie, wie jeder alles nur so tun will, wie «man» alles tut. Die Menschen suchen nicht nach dem, was sie allein in ihrer Seele finden können, sondern wir sehen sie danach suchen, was sie in Kategorien, in Gruppen zusammenführt, und wie sie am frohesten sind, wenn sie nicht selbständige Wahrheiten, sondern das haben können, was gleich den andern ist. Ja, man haßt sogar die Individualität, so daß man in diesem Haß gegen das Individuelle die stärksten Waffen zu schmieden glaubt gegen eine solche Weisheit, wie es die anthroposophische ist. Denn anthroposophische Weisheit muß in der Seele eines jeden Menschen erglänzen; sie kann nicht mit Hebeln und mit Schrauben, mit äußerem Experimentieren erzwungen werden. Was von anthroposophischer Seite gesagt wird, das tritt uns nicht mit äußeren Hebeln und Schrauben entgegen. Das müssen wir, weil es der unsichtbaren Welt angehört, in die jeder selbst hineingehen muß mit seinem Denken, uns aneignen, ein jeder für sich, ohne daß wir durch ein äußeres Instrument überzeugt werden. Durch anthroposophische Weisheit werden wir eine Individualität.

[ 33 ] Take a look at the reality around us: how people today are practically clamoring for a sense of belonging to a group, even though they don’t have to—they could instead find sources of truth that spring forth from within their own souls. Observe how everyone wants to do everything exactly the way “everyone else” does it. People do not seek what they can find alone within their own souls; rather, we see them seeking what unites them in categories and groups, and how they are happiest when they have not independent truths, but rather what is the same as what others have. Indeed, individuality is even hated, so that in this hatred of the individual, people believe they are forging the strongest weapons against a wisdom such as that of anthroposophy. For anthroposophical wisdom must shine forth in the soul of every human being; it cannot be forced through levers and screws, through external experimentation. What is said from the anthroposophical perspective does not confront us with external levers and screws. Because it belongs to the invisible world, into which each person must enter with their own thinking, we must appropriate it for ourselves, each one individually, without being convinced by an external instrument. Through anthroposophical wisdom, we become an individuality.

[ 34 ] Nehmen wir diese anthroposophische Weisheit in der richtigen individuellen Weise auf, in der sie durchdrungen ist von dem ChristusImpuls, dann senkt sich in unsere Seele das, was es uns möglich macht, daß wir uns im sechsten Zeitraum an eine Ichheit erinnern, die jeder für sich selber hat, die in sich geschlossen ist. Dagegen wird die Erinnerung derjenigen, die heute künstliche Gruppenseelen suchen, so sein, daß die Gruppenseelenhaftigkeit wieder da sein wird. Erinnern werden sich die Menschen im sechsten Zeitraum an ihre gegenwärtige Inkarnation; aber dann wird es ihnen klar sein: Du hingest dazumai in deinem Urteil zusammen mit dem Urteil der andern! - Und eine furchtbare Fessel wird es sein für den Menschen, der sich hineingestellt fühlen muß in eine Gruppenseelenhaftigkeit. Gruppenseelenhaftigkeit droht denjenigen, die den Christus-Impuls nicht aufzunehmen vermögen in unserer Zeit. Wenn wir die Botschaft des Christus-Ereignisses, jene Botschaft von der menschlichen Ichheit in uns aufnehmen, dann senkt sich in unsere Seele die Möglichkeit, das Ziel der Menschheit für den sechsten Zeitraum zu erreichen: daß wir nicht zurückblicken in eine Gruppenseelenhaftigkeit, sondern in eine durchchristete Ichheit.

[ 34 ] If we take this anthroposophical wisdom to heart in the right, individual way—in which it is imbued with the Christ impulse—then what enables us to remember, in the sixth epoch, the individual self that each of us possesses, which is self-contained, will sink into our souls. In contrast, the memory of those who today seek artificial group souls will be such that the group-soul nature will be present once more. In the sixth epoch, people will remember their present incarnation; but then it will become clear to them: You were bound at that time in your judgment together with the judgment of others! - And it will be a terrible bondage for the human being who must feel placed within a group-soul bond. Group-soul bond threatens those who are unable to receive the Christ impulse in our time. When we take in the message of the Christ event—that message of human individuality—the possibility sinks into our soul of achieving humanity’s goal for the sixth epoch: that we look back not upon a group-soul bondage, but upon a Christ-imbued individuality.

[ 35 ] So zieht in denjenigen, der das Christentum heute in der richtigen Weise zu erfassen versteht, zu durchglühen und zu durchströmen versteht mit dem Geiste der Anthroposophie, dasjenige hinein, was notwendig ist, damit er ein voller Mensch sein kann in dem sechsten Zeitraum und ein Instrument sein kann zum richtigen Wirken in jenem Zeitraum.

[ 35 ] Thus, in those who today understand how to grasp Christianity in the right way—and how to allow the spirit of anthroposophy to burn within them and flow through them—there enters that which is necessary for them to be fully human in the sixth epoch and to serve as instruments for working effectively in that epoch.

[ 36 ] Das also ist die Frage: Ob wir uns entschließen wollen, zurückzublicken von unseren Wiederverkörperungen im sechsten Zeitraum auf unser Ich in der Gegenwart als unindividuell, als unselbständig, als zusammengeschlossen in Gruppenhaftigkeit, oder ob wir uns erinnern wollen an ein Ich, das den Quell der Geistigkeit in unserer Erdentwickelung selber erfaßt hat, das erfaßt hat das große Wort: Ehe denn alle Persönlichkeit war, ehe etwas war, was sonst von uns auf der Erde leben kann, und «ehe denn ein Abraham war, war das Ich-bin».

[ 36 ] So this is the question: Whether we wish to look back from our reincarnations in the sixth epoch upon our “I” in the present as non-individual, as dependent, as bound together in group consciousness, or whether we wish to remember an “I” that has itself grasped the source of spirituality in our earthly evolution, that has grasped the great word: “Before there was any personality, before there was anything else that could live on Earth, and ‘before there was an Abraham, there was the I Am.’”

[ 37 ] Was in uns lebt, schließt sich unmittelbar zusammen mit dem VaterGeist. Was durch das Verständnis des Christus-Impulses in uns aufleben kann, das schließt sich bewußt in uns nur zusammen mit dem Quell der Welt, wenn wir den Christus-Impuls verstehen. So bedeutet der Christus-Impuls, indem er sich in unsere Seele senkt, die Möglichkeit für uns, als eine solche Ich-Wesenheit im sechsten Zeitraume wieder aufzuerstehen, die zurückblickt auf ein Selbständigwerden. Lassen wir den richtig verstandenen Christus in unserem eigenen Innern geboren werden, dann werden wir auferwecken können die Erinnerung an diesen richtig verstandenen Christus in dem sechsten nachatlantischen Zeitraum.

[ 37 ] What lives within us unites directly with the Father Spirit. That which can come to life within us through an understanding of the Christ impulse unites consciously within us with the Source of the world only when we understand the Christ impulse. Thus, by sinking into our soul, the Christ impulse signifies the possibility for us to rise again in the sixth epoch as an “I-being” that looks back upon having become self-existent. If we allow the correctly understood Christ to be born within our own inner being, then we will be able to awaken the memory of this correctly understood Christ in the sixth post-Atlantean epoch.

[ 38 ] Und wenn wir im fünften Zeitraum ein richtiges Weihnachtsfest feiern, werden wir dafür im sechsten Zeitraum ein richtiges Osterfest feiern können. Wie das schöne Weihnachtslied uns singt in der Christnacht: «Uns ist der Heiland heut erstanden!», so werden wir, indem wir uns zurückerinnern an den in unserer Seele geborenen Christus, in uns selber die Botschaft vernehmen an diese wahre höhere IchWesenheit. Wir werden uns daran zurückerinnern und diese Erinnerung auferstehen lassen als das Osterfest in uns selber; und dann werden wir in uns selber den großen schönen Oster-Orgelton hören können: Der Christus in uns erstehe als befeuernd und erleuchtend unsere eigene göttliche Individualität!

[ 38 ] And if we celebrate a true Christmas during the fifth period, we will be able to celebrate a true Easter during the sixth period. Just as the beautiful Christmas carol sings to us on Christmas Eve: “Our Savior has been born to us today!”, so too, by recalling the Christ born in our souls, will we hear within ourselves the message of this true, higher Self-being. We will recall this and allow this memory to rise as Easter within ourselves; and then we will be able to hear within ourselves the great, beautiful sound of the Easter organ: May the Christ within us rise up, kindling and illuminating our own divine individuality!

[ 39 ] So schließen sich Weihnachtsfest und Osterfest im fünften und sechsten Zeitraum unserer nachatlantischen Zeit zusammen. So sollen wir lernen dasjenige auffassen, was wir aus den Evangelien erfahren. Wir haben schon teilweise gelernt und werden es noch weiter lernen, wie zusammengeströmt sind die Buddha-Strömung, die ZarathustraStrömung und die althebräische Strömung in dem Christentum, wie sie eingezogen sind in dem Sinne, wie es uns die Evangelien auch schildern, in die Persönlichkeit des Christus Jesus. In unserer eigenen Ichheit muß dasjenige Leben gewinnen, was so in der vorchristlichen Zeit in der Welt gewebt und gelebt hat; das muß wiedergeboren werden, durchdrungen von dem Christus-Impuls. Dann feiern wir das anthroposophische Weihnachtsfest in unserer eigenen Seele: die Geburt des Christus in uns. Und wenn wir diesen in uns verstandenen Christus hinübertragen durch Kamaloka und Devachan in ein neues Erdenleben und von dort immer wieder zu einem neuen irdischen Dasein bis in den sechsten Zeitraum hinüber, dann werden wir uns erinnern an das, was wir in unserem fünften Zeitraum erlebt haben und werden das christliche Osterfest in uns selber dann also feiern.

[ 39 ] Thus, Christmas and Easter come together in the fifth and sixth periods of our post-Atlantean era. This is how we are to learn to understand what we learn from the Gospels. We have already learned in part, and will continue to learn, how the Buddha current, the Zarathustra current, and the ancient Hebrew current have converged in Christianity, how they have been incorporated—in the sense that the Gospels also describe to us—into the personality of Christ Jesus. That which was woven and lived in the world during the pre-Christian era must take on life within our own sense of self; it must be reborn, permeated by the Christ impulse. Then we celebrate the anthroposophical Christmas in our own soul: the birth of the Christ within us. And when we carry this Christ, whom we have come to understand within ourselves, through Kamaloka and Devachan into a new earthly life, and from there again and again into a new earthly existence all the way through the sixth epoch, then we will remember what we experienced in our fifth epoch and will thus celebrate the Christian Easter within ourselves.

[ 40 ] So lebe in uns in dem Weihnachtssymbol dasjenige symbolisch, was wir in den letzten Zeiten aus den Evangelien heraus als das ChristusMysterium in unsere Seele aufgenommen haben. So lassen wir diese Lichter, die hier vor uns brennen, eine Aufforderung an uns sein, jenen Impuls auszuleben, der uns aus der geistigen Welt zukommt: die Evangelien wörtlich zu verstehen! Und diese äußerlich leuchtenden Lichter fassen wir auf als die Sinnbilder derjenigen Lichter, die in unserer Seele entfacht werden sollen und die, wenn sie durch die anthroposophische Christus-Erkenntnis entfacht werden, hinüberbrennen werden in den sechsten Zeitraum der nachatlantischen Zeit.

[ 40 ] May the Christmas symbol thus bring to life within us that which we have recently taken into our souls from the Gospels as the Mystery of Christ. May these lights burning before us serve as a call to live out the impulse that comes to us from the spiritual world: to understand the Gospels literally! And let us regard these outwardly shining lights as symbols of those lights that are to be kindled in our souls and which, when kindled through the anthroposophical knowledge of Christ, will burn their way into the sixth epoch of the post-Atlantean era.

[ 41 ] Fühlt, gerade an diesem Weihnachtsfest, daß es an Euren Seelen ist, sich zu entschließen, in diesem Sinne würdige Werkzeuge zu werden für die Entwickelung der Menschheit in die Zukunft hinein! Fühlt die ganze Schwere und das ganze Gewicht des anthroposophischen Entschlusses: nicht ein jeder für sich sollen wir Anthroposophen sein; sondern indem wir berücksichtigen, was eben gesagt worden ist, sollen wir Anthroposophen sein aus Pflicht zur Menschheit, aus Pflicht zur ganzen Menschheitsaufgabe und Menschheitsmission. Lassen wir uns herunterleuchten vom Weihnachtsbaum symbolisch das Licht, das uns anfeuern kann zu dieser unserer spirituellen Menschheitsmission. Dann haben wir etwas verstanden von dem, was uns wiederum für ein neues Jahr Kraft geben kann, uns immer weiter in das anthroposophische Leben und in die anthroposophischen Weistümer hineinzufinden.

[ 41 ] Feel, especially this Christmas, that it is up to your souls to resolve to become worthy instruments for the future development of humanity! Feel the full gravity and weight of the anthroposophical resolution: we should not be anthroposophists merely for our own sake; rather, taking into account what has just been said, we should be anthroposophists out of a duty to humanity, out of a duty to the entire task and mission of humanity. Let us allow the light from the Christmas tree to shine down upon us symbolically, a light that can inspire us toward this spiritual mission of humanity. Then we will have grasped something of what can in turn give us strength for a new year, enabling us to find our way ever deeper into anthroposophical life and into the anthroposophical teachings.