Die Tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens
im Lichte der Evangelien
GA 117
7 December 1909, München
10. Das Ich, der Gott im Innern und der Gott der äußeren Offenbarung
[ 1 ] Aus dem ganzen Geiste unserer anthroposophischen Arbeit werden Sie im Laufe der Jahre entnommen haben, daß dieser Arbeit zugrunde liegt, nicht hinzuwirken auf unmittelbar Sensationelles, sondern in ruhiger Weise zu verfolgen gerade diejenigen Tatsachen des geistigen Geschehens, deren Erkenntnis uns auch wichtig sein kann für unser Leben. Gerade nicht dadurch, daß man immer über das spricht, was sozusagen am Tag liegt, dient man geistig dem Tage, sondern dadurch, daß man sich aneignet ein Wissen über die großen Zusammenhänge des Lebens. Im Grunde genommen hängt unser eigenes individuelles Leben an den großen Ereignissen des Daseins, und wir können auch unser eigenes Leben nur richtig beurteilen, wenn wir es an den größten Erscheinungen des Lebens abmessen können. Daher kommt es, nachdem wir uns innerhalb unseres siebenjährigen Zyklus im Bestehen der Deutschen Sektion durch vier Jahre beschäftigt haben mit der Grundlegung unserer Anschauungen, unserer Erkenntnisse, daß wir uns in den letzten drei Jahren bemühten, diese grundlegenden Anschauungen zu vertiefen in bezug auf weltumfassende Fragen. Und aus dem, was ja auch zu Ihnen gekommen ist von den Darlegungen, die in verschiedenen Zyklen gegeben worden sind, werden Sie ersehen haben, daß zu diesen letzten Betrachtungen diejenigen über die Evangelien gehörten. Nicht allein deshalb, weil gerade der Inhalt der Evangelien uns nahegebracht werden soll, sondern auch darum, weil wir durch ihre Betrachtung über die Menschennatur das Zutreffende lernen können. Daher möge auch heute mit allerlei Anwendungen auf das persönliche Menschenleben einiges gesprochen werden über die Evangelien.
[ 2 ] Die Evangelien werden von der äußeren Wissenschaft immer weniger als ein historisches Dokument bezeichnet für die Erkenntnis der größten Individualität, die in die Menschheitsentwickelung eingegriffen hat, des Christus Jesus. Die Stellung zu den Evangelien war in den ersten christlichen Jahrhunderten und noch lange auch durch das Mittelalter hindurch eine ganz andere, als sie in der neueren Zeit geworden ist. Die Evangelien werden ja heute empfunden als vier einander widersprechende Dokumente, und es scheint heute nichts selbstverständlicher als dies, daß man sagt: Wie können vier Dokumente historische Urkunden sein, wenn sie einander so widersprechen, wie es die vier Evangelien tun, die uns Nachricht geben wollen von dem, was im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina geschehen ist.
[ 3 ] Nun könnte dem menschlichen Denken, wenn es heute nicht gar zu sehr über die wichtigsten Sachen hinwegsehen wollte, dabei doch eines aufstoßen. Man könnte sich zum Beispiel sagen: Eigentlich gehört nicht viel dazu, um zu erkennen, daß die vier Evangelien sich in dem Sinne widersprechen, wie man das heute auffaßt. Das sieht jedes Kind, möchte man meinen. Aber man könnte dazu sagen: Jetzt sind die Evangelien gewissermaßen in aller Hände, jetzt beschäftigen sich alle Menschen damit. Es gab eine Zeit vor der Erfindung der Buchdruckerkunst, wo diese Evangelien keineswegs in aller Hände waren, wo sie nur von wenigen gelesen wurden, und diese wenigen waren gerade diejenigen, die an der Spitze des geistigen Lebens standen. Den andern wurde der Inhalt nahegebracht so, wie sie es fassen konnten. Man könnte fragen: Ja, waren denn diese wenigen, die an der Spitze des geistigen Lebens standen, so ungeheure Toren, daß sie nicht eingesehen haben, was jedes Kind heute einsehen kann: daß die Evangelien sich im heutigen Sinne widersprechen?
[ 4 ] Wollte man dieser Frage nachgehen, so würde man bald etwas anderes bemerken, nämlich, daß die ganze Gefühlswelt des Menschen zu den Evangelien anders stand als heute. Heute ist es der kritische Verstand, der seine ganze Art, zu denken, an der äußeren sinnlichen Wirklichkeit gelernt hat. Der ist es, der sich auch über die Evangelien hermacht, und dem wird es wahrlich nicht schwer, die Verstandeswidersprüche zu finden, denn sie sind ja kinderleicht zu finden.
[ 5 ] Wie haben denn diejenigen, die an der Spitze des geistigen Lebens standen und in alten Jahrhunderten die Evangelien in die Hand genommen haben, sich abgefunden mit dem, was man heute Widersprüche nennt? Diese Menschen der alten Zeiten haben eine ungeheure, heute gar nicht auszudenkende Ehrfurcht bekommen vor dem großen Christus-Ereignis durch die vier Evangelien, und sie haben merkwürdigerweise so empfunden, daß sie, gerade weil sie vier Evangelien hatten, um so mehr dieses Ereignis ehren und schätzen müßten. Wie ist das möglich? Das kommt davon her, daß diese alten Beurteiler der Evangelien etwas ganz anderes ins Auge gefaßt haben als die heutigen. Die heutigen Beurteiler machen es nicht gescheiter als jemand, der meinetwillen einen Blumenstrauß von einer Seite photographiert — da bekommt er eine gewisse Photographie des Blumenstraußes. Jetzt geht er mit der Photographie durch die Welt. Die Leute merken sich, wie die Photographie ausschaut und sagen sich: Jetzt habe ich eine genaue Vorstellung von dem Blumenstrauß. Dann kommt einer, der photographiert den Blumenstrauß von der andern Seite. Das Bild wird ganz anders. Er zeigt wiederum das Bild des selben Blumenstraußes den Leuten. Diese sagen: Das kann nicht das Bild des StrauBes sein; die Bilder widersprechen sich ja. - Und wenn der Strauß von vier Seiten photographiert wird, so sehen sich die vier Bilder gar nicht ähnlich; dennoch sind sie vier Aufnahmen derselben Sache. So haben die alten Beurteiler der vier Evangelien empfunden. Sie haben sich gesagt: Die vier Evangelien sind von vier verschiedenen Gesichtspunkten aus aufgenommene Darstellungen des einen Ereignisses, und weil dies der Fall ist, so geben sie uns gerade dadurch ein vollkommenes Bild, daß sie sich nicht gleichen, und erst dann, wenn wir imstande sind, uns eine Gesamtvorstellung von den vier Seiten aus zu machen, bekommen wir eine Gesamtidee des Ereignisses von Palästina. - Und so haben sich diese Leute gesagt: Wir müssen um so mehr mit Demut hinaufblicken, wenn wir das Ereignis von Palästina von vier Seiten aus dargestellt sehen, denn dieses Ereignis ist so groß, daß man es nicht verstehen kann, wenn es nur von einer Seite geschildert wird. Wir müssen dankbar sein, daß wir vier Evangelien haben, die das große Ereignis von vier Seiten aus schildern. Wir müssen nur verstehen, wie diese vier verschiedenen Standpunkte zustandegekommen sind, und dann, wenn wir uns davon überzeugt haben, dann können wir uns auch eine Anschauung darüber bilden, was der einzelne Mensch wiederum haben kann von den vier Evangelien.
[ 6 ] Was wir das Christus-Ereignis nennen, das ist ja ein gewaltiges Geschehnis in der geistigen Entwickelung der Menschheit. Wie können wir denn das, was damals in Palästina sich zugetragen hat, hineinstellen in die ganze Menschheitsentwickelung? So können wir es hineinstellen, daß wir sagen: Alles dasjenige, was vorher die Menschheit geistig durchgemacht, geistig erlebt hat, alles das ist eingeflossen, zusammengeströmt in dem Ereignis von Palästina, um dann in einem gemeinsamen Strom weiterzufließen.
[ 7 ] Da haben wir, um nur einiges zu nennen: Die althebräische Lehre, wie sie uns im Alten Testament niedergelegt ist. Dies ist ein Beitrag. Er floß ein, als das Ereignis von Palästina geschah. Da war dann ein anderer Strom, der von Zarathustra ausgegangen ist. Er floß ein in das, was dann als Christentum wie ein Hauptstrom durch die Welt weiterfloß.
[ 8 ] Und da ist dasjenige, was wir nennen können die orientalische Geistesströmung, die im Gautama Buddha ihren bedeutendsten Ausdruck gefunden hat. Auch das floß ein in den einen großen Hauptstrom, um dann zusammen weiterzufließen. Alle diese einzelnen Strömungen sind heute im Christentum drinnen.
[ 9 ] Der zeigt Ihnen nicht, was der Buddhismus heute ist, der Ihnen wieder aufwärmt die Lehren, die Buddha sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung gegeben hat. Diese Lehren sind eingeflossen ins Christentum. Der zeigt Ihnen nicht, was der Zarathustrismus wirklich ist, der die altpersischen Urkunden nimmt und von da aus heute zeigen will das Wesen des Zarathustrismus; denn derjenige, der gelehrt hat im alten Persien, was in den altpersischen Urkunden ist, der hat sich weiterentwickelt und hat einfließen lassen seinen Beitrag zum geistigen Leben der Menschheit, und wir müssen innerhalb des christlichen Stromes auch den Zarathustrismus suchen.
[ 10 ] Nun fragen wir uns, damit wir ein Bild bekommen von dem wirklichen Sachverhalt: Wie sind gerade diese drei Strömungen, der Buddhismus, der Zarathustrismus und die althebräische Strömung in das Christentum eingeflossen?
[ 11 ] Wenn wir verstehen wollen, wie der Zarathustrismus eingeflossen ist, dann dürfen wir uns daran erinnern, daß diejenige Individualität, die wir als Zarathustra ansprechen, der große Lehrer war der zweiten nachatlantischen Kulturperiode, der zuerst gelehrt hat im sogenannten urpersischen Volk, der dann immer wieder und wieder verkörpert worden ist. Nachdem er durch jede Verkörperung hindurch immer höher und höher gestiegen war, erschien er ungefähr sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung als ein Zeitgenosse des großen Buddha. Er erschien in den Geheimschulen des alten chaldäischbabylonischen Kulturkreises. Da war er wiederverkörpert, war da der Lehrer des Pythagoras, der nach Chaldäa ging, um in der entsprechenden Weise sich zu vervollkommnen. Dann wurde dieser Zarathustra, der damals sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung unter dem Namen Zarathos oder Nazarathos erschienen war, wiedergeboren im Beginn unserer Zeitrechnung, wiedergeboren so, daß er in einem Körper auftrat, der entsproß dem Elternpaar, das Joseph und Maria hieß und das uns geschildert wird in dem Matthäus-Evangelium. Wir bezeichnen dieses Kind von Joseph und Maria, des sogenannten bethlehemitischen Elternpaares, als das eine der beiden Jesuskinder, die damals im Beginne unserer Zeitrechnung geboren worden sind. Damit haben wir hereinverpflanzt in das alte Palästina gerade jene Individualität, welche der Träger war des Zarathustrismus, der einen bedeutsamen Geistesströmung.
[ 12 ] Aber nicht nur diese Geistesströmung sollte wiederaufleben, um in einer neuen Form fortströmen zu können im Christentum, sondern auch andere Geistesströmungen. Dadurch mußten verschiedene Dinge damals zusammentreffen. Es mußte zum Beispiel auch das geschehen, daß der Zarathustra hineingeboren wurde in einen Leib, der durch seine physische Organisation Aussicht bot, daß der Zarathustra gerade in jener Inkarnation diejenigen Fähigkeiten entwickeln konnte, die er hatte deshalb, weil er von Inkarnation zu Inkarnation so hoch heraufgestiegen war. Denn wir müssen uns durchaus gesagt sein lassen: Wenn eine noch so hohe Individualität heruntersteigen und einen ungeeigneten Körper finden würde — was ja dadurch geschehen könnte, daß diese Individualität einen geeigneten Körper gar nicht finden kann -, so würde sie die Fähigkeiten, die sie geistig-seelisch hat, eben nicht ausleben können, weil die Werkzeuge dafür nicht da wären. Man muß ein bestimmt geartetes Gehirn haben, wenn man solche Fähigkeiten ausleben will, wie sie der Zarathustra gehabt hat; das heißt, man muß in einen Körper hineingeboren werden, der, ererbt von den Vorfahren, jene Eigenschaften hat, die ihn zum geeigneten Instrument machen für diese Fähigkeiten. Es mußte also nicht nur gesorgt werden bei jenem Jesusknaben, der im Matthäus-Evangelium geschildert wird, daß er in dem, was sich wiederverkörperte, eine so hohe geistig-seelische Organisation hatte, daß er jene mächtige Wirkung ausüben konnte, die ausgeübt werden mußte, sondern auch dafür, daß diese Seele hineingeboren werden konnte in eine vollkommene physische Organisation, die vererbt wurde. Das geeignete physische Gehirn mußte dieser Zarathustra vorfinden.
[ 13 ] Was da ausgearbeitet wurde als eine vollkommen geeignete physische Organisation, das ist der Beitrag, den das althebräische Volk zum Christentum zu leisten hatte. Aus ihm heraus sollte durch rein physische Vererbung ein geeigneter Körper geschaffen werden mit den denkbar vollkommensten äußeren physischen Werkzeugen. Dazu mußte in den Generationen weit hinauf Vorbereitung getroffen werden, damit die richtigen Eigenschaften sich vererben konnten demjenigen Körper, der da geboren wurde im Beginn unserer Zeitrechnung.
[ 14 ] Nun wollen wir uns eine Vorstellung bilden, wie dieses Leben eingeflossen ist in den großen Hauptstrom unseres gegenwärtigen Geisteslebens. Das heißt, ebenso wie wir gesehen haben die Mission des Zarathustra innerhalb des Christentums, so wollen wir jetzt fragen nach der Mission des althebräischen Volkes für die Gesamtkultur unserer Erde. Da muß gesagt werden, daß die geisteswissenschaftliche Forschung immer mehr und mehr, je weiter sie vorwärtsschreitet, dazu kommt, der Bibel mehr recht zu geben als dem, was wir heute an äußerer Kulturgeschichte haben. Was da ausgegraben wird, das nimmt sich eigentlich recht kindlich aus gegenüber dem, was da in der Bibel steht und was man nur richtig lesen muß, um es zu verstehen. Vor den Augen der wirklichen Geistesforschung ist das das Richtigere. So ist unter anderm auch richtig, daß in einer gewissen Beziehung das spätere Judentum abstammt von einem Stammvater Abraham oder Abram. Dahinter steckt etwas durchaus Richtiges, daß, wenn wir die Generationen hinaufgehen, wir an einen Stammvater kommen, dem ganz besondere Fähigkeiten erteilt wurden aus der geistigen Welt heraus. Welches waren diese? Wenn wir verstehen wollen, welche ganz besonderen Fähigkeiten ihm erteilt wurden, dann müssen wir uns ein wenig erinnern an verschiedenes, was wir hier schon gesagt haben.
[ 15 ] Wenn wir zurückgehen in frühere Zeiten, so finden wir, daß die Menschen andere Seelenfähigkeiten gehabt haben, Seelenfähigkeiten, die wir gegenüber den heutigen als eine Art dumpfes Hellsehen bezeichnen können. Die Menschen haben zwar nicht in so selbstbewußter, verstandesgemäßer Weise in die Welt hinaussehen können wie die heutigen Menschen, aber sie haben die Fähigkeit gehabt, das Geistige, das in der Umwelt ist, die geistigen Erscheinungen, Tatsachen, Wesenheiten, noch zu sehen. Nur war dieses Sehen, weil es in herabgedämpftem Bewußtsein geschah, mehr wie ein lebendiger Traum, der aber lebendige Beziehung zur Wirklichkeit hatte. Dieses alte Hellsehen sollte immer schwächer und schwächer werden, damit die Menschen sich anerziehen konnten unser heutiges äußeres Anschauen und unsere heutige Verstandeskultur.
[ 16 ] Die ganze Entwickelung der Menschheit ist eine Art Erziehung. Die einzelnen Fähigkeiten werden nach und nach errungen. Die heutige Art zu sehen, ohne daß wir, wenn wir zum Beispiel im normalen Bewußtsein eine Blume ansehen, ringsherum sehen den astralischen Leib, der sich herumwindet um die Blume - während der alte Beobachter gesehen hat die Blume und den astralischen Leib herum -, diese heutige Anschauung, die die Gegenstände mit scharfen Verstandeskonturen schaut, mußte der Menschheit anerzogen werden dadurch, daß die Hellsichtigkeit verschwand. Da herrscht nun ein ganz bestimmtes Gesetz in der Geistesentwickelung. Alles das, was der Menschheit anerzogen wird, muß immer seinen Ausgangspunkt nehmen von einer Individualität. Fähigkeiten, die dann Fähigkeiten einer großen Anzahl von Menschen werden sollen, müssen sozusagen zuerst bei einem Menschen anfangen. Die Fähigkeiten, die sich namentlich beziehen auf das von einem Hellsehen abgewandte Kombinieren, auf das Beurteilen der Welt nach Maß, Zahl und Gewicht, diese Fähigkeiten, die gerade ganz darauf ausgehen, nicht in die geistige Welt hineinzuschauen, sondern die sinnlichen Erscheinungen zu kombinieren, sie wurden aus der geistigen Welt zuerst eingepflanzt jener Individualität, die als Abraham oder Abram bezeichnet wird. Er war dazu ausersehen, diejenigen Fähigkeiten zuerst auszubilden, welche im eminentesten Sinn geknüpft sind an das Instrument des physischen Gehirns. Abraham wird nicht umsonst genannt der Erfinder der Arithmetik, das heißt derjenigen Fähigkeit, welche die Welt nach Maß und Zahl beurteilt und kombiniert. Er war sozusagen der erste unter denen, aus deren Seelenfähigkeiten ausgelöscht wurde das alte dämmerhafte Hellsehen und deren Gehirn so zubereitet wurde, daß gerade die Fähigkeit, die sich des Gehirns bedient, am meisten zur Geltung kommt. Das war eine bedeutsame, mächtige Mission, die gerade dem Abraham übertragen worden ist.
[ 17 ] Nun sollte diese Fähigkeit, die als eine Anlage in Abraham hineingelegt wurde aus der geistigen Welt heraus, wie es bei jeder Anlage sein muß, immer vollkommener und vollkommener werden. Sie können sich leicht denken, daß alles das, was in der Welt auftritt, sich entwickeln muß. So mußte sich auch diese Fähigkeit, durch das physische Gehirn die Welt zu betrachten, aus einer Anlage allmählich entwickeln. Die Entwickelung dieser Fähigkeit geschah nun durch die folgenden Generationen, indem das, was Abraham gegeben wurde, übertragen wurde auf die folgenden Generationen durch die folgenden Zeitalter. Aber es mußte etwas anderes geschehen, als früher beim Übertragen einer Mission von den alten Leuten auf die jüngeren geschehen war. Denn die andern Missionen waren noch nicht gebunden an ein physisches Werkzeug. Gerade die größten Missionen waren nicht gebunden an ein physisches Gehirn. Nehmen wir den Zarathustra. Was er seinen Schülern gegeben hatte, war ein höheres hellseherisches Anschauen, als es die andern Menschen hatten. Das war nicht gebunden an ein physisches Werkzeug; das wurde übertragen vom Lehrer zum Schüler. Der Schüler wurde wieder Lehrer, übertrug es wieder auf den Schüler und so weiter. Jetzt handelt es sich aber nicht um eine Lehre, um eine Art und Weise des hellseherischen Anschauens, sondern um etwas, was an das Instrument des physischen Gehirns gebunden war. So etwas kann sich nur verpflanzen in die späteren Zeiten, wenn es sich physisch vererbt. Daher war das, was dem Abraham als Mission gegeben war, daran gebunden, daß es sich physisch vererbte von einer Generation zur andern, das heißt, es mußte diese vollkommene Organisation des physischen Gehirns von Abraham hinunter sich vererben auf seine Nachkommen von Generation zu Generation. Weil seine Mission gerade darin bestand, daß das physische Gehirn vollkommener und vollkommener wurde, so mußte es auch von Generation zu Generation immer vollkommener werden.
[ 18 ] So war die Mission des Abraham etwas, was gebunden war an die Fortpflanzung, um immer vollkommener zu werden im Laufe der physischen Entwickelung. Nun war noch etwas anderes verbunden mit diesem Beitrag, den das althebräische Kulturvolk zu leisten hatte. Und dieses andere werden wir verstehen, wenn wir uns folgendes vorlegen.
[ 19 ] Nehmen wir die Menschen in den andern Kulturen mit ihrem alten dämmerhaften Hellsehen, dann werden wir sagen: Wie erhielten sie, was für sie das Wichtigste war, was sie am höchsten verehrten in der Welt? Sie erhielten es so, daß es als Inspiration ganz in ihrem Inneren aufleuchtete. Man brauchte nicht so, wie heute, zu forschen. Heute erlangt der Mensch die Wissenschaft dadurch, daß er außen forscht, daß er experimentiert und aus den kombinierten äußeren Tatsachen seine Gesetze nimmt. So erfuhr der Alte nicht dasjenige, was er wissen sollte, sondern das blitzte in ihm auf als eine Eingebung. Er empfing es in seinem Innern; seine Seele mußte es gebären in seinem Innern. Er mußte den Blick abwenden von der äußeren Welt, wenn er die höchsten Wahrheiten als Inspirationen aufgehen lassen sollte.
[ 20 ] Das sollte nun anders werden in demjenigen Volk, das seine Mission von Abraham ableitete. Abraham sollte den Menschen gerade dasjenige bringen, was durch die Beobachtungen von außen und durch die Kombinationen gewonnen wird. Wenn also der Angehörige der andern Kulturen, die auf altes Hellsehen gebaut waren, zum Höchsten hinaufsah, so sagte er sich: Ich bin dankbar dem Gotte, der sich mir im Inneren offenbart. Ich wende den Blick von außen ab, und am meisten wird mir die Gottheit gegenwärtig, wenn ich, ohne den Blick nach außen zu richten, im Inneren die Inspirationen dieser Gottheit aufleuchten lasse. - Das Volk aber, das von Abraham abstammt, sollte sagen: Ich will verzichten auf die Inspirationen, die bloß von innen kommen; ich will mich dazu präparieren, den Blick in die Umwelt zu richten. Ich will das beobachten, was sich da offenbart in Luft und Wasser, in Berg und Flur, in den Sternenwelten, da will ich den Blick hinaufsenden, und dann will ich nachdenken können, wie eins neben dem andern steht. Ich will die Dinge draußen miteinander kombinieren und will sehen, daß ich einen Gesamtgedanken gewinne. Und wenn ich das, was ich in der Außenwelt beobachte, in einen einzelnen Gedanken zusammenptresse, dann will ich dasjenige, was mir die äußere Welt sagt, Jahve oder Jehova nennen. Ich will empfangen das Höchste durch eine Offenbarung, die durch die Außenwelt hindurchspricht.
[ 21 ] Das war die Mission des abrahamitischen Volkes: der Menschheit das zu geben, was als Offenbarung von außen kam, im Gegensatz zu dem, was die andern Völker zu liefern hatten. Daher mußte sich dieses Instrument des Geisteslebens so vererben, daß es in seiner Einrichtung entsprach den Offenbarungen von außen, wie früher die inneren Seelentähigkeiten den Offenbarungen von innen entsprochen hatten.
[ 22 ] Nun fragen wir uns: Was war da gekommen, wenn sich die alten Hellscher hingegeben haben den Offenbarungen von innen? Da haben sie abgewendet den Blick von außen, denn das, was sich in der Außenwelt offenbarte, konnte ihnen nichts sagen über die geistige Welt. Sie hatten selbst von Sonne und Sternen den Blick abgewendet, da sie bloß auf ihr Inneres gelauscht haben, und da hat sich offenbart die große Inspiration über die Geheimnisse der Welt; da traten auf die Anschauungen, wie das Weltengebäude gebaut ist. Und das, was sie gewußt haben über die Sterne und ihre Bewegungen, über die Gesetze der Sternenwelt, über die geistigen Welten, das haben diese Angehörigen der alten Kulturen nicht durch äußere Beobachtung erlangt. Dadurch wußten sie etwas über Mars, Saturn und so weiter, daß sich die Naturen dieser Sterne im Inneren kundgaben. Es waren also die Gesetze des Weltalls, die sozusagen in den Sternen geschrieben sind, zu gleicher Zeit eingeschrieben in das Innere der Seele des Menschen. Dadrinnen offenbarten sie sich durch Inspiration. Wie sich die Gesetze der Welt, die das Sternenheer beherrschen, in der Seele geoffenbart hatten, so sollten sich jetzt durch äußere Kombination offenbaren beim abrahamitischen Volke die Gesetze, die die Welt beherrschen, die aber durch äußere Offenbarung gewonnen werden sollten. Dazu mußte die Vererbung so geleitet werden, daß durch sie das Gehirn jene Eigenschaften bekam, durch die es sehen konnte die richtige Kombination da draußen. Die wunderbare Gesetzmäßigkeit wurde eingepflanzt den Anlagen, die überliefert wurden dem Abraham, solchen Anlagen, die da durch die Generationen sich so ausbildeten, daß die Ausbildung entsprach den großen Weltgesetzen. Das Gehirn mußte vererbt werden so, daß die inneren Fähigkeiten des Gehirns, die Konfiguration des Gehirns sich so ausbildete, wie da droben im Weltall die Zahlengesetze der Sterne. Daher wird dem Abraham gesagt von Jahve: Du wirst Generationen von dir abstammen sehen, die in ihrer Ordnung eingerichtet sind nach der Zahl der Sterne am Himmel. Wie die Sterne am Himmel in harmonischen Zahlenverhältnissen geordnet sind, so sollen die Generationen in harmonischen Zahlengesetzen geordnet sein. Das heißt, diese Generationen sollten solche Gesetze in sich tragen, wie die Gesetze der Sterne am Himmel sind.
[ 23 ] Da haben wir zwölf Sternbilder. Ein Abbild davon sollte auftreten in den zwölf Stämmen, wie sie abstammten von Abraham, damit die entsprechenden Fähigkeiten, die als Anlage in Abraham hineinversetzt worden waren, hinuntergeleitet wurden durch die Generationen. Also es sollte im ganzen organischen Aufbau des sich von Zeitalter zu Zeitalter fortentwickelnden Volkes ein Abbild geschaffen werden von Zahl und Maß am Himmel. Das hat allerdings eine Bibelübersetzung so übersetzt, daß sie sagt: «Deine Nachkommen sollen sein zahlreich wie die Sterne am Himmel», während in der Wahrheit die Stelle heißen muß: Deine Nachkommen sollen regelmäßig in der Blutsverwandtschaft so angeordnet sein, daß ihre Anordnung ein Abbild der Gesetze der Sterne am Himmel ist. Oh, die Bibel ist tief! Aber was heute dargeboten wird als Bibel, das ist gefärbt von der neueren Weltanschauung. Da heißt es: «Deine Nachkommen sollen sein zahlreich wie die Sterne am Himmel», während in Wahrheit gesagt wird: Das soll alles so regelmäßig sein in deiner Nachkommenschaft, daß zum Beispiel zwölf Stämme sich folgen, die entsprechen der Zwölfzahl der Sternbilder am Himmel.
[ 24 ] Und so sollten auch die einzelnen Eigenschaften so auftreten, daß immerdar das zum Ausdruck kam, daß die Mission des abrahamitischen Volkes darinnen bestand: Ich bekomme wie ein Geschenk von außen - nicht wie etwas, was im Inneren auflebt -, was meine Mission ist. Mir wird von außen gegeben das, was ich eigentlich für die Welt zu bringen habe. - Das wird wunderbar dargestellt in der Bibel, daß die Mission Abrahams gerade etwas sein soll, was von außen ihm gegeben wird, im Gegensatz zu alten Offenbarungen, die von innen gegeben worden sind. Was soll die Mission des Abraham sein? Die Mission des Abraham soll sein das, was durch das Blut fließt bis zu Christus Jesus, zu liefern. Dahinein soll die ganze Geistigkeit einer gewissen Strömung versetzt werden. Das soll so wirken, als ob es von außen käme, ein Geschenk von außen sei. Abraham soll der Welt das althebräische Volk geben. Das ist seine Mission.
[ 25 ] Soll das aber der ganzen Natur seiner Mission entsprechen, dann muß dieses Volk selber, das ja seine Mission ist, ein Geschenk von außen sein, muß ihm als Geschenk von außen gegeben werden. Abraham bekam einen Sohn, Isaak. Den sollte er opfern, so wird in der Bibel erzählt. Und als er hinkam, ihn zu opfern, da wurde ihm dieser Sohn neuerdings geschenkt von Jahve. Was wird ihm da geschenkt? Von Isaak stammt das ganze Volk ab. Wäre Isaak geopfert worden, dann hätte es kein hebräisches Volk gegeben. Das ganze Volk wurde ihm also zum Geschenk gegeben. In dieser Opferung des Isaak ist in wunderbarer Weise ausgedrückt dieser Charakter des Geschenkes. Das Volk selber ist die Mission des Abraham, und mit dem Isaak empfängt er dieses gesamte hebräische Volk von Jahve geschenkt.
[ 26 ] So tief sind die Darstellungen der Bibel, und alle entsprechen im einzelnen groß und gewaltig dem inneren Charakter in der Fortentwickelung der Menschheit. Aufgeben mußte dieses althebräische Volk stückweise dasjenige, was die andern Kulturen in sich faßten, aufgeben mußte es das alte Hellsehen. Dieses alte Hellsehen war an Fähigkeiten gebunden, die aus der geistigen Welt kamen. Man bezeichnete diese hellseherischen Fähigkeiten, je nachdem sie waren, indem man Ausdrücke von Sternbildern gebrauchte. Die letzte Fähigkeit, die hingegeben wurde dafür, daß das althebräische Volk geschenkt wurde dem Abraham, das ist diejenige, die gebunden ist an das Sternbild des Widders. Daher wird ein Widder geopfert statt des Isaak. Das ist der äußere Ausdruck dafür, daß die letzte hellseherische Fähigkeit hingeopfert wurde dafür, daß das althebräische Volk geschenkt wurde dem Abraham. So war dieses Volk ausersehen, gerade jene Eigenschaften zu entwickeln, die auf die Beobachtung der Außenwelt gingen. Aber in allem treten atavistische Reste an Früheres auf. Daher kam es, daß immer wiederum das althebräische Volk genötigt war, dasjenige auszuscheiden, was nicht rein im Blute bloß lag zur Übertragung dieser nach außen gerichteten Fähigkeiten, was noch erinnerte an altes Hellsehen. Immer mußte ausgeschieden werden, was wie eine Erbschaft von den andern Völkern herkam.
[ 27 ] Da berühren wir nun ein Kapitel, welches sich heute recht schwer beschreiben läßt, weil es eine Wahrheit enthält, die dem heutigen Denken so fern wie möglich liegt; aber es ist eben doch eine Wahrheit, und man darf den Anspruch machen, daß diejenigen, die längere Zeit mitgearbeitet haben in unseren Zweigen, auch solche Wahrheiten vertragen können, die dem heutigen Gewohnheitsdenken sich etwas entziehen.
[ 28 ] Wir müssen uns klar sein darüber, daß für gewisse Menschenklassen der alten Zeit durchaus bis in spätere Zeiten hinein alte Fähigkeiten sich erhielten, namentlich in bezug auf die Erkenntnis. Die hellseherischen Fähigkeiten waren da in der Seele. Der Mensch war mit den geistigen Wesenheiten nahe verbunden. Sie offenbarten sich in ihm. Das aber drückte sich bei gewissen Menschen, die sozusagen Niedergangsprodukte darstellten dieser alten Zeiten, so aus, daß sie in einer niedrigeren Form diesen Zusammenhang mit der geistigen Außenwelt darstellten. Während die eigentlich hellseherischen Menschen mehr mit dem Gesamtuniversum verbunden waren durch die geistige Intuition und Inspiration, waren diejenigen Menschen, die im Niedergang begriffen waren, die in der Dekadenz diesen alten Zusammenhang mit der Umwelt entwickelten, niedrigere Menschentypen. Sie waren unselbständig, die Ichheit wollte nicht heraus bei ihnen, aber es waren auch nicht mehr die alten hellscherischen Fähigkeiten auf der entsprechenden Höhe. Solche Menschen traten immer auf, und in solchen Menschen zeigte sich die Verwandtschaft gewisser physischer Organe mit den alten hellseherischen Organen. Und jetzt kommt die Wahrheit, die so sonderbar klingen wird. Was man nennen könnte altes Hellsehen, dieses Aufleuchten der Weltgeheimnisse im Inneren, das mußte auf irgendeinem Wege in die Seele hineinkommen. Wir haben uns vorzustellen, daß Einströmungen geschahen in den Menschen. Diese Einströmungen nahm der alte Mensch nicht wahr, aber dann, wenn die Einströmungen geschehen waren und in ihm aufleuchteten, dann nahm er es als seine alten Inspirationen wahr. Es flossen also in den Menschen gewisse Strömungen ein aus der Umgebung; die haben sich später umgewandelt beim Menschen.
[ 29 ] Diese Strömungen waren in alten Zeiten rein geistige Strömungen, waren zum Beispiel für einen Hellscher als rein astralisch-ätherische Strömungen wahrnehmbar. Aber später vertrockneten sozusagen diese rein geistigen Strömungen, verdichteten sich zu ätherisch-physischen Strömungen. Und was entstand daraus? Die Haare entstanden daraus. Die Haare sind das Ergebnis der alten Einströmungen. Was heute Haare am menschlichen Körper sind, waren früher geistige Einströmungen beim Menschen von außen ins Innere. Vertrocknete astralisch-ätherische Strömungen sind unsere heutigen Haare. Und solche Dinge sind ja eigentlich nur noch da erhalten, wo rein äußerlich, schriftgemäß, durch Überlieferung die alten Wahrheiten geblieben sind. Im Hebräischen wird daher das Wort «Haar» und das Wort «Licht» ungefähr durch dieselben Schriftzeichen bezeichnet, weil man ein Bewußtsein hatte von der Verwandtschaft des astralisch einströmenden Lichtes und des Haares; wie überhaupt im althebräischen Schrifttum urkundlich, rein in den Worten selbst, die größten Wahrheiten enthalten sind.
[ 30 ] So könnte man also sagen, es gibt eine Fortentwickelung der Menschheit. Bei denjenigen Menschen nun, welche die alten Fähigkeiten im Niedergang hatten, da entwickelte sich das so, daß die Einströmungen sich zwar umbildeten, sozusagen vertrockneten, daß sich aber keine neuen Fähigkeiten dafür entwickelten. Sie waren auf alte Art mit der neuen verbunden und doch wiederum nicht verbunden, weil die Einströmungen vertrocknet waren. Solche Menschen waren stark behaart, während diejenigen, die sich weiterentwickelten, weniger behaart waren, weil neue Fähigkeiten auftraten für diejenigen Fähigkeiten, die sich später zu Haaren verdichteten.
[ 31 ] Die Wissenschaft wird erst wiederum nach langer Zeit zu diesen bedeutungsvollen Wahrheiten kommen. In der Bibel stehen sie. Die Bibel ist viel gelehrter als unsere heutige, noch auf kindlicher AbcSchützenstufe stehende Wissenschaft. Lesen Sie nach die Geschichte von Jakob und Esau! Jakob ist derjenige, der ein Stück vorgeschritten ist, der die Fähigkeit der letzten Zeit entwickelt hatte. Esau ist auf früherer Stufe stehengeblieben, ist derjenige, der sozusagen gegen Jakob der Tropf ist. Als die Söhne dem Vater Isaak vorgestellt werden, da hat die Mutter bei Jakob vorgetäuscht ein falsches Haar, damit Isaak den jüngeren der Söhne mit Esau verwechsle. Damit soll uns gezeigt werden, daß das althebräische Volk immer noch als Erbstück der andern Kulturen etwas in sich hatte, und das mußte abgestreift werden. Esau wird ausgestoßen. Durch Jakob pflanzt sich fort dasjenige, was als die äußere Kombination fortleben sollte.
[ 32 ] Und so wie das, was sozusagen in einer etwas zurückgebliebenen Gestalt erhalten war, in Esau ausgestoßen war, so waren auch die alten hellseherischen Fähigkeiten wie eine atavistische Erbschaft zum Ausdruck gekommen in Joseph, der von den Brüdern dann nach Ägypten verstoßen wird. Er hat Träume; er kann aus ihnen die Welt deuten. Das ist die Fähigkeit, die sich nicht entwickeln sollte in der Mission des abrahamitischen Volkes. Daher wird er ausgestoßen, muß er nach Ägyptenland hinübergehen.
[ 33 ] So sehen wir also, wie sich herausarbeitete im althebräischen Volke eine Strömung, die auf Blutsverwandtschaft in den Generationen gebaut ist, und aus der stufenweise herausgestoßen wird das, was als altes Erbstück verbleibt. Das ist die Fähigkeit, die das althebräische Volk als seine eigene Anlage hat: daß, was da hinunter sich vererbt durch die Generationen, zu einem immer vollkommeneren Werkzeuge werden soll, damit aus diesem heraus der Leib sich entwickeln konnte, der das Instrument abgeben kann für denjenigen, der da wieder verkörpert worden ist. Wenn das althebräische Volk nicht von innen die Offenbarungen erhalten konnte, so mußte es sie von außen erhalten. Selbst das, was die andern Völker durch die unmittelbare Inspiration erlangt hatten, mußte das althebräische Volk durch eine Offenbarung von außen erhalten. Das heißt, die Juden mußten hinübergehen zu einem Volk - geleitet durch Joseph -, das die alte Inspiration hatte. Und da erlangten sie, indem Joseph eingeweiht wurde in die ägyptischen Mysterien, durch äußere Vermittlung dasjenige, was sie zu wissen brauchten über die Eigenheiten der geistigen Welten. Sogar das moralische Gesetz bekamen sie von außen, nicht als etwas, was von innen aufleuchtete. Das war die Mission des althebräischen Volkes. Dann zogen sie - nachdem sie sich angeeignet hatten das, was sie von außen sich aneignen mußten - damit als mit einer von außen errungenen Offenbarung wiederum zurück in ihr Palästina.
[ 34 ] Und nun — nachdem dieses althebräische Volk das alles durchgemacht hatte - sollte gezeigt werden, wie es sich von Generation zu Generation so entwickelte, daß zuletzt dieser Leib, welcher der Leib des Jesus wurde, aus diesem Volk herausgeboren werden konnte, damit diese althebräische Strömung einfloß in das Christentum.
[ 35 ] Erinnern Sie sich, wie wir die Entwickelung der Anlagen beim einzelnen Menschen besprochen haben. Es zerfällt das Leben des einzelnen Menschen in Perioden von sieben zu sieben Jahren. Von der Geburt bis zum Zahnwechsel, bis in das siebente Jahr hinein reicht die erste Periode, wo der physische Körper einfach seine Formen baut. Dann haben wir die zweite siebenjährige Periode bis zur Geschlechtsreife, in welcher der Ätherleib tätig ist dafür, daß die Formen wachsen, größer werden. Bestimmt werden die Formen bis zum siebenten Jahre, dann vergrößern sich nur die schon bestimmten Formen. Wiederum vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Lebensjahre ist es der astralische Leib vorzugsweise, der der hervorragende ist. Und so sehen wir, wie erst im einundzwanzigsten Jahre das eigentliche Ich des Menschen geboren und selbständig wird. So sehen wir, wie in gewissen Perioden das Leben des einzelnen Menschen verläuft bis zur Geburt des menschlichen Ich.
[ 36 ] So mußten sich auch die Anlagen nach und nach in dem Volk entwickeln, das ja gerade als Volk einen Leib liefern sollte für ein vollkommenstes Ich. Daher mußte es sich so entwickeln, daß das, was durch Jahre beim Menschen auftritt, hier von Generation zu Generation auftritt. Da muß immer eine folgende Generation eine Anlage entwickelter haben als die frühere. Es kann nicht auf einmal alles in bloß einer Generation sich entfalten. Aus okkulten Gründen auseinanderzusetzen, warum dies so ist, würde zu weit führen. Es kann aber erinnert werden an eine ganz gewöhnliche Erscheinung. Erinnern Sie sich doch, daß die Vererbung so liegt, daß gewisse Eigenschaften sich nicht unmittelbar vererben, sondern eine Generation überspringen und erst der Enkel dem Großvater in den vererbten Eigenschaften ähnlich sieht. So ist es auch bei der Vererbung der Eigenschaften in den fortlaufenden Generationen des hebräischen Volkes gewesen. Da mußte immer eine übersprungen werden. Was beim einzelnen Menschen einer Altersperiode entspricht, entspricht in den fortlaufenden Generationen zweien. So daß wir sagen können: Es mußte dieses Volk wie ein großes Individuum von Generation zu Generation sich so entwickeln, daß zuerst entspricht, was beim einzelnen Menschen ist von der Geburt bis zum Zahnwechsel, zweimal sieben Generationen, vierzehn Generationen. Dann mußte ein zweiter Zeitraum folgen, wo wiederum zweimal sieben Generationen kommen; der entspricht der Periode zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife. Dann ein dritter Zeitraum, wo wiederum zweimal sieben Generationen kommen, die der Periode entsprechen zwischen dem vierzehnten und einundzwanzigsten Lebensjahre, wo der astralische Leib besonders hervortritt. Dann kann das Ich geboren werden. Das Ich konnte geboren werden in das althebräische Volk, als drei gleich zwei mal sieben, das ist drei mal vierzehn Generationen verflossen waren.
[ 37 ] Derjenige, der uns den Körper schildern wollte, der als Instrument gegeben wurde dem Zarathustra, der mußte zeigen, wie durch drei gleich zwei mal sieben Generationen hindurch die Anlage, die dem Abraham gegeben war, sich entwickelte, damit, nachdem drei mal vierzehn Generationen abgelaufen waren, hineingeboren werden konnte das Ich; wie beim einzelnen Menschen nach drei mal sieben Jahren das Ich hineingeboren wird in seine dreifache Leiblichkeit. Das tut der Schreiber des Matthäus-Evangeliums. Er schildert drei mal vierzehn Generationen, die Generationen von Abraham bis zu David, die Generationen von David bis zur babylonischen Gefangenschaft und diejenigen von der babylonischen Gefangenschaft bis zur Geburt Jesu. Da haben wir aus der Tiefe der Erkenntnis heraus im Matthäus-Evangelium hingewiesen auf die Mission des althebräischen Volkes, wie nach und nach die Kräfte herausgebildet werden, die es möglich machten, daß in einen Körper dieses Volkes das vollkommene Ich, das der Zarathustra erlangt hatte, hineingeboren werden konnte.
[ 38 ] Und wenn wir nun sehen, welches die Schicksale waren dieses althebräischen Volkes, so finden wir, daß die Gefangenschaft da auftrat für das ganze Volk, wo beim einzelnen Menschen auftritt nach dem vierzehnten Jahr die Vorbereitung für das eigentliche Leben, wo dasjenige aufsprießt, was dann im Leben ausgeführt werden kann und was man zwischen dem vierzehnten und einundzwanzigsten Lebensjahre aufnimmt: die Jugendhoffnungen; daß diese Gefangenschaft die Zeit war, wo sozusagen der astralische Leib des althebräischen Volkes in Betracht kam, wo das durch die letzten vierzehn Generationen eingepflanzt wird, was ihm seinen Impuls gibt. Daher wird das althebräische Volk hinübergeführt in die babylonische Gefangenschaft da, wo gerade damals, sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung, in den Geheimschulen der Babylonier der Zarathos oder Nazarathos in seiner damaligen Inkarnation der Lehrer war. Und da kamen in diesen Geheimschulen in Berührung diejenigen, die die hervorragendsten Führer des althebräischen Volkes waren, mit dem großen Lehrer der alten Zeiten, mit Zarathos. Da wurde er ihr Lehrer, da verband er sich mit ihnen, da nahmen sie auf den großen Impuls, der so wirkte, daß in den letzten vierzehn Generationen dieses Volk vorbereitet wurde für die Geburt des Jesus.
[ 39 ] Dann gingen die Ereignisse so weiter, wie Sie sie kennen. Und dann sehen wir etwas Merkwürdiges: wir sehen von dem Schreiber des Matthäus-Evangeliums auf dem geistigen Gebiet ein Gesetz beachtet, das immer mehr und mehr als ein bedeutsames Gesetz erkannt werden wird für alles Leben. Das ist das Gesetz, daß auf höherer Stufe wiederholt wird dasjenige, was früher geschehen ist. In einer etwas verzerrten Gestalt hat es die heutige Naturwissenschaft schon, die da sagt, daß wiederholt wird kurz das beim Einzelwesen, was durch längere Zeiträume auf unteren Stufen der Gattung sich zugetragen hat. In großartiger Weise zeigt uns das der Schreiber des Matthäus-Evangeliums. Er zeigt es uns so, daß er uns sagt: Es sollte sich das Ich des Zarathustra verkörpern in einem Leibe, der herangebildet war nach und nach innerhalb des abrahamitischen Volkes. Abraham ging aus von Ur in Chaldäa, von der Stätte, von wo die babylonische Kultur ausgegangen ist, nahm seinen Weg durch Vorderasien nach Palästina. Seine Nachkommen wurden weitergeführt nach Süden durch die Träume des Joseph, nach Ägypten und, nachdem sie hier empfangen haben den ägyptischen Impuls, nach Kanaan zurück.
[ 40 ] Das ist das Schicksal des ganzen Volkes. Erst wird das ganze Volk herübergeführt durch Kanaan, hinüber nach Ägypten und dann wieder zurück nach Kanaan. Jetzt soll dasjenige, was sich da als Schicksal des Volkes abgespielt hat, kurz wiederholt werden. Da, wo das Ich geboren wird, dem die Hülle so vorbereitet wird, nachdem das alles sich ausgebildet hatte, was bei Abraham angelegt war, da nimmt dieses Ich wieder seinen Ausgangspunkt von Chaldäa. In Chaldäa war Zarathustra in seiner letzten Inkarnation der Geheimlehrer gewesen, mit Chaldäa war sein Geist verbunden.
[ 41 ] Welchen Weg nimmt die Seele des Zarathustra, als sie sich inkarnieren will in Bethlehem? Zarathustra war verbunden geblieben mit denen, die eingeweiht waren in die chaldäischen Geheimschulen, mit den Magiern. Die erinnerten sich gar wohl, wie sie gehört hatten von ihrem Lehrer, daß er wiedererscheinen werde, daß diese Seele, die da von jeher als Zarathustra, der goldene Stern, bezeichnet wurde, in einem bestimmten Zeitpunkte den Weg nehmen sollte hin nach Bethlehem. Und als der Zeitpunkt gekommen war, da verfolgten sie den Weg, den diese Seele ging, wiederholend den Weg des althebräischen Volkes. Wie Abraham gezogen war die Straße nach Kanaan, so ging auch der Stern, das heißt, die Seele des Zarathustra, diese Straße nach Kanaan. Und die drei Magier gingen nach dem Stern Zarathustra, und er führte sie an diejenige Stätte, wo er hineingeboren wurde in den Leib, der aus dem abrahamitischen Volke heraus ihm zubestimmt war. Da war zunächst der Zarathustra, das Ich des Zarathustra, den Weg geführt worden, wiederholend im Geist, den Abraham gegangen war bis nach Palästina herein. Dann hatte das althebräische Volk den Weg suchen müssen nach Ägypten hinüber. Hinübergeleitet war es durch die Träume des alten Joseph. Jetzt wurde das Ich, das in den bethlehemitischen Jesusknaben hineingeboren war, durch die Träume wieder eines Joseph - hinübergeleitet nach Ägypten, denselben Weg, den das abrahamitische Volk weitergetrieben worden war durch die Träume des alten Joseph. Wiederholend im Geiste macht dieses Ich des Zarathustra das ganze Schicksal des althebräischen Volkes durch im Leibe des Jesus. Da geht es hinüber nach Ägypten und wiederum zurück nach Palästina. Hier haben wir die Wiederholung im Geiste, die durchgemacht wird von der Seele des Zarathustra, und das ist ein Abbild des Schicksals des althebräischen Volkes.
[ 42 ] Das haben wir getreulich geschildert im Matthäus-Evangelium aus der Erkenntnis des Gesetzes heraus, daß dasjenige, was auf höherer Stufe erscheint, in Kürze eine Wiederholung ist dessen, was früher da war. Oh, diese Evangelien schildern tief das Ereignis, das da steht am Beginne unserer Zeitrechnung. Das da ist so groß, daß vier Schreiber sich gesagt haben: Wir können ein jeder nur von seinem Standpunkt aus schildern dieses große Ereignis. Jeder von diesen vieren hat nach seinen eingeschränkten Fähigkeiten geschildert das eine Ereignis. Wie wenn wir von vier Seiten ein Wesen abbilden, wir immer nur eine Abbildung erhalten und durch das Zusammenhalten der einander widersprechenden Bilder die Gesamtwesenheit erkennen, so hat der Schreiber des Matthäus-Evangeliums das, was er wußte über das Gesetz der drei gleich zwei mal sieben, über die Zubereitung des Leibes für das große Ich des Jesus von Nazareth durch die Mission des althebräischen Volkes geschildert, nach diesen Geheimnissen, die gerade ihm durch seine Einweihung bewußt waren.
[ 43 ] Der Schreiber des Lukas-Evangeliums hat geschrieben nach derjenigen Einweihung, die ihm gerade bewußt war und nach der er dargestellt hat, wie in anderer Weise die Buddhaströmung eingeflossen ist in das Christentum, um in demselben weiterzufließen. Und die andern Evangelisten haben aus andern Einweihungsvoraussetzungen heraus geschrieben. Das Ereignis, das sie geschildert haben, ist so groß, daß wir dankbar sein müssen, wenn wir es von vier Seiten her, von vier Eingeweihtenseiten her beschrieben finden.
[ 44 ] Nur einiges aus dem Geiste der Entstehung des Christentums sollte heute erwähnt werden, um zu zeigen, wie unsere Welterkenntnis wächst, unsere Menschenerkenntnis wächst, wenn wir das größte Menschheitsereignis verfolgen lernen. Nur eine Ahnung davon sollte erweckt werden, wie tief dieses Ereignis zu nehmen ist, und wie tief die Evangelien sind, wenn wir sie wirklich zu lesen verstehen.
