Das Johannes-Evangelium
und die drei anderen Evangelien
GA 117a
12 Januar 1910, Stockholm
Achter Vortrag
[ 1 ] Durch die Judas-Legende wird angedeutet, dass eine alte abwärtsgehende Geistesströmung sich verbündet mit einer neuen aufwärts gehenden. Neu sollte alles werden von dem Eindruck an, den das Christus-Ereignis auf die naive Seele machen sollte, bis auf denjenigen, der zu einem gewissen Grade der Einweihung aufgestiegen ist. Dies Letzte, wie es auf diejenigen wirkte, die im Sinne der alten Schulung eingeweiht waren, macht uns klar das Gespräch mit Nikodemus. Bei der Nacht — nicht die triviale Deutung genügt hier; [sondern Nikodemus war] einer derjenigen, der es bis zu einem gewissen Grade weit gebracht hatte: Durch sein Hellsehen in der Nacht konnte er hinkommen; durch hellsichtige Kraft stand Nikodemus vor Christus Jesus vermöge der Gaben, die Nikodemus schon hatte. Aber auch diesem jüdischen Eingeweihten hatte Christus etwas zu sagen: dass die alte Einweihung nicht ausreicht und etwas Neues kommen müsse: Wenn du nicht von Neuem geboren wirst aus Geist und Wasser. - Wenn er nicht eine nochmalige Öffnung seiner geistigen Sinne erlebt, könne er nicht zum Geist kommen. — Nicht nur die andern, auch du musst von Neuem geboren werden.
[ 2 ] Denn vorher wurde die Wiedergeburt nicht so erlebt, wie sie es künftig sein müsse. Das Ich trübte sich, es dämmerte hinunter in der alten ägyptischen Einweihung. Ebenso derjenige, der durch Ekstase hinter den Schleier der Sinnenwelt kam, musste sein Ich verlieren. Jetzt soll der Mensch lernen, sich in der geistigen Welt zurechtzufinden, ohne sein Ich zu verlieren. Deshalb sagt Jesus: Der in dem Stile eingeweiht ist wie du, hört den Geist dahinfahren, aber er weiß nicht, woher er kommt. Also Christus bezeugt, dass Nikodemus den Geist wahrnehmen kann, aber [Nikodemus] weiß nicht, woher er kommt, weil er sein Ich nicht behalten kann. So musste also auch für den Initiierten etwas ganz Neues kommen.
[ 3 ] Das ist das Wesentliche, was uns entgegentritt in diesen ersten Kapiteln des Johannes-Evangeliums. Der moderne Mensch findet vor allem im Evangelium Wunder, die nicht nach [heutigen] Naturgesetzen verlaufen. Diese Anschauung kann nur der haben, der glaubt, dass die Welt immer so ausgesehen habe wie heute. Unsere Seele hat hellseherische Gaben verloren, um in der Zeit bis zum Aufsteigen in das zukünftige Hellsehen das Selbstbewusstsein zu erobern. Dadurch dass die Menschen hellseherisch früher waren, konnte die Seele unmittelbarer, direkter auf die Seele wirken. Heute kann sie es durch das Wort. Wer durch die Methoden des Sich-Hineinlebens in geistige Welten sich entwickelt, muss doch, um verstanden zu werden, Empfänglichkeit im andern suchen, treffen, und diese trifft man heute durch das Wort.
[ 4 ] So war es nicht in der alten persischen und ägyptischen Zeit. Ein Wunsch, den einer erlebte, wirkte hinüber in die Seele des andern, und die Seele hatte eine stärkere Kraft über den Leib. Dadurch, dass man durch den Willen, namentlich durch bildhaftes Vorstellen beeinflusste, konnte man heilend auf den andern Menschen wirken.
[ 5 ] Daher wunderten sich damals, als Christus auftrat, die Menschen nicht, dass durch den psychischen Einfluss geheilt werden konnte. Das, was das Wichtigste war für die Umgebung, auch für die Ungläubigen und die Herrschenden in Palästina, war nicht, dass Christus Wunder wirkte, sondern etwas anderes. Wie war es in der alten Einweihung? Das dämmerhafte, alte Hellsehen konnte schauend wirken; aber bis zu einem Punkte konnte es nicht kommen; bis zu dem Ich-Mittelpunkt nicht, weil das Ich, das Selbstbewusstsein in diesem höchsten Sinne erst durch den Christus in die Welt gekommen war. Also: Er sah hinein bis in das Ich, das Innerste des Menschengeistes, von Ich zu Ich, nicht [nur] von Seele zu Seele konnte er wirken.
[ 6 ] Höchstens hat es das alte Hellsehen dazu gebracht, wenn Blutsverwandtschaft vorlag, in die Seele des andern hineinzuschauen. Der Christus schaute in die anderen, die Fremden. Daher das Gespräch mit der Samariterin als Beispiel für diese Tatsache. Woran erkennt sie, dass er derjenige ist, der da kommen soll? Nicht allegorische Deutungen sind das Wesentliche bei einer solchen Erzählung. Sie sagt: Ich glaube ihm, weil er meine intimsten Herzensangelegenheiten gesehen hat, [weil er] bis in mein Ich eingedrungen ist.
[ 7 ] Wovon hängt es ab? Alle alte Einweihung war eine Volkseinweihung, daher war alles vertraut, was mit dem Volk zusammenhing. Im Christus haben wir den Impuls, der über alle Schranken hinausgegangen ist bis in den Menschen. Das Individuellste ist zugleich das Allgemein-Menschlichste. Christus ging bis in das Intimste des Menschen hinein; deshalb war seine spirituelle Kraft so stark, weil sie bis in das Ich ging. Die andern konnten heilen die Angehörigen ihres eigenen Volkes. Christus heilt den Fremden, wirkt über die Volksschranke hinaus. [Nehmen wir als Beispiel die] Heilung des Hauptmann-Sohnes. Weil der Vater jenen Seeleneindruck hat, der bis in das Innerste geht, wirkt diese heilende Kraft bis in die Ferne.
[ 8 ] Dasjenige, was im innersten Menschen wirkt von Inkarnation zu Inkarnation, das ist, was zusammenhängt mit menschlichem Wohlergehen, mit Gesundsein und Kranksein. Über die einzelne Inkarnation hinaus bringt dasjenige [das], was die Seele an moralischen Eigenschaften hat, im Körper zum Ausdruck. Der da sah nur die Seele, konnte nur das Seelische ergreifen in der gegenwärtigen Inkarnation, nicht [aber], was das Karma betraf. Christus sieht bis in das Karma hinein durch das Ich und kann sagen: Deine Sünden sind dir vergeben. — Nicht nur in die Empfindungen wirkt er hinein, sondern bis in jenes Zentrum des Menschen, wo das Karma sich auslebt. Das ist eine Steigerung.
[ 9 ] Eines geht aus den Erzählungen des Johannes-Evangeliums hervor: Etwas zum Bewusstsein musste sich der Christus bringen, um neu wirken zu können. Bei der Hochzeit zu Kana zum Beispiel ist es das Band mit der Mutter. Etwas anderes geschieht bei der Heilung des Sohnes vom Königischen und des Kranken vom Teiche Bethesda. Es ist dies das Band, das ihn in seinem Ich verbindet mit dem Ich eines jeglichen Menschen: Das trat ihm ins Bewusstsein beim Gespräch mit der Samariterin.
[ 10 ] Wie Christus wächst, zeigt uns in gewaltiger Weise das JohannesEvangelium. Das ist das künstlerisch Vollendete im Aufbau des Johannes-Evangeliums. Und nun sehen wir, in welcher Weise Johannes der Täufer von Christus spricht. Er soll sagen, welcher Art der Geist ist, der im Christus lebt ... Er vergleicht ihn mit dem Geist in den alten Initiationen. Dieser Geist hat vorher gesprochen «nach dem Maße», jetzt aber nicht - was ist das? Früher musste der Initiierte ein Metrum anwenden; er musste in einem mantrischen Maß wirken; dadurch wurde die Seele des andern angeregt. Jetzt soll der Geist unmittelbar wirken, nicht nach einem äußeren Silbenmaß. So wird auch an dieser Stelle uns angedeutet, wie das Ich des Christus in seiner unmittelbaren göttlichen Wirksamkeit sich entfalten soll.
[ 11 ] Dasjenige, was uns an Lehre werden kann über den Christus, sollen die Menschen nach und nach in sich aufnehmen, sodass sie sich spirituell bilden: Da war einmal das Ich, das uns zeigt, wie wir werden sollen. Wenn wir angewendet haben eine jede Inkarnation im christlichen Sinne, werden wir am Ziele der Erd-Evolution durchchristet sein. Ein Impuls vom Ich, vom innersten Zentrum, wird hinübergehen zum innersten Zentrum des andern. So wird die Brüderlichkeit erreicht werden durch die Kraft des Christus. Daher wird gezeigt, wie der Geist an die Stelle dessen tritt, was früher nur die Materie vermochte.
[ 12 ] Ich bin das Brot des Lebens. — Äußerlich-symbolisch genommen: In den altägyptischen Mysterien wusste man, dass Brot ein Symbolum sei für Weisheit; innere reale Deutung: Das bis zur höchsten Stärke entwickelte Ich soll treten an die Stelle materieller Wirksamkeit. Dies sollte vorgeführt werden an einer großen Tat, an der Speisung der Fünftausend. Es wird gesagt: Da dem Christus gereicht wurden die Brote und die Fische, segnete er sie — das heißt, er verband sie mit seinem Geiste —, der Geist trat in Wirksamkeit an Stelle der Materie. Der Geist bewirkte, was sonst die Materie bewirkt. Sie waren satt geworden. Wovon? Ich bin das Brot des Lebens, sagt Christus. Der Leib des Jesus, indem er allmählich starb, konnte seine Kräfte überfließen lassen durch das Opfer.
[ 13 ] Von dem Zentrum aus hineinwirken in das materielle Dasein konnte der Christus Jesus. Die Wirkung des Leibes des Christus Jesus ist gegessen [worden] von den Fünftausend. In der Mysteriensprache wird der Leib des Menschen eingeteilt in zwölf Glieder, welche entsprechen den zwölf Zeichen des Zodiakus: Stirn - Widder, Hals - Stier, Hände - Zwillinge, Brustpanzer - Krebs und so weiter.
[ 14 ] Was die Umsitzenden genossen hatten, war zusammenhängend mit dem Leibe des Christus; daher sammelte man zwölf Körbe. Es ist ein reales Ereignis, dass der Geist eine physische Wirkung, das Sattwerden hatte; und dadurch waren vom Geiste durchdrungen die Umsitzenden und schauten hellsichtig in diesem Moment die zwölf Teile des Jesus.
[ 15 ] So finden wir in diesen Erzählungen immer einen Übergang vom Physischen ins Hellseherische.
[ 16 ] So haben wir im vierten Zeichen eine Steigerung und auch im fünften Zeichen. Es schildert der Schreiber des Johannes-Evangeliums die Ereignisse so, dass wir dürfen seine Worte ganz exakt nehmen. Aber moderne Überschriften sind oft falsch. «Jesus wandelt über dem Meer» steht nicht da, sondern dass die Jünger «sahen, wie er wandelte». Dass er hinüberwirkte, real bei ihnen war, wo sie sich verlassen fühlten, geistig real bei ihnen war, das wird uns angedeutet. [Wo sein physischer Körper war, wird niemals erwähnt. Dieses hat auch keine Bedeutung. Das Wichtigste war, dass er in ihrer Not in seinem Astralleib bei ihnen war, obwohl er mit dem physischen Leibe abwesend war. Und auf diese Weise haben auch wir den Christus immer bei uns. - Ich bin bei euch alle Tage.]
[ 17 ] So können wir den Christus immer erleben, wenn wir zum Geist aufsteigen. Er war herausgetreten mit seinem Geiste und war bei den Jüngern, indem er durch die starke Ich-Kraft Raum und Zeit überwand.
[ 18 ] Wie das [eigene] Bewusstsein im Christus sich immer steigert, schildert uns der Schreiber des Johannes-Evangeliums. Wodurch erlangt der Mensch jene Liebeskraft, dass er hinüberwirken kann? Indem er aufs Höchste steigert, was uns angedeutet wird in den Reden über das Richten. Er will niemals dieses Ich selbst wirken lassen, sondern nur die großen Gesetze des kosmischen Vaters.
[ 19 ] Indem er sein eigenes Väterliches abtötet, seinen physischen Leib, gelangt er zum kosmischen Vater. In besonders hohem Maße wird uns dieses Aufsteigen im eigenen Bewusstsein geschildert in einer gewaltigen Szene: Eine Ehebrecherin wird vor ihn gestellt. Karmalehre verstehen heißt wissen, dass auch das Kleinste, was wir tun, sich in unserm Lebenskonto ausdrückt. Wir brauchen nur daneben zu stehen, dann wirkt es kraft seiner eigenen Gesetze. Der Christus tut es... Er sieht, was sie in ihrem Lebenskonto hat, aber er richtet nicht. Er schreibt auf die Erde, was er gesehen hat, weil das Karma des Menschen durch die Erdevolution durchwirkt. Überlassen wir der Erdevolution den Ausgleich, sagt er uns damit. So löscht der Christus an sich in dieser Richter-Szene den eigenen Willen aus und lässt den Vater wirken. Dadurch hat er die Kraft, hinüberzuführen seine Ich-Kraft so in den andern, dass sie dessen Empfindungen ändern kann. Dadurch macht er sich zu dem, der nichts in sich verschließt, sondern alles in die andern ausstrahlt.
[ 20 ] Durch dieses Opfer wird gutgemacht, was die Menschheit schlecht an sich gemacht hatte. Sie hatte ins Innere hineingewirkt, gestrebt in das Ich hinein, aber noch nicht die Möglichkeit gehabt, ihr Wesen auszustrahlen. Das göttlich ausstrahlende Wesen ist Licht. «Ich bin das Licht der Welt.» Dadurch, dass er dies ausstrahlende Licht ist, kann er dem durch Karma blind Gewordenen helfen, [dadurch kann er] auf solche Leiden wirken, die das Ich durch seine Taten sich mitgebracht hat aus früheren Inkarnationen. [Jesus sah, dass in diesem Augenblick das Karma des Mannes abgelaufen war und dass er sein Gesicht wiederbekommen konnte, und er verstand, dass er dadurch, dass er ihn heilte, dessen Willen tat, dessen Werkzeug er war. Aber einem Menschen das Sehvermögen wieder zu schenken, der es nicht haben soll, wäre kein gutes Werk gewesen.] Er muss wirken so, dass sein Wirken Ausdruck ist für das göttliche Wirken des den Kosmos durchwirkenden Vaterprinzips. Von sich aus will Christus nicht wirken. Daher wirkt er im Sinne des Karmas. Durch seine Gegenwart [wird] hervorgerufen, was im Sinne der Weltgerechtigkeit geschieht.
[ 21 ] Die höchste Steigerung tritt uns dort entgegen, wo er sein Ich in die Körperlichkeit des andern hinübertreten lässt, wo er sagt: «Ich bin das Leben.» Lazarus muss werden ein solcher, in dem lebt das Ich des Christus selber. Daher hat er an Stelle der alten Initiation eine neue hingesetzt. Letzter Akt der alten Initiation war ein lethargischer Zustand von dreieinhalb Tagen ... Hierophant weckte ... [Der letzte Akt der Einweihung bestand darin, dass der Eingeweihte in kataleptischem Schlaf dreieinhalb Tage verbrachte, wobei der Ätherleib und der Astralleib vom physischen Leibe frei gemacht wurden. Danach wurde er vom Hierophanten ins Leben zurückgerufen und wurde danach ein Lehrer und ein Verkünder geistiger Dinge, nachdem er jetzt aus eigener Erfahrung sprechen konnte. Dies geschah in einer Krypta im Innern des Tempels und ging im Geheimen vor sich. - Nun geschah diese Auferweckung vor aller Welt. Jesus hatte die Familie in Bethanien lieb und hielt sich oft dort auf. Er hatte Lazarus zu dem Punkt gebracht, dass nach der alten Einweihung nur der letzte Akt fehlte.]
[ 22 ] In Lazarus - dem Jünger, den Jesus lieb hatte - soll uns dargestellt werden, wie durch die Gewalt der Anwesenheit des Christus Jesus ein Schlussstein gelegt werden sollte für die alte Einweihung; aber die neue sollte folgen; nach dreieinhalb Tagen sollte durch Christus das «Ich bin» in Lazarus aufgeweckt werden. Nicht die geistige Welt im alten Stile, sondern so, wie sie im Geist des Christus lebte, die Ichheit des Christus, vollendetes Atma, Budhi und Manas ... und was wie avatarsisch aus höheren Welten in ihn hinübergeflossen war. Die Welt, die in ihm lebte, sollte als Weisheit aufleuchten in Lazarus. Sodass Lazarus durch diese Initiation durchdrungen war mit der höchsten Weisheit von dem Christus selber. Er kannte die Mysterien durch den Christus selbst, deshalb konnte er alle Mysterien des Christus-Ereignisses mitteilen.
[ 23 ] [Im Evangelium des Johannes wird zwar der Name des Verfassers nie erwähnt. Aber wenn am Schluss desselben von dem gesprochen wird, der es geschrieben hat, wird er «der Jünger, den Jesus lieb hatte genannt — das heißt, er wird mit demselben Ausdruck bezeichnet, der vorher immer für Lazarus angewendet wurde.]
[ 24 ] Er ist Johannes; der Verkündiger der Geheimnisse von dem Christus selber. Daher wird Johannes vorher nie erwähnt, nachher wie Lazarus selber: So lieb hatte ihn der Herr.
[ 25 ] So hatte sich der Christus Jesus denjenigen initiiert, der dann sein Verkünder für die Welt wurde.
