Das Johannes-Evangelium
und die drei anderen Evangelien
GA 117a
13 Januar 1910, Stockholm
Neunter Vortrag
[ 1 ] Durch die theosophische Bewegung in unserer Zeit soll der geistige Inhalt des Evangeliums den Menschen immer mehr zugänglich werden. Und dieses ist umso mehr notwendig, als die biblischen Urkunden gerade in unserer Zeit immer mehr zersplittert und zerfasert zu werden anfangen durch die historisch-wissenschaftliche Forschung, die doch an und für sich ein Gutes ist. Der moderne Mensch hat den Blick für die geistigen Wirklichkeiten verloren.
[ 2 ] Die äußere historische Forschung ist in unseren Tagen zu dem Resultat gekommen, dass die drei synoptischen Evangelien in gewisser Weise als geschichtliche Ereignisse aufgefasst werden müssen. Im Hinblick auf die darin vorhandenen Widersprüche sucht diese Forschung glaubhaft zu machen, dass sie dadurch zustande gekommen sind, dass diese Evangelien nicht durch Augenzeugen zustande gekommen sind, sondern dass die Erzählungen von Mund zu Mund gegangen sind und erst später niedergeschrieben worden sind. Nach einer Vermutung sollten die Synoptiker von einer aramäischen Quelle herrühren und mündliche Mitteilungen über die Ereignisse in Palästina sein. Der, der das Johannes-Evangelium geschrieben hat, sollte nicht ein historisches Ereignis, sondern nur ein in äußeren Bildern dargestelltes Bekenntnis haben geben wollen.
[ 3 ] Aber die Evangelien gehen der Menschheit verloren, wenn die Kritik auf diesem Wege fortsetzt. Nur durch die geistige Forschung können wir den wahren Sachverhalt finden. Diese Forschung fragt nicht nach irgendeiner phantastischen aramäischen Quelle, sondern nach den wirklichen Quellen, aus denen die Evangelien hervorgequollen sind.
[ 4 ] Nur dadurch, dass wir diese prüfen, können wir eine tiefere Erkenntnis erreichen. Nicht an irgendwelche äußere Urkunden, sondern an die Mysterien der Vorzeit müssen wir uns wenden, wenn wir die Evangelien verstehen sollen. In diesen Mysterien gab es etwas, was man als Einweihungszeremonie bezeichnen könnte. Was ein Mensch für seine Entwicklung brauchte, das wusste der Hierophant; und die Methoden, die angewendet wurden, um ihn in die geistige Welt zu führen, waren nicht so wohlbekannt und ausführlich beschrieben in der alten Zeit wie in unseren Tagen. Der Mensch stand damals auf einem anderen Entwicklungsniveau und brauchte deshalb andere Methoden als diejenigen, welche wir anwenden. Sorgfältige Unterweisung ging jahrelang jeder Einweihung voraus. Der Inhalt der Unterweisung, die in den ägyptischen sowie den pythagoreischen Einweihungsstätten gegeben wurde, glich in gewisser Weise dem, was wir in unseren Tagen ‹Theosophie› nennen und exoterisch verbreiten. Der Schüler musste erst lernen, was in dieser Zeit mit ‹Theosophie› gemeint war. Dann folgte die Einweihung, die aus drei Graden bestand.
[ 5 ] Der erste Grad, der der Vorbereitung folgte, hieß die Imagination» oder die «Erkenntnis. Der zweite Grad hieß die «Erleuchtung» oder die «Inspiration» und der dritte die «Vollendung durch die «Intuition» oder das «direkte geistige Schauen».
[ 6 ] Diese drei Grade waren nicht intime innere Erlebnisse wie in späteren Zeiten, sondern rein äußere Handlungen, in welchen die innere Entwicklung sich spiegelte. Der Jünger wurde durch gewisse sinnliche Vorbilder vorbereitet, große symbolische Figuren, die man ihm in den Mysterientempeln zeigte und die eine gewisse magische Wirkung auf ihn ausüben sollten. Er sollte auch gewisse dramatische Situationen durchleben und gewisse körperliche Proben durchmachen, die zum Ziel hatten, Kräfte zu erwecken und frei zu machen, die noch in seiner Seele schlummerten. Diese symbolischen Figuren und dramatischen Situationen sollten ihn auf alle die Versuchungen aufmerksam machen, die einem Menschen in der Welt begegnen können und ihm zeigen, wie tief der Mensch fallen kann, wenn er sich selbst überlassen ist. Um diesem zu entgehen, muss die Seele sich von allem frei machen, was sie bindet. Durch das Anschauen äußerer, oft recht drastischer Situationen sollte der Schüler von allen seinen "Trieben, Begierden und Leidenschaften gereinigt werden. Und durch diese Katharsis oder Reinigung sollte aus dem Innersten der Seele alles das Edelste, das es da gibt, hervorgezogen werden. Danach war er reif, in den ersten Grad einzutreten, die Welt der Imagination.
[ 7 ] Diese Katharsis war umso nötiger, als der Schüler sonst allen den Gefahren in der neuen Welt, die sich ihm eröffnete, ausgesetzt wäre. Die äußere Welt war nicht mehr dieselbe, er konnte nicht mehr auf das Konto seiner Umgebung leben. Er konnte nicht mehr Hilfe von allen diesen Geboten und allgemein angenommenen Ansichten haben, die eine Gesellschaft, eine Familie aufbauen. In seiner Seele stiegen Entsetzen erregende Bilder auf. Hätte er nicht durch die Erziehung einige feste Grundsätze und tragenden Gedanken eingepflanzt bekommen, hätte es ihm sehr schlecht ergehen können. Aus den Tiefen der Seele stiegen ganz objektive Bilder aller der Triebe und Begierden auf, die er in sich trug — nicht nur solche, deren er sich bewusst war, sondern auch andere, die er gar nicht kannte. Durch deren Einwirkung konnte er schlechter werden als vorher, wenn er nicht vorher einen bis zum Innersten der Seele dringenden Reinigungsprozess durchlaufen hatte, die Katharsis. Auf diese Weise wurde der Jünger langsam durch eine Anzahl äußerer Mittel zum zweiten und dann zum dritten Grade geführt.
[ 8 ] Was uns nun besonders interessiert, ist der letzte Grad der Einweihung, der in den verschiedensten Mysterien derselbe war. Schauen wir nun zuerst zurück auf die ägyptischen Mysterien. Da finden wir, dass der Schüler während einer gewissen Zeit, dreieinhalb Tage lang, in einen lethargischen Zustand versetzt wurde, sodass er mit seinen äußeren Sinnen weder sah noch hörte. Er lag wie tot in seinem Sarge oder auf einem Kreuz. Während des gewöhnlichen Schlafes bleibt, wie wir wissen, der Ätherleib im physischen Leibe, während der Astralleib und das Ich sich herausziehen. Aber in dem kataleptischen Zustand vereint sich der Ätherleib mit den beiden andern, und der physische Leib wird alleingelassen. Es geschah also ein buchstäbliches Töten des Vaterprinzips und eine Vereinigung mit dem Mutterprinzip. Der Schüler wurde dadurch in den Stand gesetzt, Erlebnisse in der geistigen Welt zu haben, die der physischen zugrunde liegt, das heißt der Ätherwelt, und konnte dann aufgrund seiner eigenen Erfahrung als deren Bote von ihr sprechen.
[ 9 ] Aber der Ätherleib durfte sich nicht allzu weit von dem physischen Leib entfernen, denn dann konnte es geschehen, dass er gar nicht zurückgerufen werden konnte. Der Hierophant musste darüber wachen und den Schüler zur rechten Zeit zurückrufen. Dieser kehrte darauf zur Welt zurück mit der Erinnerung von allem, was er erlebt hatte, und konnte dann in Worte kleiden, was er gesehen und gehört hatte, und der Zeuge der geistigen Welt werden. Dieses geschah bei der ägyptischen Einweihung.
[ 10 ] Auf andere Weise spielte sich der letzte Akt der Einweihung in den Ländern ab, welche sich wie ein breiter Gürtel von dem Persischen Golf, dem Schwarzen und Kaspischen Meer hin zum Westen bis Frankreich und Großbritannien ausbreiten. Hier war es die Zoroaster-Religion, die den Völkern ihr Gepräge gab. Nachdem der Jünger beispielsweise in den Druiden- oder Drotten-Mysterien die zwei ersten Grade durchgemacht hatte und in den Mysterien unterwiesen worden war, wurde er schließlich in die eigentliche Welt der ätherischen Vorgänge eingeführt, in die geistige Welt, die uns umgibt. Die Ereignisse, die sich im Kosmos abspiegeln, konnten dort direkt auf ihn wirken. Währenddessen wurde alles, was sich vorher in ihm bewegt hatte, zum Schweigen gebracht und wie ergossen in den ganzen Kosmos. [Während bei der ägyptischen Einweihung der Schüler ganz herausstieg aus dem Zusammenhang mit der äußeren Welt und hineinstieg ganz in seine Seele, herunterstieg zu Persephonaia, wurde hinaufgerückt in die kosmischen Welten der Schüler der Drotten-Mysterien, und ausgießen konnte er seine Wesenheit bis zur Zwölfheit, bis zum Zodiakus. Er wusste, dass die Dinge anders sprachen, je nachdem dies oder jenes Sternbild über den andern war. Hierin lag der Unterschied mit der ägyptischen Einweihung. Es war der anderen Konstitution der Menschen angepasst dieser Weg.]
[ 11 ] Für verschiedene Völker bestimmt, führten diese Wege - sowohl der äußere als auch der innere - zu demselben Resultat. In dem Christus sollten sie sich vereinen, zu einem einzigen Weg zusammenfließen und die einheitliche christliche Initiation bilden. Der, der das Evangelium richtig liest, findet deshalb darinnen die wichtigsten Mysterien. Der Christus selbst hatte Lazarus eingeweiht und ihm den letzten Akt des ägyptischen Initiationsdramas gebracht, aber er hatte ihn auch das Wichtigste der nordischen Einweihung durchleben lassen. Dies geht aus einer Stelle im Johannes-Evangelium hervor, wo etwas erzählt wird, was der Evangelist nicht mit seinen physischen Augen gesehen haben kann, und was nur der erzählen kann, der von dem Christus selbst eingeweiht worden ist. «Am nächsten Tage», heißt es, «standen da Johannes der Täufer und zwei seiner Jünger mit ihm, und er sah Jesus kommen und sagte: Siehe Gottes Lamm, und die» - andern — «beiden Jünger hörten ihn sprechen und folgten Jesum. Da wandte sich Jesus um ...» und so weiter, worauf der Evangelist hinzufügt: «Und es war in der zehnten Stunde.»
[ 12 ] Wie sollen wir das verstehen? Die geistige Forschung geht viel realistischer zuwege als die historische Forschung, die zum Beispiel diese Stelle so deutet, dass der Evangelist daneben gestanden und alles das beobachtet habe. Aber das ist nicht richtig. Die Worte «Es war zu der zehnten Stunde» deuten darauf hin, dass der, der das JohannesEvangelium geschrieben hat, hellsehend war, sodass die Stellungen der Konstellationen auf ihn einwirkten. Selbst war er ferne, aber eine gewisse Konstellation ermöglichte es, dass er seinen hellseherischen Blick auf dieses Ereignis richten konnte. Es ist unmöglich diesen Zusatz auf andere Weise zu erklären - «Es war zu der zehnten Stunde. Nur zu dieser Stunde stand eine gewisse Konstellation so, dass er auf hellseherischem Weg dieses sehen konnte.
[ 13 ] Es gibt nichts in den Evangelien, das nicht seinen Grund hat, und je genauer man sie nimmt, desto klarer werden sie. Und könnten wir uns mit dem allgemeinen Gefühl von der unerhörten Tiefe der Evangelien durchdringen, würden wir viel gewonnen haben.
[ 14 ] Nun sind indessen Lazarus und der, der das Johannes-Evangelium geschrieben hat, derselbe Mann. Dass er durch die Einflüsse der Konstellationen hellsichtig wird, deutet darauf hin, dass er die nordische Einweihung durchgemacht hat, und durch die Auferweckung vom Tode ist er auch ein ägyptischer Eingeweihter. Teils aufgrund dieser seiner doppelten Einweihung, teils weil Jesus selbst ihn eingeweiht hatte, hat sein Evangelium eine so besonders große Bedeutung. Die Evangelisten haben alle auf ihre besondere Weise das Einweihungsdrama geschildert, so, wie es sich in den verschiedenen Tempeln abspielt. Durch vorbereitende Szenen und symbolische Bilder, die in den verschiedenen Tempeln verschieden waren, wurden die Jünger in die geistige Welt eingeführt.
[ 15 ] Aber daneben lehrte man noch etwas anderes. Das, was in den Mysterien vorbildlich dargestellt ist, so lehrte man, sollte in der äußeren physischen Welt Wirklichkeit werden. Das Initiationsdrama sollte einmal von einem Göttersohn durchlebt werden, und gerade daran würde er wiedererkannt werden. Wenn Ahura-Mazdao niedersteigt und sich als Mensch inkarniert, da wird er im wirklichen Leben alles durchleben, was bis dahin nur im Innern des Tempels aufgeführt worden ist. Wenn dieses geschieht, ist der Gottessohn zu uns gekommen. Dass mit dem Christus Jesus diese Tatsache eingetreten ist, das wussten die Evangelisten. Sie wussten, dass die im Tempelinneren aufgeführten Mysterien durch das Ereignis in Palästina Wirklichkeit geworden sind. Deshalb konnten sie auch das Einweihungszeremoniell schildern. Gleichzeitig beschrieben sie es, wie es sich in Wirklichkeit zugetragen hatte. Denn das Ereignis in Palästina stimmt mit den alten Mysterien überein und spiegelt sie wider. Hier in den uralten Mysterien der Vorzeit - und nicht in irgendwelchen aramäischen Urkunden - haben wir die wirkliche Quelle des Evangeliums zu suchen.
[ 16 ] Die Evangelisten haben verstanden und anerkannt, dass einstmals ein Mensch auf der Erde gelebt hat, dessen ganzes äußeres Leben in allem ein Bild von dem war, was in den Tempeln verkündet wurde, und deshalb konnten sie gleichzeitig darüber schreiben, wie sie [auch] die alten Initiationsmethoden beschrieben.
[ 17 ] Eine Biografie im selben Sinne wie in der heutigen Zeit zu schreiben, davon war hier nicht die Rede. Durch Briefe und Zettel, die die Betreffenden unvorsichtigerweise hinterlassen haben und nach denen man heutzutage vor allem sucht, kann man niemals das Wesentliche im Leben eines Menschen finden. So schrieb man dazumal nicht die Geschichte Jesu. Die Evangelisten folgten einer besseren Methode. Das Wesentliche für sie waren die Ereignisse in seinem Leben, die mit dem Initiationsdrama übereinstimmten, und dass er als historische Persönlichkeit dieses wirklich durchlebt hatte. Für sie war er der größte unter den Eingeweihten, weil er zum Leben erweckt worden war kraft seines eigenen göttlichen Ichs - nicht durch den Hierophanten in einem unterirdischen Tempel.
[ 18 ] Alles dies haben die drei ersten Evangelisten erfasst und im Zusammenhang mit ihren verschiedenen Einweihungen geschildert. Lazarus, der von dem Christus Jesus selbst eingeweiht worden war, hatte als geistiger Augenzeuge alles erfahren, und deshalb konnte er, der die innersten Ursachen des großen Dramas am besten kannte, die intimsten Schilderungen davon geben. Er brauchte keine ägyptischen Urkunden; die Urkunde, der er folgte, hatte der Christus Jesus selbst ihm gegeben. Wir finden folglich, dass die Evangelien auf der einen Seite uns geschichtliche Wirklichkeit geben und auf der andern Seite Bilder von den Einweihungsdramen der Mysterien.
[ 19 ] Als Jesus Lazarus von den Toten erweckte, vollzog er in Wirklichkeit eine Einweihungs-Zeremonie vor [allem] Volke, und in dieser Tatsache haben wir den Grund zu der heftigen Verfolgung durch die jüdischen Behörden. Es ist sonst unmöglich zu verstehen, warum sie ihn töten wollten, gerade weil er einen Menschen auferweckt hatte, der für tot gehalten wurde, ja [warum sie] sogar den töten lassen wollten, der auferweckt worden war. «Dieser Mann tut viele Zeichen», sagten sie unter sich, «wir können nicht mit ihm zusammenleben.» Konservativ wie sie waren in Bezug auf ihre alte Lehre, wollten sie die Geheimnisse der Mysterien bewahren.
[ 20 ] Bis jetzt hatten nur einige den Weg gekannt, der zu der geistigen Welt führte, aber jetzt waren die Geheimnisse des Tempels ans Tageslicht hervorgeholt worden. [Jetzt soll es möglich werden nachzuleben dem Initiationsvorgang. Für alle Welt sollte der Vorgang hingestellt werden. Zunächst vorbildlich durch die Erweckung des Lazarus, dann am Kreuz.] Außerhalb des Tempels war das große Einweihungsdrama vor sich gegangen, und im Anblick des Volkes war der Eingeweihte zum Leben berufen worden, das war allen klar, die verstanden, was geschehen war. Es war in den Augen der Konservativen Verrat gegen die Mysterien und sollte mit dem Tode bestraft werden. Es war deswegen nicht verwunderlich, dass die Priester sagten, dass sie mit diesem Menschen nicht leben konnten.
[ 21 ] Man könnte einwenden: Wenn der Initiationsvorgang Gefahren birgt, durfte er da veröffentlicht werden? So, wie es geschehen war, ja. — Hätte man ihn nur geschildert bis zum Lazarus-Ereignis, wäre es gefährlich; doch nach dem zwölften Kapitel kommt die Erzählung von dem, was geschehen musste, damit das Öffentliche nicht gefährlich wurde.
[ 22 ] Wenn wir das ganze Johannes-Evangelium verstehen, finden wir darin enthalten das, was möglich machte, hinzudeuten auf den Initiationsvorgang.
