Die Offenbarungen des Karma
GA 120
19 Mai 1910, Hanover
Vierter Vortrag
[ 1 ] Es darf die Voraussetzung gemacht werden, daß gerade über die beiden Begriffe, welche den Gegenstand unserer heutigen Betrachtung bilden sollen, nämlich Heilbarkeit und Unheilbarkeit von Krankheiten, deutlichere und, man kann sagen, menschenfreundlichere Vorstellungen herrschen werden, wenn einmal die Ideen von Karma und karmischen Zusammenhängen im Leben in weiteren Kreisen werden Platz gegriffen haben. Man darf ja sagen, daß in bezug auf die Begriffe Heilbarkeit und Unheilbarkeit von Krankheiten in den verschiedensten Jahrhunderten die verschiedensten Meinungen verbreitet waren. Und man braucht nicht sehr weit zurückzugehen, um zu sehen, wie ungeheuerlich sich diese Begriffe verändert haben.
[ 2 ] Da finden wir eine Zeit — sie ist die Wende zwischen dem Mittelalter und der neueren Zeit, so etwa das 16., 17. Jahrhundert —, da entwickelten sich allmählich die Vorstellungen, daß man die Krankheitsformen in einer strengen Weise eingrenzen könne und daß es eigentlich für eine jede Krankheit irgendein Kräutlein, irgendeine Mixtur gebe, durch welche die betreffende Krankheit unbedingt geheilt werden müsse. Dieser Glaube dauerte im Grunde recht lange, sogar bis in das 19. Jahrhundert hinein. Und wenn man als Laie oder als Mensch, der die heutigen Zeitbegriffe in sich aufgenommen hat, nachlesen wollte in den Mitteilungen von Krankenbehandlungen vom Ende des 18. oder dem Beginn des 19. Jahrhunderts und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, so würde man erstaunen über all die Mittel und Mittelchen, die damals reichlich angewendet worden sind, von Tees, Mixturen bis zu gefährlicheren Arzneien, Aderlässen und so weiter. Aber gerade das 19. Jahrhundert war es, welches in medizinischen Kreisen, und zwar in angesehenen medizinischen Kreisen, diese Ansicht in das genaue Gegenteil verkehrt hat. Und ich darf wohl selbst sagen, daß mir vieles von diesen gegenteiligen Ansichten während meiner jüngeren Jahre in den verschiedensten Nuancen und Motiven vor Augen getreten ist. Es war die Gelegenheit dazu gegeben, wenn man etwa die Strömung der nihilistischen medizinischen Schule mitmachte, die sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien vorbereitete und eigentlich immer mehr und mehr an Ansehen gewann. Der Ausgangspunkt zu einer radikalen Änderung in bezug auf die Anschauungen über Heilbarkeit und Unheilbarkeit von Krankheiten war das, was der bedeutende Mediziner Dietl über den Verlauf der Lungenentzündung und ähnlicher Krankheiten zutage förderte. Er war durch allerlei Betrachtungen dazu gekommen, sich zu sagen, daß im Grunde gar kein rechter Einfluß von diesem oder jenem Mittel auf den Verlauf dieser oder jener Krankheit zu bemerken sei. Und gerade unter dem Einfluß von Dietls Schule lernten die damaligen jungen Mediziner über den Heilwert der seit Jahrhunderten heraufgekommenen Heilmittel so denken, daß sie auf alle alten Mittel übertrugen, was mit dem bekannten Sprichwort gemeint ist: Kräht der Hahn auf dem Mist, so ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist! — Sie waren der Meinung, daß es ziemlich einerlei sei für den Verlauf einer Krankheit, ob man diese oder jene Mittel verabreiche oder nicht. Und Dietl war einer, der eine für die damalige Zeit recht überzeugende Statistik zustande brachte, die besagte, daß bei der von ihm eingeführten sogenannten abwartenden Behandlungsweise ungefähr ebenso viele Menschen, die an Lungenentzündung erkrankt waren, geheilt wurden oder starben als bei der früheren Behandlung mit den altehrwürdigen Heilmitteln. Die von Dietl begründete, von Skoda weiter fortgeführte abwartende Behandlung bestand darin, daß man den Kranken in die äußere Lebenslage brachte, die ihn instande setzte, die selbstheilenden Kräfte am allerbesten in Anwendung zu bringen, sie hervorzuholen aus seinem Organismus, und dem Arzte wies man kaum eine andere Stellung an, als den Verlauf der Krankheit zu überwachen, damit er da war, wenn irgend etwas eintrat, wo man mit menschlichen Mitteln sachgemäß Hilfe leisten kann. Im übrigen beschränkte man sich darauf, die Krankheit sozusagen kommen zu sehen, abzuwarten, wie die selbstheilenden Kräfte aus dem Organismus herauskamen, bis das Fieber nach einiger Zeit abfiel und die Selbstheilung durch den Organismus eintrat.
[ 3 ] Diese medizinische Schule wurde und wird noch heute mit dem Ausdruck der «nihilistischen Schule» belegt, weil sie auf einem Ausspruch von Professor Skoda fußte, der ungefähr sagte: Wir können vielleicht lernen, Krankheiten zu diagnostizieren, sie zu beschreiben, vielleicht auch zu erklären — heilen aber können wir sie nicht! — Ich erzähle Ihnen Dinge, von denen Sie als von Tatsachen, welche sich im Laufe des 19. Jahrhunderts herausgebildet haben, Notiz nehmen sollen, damit Sie eine Empfindung dafür erhalten, wie sich Vorstellungen auf diesem Gebiete geändert haben. Aber es möge niemand glauben, daß, wenn dies oder jenes hier in rein erzählender Form ausgesprochen wird, deshalb gleich in der einen oder andern Weise Partei ergriffen werden soll. Denn selbstverständlich war der Ausspruch des berühmten Professors Skoda eine Art Radikalismus, und es würde leicht sein, die Grenzen, innerhalb welcher ein solcher Ausspruch gilt, aufzuzeigen. Auf eins aber war mit solcher Meinung hingewiesen, ohne daß man eigentlich die Mittel hatte, bewußt diesen Hinweis irgendwie zu begründen oder zu umschreiben oder in Worte zu bringen — ja nicht einmal in Gedanken konnte man ihn bringen; das heißt, man konnte in den Kreisen, in welchen man ihn aussprach, nicht einmal daran gehen, diesen Hinweis zu denken. Es wurde darauf hingewiesen, daß sich allerdings im Menschen etwas finden müsse, was in gewisser Beziehung bestimmend ist für den Ausgang und für den Verlauf einer Krankheit und was als solches im Grunde genommen doch jenseits dessen liegt, was menschliche Hilfe leisten kann.
[ 4 ] Es war also der Hinweis auf etwas gegeben, was jenseits der menschlichen Hilfe liegt; und dieser Hinweis kann niemals, wenn man wirklich den Dingen zu Leibe geht, sich auf etwas anderes beziehen als auf das Gesetz von Karma und auf die Wirksamkeit von Karma im Verlaufe des menschlichen Lebens. Wenn wir den Verlauf einer Krankheit im menschlichen Leben verfolgen — das Heraufkommen der Krankheit, die aus dem Organismus selbst hervorsprießenden Heilkräfte —, wenn wir die Heilentwickelung verfolgen, dann werden wir bei unbefangener Betrachtungsweise, besonders wenn wir darauf Rücksicht nehmen, wie in dem einen Falle Heilung eintritt, während in einem andern Falle keine Heilung möglich erscheint, dahin getrieben werden, nach tieferer Gesetzmäßigkeit zu suchen. Darf diese tiefere Gesetzmäßigkeit gesucht werden in den früheren Erdenleben des Menschen? Das ist für uns die Frage. Darf davon gesprochen werden, daß sich der Mensch gewisse Vorbedingungen mitbringt, die ihn geradezu vorausbestimmt machen, in einem besonderen Falle seine Heilkräfte aus dem Organismus aufrufen zu können, die aber in einem andern Falle so vorausbestimmt sind, daß er trotz aller Anstrengungen nicht imstande ist, die Krankheit zu heilen?
[ 5 ] Wenn Sie sich an das erinnern, was namentlich gestern ausgeführt worden ist, so werden Sie begreifen, daß in den Vorgängen, die sich abspielen zwischen dem Tode und der neuen Geburt, allerdings ganz besondere Kräfte aufgenommen werden in die menschliche Individualität. Haben wir doch gesagt, daß dem Menschen während der Kamalokazeit die Ereignisse seines letzten Lebens, seine von ihm verrichteten Handlungen im Guten und Bösen, seine Charaktereigenschaften und so weiter vor die Seele treten und daß er durch die Anschauung seines eigenen Lebens in sich die Tendenz aufnimmt, für alles, was unvollkommen in ihm ist und was sich als eine unrichtige Handlung gezeigt hat, Abhilfe und Ausgleich zu schaffen, sich die betreffenden Eigenschaften einzuprägen, welche ihn auf diesem oder jenem Gebiete vollkommener machen. Haben wir das begriffen, so können wir sagen: Diese Absicht, diese Tendenz behält nun der Mensch und geht durch eine neue Geburt mit dieser Absicht wieder ins Dasein. — Der Mensch baut aber selbst an dem neuen Leibe, der sich ihm angliedert und ihn umgliedert im neuen Leben, und er baut ihn auf gemäß den Kräften, welche er sich mitgebracht hat aus früheren Lebensläufen und aus der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Mit diesen Kräften ist er ausgestattet und webt sie hinein in seine neue Körperlichkeit. Damit haben wir begriffen, daß diese neue Körperlichkeit schwach oder stark ist, je nachdem der Mensch schwache oder starke Kräfte in sie hineinweben kann.
[ 6 ] Nun müssen wir uns aber doch klar sein, daß eine gewisse Folge eintreten wird, wenn zum Beispiel der Mensch während des Kamalokalebens gesehen hat: Du warst im letzten Leben ein Mensch, der viele Handlungen begangen hat unter dem Einflusse seiner Affekte, von Zorn, Furcht, Abscheu und so weiter. — Solche Handlungen stehen nun lebendig vor seiner Seele in der Kamalokazeit, und da bildet sich heraus in dieser Seele der Gedanke — die Ausdrücke, die uns für diese Kräfte erwachsen können sind natürlich für das physische Leben geprägt! —: Du mußt an dir etwas tun, damit du in dieser Beziehung vollkommener wirst, damit du in der Zukunft nicht mehr geneigt bist, Handlungen unter dem Einflusse deiner Affekte zu begehen! — Dieser Gedanke wird ein Bestandteil der menschlichen Seelenindividualität, und beim Durchgehen durch eine neue Geburt prägt sich dieser Gedanke weiter ein als eine Kraft in den neu entstehenden Leib. Und in diesen fließt dadurch ein die Tendenz, so etwas zu vollführen mit der ganzen Organisation von physischem Leib, Ätherleib und astralischem Leib, was dem Menschen es jetzt unmöglich macht, aus seinen Affekten heraus, aus Zorn, Haß, Neid und so weiter gewisse Handlungen zu begehen, damit er imstande ist, in dieser Beziehung wirklich sich vollkommener zu machen. Und dadurch wird er dazu kommen, neue Handlungen zu vollführen, welche jetzt den Ausgleich früherer Handlungen bewirken können. So läßt der Mensch aus einer seine gewöhnliche Vernünftigkeit weit überragenden Vernünftigkeit die Absicht in sich hineinfließen, die ihn zu einer höheren Vollkommenheit auf einem bestimmten Gebiete und zum Ausgleich bestimmter Handlungen führen kann. — Wenn Sie in Betracht ziehen, wie mannigfaltig das Leben ist, wie der Mensch von Tag zu Tag solche Handlungen vollführt, die einen derartigen Ausgleich erfordern, so werden Sie begreifen, daß viele solcher nach Ausgleich harrender Gedanken in der Seele sind, wenn die Seele durch eine neue Geburt ins Dasein tritt, und daß diese mannigfaltigen Gedanken sich kreuzen, so daß dadurch der menschliche physische Leib und Ätherleib eine Konfiguration erhalten, in welche alle diese Tendenzen hineinverwoben sind. Um uns nun das verständlich zu machen, nehmen wir einen ganz eklatanten Fall an. Gerade heute aber muß ich ganz besonders betonen, was ich auch sonst stets betone: daß ich vermeide, aus irgendeiner Theorie oder Hypothesenmacherei zu sprechen und daß ich, wenn ich Beispiele anführe, nur solche anführe, die von der Geisteswissenschaft wohl geprüft sind.
[ 7 ] Nehmen wir an, jemand habe im letzten Leben so gelebt, daß er aus einem viel zu schwachen Ich-Gefühl heraus gewirkt hat, aus einem IchGefühl, welches in der Hingabe an die äußere Welt viel zu weit ging, so weit, daß es mit einer Unselbständigkeit, Selbstverlorenheit wirkte, wie es für unseren heutigen Menschheitszyklus nicht mehr angemessen ist. Also das fehlende Selbstgefühl war es, welches einen Menschen in einer Inkarnation zu diesen oder jenen Handlungen geführt hat. Nun hat er während der Kamalokazeit die Handlungen vor sich gehabt, die aus diesem fehlenden Selbstgefühl herausgeflossen sind. Er nimmt daraus zunächst die Tendenz auf: Du mußt in dir Kräfte entwickeln, welche dein Selbstgefühl erhöhen, du mußt in einer nächsten Inkarnation dir die Gelegenheit schaffen, gegen den Widerstand deiner Leiblichkeit, gegen die Kräfte, welche dir entgegenkommen werden aus physischem Leib, Ätherleib und astralischem Leib, dein Selbstgefühl zu stählen, damit es gleichsam eine Schule durchmacht. Du mußt dir einen Leib anschaffen, der dir zeigt, wie aus der Leiblichkeit heraus die Anlage zu einem schwachen Selbstgefühl wirkt!
[ 8 ] Was sich dann in der nächsten Inkarnation abspielen wird, wird wenig ins Bewußtsein treten, es wird sich mehr oder weniger in einer unterbewußten Region abspielen. Der Betreffende wird hinstreben zu einer solchen Inkarnation, welche gerade die derbsten Widerstände seinem Selbstgefühl entgegensetzt, so daß er es nötig hat, sein Selbstgefühl im höchsten Maße anzuspannen. Dadurch wird er wie magnetisch hingezogen werden zu solchen Gegenden und solchen Gelegenheiten, wo sich ihm tiefere Hindernisse entgegenstellen, wo sich sein Selbstgefühl ausleben soll gegen die Organisation der drei Leiber. So sonderbar es Ihnen klingen mag: Solche Individualitäten, die mit diesem Karma belastet sind, daß sie in der charakterisierten Weise durch die Geburt ins Dasein hineinstreben, suchen den Zugang zu Gelegenheiten, wo sie zum Beispiel einer Seuche wie der Cholera ausgesetzt sein können; denn diese bietet ihnen Gelegenheit, jene Widerstände, welche eben gekennzeichnet worden sind, zu finden. Was dabei durchzumachen ist im Inneren gegen die Widerstände der drei Leiber in dem Erkrankten, das kann dann bewirken, daß in der nächsten Inkarnation das Selbstgefühl in einem erheblichen Grade gewachsen ist.
[ 9 ] Nehmen wir einen andern eklatanten Fall an, und zwar, damit Sie den Zusammenhang durchschauen können, jetzt gerade den entgegengesetzten Fall. Ein Mensch sieht während der Kamalokazeit, daß er unter einem zu starken Selbstgefühl eine Reihe von Handlungen vollführt hat, die aus einem zu starken Auf-sich-selbst-Bauen geflossen sind. Er sieht, daß er sich mäßigen muß in bezug auf sein Selbstgefühl, daß er es zurückdämmen muß. Da muß er wieder eine Gelegenheit aufsuchen, wo ihm in der nächsten Inkarnation seine drei Leiber die Möglichkeit geben, daß das Selbstgefühl überall in der Leiblichkeit — wie es sich auch anstrenge — keine Schranken findet, daß es überall ins Bodenlose hinein und sich selbst ad absurdum führt. Die Bedingungen dazu sind hergestellt, wenn der Betreffende hingezogen wird zu einer Gelegenheit, die ihm die Malaria bringt.
[ 10 ] Da haben Sie einen Krankheitsfall des karmischen Wirkens und sogar den Satz dargelegt, daß im Grunde der Mensch aus einer höheren Vernünftigkeit, als diejenige ist, welche er mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein überschauen kann, hingeleitet wird zu den Gelegenheiten, wo er sich im Verlaufe seines Karma weiter fortentwickeln kann. Wenn Sie namentlich die Dinge ins Auge fassen, welche jetzt eben gesagt worden sind, wird es Ihnen sehr erleichtert werden, Verständnis zu gewinnen gerade für das Epidemische bei den Krankheiten. Wir könnten die verschiedensten Beispiele anführen, die uns alle zeigen, wie der Mensch aus den Erfahrungen seiner Kamalokazeit heraus geradezu die Gelegenheiten aufsucht, diese oder jene Krankheit zu bekommen, um durch ihre Überwindung und durch die Entfaltung der selbstheilenden Kräfte die Kräfte zu gewinnen, welche ihn die Lebensbahn im ganzen hinaufführen.
[ 11 ] Vorhin sagte ich, wenn ein Mensch viel unter dem Einfluß von Affekten gehandelt hat, so wird er in der Kamalokazeit ebenfalls Handlungen durchleben, die unter dem Einfluß von Affekten überhaupt geschehen sind. Das wird ihm die Tendenz geben, in seiner neuen Inkarnation, in seiner eigenen Leiblichkeit so etwas zu erleben, durch dessen Überwindung er Handlungen vollführt, welche ausgleichend wirken können auf gewisse Handlungen seines früheren Lebens. Insbesondere ist es da jene Form der Erkrankung, die wir in der neueren Zeit als Diphtherie kennen, die in vielen Fällen zutage tritt, wenn eine solche karmische Verwicklung vorliegt, wo sich der Betreffende früher in der Weise ausgelebt hat, daß er vielfach aus allerlei Aufwallungen, Affekten und so weiter gehandelt hat.
[ 12 ] Wir werden im Verlaufe dieser Vorträge noch manches zu hören bekommen darüber, wie diese oder jene Krankheit bedingt ist. Wir müssen aber jetzt auf noch tiefere Grundlagen eingehen, wenn wir uns die Frage beantworten wollen: Wie kommt es, daß, wenn der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt und er sich durch sein Karma die Tendenz mitbringt, durch die Überwindung dieses oder jenes Leidens das eine oder das andere zu erreichen, wie kommt es, daß es ihm einmal gelingt, wirklich Sieger zu sein, die Krankheit zu überwinden und Kräfte in sich aufzunehmen, die ihn höher bringen, während er das andere Mal unterliegt und die Krankheit Sieger bleibt? Da müssen wir auf die geistigen Prinzipien zurückgehen, die überhaupt das Kranksein im Menschenleben möglich machen.
[ 13 ] Daß der Mensch überhaupt erkranken kann, daß er geradezu das Kranksein — sogar aus seinem Karma heraus — suchen kann, das kommt zuletzt aus keinen andern Prinzipien heraus als aus denjenigen, die wir schon oft in den verschiedensten Zusammenhängen unserer theosophischen Betrachtungen uns haben vor die Seele treten lassen. — Wir wissen, daß in einem bestimmten Punkte der Erdentwickelung diejenigen Kräfte in die menschliche Entwickelung eingetreten sind, welche wir die luziferischen Kräfte nennen, welche solchen Wesenheiten angehören, die während der alten Mondentwickelung zurückgeblieben sind und nicht so weit vorgeschritten sind, daß sie sozusagen an dem normalen Punkt ihrer Erdentwickelung angelangt wären. Dadurch wurde dem astralischen Leibe des Menschen, bevor sein Ich in der entsprechenden Weise wirken konnte, etwas eingepflanzt, was aus diesen luziferischen Wesen herausströmte. Der Einfluß dieser luziferischen Wesenheiten ist daher ein solcher, der vorzugsweise auf unseren astralischen Leib einstmals ausgeübt worden ist und den der Mensch für die Folgezeit durch seine Entwickelung hindurch in seinem astralischen Leib hatte. Dieser luziferische Einfluß bedeutet in der menschlichen Entwickelung mancherlei. Für unseren heutigen Zweck ist es aber wichtig, hervorzuheben, daß der Mensch, indem er die luziferischen Kräfte in sich hatte, in seinem Inneren einen Verführer hatte, weniger gut zu sein, als er gewesen wäre, wenn der luziferische Einfluß nicht gekommen wäre; und ebenso hatte er dadurch einen Einfluß, mehr aus allerlei Affekten, Leidenschaften und Begierden heraus zu handeln und zu urteilen, als er geurteilt und gehandelt haben würde, wenn der luziferische Einfluß nicht gewirkt hätte. Durch diesen Einfluß wurde des Menschen eigentliche Individualität veranlaßt, anders zu sein, sozusagen mehr hingegeben zu sein an das, was wir die Begierdenwelt nennen können, als es sonst der Fall gewesen wäre. Und dadurch ist es gekommen, daß der Mensch viel tiefer hineinverstrickt worden ist in die physische Erdenwelt, als es sonst geschehen wäre. Der Mensch drängt sich durch den luziferischen Einfluß mehr hinein in seine Leiblichkeit, identifiziert sich mehr mit der Leiblichkeit, als er sie durchdrungen hätte, wenn kein luziferischer Einfluß gekommen wäre. Denn wäre der Einfluß der luziferischen Wesenheiten nicht gekommen, so wäre so mancherlei von dem, was den Menschen auf der Erde locken kann, dieses oder jenes zu begehren, nicht gekommen. Der Mensch wäre gleichgültig an den Eindrücken dieser oder jener Lockmittel vorbeigegangen. Durch Luzifers Einfluß entstanden die Verlockungen der äußeren sinnlichen Welt; diese Verlockungen nahm der Mensch in sich auf. Die Individualität, die durch das Ich gegeben war, wurde durchtränkt mit den Wirkungen, die aus dem luziferischen Prinzip heraus kamen. Und so kam es, daß der Mensch bei seinen ersten Erdeninkarnationen auch den ersten Verlockungen des luziferischen Prinzips verfallen war und diese Verlockungen mitnahm in die späteren Leben. Das heißt, daß die Art und Weise, wie der Mensch den Verlockungen des luziferischen Prinzips verfiel, zu einem Bestandteil seines Karma wurde.
[ 14 ] Wenn nun der Mensch nur dieses Prinzip in sich aufgenommen hätte, so würde er immer mehr und mehr den Verlockungen der physischen Erdenwelt verfallen sein; er würde sozusagen immer mehr die Aussicht verloren haben, von dieser physischen Erdenwelt wieder loszukommen. Wir wissen, daß der spätere Einfluß — der Christus-Einfluß — dem luziferischen Prinzip entgegengewirkt hat und es gleichsam wieder zum Ausgleich gebracht hat, so daß der Mensch im Laufe seiner Entwickelung wieder Mittel erhalten hat, diesen luziferischen Einfluß aus sich herauszutreiben. Aber mit dem luziferischen Einfluß war zugleich etwas anderes gegeben. Dadurch, daß der Mensch in seinem astralischen Leib den luziferischen Einfluß aufgenommen hatte, erschien ihm auch die ganze äußere Welt, in die er eintrat, ganz anders, als sie ihm erschienen wäre, wenn er dem luziferischen Einfluß nicht hingegeben gewesen wäre. Luzifer drang in des Menschen Inneres. Der Mensch sah mit Luzifer im Inneren die Welt um sich herum. Dadurch trübte sich sein Blick für die Erdenwelt, und es mischte sich nun in die äußeren Eindrücke hinein der ahrimanische Einfluß. Nur dadurch konnte sich Ahriman einmischen und die äußere Welt zur Illusion gestalten, weil wir uns schon früher von innen heraus die Anlage zur Illusion, zu Maja geschaffen hatten. So war der ahrimanische Einfluß, der hineinzog in die äußere Welt, die den Menschen umgab, die Folge des luziferischen Einflusses. Wir können sagen: Der Mensch saugte ein, weil einmal die luziferischen Kräfte in ihm waren, die Möglichkeit, sich mehr in die Sinnenwelt zu verstricken, als er sich ohne den luziferischen Einfluß in das sinnliche Erdenleben verstrickt hätte. Dadurch hat er sich aber auch die Möglichkeit geschaffen, mit allen äußeren Wahrnehmungen von außen den ahrimanischen Einfluß einzusaugen. Und so lebt in der menschlichen Individualität, indem sie durch die verschiedenen Erdeninkarnationen hindurchgeht, der luziferische Einfluß, und als das Ergebnis des luziferischen Einflusses der ahrimanische Einfluß. Diese zwei Mächte kämpfen fortwährend in der menschlichen Individualität. Und die menschliche Individualität ist der Schauplatz geworden für den Kampf von Luzifer und Ahriman.
[ 15 ] Der Mensch ist mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein auch heute noch ausgesetzt sowohl den Verlockungen Luzifers, der aus den Leidenschaften und Affekten seines astralischen Leibes heraus wirkt, wie auch den Verlockungen Ahrimans, der durch Irrtümer, Täuschungen in bezug auf die äußere Welt von außen in den Menschen eindringt. Solange nun der Mensch in einer Inkarnation lebt und die Vorstellungen einen Riegel vorschieben, so daß das, was von Luzifer und Ahriman geschieht, nicht tiefer eindringen kann und ein Hindernis findet an den Vorstellungen, so lange bleibt das, was der Mensch tut, dem moralischen oder dem intellektuellen Urteil unterworfen. Solange der Mensch zwischen Geburt und Tod gegen die Moral sündigt, indem er Luzifer folgt, oder sich gegen die Logik und das gesunde Denken versündigt, indem er Ahriman folgt, so lange bleibt das eine Angelegenheit des gewöhnlichen bewußten Seelenlebens. Wenn der Mensch aber durch die Pforte des Todes schreitet, hört das Vorstellungsleben auf, das an das Instrument des Gehirns gebunden ist. Da beginnt eine andere Form des Bewußtseinslebens. Da dringen in der Tat alle die Dinge, welche im Leben zwischen Geburt und Tod dem moralischen oder dem vernünftigen Urteil unterworfen sind, herunter in die Untergründe des menschlichen Wesens und greifen ein in das, was dann nach dem Kamaloka für das nächste Dasein organisierend wirkt und sich hineinprägt in die plastischen Kräfte, die nun die dreifache menschliche Leiblichkeit aufbauen. Da werden Irrtümer, welche aus der Hingabe an Ahriman folgen, zu Krankheitskräften, die vom Ätherleib her den Menschen infizieren, und Ausschweifungen, also Dinge, welche im Leben dem moralischen Urteil unterworfen sind, werden zu Krankheitsursachen, welche mehr vom astralischen Leib her wirken.
[ 16 ] Dadurch sehen wir, wie in der Tat unsere Irrtümer aus dem Ahrimanischen in uns — und dazu sind auch die bewußten Irrtümer: Lügen, Unwahrheiten zu rechnen — zu Krankheitsursachen werden, wenn wir allerdings nicht bei einer Inkarnation stehenbleiben, sondern die Wirkung einer Inkarnation auf die folgende betrachten; und wir sehen, wie auch die luziferischen Einflüsse zu Krankheitsursachen auf demselben Wege werden. Wir können in der Tat sagen: Wir begehen unsere Irrtümer nicht ungestraft! Wir tragen den Stempel unserer Irrtümer in unserer nächsten Inkarnation an uns, aber wir tun es aus einer höheren Vernünftigkeit heraus, als diejenige unseres gewöhnlichen Lebens ist, aus derjenigen Vernünftigkeit, welche uns während der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt anweist, uns so stark und kräftig zu machen, daß wir fernerhin diesen Verlockungen nicht mehr ausgesetzt sind. So reihen sich Krankheiten sogar ein als mächtige Erzieher in unser Leben. — Wenn wir Krankheiten so betrachten, können wir förmlich sehen, wie bei der Ausbildung einer Krankheit entweder luziferische oder ahrimanische Einflüsse wirksam sind. Wenn einmal diese Dinge werden durchschaut werden von denen, die unter dem Einfluß der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung Heiler sein werden, dann werden die Einflüsse dieser Heiler auf den menschlichen Organismus viel intimere sein, als sie heute sein können.
[ 17 ] Wir können geradezu in diesem Sinne den Organismus gewisser Krankheitsformen durchschauen. Nehmen wir zum Beispiel eine solche Krankheit wie die Lungenentzündung. Sie ist eine Wirkung in der karmischen Folge, welche dadurch entsteht, daß der Betreffende während seiner Kamalokazeit zurückblicken kann auf einen Charakter, der in sich hatte Hang und Neigung zu sinnlichen Ausschweifungen, der in sich hatte sozusagen ein Bedürfnis, sinnlich zu leben. Verwechseln wir ja nicht, was jetzt einem früheren Bewußtsein zugeschrieben wird, mit dem, was im Bewußtsein der nächsten Inkarnation auftritt. Damit hat es zunächst nichts zu tun. Wohl aber wird das, was der Mensch während der Kamalokazeit sieht, sich so umwandeln, daß sich ihm Kräfte einprägen zu Vorgängen, welche die Lungenentzündung überwinden. Denn gerade in der Überwindung der Lungenentzündung, in der Selbstheilung, welche dabei vom Menschen angestrebt wird, wirkt die menschliche Individualität entgegen den luziferischen Mächten, führt einen förmlichen Krieg gerade gegen die luziferischen Mächte. Daher ist in der Überwindung der Lungenentzündung eine Gelegenheit, dasjenige abzulegen, was ein Charaktermangel in einer vorherigen Inkarnation war. So sehen wir förmlich wirken in der Lungenentzündung den Kampf des Menschen gegen die luziferischen Mächte.
[ 18 ] Anders stellt sich uns die Sache dar, wenn wir bei dem, was wir im heutigen Sprachgebrauch Lungentuberkulose nennen, die eigentümlichen Prozesse auftreten sehen, wenn die selbstheilenden Kräfte in Tätigkeit übergehen, die sich dadurch äußern, daß die schädigenden Einflüsse, welche da entstehen, umgeben werden, umrandet werden von Umhüllungen wie Bindegewebe; dann wird das Ganze ausgefüllt mit kalk-salzhaltiger Materie, welche feste Einschlüsse bildet. Solche Einschlüsse kann der Mensch in seiner Lunge haben, und viel mehr Menschen tragen solche Dinge mit sich herum, als man gewöhnlich glaubt; denn das sind diejenigen Menschen, bei denen eine tuberkulöse Lunge in Heilung übergegangen ist. Wo derartiges vor sich ging, ist wieder ein Kampf aufgeführt worden der menschlichen inneren Wesenheit gegen das, was ahrimanische Kräfte angestellt haben. Es ist ein Abwehrprozeß nach außen, ein Anstürmen gegen das, was durch äußere Materialität hergebracht wird, um zur Selbständigkeit der menschlichen Wesenheit in diesem Sinne zu führen.
[ 19 ] Damit haben wir gezeigt, wie in der Tat die beiden Prinzipien, das ahrimanische und das luziferische, im letzten Grunde im Krankheitsverlauf tätig sind. Und es könnte in vieler Beziehung für diese oder jene Krankheitsform gezeigt werden, wie man eigentlich zwei Typen von Krankheiten unterscheiden müßte: ahrimanische und luziferische Krankheiten. Wenn man das beachten würde, so würde man auch richtige Prinzipien gewinnen können für die entsprechende Hilfe, welche man den Kranken angedeihen lassen kann. Denn luziferische Krankheitsprozesse werden ganz andere Hilfe erfordern als ahrimanische. Wenn heute noch in einer ziemlich kritiklosen Weise, zum Beispiel im äußeren Heilverfahren, Kräfte angewendet werden, die in der heutigen Elektrotherapie, in der Kaltwasserbehandlung oder in ähnlichem enthalten sind, so muß gesagt werden, daß von vornherein durch die Geisteswissenschaft ein Licht darauf geworfen werden kann, ob man die eine oder die andere Methode anwenden soll, dadurch, daß man unterscheiden würde, ob man es mit einer luziferischen oder einer ahrimanischen Krankheit zu tun hat. Kein Mensch sollte zum Beispiel das Verfahren der Elektrotherapie anwenden bei Erkrankungen, die aus dem Luziferischen stammen; sondern man sollte sie nur bei ahrimanischen Krankheitsformen anwenden. Denn eine Hilfe kann bei luziferischen Krankheitsformen niemals etwas sein, was überhaupt mit dem Wirken des Luzifer gar nichts zu tun hat, nämlich die Prinzipien der Elektrizität; denn diese fallen in das Bereich der ahrimanischen Wesenheiten, wobei sich natürlich nicht nur die ahrimanischen Wesenheiten der Kräfte der Elektrizität bedienen. Dagegen ist ein ganz besonderes Gebiet des Luziferischen dasjenige, was sich bezieht, grob ausgedrückt, auf Warm und Kalt. Alles, was damit zu tun hat, daß die menschliche Organisation wärmer oder kälter wird oder was sie selbst durch äußere Einflüsse wärmer oder kälter macht, das gehört in das Bereich des Luzifer. Und bei alledem, wo wir es zu tun haben mit Warm oder Kalt, haben wir einen Typus luziferischer Krankheitsformen.
[ 20 ] So also sehen wir, wie Karma in dem Kranksein wirkt und wie es zur Überwindung von Kranksein wirkt. Nun wird es nicht mehr unbegreiflich erscheinen, daß im Karma auch die Heilbarkeit oder Unheilbarkeit einer Krankheit liegt. Wenn Sie sich klarmachen, daß ja das Ziel, das karmische Ziel des Erkrankens das ist, den Menschen zu fördern und vollkommener zu machen, so ist die Voraussetzung die, daß der Mensch, wenn er nach der Vernünftigkeit, die er sich aus der Kamalokazeit beim Eintritt in ein neues Dasein mitbringt, einer Krankheit verfällt, jene Heilkräfte dann entwickelt, welche eine Stählung seines inneren Menschen bedeuten und die Möglichkeit, höher zu kommen. Nehmen wir an, die Sache liege so, daß der Mensch in dem Leben, das er noch zubringen kann, vermöge seiner sonstigen Organisation und seines übrigen Karma die Kräfte hat, mit dem, was er durch die Krankheit errungen hat, in diesem Leben selbst weiterzukommen. Dann hat die Heilung einen Sinn. Dann tritt Heilung ein und der Mensch hat in diesem Falle das errungen, was er erringen sollte und was sich an dem Vorhandensein der Krankheit zeigte. Durch das Überwinden der Krankheit hat er sich instand gesetzt, dort vollkommene Kräfte zu haben, wo er früher unvollkommene Kräfte hatte. Ist er durch sein Karma mit solchen Kräften ausgerüstet und durch die günstigen Umstände seines früheren Schicksals so in die Welt gesetzt, daß er die neuen Kräfte anwenden kann und wirken kann, um sich und andern von Nutzen zu sein, dann tritt die Heilung ein; dann windet er sich durch die Krankheit hindurch.
[ 21 ] Nehmen wir nun an, die Sache liege für den Menschen so, daß er die Krankheit überwinder und die Heilkräfte entwickelt und nunmehr vor einem Leben stünde, welches an ihn Anforderungen stellen würde, die mit dem Maß, das er sich jetzt schon errungen hat an Vollkommenem, nicht erfüllt werden können: Er würde zwar einiges erringen durch die geheilte Krankheit, aber es wäre doch nicht möglich, daß er so viel erringt — weil sein übriges Karma das nicht zuläßt —, daß er mit dem, was er sich errungen hat, den andern zum Heile werden kann. Dann tritt das ein, daß sein tieferes Unterbewußstsein sagt: Hier hast du keine Gelegenheit, die volle Kraft von dem zu empfangen, was du eigentlich haben sollst. Du mußtest in diese Inkarnation hineingehen, weil du das Maß an Vollkommenheit gewinnen mußtest, das du nur im physischen Leibe durch die Überwindung einer Krankheit erringen kannst. Das mußtest du erringen; aber weiter ausbilden kannst du es nicht. Nun mußt du in die Verhältnisse gehen, wo dein physischer Leib und andere Kräfte dich nicht stören und wo du frei verarbeiten kannst, was du in der Krankheit gewonnen hast. — Das heißt, es sucht eine solche Individualität den Tod, um zwischen Tod und neuer Geburt das weiterzuverarbeiten, was sie im Leben zwischen Geburt und Tod nicht verarbeiten kann. Es geht eine solche Seele durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt durch, um jetzt mit um so stärkeren Kräften, die sie beim Überwinden der Krankheit gewonnen hat, ihre Organisation weiter auszubilden, damit sie im neuen Leben um so mehr wirken kann. In dieser Weise kann förmlich durch die Anwesenheit einer Krankheit eine Art Abschlagszahlung bewirkt werden, die dann erst ergänzt wird nach dem Durchgehen durch den Tod zu dem, was sie sein soll.
[ 22 ] Wenn wir die Sache so betrachten, werden wir uns sagen müssen: Es erscheint durchaus im Karma begründet, daß die eine Krankheit ausgeht mit der Heilung, die andere mit dem Tod. — Wenn wir so die Krankheiten ansehen, werden wir von einem höheren Gesichtspunkt aus durch Karma eine Art Versöhnung, eine tiefe Versöhnung mit dem Leben gewinnen; denn wir werden wissen, daß es in der Gesetzmäßigkeit von Karma liegt, daß, selbst wenn eine Krankheit mit dem Tode ausgeht, der Mensch gefördert wird, daß selbst in einem solchen Falle die Krankheit das Ziel hat, den Menschen höher zu bringen. Nun darf niemand daraus etwa den Schluß ziehen: dann könnte es auch sein, daß wir geradezu den Tod herbeiwünschen müßten in gewissen Krankheitsfällen. Das darf niemand sagen, weil die Entscheidung darüber, was eintreten soll, ob Heilung oder Unheilbarkeit, einer höheren Vernünftigkeit zufällt, als die ist, welche wir mit unserem gewöhnlichen Bewußtsein umfassen können. Mit unserem gewöhnlichen Bewußtsein müssen wir uns bescheiden innerhalb der Welt zwischen Geburt und Tod, bei solchen Fragen stehenzubleiben. Mit unserem höheren Bewußtsein dürfen wir uns allerdings selbst auf den Standpunkt stellen, der sogar den Tod hinnimmit als ein Geschenk der höheren geistigen Mächte. Mit demjenigen Bewußtsein aber, das helfen und eingreifen soll ins Leben, dürfen wir uns nicht vermessen, uns auf diesen höheren Gesichtspunkt zu stellen. Da könnten wir uns leicht irren und würden in einer unerhörten Weise eingreifen in etwas, worin wir nie eingreifen dürfen: in die menschliche Freiheitssphäre. Wenn wir einem Menschen helfen können, damit er die selbstheilenden Kräfte entwickelt, oder indem wir selbst der Natur zu Hilfe kommen, damit Heilung eintritt, so müssen wir das tun. Und soll die Entscheidung darüber fallen, ob der Mensch weiterleben soll oder ob er mehr gefördert wird, wenn der Tod eintritt, dann kann sie niemals anders als so fallen, daß unsere Hilfe eine Hilfe in der Heilung sein kann. Ist sie dies, so setzen wir es in des Menschen eigene Individualität, seine Kräfte anzuwenden, und die ärztliche Hilfe kann dabei nur eine solche sein, die ihn darin unterstützt. Dann wirkt sie nicht hinein in die menschliche Individualität. Ganz anders wäre es, wenn wir eines Menschen Unheilbarkeit in der Weise fördern würden, daß er sein weiteres Fortkommen in einer anderen Welt suchte. Da würden wir in seine Individualität eingreifen und seine Individualität einer andern Wirkungssphäre übergeben. Dann hätten wir unseren Willen der andern Individualität aufgedrängt. Diese Entscheidung müssen wir der Individualität selbst überlassen. Das heißt mit andern Worten: Wir müssen so viel als möglich tun, damit eine Heilung geschieht. Denn alle Überlegungen, die zu einer Heilung führen, kommen aus dem Bewußtsein, das für unsere Erde berechtigt ist; alle andern Maßnahmen würden übergreifen über unsere Erdensphäre; da müssen andere Kräfte eingreifen als die, welche in unser gewöhnliches Bewußtsein hineinfallen.
[ 23 ] So sehen wir, daß ein richtiges karmisches Verständnis über Heilbarkeit und Unheilbarkeit von Krankheiten dazu führt, daß wir alles aufbringen werden, um dem Menschen zu helfen in der Krankheit; und auf der andern Seite führt es uns auch dazu, daß wir, wenn aus andern Sphären eine andere Entscheidung getroffen wird, diese ebenfalls zu unserer Befriedigung hinnehmen. Etwas anderes haben wir in bezug auf diese andere Entscheidung auch gar nicht nötig. Nötig haben wir, daß wir einen Gesichtspunkt finden, daß uns die Unheilbarkeit einer Krankheit nicht niederdrückt, als ob die Welt nur das Unvollkommene, das Schlimme und Schlechte hätte. Karmisches Verständnis lähmt nicht unsere Tatkraft in bezug auf das Heilen. Karmisches Verständnis wird uns auf der andern Seite auch wieder in Harmonie bringen mit dem schwersten Schicksal in bezug auf Unheilbarkeit dieser oder jener Krankheit. So haben wir heute gesehen, wie uns karmisches Verständnis allein möglich macht, den Verlauf einer Krankheit in der richtigen Weise aufzufassen und zu begreifen, daß wir geradezu hineinleuchten sehen die karmischen Wirkungen aus unseren früheren Leben in das gegenwärtige. Beispiele im einzelnen werden sich uns noch bei Besprechung der nächsten Fragen darbieten.
[ 24 ] Nun wird es uns obliegen, zu unterscheiden zwischen zwei besonderen Krankheitsformen, zwischen denjenigen, welche aus dem menschlichen Inneren kommen, und die ganz besonders erscheinen als durch das Karma herbeigetragen, und zwischen jenen Erkrankungen, die uns scheinbar zufällig treffen dadurch, daß wir äußeren Schädigungen ausgesetzt sind, daß uns dieses oder jenes passiert. Kurz, es wird sich darum handeln: Wie können wir zu einem karmischen Verständnis auch dann kommen, wenn wir zum Beispiel unter die Räder eines Eisenbahnzuges kommen? Das heißt, wie sind sogenannte «zufällige» Erkrankungen durch das Karma zu begreifen?
