Die Offenbarungen des Karma
GA 120
20 Mai 1910, Hanover
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Der Inhalt des gestrigen Vortrages ist von großer Wichtigkeit sowohl für unsere nächsten Betrachtungen wie auch für das Verständnis der karmischen Zusammenhänge überhaupt. Deshalb — wegen dieser einschneidenden Wichtigkeit — lassen Sie mich heute noch einmal in den Hauptzügen kurz zusammenfassen, was der gestrige Vortrag enthalten hat.
[ 2 ] Wir gingen davon aus, daß sich die Anschauungen über Heilung und über Heilmittel im Laufe verhältnismäßig kurzer Zeiten im letzten Jahrhundert ziemlich radikal verändert haben. Und wir haben darauf hingewiesen, wie im 16. und 17. Jahrhundert namentlich eine Anschauung sich ausbildete, welche ganz und gar auf dem Boden fußte: Für eine jede Krankheit, die mit einem Namen bezeichnet wurde und die man glaubte begrifflich abgrenzen zu können, müßten sich auch diese oder jene Heilmittel in der Welt finden. Und man glaubte mit Sicherheit, daß, wenn das betreffende Mittel angewendet würde, es auf den Verlauf der Krankheit einen Einfluß haben müsse. Wir haben dann darauf hingewiesen, wie sich diese Anschauung mehr oder weniger bis ins 19. Jahrhundert hinein erhalten hat, dann aber danebengestellt den absoluten Gegensatz dieser Anschauung, der sich namentlich zum Ausdruck gebracht hat in dem Nihilismus der Wiener medizinischen Schule, der seinen Ausgangspunkt genommen hat von dem berühmten Mediziner Dietl, und seinen Fortgang gefunden hat in Skoda und dessen verschiedenen Schülern. Und wir haben die nihilistische Richtung dadurch charakterisiert, daß wir sagten: Sie fing nicht nur an, über den. absoluten Zusammenhang zwischen diesem oder jenem Heilmittel, zwischen diesen oder jenen Handgriffen in bezug auf die Krankheitsbehandlung und die Krankheit selber gründliche Zweifel zu haben, sondern sie wollte von einem solchen Zusammenhang nichts mehr wissen. Und es kam in die Gemüter der unter dem Einfluß dieser Schule stehenden jungen Ärzte die Anschauung von der sogenannten «Selbstheilung» hinein. Skoda selbst hat ja den für diese Schule bedeutungsvollen Satz ausgesprochen: Wir können eine Krankheit diagnostizieren, wir können sie vielleicht auch erklären und beschreiben; aber Mittel haben wir gegen die Krankheit nicht. — Und den Ausgangspunkt nahm diese Richtung davon, daß Dietl nachweisen konnte, daß bei der abwartenden Behandlung eine Krankheit wie die Lungenentzündung so verläuft, daß sie innerhalb einer bestimmten Zeit die selbstheilenden Kräfte entwickelt, wenn man nur die nötigen Bedingungen dafür schafft. Und er konnte statistisch nachweisen, daß bei der abwartenden Behandlung ebenso viele Menschen geheilt wurden oder auch starben wie bei Verabreichung der sonst gebräuchlichen Mittel. Damals war die Bezeichnung «therapeutischer Nihilismus» durchaus nicht unberechtigt; denn es war eine absolute Wahrheit, daß sich die Ärzte dieser Schule gar nicht schützen konnten gegen die Meinung der Kranken, daß ein Mittel, ein Rezept eben da sein muß. Der Kranke gab nicht nach, seine Umgebung auch nicht — Mittel mußten verschrieben werden, und die Anhänger dieser Schule halfen sich dann gewöhnlich dadurch, daß sie dünn aufgelösten arabischen Gummi verschrieben, der nach der Meinung der Anhänger der Schule ganz dieselbe Wirkung haben sollte wie die früher angewendeten Mittel. Wir haben daraus erkennen gelernt, wie geradezu hindrängt die moderne wissenschaftliche Tatsachenwelt zu dem, was wir den karmischen Zusammenhang im Leben nennen können. Denn wir mußten uns nun die Frage beantworten: Wie geschieht denn eigentlich das, was man nennen könnte «Selbstheilung»? Oder besser gesagt: Warum geschieht es? Und warum kann in einem andern Falle eine Selbstheilung oder überhaupt eine Heilung nicht eintreten?
[ 3 ] Wenn eine ganze Schule, an deren Spitze medizinische Koryphäen standen, darauf verfallen konnte, den Begriff der Selbstheilung einzuführen, so hätte einer, der darüber nachdenkt, dazu kommen müssen, zu sagen: Also wird im Krankheitsprozeß etwas wachgerufen, was zur Überwindung der Krankheit führt! Und das hätte weiter dazu führen müssen, den geheimeren Gründen des Krankheitsverlaufes nachzuspüren. Wir haben nun versucht, darauf hinzuweisen, wie ein solcher karmischer Zusammenhang innerhalb der Menschheitsentwickelung für den Krankheitsverlauf gesucht werden kann. Wir haben gezeigt, daß allerdings das, was der Mensch in seinem gewöhnlichen Leben vollführt an guten und bösen Handlungen, an gescheiten und unsinnigen Handlungen, was er erlebt an richtigen und verkehrten Gemütsauffassungen, daß alles das nicht tief hineingeht in die Untergründe der menschlichen Organisation. Und wir haben den Grund aufgezeigt, warum das, was für das gewöhnliche Leben der moralischen, der intellektuellen und gemüthaften Beurteilung unterliegt, nur an der Oberfläche des gewöhnlichen Lebens sitzenbleibt und nicht dem Gesetze unterliegt, das wir im andern Falle aufzeigen konnten: die tieferliegenden Kräfte der Menschenorganisation zu beeinflussen. Wir haben gezeigt, daß es gleichsam eine Art von Hemmnis gibt gegen das Eindringen der Unmoralität in die tieferen Kräfte des Organismus. Und diese Abwehr gegen das Eindringen dessen, was wir tun und denken, in die Kräfte unserer Organisation liegt darin, daß wir unsere Handlungen, die wir zwischen Geburt und Tod vollbringen, mit unseren bewußten Vorstellungen begleiten. Indem wir eine Handlung oder ein sonstiges Erlebnis mit einer bewußten Vorstellung begleiten, schaffen wir eine Schutzwehr dagegen, daß das Resultat unserer Handlungen hinunterrückt in unseren Organismus.
[ 4 ] Wir haben dann darauf hingewiesen, welche Bedeutung jenen Erlebnissen zukommt, die unwiederbringlich vergessen worden sind. Da liegt nicht mehr die Möglichkeit vor, sie wieder ins bewußte Vorstellungsleben hinaufzurücken; sondern von solchen Erlebnissen mußten wir sagen, daß sie schon in bestimmter Weise, weil die Schutzwehr der Vorstellung fehlt, hinunterdringen in unsere innere Organisation und dort mitwirken können an den gestaltenden Kräften unseres Organismus. Und wir haben hinweisen können auf die Krankheitsformen, welche noch mehr an der Oberfläche liegen: Neurose, Neurasthenie und dergleichen. Sogar hysterische Zustände erfahren da eine Beleuchtung. Wir sagten, daß die Ursachen für solche Zustände gesucht werden müssen in den aus dem Bewußtseinskomplex herausgefallenen, vergessenen Vorstellungen, die hinuntergesunken sind in das Innere und sich — wie Einschiebsel unseres Seelenlebens — als Krankheiten geltend machen. — Wir haben darauf hingewiesen, welche ungeheure Bedeutung jener Zeitraum hat, der verläuft von der Geburt bis zu dem Zeitpunkt, wo sich der Mensch an seine Erlebnisse zurückerinnern kann, und es wurde darauf aufmerksam gemacht, wie das, was früher vergessen worden ist, im lebenden Organismus fortwirkt, indem es gleichsam mit den tieferen Kräften der Organisation einen Bund schließt und von dort aus unsere Organisation selber beeinflußt. Es muß also ein Komplex von Vorstellungen, eine Reihe von Erlebnissen hinuntersinken in tiefere Untergründe unseres Wesens, bevor er eingreifen kann in unsere Organisation. Wir haben dann darauf hingewiesen, wie am gründlichsten dieses Hinuntersinken geschieht, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist und das weitere Dasein durchlebt zwischen Tod und neuer Geburt. Da verwandeln sich alle Erlebnisse in ihren Qualitäten in solche Kräfte, welche jetzt organisierend wirken. Und was der Mensch in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt empfunden und gefühlt hat, das nimmt er auf in die plastischen Kräfte, die beteiligt sind am neuen Aufbau des Leibes, wenn der Mensch jetzt neu ins Dasein tritt. Da hat er jetzt in den Bildungskräften das Resultat dessen darinnen, was er früher noch in seinem Seelenleben, vielleicht auch sogar in seinem bewußten Vorstellungsleben hatte. Und nun konnten wir darauf hinweisen, daß der Mensch mit seinem vom Ich durchtränkten Vorstellungsleben hin und her pendelt zwischen zwei Einflüssen: zwischen dem luziferischen und dem ahrimanischen Einfluß. Wenn der Mensch eine Verfehlung begeht, die hervorgerufen wird durch Eigenschaften seines astralischen Leibes, durch schlimme Affekte, Zorn und dergleichen, wird er zu Handlungen getrieben durch luziferische Mächte. Wenn dann solche Handlungen jenen Weg gehen, der eben jetzt bezeichnet worden ist, daß sie zu Bildungskräften werden, so haben wir sie in den gestaltenden Kräften, die nunmehr der neuen Leiblichkeit zugrunde liegen als luziferische Krankheitsursachen. Wir haben dann gesehen, wie der Mensch unterliegt den ahrimanischen Kräften, die mehr von außen hereinwirken. Und wieder mußten wir von den ahrimanischen Einflüssen sagen, daß sie sich umwandeln in Bildungskräfte, in gestaltende Kräfte des neu gebauten Organismus, der zustande kommt, wenn der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt. Und insofern sich die Einflüsse Ahrimans in die Bildungskräfte hineinmischen, können wir von Krankheitsanlagen sprechen mit ahrimanischem Charakter. Dann haben wir im einzelnen darauf hingewiesen, wie diese Kräfte, die sich in dieser Weise herausbilden, wirken. Und ich habe Ihnen radikale Beispiele gezeigt für dieses Wirken, weil an radikalen Beispielen die Vorstellung eine deutlichere, scharf umrissene wird. Ich sagte, man nehme an, daß ein Mensch im vorigen Lebenslauf alles das getan hat, was ihn nur zu einem geringen Selbstgefühl und Selbstvertrauen bringen kann, daß er sein Ich so präpariert hat, daß es nichts auf sich gehalten hat, nur in Allgemeinheiten aufging und so weiter. Fin solcher Mensch nimmt nach dem Tode die Tendenz auf, jenen Widerstand zu überwinden und die Kräfte aufzunehmen, welche ihn fähig machen, später im weiteren Verlauf der Inkarnation sein Ich kräftiger, vollkommener zu machen. Das wirkt so, daß er solche Verhältnisse dann sucht, die es ihm möglich machen, gegen dasjenige anzukämpfen, gegen was es gut ist, anzukämpfen mit einem schwachen Selbstgefühl, so daß ein schwaches Selbstgefühl sich an dem Widerstande stärken kann. Und wahr ist es, daß eine solche Tendenz den Menschen dazu führt, sozusagen Gelegenheiten aufzusuchen zur Cholera, weil er darin etwas vor sich hat, was ihm Gelegenheit bietet, jene Widerstände zu überwinden. Und in der Überwindung dieser Widerstände liegt das, was in der nächsten Inkarnation oder aber auch bei eingetretener Heilung in derselben Inkarnation zu einem stärkeren Selbstgefühl führen kann oder zu Kräften, welche ein stärkeres Selbstgefühl durch Selbsterziehung nach und nach heranreifen lassen. Wir haben dann gesagt, daß bei einer Krankheit wie der Malaria die Gelegenheit gegeben ist, etwas auszugleichen, was sich die Seele in einem früheren Leben als ein übermäßiges Selbstgefühl herangezüchtet hat durch ihre Handlungen und Empfindungen. — Diejenigen von Ihnen, welche frühere Betrachtungen unseres theosophischen Lebens mitgemacht haben, werden sich verdeutlichen können einen solchen Verlauf. Es wurde immer gesagt, daß das Ich des Menschen seinen physischen Ausdruck findet im Blut. Nun hängen die beiden Krankheiten, von denen wir eben gesprochen haben, mit dem Blut und den Gesetzen vom Blut zusammen; sie hängen so zusammen, daß beim Cholerafall eine Verdickung des Blutes eintritt. Diese Verdickung ist es, was als Widerstand zu bezeichnen ist, den das schwache Selbstgefühl durchmachen muß und an dem es sich heranerziehen will. Ebenso können Sie es sich verdeutlichen, daß bei der Malaria eine Art Blutzerfall stattfindet und daß ein überstarkes Selbstgefühl die Möglichkeit braucht, daß es ad absurdum geführt wird, daß im Blutzerfall ein überstarkes Ich in seiner Anstrengung zur Nichtigkeit geführt wird. Das wird in dem Zerfall des Blutes geboten. — Die Dinge sind natürlich außerordentlich intim im Organismus zusammenhängend; aber wenn Sie darauf eingehen, werden Sie sie sich schon zum Verständnis bringen.
[ 5 ] Aus all dem ergab sich uns: Wenn wir einen Organismus haben, der gebildet ist von einer Seele, die in sich die Tendenz hat, dieses oder jenes nach der einen oder der andern Richtung zu überwinden, so führt diese Tendenz den Menschen dazu, in sich hineinzuprägen die Möglichkeit zur Krankheit, aber auch zugleich die Möglichkeit, anzukämpfen gegen die Krankheit, weil ja die Krankheit aus keinem andern Grunde hervorgerufen wird als aus dem, die Möglichkeit der Heilung zu haben. Und Heilung tritt dann ein, wenn der Mensch nach seinem Gesamtkarma durch die Überwindung der betreffenden Krankheit sich solche Kräfte aneignet, daß er in dem restlichen Leben bis zum Tode durch seine Arbeit auf dem physischen Plan wirklich sich vorwärtsbringen kann. Das heißt, wenn die zu erregenden Kräfte so stark sind, daß er auf dem physischen Plan das auch erreichen kann, weswegen dieKrankheit hervorgerufen worden ist, dann arbeitet der Mensch gerade mit den ihm aus dem Heilprozeß zugeflossenen verstärkten Kräften weiter, die er früher nicht gehabt hat. Liegt aber sein Gesamtkarma so, daß er zwar die Absicht gehabt hat, seinen Organismus so zu gestalten, daß er durch die Überwindung der betreffenden Krankheit sich Kräfte zuführt, welche zu seiner Vervollkommnung führen, daß aber, weil die Dinge mannigfaltig sind, er gleichzeitig den Organismus nach einer andern Richtung hin hat schwach sein lassen müssen, dann kann der Fall eintreten, daß diejenigen Kräfte, welche der Mensch herausstellt und anwendet im Heilprozeß, ihn zwar verstärken, aber doch nicht so weit, daß er dem Arbeiten auf dem physischen Plan schon gewachsen ist. Dann wird er das Stück, was er schon gewonnen hat — weil es auf dem physischen Plan nicht verwendbar ist —, verwenden, wenn er durch die Pforte des Todes geht, und er wird versuchen, das seinen Kräften hinzuzufügen, was er auf dem physischen Plan nicht hinzufügen konnte, um diese Kräfte in der Ausgestaltung des nächsten Leibes zu zeigen, wenn er wieder in die Geburt tritt.
[ 6 ] Es bleibt uns noch, wenn wir das vor Augen haben, einen Hinweis zu geben, wie es sich mit denjenigen Krankheitsformen verhält, welche weder zu einer ordentlichen Heilung noch zum Tode führen, sondern zu chronischen Zuständen, zu einer Art von Siechtum oder dergleichen. Da liegt allerdings etwas vor, was im eminentesten Sinne für die meisten Menschen von einer großen Wichtigkeit ist zu wissen. Da liegt das vor, daß allerdings durch den Heilungsprozeß innerhalb der menschlichen Körperhüllen eingetreten ist, was nur zu erreichen war, daß also in gewissem Sinne die Krankheit überwunden ist. Aber in einem anderen Sinne ist sie doch nicht überwunden; das heißt, daß alles das, was an Ausgleich hat geschaffen werden sollen zwischen Ätherleib und physischem Leib, zwar erreicht worden ist, nicht aber das ausgeglichen worden ist, was an Disharmonie vorhanden war zwischen Ätherleib und astralischem Leib. Das bleibt zurück, und der Mensch pendelt hin und her zwischen Versuchen, zu heilen, und nicht heilen zu können. In einem solchen Falle ist es immer von einer ganz besonderen Wichtigkeit, daß der Mensch möglichst ausnutzt, was er an wirklicher Heilung errungen hat. Und das geschieht am allerwenigsten im Leben. Denn gerade bei solchen Krankheiten, die chronisch werden, befindet sich der Mensch in einem rechten Kreistanz darinnen. Wenn der Mensch in einem solchen Falle imstande sein würde, den Teil seiner Organisation, welcher in sich eine gewisse Heilung erfahren hat, zu isolieren, für sich sozusagen leben zu lassen, und wenn er davon dasjenige zurückziehen könnte, was da noch rumort und nicht in Ordnung ist und was in solchem Falle gewöhnlich mehr gegen das innere Seelenhafte zu liegt, dann würde sich der Mensch sehr viel helfen können. Aber dagegen wirkt das Allerverschiedenste, namentlich das, daß der Mensch, wenn er irgendeine Krankheit gehabt hat und ein chronischer Zustand zurückgeblieben ist, fortwährend unter dem Einflusse dieses Zustandes lebt und daß er — wenn ich mich grob ausdrücken darf — eigentlich niemals gründlich vergessen kann seinen Zustand, niemals gründlich dazu kommt, das, was in ihm doch noch nicht gesund ist, zurückzuziehen von diesem Zustande und es für sich zu behandeln; sondern er wird durch das, was man nennen kann das fortwährende Denken an den andern Teil der Organisation, veranlaßt, gleichsam seinen gesunden Teil wieder in irgendeinen Zusammenhang zu bringen mit dem früher kranken Teil und diesen so neuerdings zu irritieren. Das ist ein besonderer Prozeß. Und um Ihnen diesen Prozeß klarzumachen, möchte ich Ihnen einmal den geisteswissenschaftlichen Tatbestand klarlegen, das, was das hellseherische Bewußtsein sieht, wenn jemand eine Krankheit durchgemacht und dabei etwas zurückbehalten hat, was man als etwas Chronisches bezeichnen kann. Dasselbe geschieht übrigens auch dann, wenn nicht eine besonders auffällige akute Erkrankung vorlag, sondern wenn sich ein Chronisches einstellt, ohne daß ein Akutes besonders bemerkt worden ist. Dann kann man in der Tat sehen, daß sich in den meisten Fällen ein gewisser schwankender Gleichgewichtszustand herausstellt zwischen dem Ätherleibe und dem physischen Leibe, ein Hinund-her-Pendeln von Kräften, wie es nicht sein soll, bei dem es sich aber doch leben läßt. Bei diesem Hin-und-her-Pendeln von Kräften des Ätherleibes und des physischen Leibes wird der betreffende Mensch fortwährend irritiert und dadurch erfüllt von fortdauernden Erregungszuständen. Die sieht das hellseherische Bewußtsein fortwährend auftauchen im astralischen Leibe, und diese Erregungszustände drängen sich fortwährend hinein in den halb kranken und halb gesunden Teil der Organisation, wodurch dann nicht ein stabiles, sondern ein labiles Gleichgewicht zustande kommt. Durch dieses Hineindringen der astralischen Erregungszustände wird der menschliche Zustand, der sonst viel besser sein könnte, in der Tat sehr verschlechtert. Ich bitte zu berücksichtigen, daß das Astralische in diesem Falle nicht zusammenfällt mit dem Bewußtsein, sondern daß es vorzugsweise mit dem zusammenfällt, was innere seelische Erregungen sind, die sich aber der Patient nicht eingestehen will. Weil in solchem Falle das Hemmende der Vorstellungen nicht da ist, deshalb wirken diese Zustände und Affekte, die Gemütserschütterungen, die fortwährenden Zustände des Überdrusses, des In-sich-unzufrieden-Seins nicht immer wie bewußte Kräfte, sondern wie organisierende, wie Lebenskräfte, die in der tieferen Wesenheit des Menschen sitzen und fortwährend den halb gesunden, halb kranken Teil irritieren. Könnte nun der betreffende Patient es wirklich durch starken Willen, durch Seelenkultur dazu bringen, wenigstens für eine gewisse Zeit seinen Zustand zu vergessen, so würde er daraus solche Befriedigung schöpfen, daß er dann schon aus dieser Befriedigung die Kraft ziehen könnte, um das weiter durchzuführen. Könnte er seinen Zustand vergessen, ganz von ihm absehen, mit starkem Willen sagen: Ich will mich jetzt nicht kümmern um meinen Zustand! — und würde er sodann die Seelenkräfte, welche er dadurch frei bekommt, auf etwas von geistigem Inhalt verwenden, was ihn erhebt, was ihn innerlich sättigt in seiner Seele, würde er diese Kräfte, die sich sonst immer damit beschäftigen, die Gefühle des Schmerzes, des Drückens und Stechens und was da alles ist, zu durchleben, frei bekommen, so würde ihm das eine große Befriedigung gewähren. Denn wenn man diese Gefühle nicht durchlebt, hat man die Kräfte ja frei; dann sind sie verfügbar. Freilich hilft es nicht viel, wenn man sich bloß sagt, man will dieses Klemmen und Stechen und so weiter nicht bemerken; denn wenn man die Kräfte, welche man da frei bekommt, nicht auf etwas Geistiges verwendet, werden die früheren Zustände bald wieder da sein. Wenn man aber die frei gewordenen Kräfte verwendet auf einen die Seele ganz in Anspruch nehmenden geistigen Inhalt, dann wird man bemerken, daß man auf einem komplizierten Wege das erreicht, was sonst unsere Organisation selber ohne unser Zutun in der Überwindung des Krankheitsprozesses erreicht. Es ist ja natürlich, daß der Betreffende dann sorgfältig darauf sehen muß, daß er nicht gerade seine Seele auf einem solchen Wege erfüllt, der wieder direkt zusammenhängt mit dem, was seine Erkrankung ist. Wenn jemand zum Beispiel an einer Schwäche seiner Augen leidet, und er beschäftigt sich, um nicht an die Schwäche seiner Augen zu denken, damit, daß er viel liest, um geistige Kräfte aufzunehmen, so ist es selbstverständlich, daß ihn das nicht zum Ziele führen kann. Aber ganz so weit herzuholen brauchen Sie sich die sogenannten kleinen Belege dafür nicht. Jeder kann an sich selbst bemerken, wenn er eine kleine Unpäßlichkeit hat, wie sehr es ihm nützt, wenn er es zu einem Vergessen seiner Unpäßlichkeit bringt, namentlich zu einem solchen Vergessen, das hervorgerufen wird durch eine anderweitige Beschäftigung. Das ist also ein positives, gesundes Vergessen! Da haben Sie schon einen Hinweis, daß wir nicht ganz machtlos sind gegen die karmischen Wirkungen unserer Verfehlungen in früheren Lebensläufen, welche sich in Krankheiten zum Ausdruck bringen. Denn wir müssen uns sagen: Wenn wir zugeben, daß das, was im Leben zwischen Geburt und Tod einer moralischen, gemüthaften und intellektuellen Beurteilung unterliegt, in einem Leben nicht so tief gehen kann, daß es die Ursache zu einer organischen Erkrankung wird, daß es sich aber in der Zeit nach dem Tode bis zur neuen Geburt so tief in das Leben hineinsenken kann, daß es Krankheit bewirkt, dann müßte es doch auch möglich sein, diesen Prozeß wieder zurückzuverwandeln in einen Bewußtseinsprozeß!
[ 7 ] Die Frage kann auch so gestellt werden: Wenn Krankheiten sich ausleben wie eine karmische Wirkung von geistigen oder sonstigen durch die Seele hervorgerufenen oder erfahrenen Erlebnissen, wenn sie also die Umwandlung solcher Ursachen sind, können wir uns dann nicht auch denken — oder erzählen uns davon die geistigen Tatsachen nichts —, daß das Umwandlungsprodukt, die Krankheit, vermeidbar ist, insofern vermeidbar, als wir statt des Heilungsprozesses, statt dessen, was aus den organischen Regionen herausgeholt wird, als Krankheit herbeigeholt wird zu unserer Erziehung, das geistige Gegenstück, das geistige Äquivalent dafür setzen? Daß wir, wenn wir klug genug sind, die Krankheit umwandeln in einen geistigen Prozeß und die Selbsterziehung, die wir durch die Krankheit ausführen sollen, sozusagen durch die Kräfte unserer Seele ausführen?
[ 8 ] Daß so etwas in den Bereich der Tatsachen gehört, möchte icii wieder durch ein Beispiel illustrieren. Wieder muß aber hierbei gesagt werden, daß nur solche Beispiele angeführt werden, die geisteswissenschaftlich untersucht sind; es sind nicht Hypothesenaufstellungen, sondern Fälle. Daher können Sie von mir nicht gerade eine Vollständigkeit verlangen weil nicht Hypothesen aufgestellt werden, sondern Fälle, die als solche hingenommen werden müssen. Nehmen wir an, im späteren Leben bekommt eine Persönlichkeit Masern, und wir suchen nach dem karmischen Zusammenhang dieses Falles. Wir finden dabei, daß dieser Masernfall aufgetreten ist als eine karmische Wirkung von solchen Vorgängen In einem vorangegangenen Leben, die wir etwa so beschreiben können: Die betreffende Individualität war in einem vorhergehenden Leben eine solche, die sich nicht gern um die äußere Welt bekümmert hat, sich nicht gerade im grob egoistischen Sinne, aber doch viel mit sich selber beschäftigt hat; eine Persönlichkeit also, die viel nachgeforscht hat, nachgedacht hat, aber nicht an den Tatsachen der äußeren Welt, sondern die im inneren Seelenleben geblieben ist. Sie finden auch heute sehr viele Menschen, welche glauben, daß sie durch In-sich-abgeschlossen-Sein, durch Grübeln und so weiter zur Lösung von Welträtseln kommen können. Bei der Persönlichkeit, die ich meine, handelte es sich darum, daß sie mit dem Leben so fertigzuwerden suchte, daß sie innerlich nachgrübelte, wie man sich in diesem oder jenem Falle verhalten soll. Die Schwäche der Seele, welche sich daraus ergeben hat im Verlaufe des Lebens, führte dazu, daß im Leben zwischen Tod und neuer Geburt Kräfte erzeugt wurden, welche den Organismus in verhältnismäßig später Lebenszeit noch einem Masernanfall aussetzten.
[ 9 ] Jetzt können wir uns fragen: Wir haben auf der einen Seite den Masernanfall, der die physisch-karmische Wirkung ist eines früheren Lebens. Wie ist es denn aber nun mit dem Seelenzustand? Denn das frühere Leben gibt ja als karmische Wirkung auch einen gewissen Seelenzustand.
[ 10 ] Dieser Seelenzustand stellt sich so dar, daß die betreffende Persönlichkeit in dem Leben, wo sie auch den Masernanfall hatte, immer wieder und wieder Selbsttäuschungen unterworfen war. Da haben Sie also die Selbsttäuschungen anzusehen als die seelisch-karmische Folge dieses früheren Lebens und den Eintritt der Masern als die physischkarmische Folge jenes Lebens.
[ 11 ] Nehmen wir nun an, dieser Persönlichkeit wäre es gelungen, bevor ‘der Masernfall eintrat, etwas zu tun, um sich gründlich zu bessern, das heißt, um eine solche Stärke der Seele sich anzueignen, daß sie nicht mehr ausgesetzt wäre allen möglichen Selbsttäuschungen. Dann würde diese dadurch heranerzogene Seelenstärke dazu geführt haben, daß die Masernerkrankung hätte unterbleiben können, weil das, was im Organismus schon hervorgerufen war bei der Bildung dieser Organisation, seinen Ausgleich gefunden hätte durch die stärkeren Seelenkräfte, welche durch die Selbsterziehung herangezogen worden wären. Ich kann natürlich nicht ein halbes Jahr über diese Sachen reden; aber wenn Sie weit im Leben herumschauen und alle Einzelheiten, welche sich als Erfahrungen darbieten, von diesem hier gegebenen Ausgangspunkt aus betrachten würden, so würden Sie immer finden, daß das äußere Wissen voll bestätigen würde — bis in alle Einzelheiten —, was hier gesagt worden ist. Und was ich jetzt gesagt habe über eine Masernerkrankung, das kann zu Gesichtspunkten führen, die erklären, warum Masern gerade zu den gebräuchlichen Kinderkrankheiten gehören. Denn die Eigenschaften, die genannt worden sind, kommen in sehr vielen Leben vor. Insbesondere in gewissen Zeitperioden haben sie in vielen Leben grassiert. Und wenn dann eine solche Persönlichkeit ins Dasein tritt, wird sie so schnell wie möglich Korrektur üben wollen auf diesem Gebiet und in der Zeit zwischen der Geburt und dem gewöhnlichen Auftreten der Kinderkrankheiten, um organische Selbsterziehung zu üben, die Masern durchmachen; denn von einer seelischen Erziehung kann ja in der Regel in diesem Alter nicht die Rede sein.
[ 12 ] Daraus sehen Sie, daß wir wirklich davon sprechen können, daß die Krankheit in gewisser Beziehung wieder zurückverwandelt werden kann in einen geistigen Prozeß. Und das ist das ungeheuer Bedeutsame, daß wenn dieser Prozeß in die Seele als Lebensmaxime aufgenommen wird, er eine Anschauung erzeugt, die gesundend auf die Seele wirkt. In unserer Zeit braucht man sich nicht besonders zu wundern, daß man so wenig auf die Seelen wirken kann. Und wer die Zeit heute vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus durchschaut, der wird es begreifen, daß so viele Mediziner, so viele Ärzte Materialisten werden können, das heißt, verzweifeln an einem seelischen Einfluß. Denn die Mehrzahl der Menschen beschäftigt sich ja überhaupt nicht mit etwas, was eine befruchtende Kraft hat. All das Zeug, was heute durch die gebräuchliche Literatur geht, hat für die Seelen keine befruchtende Kraft. Deshalb fühlt der, welcher für die Geisteswissenschaft wirken will, in diesem theosophischen Wirken auch etwas im eminenten Sinne Gesundendes, weil das geisteswissenschaftliche Wissen der Menschheit wieder etwas bringen kann, was sich so in die Seelen hineinergießt, daß die Seele abgezogen wird von dem, was die leibliche Organisation bildete. Man darf nur nicht verwechseln, was im Anfang einer solchen Bewegung auftritt, mit dem, was die Bewegung wirklich sein kann. Es werden ja in die theosophische Bewegung tatsächlich Dinge hineingebracht, welche in der äußeren Welt auch grassieren, das heißt, es bringen die Menschen, wenn sie Theosophen werden, vielfach genau dieselben Interessen der Theosophie entgegen, die sie für die Dinge draußen auch haben, und auch alle Unarten, die sie draußen haben. Da wird vieles hineingetragen von den Schattenseiten unseres Zeitalters. Dann aber, wenn sich irgendwelche Schattenseiten bei den Betreffenden zeigen, sagt man, das habe die Theosophie bewirkt. Das ist natürlich eine sehr billige Auskunft!
[ 13 ] Wenn wir so den karmischen Faden sich ziehen sehen von einer Inkarnation in die andere, so haben wir damit die entsprechende Wahrheit doch nur von einer Seite erfaßt. Es werden sich demjenigen, der ein Gefühl dafür erhält, wie sich der karmische Faden von Inkarnation zu Inkarnation hindurchzieht, noch viele Fragen ergeben, die im Laufe der Vorträge berührt werden sollen. Vor allen Dingen muß die Frage berührt werden: Wie hat man zu unterscheiden zwischen einer Krankheit, bei der man äußere Ursachen angeben kann, und einer solchen Krankheit, die voll veranlagt liegt in der menschlichen Organisation selber, so daß man glaubt, was da vorliegt, damit abfertigen zu können, daß man sagt, die Krankheit ist ganz von selbst gekommen, und eine äußere Veranlassung liege nicht vor, — Ganz so stehen ja die Dinge nicht. Aber von gewisser Seite ist es doch berechtigt zu sagen, daß Krankheiten auftreten, für die der Mensch durch sein Inneres besonders disponiert ist. Für zahlreiche Krankheitserscheinungen wird man dagegen doch äußere Ursachen angeben können. Natürlich nicht für alles, was uns passiert, aber für manches, was uns von außen her zustößt, zum Beispiel, wenn wir ein Bein brechen, müssen wir äußere Ursachen ins Feld führen. Auch das müssen wir zu den äußeren Ursachen zählen, was durch die Witterung geschieht, und ebenso die zahlreichen Krankheitsfälle, deren Ursachen in den schlechten städtischen Wohnungen zu suchen sind. Da eröffnet sich uns wieder ein weites Feld. Und für den, der mit Erfahrungen in die Welt blickt, ist es auch jetzt erklärlich, daß die heutige Moderichtung der Medizin dazu kommt, Krankheitsursachen in den äußeren Einwirkungen, besonders in den Bazillen, zu suchen, von denen ein geistreicher Herr nicht mit Unrecht gesagt hat: Heute kommen Krankheiten von den Bazillen, wie man ehedem gesagt hat, Krankheiten kommen von Gott oder vom Teufel. Im 13. Jahrhundert sagte man, Krankheiten kommen von Gott, im 15. Jahrhundert sagte man, sie kommen vom Teufel. Später hieß es dann, sie kommen von den Säften, und heute sagt man, die Krankheiten kommen von den Bazillen. Das sind die Ansichten, die sich abgelöst haben im Laufe der Zeiten.
[ 14 ] So müssen wir also sprechen von äußeren Ursachen des menschlichen Krankseins oder Gesundseins. Und da kann der gegenwärtige Mensch leicht versucht sein, ein Wort zu gebrauchen, welches im Grunde sehr geeignet ist, in unsere ganze Weltauffassung Unordnung hineinzubringen. Wenn jemand, der vorher ganz gesund war, in eine durch Influenza oder Diphtherie verseuchte Gegend kommt und hernach erkrankt, so wird der heutige Mensch ganz gewiß geneigt sein zu sagen, daß der Betreffende den Krankheitskeim dadurch aufgenommen hat, daß er in jene Gegend gekommen ist, und er wird dann leicht das Wort Zufall gebrauchen. Von zufälligen Einflüssen wird man heute leicht sprechen. — Das Wort Zufall ist so recht eine Crux, ein Kreuz für jede Weltanschauung. Und solange man eigentlich nicht einmal den Versuch macht, sich ein wenig klarzuwerden über das, was man so leicht mit Zufall bezeichnet, wird man auch nicht vordringen können zu einer einigermaßen befriedigenden Weltanschauung. So stehen wir nun am Ausgangspunkt des Kapitels «Natürliche und zufällige Erkrankungen des Menschen». Da geht es aber nicht anders, als daß wir einleitend heute versuchen, auf das Wort Zufall ein wenig Licht zu werfen.
[ 15 ] Ist nicht der Zufall selber etwas, was uns mißtrauisch machen könnte gegen das, was sich der Mensch heute leicht dabei denkt? Ich habe schon früher einmal darauf aufmerksam gemacht, daß ein geistvoller Mann im 18. Jahrhundert nicht ganz unrecht hatte, als er über die Sitte, großen Entdeckern, Erfindern und so weiter Denkmäler zu errichten, den Ausspruch tat, man müßte doch, wenn man den geschichtlichen Verlauf objektiv betrachtet, die weitaus meisten Denkmäler dem «Zufall» errichten! Und sonderbar: Wenn man eingeht auf die Geschichte, kann man merkwürdige Entdeckungen machen über das, was sich hinter dem Zufall verbirgt. Ich habe Ihnen erzählt, daß die Erfindung des Fernrohres dem Spiel zu verdanken ist, das Kinder in einer optischen Werkstätte mit optischen Gläsern getrieben haben; dabei kam eine Konstellation zustande, durch die jemand das Fernrohr zustande brachte. Man könnte auch hinweisen auf die berühmte Lampe im Dom zu Pisa, die schon früher vor Tausenden und Tausenden von Menschen ihre Schwingungen mit derselben Regelmäßigkeit ausgeführt hat wie vor Galilei. Aber erst Galilei probierte, wie die Schwingungen zusarnmenstimmten mit dem Gang seiner Blutzirkulation, und dadurch kam er zu der Auffindung der Pendelgesetze. Würden wir die Pendelgesetze nicht gehabt haben, so würde unser ganzes Kulturleben einen andern Anstrich bekommen haben. Versuchen Sie, ob Sie nicht in der Menschheitsentwickelung einen Sinn suchen können und ob Sie dann noch sagen möchten, daß nur ein Zufall gewaltet hat, zum Beispiel bei Galilei, und ihn zu dieser wichtigen Entdeckung gebracht hat. Aber nehmen wir einen andern Fall.
[ 16 ] Denken wir daran, was die Luthersche Bibelübersetzung bedeutet für die Kulturländer der europäischen Welt. Machen wir uns klar, was für einen tiefgehenden Einfluß sie genommen hat auf das religiöse Fühlen und Denken und anderseits auf die Heranbildung dessen, was wir die deutsche Schriftsprache nennen. Ich will nur die Tatsache hinstellen, ohne davon zu sprechen, wie man über sie denken soll; nur daß sie diesen tiefgehenden Einfluß gehabt hat, will ich betonen. Sie müssen nun doch versuchen, einen Sinn zu sehen in jener Erziehung der Menschheit, die seit mehreren Jahrhunderten durch die Luthersche Bibelübersetzung bewirkt worden ist. Wenn Sie es versuchen, darin einen Sinn zu sehen, dann stellen Sie einmal neben dasjenige, was Sie so geistvoll wie möglich über den Sinn der Entwickelung seit dem 16. bis 17. Jahrhundert sagen können, die folgende Tatsache:
[ 17 ] Luther hat sich bis zu einer gewissen Zeit seines Lebens tief beschäftigt mit allem, was seine eigene Persönlichkeit zu einer Art von Gotteskindschaft führen könnte durch die Bibellektüre. Er war übergegangen von der Gepflogenheit der Augustiner, vorzugsweise die Kirchenväter zu lesen, zu dem Genuß des Lesens der Bibel selber. Aber alles sprach jetzt dafür, daß sich in seiner Seele entzünden sollte die Gotteskindschaft in einem umfassenden Gefühl. Und von diesem Gesichtspunkt aus oblag er seinem theologischen Lehramt in der ersten Wittenberger Periode. Die Tatsache, die ich nun hervorheben möchte, ist die, daß Luther eine gewisse Abneigung hatte, sich den theologischen Doktortitel zu verschaffen, und daß er in einer zufälligen Unterredung, als er einmal zusammensaß mit einem alten Freunde des Erfurter Augustinerklosters, wirklich überredet worden ist, sich den theologischen Doktorhut zu erringen. Das hieß aber nun für ihn ein nochmaliges und wiederholtes Studium der Bibel. Da hat also das zufällige Zusammensitzen mit seinem Freunde zu einem nochmaligen Studium der Bibel geführt und dann zu alledem, was dadurch zum Ausdruck gekommen ist.
[ 18 ] Versuchen Sie den Sinn für das, was für die letzten Jahrhunderte angedeutet worden ist, zusammenzuhalten mit der Tatsache, daß Luther einmal mit jenem Freunde zusammengesessen hat und sich zur Erringung des theologischen Doktorhutes hat überreden lassen: Da werden Sie eine merkwürdig groteske Zusammenstellung zu machen genötigt sein zwischen dem Sinn der Entwickelung und dem zufälligen Ereignis.
[ 19 ] Was Sie zunächst aus dem Gesagten herauslesen werden, ist, daß es sich vielleicht. doch mit der Bedeutung des Zufalles etwas anders verhalten könne, als man gewöhnlich denkt. Gewöhnlich denkt man, daß der Zufall etwas sei, was sozusagen durch die Naturgesetze, durch die Gesetze des Lebens sich überhaupt nicht restlos erklären lasse, daß er eine Art von Überschuß bilde gegenüber dem, was sich erklären läßt. Nehmen Sie nun zu dem, was eben gesagt worden ist, die Tatsache, die uns ja schon zum Verständnis so vieler Seiten des Lebens verholfen hat: daß der Mensch in seiner Individualität seit seinem Erdendasein unterworfen war den beiden Kräften des luziferischen und des ahrimanischen Prinzips. Diese Kräfte und Prinzipien spielen fortwährend in den Menschen hinein, wobei die luziferischen Kräfte mehr dadurch wirken, daß sie das Innere des astralischen Leibes des Menschen ergreifen, während die ahrimanischen Kräfte mehr wirken durch das, was der Mensch als äußere Eindrücke empfängt. In dem, was wir von der Außenwelt empfangen, sitzen die ahrimanischen Kräfte; und in dem, was als Lust oder Unlust, als Affekte und so weiter in der Seele aufsteigt und wirkt, sitzen die luziferischen Kräfte. Nun führt sowohl das luziferische wie das ahrimanische Prinzip dazu, daß wir uns Täuschungen hingeben; das luziferische Prinzip führt dazu, daß wir uns über unser eigenes Inneres Täuschungen hingeben, daß wir über unser eigenes Inneres falsch urteilen können, eine Illusion im eigenen Inneren schauen können. Es wird Ihnen nicht schwer werden, wenn Sie das Leben vernünftig betrachten, diese Maja im eigenen Seelenleben gewahr zu werden. Versuchen Sie es zu betrachten, wie unendlich oft sich der Mensch einredet, er tue dieses oder jenes aus diesem oder jenem Grunde. Er tut es aber gewöhnlich aus einem ganz andern Grunde, der wesentlich tiefer sitzt; aber er erklärt sich die Handlung, zu der er getrieben wird durch Zorn und Leidenschaft, in seinem Oberbewußtsein auf eine ganz andere Art. Namentlich versucht er das, was in der Welt nicht geschätzt wird, hinwegzudekretieren. Und wenn der Mensch aus recht egoistischen Affekten heraus zu etwas getrieben wird, werden Sie es oft erleben können, daß er seinen grobklotzig-egoistischen Trieben ein unegoistisches Mäntelchen umhängt und erklärt, warum es hat geschehen müssen. Der Mensch weiß aber gewöhnlich selbst nicht, daß er so vorgeht. Wenn er es weiß, tritt gewöhnlich schon der Anfang zu einer Besserung mit einem gewissen Schamgefühl ein. Das schlimmste ist, daß der Mensch aus der Tiefe seiner Seele heraus zu etwas getrieben wird — und sich dann ein Motiv ausdenkt, aus dem er die betreffende Handlung getan habe. Das haben auch schon die modernen Psychologen bemerkt. Aber nur weil heute so wenig psychologische Bildung vorhanden ist, kommen derartig groteske Ausbildungen solcher Wahrheiten zustande, wie das bei den heutigen materialistischen Psychologen der Fall ist. Sie kommen zu ganz eigenartigen Ausdeutungen des Lebens.
[ 20 ] Derjenige, der als Geistesforscher eine solche Tatsache bemerkt, wird sie natürlich in ihrer wahren Bedeutung durchschauen und so charakterisieren, daß in der Tat die zwei Dinge zusammenwirken: das Bewußstsein, und das, was als die tieferen Gründe unter der Schwelle des Bewußtseins waltet. Bemerkt es aber ein materialistischer Psychologe, so wird er die Sache anders behandeln. Da spintisiert er gleich eine Theorie heraus über den Unterschied zwischen dem Vorwand, den der Mensch zu einer Handlung annimmt, und zwischen dem eigentlichen Motiv. — Wenn zum Beispiel ein Psychologe spricht über die heute so viel notierten Schülerselbstmorde, so sagt er, was als Vorwand dazu angeführt würde, das sei nicht das eigentliche Motiv; die eigentlichen Motive lägen viel tiefer: sie lägen meistens in einem irregeleiteten Geschlechtsleben. Diese würden umgewandelt, so daß sie dann dem Bewußtsein diese oder jene Gründe vortäuschen.
[ 21 ] Eine solche Sache kann oft richtig sein. Aber es würde sie derjenige nie zu einer umfassenden Theorie machen, der nur ein wenig berührt worden wäre von einer wahrhaft tieferen psychologischen Denkungsart. Eine solche Theorie kann leicht widerlegt werden, denn der Betreffende müßte bedenken: Wenn wirklich der Fall so liegt, daß der Vorwand nichts ist und das Motiv alles, so müßte man das auch bei diesem Psychologen anwenden können und sagen: Es ist also auch bei dir dasjenige, was du hier vorbringst und als Theorie entwickelst, nur Vorwand; suchen wir nach den tieferen Gründen, so sind vielleicht deine angegebenen Gründe ganz derselben Natur. — Hätte ein solcher Psychologe ernsthaft gelernt, warum ein Urteil unmöglich ist, das nach einem solchen Schluß aufgebaut ist wie: Alle Kretenser sind Lügner —, und daß ein solches Urteil schief ist, wenn es ein Kretenser selbst sagt; hätte er gelernt den Grund, warum das so ist, so hätte er auch gelernt, was für sonderbare Zirkelschlüsse dadurch herauskommen, daß man auf gewissen Gebieten Behauptungen auf sich selber zurücktreiben kann. Aber es ist eben fast in dem ganzen Umfange unserer Literatur eine außerordentlich geringe wirklich tiefere Bildung vorhanden. Daher bemerken die Leute dasjenige, was sie selbst tun, gewöhnlich durchaus nicht mehr. Deshalb wird es gerade für die Geisteswissenschaft durchaus notwendig sein, daß solche logischen Konfusionen nach jeder Hinsicht vermieden werden. Am wenigsten vermeiden solche logischen Konfusionen die modernen Philosophen, die sich mit Seelenwissenschaft beschäftigen. Und unser Beispiel ist ein typisches dafür. Wir sehen daran die Streiche, die luziferische Einflüsse dem Menschen spielen, so daß sie ihm das Seelenleben in eine Maja verwandeln und daß er sich ganz andere Motive vortäuschen kann, als sie wirklich in seinem Inneren walten.
[ 22 ] Auf diesem Gebiete sollte der Mensch versuchen, eine strengere Selbsterziehung zu handhaben. Heute handhabt sich das Wort gewöhnlich sehr leicht. Aber dieses Wort ist auch ein furchtbarer Verführer. Und wenn das Wort nur schön klingt und nur ein klein wenig den Eindruck macht, daß ein Satz eine wohltätige Handlung vorstellt, dann wird schon das Schönklingen des Satzes Verführer sein, zu glauben, daß das betreffende Motiv in der Seele sei, während in Wahrheit das egoistische Prinzip dahinterstecken kann, von dem der Betreffende gar keine Ahnung zu haben braucht, weil er gar nicht den Willen hat, wirkliche Selbsterkenntnis zu treiben. So sehen wir Luzifer auf der einen Seite wirken. Wie wirkt nun Ahriman auf der andern Seite?
[ 23 ] Ahriman ist das Prinzip, das sich in unsere Wahrnehmungen mischt und von außen in uns hineinzieht. Nun wirkt Ahriman am allerstärksten in den Fällen, wo wir das Gefühl haben: Hier kommst du mit deinem Denken nicht mehr nach; da stehst du an einem kritischen Punkt mit deinem Denken, da fängt sich das Denken wie in einem Gedankenknäuel. — Da ergreift das ahrimaniische Prinzip die Gelegenheit, um wie durch einen Spalt der Außenwelt in uns einzudringen. Wenn wir den Gang der Weltereignisse verfolgen und die mehr offenbaren Ereignisse ansehen, wenn wir zum Beispiel die heutige Physik zurück verfolgen bis zu dem Moment, wo Galilei vor der schwingenden Kirchenlampe im Dom zu Pisa saß, so können wir ein Gedankennetz über alle Ereignisse spinnen, das uns die Sache leicht erklärt; überall werden uns die Dinge erklärlich werden. Da aber, an der Stelle, wo wir zu der schwingenden Kirchenlampe kommen, da verwickeln sich unsere Gedanken. Da ist das Fenster, wo die ahrimanischen Kräfte am allerstärksten in uns eindringen, und da hört unser Denken auf, dasjenige aus den Erscheinungen zu begreifen, was Vernunft und Verständnis in die Sache hineinbringen kann. Da sitzt aber auch das, was man den Zufall nennt. Er sitzt da, wo uns Ahriman am allergefährlichsten wird. Diejenigen Erscheinungen nennt der Mensch zufällig, bei denen er durch den ahrimanischen Einfluß am allerleichtesten getäuscht werden kann.
[ 24 ] So wird der Mensch verstehen lernen, daß es nicht in der Natur der Tatsachen liegt, wenn er irgendwo veranlaßt wird, von Zufall zu sprechen, sondern daß es an ihm, an seiner Entwickelung liegen wird. Und er wird sich nach und nach dazu erziehen müssen, Maja und Illusion zu durchdringen, das heißt, dort die Dinge zu durchdringen, wo Ahriman am stärksten wirkt. Und gerade wo wir zu sprechen haben von wichtigen Krankheitsursachen und von einem Licht, das sich über manchen Krankheitsverlauf breiten soll, da werden wir es nötig haben, von dieser Seite her die Erscheinungen anzugreifen. Da werden wir zuerst zu verstehen suchen, inwiefern es kein Zufall ist, wenn ein Mensch gerade mit demjenigen Eisenbahnzug fährt, durch den er umkommen kann, oder wie die Dinge liegen, durch die ein Mensch gerade in einer bestimmten Zeit irgendeinem von außen wirkenden Krankheitskeim ausgesetzt ist oder einer andern Krankheitsursache. Und wenn wir mit einer geschärften Erkenntnis den Dingen nachgehen können, werden wir imstande sein, das wahre Wesen und die ganze Bedeutung des Krankseins und des Gesundseins für das menschliche Leben noch tiefer zu begreifen.
[ 25 ] Ich mußte heute in ausführlicherer Weise zeigen, wie im Inneren des Menschen Luzifer zur Illusion führt und wie Ahriman sich in die äußeren Wahrnehmungen mischt und dort zur Maja führt; wie es eine Wirkung Luzifers ist, wenn sich der Mensch ein falsches Motiv vortäuscht, und wie die falsche Annahme gegenüber der Welt der Erscheinungen — die Täuschung durch Ahriman — uns zu der Annahme eines Zufalls bringt. Diesen Grund mußte ich schaffen, bevor ich zeigen kann, wie die karmischen Ereignisse, die Ergebnisse des früheren Lebens, beim Menschen auch da wirken und auch da die Erscheinungen erklären, wo scheinbar zufällige äußere Veranlassungen zur Erzeugung von Krankheiten wirken.
