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Die Offenbarungen des Karma
GA 120

21 Mai 1910, Hanover

Sechster Vortrag

[ 1 ] Daß eine karmische Gesetzmäßigkeit dann wirken kann, wenn in dem gestern und vorgestern angedeuteten Sinne von dem Inneren des Menschen heraus die Krankheitsursache sich geltend macht, das wird ja leicht begreiflich sein. Wenn aber die Krankheitsursache in gewissem "Sinne von außen hereinwirkt — und für wie vielerlei wird heute von der Wissenschaft die Krankheitsursache draußen gesucht in der Infektion —, wenn also das Hauptaugenmerk gerichtet werden muß auf eine äußere Veranlassung zur Krankheit: daß dann die karmische Gesetzmäßigkeit — das, was sich der Mensch als Wirkungen der Erlebnisse und Handlungen seines früheren Lebens mitgebracht hat durch die Geburt — auch in der Weise wirken kann, daß sie diese äußeren Krankheitsursachen herbeischafft, das scheint gewiß vielen noch, und mit Recht, weniger begreiflich zu sein. Dennoch aber werden wir, wenn wir noch weiter die eigentliche Wesenheit des Karma verfolgen, nicht nur verstehen lernen, wie äußere Ursachen zusammenhängen können mit dem, was wir in früheren Leben erlebt und getan haben, sondern wir werden sogar begreifen lernen, daß äußere Lebensunfälle, die uns treffen, also Ereignisse, die man so gern heute zufällig nennen möchte, in einem gesetzmäßigen Zusammenhange stehen können mit dem Verlauf voriger Leben. Allerdings werden wir noch etwas tiefer eindringen müssen in die ganze Natur der menschlichen Wesenheit, wenn wir gerade derartige, eigentlich durch unser ganzes menschliches Anschauen verschleierte Verhältnisse beleuchten wollen.

[ 2 ] Wir haben ja gestern damit geschlossen, daß wir gezeigt haben, wie der Zufall uns immer eigentlich in einer verschleierten Gestalt das äußere Ereignis darbietet, weil an den Stellen, wo wir vom Zufall sprechen, die Möglichkeit der äußeren Täuschung, die durch die ahrimanischen Mächte herbeigeführt wird, am größten ist. Nun wollen wir einmal das Zustandekommen solcher Zufälligkeiten, das heißt solcher Ereignisse, die man im gewöhnlichen Leben als «Zufälligkeiten» bezeichnet, in einzelnen Fällen vor uns hinstellen.

[ 3 ] Da ist es notwendig, daß wir uns zuerst ein Gesetz, eine Wahrheit, eine Erkenntnis vorhalten: daß im Leben gar manches, was wir mit dem Ausdruck bezeichnen «von innen herauskommend», «von dem Inneren des Menschen stammend», sich schon eigentlich in eine Täuschung kleidet, weil mancherlei, was wir zunächst als im Inneren des Menschen verursacht glauben, wenn wir in Wahrheit über die Illusion hinauskommen, schon als etwas von außen nach innen Strömendes bezeichnet werden muß. Und ein solches tritt uns immer da entgegen, wo wir es zu tun haben mit allen jenen Erlebnissen des Menschen, allen jenen Wirkungen auf den Menschen, welche wir begreifen unter dem Namen der «vererbten Merkmale». Die vererbten Merkmale, die uns so entgegentreten, als ob wir sie nur deshalb hätten, weil sie unsere Vorfahren auch hatten, können uns im eminentesten Maße erscheinen, als ob sie uns ohne unsere Schuld, ohne unser Zutun zugefallen wären. Und wir können leicht zu einer falschen Unterscheidung dessen kommen, was wir uns aus unseren früheren Inkarnationen mitbringen, von dem, was wir von Eltern oder Voreltern geerbt haben. Nun aber geschieht das Wiedereintreten in eine Verkörperung keineswegs so, als ob wir ohne irgendeine Veranlassung, die mit unserem Inneren zusammenhängt, zu diesem oder jenem Elternpaar, zu diesem oder jenem Volk, in diese oder jene Gegend hingedrängt würden. Schon bei den durchaus nicht in das Gebiet der Krankheiten hineinfallenden vererbten Merkmalen dürfen wir so etwas keineswegs voraussetzen, sondern wir müssen uns sagen: Wenn zum Beispiel in einer Familie, wie der des Musikers Bach, durch viele Generationen hindurch immer wieder und wieder kleinere und größere Musiker geboren wurden — der eine ist dann gewöhnlich hervorragender, aber in der Familie Bach sind über zwanzig mehr oder weniger begabte Musiker geboren worden —, so könnte man leicht glauben, daß man es mit der reinen Vererbungslinie zu tun hätte, daß also Merkmale von den Vorfahren vererbt werden und daß der Mensch gerade deshalb, weil solche Merkmale vorliegen, gewisse aus früheren Inkarnationen mitgebrachte Eigenschaften zu musikalischen Talenten entfaltet. Das ist aber nicht so, sondern die Sache verhält sich vielmehr ganz anders.

[ 4 ] Nehmen wir an, es würde jemand in einem Leben zwischen Geburt und Tod Gelegenheit haben, viele musikalische Eindrücke zu empfangen. Diese musikalischen Eindrücke gingen aber in diesem Leben an ihm vorüber, einfach aus dem Grunde, weil er kein musikalisches Ohr hatte. Andere Eindrücke seines Lebens werden nicht an ihm in derselben Weise vorübergehen, weil er gerade so gebaute Organe hat, daß er die Erlebnisse und Eindrücke in eigene Fähigkeiten umsetzen kann. Daher werden wir sagen können, ein Mensch habe in seinem Leben solche Eindrücke, die er durch die Anlage, welche er von seiner letzten Geburt mitbekommen hat, umzusetzen vermag in Fähigkeiten und Talente; andere Eindrücke hat er, welche er vermöge seines Gesamtkarma, weil er durch dieses nicht die entsprechenden Anlagen erhalten hat, nicht umsetzen kann in die entsprechenden Fähigkeiten. Die bleiben aber vorhanden, bleiben aufgespeichert und bilden sich um in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt zu der besonderen Tendenz, in der nächsten Inkarnation nunmehr zum Ausleben zu gelangen. Und diese Tendenz führt den Menschen dahin, im nächsten Leben seine Leiblichkeit gerade in einer solchen Familie zu suchen, welche ihm die entsprechenden Anlagen geben kann. Hat also jemand viele musikalische Eindrücke empfangen und sie wegen eines unmusikalischen Ohres nicht umwandeln können in musikalische Fähigkeiten oder Genüsse, so wird gerade diese Unmöglichkeit die Tendenz in seiner Seele hervorrufen, in eine solche Familie hineinzukommen, welche ihm ein musikalisches Ohr vererben kann, So verstehen wir es, daß, wenn in einer Familie sich der Bau des Ohres ebenso vererbt wie etwa die äußere Form der Nase, alle diejenigen Individualitäten sich zusammendrängen werden in diese Familie, die gerade lechzen — infolge ihrer früheren Inkarnation — nach dem Besitz eines musikalischen Ohres. Und so sehen wir, daß der Mensch in der Tat nicht «zufällig» in irgendeiner Inkarnation ein musikalisches Ohr oder ähnliches geerbt hat, sondern daß er diese vererbten Merkmale gesucht hat, wirklich aufgesucht hat.

[ 5 ] Beobachten wir jetzt einen solchen Menschen vom Zeitpunkt seiner Geburt an, dann wird es uns so vorkommen, als ob das musikalische Ohr in ihm wäre, eine Eigenschaft in seinem Inneren. Würden wir aber mit unseren Betrachtungen hinübergehen vor seine Geburt, so würden wir finden, wie das musikalische Ohr, das er sich erst aufgesucht hat, etwas ist, was von außen an ihn herangekommen ist. Vor der Geburt oder Empfängnis war das musikalische Ohr nicht etwas, was in seinem Inneren war, sondern da war nur die Tendenz vorhanden, zu einem solchen Ohr hingetrieben zu werden. Da hat der Mensch ein Äußeres an sich herangezogen. Vor der Wiederverkörperung war die Eigenschaft, die wir nachher eine vererbte nennen, etwas Äußeres; das ist an den Menschen herangekommen, er ist dazu hingeeilt. Mit der Verkörperung wird es dann etwas Inneres und tritt in dem Inneren dieses Menschen auf. — Reden wir also von «vererbten Anlagen», so geben wir uns wieder einer Täuschung hin, welche darin besteht, daß wir etwas, was erst ein Inneres geworden ist, nicht in jenem Zeitpunkt betrachten, wo es noch ein Äußeres war.

[ 6 ] Fragen wir uns nun einmal, ob es so wie in diesem Falle, den wir jetzt angeführt haben, nicht auch mit äußeren Ereignissen sein könnte, welche während unseres Lebens zwischen Geburt und Tod eintreten, daß auch da ein Äußeres sich in ein Inneres verwandeln könnte? — Diese Frage würden wir uns nicht beantworten können, wenn wir nicht noch tiefer als bisher das Wesen von Krankheit und Gesundheit ins Auge fassen. Wir haben mancherlei angeführt, um Krankheit und Gesundheit zu charakterisieren, und Sie wissen, daß ich nicht definiere, sondern versuche, nach und nach die Dinge zu beschreiben, immer mehr Merkmale zu den Dingen hinzuzufügen, damit sie nach und nach begreiflich werden. Also mehr Merkmale wollen wir jetzt hinzufügen zu den schon gewonnenen.

[ 7 ] Wir müssen Krankheit und Gesundheit vergleichen mit etwas, was im normalen Leben auftritt; dann werden wir etwas noch Tieferes finden, nämlich den Vergleich mit Schlafen und Wachen. Was geschieht im Menschenwesen, wenn die täglichen Zustände Wachen und Schlafen miteinander abwechseln? Wir wissen, daß beim Einschlafen im Bette zurückgelassen wird der physische Leib und der Ätherleib und daß herausgehen aus dem physischen Leib und dem Ätherleib der astralische Leib und das Ich. Es ist also das Einschlafen für uns ein Herausziehen von Ich und astralischem Leib aus physischem Leib und Ätherleib; das Aufwachen dagegen ist ein Wiederhineingehen des astralischen Leibes und des Ich in den physischen Leib und Ätherleib. Jeden Morgen beim Aufwachen taucht also der Mensch unter in seinen physischen Leib und Ätherleib mit dem, was er als innerer Mensch, als astralischer Leib und als Ich ist. Was geschieht nun in bezug auf das, was sich im Menschenwesen als Erlebnis abspielt beim Einschlafen und beim Aufwachen?

[ 8 ] Wenn wir den Moment des Einschlafens ins Auge fassen, so stellt er sich uns so dar, daß alle Erlebnisse, die vom Morgen bis zum Abend in unserem Leben auf und ab fluten, daß vor allem die Seelenerlebnisse Lust und Leid, Freude und Schmerz, Leidenschaften, Vorstellungen und so weiter hinuntersinken in ein Unbewußtes. Wir selber sind im normalen Leben, wenn wir schlafen, einem Unbewußten hingegeben. Warum werden wir mit dem Einschlafen unbewußt? — Wir wissen ja, daß wir während des Schlafzustandes von einer geistigen Welt umgeben sind, wie wir im Wachzustande umgeben sind von den Dingen und Tatsachen der physisch-sinnlichen Welt. Warum sehen wir diese geistige Welt nicht? Im gewöhnlichen normalen Leben sehen wir die geistigen Tatsachen und geistigen Dinge, die um uns herum sind, aus dem Grunde nicht, weil für uns dieses Sehen bei der gegenwärtigen Menschenreife vom Einschlafen bis zum Aufwachen im höchsten Grade gefahrbringend wäre. In dem Augenblick, wo der Mensch heute bewußt übergehen würde in die Welt, die ihn zwischen Einschlafen und Aufwachen umgibt, würde zwar sein astralischer Leib, der ja während der alten Mondenzeit seine volle Ausbildung erfahren hat, in die geistige Welt ausfließen; aber nicht könnte es das Ich, das ja erst während der Erdenzeit sich entwickeln soll und vollständig entwickelt sein wird am Ende der Erdenzeit. Das Ich ist noch nicht so voll entwickelt, daß es vom Einschlafen bis zum Aufwachen seine volle Tätigkeit entfalten könnte.

[ 9 ] Es ist mit dem Ich so, daß wir den Zustand, in den es käme, wenn der Mensch bewußt einschlafen würde, damit vergleichen könnten, daß wir sagen: Nehmen wir an, wir haben ein kleines Tröpfchen einer gefärbten Flüssigkeit, das bringen wir in ein Bassin mit Wasser und lassen es sich darinnen verteilen. Dann wird man von der Farbe dieses Tröpfchens nichts mehr sehen, weil es sich in der ganzen breiten Masse hat auflösen müssen. — So etwas geschieht auch, wenn der Mensch im Einschlafen aus dem physischen Leib und Ätherleib herausgeht. Physischer Leib und Ätherleib sind das, was die ganze menschliche Wesenheit zusammenhält. In dem Augenblick, wo der astralische Leib und das Ich die beiden unteren Glieder verlassen, streben sie auseinander nach allen Seiten hin, haben nur das Bestreben, sich fortwährend auszudehnen. Es würde also dem Ich so gehen, daß es aufgelöst würde, und der Mensch würde vor sich haben zwar die Bilder der geistigen Welt, aber er würde sie mit denjenigen Kräften, die nur sein Ich entfalten kann — denn das Ich wäre ja aufgelöst —, also mit Urteilskräften und Begriffsvermögen und so weiter, nicht verfolgen können, also nicht mit demselben Bewußtsein, mit welchem er die Zustände des Alltags verfolgt. Er würde außer sich sein, würde hin und her gerissen, wesens- und richtungslos schwimmend auf dem Meere der astralischen Eindrücke. Aus diesem Grunde, weil das Ich noch nicht stark genug ist im normalen Zustande des Menschen, wird das Ich so lange zurückwirken auf den astralischen Leib und ihn verhindern, bewußt einzutreten in seine eigentliche Heimat, in die geistige Welt, bis das Ich selber überall mit hin kann, wohin der astralische Leib dringt. So also hat es einen guten Sinn, daß wir das Bewußtsein verlieren im Einschlafen. Wir könnten unser Ich nicht erhalten. Wir werden es erst erhalten können in genügender Weise, wenn die Erdentwickelung an ihrem Ende angekommen sein wird. Deshalb sollen wir auch unseren astralischen Leib nicht entfalten können in bezug auf seine Bewußtseinsfähigkeit.

[ 10 ] Gerade das Umgekehrte tritt ein, wenn der Mensch aufwacht. Wenn er aufwacht und untertaucht in den physischen Leib und Ätherleib, würde er eigentlich erleben müssen das Innere des physischen Leibes und des Ätherleibes. Das tut er aber nicht. Im Augenblick des Aufwachens wird er verhindert, hineinzuschauen in das Innere seiner Leiblichkeit, denn da wird gleich die Aufmerksamkeit auf die äußeren Erlebnisse gelenkt. Da wird nicht seine Sehkraft, seine Erkenntniskraft dahin gelenkt, sein Inneres zu durchschauen, sondern sie wird abgelenkt auf die Außenwelt. Würde der Mensch sich im Inneren ergreifen, so würde genau das Gegenteil eintreten von dem, was eintritt, wenn sich der Mensch bewußt beim Einschlafen in die geistige Welt hineinbegeben könnte. Alles, was der Mensch sich schon im Verlaufe des Erdenlebens an Geistigem durch sein Ich errungen hat, das würde sich zusammendrängen und es würde jetzt im physischen Leibe und Ätherleibe nach dem Untertauchen mit aller Kraft auf ihn wirken. Das würde zur Folge haben, daß alles, was nur irgendwie egoistische Eigenschaft ist, sich mit aller Macht entfalten würde. Und der Mensch würde hinuntertauchen mit seinem Ich und würde mit jedem Stück, mit dem er hinuntertaucht, seine Leidenschaften, Triebe und Begierden in einem immer kraftvolleren Egoismus ergießen. Aller Egoismus würde sich ergießen in sein Triebleben. Damit das nicht geschieht, werden wir abgelenkt auf die Außenwelt und nicht mit unserem Bewußtsein in unser Inneres hineingelassen.

[ 11 ] Daß das so ist, kann auch aus den Berichten derjenigen hervorgehen, die als Mystiker versuchten, wirklich hineinzukommen in das menschliche Innere. Sehen Sie sich um bei Meister Eckart, bei Johannes Tauler oder bei sonstigen Mystikern des Mittelalters, welche wirklich den Gang in das menschliche Innere unternommen haben. Da haben Sie Mystiker, welche sich hingegeben haben einem Zustand, wo sie ihre Aufmerksamkeit vollständig ablenkten von dem, was sie an der Außenwelt interessieren konnte, um hinunterzusteigen in das eigene Innere. Lesen Sie die Biographien der Heiligen oder der Mystiker, die in das eigene Innere hineinzusteigen versuchten. Was haben sie erfahren? Versuchungen, Anfechtungen und dergleichen, die sie in lebendigen Farben schildern. Das war dasjenige, was sich aus dem zusammengepreßten astralischen Leib und Ich als eine Widerkraft geltend machte. Daher haben diejenigen, welche sozusagen ungeschoren als Mystiker in das eigene Innere hinuntersteigen wollten, mit aller Macht darauf gedrungen, daß in demselben Maße, als sie hinunterstiegen, das Ich ausgelöscht würde. Ein schönes Wort hat sogar Meister Eckart gefunden, um dieses Hinuntersteigen in die eigene Leiblichkeit zu bezeichnen. Er spricht von «Entwerdung», das heißt Auslöschen des Ich. Und lesen Sie in der «Deutschen Theologie», wie der Verfasser darstellt den mystischen Gang in das menschliche Innere, wie er darauf dringt, daß derjenige, der hinuntersteigen will in die Leiblichkeit, nicht mehr aus seinem Ich handelt, sondern daß in ihm der Christus handelt, mit dem er sich ganz durchdrungen hat. Auslöschen wollten solche Mystiker ihr Ich. Nicht sie sollen denken, fühlen und wollen, sondern der Christus in ihnen soll denken, fühlen und wollen, damit nicht dasjenige aus ihnen herauskommt, was in ihnen als Leidenschaften, Trieb und Begierde lebt, sondern damit dasjenige herauskommt, was sich als der Christus in sie ergießt. Daher sagt Paulus: «Nicht ich, sondern der Christus in mir»! Aus solchen Tiefen gehen solche Dinge hervor.

[ 12 ] So können wir schildern Aufwachen und Einschlafen als innere Erlebnisse der menschlichen Wesenheit: Aufwachen als ein Hinuntertauchen der zusammengepreßten Ichheit in die Leiblichkeit des Menschen, Einschlafen als ein Sich-Befreien vom Bewußtsein, weil man noch nicht reif ist, in jener Welt zu schauen, in die man eigentlich hineindringen muß beim Einschlafen. Dadurch verstehen wir Wachen und Schlafen in jenem Sinne, in welchem wir mancherlei in der Welt verstehen müssen: als das Sich-Durchdringen der verschiedenen Glieder der menschlichen Wesenheit. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus einen wachenden Menschen, so sagen wir: In dem wachenden Menschen stecken darinnen vier Glieder der menschlichen Wesenheit: physischer Leib, Ätherleib, astralischer Leib und Ich, und sie stecken in einer bestimmten Weise ineinander. Was folgt daraus? Eben das Wachen! Denn es könnte der Mensch nicht wachen, wenn er nicht so hineinsteigen würde in seine Leiblichkeit, daß die Aufmerksamkeit durch die Außenwelt abgelenkt würde. Gerade von einem ganz bestimmten, geregelten Zusammenwirken der vier Glieder des Menschen hängt es ab, daß der Mensch wacht. Und wieder von dem richtigen Getrenntsein seiner vier Glieder hängt es ab, daß der Mensch schläft. Wir reichen damit nicht aus, daß wir sagen: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich, sondern wir verstehen den Menschen erst dann, wenn wir wissen, in welchem Grade die verschiedenen Glieder bei einem bestimmten Zustande miteinander verknüpft sind, wie sie ineinanderstecken. Das ist das Wesentliche für die Erkenntnis der menschlichen Natur. Nun betrachten wir die Art des Zusammengefügtseins der vier Glieder des Menschen, wie es uns beim wachenden Menschen entgegentritt, als das Normale. Wir wollen einmal von diesem Begriff ausgehen: als das Normale den Zustand des wachenden Menschen zu betrachten.

[ 13 ] Nun werden sich die meisten von Ihnen erinnern, daß das Bewußtsein, welches wir gegenwärtig als Erdenmenschen haben zwischen Geburt und Tod, nur eine ist von den überhaupt möglichen Bewußtseinsformen. Wenn Sie zum Beispiel die «Geheimwissenschaft im Umriß» oder die früheren Aufsätze «Aus der Akasha-Chronik» studieren, so werden Sie sehen, daß das heutige Bewußtsein eine Bewußtseinsstufe unter sieben verschiedenen Bewußtseinsstufen ist, daß dieses Bewußtsein, das wir heute haben, sich erst entwickelt hat aus drei andern, vorangegangenen Bewußtseinszuständen und sich später entwickeln wird zu drei andern, nachfolgenden Bewußtseinsformen. Während der Mensch Mondenmensch war, hatte er noch kein Ich. Das Ich verband sich mit dem Menschen erst während der Erdenzeit. Daher konnte der Mensch auch die heutige Art des Bewußtseins erst während der Erdenzeit haben. Ein solches Bewußtsein wie das, was wir heute haben zwischen Geburt und Tod, setzt voraus, daß das Ich genau so, wie es heute der Fall ist, mit den andern drei Gliedern zusammenwirkt und das höchste ist unter den vier Gliedern der menschlichen Wesenheit. Bevor der Mensch mit dem Ich befruchtet worden ist, bestand er nur aus physischem Leib, Ätherleib und astralischem Leib. Da war der astralische Leib sein höchstes Glied, und sein Bewußtseinszustand war ein solcher, daß wir ihn heute höchstens, wenn wir etwas aus dem gewöhnlichen Leben nehmen, mit dem vergleichen könnten, was der Mensch sich wie ein altes Erbstück erhalten hat im Traumbewußtsein. Aber Sie müssen sich nicht das heutige Traumbewußtsein vorstellen, sondern ein solches, das in den Bildern des Traumes Realitäten wiedergibt. Wenn Sie den heutigen Traum studieren, werden Sie in den verschiedensten Bildern recht viel Chaotisches finden, weil das heutige Traumbewußtsein ein altes Erbstück ist. Aber wenn Sie das Bewußtsein, welches dem heutigen vorangegangen ist, studieren würden, dann würden Sie finden, daß Sie äußere Gegenstände, zum Beispiel Pflanzen, damals nicht würden gesehen haben. Also es wäre ein äußerer Eindruck auf den Menschen unmöglich gewesen. Wenn etwas in die Nähe des Menschen gekommen wäre, hätten Sie einen Eindruck bekommen, der seinen Umweg nimmt über das Traumbild in das menschliche Innere, das also ein Sinnbild ist, welches aber einem bestimmten äußeren Gegenstande und Eindruck entsprochen haben würde.

[ 14 ] Also wir haben es vor dem Ich-Bewußtsein zu tun mit einem solchen Bewußtsein, das an den astralischen Leib als das damals höchste Glied gebunden ist, das astralische Bewußtsein, das dumpf und dämmerhaft ist und noch nicht durchleuchtet ist von dem Lichte des Ich. Dieses astralische Bewußtsein ist beim Menschen, als er Erdenmensch geworden ist, überleuchtet worden, übertönt worden von dem Ich-Bewußtsein. Nun ist aber der astralische Leib noch immer in uns, und wir können fragen: Wodurch ist das geschehen, daß unser astralisches Bewußtsein überhaupt hat übertönt, ausgeschaltet werden können, so daß das Ich-Bewußtsein ganz an seine Stelle treten konnte? — Das wurde dadurch möglich, daß durch die Befruchtung des Menschen mit dem Ich die frühere Verbindung zwischen astralischem Leib und Ätherleib zu einer viel loseren gemacht worden ist. Es ist sozusagen die frühere innigere Verbindung gelöst worden. Also es war vor dem Ich-Bewußtsein eine viel innigere Verbindung vorhanden zwischen dem astralischen Leib des Menschen und den niedrigeren Gliedern seiner Wesenheit. Es drängte sich der astralische Leib viel mehr hinein in die andern Glieder, als er es heute tut. Entrissen worden ist in einer gewissen Beziehung der astralische Leib dem Ätherleib und dem physischen Leib.

[ 15 ] Nun müssen wir uns einmal diesen Vorgang des sozusagen teilweisen Herausgehens, des Losemachens des astralischen Leibes von Ätherleib und physischem Leib ganz klarmachen. Dann werden wir uns fragen: Gibt es vielleicht auch heute noch die Möglichkeit, bei unserem gewöhnlichen Ich-Bewußtsein etwas herzustellen, was dieser alten Verbindung ähnlich wäre? Könnte es auch heute im Menschenleben geschehen, daß der astralische Leib tiefer hinein will in die andern Glieder, als er soll, sich mehr mit allerlei imprägniert und durchdringt, als es ihm zukommt?

[ 16 ] Also ein gewisses Normalmaß ist notwendig für das Durchdringen des astralischen Leibes mit Ätherleib und physischem Leib. Nehmen wir nun an, das Normalmaß wird nach irgendeiner Richtung hin überschritten. Dann wird eine Störung eintreten müssen im ganzen menschlichen Organismus; denn was der Mensch heute ist, das hängt davon ab, daß dieses bestimmte Verhältnis zwischen den verschiedenen Wesensgliedern da ist, das uns im wachenden Menschen vor Augen tritt. In dem Augenblicke, wo sich der astralische Leib unrichtig benimmt, wo er tiefer hineindringt in physischen Leib und Ätherleib, muß eine Störung auftreten. Nun haben wir aber in den letzten Betrachtungen gesehen, daß das, was wir jetzt folgern, wirklich geschieht. Wir haben den ganzen Vorgang nur von der andern Seite her dargestellt. Wann geschieht es denn?

[ 17 ] Es geschieht dann, wenn der Mensch in einem früheren Leben in seinen astralischen Leib etwas hineingeprägt hat, irgend etwas hat einfließen lassen, was wir für das frühere Leben als eine moralische oder intellektuelle Verfehlung auffassen. Das hat sich dem astralischen Leib eingegraben. Das ist jetzt etwas, wenn der Mensch neuerdings ins Leben tritt, was in der Tat den astralischen Leib veranlassen kann, einen andern Zusammenhang zu suchen mit dem physischen Leib und Ätherleib, als er ihn gesucht hätte, wenn er nicht diese Verfehlung im vorigen Leben in sich hineingeprägt hätte. Also gerade unsere Verfehlungen sind es, die sich unter dem Einfluß von Ahriman und Luzifer vollzogen haben und sich umgestaltet haben in organisierende Kräfte, welche im neuen Leben den astralischen Leib veranlassen, sich anders zum physischen Leib und Ätherleib zu stellen, als er es tun würde, wenn sich solche Kräfte nicht in ihn hineingedrängt hätten.

[ 18 ] So sehen wir, wie gerade die Wirkungen früherer Gedanken, Empfindungen und Gefühle den astralischen Leib zu dem veranlassen, was Unordnung hervorrufen muß in der menschlichen Organisation. Wenn aber solche Unordnung hervorgerufen wird, was tritt dann ein? Wenn sich der astralische Leib mehr hineindrängt in den physischen Leib und Ätherleib, als er es beim normalen Menschen sollte, so tut er etwas ganz Ähnliches, wie wir des Morgens tun beim Aufwachen, wo wir in dem Moment des Aufwachens mit unserem Ich in unsere zwei Leiber hinuntertauchen. Aufwachen besteht im Hinuntertauchen des Ich-Menschen in den physischen Leib und Ätherleib. Worin besteht nun das, was der astralische Leib tut, wenn er mehr in den physischen Leib und Ätherleib hineintritt, als er soll, veranlaßt durch die Wirkungen früherer Erlebnisse? — Was sonst eintritt, wenn wir mit dem Ich und astralischen Leib untertauchen in den physischen Leib und Ätherleib, wenn wir des Morgens aufwachen und etwas wahrnehmen, das zeigt sich gerade darin, daß wir aufwachen. Wie der ganze Wachzustand die Folge ist des Untertauchens des Ich-Menschen in den physischen Leib und Ätherleib, so muß jetzt etwas auftreten, was der astralische Leib tut, also etwas, was wir sonst als Ich-Menschen tun. Er taucht unter in den Äther- und physischen Leib. Wenn wir also einen Menschen vor uns haben, bei dem der astralische Leib die Tendenz aufgenommen hat, sich mehr zu vereinigen mit Ätherleib und physischem Leib, als es normalerweise der Fall sein sollte, so haben wir dieselbe Erscheinung für den Astralleib vor uns, welche wir sonst beim Aufwachen für den IchMenschen vor uns haben. Was ist dieses zu starke Eindringen des astralischen Leibes in den Ätherleib und physischen Leib? Das ist etwas, was wir sonst als das Wesen der Krankheit bezeichnen können. Wenn unser astralischer Leib dasselbe tut, was wir sonst beim Aufwachen tun, nämlich sich hineindrängt in den physischen Leib und Ätherleib, wenn der astralische Leib, der sonst bei uns kein Bewußtsein entwickeln sollte, nach einem Bewußtsein strebt im physischen Leib und Ätherleib, wenn er in uns aufwachen will, dann werden wir krank. Krankheit ist ein abnormer Wachzustand unseres astralischen Leibes. Was tun wir denn eigentlich, wenn wir im normalen Wohlbefinden stehen, wenn wir im gewöhnlichen Wachzustand leben? Dann wachen wir für das gewöhnliche Leben. Aber damit wir das gewöhnliche Wachbewußtsein haben können, mußten wir ja den astralischen Leib früher in eine andere Verbindung bringen. Wir mußten ihn zum Schlafen bringen. Der astralische Leib muß, wenn wir am Tage unser Ich-Bewußtsein haben, schlafen; wir können nur gesund sein, wenn unser astralischer Leib schläft in uns. Daher können wir jetzt das Wesen von Gesundheit und Krankheit in folgender Weise auffassen: Krankheit ist ein abnormes Aufwachen des astralischen Leibes im Menschen, und Gesundheit ist der normale Zustand des Schlafens des astralischen Leibes.

[ 19 ] Und was ist denn das Bewußtsein dieses astralischen Leibes? Wenn wirklich Krankheit das Aufwachen des astralischen Leibes wäre, müßte ja etwas bei ihm eintreten wie ein Bewußtsein. Er wacht abnormerweise auf; also könnten wir ein abnormes Bewußtsein erwarten; aber ein Bewußtsein müßte da sein. Wenn wir in die Krankheit verfallen, müßte etwas Ähnliches entstehen, wie es sonst des Morgens beim Aufwachen eintritt. Es müßte unser Erleben abgelenkt werden auf irgend etwas anderes. Am Morgen taucht sonst unser gewöhnliches Bewußtsein auf. Wenn wir nun krank werden, taucht dann ein Bewußtsein auf?

[ 20 ] Ja, es taucht ein Bewußtsein auf, das der Mensch nur allzugut kennt. Und welches ist dieses Bewußtsein? Ein Bewußtsein drückt sich in Erlebnissen aus! Das Bewußtsein, was da auftaucht, drückt sich aus in dem, was wir den Krankheitsschmerz nennen, den wir nicht haben im normalen Wohlbefinden des Wachzustandes, weil da unser astralischer Leib gerade schläft. Schlafen des astralischen Leibes heißt, daß er sich in regelmäßigem Zusammenhang befindet mit physischem Leib und Ätherleib, bedeutet Schmerzlosigkeit. Der Schmerz ist der Ausdruck dafür, daß der astralische Leib sich so hineinpreßt in den physischen Leib und Ätherleib, wie er nicht drinnen sein soll — und zum Bewußtsein kommt. Das ist der Schmerz.

[ 21 ] Nun handelt es sich darum, daß wir nicht etwa das, was eben gesagt worden ist, wieder grenzenlos ausdehnen. Es muß, wenn geisteswissenschaftlich gesprochen wird, immer die Grenze eingehalten werden, innerhalb deren etwas gesagt wird. — Es ist gesagt worden, daß wenn unser astralischer Leib aufwacht, ein Bewußtsein entsteht, das von Schmerz durchtränkt ist. Daraus dürfen wir aber nicht schließen, daß Schmerz und Krankheit immer zusammenfallen. Es ist durchaus ein jegliches Hineinpressen des astralischen Leibes in den Ätherleib und physischen Leib ein Kranksein. Aber umgekehrt besteht nicht jedes Kranksein darin, und daß Kranksein auch einen anderen Charakter haben kann, werden wir uns dadurch begreiflich machen können, daß keineswegs alles Kranksein von Schmerzen begleitet ist. Das beachten nur die meisten Menschen deshalb nicht, weil sie zumeist im Leben nicht anstreben, gesund zu sein, sondern sie streben an, schmerzlos zu sein, und wenn sie schmerzlos sind, halten sie das für gesund. Das ist nicht immer so; aber in sehr vielen Fällen wird der Mensch glauben, wenn er schmerzlos ist, sei er gesund. Wir würden uns einer gewaltigen Täuschung hingeben, wenn wir glauben wollten, daß Schmerzempfinden und Kranksein zusammenfällt. Es kann die Leber eines Menschen durch und durch beschädigt sein; wenn der Schaden nicht ein solcher ist, daß durch ihn zum Beispiel das Bauchfell affiziert wird, so tritt gar kein Schmerz auf. Es kann der Mensch einen Krankheitsprozeß in sich haben, der sich gar nicht in Schmerzen äußert. Das kann in vielen Fällen so sein. Vor einer objektiveren Betrachtung sind diese Erkrankungen sogar die schlimmeren. Denn wenn der Mensch Schmerzen empfindet, geht er darauf aus, die Schmerzen loszuwerden; wenn er keine Schmerzen hat, gibt er sich nicht besonders viel Mühe, die Krankheit loszubekommen.

[ 22 ] Wie verhält es sich nun mit den Erscheinungen, wo keine Schmerzen mit den Krankheitsfällen parallel gehen? Was haben wir da getan? — Da brauchen wir uns nur zu erinnern, daß wir uns wirklich als menschliche Wesen, wie wir heute sind, nach und nach entwickelt haben, daß wir während der Erdenzeit das Ich hinzugefügt haben zu astralischem Leib, Ätherleib und physischem Leib. Aber wir waren auch einmal ein Mensch, der nur physischen Leib und Ätherleib gehabt hat. Ein Wesen, das nur physischen Leib und Ätherleib hat, ist wie eine heutige Pflanze. Bei solchen Wesen kommen wir zu einem dritten Grade von Bewußtsein, einem viel, viel dumpferen Bewußtsein, das nicht einmal bis zur Helligkeit des heutigen Traumbewußstseins hinaufreicht. Es ist ja durchaus ein Irrtum, wenn wir glauben, daß der Mensch im Schlafe kein Bewußtsein hat. Er hat ein Bewußtsein; nur ist es so dumpf, daß er es nicht bis zur Erinnerung in seinem Ich heraufrufen kann. Aber auch in der Pflanze sitzt ein solches Bewußtsein. Es ist eine Art Schlafbewußtsein, also ein noch tieferes als das astralische Bewußtsein. Da kommen wir herunter zu einem noch tieferen Bewußtsein des Menschen.

[ 23 ] Nehmen wir nun an, der Mensch habe durch Erlebnisse in früheren Inkarnationen nicht nur solche Unordnung hineingebracht in seine Organisation, welche den astralischen Leib veranlaßt, sich in unordentlicher Weise hineinzuversenken in den physischen Leib und Ätherleib, sondern er habe so etwas vollführt, was den Ätherleib veranlassen kann, in unrichtiger Weise sich in den physischen Leib hineinzudrängen. Es kann durchaus ein solcher Zustand eintreten, daß auch die Verbindung zwischen Ätherleib und physischem Leib nicht die für den heutigen Menschen normale ist, daß sich der Ätherleib zu tief hineindrängt in den physischen Leib. Der astralische Leib, sagen wir, wäre dabei gar nicht beteiligt, sondern was da im früheren Leben veranlagt worden ist, das bewirkt in der menschlichen Organisation eine dichtere Zusammenfügung von Ätherleib und physischem Leib, als es sonst sein soll. Da haben wir dasselbe bei dem Ätherleib, was wir bei dem astralischen Leibe haben im Schmerzbewußstsein.

[ 24 ] Wenn der Ätherleib sich nun seinerseits zu tief hineinversenkt in den physischen Leib, so taucht ein Bewußtsein auf ähnlich wie des Menschen Schlafbewußtsein, wie das Pflanzenbewußtsein. Kein Wunder daher, daß das auch ein Zustand ist, der vom Menschen gar nicht empfunden wird. Wie er nicht im Schlaf empfindet, so empfindet er auch jetzt diesen Zustand nicht. Und doch ist es ein Aufwachen! Wie unser astralischer Leib abnormerweise aufwacht, wenn er zu tief hinuntertaucht in den Ätherleib und physischen Leib, so wacht der Ätherleib in abnormer Weise auf, wenn er zu tief in den physischen Leib hineintaucht. Nur kann es der Mensch nicht wahrnehmen, weil es das Aufwachen zu einem noch dumpferen Bewußtsein als das Schmerzbewußtsein ist. Aber nehmen wir an, der Mensch hätte wirklich in einem früheren Leben so etwas vollzogen, was sich zwischen Tod und neuer Geburt dazu umwirkt, daß der Ätherleib für sich aufwacht, das heißt, intensiven Besitz ergreift vom physischen Leib. Wenn das geschehen ist, lebt auf im Menschen ein tiefes Bewußtsein, das aber nicht in der Weise wahrgenommen werden kann, wie die sonstigen Erlebnisse der menschlichen Seele wahrgenommen werden. Braucht es deshalb nicht zu wirken, weil es nicht wahrgenommen wird? Versuchen wir uns klarzumachen, was ein Bewußtsein für eine eigentümliche Tendenz erhält, wenn es anfängt, um einen Grad tiefer zu liegen.

[ 25 ] Wenn Sie einen solchen äußeren Eindruck erleben, wie zum Beispiel wenn Sie sich verbrennen, so verursacht das Schmerz. Wenn ein Schmerz entstehen soll, so muß das Bewußtsein wenigstens den Grad des Bewußtseins des astralischen Leibes haben. Ein Schmerz muß im astralischen Leibe leben. Wo also irgendeinmal in der Menschenseele Schmerz entsteht, ist eine Tatsache des astralischen Leibes vorhanden. Nehmen _ wir aber einmal an, es geschehe etwas, was nicht mit Schmerzen verbunden wäre, was dennoch aber einen äußeren Reiz, einen äußeren Eindruck hervorruft. Wenn irgend etwas auf Ihr Auge zufliegt, so verursacht das einen äußeren Reiz; das Auge schließt sich. Schmerz ist damit nicht verbunden. Was ruft der Reiz hervor? Eine Bewegung. Das ist etwas Ähnliches, wie wenn Ihre Fußsohle berührt wird: Schmerz ist es nicht — dennoch zuckt der Fuß. Es gibt also auch solche Eindrücke auf den Menschen, die nicht von Schmerzen begleitet sind, die dennoch aber herausfordern irgendein Geschehnis, eine Bewegung. Da weiß der Mensch nicht — weil er nicht bis in diesen tiefen Grad des Bewußtseins hinunterdringen kann —, wie so etwas zustande kommt, daß eine Bewegung folgt auf den Reiz. Wenn Sie Schmerz empfinden, und Sie weisen dadurch etwas zurück, so ist es der Schmerz, der Sie aufmerksam gemacht hat auf das, was Sie dann zurückweisen. Es kann aber etwas auftreten, was Sie zu einer inneren Bewegung drängt, zu einer Reflexbewegung. Da dringt das Bewußtsein nicht bis zu dem Grade hinunter, wo der Reiz in Bewegung umgesetzt wird. Da haben Sie einen solchen Bewußtseinsgrad, der nicht in Ihre astralischen Erlebnisse hineinkommt, der bewußt nicht erlebt wird, der in einer Art von Schlafbewußtseinssphäre verläuft, der aber darum doch nicht so ist, daß er nicht zu Geschehnissen führen könnte. Wenn ein solches tieferes Eindringen des Ätherleibes in den physischen Leib stattfindet, so ist dies das Hervorbringen eines Bewußtseins, das nicht ein Schmerzbewußtsein ist, weil sich der astralische Leib nicht daran beteiligt, sondern das so dumpf ist, daß es der Mensch nicht wahrnimmt. Damit ist aber nicht gesagt, daß der Mensch in diesem Bewußtsein keine Handlungen ausführen kann, nicht etwas tun könnte, was der ganzen Sachlage entspräche. Der Mensch führt ja auch sonst Handlungen aus, bei denen sein Bewußtsein nicht dabei ist. Sie brauchen nur daran zu denken, wo das gewöhnliche Tagesbewußtsein ausgelöscht ist und der Mensch als Nachtwandler alle möglichen Handlungen ausführt. Da ist nicht etwa gar kein Bewußtsein vorhanden, sondern es ist ein solches Bewußtsein daran beteiligt, das der Mensch nicht miterleben kann, weil er nur die zwei höchsten Bewußtseinsformen erleben kann: das astralische Bewußtsein als Lust und Leid und dergleichen und das Ich-Bewußstsein als Urteil und als gewöhnliches Tagesbewußtsein. Deshalb ist aber die Sache doch nicht so, daß der Mensch aus diesem Schlafbewußtsein heraus nicht handeln könnte.

[ 26 ] Nun haben wir also auch ein solches tiefes Bewußtsein, das der Mensch nicht mehr erreichen kann, wenn der Ätherleib hinuntersteigt in den physischen Leib. Nehmen wir an, er will aber doch etwas tun, wovon er im normalen Leben nichts wissen kann, was irgendwie mit der Sachlage zusammenhängt, dann wird er das tun, ohne daß er davon etwas weiß. In ihm wird etwas, wird die Sache selbst das tun, ohne daß er selber davon weiß. — Betrachten wir jetzt einen Menschen, der durch irgendwelche Vorkommnisse in einem früheren Leben Ursachen in sich gelegt hat, welche in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt hinunterwirken bis dahin, wo sie zu einem tieferen Eindringen des Ätherleibes in den physischen Leib führen. Dann werden daraus Handlungen hervorgehen, welche zum Auswirken von tieferliegenden Krankheitsprozessen führen. Da wird der Mensch dazu gedrängt werden können, äußere Veranlassungen zu Krankheiten geradezu aufzusuchen.

[ 27 ] Es kann sonderbar erscheinen, daß das nicht klar erscheint für das gewöhnliche Ich-Bewußtsein. Der Mensch würde es aber aus seinem gewöhnlichen Ich-Bewußtsein heraus auch nie tun. Er wird sich nie aus seinem gewöhnlichen Ich-Bewußtsein heraus befehlen, in einen Herd von Bazillen einzudringen. Nehmen wir aber an, jenes dumpfe Bewußtsein findet, daß es nötig ist, daß eine äußere Schädigung eintrete und daß sich das abspielen kann, was wir gestern genannt haben den ganzen Sinn des Krankseins. Dann sucht dieses Bewußtsein, das in den physischen Leib hineindringt, die Krankheitsursache auf. Es ist das eigene Wesen des Menschen, das die Krankheitsursache aufsucht, um das zu erreichen, was wir gestern den Krankheitsprozeß genannt haben. So werden Sie aus dem tieferen Wesen der Krankheit heraus begreifen, daß selbst dann, wenn noch keine Schmerzen auftreten, noch immer Gegenwirkungen auftreten können. Und auch wenn Schmerzen sich zeigen, kann noch immer, wenn nur der Ätherleib zu stark eindringt in den physischen Leib, dasjenige eintreten, was man nennen kann das Suchen von äußeren Krankheitsursachen durch tiefergelegene Schichten des menschlichen Bewußtseins selbst. So grotesk es klingt, so ist es doch richtig: Wir suchen uns, ebenso wie unsere vererbten Merkmale, mit einem andern Bewußtseinsgrade unsere äußeren Krankheitsursachen, wenn wir sie brauchen. Das eben Gesagte gilt aber wieder nur in den Grenzen dessen, wie es heute dargestellt ist.

[ 28 ] Heute hat es sich vorzugsweise darum gehandelt, gerade klarzulegen, daß der Mensch imstande sein kann, ohne daß er es mit dem ihm bekannten Bewußtseinsgrade verfolgen kann, die Krankheit dadurch zu suchen, daß ein abnormer, tieferer Bewußtseinszustand hergestellt wird. Darum handelte es sich: zu zeigen, daß wir es in der Krankheit zu tun haben mit einem Erwachen von Bewußtseinsstadien, welche wir als Menschen früher schon überwunden haben. Dadurch, daß wir in einem früheren Leben Fehler auf uns geladen haben, verursachen wir, daß wir tiefere Bewußtseinsgrade hervorbringen, als es uns sonst für unser jetziges Leben geziemte. Und was wir aus den Antrieben dieser Bewußtseinsgrade tun, das beeinflußt den Verlauf des Krankheitsprozesses wie auch den Prozeß, der überhaupt erst zur Krankheit führt.

[ 29 ] Da sehen wir, daß in den abnormen Zuständen alte Bewußtseinsstufen heraufsteigen, welche der Mensch längst überwunden hat. Wenn Sie nur ein wenig die Tatsachen des gewöhnlichen Lebens betrachten, können Sie sich schon ein wenig verdeutlichen, was heute gesagt worden ist. Es ist ja so, daß der Mensch durch seine Schmerzen gewissermaßen tiefer hinuntersteigt in sein Wesen. Sie kennen ja den Ausspruch, daß er dann erst weiß, daß er ein Organ hat, wenn es angefangen hat, ihn zu schmerzen. Das ist ein populärer Ausspruch; aber er ist nicht so ganz dumm. Warum weiß der Mensch im normalen Bewußtsein davon nichts? Weil sein Bewußtsein im normalen Falle so weit schläft, daß es nicht intensiv genug untertaucht in den astralischen Leib. Taucht es aber unter, dann entsteht Schmerz, und durch den Schmerz erfährt der Mensch, daß er das betreffende Organ hat. In gar manchen Aussprüchen des gewöhnlichen Lebens liegt etwas durchaus Wahres, weil sie Erbstücke sind aus den früheren Bewußtseinsstadien, in welchen der Mensch, als er in die geistige Welt hineingesehen hat, noch vieles gewußt hat von dem, was wir heute mühselig wieder heraufholen müssen.

[ 30 ] Wenn Sie begreifen, daß der Mensch tiefere Schichten des Bewußtseins erleben kann, dann werden Sie auch die Möglichkeit haben, zu begreifen, daß nicht nur äußere Krankheitsursachen, sondern auch äußere Schicksalsschläge vom Menschen aufgesucht werden können, welche sich der Mensch nicht als vernünftig auslegen kann, aber deren Vernunft so wirkt, daß auf tiefere Schichten des Bewußtseins gewirkt wird. — So kann es auch wohl denkbar erscheinen, daß sich der Mensch bei gewöhnlicher Überlegung nicht gerade dorthin stellen wird, wo ihn ein Blitz treffen kann. Mit dem Oberbewußtsein wird er das vermeiden. Aber es könnte in ihm ein Bewußtsein tätig sein, das viel tiefer liegt als das Oberbewußtsein und das ihn gerade an die Stelle hinführt, wo ihn der Blitz treffen kann, unter einer Voraussicht, welche das Oberbewußtsein nicht hat, ein Bewußtsein, das also will, daß der Blitz ihn trifft, so daß der Mensch den Unfall geradezu aufsucht.

[ 31 ] Daß durch karmische Wirkungen Unglücksfälle aufgesucht werden oder auch äußere Krankheitsursachen, das haben wir heute der Möglichkeit nach erst begriffen. Wie das im einzelnen geschieht, wie die Kräfte im Menschen wirken, welche in tieferen Bewußtseinsschichten sind, und wie es damit steht, ob unser Oberbewußtsein solche Unglücksfälle vermeiden darf, das ist wieder eine Frage, die uns auch noch beschäftigen wird. Wie wir verstehen können, daß, wenn der Mensch in eine Gegend geht, wo eine Infektion auf ihn ausgeübt werden kann, da ein Bewußtseinsgrad wirkt, der ihn dorthin getrieben hat, so müssen wir auch verstehen können, wie es sich damit verhält, daß der Mensch Einrichtungen trifft, damit solche Infektionen immer weniger wirken können, daß wir also durch hygienische Maßregeln durch das Oberbewußtsein die Dinge wieder abwenden können. Wir können auch begreifen die Möglichkeit, durch das Oberbewußtsein diese Wirkung abzulenken, und müssen sagen, daß es etwas höchst Unvernünftiges wäre, daß das Unterbewußtsein Krankheitskeime aufsuchen kann, wenn nicht auch auf der andern Seite Krankheitsursachen durch das Oberbewußtsein vermieden werden können.

[ 32 ] Wir werden sehen, daß es «vernünftig» ist, Krankheitskeime aufzusuchen, und daß es auch «vernünftig» ist, von dem Oberbewußtsein aus hygienische Maßregeln zu ergreifen gegen das Eindringen von Infektionsstoffen, um dadurch Krankheitsursachen zu verhindern.