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The Gospel of St. Matthew
GA 123

9 September 1910, Bern

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Neunter Vortrag

Lecture Nine

[ 1 ] Aus alledem, was wir in den Vorträgen dieses Zyklus bereits gehört haben, hat sich uns herausgestellt, daß das Wesentliche des ChristusEreignisses in folgendem besteht. Jene menschliche Entwickelung, welche wir bezeichnet haben als das Hinaufleben der Seele zu den Reichen des Geistes, die in vorchristlichen Zeiten nur innerhalb der Mysterien erreicht werden konnte, und zwar nur dadurch, daß das Ich in einer gewissen Weise, soweit es entwickelt war im normalen Menschenbewußtsein, herabgestimmt wurde, jene menschliche Entwickelung sollte einen solchen Impuls erhalten, daß sie - was ja allerdings noch der Zukunft der Menschen zum größten Teil angehört - für den Menschen so erreicht werden kann, daß er beim Eintritt in diese geistige Welt voll erhalten kann dasjenige Ich-Bewußtsein, welches ihm für unsere Zeiten normalerweise nur für den äußeren physisch-sinnlichen Plan zukommt. Dieser Fortschritt in der Menschheitsevolution, der so durch das Christus-Ereignis gegeben war, ist zugleich der größte Fortschritt, der in der Erdenentwickelung und Menschheitsevolution jemals hat gemacht werden können und jemals wird gemacht werden können. Das heißt, alles, was in bezug auf eine solche Tatsache noch kommen soll in der Erdenentwickelung, ist eine Ausgestaltung, eine Ausführung des großen Impulses, der mit dem Christus-Ereignis gegeben worden ist.

[ 1 ] From everything we have heard in the foregoing lectures it is clear that the essence of the Christ Event may be indicated in the following way.—The stage of evolution denoted by an ascent of the human soul to the realms of the Spirit was attainable in pre-Christian times only within the Mysteries, and through the dimming of the degree of Ego-consciousness then present in man. This stage of evolution was to receive an impulse—the fruits of which still lie, for the most part, in the future—whereby on rising into the spiritual world a man can retain the full Ego-consciousness that is normally his on the physical plane alone. This advance in evolution, made possible by the Christ Event, is truly the greatest advance that has ever taken place or ever will take place in the history of the Earth and of humanity. Whatever else may develop in Earth-evolution in this connection will simply be an elaboration of the mighty impulse given by the Christ Event.

[ 2 ] Nun fragen wir uns einmal: Was mußte denn eigentlich da eintreten? Es mußte in einer gewissen Weise das sich wiederholen, im einzelnen sich wiederholen, was zu den Geheimnissen der alten Mysterien gehörte. Zu den Geheimnissen der alten Mysterien hat es ja zum Beispiel gehört, wie es auch heute noch in einer gewissen Weise zu denselben gehört, daß der Mensch beim Hineinsteigen in den eigenen physischen Leib und Ätherleib im Astralleibe jene Versuchungen erlebt, von denen wir gestern gesprochen haben. Und in den griechischenMysterien mußte der Mensch wieder erleben alle die Schwierigkeiten und Gefahren, die an uns herantreten, wenn wir uns ergießen, uns ausbreiten in den Makrokosmos. Auch das haben wir genauer beschrieben. Diese Ereignisse, die der Mensch da nach der einen oder der anderen Richtung der Einweihung erlebt, wurden mustergültig als einmaliger Impuls einer großen, überragenden Individualität von dem Christus Jesus erlebt, auf daß der Anstoß gegeben sei, daß nach und nach in der künftigen Evolution die Menschen eine solche Entwickelung, ausgehend von der Initiation, durchmachen können. Betrachten wir also zuerst einmal, was sich vollzogen hatte in den Mysterien.

[ 2 ] Let us now ask: What was it that was to be brought about by that Event? There was to be a repetition, in a particular case, of certain happenings connected with the secrets of the ancient Mysteries. It was, for example, part of those secrets—and to some extent it is still the same to-day—that on penetrating into his own physical body and etheric body a man experienced in his astral body the temptations of which we spoke yesterday. And in the Greek Mysteries a candidate for Initiation had perforce to encounter all the difficulties and dangers approaching those who pour themselves out into the Macrocosm. These experiences encountered in one or another mode of Initiation, were undergone by a great and sublime Individuality, by Christ Jesus, as a pattern for mankind. The impulse thus given made it possible for men in the course of their future evolution gradually to achieve the development resulting from Initiation.

[ 3 ] Schildern wir es, so werden wir sagen: Zwar wurde alles, was von der menschlichen Seele vollzogen wurde, so vollzogen, daß das Ich abgedämpft, mehr in eine Art halb traumhaften Zustandes versetzt war, aber es machte das Innere, das Seelenhafte des Menschen gewisse Tatsachen durch, die in folgender Weise geschildert werden können. Es machte der Mensch das durch, daß der Egoismus erwacht; er will unabhängig sein von der Außenwelt. Aber - wie wir es gestern zeigten — weil jeder Mensch abhängig ist von der Außenwelt, da er sich nicht die Nahrungsmittel zaubern kann, und weil er abhängig ist von dem, was sich durch seine physische Körperlichkeit ergibt, so ist er der Illusion ausgesetzt, daß er das, was sich bloß aus der physischen Körperlichkeit ergibt, für die Welt und ihre innere Herrlichkeit hält. Das machte jeder Schüler, jeder zu Initiierende in den Mysterien durch, nur eben in einem anderen Zustande, als es der Christus Jesus durchmachte auf einer höchsten Stufe. Beschreibt also jemand, was da durchgemacht werden kann, einzig und allein den Tatsachen entsprechend für den Schüler der alten Mysterien, beschreibt er es bei dem Leben des Christus Jesus, so ist die Beschreibung der Tatsachen in einer gewissen Weise ähnlich. Denn das ist ja geschehen, daß das, was sich im Dunkel der Mysterien abgespielt hat, herausgetreten ist auf den Plan der Weltgeschichte und einmaliges historisches Ereignis geworden ist.

[ 3 ] What happened formerly in the Mysteries may be described in the following way.—Although Ego-consciousness was dreamlike and dim, certain experiences were nevertheless undergone by the candidate in his inner life of soul. Egoism was aroused in him, making him wish to be independent of the external world. But as was said yesterday, every human being is and must always be dependent on the external world, for the simple reason that he cannot create his means of nourishment by magic or dispense with what he acquires through his physical body. Because this is so he is exposed to the illusion of believing that what is acquired merely through the physical body constitutes the world and its glory. This experience was undergone by every pupil, every candidate for Initiation, but in a condition different from that in which it was undergone at the very highest level by Christ Jesus. Therefore if someone were to describe what happened to a candidate in the ancient Mysteries and then write of the same experiences in the life of Christ Jesus, there would in certain respects necessarily be similarity in the descriptions. For what had come to pass was that happenings formerly shrouded in the secrecy of the Mysteries had now moved to the arena of world-history.

[ 4 ] Nehmen wir nun einmal folgenden Fall an - was ja immer geschehen ist im Altertum, namentlich in den letzten Jahrhunderten vor dem Erscheinen des Christus -: Irgendein Maler oder Schriftsteller habe Kunde erhalten, diese oder jene Prozeduren werden vorgenommen, wenn jemand eingeweiht werden soll, und er habe das gemalt oder habe es beschrieben. So wird ein solches Gemälde, eine solche Beschreibung ähnlich sein können demjenigen, was uns die Evangelien schildern von dem Christus-Ereignis. So können wir uns vorstellen, wie in manchen alten Mysterien der Einzuweihende, nachdem er gewisse Vorbereitungen durchgemacht hatte, dann, um frei zu werden in seinem Seelischen, mit seinem Leiblichen an eine Art Kreuz gebunden worden ist mit ausgebreiteten Händen. In diesem Zustande blieb er eine Zeit, um das Seelische herauszuheben, damit er das durchmachen konnte, was wir dargestellt haben. Das alles also sei gemalt oder schriftstellerisch geschildert worden. Dann könnte das heute jemand finden und sagen: Es ist von diesem Schriftsteller aus einer alten Überlieferung hingeschrieben, beziehungsweise von einem Maler gemalt worden, was in den Mysterien durchgemacht wurde. Und er kann dann sagen, in den Evangelien finde sich nur wiederum aufgezeichnet, mitgeteilt, was schon früher vorhanden war!

[ 4 ] Occurrences such as the following were very frequent in antiquity, especially in the last centuries before the appearance of Christ.—Suppose some painter or scribe, having been told about a certain rite enacted during an Initiation, set to work to portray or describe it. Such a painting or description might well bear a resemblance to the account of the Christ Event given in the Gospels. We can therefore imagine how in many centres of the ancient Mysteries the candidate for Initiation, having completed certain preparations, was bound with outspread arms and hands to a kind of cross in order that his soul might be released from his body. He remained in this condition for a time, undergoing the experiences already described. All this might have been painted or related in writing, and then some scholar, finding it to-day, might assert that what was undergone in the Mysteries had been founded on some older tradition; he might then add that the Gospels themselves are simply repetitions.

[ 5 ] Das kann man in zahlreichen Fällen finden. In welchem großen Umfange das gilt, habe ich umfassend gezeigt in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», in dem ich geschildert habe, wie alles, was Geheimnis der alten Mysterien ist, wieder auflebt in den Evangelien, wie die Evangelien im Grunde nichts anderes sind als Wiederholungen der alten Beschreibungen der Einweihung in den Mysterien. Und warum konnte man denn einfach den alten Mysterienvorgang beschreiben, indem man mitteilte, was mit dem Christus Jesus vorging? Man konnte es, weil man eben alles, was in den alten Mysterien vorging, was als ein innerer Seelenvorgang vorging, als eine historische Tatsache sich abspielen sah, weil das Christus Jesus-Ereignis, erhöht zur Ich-Wesenheit, dasjenige wiedergab, was symbolische oder auch realsymbolische Handlungen der alten Initiation waren. Diese Tatsache müssen wir uns gegenwärtig halten. Gerade der, der fest auf dem Boden steht, daß das Christus-Ereignis ein historisches ist, daß sich als historische Tatsache abgespielt hat, was früher Mysterienvorgänge waren, nur für andere menschliche Zustände, der mag verzeichnen die Gleichheit der Christus-Biographie in den Evangelien mit den Vorgängen in den Mysterien.

[ 5 ] Statements to this effect are very widespread. In the book Christianity as Mystical Fact I have explained the sense in which secrets of the ancient Mysteries come to light in the Gospels, and that the Gospels, fundamentally, are repetitions of the descriptions of Initiation in the Mysteries. Why, in relating events in the life of Christ, was it possible to describe the processes enacted in the Mysteries? It was possible because everything that took place in the Mysteries in the inner life of the soul, had become historic fact; because the Christ-Jesus-Event was a re-portrayal of symbolic rites enacted during the process of the old Initiation, but fulfilled now at the higher level of full Ego-consciousness. This fact must always be kept in mind. The similarity of episodes in Christ's life—as narrated in the Gospels—with procedures in the Mysteries will certainly be realised by those who are convinced that such procedures became historic reality through His coming, although they were enacted on an entirely different level of consciousness.

[ 6 ] Man könnte, um ganz genau zu schildern, es auch so sagen: Da nahmen wahr, die berufen waren es wahrzunehmen, das ChristusEreignis in Palästina, nahmen wahr das Erfüllen der Essäerweissagung, die Johannes-Taufe im Jordan, die Versuchung, dann, was darauf folgt, das Gekreuzigtwerden und so weiter. Da konnten sie sich sagen: Nun haben wir ein Leben vor uns, ein Leben einer Wesenheit in einem Menschenleibe. Wenn wir dieses Leben überschauen in seinen allerwichtigsten, wesentlichsten Punkten, auf die es ankommt, was sind dann diese Punkte? Merkwürdig, wir finden da gewisse Punkte, die sich vollziehen im äußeren historischen Leben, und dieselben Punkte sind es, die sich abspielen in den Mysterien bei dem, der die Einweihung sucht. Wir brauchten also nur den Kanon eines Mysteriums zu nehmen und hätten in diesem Kanon das Vorbild eines Vorganges, den wir hier als historische Tatsache beschreiben dürfen!

[ 6 ] The following could also be said.—Those destined to witness the Christ Event in Palestine observed the fulfillment of the Essene prophecy and were aware of the Baptism by John, the Temptation and what followed it, the Crucifixion, and the ensuing happenings. They could say to themselves: Here is a life lived through by a sublime Being in the body of a man. What are the all-important points in this life? Certain things take place as external events and they are identical with experiences undergone in the Mysteries by candidates for Initiation. We need therefore simply turn to the canon of a Mystery-rite and there we should find the prototype of a process that may now be described as an historical fact!

[ 7 ] Das ist ja gerade das große Geheimnis, daß dasjenige, was im Tempeldunkel früher begraben war, sich dort abspielte und dann nur in seinen Resultaten hinausgetragen wurde in die Welt, für diejenigen, welche der geistigen Anschauung teilhaftig waren, sich abspielte auf dem großen Plan der Weltgeschichte mit dem Christus-Ereignis. Allerdings muß man sich dabei klar sein, daß man in der Zeit, als die Evangelisten schrieben, keine solchen Biographien verfaßte, wie es heute vorkommt, wenn man eine Biographie über Goethe, Schiller oder Lessing schreibt, wo man in alle Winkel hineinkriecht, jeden kleinen Zettel zusammenträgt, um dann das als das Wichtigste zu einer Biographie zusammenzufassen, was wirklich das Unwesentlichste ist. Während man über dieser Zettelkasten-Sammlung nicht dazu kommt, die wesentlichsten Punkte ins Auge zu fassen, auf die es ankommt, begnügten sich die Evangelisten damit, das Wesentliche im Leben des Christus Jesus zu beschreiben. Und dies Wesentliche ist, daß das Christus-Leben im großen Plan der Weltgeschichte eine Wiederholung der Einweihung war. Dürfen wir uns wundern, daß die Tatsache so ist, daß in unserer Zeit etwas eintreten konnte, was ungeheuer viele Menschen wirklich verblüfft? Und dieses, was die Menschen da verblüfft, wird sich uns noch krasser ergeben, wenn wir auf folgendes aufmerksam machen.

[ 7 ] Here, then, is the great secret. What had formerly been shrouded in the darkness of temple-sanctuaries, perceptible—but only in its effects—to those in the outer world possessed of spiritual vision, was now enacted as the Christ Event on the stage of world-history itself. It must of course be realised that in the days of the Evangelists, no biographies were produced of the kind familiar to us to-day. In a biography, let us say, of Goethe, of Schiller, or of Lessing, every detail of their lives is probed into and every scrap of information collected, usually resulting in a mass of unimportant data purporting to convey the essentials of a life-history. Whereas all these details hinder one from discerning the points that really matter, the Evangelists were content to describe what was of central and fundamental importance in the life of Christ Jesus, namely that in this life there was a repetition of the process of Initiation—but enacted here in the great setting of world-history. Is it any wonder that in our time numbers of people have been taken aback by a certain disconcerting development which comes home to us even more forcibly in the light of the following facts.—

[ 8 ] Wir haben Mythen und Sagen aus alten Zeiten. Was sind sie? Wer Mythen und Sagen kennt, wer weiß, was sie sind, wird in vielen von ihnen die Wiedererzählung von Vorgängen finden, die das alte hellseherische Bewußtsein in den geistigen Welten gesehen hat, gekleidet in sinnliche Vorgänge; oder er wird andere Mythen und Sagen kennenlernen, die im wesentlichen nichts anderes sind als die Wiedergaben der Mysterienvorgänge. So ist zum Beispiel der Prometheus-Mythus zu einem Teil Wiedergabe von Handlungen in den Mysterien, und so viele andere Mythen auch. So zum Beispiel finden wir wiederholt jene Darstellung, wo uns Zeus erscheint, neben ihm eine niedere Gottheit, die - wie man es im griechischen Sinne durchaus ausdrücken konnte — dazu bestimmt ist, Zeus zu versuchen. «Pan, den Zeus versuchend.» Auf einer Anhöhe Zeus, Pan neben ihm und Zeus versuchend, das finden Sie in der verschiedensten Weise dargestellt. Wozu wurden solche Darstellungen gegeben? Weil sie ausdrücken sollten den Vorgang des Hinuntersteigens des Menschen in das Innere, da, wo er antrifft seine eigene niedere Natur, die egoistische Pan-Natur, wenn er in den physischen Leib und Ätherleib hinuntersteigt. - Und so ist die ganze alte Welt voll vonDarstellungen solcher Vorgänge, die sich abspielten, wenn die Einzuweihenden den Weg in die geistige Welt durchmachten, und die in den Mythen und Symbolen künstlerisch wiedergegeben werden.

[ 8 ] Myths and sagas have come down to us from the past. Anyone who understands their origin and character will realise that many of them are narratives of happenings in the spiritual worlds, seen by ancient clairvoyance and clothed in imagery of the sense-world; other myths again are portrayals of happenings in the Mysteries. For example, the myth of Prometheus, among many others, is partly a presentation of acts performed in the Mysteries. We often find the scene described of Zeus with a god of lower rank who is destined, according to the Greek account, to be his tempter. Zeus standing on a mountain being tempted by Pan—this theme is portrayed in many and various ways. What was the purpose of such imagery? It was meant to give expression to the process of man's descent into his inner being, where he encounters his own lower nature, his egoistic Pan-nature, when he penetrates into his physical and etheric bodies. The ancient world is full of accounts of experiences undergone by a candidate for Initiation along the path leading into the spiritual world, and in the myths and sagas these accounts are given artistic form.

[ 9 ] Heute finden sich — und das ist es, was viele Leute verblüfft, die die Tatsachen nicht kennenlernen können oder nicht wollen -, heute finden sich viele leichtfertige Menschen, welche die großartige Entdekkung machen, daß so etwas vorhanden ist wie ein Bild: «Pan neben dem Zeus auf einem Berge, den Zeus versuchend», und da sagen sie dann: Daran sehen wir ja klar - die Szene der Versuchung Christi ist also schon dagewesen. Die Evangelisten haben also nichts anderes getan, als eine alte bildliche Darstellung aufgegriffen, und die Evangelien sind kombiniert aus diesen alten Darstellungen! - Wenn sie aber daraus kombiniert sind, dann schließen solche Leute daraus, daß sie überhaupt nichts Besonderes erzählen, sondern nur zusammengestellt sind aus den Mythen, um von einem erdichteten Christus Jesus zu sprechen. Und eine große Bewegung hat es in Deutschland gegeben, wo man in leichtfertiger Weise über das Thema sprach, ob der Christus Jesus je gelebt habe. Und immer wieder werden mit einer geradezu grotesken Sach-Unkenntnis - aber mit tiefer Gelehrsamkeit - all die verschiedenen Sagen und Mythen aufgezählt, welche zeigen sollen, daß da oder dort die Szenen schon da waren, die uns in den Evangelien wieder entgegentreten. Nichts nützt es in unserer Zeit, den Menschen irgend etwas von dem wahren Sachverhalt beizubringen, obwohl dieser charakterisierte Tatbestand durchaus denen, die diese Dinge kennen, bekannt ist. So aber entwickeln sich geistige Bewegungen in unserer Zeit. Sie entwickeln sich wahrhaftig in grotesker Weise!

[ 9 ] Scholarship of to-day which fails to penetrate below the surface—and this is what bewilders many people who either cannot or will not recognize the facts—declares when it finds the story of Pan tempting Zeus on a mountain that this shows clearly that the story of the Temptation told by the Evangelists is merely the repetition of an allegory already familiar to them. Scholars then draw the conclusion that there is nothing of unique importance in the Gospels, which appear to them to be compilations pieced together from ancient mythology in order to present a fictitious figure called Jesus Christ. In a certain widespread movement in Germany there were many vapid discussions as to whether Christ Jesus ever lived at all. And with a really grotesque lack of understanding—although with ostentatious erudition—all the sagas and myths alleged to contain earlier parallels of the Gospel scenes were enumerated. It is useless to-day to attempt to give an idea of the actual state of affairs, although it is well known to those who are conversant with these matters. But spiritual movements in our time develop along very strange lines!

[ 10 ] Ich würde hier wirklich nicht episodenhaft davon sprechen, wenn man nicht doch immer wieder in die Lage käme, Stellung nehmen zu müssen gegen Einwendungen, welche von da oder dort her scheinbar aus einer recht tiefen Gelehrsamkeit hervorgebracht werden gegen die Aufstellungen und Tatsachen, welche von der Geisteswissenschaft gegeben werden.

[ 10 ] I should not have spoken of these things if it were not constantly necessary to take a stand against arguments levelled by ostensibly profound scholarship against the facts and expositions of Spiritual Science.

[ 11 ] Was ich hier dargestellt habe, ist der wahre Sachverhalt. Und es müssen uns die Darstellungen, die aus den Mysterien kommen, wiederbegegnen in den Evangelien, da sie das Geheimnis der Einweihung anwenden auf eine ganz andere Individualität und gerade zeigen wollen: Was sich früher in den Mysterien vollzogen hat durch Herabdämpfung des Bewußtseins, das hat sich hier vollzogen als etwas Besonderes, weil ein Ich-Wesen ohne Herabdämpfung des Ich-Bewußtseins diese Prozeduren durchmachen sollte, die früher in den Mysterien durchgemacht wurden! - So darf man sich nicht verwundern, wenn gesagt wird: Es gibt kaum etwas in den Evangelien, was nicht vorher schon da war. Nur war es so da, daß man in bezug auf alles dieses Vorhergehende hätte sagen können: Ja, der Mensch mußte hinaufsteigen in die Reiche der Himmel; es ist nicht so, daß zum Ich schon heruntergekommen wäre, was man die Reiche der Himmel nennt. Das ist aber das wesentlich Neue, daß das, was früher nur durch Abdämpfung des Ich in anderen Regionen erlebt werden konnte, jetzt mit Auftechterhaltung des Ich in Malchuth, im Reiche, erlebt werden konnte.

[ 11 ] The real truth of these matters is what I have presented in these lectures. Accounts originating in the Mysteries are necessarily recapitulated in the Gospels, but the secret of Initiation is now connected with an Individuality altogether different. The intention is to show that the experiences formerly undergone in a condition of dimmed consciousness were passed through by this Individuality, this Being, without any loss of Ego-consciousness. Therefore when it is said that the Gospels contain hardly anything for which there is no earlier parallel, we need not be surprised but we must realise that in former times it was a matter of the human being having to rise into the Kingdoms of Heaven, because the Kingdoms of Heaven had not then already ascended to Ego. The really new thing was that what could formerly only be experienced in other realms, and through a kind of attenuation of the Ego, could now be experienced in Malkhut in the ‘Kingdom’, with the Ego erect and self-supporting.

[ 12 ] Deshalb wird der Christus Jesus, nachdem er erlebt hat, was uns im Matthäus-Evangelium als Versuchung geschildert wird, der Prediger von dem «Reich». Was hatte er da im Grunde zu sagen? Er hatte zu sagen: Was früher dadurch erreicht wurde, daß der Mensch sein Ich herabdämpfte und sich mit anderen Wesenheiten erfüllte, das wird jetzt mit Aufrechterhaltung dieses Ich erreicht werden! Also gerade das ist das Wesentliche, daß er betont: Was früher in anderer Weise erreicht wurde, das wird jetzt erreicht werden bei voller Aufrechterhaltung des Ich. Daher durften nicht nur die Ereignisse, welche Einweihungsereignisse sind, im Christus-Leben wiederholt werden, sondern auch in der «Predigt vom Reiche» wird es das Wesentliche sein, daß betont wird: Alles, was denjenigen versprochen worden ist, die früher in die Mysterien kamen oder die Lehren der Mysterien annahmen, das kommt jetzt denen zu, die in sich erleben die Ich-Wesenheit und sie so erleben, wie es uns durch den Christus vorgelebt worden ist.

[ 12 ] Hence after Christ Jesus had undergone the experience described in St. Matthew's Gospel as the Temptation, He began to preach of the ‘Kingdom.’ What was the gist of His teaching? It was this: What a man formerly attained through suppressing his Ego and receiving other beings into himself, is now and henceforward to be attained in full Ego-consciousness.—That is the essential point. Hence it is not repetition of events connected with Initiations only that are repeated in the life of Christ, but the vital point in the ‘preaching of the Kingdom’ is this: Everything promised to those who were formerly admitted into the Mysteries or who accepted their teachings, is now offered to those who learn to experience in themselves the reality of the ‘I’, the Ego, in the way prefigured for mankind by Christ.

[ 13 ] Also es muß uns alles, selbst in bezug auf die Lehre, wiederkehren. Wir dürfen uns aber nicht verwundern, daß gerade der Unterschied auftritt gegenüber den alten Lehren, daß betont wird: Was früher nicht mit dem Ich erreicht werden konnte, das kann jetzt innerhalb des Ich erreicht werden! Nehmen wir an, Christus wollte die, welche er auf diese große Wahrheit hinweisen wollte, darauf aufmerksam machen, daß früher die Menschen nach dem, was an Lehren der Mysterien zu ihnen herausgedrungen war, immer hinaufgeschaut haben zum Reiche der Himmel und gesagt haben: Von dort herunter - aber nicht hineintauchend in unser Ich — kann kommen, was uns selig macht. Dann wäre es notwendig gewesen, daß der Christus dasjenige, was früher gesagt wurde über den göttlichen Vaterquell des Daseins, beibehalten hätte, denn der war ja erreichbar im Hinaufleben mit herabgedämpftem Ich, und nur die Nuancen, auf die es ankam, geändert hätte. So müßte er zum Beispiel gesprochen haben: Wenn man früher gesagt hat, ihr müßt hinaufschauen zu den Reichen, wo der göttliche Vaterquell des Daseins ist, und ihr müßt warten, daß er aus den Reichen der Himmel herunterleuchtet, so wird man jetzt sagen können: Nicht nur leuchtet er zu euch herunter, sondern was da oben gewollt wird, das muß eindringen in die tiefste Ich-Natur des Menschen und dort auch gewollt werden.

[ 13 ] Everything, therefore, even features of the doctrine, must necessarily appear again in some form. But it must not surprise us that emphasis was laid upon the difference between the old teachings and the new, that it was stressed: What could not, in former times, be attained through the Ego, can now be attained by the Ego itself—in full, consciousness! Let us suppose Christ had wanted to draw attention to the great truth that in former times, according to teachings that had reached them from the Mysteries, men had always looked up to the Kingdoms of Heaven, saying: Blessedness can stream down to us from there—but it does not penetrate into our Ego.—In those circumstances it would have been necessary for Christ still to uphold what was formerly said about the Divine Father-Source of existence, for contact with it was indeed attainable when Ego-consciousness was dimmed, and it was the nuances only that needed to be changed. He would have had to speak to the following effect: If you were formerly bidden to look up to the realms of the Divine Father-Source of existence and wait until His radiance streamed upon you, it may henceforward be said that not only does His radiance stream down to you, but whatsoever is willed on high must penetrate into the deepest core of the human Ego and , be willed there also.

[ 14 ] Nehmen wir an, alle die einzelnen Sätze des Vaterunsers wären auch früher dagewesen, und es hätte nur dieser einen Veränderung bedurft: Früher schaute man auf zu dem alten göttlichen Vatergeist so, daß alles, was dort ist, erhalten bleibt und in euer irdisches Reich herunterschaut. Jetzt aber - hätte der Christus sagen müssen - muß dieses Reich herunterkommen auf die Erde selber, wo das Ich ist; und der Wille, der oben geschieht, muß auch auf der Erde geschehen. - Was wird die Folge solcher Tatsache sein? Die Folge wird die sein, daß der Tieferblickende, der einen Sinn hat für die feinen Nuancen, auf die es ankommt, sich gar nicht verwundert, daß die Sätze des Vaterunsers in alten Zeiten auch dagewesen sein könnten. Der Oberflächliche aber wird diese feinen Nuancen nicht bemerken; denn darauf kommt es ihm nicht an. Auf den Sinn des Christentums kommt es ihm nicht an, denn den versteht er nicht! Und wenn er diese Sätze in alten Zeiten finden wird, dann wird er daher sagen: Da habt ihr es, die Evangelisten schreiben vom Vaterunser. Aber das war ja früher schon da! - Da er die Nuancen, auf die es ankommt, nicht bemerkt, wird er sagen: Das Vaterunser war früher schon da! - Aber jetzt bemerken Sie den gewaltigen Unterschied zwischen wahrer Schriftauffassung und oberflächlicher Betrachtung. Darauf kommt es an, daß derjenige, der die neuen Nuancen merkt, sie anwendet auf das Alte. Der Oberflächliche aber, der diese Nuancen nicht bemerkt, wird nur konstatieren, daß das Vaterunser schon früher da war.

[ 14 ] Again, let us suppose that each single phrase in the Lord's Prayer had existed previously, and that the only one needing to be altered was to the effect that when in former times men looked up to the Divine Father-Spirit in the Heights everything there remained unchanged, shining down into the earthly realm.—Christ would now have had to say that the heavenly realm must come down to the Earth where the Ego has its dwelling-place; and the will that is fulfilled above in the Heavens must also be fulfilled upon the Earth.—It follows that those who are possessed of deeper insight and perceive the finer shades of difference, will not be in the least surprised that the phrases used in the Lord's Prayer may also have existed in ancient times. A superficial thinker, however, will not notice these fine shades of difference, for in so far as he does not understand the purpose of Christianity he fails to perceive their importance! And when he finds that these phrases were current in earlier times, he will say: ‘There you have it; the Gospels record the Lord's Prayer—but it was already in existence before they were written!’ The essential shades of difference, however, have escaped him. You can now realise what a vast difference there is between genuine understanding of the scriptures and extern al study. The important factor is for those who discern the new shades of meaning to compare them with the old. The scholar who lacks the deeper understanding and fails to perceive these shades of difference will continue to insist that the Lord's Prayer had already been in existence before the time of Christ.

[ 15 ] Diese Tatsachen müssen episodenhaft erlebt werden und müssen einmal hier erwähnt werden, weil die Anthroposophen in die Lage versetzt werden sollen, demjenigen ein wenig zu begegnen, was sich heute auftut als dilettantische Gelehrsamkeit, was aber durch hundert und Hunderte von Zeitungskanälen geht und dann von den Leuten als «Wissenschaft» genommen wird. - Ich möchte in bezug auf das Vaterunser eines sagen: Es hat tatsächlich einem Manne gefallen, aus allen möglichen Überlieferungen der alten Zeiten, aus allen möglichen Talmudstellen Sätze zusammenzusuchen, die etwas Ähnliches wie das Vaterunser ergeben. Wohl gemerkt: Es ist nicht etwa so, daß das, was der betreffende Gelehrte zusammengestellt hat, sich auch irgendwo in dieser Zusammenstellung außerhalb der Evangelien fände; sondern die einzelnen Sätze sind es, die sich da oder dort finden. Wenn man das ins Groteske übertragen wollte, könnte man auch sagen: Die ersten Sätze des Goetheschen «Faust» sind von Goethe auch nur in dieser Weise zusammengestellt worden! Und man würde jetzt vielleicht nachweisen können: Da gab es im 17. Jahrhundert einen Studenten, der im Examen durchgefallen war, und der dann hinterher zu seinem Vater gesagt hat: Habe nun, ach, Juristerei durchaus studiert mit heißem Bemüh'n! - Und ein anderer, der in der Medizin durchgefallen war, sagte in ähnlicher Weise: Habe nun, ach, Medizin durchaus studiert mit heißem Bemüh'n! - Und daraus hätte dann Goethe die ersten «Faust»Sätze zusammengesetzt. Das ist paradox! Aber im Prinzip und in der Methode ist es ganz dasselbe, was uns in der Evangelienkritik entgegenttritt.

[ 15 ] Attention must be paid to these things and mention made of them here because anthroposophists ought to be able to some extent to make a stand against the dilettante learning that makes its superficial interpretations and its voice heard to-day and by way of innumerable channels in newspapers and periodicals comes to be accepted as ‘science’. Let me say something further in connection with the Lord's Prayer. There was once a certain individual who set out to collect from every available ancient tradition, from every relevant passage in Talmudic literature, sentences bearing some sort of resemblance to those of the Lord's Prayer. Mark well: the compilation produced by this learned scholar is nowhere to be found originally in this form; the single sentences have been taken piecemeal from one document or another. Carrying this method to the point of absurdity, we might also say: The first sentences of Faust were put together by Goethe in the same way! It might be possible to produce evidence that in the 17th century there was a student who had failed in his examination and afterwards said to his father: Have I not studied jurisprudence with toil and sweat! And another who had failed in his medical examination said: Have I not studied medicine with toil and sweat! And from this the first sentences in Faust are supposed to have been composed. It is an absurdity, but the principle and method are exactly the same as those of the trend in Gospel criticism to which I allude.

[ 16 ] So zusammengestoppelt finden Sie folgende Sätze, die, wie oben charakterisiert, das Vaterunser ergeben sollen:

[ 16 ] The following sentences, pieced together as stated, are sup-posed to have produced the Lord's Prayer:

[ 17 ] «Vater unser, der du bist im Himmel, sei uns gnädig; o Herr unser Gott, geheiligt werde dein Name, und lasse das Gedächtnis deiner im Himmel oben verherrlicht sein wie hienieden auf Erden. Lasse dein Reich über uns herrschen jetzt und immerdar. Die heiligen Männer alter Zeiten sagten: Lasse allen Menschen nach und vergib ihnen, was immer sie mir angetan haben. Und führe uns nicht in Versuchung. Sondern erlöse uns vom Bösen. Denn dein ist das Himmelreich, und du sollst herrschen in Herrlichkeit immer und ewig.»

[ 17 ] ‘Our Father which art in Heaven; O Lord Our God, hallowed be thy name, and let the remembrance of thee be glorified in heaven above, and upon earth here below. Let thy kingdom reign over us now and for ever. The holy men of old said: remit and forgive unto all men whatsoever they have done against me. And lead us not into temptation, but deliver us from the evil thing. For thine is the kingdom, and thou shalt reign in glory for ever and for evermore.’1See p. 417, in Christianity and Mythology, by John M. Robertson. Second edition. First published in 1900 by Watts & Co. London. It is stated that this compilation was made more than two centuries ago by the Rev. John Gregorie, from the Jewish Euchologues.

[ 18 ] Das sind Sätze, zusammengestellt auf die Weise, wie ich es eben geschildert habe — das heißt, das Vaterunser ist zusammen; es fehlt nur die Nuance, auf die es ankommt, und die hineinkommen mußte, wenn auf die große Bedeutsamkeit des Christus-Ereignisses hingewiesen werden sollte. Und diese Nuance besteht darin, daß in keinem Satz gesagt ist, daß das Reich herniederkommen solle. Es ist gesagt: «Lasse dein Reich über uns herrschen jetzt und immerdar», aber nicht: «Dein Reich komme zu uns!» Das ist das Wesentliche. Aber der Oberflächliche bemerkt es nicht. Und trotzdem diese Sätze zusammengeholt sind, nicht aus einer, sondern aus vielen Bibliotheken, ist auch das nicht aufzufinden gewesen, worauf es im Vaterunser ankommt: «Dein Wille geschehe im Himmel, also auch auf Erden.» Das heißt, er greift ein in das Ich. Hier haben Sie, wenn Sie es nur rein äußerlich wissenschaftlich nehmen, den Unterschied zwischen einer scheinbaren Forschung und einer wirklich gewissenhaften Forschung, die auf alle Einzelheiten Rücksicht nimmt. Und diese wirklich gewissenhafte Forschung ist da, wenn man nur auf sie eingehen will.

[ 18 ] The Lord's Prayer is alleged to have been compiled from these sayings which, as I said, were collected from many sources. But the nuance that would indicate the unique significance of the Christ Event is entirely lacking. Nowhere is it said that the Kingdom of Heaven is to come down. The words are ‘Let thy kingdom rule over us now and for ever’—not: Thy Kingdom shall come to us! That is the essential point, but superficial scholarship entirely fails to perceive it. And although these sayings came not from one source but from records in many archives, the words of salient importance in the Lord's Prayer are nowhere to be found: ‘Thy will be done on Earth as it is done in Heaven.’ That is to say, the Ego itself is to participate actively. There you have an example of the difference between superficial research and really thorough and conscientious research which pays attention to every detail. The findings of conscientious research are available, if only people will take account of them.

[ 19 ] Ich habe Ihnen diese Sätze aus einem Buche vorgelesen, absichtlich aus einem gedruckten Buche - John M. Robertson, «Die EvangelienMythen» -, weil es ein Buch ist, das als eine Art modernes Evangelium jetzt auch ins Deutsche übersetzt worden ist, damit es allen zugänglich sein kann; denn derjenige, der die vielen Vorträge gehalten hat über die Frage, ob Jesus gelebt habe, der hat es noch im Englischen lesen müssen. Rasch ist es berühmt geworden und nun auch ins Deutsche übersetzt worden, damit es die Leute nicht mehr englisch zu lesen brauchen. — Es ist möglich geworden, daß ein Professor an einer deutschen Hochschule herumzieht, überall Vorträge hält über die Frage: «Hat Jesus gelebt?» und auf Grund der Tatsachen, die ich jetzt charakterisiert habe, die Antwort gibt: Aus keinem der Dokumente brauche man anzunehmen, daß das, was in den Urkunden gesagt ist, wahr ist, daß eine solche Persönlichkeit wie der Jesus gelebt habe. Unter den vorzüglichsten Büchern, auf die man sich dabei berufen muß, ist auch dieses Buch von Robertson angeführt. Aber das sei zum eigenen Schutze der Anthroposophen gesagt: Aus diesem Buche, von dieser Geschichtsforschung der neutestamentlichen Urkunden werden Sie auch noch manches andere lernen können. Etwas besonders Charakteristisches möchte ich noch daraus mitteilen.

[ 19 ] I have purposely read you these sentences which are quoted in Robertson's book. It has now been translated into German as a kind of modern gospel, in order that it may become widely known; for until now, a certain Professor2Dr. Arthur Drews. who has given a number of lectures on the subject of whether Jesus actually lived, was obliged to read it in English. The book has quickly become famous and the translation of it has meant that people need no longer make the effort to read it in a language not their own. It has been possible for a Professor at a German Academy to travel about lecturing on the question: ‘Did Jesus live?’—and then, on the basis of the facts I have mentioned, to give the answer that there is no documentary evidence whatever to prove that a personality such as Jesus ever lived. Robertson's book is also recommended as an excellent work of reference. Anthroposophists should, however, be warned that they will hear many other things from these investigations into New Testament texts, and I want still to speak of something particularly characteristic.

[ 20 ] Es soll darin gezeigt werden, daß nicht nur aus den Talmudstellen sozusagen Vorläufer des Vaterunsers nachgewiesen werden können, sondern daß man um Jahrtausende zurückgehen könne und in Aufzeichnungen urältester Art überall Vorläufer des Vaterunsers finden könne. So wird gleich auf der nächsten Seite gezeigt — weil es sich ja darum handelt, daß das Vaterunser eine Zusammenstellung sein solle von etwas, was schon früher da war, und daß es keines Christus gebraucht habe, der es den Leuten erst vorgebetet hat -, es wird gezeigt, daß es ein Gebet in chaldäischer Sprache gibt, das man auf Täfelchen entdeckt hat, in welchem der altbabylonische Gott Merodach angerufen wird; und daraus werden nun einige Stellen angeführt. Und jetzt bitte ich Sie, recht aufmerksam zuzuhören. Die Stelle lautet:

[ 20 ] The book attempts to show that versions of the Lord's Prayer existed not only in the Talmud but also in chronicles of great antiquity. To strengthen the contention that the Lord's Prayer was a compilation of phrases previously in existence and needed no Christ to utter it for the first time, the book quotes certain lines from a prayer in the Chaldaic language, inscribed on tablets, invoking Merodach, the ancient Babylonian god. Listen to this passage which occurs in a footnote:3Op. cit. pp. 418-

[ 21 ] «(Anmerkung.) Im Journal of the Royal Artistic Society, Oktober 1891, veröffentlichte Herr T.G.Pinches zum ersten Male die Übersetzung eines zu Sippara im Jahre 1882 gefundenen Täfelchens, wo bei ‚Anrufung des Merodach auch folgende Zeilen vorkommen: «Möge die Fülle der Welt in deine Mitte (deiner Stadt) herabkommen; möge dein Gebot erfüllt werden in aller Zukunft ... Möge der böse Geist außerhalb deiner wohnen.»»

[ 21 ] Note: ‘In the Journal of the Royal Asiatic Society for October, 189x, Mr. T. G. Pinches published for the first time a translation of a tablet found at Sippara in 1882, in which there occur, in an invocation of Merodach, the lines: “May the abundance of the world descend into thy (the city's) midst; may thy command be accomplished in time to come... may the evil spirit dwell outside of thee.” ’

[ 22 ] Und der Gelehrte, auf den diese Stelle so großen Eindruck gemacht hat, fügt hinzu:

[ 22 ] And the learned scholar who was so deeply impressed by this passage, adds:

[ 23 ] «Hier haben wir also Gebets-Normen, die in einer Linie mit dem «Vaterunser» stehen und vielleicht auf 4000 v.Chr. zurückgehen.»

[ 23 ] ‘Here we have prayer norms, on the lines of the Lord's Prayer, dating perhaps from 4000 B.C.’

[ 24 ] Suchen Sie sich vernünftigerweise etwas, wo Sie eine Ähnlichkeit finden zwischen dem Vaterunser und diesen Sätzen! Dennoch aber gelten diese Sätze dem Manne als Gebetsnormen, denen das Vaterunser einfach nachgebildet ist. Aber diese Dinge gelten heute als wirkliche Forschung auf diesem Gebiete.

[ 24 ] Can you detect any similarity between the Lord's Prayer and these sentences? Nevertheless the author of the book regards them as prayer-norms of which the Lord's Prayer is simply a copy! Such things are accepted to-day as the findings of genuine research.

[ 25 ] Es gibt noch einen anderen Grund, warum man das unter Anthroposophen sagen kann. Denn die Anthroposophen müssen auch ihr Gewissen beruhigen können; und ihr Gewissen könnte sich beschwert fühlen, wenn sie immer wieder hören müssen, die äußere Forschung habe dies und das festgestellt, oder wenn sie in Zeitungen oder Journalen lesen: Es ist jetzt in Asien ein Täfelchen gefunden worden, und aus der Lesung dieses Täfelchens hat sich herausgestellt, daß das Vaterunser schon viertausend Jahre vor Christus dagewesen ist. Wenn so etwas festgestellt wird, wäre es doch notwendig, zu fragen, woraufhin es denn festgestellt ist? Das wollte ich zeigen, worauf diese Dinge heute beruhen, wenn gesagt wird, daß sie «wissenschaftlich festgestellt sind». Solche Dinge gibt es auf Schritt und Tritt, und es ist nützlich, wenn sich die Anthroposophen kümmern um das Wurmstichige dessen, was hinter dem steht, was so oft der Anthroposophie entgegengehalten wird. - Aber gehen wir weiter.

[ 25 ] There is another reason for bringing this to the notice of anthroposophists, for they must be able to reassure their consciences which might well be troubled by hearing that something or other has been established by external research, or by reading in newspapers or journals of the discovery of a tablet in Asia proving that the Lord's Prayer was already in existence 4,000 years before Christ. A very necessary question would be: Upon what basis has this been proved?—I am trying to show you the kind of foundations underlying many things that are said to-day to be ‘scientifically established’. Such examples are everywhere to be found and it is well for anthroposophists to realise the worthlessness of much that is so often held against Spiritual Science.—But we will proceed.

[ 26 ] Worauf es ankommt, ist, daß der Christus Jesus eine Menschheitsevolution inauguriert hat, die auf das Ich, auf das Vollerhaltensein des Ich begründet ist. Die Initiation des Ich hat er begründet, hat er inauguriert. Dann werden wir uns sagen können, daß dieses Ich das Wesentliche, das Zentrum ist der gesamten menschlichen Wesenheit, daß gleichsam in das Ich alles zusammenläuft, was heute Menschennatur ist, und daß alles, was für dieses Ich durch das Christus-Ereignis in die Welt gekommen ist, auch ergreifen kann alle übrigen Teile, alle übrigen Glieder der Menschennatur. Das aber wird natürlich in einer ganz besonderen Weise sein müssen und der Menschheitsevolution entsprechend.

[ 26 ] The all-essential point is that Christ Jesus inaugurated an evolutionary process based upon the human Ego, upon the retention of fill Ego-consciousness. The Initiation of the Ego—that was what He inaugurated. We can say that the Ego, the is the kernel of man's whole being, that all human nature to-day centres in the Ego, and that what was brought through the Christ Event to the Ego, and hence into the world, can also lay hold of, all the other members of man's being. But this, naturally, will have to take place in a very particular way and in keeping with the evolution of humanity.

[ 27 ] Was wir entwickeln können, das geht insbesondere mit Klarheit aus diesen Vorträgen hervor. Des Menschen Erkennen der physisch-sinnlichen Umwelt, nicht nur durch die Sinne, sondern auch durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, ist ja erst in vollem Umfange vorhanden seit der Zeit, die kurz vor dem Christus-Ereignis liegt. Früher gab es immer für das, was der Mensch mit dem an das Gehirn gebundenen Intellekt erkennt, eine gewisse Art von Hellsehen, das heißt, die Menschen waren teilhaftig des Hellsehens. Daß dies der Fall war, wissen Sie ja aus meinen Vorträgen von den ersten Zeiten der atlantischen Entwickelung hinlänglich. Aber was noch im vollen Umfange in den ersten Zeiten der nachatlantischen Entwickelung vorhanden war als die allgemeine Verbreitung eines gewissen Grades von Hellsehen, das nahm langsam und allmählich ab. Bis in die Zeiten des Christus-Ereignisses herein gab es noch immer viele Menschen, die hineinschauen konnten in den Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen in die geistige Welt, die in besonderen Zwischenzuständen teilhaftig sein konnten der geistigen Welt. Ein solches Teilhaftigsein der geistigen Welt war aber für die allgemeine Menschheit nicht nur damit verknüpft, daß ein solcher Mensch, der im niederen Grade hellsehend war, sich sagen konnte: Ich weiß ja, daß hinter allem Physisch-Sinnlichen ein Geistiges ist, denn ich sehe es ja. Nein. Es war noch etwas anderes damit verknüpft. Die Natur des Menschen der alten Zeit war so, daß er noch leicht teilhaftig gemacht werden konnte der geistigen Welt. Heute ist es verhältnismäßig sehr schwierig, eine esoterische Entwickelung im richtigen Sinne durchzumachen, so daß der Mensch zum Hellsehen kommen kann. Als ein letzter Rest, als Erbschaft von alten Zeiten kommt Hellsehen heute als Somnambulismus und so weiter vor. Diese Zustände können aber nicht als etwas Reguläres heute gelten. In alten Zeiten aber waren sie etwas Normales und konnten erhöht werden, indem man gewisse Prozesse mit der menschlichen Natur vornahm. Wenn man die menschliche Natur zum Hineinleben in die geistige Welt erhöhte, waren damit noch andere Dinge verknüpft.

[ 27 ] These lectures show clearly what it is that can be developed. Properly speaking, knowledge of the surrounding physical-material world acquired by man not through the senses alone but also through the intellect using the brain as its instrument, has been possible only since times shortly preceding the Christ Event. Before then, men were endowed with a kind of clairvoyance. As you know from my lectures, this was the case from the early epochs of Atlantis onwards. But the faculty that was still universal and functioning in full strength during the first epochs of post-Atlantean evolution, gradually declined. Until the time of the Christ Event, however, there were still many human beings who in intermediate states of consciousness between waking life and sleep, were able to gaze into and participate in happenings of the spiritual world. Such participation did not merely mean that a man endowed with clairvoyance to a slight extent was able to assert: ‘I know that behind everything physical and material there is the spiritual, for I actually see it.’—This was not all. Human nature in ancient times was such that it was possible, without difficulty, to enable a man to partake in the happenings of the spiritual world, To-day it is very arduous, relatively speaking, to undergo the true esoteric training leading to the attainment of clairvoyance. Natural clairvoyance manifests to-day as a last remnant, a heritage from olden times, in somnambulistic and kindred conditions. These conditions cannot be regarded as regular in our age; but in the distant past they were normal and could be sublimated and enhanced by certain measures.—Something else, too, was connected with this.

[ 28 ] Heute, wo man sich nicht richtet nach dem, was historisch ist, ist es ja so, daß über das, was historisch sein soll, dasjenige entscheidet, was man glaubt. Aber wie sehr es auch heute angezweifelt werden mag, so war es doch - selbst noch bis in die Zeiten des Christus hinein — so, daß zum Beispiel Heilungsprozesse vollzogen werden konnten, indem man den Menschen hellseherisch machte. Für die heutige Zeit, wo die Menschen tiefer hinuntergestiegen sind auf den physischen Plan, ist das ja nicht mehr möglich. Damals aber war die Seele noch leicht anzugreifen, so daß sie durch bestimmte Prozeduren hellseherisch gemacht werden konnte und sich hineinlebte in die geistige Welt. Und da die geistige Welt ein gesundendes Element ist und gesundende Kräfte bis in die physische Welt schickt, so war damit eine Möglichkeit gegeben, Heilungen einzuleiten. Nehmen wir also an, es war jemand krank, so unternahm man solche Prozesse, daß er hineinschaute in die geistige Welt. Und wenn dann die Ströme der geistigen Welt herunterflossen, dann waren es gesundende Ströme, die in seine Wesenheit herunterflossen. Solche Prozesse waren gewöhnlich die Heilungen. Was heute geschildert wird als «Tempelheilung», ist ein ziemlicher Dilettantismus. Alles ist in Entwickelung, und die Seelen sind seit jenen alten Zeiten fortgeschritten von einem Hellsehen zu einem Nicht mehr hellsehen. Früher aber konnte der hellseherische Zustand des Menschen so erhöht werden, daß gesundende Kräfte vom Geistigen aus hereinströmten in die physische Welt, so daß der Mensch für gewisse Krankheiten vom Geiste aus geheilt werden konnte. Daher werden wir uns nicht zu verwundern brauchen, wenn von den Evangelisten erzählt wird, daß jetzt durch das Christus-Ereignis die Zeiten herangekommen sind, wo nicht allein diejenigen in die geistige Welt hineinwachsen können, die das alte Hellsehen haben, sondern auch die, welche vermöge der Evolution der Menschheit das alte Hellsehen verloren haben.

[ 28 ] To-day, people are not guided by true history and what they happen to believe decides what is or is not historical fact. But however strongly it may be doubted, the truth is that up to the time of Christ, processes of healing, for instance, could be made effective by inducing clairvoyance. In the present age, when humanity has descended more deeply into the the physical world, this is no longer possible. But in those earlier times it was still easy, by applying certain specific measures, to enable the soul to become clairvoyant and to penetrate into the spiritual world. And because the spiritual world is health-giving, in itself and sends its forces into the physical world, it was possible to bring about healings in this way. In a case of illness certain processes were put in motion, enabling the person concerned to see into the spiritual world. And the streams of the spiritual world flowing down into his whole being had a curative effect. This indeed was the usual method of healing. (The ‘temple healing’ spoken of nowadays is sheer dilettantism.) The fact that souls have lost the clairvoyance that was universal in former times, signifies an advance in evolution. But the earlier clairvoyant condition could be so sublimated that healing forces streamed from the spiritual into the physical world and in the case of certain illnesses cures could be effected, We need not therefore be surprised when it is said by the Evangelists that as a result of the Christ Event not only those possessed of the old clairvoyance would be able to reach the spiritual world, but also those who, owing to the evolution of humanity, had lost contact with it.

[ 29 ] Man könnte sagen: Schauen wir zurück in alte Zeiten. Da waren die Menschen teilhaftig eines Hineinschauens in die geistige Welt. Da bot sich ihnen der Reichtum der geistigen Welt im alten Hellsehen dar. Jetzt sind aber arm an Geist, Bettler um Geist diejenigen geworden, die mit dem Fortschreiten der Entwickelung nicht mehr hineinschauen können in die geistige Welt. Aber dadurch, daß der Christus das Geheimnis in die Welt gebracht hat, daß in das Ich - auch in das Ich für den physisch-sinnlichen Plan — die Kräfte der Reiche der Himmel hineinfließen können, dadurch können auch diejenigen in sich den Geist erleben und selig, beseligt werden, die das alte Hellsehen und damit den Reichtum der geistigen Welt verloren haben. - Daher konnte das große Wort ausgesprochen werden: Selig sind von jetzt ab nicht mehr bloß die, welche reich sind an Geist durch das alte Hellsehen, sondern auch die, welche arm oder Bettler sind um Geist; denn es fließt in ihr Ich hinein, wenn ihnen der Weg durch den Christus eröffnet worden ist, dasjenige, was wir die Reiche der Himmel nennen können.

[ 29 ] In ancient times the riches of the spiritual world were revealed to men's clairvoyant vision. Now, however, it could be said: Evolution has progressed and those who can no longer gaze into the spiritual world have become poor in spirit, beggars for the spirit. But because, through Christ, the forces of the Kingdoms of Heaven can now flow into the Ego, even when the Ego is functioning on the physical plane, those who have lost the old clairvoyance and the riches of the spiritual world, they too can experience the spirit in themselves and be blessed. Hence the momentous words: From now onwards, not only those who through the old clairvoyance are rich in the things of the spirit are blessed; but those too who are beggars for the spirit, are blessed; for when the path has been opened for them by Christ the Kingdoms, of Heaven flow into their Ego.

[ 30 ] Es war also in alten Zeiten der physische Organismus bei den Menschen so, daß er ein teilweises Heraustreten der Seele selbst im normalen Zustande gestattete, so daß der Mensch durch dieses Heraustreten aus seinem physischen Leibe hellsehend wurde und ein Reicher des Geistes wurde. Mit der Verdichtung des physischen Leibes, die allerdings anatomisch nicht nachzuweisen ist, war verbunden, daß der Mensch kein Reicher im Reiche der Himmel mehr werden konnte. Wenn man den Zustand jetzt beschreiben wollte, müßte man sagen: Der Mensch ist ein Armer, ein Bettler um Geist geworden; aber in sich kann er durch das, was der Christus heruntergebracht hat, die Reiche der Himmel erleben. Das ist es, was man beschreiben könnte in bezug auf die Vorgänge des physischen Leibes.

[ 30 ] In earlier times the nature of the human physical organism was such that even in the normal state the soul was able to some extent to emerge from the body; this meant that a man became clairvoyant, rich in the treasures of the spirit. The densification of the physical body—for which, admittedly there can be no anatomical proof—meant that man could no longer be rich in the things of the spiritual world, of the Kingdoms of Heaven. In describing existing conditions, one would have to say: Man has become a beggar for the spirit; but the powers brought down by Christ enable him to experience within him-self the Kingdoms of Heaven.—That, then, is what might be said in reference to the processes of the physical body.

[ 31 ] Wollte man nun das, was vorging, in sachgemäßer Weise in bezug auf den Ich-Menschen beschreiben, so müßte man für jedes Glied der Menschennatur zeigen, wie es in sich beseligt werden könnte in einer neuen Art. In dem Satz: «Selig sind die Bettler um Geist; denn sie werden in sich finden die Reiche der Himmel!» ist die neue Wahrheit für den physischen Leib ausgesprochen. Für den Ätherleib könnte man sie so aussprechen: Im Ätherleib ist das Prinzip des Leides. Ein Lebewesen allein kann durch die Beschädigung seines Ätherleibes, wenn es noch einen astralischen Leib hat, leiden; aber es muß der Sitz des Leidens im Ätherleibe gesucht werden. Das werden Sie aus den verschiedenen Vorträgen entnehmen können. - Wollte man das, was früher an Heilungen herausfloß aus der geistigen Welt, was für den Ätherleib in Betracht kommt, ausdrücken in bezug auf die neue Wahrheit, so mußte man sagen: Diejenigen, die da leiden, können jetzt nicht nur dadurch getröstet werden, daß sie aus sich heraustreten und mit der geistigen Welt in Verbindung treten, sondern wenn sie jetzt in eine neue Verbindung mit der Welt eintreten, können sie getröstet werden in sich selber, weil eine neue Kraft durch den Christus in den Ätherleib hineingebracht worden ist. Für den Ätherleib ausgesprochen, mußte also die neue Wahrheit so lauten: Die Leidtragenden können jetzt nicht mehr bloß dadurch beseligt werden, daß sie sich hineinleben in eine geistige Welt und die Ströme der geistigen Welt im hellseherischen Zustande auf sich zukommen lassen; sondern wenn sie jetzt, sich hinlebend zu dem Christus, sich mit der neuen Wahrheit erfüllen, erleben sie in sich den Trost für alles Leid.

[ 31 ] If it were a matter of describing what actually took place in man as an Ego-being, one would have to show how each of his members could be blessed inwardly, in a new way. The new truth relating to the physical body is expressed in the words: Blessed are they who are beggars for the spirit; for within themselves they will find the Kingdoms of Heaven. In regard to the etheric body, this could be said: In the etheric body lies the principle of suffering. Only a living being can suffer as the result of injury to the etheric body—an astral body must, of course, be there as well—but the seat of the suffering must nevertheless be looked for in the etheric body. To express the new truth applying to healings brought about in earlier times through forces streaming from the spiritual world, one would have to say: Those who suffer can henceforth find consolation not only by passing out of their bodies and thus being linked with the spiritual world as was formerly the case; if they now establish a different relationship with the world they can find consolation within themselves, because through Christ a new force has been imparted to the etheric body. Hence concerning the etheric body it could be said: Those who suffer can now be blessed not only through reaching a spiritual world and in a clairvoyant condition allowing the forces of that world to stream upon them; now, if they can find the path to Christ, to the new truth, they can find within themselves consolation for all suffering.

[ 32 ] Was mußte nun in bezug auf den Astralleib gesagt werden? Wenn früher der Mensch die Emotionen, Leidenschaften und Egoismen seines astralischen Leibes niederhalten wollte, hat er hinaufgeschaut in die oberen Regionen und Kraft verlangt aus den Reichen der Himmel; da wurden mit ihm Prozeduren vorgenommen, welche abtöteten die schädigenden Instinkte seines astralischen Leibes. Jetzt aber war die Zeit gekommen, wo der Mensch durch die Tat des Christus in seinem Ich selbst die Macht erhalten sollte, zu zügeln und zu zähmen die Leidenschaften und Emotionen seines astralischen Leibes. Daher mußte jetzt die neue Wahrheit in bezug auf den astralischen Leib so lauten: Selig sind die, die sanftmütig sind durch sich selber, durch die Kraft des Ich; denn sie werden diejenigen sein, die das Erdreich erben! Tiefsinnig ist dieser dritte Satz der Seligpreisungen. Prüfen Sie ihn einmal an dem, was wir aus der Geisteswissenschaft gewonnen haben. Der Astralleib des Menschen ist während des alten Mondendaseins in die menschliche Wesenheit eingefügt worden. Die Wesenheiten, welche auf den Menschen Einfluß gewonnen haben, nämlich die luziferischen Wesenheiten, sie haben sich auch besonders im astralischen Leibe festgesetzt. Dadurch kann der Mensch nicht von Anfang an sein höchstes Erdenziel erreichen. Die luziferischen Wesenheiten sind, wie wir wissen, auf der Mondenstufe zurückgeblieben und hielten den Menschen davon fern, sich auf der Erde in der richtigen Weise weiter zu entwickeln. Jetzt aber, wo der Christus heruntergestiegen war auf die Erde, wo das Ich imprägniert werden konnte von der Christus-Kraft, konnte der Mensch wirklich das Prinzip der Erde erfüllen, indem er in sich selber die Macht fand, den astralischen Leib zu zügeln und die luziferischen Einflüsse herauszutreiben. Daher konnte jetzt gesagt werden: Wer da zügelt seinen astralischen Leib, wer da stark wird, so daß er nicht in Zorn geraten kann, ohne daß sein Ich dabei ist, wer da «gleichmütig» ist und stark in seinem Inneren, um den astralischen Leib zu zügeln, der wird wirklich das Prinzip der Erdentwickelung erringen. — So haben Sie in dem dritten Satz der Seligpreisungen eine Formulierung, die durch Geisteswissenschaft begriffen werden kann.

[ 32 ] And what would have to be said about the astral body? In former times, when a man was striving to subdue the emotions, passions and egoistic impulses of his astral body, he turned his gaze to higher spheres, pleading that strength might be vouchsafed to him from the Kingdoms of Heaven; through certain measures to which he was then subjected, the harmful instincts of his astral body were quelled. But now the time had come when through Christ's Deed he was able to receive into his Ego the power to curb and tame the passions and emotions of his astral body. The new truth relating to the astral body would therefore be expressed as follows: Blessed are those who have become meek through the power of their own Ego; for it is they who will inherit the Earth! This third Beatitude is indeed profound. Let us study it in the light of what we have learnt from Spiritual Science.—The astral body was incorporated into human nature during the Old Moon period of evolution. The Luciferic beings who had gained influence over man, established themselves in his astral body, and in consequence of this he could not, at the beginning, hope to reach his highest earthly goal. As we know, the Luciferic beings had remained at the Old Moon stage and prevented man from progressing in the right way along his path of development. But now that Christ had come down to the Earth and the Ego could be filled with His power, it was possible for man to fulfil the essential principle of Earth-existence, inasmuch as he could now find within himself the power to curb the astral body and expel the Luciferic influences. Hence it could be said: He who curbs his astral body, he whose own inner strength keeps him from being moved to anger without the consent of his Ego, he who is inwardly serene and at the same time strong enough to keep his astral body in check—such a man will fulfil the purpose of Earth-evolution. Infinite light is thus shed by Spiritual Science on the third Beatitude.

[ 33 ] Wie wird der Mensch nun dahin gelangen, die weiteren Glieder seiner Wesenheit durch die in ihm wohnende Christus-Wesenheit zu erhöhen, zu beseligen? Dadurch, daß das Seelische im ernsten und würdigen Sinne von der Ich-Kraft ergriffen wird wie das Physische. Steigen wir auf zur Empfindungssecle, dann können wir sagen: Der Mensch muß so werden, wenn er nach und nach den Christus in sich erleben will, daß er in dem, was seine Empfindungsseele ist, einen solchen Drang empfindet, wie er unwissentlich in seinem Leibe sonst den Drang empfindet, den man als Hunger und Durst bezeichnet. Er muß nach dem Seelischen so dürsten können, wie der Leib hungert und dürstet nach Nahrung und Trank. Was der Mensch so durch die Innewohnung der Christus-Kraft erreichen kann, das ist das, was man im alten Stil im umfassendsten Sinne als Durst nach der Gerechtigkeit bezeichnet hat. Und wenn er sich in seiner Empfindungsseele mit der Christus-Kraft erfüllt, kann er erreichen, daß er in sich selbst die Möglichkeit finden wird, sich zu sättigen seinen Durst nach Gerechtigkeit.

[ 33 ] How will man succeed in bringing about the sublimation and beatification of the other members of his nature through the Christ-power within him? He will succeed if his soul and body alike are laid hold of worthily by the power of the Ego. Concerning the Sentient Soul we can say : If a man desires to experience the Christ within himself, he must develop in his Sentient Soul a longing as strong as the instinctive longing he otherwise feels in his body and calls hunger and thirst. He must be capable of thirsting after the things of the soul with the same intensity as the body hungers and thirsts for food and drink. What man can develop through the Christ-power within him has always been referred to as ‘thirst after righteousness’. And when he fills his Sentient Soul with the Christ-power, he can find within himself the possibility of satisfying his thirst after righteousness.

[ 34 ] Besonders merkwürdig ist der fünfte Satz der Seligpreisungen. Und das dürfen wir erwarten. Er muß uns etwas ganz Besonderes darbieten: er muß sich beziehen auf die menschliche Verstandesseele oder Gemütsseele. Nun weiß jeder, der studiert hat, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft im Umriß» oder in meiner «Theosophie» gesagt ist und was auch sonst seit Jahren in den verschiedensten Vorträgen verfolgt worden ist, daß die drei Glieder der Menschenseele - Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele durch das Ich zusammengehalten werden. Es weiß jeder, daß in der Empfindungsseele das Ich noch in einem dumpfen Zustande vorhanden ist, in der Verstandes- oder Gemütsseele aber herausspringt, und daß dadurch der Mensch erst ganz Mensch wird. Während er für die niederen Glieder, selbst noch für die Empfindungsseele, von göttlich-geistigen Mächten beherrscht wird, wird er ein Eigenwesen in der Verstandesseele. Da leuchtet das Ich auf. Man muß also gewissermaßen für die Verstandes- oder Gemütsseele anders sprechen, wenn sie die Christus-Kraft erlangt hat, als für die niederen Glieder. In den niederen Gliedern setzt sich der Mensch in Beziehung zu gewissen göttlichen Wesenheiten, die hineinwirken in die untergeordneten Glieder, in den physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und auch in die Empfindungsseele; und was der Mensch da als Tugenden und so weiter entwickelt, das wird auch wieder zu diesen göttlichen Wesenheiten heraufgenommen. Was sich aber in der Verstandes- oder Gemütsseele entwickelt, das wird, wenn sie die Christus-Eigenschaft entwickelt, vor allen Dingen eine menschliche Eigenschaft sein müssen. Wenn der Mensch selbst die Verstandesseele aufzufinden beginnt, wird er dadurch immer weniger abhängig von den göttlich-geistigen Kräften der Umgebung. Hier haben wir also etwas, was sich auf den Menschen selbst bezieht. Daher kann der Mensch, wenn er die Christus-Kraft aufnimmt, in der Verstandesseele jene Tugenden entwickeln, die von Gleichem zu Gleiche gehen, die nicht vom Himmel als Lohn erfleht werden, sondern die nun wieder zurückkommen zu der gleichen Wesenheit, wie es der Mensch ist. Wir müssen also sozusagen spüren, daß von den Tugenden der Verstandesseele so etwas herausströmt, daß wieder etwas Gleiches zu uns zurückströmt. — Merkwürdig: Der fünfte Satz der Seligpreisungen zeigt uns wirklich diese Eigenschaft. Er unterscheidet sich von allen anderen dadurch, daß gesagt wird- und wenn die Übersetzungen auch nicht besonders gut sind, so konnten sie doch diese Tatsache nicht verhüllen -: «Selig sind die Barmherzigen, denn sie können Barmherzigkeit erlangen!» Was herausströmt, strömt wieder zurück — wie es sein muß, wenn es im Sinne der Geisteswissenschaft genommen wird.

[ 34 ] The fifth Beatitude, as might be expected, is especially note-worthy, for it concerns the Intellectual or Mind-Soul. Anyone who has studied the book Occult Science, or Theosophy, and has also followed what has been said for years in lectures, knows that the three members of the human soul—Sentient Soul, Intellectual or Mind-Soul and Spiritual Soul (Consciousness-Soul) are held together by the Ego is present in the Sentient Soul in a dull condition; in the Intellectual or Mind-Soul it lights up and only then does man become wholly and completely man. Whereas in the lower members of his being, in the Sentient Soul too, he is ruled by divine-spiritual Powers, he becomes a self-dependent being in the Intellectual or Mind-Soul. Here the Ego flashes up and is active. Therefore when the Intellectual or Mind-Soul has received into itself the CHrist-power, this cannot be expressed in the same way as in the case of the lower members of human nature. In the lower members—physical body, etheric body, astral body and Sentient Soul too—man is connected with certain divine Beings who penetrate into these members, and whatever qualities he develops there are carried up again to these divine Beings. But whatever evolves in the Intellectual or Mind-Soul will be an essentially human attribute when it develops the Christ-quality. When a man begins to be conscious of the working of the Intellectual Soul, this makes him less and less dependent upon the divine-spiritual Powers around him. When he takes the Christ-power into himself he can unfold in the Intellectual or Mind-Soul those qualities which pass like to like, which are not besought from Heaven but which go forth from and return again to the same being. We must therefore feel that something streams from the qualities of the Intellectual or Mind-Soul and that something of a like character a truly wonderful way the fifth Beatitude points to this very quality. The wording here differs from that of all the other Beatitudes, and although the various translations are not particularly good, they have not been able entirely to conceal the essential point.—Blessed are the merciful: for they shall obtain mercy.'‘What streams forth streams back again—these words convey the true meaning when understood in the light of Spiritual Science.

[ 35 ] Dagegen kommen wir mit dem nächsten Satz, der sich auf die Bewußtseinsseele bezieht, zu etwas im Menschen, wo das Ich schon voll ausgeprägt ist und wo der Mensch wieder hinaufsteigt auf eine neue Art. Wir wissen, daß gerade in der Zeit, in der der Christus erschienen war, die Verstandes- oder Gemütsseele zum Ausdruck gekommen ist. Jetzt stehen wir in der Zeit, wo die Bewußtseinsseele zum Ausdruck kommen soll und wo der Mensch wieder hinaufsteigt in die geistige Welt. Während der Mensch sich selbst zuerst bewußt wird, sich seiner selbst bewußt aufleuchtet in der Verstandes- oder Gemütsseele, entwickelt er in der Bewußtseinsseele voll sein Ich, das jetzt wieder hinaufsteigt in die geistige Welt. Der Mensch, der die Christus-Kraft in sich aufnimmt, wird, indem er sein Ich in die Bewußtseinsseele hineinergießt und dort erst rein erlebt, auf diesem Wege zu seinem Gott gelangen. Er wird, indem er den Christus in seinem Ich erlebt und heraufnimmt bis zur Bewußtseinsseele, dort zu seinem Gott kommen. — Nun ist gesagt worden, daß der Ausdruck des Ich im physischen Leibe das Blut ist, das sein Zentrum im Herzen hat. Daher müßte im sechsten Satze in sachgemäßer Weise ausgedrückt werden, daß das Ich durch die Eigenschaft, welche es dem Blute und dem Herzen verleiht, des Gottes teilhaftig werden kann. Wie heißt der Satz? «Selig sind die, welche reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen!» Es ist dies zwar keine besonders gute Übersetzung; aber sie genügt für unsere Zwecke. - So leuchtet hinein Geisteswissenschaft in das ganze Gefüge dieser wunderbaren Sätze, die der Christus Jesus seinen intimen Schülern verkündet, nachdem er die Versuchung bestanden hat.

[ 35 ] With the sixth Beatitude, relating to the Spiritual Soul, we come to that principle in man in which the real nature of the the Ego, comes fully into expression; ascent to the spiritual world can now take a new form. As we know, the Intellectual or Mind-Soul came to active expression in the epoch when Christ appeared. We are living now in the epoch when the Spiritual Soul must come to expression and when man is to rise again to the spiritual world. Whereas consciousness of self first lights up in man in the Intellectual or Mind-Soul, in the Spiritual or Consciousness-Soul his ‘I’ unfolds to the -full extent and now ascends again into the spiritual world. A man who takes the Christ-power into himself will find the way to his God when he pours his ‘I’ into the Spiritual Soul. In experiencing Christ in his Ego at the level of the Spiritual Soul, he will find his God.—Now it has been said that the expression of the Ego in the physical body is the blood; the blood has its centre in the heart. Therefore the sixth Beatitude will have to indicate that through the quality imparted to the blood and to the heart, the Ego can experience God. What are the words? ‘Blessed are the pure in heart: for they shall see God.’ Again this is not an entirely adequate translation but it suffices. Spiritual Science sheds light upon the whole structure of these wonderful words spoken by Christ Jesus to his intimate disciples after the Temptation. The further Beatitudes relate to the development of the higher members of man's being: Spirit-Self, Life-Spirit, Spirit-Man. Therefore the words do no more than indicate what man will experience in the future and what only a few chosen ones are able to experience at the present time.

[ 36 ] Die nächsten Sätze beziehen sich darauf, daß der Mensch sich hinauflebt in die höheren Glieder seiner Wesenheit, indem er Geistselbst, Lebensgeist und den Geistesmenschen entwickelt. Daher schildern sie nur andeutungsweise, was der Mensch in der Zukunft erlebt, und was jetzt nur einige Auserlesene erleben können. Der nächste Satz bezieht sich daher auf das Geistselbst: «Selig sind die, die das Geistselbst als erstes geistiges Glied zu sich herunterholen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.» Es ist schon das erste Glied der oberen Dreiheit in sie eingezogen. Sie haben den Gott aufgenommen, sind äußerer Ausdruck der Gottheit geworden. - Besonders aber ist nun ausgedrückt, daß nur die Auserwählten dazu kommen können, den Lebensgeist zu entwikkeln, diejenigen, die voll verstehen, was für die Gesamtheit die Zukunft bringen soll. Was die Menschen der Zukunft «volle Aufnahme des Christus in ihr Inneres», den Lebensgeist nennen können, ist für einzelne Auserwählte da. Aber weil sie einzelne Auserwählte sind, können die anderen sie nicht verstehen, und die Folge ist, daß sie als Auserwählte auch verfolgt werden. Deshalb wird mit Bezug auf diejenigen, die man in der Gegenwart als einzelne Vertreter eines Zukünftigen verfolgt, der Satz ausgesprochen: «Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn in sich finden sie die Reiche der Himmel.» - Und das letzte wird nur ganz besonders für die intimsten Schüler angedeutet, es ist das, was sich auf das neunte Glied des Menschen bezieht, auf den Geistesmenschen: «Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen.»

[ 36 ] The seventh Beatitude relates to the Spirit-Self : Blessed are they who draw to themselves the Spirit-Self as the first purely spiritual member of their being; for they will be called the children of God.—The first member of the higher triad has entered into them. They have received the Divine into themselves and have become an outward expression of the God-head. But it is now clearly shown that only chosen ones, only those who fully understand what the future is to humanity as a whole can succeed in unfolding the Life-Spirit. What men of the future, having received Christ into themselves in the fullest sense, will call the ‘Life-Spirit’ is now within the reach of a few individuals only. But because they are chosen individuals, the others are unable to understand them and they are persecuted. With reference, therefore, to those who are persecuted because as individuals they represent a stage that belongs only to the future, the words are uttered: Blessed are they which are persecuted for righteousness' sake: for in themselves they find the Kingdoms of Heaven. And the last Beatitude concerns the closest, most intimate disciples only; it refers to the ninth member of Man's being: Spirit-Man.—‘Blessed are ye, when men shall revile you, and persecute you... for my sake.’

[ 37 ] So wird in diesen wunderbaren Sätzen, die sich beziehen auf die neun Glieder der Menschennatur, gezeigt, wie das Ich sich gestaltet, wenn es ein Christus-Ich wird, für die verschiedenen Glieder der Menschennatur und sie beseligt. In grandioser, in majestätischer Weise ist im Matthäus-Evangelium (Matth. 5, 3-11) in den Sätzen nach der Versuchungsszene ausgedrückt, wie die Christus-Kraft für die Neungliedrigkeit des Menschen wirkt, zunächst in der Gegenwart, und dann, wie sie wirkt in der nächsten Zukunft, wo diejenigen noch Kinder Gottes genannt werden, in die hineinleuchtet das Geistselbst schon jetzt, wo aber doch solche Kinder Gottes nur in einzelnen begnadeten Exemplaren vorhanden sind. Gerade das ist das Wunderbare: das bestimmte Sprechen für die ersten Glieder, die schon da sind, und das Auslaufen in das Unbestimmte in den letzten Sätzen, die für fernere Zukünfte gelten.

[ 37 ] And so these wonderful utterances relating to the nine members of man's being show how the ‘I’, when filled with Christ, works in the different members and brings them blessedness. In the verses following the account of the Temptation, the Gospel of St. Matthew expresses with majestic grandeur the effect of the Christ-power in the ninefold nature of man, first in the present and then in the immediate future, when those into whom the Spirit-Self already shines are called ‘children of God’—although of these there are only a few specially blessed ones. What is so wonderful is that the indications are quite definite when concerned with members of man's being that have already developed, but become indefinite in the later utterances which relate to the distant future.

[ 38 ] Da ist nun aber wieder das Oberflächliche: Denken Sie sich, es würde jemand nachsuchen, ob sich ähnliche Sätze vielleicht auch sonstwo finden und ob die Evangelisten diese Sätze vielleicht aus etwas anderem kombiniert, zusammengeleimt haben könnten. Und denken Sie, der Betreffende habe keine Ahnung, um was es sich handelt; denn das ist es ja, wovon man da sprechen müßte: daß es angewendet wurde auf die durchchristete Ich-Natur! Dann könnte er, wenn er die wunderbare Steigerung des Wesentlichen nicht bemerkt, auf folgendes hinweisen. Sie brauchen in dem schon angeführten Buche nur ein paar Seiten weiterzublättern, dann finden Sie in einem Kapitel «Die Seligkeiten» einen Hinweis auf einen Henoch, der ein anderer ist als der gewöhnliche, und darin werden neun «Seligkeiten» angeführt. Besonders tut sich der Betreffende darauf etwas zugute, daß er sagt, dieses Dokument sei in der ersten Zeit der christlichen Ära entstanden, und er meint, daß dies, was wir eben als ein so tiefes Dokument charakterisiert haben, abgeschrieben sein könnte aus folgenden neun Seligkeiten des «Slawischen Henoch»:

[ 38 ] But once again we have an example of superficial scholar-ship. Suppose someone were investigating the question of whether similar utterances are also to be found elsewhere and whether the Evangelists might have strung them together from other sources. And suppose this investigator had no notion of the all-important point—that the Beatitudes apply to the Christ-filled Ego! Failing to notice the wonderful enhancement indicated in the utterances, he might well quote the following—and indeed two or three pages later in the book already mentioned,4Christianity and Mythology, p. 422. in a chapter entitled ‘The Beatitudes’, reference is made to an ‘Enoch’—who is not the usual (Ethiopic) Enoch—and nine so-called ‘Beatitudes’ are cited. The author admits that the original record can be assigned to the first period of the Christian era but he considers that the utterances we have characterized as being so profound could have been copied from the following nine 'Beatitudes’ of the 'Slavonic' Enoch:5From the Book of the Secrets of Enoch, trans. from the Slavonic by W. R. Morfill, and edited, with introd. notes, by R. H. Charles. (Clarendon Press, 1896).

«1. Selig ist, der den Namen des Herrn fürchtet und unausgesetzt vor seinem Angesicht dient» und so weiter.
«2. Selig ist, der ein gerechtes Urteil fällt nicht um des Lohnes willen, sondern um der Gerechtigkeit willen, nichts dafür erwartend; ein lauteres Urteil wird ihm später zuteil werden.
3. Selig ist, der die Nackten mit einem Gewand bekleidet und sein Brot den Hungrigen gibt.
4. Selig ist, der ein gerechtes Urteil fällt für die Waise und Witwe und jedermann beisteht, dem Unbill widerfährt.
5. Selig ist, der sich vom unsteten Pfad dieser eitlen Welt abwendet und auf dem gerechten Wege wandelt, der zum ewigen Leben führt.
6. Selig ist, der gerechten Samen säet; er wird siebenfach ernten.
7. Selig ist, in dem Wahrheit ist, auf daß er seinem Nächsten die Wahrheit sage.
8. Selig ist, der Liebe auf seinen Lippen hat und Sanftmut im Herzen.
9. Selig ist, der jedes Wort des Herrn versteht und den Herrn-Gott preist» und so weiter.

1. Blessed is he who fears the name of the Lord, and serves continually before his face.
2. Blessed is he who executes a just judgment, not for the sake of recompense, but for the sake of righteousness, expecting nothing in return: a sincere judgment shall afterwards come to him.
3. Blessed is he who clothes the naked with a garment, and gives his bread to the hungry.
4. Blessed is he who gives a. just judgment for the orphan and the widow, and assists every one who is wronged.
5. Blessed is he who turns from the unstable path of this vain world, and walks by the righteous path which leads to eternal life,
6. Blessed is he who sows just seed; he shall reap sevenfold.
7. Blessed is he in whom is the truth, that he may speak the truth to his neighbour.
8. Blessed is he who has love upon his lips, and tenderness in his heart.
9. Blessed is he who understands every word of the Lord, and glorifies the Lord God.

[ 39 ] Schön sind gewiß diese Sätze. Aber wenn Sie sie betrachten im ganzen Aufbau und in bezug auf das, worauf es bei ihnen ankommt, nämlich auf die Aufzählung einiger guter Grundsätze, die man in jeder Zeit sagen kann, nur nicht gerade für eine Zeit des Umschwunges, die dadurch charakterisiert ist, daß die Ich-Kraft eingeführt wird, dann stehen Sie, wenn Sie diese vergleichen wollten mit den «Seligpreisungen» des Matthäus-Evangeliums, auf dem äußerlichen Punkte derjenigen, die in äußerlicher Weise die Religionen der Menschheit vergleichen und, wenn sie etwas Ähnliches finden, immer sofort eine Gleichheit konstatieren und nicht auf das achten, worauf es ankommt.

[ 39 ] Certainly there is beauty in these sayings. But when you study their whole construction and realise that they simply set forth a few principles suitable for any epoch but not specifically for the one of drastic transformation due to the inauguration of the power of the ‘I’—then, if you still think it possible to place these Slavonic sayings on a par with the Beatitudes of St. Matthew, you will not be far removed from those who make superficial comparisons between the various religions of mankind and whenever they come across similarities at once insist that there is uniformity, ignoring what is of essential importance.

[ 40 ] Wenn man weiß, worauf es ankommt, merkt man erst, daß es in der Menschheitsevolution einen Fortschritt gibt, daß die Menschheit aufrückt von Stufe zu Stufe und daß der Mensch nicht geboren wird in einem späteren Jahrtausend in einem physischen Leibe neuerdings, um dasselbe zu erleben, was er schon erlebt hat, sondern um das zu erleben, um was die Menschheit in der Zwischenzeit hinaufgestiegen ist. Das ist der Sinn der Geschichte. Und das ist der Sinn der Menschheitsevolution. Von diesem Sinne der Geschichte und der Menschheitsevolution redet gerade das Matthäus-Evangelium auf jeder seiner Seiten!

[ 40 ] To understand these things is to realise that human evolution progresses, that humanity advances from stage to stage, and that a man is not born in a new physical body in a later millennium in order to repeat experiences already undergone, but to experience in what respects humanity has advanced in the intervening time. That is the purpose alike of history and of human evolution. And of this the Gospel of St. Matthew speaks on every page!