Paths and Goals of Spiritual Man
GA 125
23 January 1910, Strasburg
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Paths and Goals of Spiritual Man, tr. SOL
1. Novalis und die Geisteswissenschaft
1. Novalis and the Science of the Spirit
zur Einweihung des Novalis-Zweiges
for the inauguration of the Novalis branch
[ 1 ] Es war durch die Verhältnisse geboten, daß eine Anzahl unserer Freunde hier in Straßburg neben dem bereits bestehenden Zweige einen zweiten begründeten, welcher den bedeutsamen Namen «Novalis-Zweig» tragen soll. Es haben unsere Freunde aus anderen Orten, die sich in liebevoller Weise heute in Straßburg eingefunden haben, durch ihren Besuch bezeugt, wie sie dafür Verständnis haben, daß in einer Stadt auch Zweige nebeneinander bestehen können und daß die Mannigfaltigkeit des Arbeitens auf verschiedenen Feldern nicht auszuschließen braucht dasjenige, was wir die Harmonie und Eintracht nennen müssen, die zu herrschen hat unter all denjenigen, welche sich als Glieder unserer über den Erdkreis verbreiteten Gesellschaft betrachten. Und so soll denn auch dieser Zweig der großen Strömung eingefügt sein, die wir als die geisteswissenschaftliche bezeichnen.
[ 1 ] Circumstances dictated that a number of our friends here in Strasbourg establish a second branch alongside the existing one, to be known by the significant name “Novalis Branch.” Our friends from other places, who have gathered here in Strasbourg today in a spirit of affection, have demonstrated through their visit how well they understand that branches can coexist side by side in a single city, and that the diversity of work in various fields need not preclude what we must call the harmony and unity that must prevail among all those who consider themselves members of our society, which is spread across the globe. And so this branch, too, is to be integrated into the great current that we call spiritual science.
[ 2 ] Sie haben, meine lieben Freunde vom Novalis-Zweig, einen bedeutsamen Namen gewählt, um eine Signatur, ein Zeichen für Ihr Arbeiten zu haben. Der Name Novalis gehört einer Persönlichkeit an, welche zuletzt, also in ihrer letzten Inkarnation, gewirkt hat erst im 18. Jahrhundert; einer Persönlichkeit, deren ganzes Wesen durchströmt, durchgeistigt ist von dem, was wir als geist-erkennenden Sinn, als Spiritualität betrachten. Und Sie haben damit von vorneherein gezeigt, daß Ihnen Geisteswissenschaft etwas unmittelbar Lebendiges sein soll, das Sie überall da suchen, wo es gefunden werden kann, nicht bloß in dieser oder jener Zeit, sondern wie es lebt durch alle Zeiten hindurch, und wie es sich durch die eine oder durch die andere Persönlichkeit auf vielerlei Arten in die Welt ausgießen kann. Gerade an Novalis können wir ersehen, wie Streben nach Geist-Erkenntnis dasjenige ist, was unser gewöhnliches alltägliches Leben durchdringen und durchweben kann. Freilich, wollten wir hinweisen auf die Quellen des theosophischen Geistes bei Novalis, dann müßten wir hineinleuchten in frühere Inkarnationen dieses hehren Geistes, und aus diesen früheren Inkarnationen würde uns klar werden, wie sich herübergelebt hat aus früheren Verkörperungen in die des Novalis dasjenige, was nur im tiefsten Sinne theosophisches Geistesleben sein kann. Aber auch, wenn wir bloß jenen Novalis, der kaum dreißig Jahre alt geworden ist und der am Ende des 18. Jahrhunderts gelebt hat, wenn wir nur jene eine Inkarnation betrachten, dann schon kann uns an ihm klar werden, wie Geist-Erkenntnis nicht etwas ist, was den Menschen hinaufbringt in eine träumerische, phantastische Welt, was ihn abzieht und entfernt von der unmittelbaren Wirklichkeit, sondern in der mannigfaltigsten Weise können wir gerade bei Novalis sehen, wie Wirklichkeitsgeist, wie das reale Leben seinen Wert und wahren Inhalt dadurch erhält, daß man es mit Geisteswissenschaft durchdringt.
[ 2 ] You, my dear friends of the Novalis Branch, have chosen a significant name to serve as a signature, a symbol of your work. The name Novalis belongs to a personality who, in his last incarnation, was active as recently as the 18th century; a personality whose entire being is permeated and imbued with what we regard as a spirit-perceiving sense, as spirituality. And in doing so, you have shown from the very beginning that spiritual science is to be for you something immediately alive, which you seek wherever it can be found—not merely in this or that era, but as it lives through all ages, and as it can pour itself out into the world in many ways through one personality or another. In Novalis, in particular, we can see how the striving for spiritual knowledge is that which can permeate and interweave our ordinary everyday life. Of course, if we were to point to the sources of the theosophical spirit in Novalis, we would have to look into earlier incarnations of this noble spirit, and from these earlier incarnations it would become clear to us how that which can only be theosophical spiritual life in the deepest sense has carried over from earlier incarnations into that of Novalis. But even if we consider only that Novalis who barely reached the age of thirty and who lived at the end of the 18th century—if we consider only that one incarnation— then even in him it becomes clear to us that spiritual knowledge is not something that lifts a person up into a dreamy, fantastical world, something that draws them away and removes them from immediate reality; rather, in the most manifold ways we can see precisely in Novalis how the spirit of reality, how real life, derives its value and true content from being permeated by spiritual science.
[ 3 ] Novalis stammt aus einem mitteldeutschen Adelsgeschlecht, in dem zwar eine gewisse, ich möchte sagen, materialistische Frömmigkeit — denn auch eine solche gibt es - vorhanden war, aber nicht eigentlich dasjenige, was man bezeichnen kann als Sehnsucht des Herzens nach wirklichem, lebendigem Geiste. Um nun das Karma des Novalis in der richtigen Weise zu erfüllen, geschah es, daß der Vater des Novalis, der alte Hardenberg, noch in seinem späteren Alter — wenn er auch nicht von spirituellem Leben durchdrungen wurde, doch aber dadurch, daß er in die Herrnhuter Sekte, eine pietistische Sekte, hineinkam — nach einer gewissen Seite hin mit frommen Regungen durchsetzt wurde. Und aus diesem mitteldeutschen Adelsmilieu — wie gesagt, das immerhin soviel vom Geiste hatte, daß selbst der alte Hardenberg im späteren Leben, wenn auch sektiererisch, zu einer gewissen Frömmigkeit im Geistigen kommen konnte -, aus dem wuchs unser Novalis heraus. Er wuchs hinein — nicht in das, was ihm beschert war nach dem Willen seiner Familie, denn das wäre irgendeine militärische oder diplomatische Stellung gewesen -, er wuchs hinein in eine große Zeit; in jene Zeit, in welcher auf dem Lehrstuhle der mitteldeutschen Universität Thüringens große, gewaltige Geister gewirkt haben.
[ 3 ] Novalis came from a Central German noble family in which there was, I might say, a certain materialistic piety—for such a thing does exist—but not really what one might call the heart’s longing for a true, living spirit. In order to fulfill Novalis’s karma in the proper way, it came to pass that Novalis’s father, the elder Hardenberg, even in his later years—though he was not imbued with spiritual life, yet through his joining the Herrnhut sect, a Pietist sect—was, in a certain sense, permeated with pious impulses. And from this Central German aristocratic milieu—which, as I said, possessed enough of the spirit that even old Hardenberg, in his later life, though sectarian, was able to attain a certain piety in the spiritual realm—from this milieu our Novalis grew up. He grew into—not what had been bestowed upon him by his family’s will, for that would have been some military or diplomatic position—he grew into a great era; into that era in which great, powerful minds were active in the chairs of the Central German University of Thuringia.
[ 4 ] So konnte er noch in jener Zeit in Jena Schiller Geschichte vortragen hören. Mögen die Geschichtslehrer der heutigen Zeit sagen: Schiller stand als Historiker nicht auf gelehrter Höhe. — Dasjenige, was Geschichte im Leben sein soll, ein Durchströmen der ganzen menschlichen Entwickelung mit geistigem Leben, das war es, was von Schiller in diejenigen Seelen hineinkam, welche ihn in Jena als Geschichtslehrer hören konnten. Eine große Persönlichkeit vor allem sprach aus Schiller. Aus dieser Persönlichkeit sprach Geist, sie weckte den Geist.
[ 4 ] Thus, even during that time in Jena, he was able to hear Schiller lecture on history. Let the history teachers of today say: Schiller was not a historian of scholarly stature. — What history should be in life—a permeation of the entire course of human development with spiritual life—that was what Schiller instilled in the souls of those who were able to hear him as a history teacher in Jena. Above all, a great personality spoke through Schiller. Spirit spoke through this personality; it awakened the spirit.
[ 5 ] Und noch ein anderer Lehrer war da, als Novalis jung war, ein Lehrer, der nicht nur durch die große Energie seines Geisteslebens Dinge auf philosophischem Gebiete schuf, die dem ganzen Menschengeschlecht angehören, aber heute noch wenig verstanden werden. Fichte wirkte damals, als Novalis sich hineinlebte in das Leben. Er wirkte so, daß sein ganzes Gebaren, das Gebaren des Fichte, etwas Geistiges hatte. Man kann das als Äußerlichkeit betrachten. Wer einen Sinn dafür hat, wird es nicht äußerlich betrachten, daß Fichte, wenn er des Abends im dunklen Saale Vorlesung hielt und auf seinem Pulte die Kerze brannte, erst die Kerze auslöschte, indem er sagte: So, meine Herren Hörer, jetzt ist das physische Licht ausgelöscht, jetzt soll nur das Geisteslicht in diesem Raume leuchten.
[ 5 ] There was yet another teacher when Novalis was young, a teacher who, through the great energy of his intellectual life, created philosophical works that belong to all of humanity but are still little understood today. Fichte was active at the time when Novalis was immersing himself in life. He was active in such a way that his entire demeanor—Fichte’s demeanor—had something spiritual about it. One might regard this as mere outward appearance. Anyone with a sense for this will not regard it as merely external that Fichte, when he gave a lecture in the dark hall in the evening with a candle burning on his desk, would first extinguish the candle, saying: “Well then, gentlemen of the audience, now the physical light is extinguished; now only the light of the spirit shall shine in this room.”
[ 6 ] Im rechten Moment die Beziehung des Geistigen zum Physischen nicht nur vor die Seele, sondern auch vor die Augen hingezaubert, das bedeutet für so empfängliche Seelen wie Novalis etwas Ungeheures. Eine solche Seele kann dadurch fähig werden, einen durch nichts zu erschütternden Glauben an das Geistesleben zu erhalten. Es durchströmt die Seele mit einer edlen Empfindung, die dann für das Leben bleibt, wenn gerade ein Novalis in eine solche Umgebung hineinkommt. Nicht kann man sagen, daß Novalis schwärmerisch veranlagt war. Diejenigen, die glauben, er sei ein Schwärmer gewesen, verstehen Novalis nicht. Nein, derjenige Geist, der in Novalis lebte, sagte - man kann es heute in seinen nachgelassenen Schriften lesen -: Anders ist der Schlafzustand des Menschen, anders der Wachzustand. Wenn der Mensch wach ist, dann sind in ihm vereinigt die innere Seele — so nannte man im damaligen Sprachgebrauch das, was wir heute Astralleib nennen würden — mit dem äußeren Leib. Der Leib genießt die Seele. - Ein schönes Wort, das Novalis gebrauchte, um die Beziehung zwischen physischem und Astralleib auszudrücken. Und gelockert ist die Seele vom Leibe im Schlaf — so sagte Novalis —, und der Leib verdaut die Seele, wenn der Mensch schläft. Das ist wiederum ein schöner, kurzer, prägnanter Ausdruck für ein Verhältnis, das uns auch entgegenrritt in der Geisteswissenschaft. Schön ist es, wenn Novalis einmal den Ausspruch in seine Notizen hineinschreibt: Wir sind immer umgeben von einer geistigen Welt. Überall, wo wir sind, sind geistige Wesen um uns. Es kommt nur auf den Menschen an, sein Selbst so hinauszuverlegen, daß er ein Bewußtsein erhält von den geistigen Wesenheiten, die uns überall umgeben, wo wir sind. — Wieder ist schön bei ihm, wie er tiefes Verständnis für den Gang der esoterischen menschlichen Entwickelung zeigt und schreibt: In den alten Zeiten versuchte man durch Abtötung des Leibes, durch Kasteiung und so weiter die Seele hinaufzuführen in eine höhere Entwickelung. In neuerer Zeit muß an deren Stelle die Stärkung der Seele treten: Energie der Seele. Die Seele muß durch Stärkung Macht gewinnen über den Körper, darf nicht dadurch schwächer werden, und muß dann eine gewisse Herrschaft ausüben.
[ 6 ] To conjure up, at just the right moment, the relationship between the spiritual and the physical—not only before the soul but also before the eyes—means something immense to souls as receptive as Novalis’s. Such a soul can thereby become capable of maintaining an unshakable faith in spiritual life. It fills the soul with a noble feeling that remains with one for life when a figure like Novalis enters such an environment. One cannot say that Novalis was of a dreamy disposition. Those who believe he was a dreamer do not understand Novalis. No, the spirit that lived within Novalis said—as one can read today in his posthumous writings—: The state of sleep in a human being is different from the waking state. When a human being is awake, the inner soul—as it was called in the language of that time, what we would today call the astral body—is united within them with the outer body. The body enjoys the soul. - A beautiful phrase that Novalis used to express the relationship between the physical and astral bodies. And the soul is released from the body in sleep—so said Novalis—and the body digests the soul when a person sleeps. This, in turn, is a beautiful, short, concise expression for a relationship that we also encounter in spiritual science. It is beautiful when Novalis once writes the following in his notes: We are always surrounded by a spiritual world. Wherever we are, spiritual beings are around us. It depends only on the human being to project his self outward in such a way that he gains an awareness of the spiritual beings that surround us wherever we are. — It is also beautiful how he demonstrates a deep understanding of the course of esoteric human development and writes: In ancient times, people sought to elevate the soul to a higher stage of development through mortification of the body, through self-mortification, and so on. In more recent times, the strengthening of the soul must take its place: the energy of the soul. Through this strengthening, the soul must gain power over the body, must not be weakened by it, and must then exercise a certain dominion.
[ 7 ] So könnten wir über Novalis stundenlang fortreden. Wir würden zwar nicht einen Geist finden, der sich in Worten und in Lehren ausdrückt, wie wir sie heute in der Geisteswissenschaft geben können, aber einen Geist, der mit seinen Worten genau dieselbe Sache ausdrückt. Er war kein Schwärmer, kein Phantast. Trotzdem seine lyrische Poesie den höchsten Schwung nahm, den wir uns denken können, und uns hinauf in höchste Empfindungswärme führt, war Novalis — und das gilt für ihn, der nicht dreißig Jahre alt geworden ist — ein praktischer Geist, der auf der Bergakademie studiert hat, durch und durch Mathematiker, der Mathematik empfunden hat als ein großes Gedicht, nach dessen Linien die göttliche Geistigkeit die Welt gedichtet hat, der sich aber praktisch erwiesen hat für alles, was ein Bergingenieur braucht. Novalis war ein Geist, der trotz dieser Praxis für sein Gefühlsleben, für sein Herz umzusetzen wußte unmittelbar ins Leben das, was bei ihm theosophische Gesinnung war. Wahrhaftig, was wir kennen als seine Beziehungen zu Sophie von Kühn, das darf nicht als etwas aufgefaßt werden, was mit Sinnlichkeit zusammenhängt. Er liebte ein Mädchen, das mit vierzehn Jahren starb. Er fing eigentlich erst an, sie so recht glühend zu lieben, als sie bereits tot war. Er fühlte, er lebt jetzt in dem Reich mit, in welchem sie seit ihrem "Tode ist. Er beschloß, ihr nachzusterben. Sein ferneres Leben war ein Mitleben mit einer physisch toten Persönlichkeit. Das alles zeigt uns, in was Novalis hineingewachsen ist durch den starken Zug seines spirituellen Wesens.
[ 7 ] We could go on talking about Novalis for hours. We would not, however, find a mind that expresses itself in words and teachings as we can today in the spiritual sciences, but a mind that expresses exactly the same thing with its words. He was no dreamer, no fantasist. Even though his lyric poetry reached the highest heights we can imagine and lifts us up to the highest emotional warmth, Novalis—and this applies to him, who did not live to see his thirtieth birthday — a practical mind who studied at the Bergakademie, a mathematician through and through, who perceived mathematics as a great poem, according to whose lines divine spirituality has composed the world, but who proved himself practically capable of everything a mining engineer needs. Novalis was a spirit who, despite this practicality, knew how to translate his theosophical disposition directly into life for his emotional life, for his heart. Truly, what we know of his relationship with Sophie von Kühn must not be understood as something connected with sensuality. He loved a girl who died at the age of fourteen. He actually only began to love her with such fervor after she was already dead. He felt that he now lived in the realm in which she had been since her “death.” He resolved to follow her in death. The rest of his life was a coexistence with a physically dead personality. All of this shows us what Novalis grew into through the powerful pull of his spiritual nature.
[ 8 ] Wir können an Novalis sehen, wie man als Mensch im Grunde genommen nur eine Eigenschaft zu haben braucht, um für diese Geistigkeit, die uns die Geisteswissenschaft bringen soll, Sinn zu haben, Eine Eigenschaft braucht man nur, und diese eine Eigenschaft wird dem Menschen so schwer. Weil sie dem Menschen so schwer wird, deshalb kommen die Leute nicht leicht zur Geisteswissenschaft. Wenn diese eine Eigenschaft genannt wird, dann kommt es den Menschen vor, wie wenn alle sie hätten. Dennoch ist es diese Eigenschaft, deren Fehlen die Menschen nicht zur Geisteswissenschaft kommen läßt: Wahrhaftigkeit, im tiefsten Seelengrunde ehrliches Gestehen dessen, was wirklich ist. Scheinbar haben sie so viele Menschen — nach ihrer eigenen Meinung. Dennoch, gerade Novalis gibt uns ein Beispiel, wie nur ein Moment der wirklichen Ehrlichkeit da zu sein braucht, und wie ein Mensch durch diesen einen Moment der Ehrlichkeit sich gestehen müßte, was die Geistigkeit der Welt dem Menschenherzen sein kann. Des Novalis Vater hatte einen gewissen Zug zur Geistigkeit; sonst hätte er sich nicht der Sekte der Herrnhuter angeschlossen. Aber so frei und ehrlich war seine Seele nicht, wie dies hier gemeint ist. Daran hinderte ihn das, was in seiner Seele aus der äußeren physischen Welt heraus lebte. Die physische Welt mit allen ihren Vorurteilen ließ ihn nicht in die geistige Welt hinaufkommen. Aber sein Sohn hatte diese Wahrhaftigkeit. Was war selbstverständlicher, als daß der Vater gar keine Ahnung haben konnte von dem, was in diesem Sohn lebte? Die physische Welt mit ihrem Trennenden, Disharmonischen, ihrem Unwahrhaftigen, das hier eine Scheidewand aufgerichtet hat zwischen dem, was der junge Novalis wirklich war, und dem, was der alte Hardenberg sein wollte, was er aber wegen fehlender wirklicher innerer Wahrhaftigkeit nicht sein konnte, die physische Welt mit all dem, was sie aus dem Menschen macht, ließ ihn, solange Novalis lebte, nicht dazu kommen, seines Sohnes Bedeutung einzusehen. Einige Wochen war der Sohn tot, da war der alte Hardenberg in seiner Herrnhuter Gemeinde. Man sang in der Gemeinde ein Lied: «Was wär’ ich ohne dich gewesen, was würd’ ich ohne dich nicht sein.» Und dieses Lied, das gesungen wurde — der alte Hardenberg hatte es noch nicht gehört, aber es entzündete sich in diesem Augenblicke alles, was er an Geist in seiner Seele hatte. Hingegeben war er dem großen Eindruck dessen, was aus diesem Liede ausströmt, erfüllt war in diesem Augenblicke seine ehrlich gewordene Seele von dem Weltengeist, von dem spirituellen Leben. Und als die Versammlung zu Ende war, fragte der alte Hardenberg jemanden, von wem dieses Lied sei, das ihn so tief ergriffen hatte. Da sagte man ihm: Das ist ja von Ihrem Sohn. — Es war erst notwendig, daß für einen Augenblick alles vergessen werden konnte, was der physische Plan brachte, und da lebten in ihm einen Augenblick, ohne zu wissen von dem, der es hineingebracht hatte, die reine Wahrhaftigkeit, die reine Objektivität, nicht die Vorurteile des physischen Planes. So würde Geist den Geist finden, wenn wir, ohne das, was die Hemmnisse des physischen Planes sind, Seele der Seele gegenüberstehen würden. In dem Augenblick, in dem der Mensch rein der Wahrheit hingegeben die Seele des anderen und die Seele der Welt finden kann, in jedem solchen Augenblicke muß er durchdrungen sein von dem, was man theosophische Spiritualität nennen könnte.
[ 8 ] We can see in Novalis that, as human beings, we essentially need only one quality to make sense of this spirituality that spiritual science is meant to bring us. One quality is all that is needed, and this one quality is so difficult for human beings to attain. Because it is so difficult for human beings to attain, people do not easily come to spiritual science. When this one quality is named, it seems to people as if everyone possessed it. Yet it is this very quality, the lack of which prevents people from coming to spiritual science: truthfulness—the honest acknowledgment, from the deepest depths of the soul, of what truly is. Apparently, so many people have it—in their own opinion. Yet Novalis himself gives us an example of how just a single moment of true honesty is needed, and how through this one moment of honesty a person must acknowledge what the spirituality of the world can be to the human heart. Novalis’s father had a certain inclination toward spirituality; otherwise he would not have joined the Herrnhut sect. But his soul was not as free and honest as is meant here. He was prevented from this by what lived in his soul from the external physical world. The physical world, with all its prejudices, did not allow him to ascend into the spiritual world. But his son possessed this truthfulness. What could be more natural than that the father could have no idea of what lived within this son? The physical world, with its divisive, disharmony, and its insincerity—which here erected a partition between what the young Novalis truly was and what the old Hardenberg wanted to be, but could not be due to a lack of genuine inner truthfulness—the physical world, with all that it makes of a person, did not allow him, as long as Novalis lived, to come to understand his son’s significance. A few weeks after his son’s death, the old Hardenberg was in his Herrnhut congregation. A hymn was sung in the congregation: “What would I have been without you, what would I not be without you.” And this hymn that was sung—the old Hardenberg had not heard it before, but at that moment it ignited everything of the spirit that was in his soul. He was captivated by the profound impact of what radiated from this song; in that moment, his soul, now made sincere, was filled with the spirit of the world, with spiritual life. And when the gathering was over, old Hardenberg asked someone whose song this was that had moved him so deeply. Then he was told: “It is, in fact, your son’s.” — It was first necessary that, for a moment, everything brought by the physical plane could be forgotten, and there, for a moment, without knowing the one who had brought it in, lived within him pure truthfulness, pure objectivity, not the prejudices of the physical plane. Thus would spirit find spirit if, free from the obstacles of the physical plane, we were to face soul with soul. In the moment when a human being, purely devoted to truth, can find the soul of another and the soul of the world—in every such moment—he must be permeated by what might be called theosophical spirituality.
[ 9 ] Das was man theosophische Spiritualität nennen kann, liegt nicht bloß in irgendeiner Theorie, in irgendeiner Lehre, obwohl wir niemals vergessen dürfen, daß für uns Menschen, die wir zum Denken geboren sind, eine Lehre unerläßlich ist, es liegt aber der Wesenskern des 'Theosophischen nicht in der Lehre. Derjenige, der etwa betonen wollte, daß die Lehre überflüssig sei, und daß es nur darauf ankomme, dasjenige zu pflegen, was man allgemeine Bruderliebe nennt, dem muß immer wieder und wieder eingeschärft werden, daß durch das Predigen der allgemeinen Bruderliebe nirgends in der Welt diese allgemeine Bruderliebe erreicht werden kann. Wenn wir nur von Liebe predigen, dann ist das für den Kenner des Lebens ebenso, als ob wir einem Ofen sagen: Lieber Ofen, es ziemt sich für dich, für deine Ofenliebe, das Zimmer warm zu machen. — Aber das Zimmer bleibt kalt, und wenn wir noch so oft von Liebe predigen. Wenn wir ihm aber Heizmaterial, Holz und Feuer geben, dann verwandelt sich Holz und Feuer in ihm in Wärme, und er macht das Zimmer warm. Das Brennmaterial für die Menschenseele sind die großen Ideale, die großen Gedanken, welche wir aufnehmen können, durch die wir den Zusammenhang der Welt anerkennen, durch die wir die Geheimnisse von Menschenschicksal und Menschenleben lernen können. Sie sind nicht solche Gedanken, die uns nur theoretisch erfüllen, sondern solche, die uns innerlich warm machen, und das Ergebnis der theosophischen Weisheit ist die Liebe. Und ebenso gewiß, wie der Ofen das Zimmer durch Heizung und nicht durch Predigen warm macht, ebenso gewiß wird die richtige Lehre von den großen Gedanken, welche die Welt durchwirken, die Seele liebend machen. Denn das ist das Geheimnis der wirklichen Weisheit, daß sie sich in der Seele durch ihre eigene Kraft in Liebe umwandelt. Wer den Weg von Weisheit zur Liebe noch nicht gefunden hat, zeigt nur, daß er noch nicht weit genug in der Weisheit gekommen ist. Wer aber glauben wollte, daß die Gedanken, die wir aufnehmen über die Evolution der Welt, die Evolution der Menschen, über Karma und so weiter für den Menschen unbeträchtlich seien, sollte sich immer wieder und wiederum in seiner Seele klarmachen, daß das nicht bloß menschliche Gedanken sind, daß es nicht bloß Gedanken sind, die wir zuerst denken, sondern daß diese Gedanken, welche in unsere Seele dringen, es sind, nach denen die göttlichen Geister die Welt erbaut haben.
[ 9 ] What might be called theosophical spirituality does not lie merely in some theory or doctrine—although we must never forget that for us humans, who are born to think, a doctrine is indispensable—but the very essence of theosophy does not lie in doctrine. Anyone who might wish to emphasize that doctrine is superfluous, and that the only thing that matters is to cultivate what is called universal brotherly love, must be repeatedly reminded that by preaching universal brotherly love, this universal brotherly love cannot be achieved anywhere in the world. If we preach only of love, then to the connoisseur of life this is just as if we were to say to a stove: Dear stove, it befits you, for the sake of your stove-love, to warm the room. — But the room remains cold, no matter how often we preach of love. But if we give it fuel, wood, and fire, then the wood and fire are transformed within it into warmth, and it warms the room. The fuel for the human soul is the great ideals, the great thoughts that we can absorb, through which we recognize the interconnectedness of the world, through which we can learn the mysteries of human destiny and human life. These are not thoughts that merely fill us theoretically, but those that warm us from within, and the result of theosophical wisdom is love. And just as surely as the stove warms the room through heat and not through preaching, so surely will the true teaching of the great thoughts that permeate the world make the soul loving. For that is the secret of true wisdom: that it transforms itself into love within the soul through its own power. Whoever has not yet found the path from wisdom to love merely shows that they have not yet progressed far enough in wisdom. But anyone who would believe that the ideas we take in about the evolution of the world, the evolution of humanity, about karma, and so on, are insignificant to human beings, should repeatedly and again and again make it clear to themselves in their soul that these are not merely human thoughts, that they are not merely thoughts that we first conceive, but that these thoughts, which penetrate our soul, are the very ones according to which the divine spirits have built the world.
[ 10 ] Nicht unsere Gedanken treten uns in der Geisteswissenschaft vor das geistige Auge, sondern die Gedanken der göttlichen Baumeister, der göttlichen Geister der Welt. Was die Götter der Welt vor der Erschaffung der physischen Welt bei sich gedacht haben, das denken wir in der Geisteswissenschaft nach und erforschen so dasjenige, was aus den göttlichen Wesen hineingeflossen ist in das Wirken und Werden der Welt, der wir angehören. Dasjenige aber, was die Götter gedacht haben, ist geistiges Licht. Und wer nicht denken will, was die Götter gedacht haben, gibt damit, wenn er es auch nicht weiß, sich selber nicht die Richtung nach dem Licht, sondern nach der Finsternis. Die einzig mögliche Grundlegung für eine wirkliche Entwickelung der menschlichen Seele ist diejenige, in der wir von dem ausgehen, was die göttlichen Gedanken der Welt sind. Uns sind von den Geistern der Welt die Fähigkeiten nicht dazu gegeben worden als Anlagen, daß wir sie brach liegen lassen. Sie sind uns dazu gegeben worden, daß wir sie entwickeln. Und da in diesem Entwickelungszyklus der Menschheit das Denken unsere wichtigste, hervorragendste Fähigkeit ist, müssen wir vom Denken ausgehen. Aber wir dürfen nicht beim Denken stehenbleiben. Das aber führt uns allmählich dazu, Geisteswissenschaft in Gesinnung umzusetzen, daß wir die Geheimnisse verstehen lernen, wie Erkenntnis zu Charaktereigenschaften, zu Gemütseigenschaften führt. Richtig verstandene Erkenntnis führt zu Charakter-, zu wirklichen Gemütseigenschaften.
[ 10 ] It is not our own thoughts that appear before our inner eye in spiritual science, but the thoughts of the divine architects, the divine spirits of the world. What the gods of the world thought among themselves before the creation of the physical world, we reflect upon in spiritual science and thus explore that which has flowed from the divine beings into the working and becoming of the world to which we belong. But that which the gods have thought is spiritual light. And whoever does not wish to think what the gods thought thereby, even if they do not realize it, does not direct themselves toward the light, but toward darkness. The only possible foundation for a true development of the human soul is that in which we proceed from what the divine thoughts of the world are. The spirits of the world have not given us these abilities as innate capacities to be left fallow. They have been given to us so that we may develop them. And since, in this cycle of human development, thinking is our most important and preeminent ability, we must start with thinking. But we must not stop at thinking. This, however, gradually leads us to translate spiritual science into a mindset that enables us to understand the mysteries of how knowledge leads to character traits and qualities of the soul. Correctly understood knowledge leads to character traits and genuine qualities of the soul.
[ 11 ] Wir können uns das an einem einzelnen Beispiel klarmachen, können es uns daran klarmachen, daß wir Menschen aufeinanderfolgende, immer neue Verkörperungen, Inkarnationen durchmachen. Wozu wären diese Inkarnationen, diese wiederholten Erdenleben, wenn sie nicht dazu da wären, den Menschen nach und nach immer vollkommener und vollkommener zu machen? Wir müssen von unserer gegenwärtigen Inkarnation zurückblicken zu früheren Inkarnationen und müssen uns sagen: Was wir gegenwärtig geworden sind, sind wir dadurch geworden, daß eine Inkarnation hindurch nach der anderen immer wiederum diese oder jene Eigenschaften unserer Seele eingefügt worden sind, daß unsere Seele immer von neuem und immer von neuem Kräfte aufgenommen hat, Erlebnisse gehabt hat, Erfahrungen gehabt hat. Was in einer Inkarnation dieser Seele eingebaut wird, das kommt dann in der folgenden Inkarnation heraus.
[ 11 ] We can understand this through a single example: we humans undergo successive, ever-renewing incarnations. What purpose would these incarnations, these repeated earthly lives, serve if not to make human beings gradually more and more perfect? We must look back from our present incarnation to earlier incarnations and tell ourselves: What we have become today, we have become because, through one incarnation after another, this or that quality of our soul has been incorporated, because our soul has taken in new powers time and again, has had experiences, has gained insights. What is built into this soul in one incarnation then emerges in the following incarnation.
[ 12 ] Wir sind jetzt so geworden, wie wir in den vorhergehenden Inkarnationen zubereitet worden sind. Aber dann können wir einen Augenblick stehenbleiben und sagen: Wir blicken nicht nur zurück in die Vergangenheit, sondern wir blicken auch hinauf in die Zukunft, zu späteren, vollkommeneren Lebensläufen. Was wäre dieses menschliche Leben durch diese vielen Verkörperungen hindurch, wenn wir uns nicht sagen könnten: Je weiter wir uns in die Zukunft hinein entwickeln, desto höhere Stufen wird das erreicht haben, was heute als unser Ich in uns selber sitzt.
[ 12 ] We have now become what we were prepared to be in our previous incarnations. But then we can pause for a moment and say: We are not only looking back into the past, but we are also looking up into the future, toward later, more perfect life courses. What would this human life be, through all these many incarnations, if we could not say to ourselves: The further we develop into the future, the higher the levels will have been attained by that which today sits within us as our ‘I’.
[ 13 ] Was wir noch werden können, vermögen wir nur zu ahnen, denn sonst wären wir es schon. Fähigkeiten, immer höher zu steigen, müssen wir uns zuschreiben. — So müssen wir aber scheu und ehrfürchtig in die Zukunft blicken; müssen uns sagen, wenn wir auch heute schon dieses oder jenes erkennen können, in der Lage sind, schon heute, dieses oder jenes zu erleben in der Welt: Mit den größeren Fähigkeiten, die wir erlangen können, werden wir noch vieles andere erleben und erkennen können.
[ 13 ] We can only guess at what we might yet become, for otherwise we would already be it. We must attribute to ourselves the ability to rise ever higher. — Yet we must look to the future with timidity and reverence; we must tell ourselves that even if we can already recognize this or that today, and are already able to experience this or that in the world today: With the greater abilities we can attain, we will be able to experience and recognize much more.
[ 14 ] Wie unmöglich ist es demjenigen, der einen solchen Gedanken, wie er jetzt ausgesprochen worden ist, in seine Seele schreibt, wie unmöglich ist es ihm, sich zu sagen: Ich kann heute darüber entscheiden, was wahr oder falsch ist, ich kann letztlich richten über das Wahre oder Falsche. — Einzig und allein geziemt es ihm zu sagen: Wenn ich heute schon entscheiden könnte, dann wäre es unmöglich, daß noch höhere Fähigkeiten in Zukunft in mir auftreten könnten. — Das aber in Gesinnung umgesetzt, gibt uns in jedem Augenblick unserer Entwickelung die große Bescheidenheit, die wahre, würdevolle Demut, die wir brauchen, um wahrhaft Mensch zu sein. So wandelt sich die Erkenntnis von Reinkarnation um in eine Empfindung, eine Charaktereigenschaft: in würdevolle Demut, in wahre Bescheidenheit.
[ 14 ] How impossible it is for someone who takes a thought such as the one just expressed to heart—how impossible it is for him to say to himself: I can decide today what is true or false; I can ultimately judge what is true or false. — The only thing befitting him is to say: If I could decide today, then it would be impossible for even higher capacities to arise within me in the future. — But when this is put into practice in our attitude, it gives us, at every moment of our development, the great modesty, the true, dignified humility, that we need to be truly human. Thus, the knowledge of reincarnation is transformed into a feeling, a character trait: into dignified humility, into true modesty.
[ 15 ] Man könnte es so ausdrücken: Wer heute erkennt, daß er durch folgende Inkarnationen durchgeht und immer höhersteigt in seiner Entwickelung, der müßte ein Tor sein, wenn er sich sagte, er sei vollkommen; oder sich sagte: Es ist nicht nötig, daß ich heute lerne, denn ich werde es morgen noch ganz anders erleben. — Es verwandelt sich Erkenntnis in wirkliche Charaktereigenschaft. Und richtig betrachtet, verwandelt sich jede geisteswissenschaftliche Erkenntnis in eine Charaktereigenschaft. Wir können aber doch einsehen: Sollten wir auf irgendeiner Stufe unseres Daseins unsere Kräfte nicht anwenden können, dann würden uns diese Kräfte aus geistigen Welten heraus nicht gegeben worden sein. Sollten wir warten wollen, bis die Welt auf ihrer Vollendungsstufe angekommen ist, in der Meinung, erst müßten wir so vollkommen sein, daß wir abschließend erkennen und erleben können, dann würden nicht verschiedene Inkarnationen von uns zu durchlaufen sein. Das heißt, wir müssen uns klar sein, daß wir in jeder Inkarnation unsere Erkenntniskräfte anzuwenden haben. Wir dürfen nicht sagen: Erkennen wollen wir erst in der folgenden Inkarnation, oder am Ende unseres Daseins. — Die Kraft, die wir haben, sollten wir trotz der Demut und Bescheidenheit anwenden.
[ 15 ] One could put it this way: Anyone who recognizes today that they are passing through successive incarnations and continually ascending in their development would have to be a fool if they told themselves they were perfect; or if they told themselves: There is no need for me to learn today, for I will experience it quite differently tomorrow. — Knowledge transforms into a genuine character trait. And viewed correctly, every spiritual-scientific insight transforms into a character trait. But we can surely see this: If we were unable to apply our powers at any stage of our existence, then these powers would not have been given to us from the spiritual worlds. If we were to wait until the world had reached its stage of perfection, believing that we must first be so perfect that we can finally recognize and experience it, then we would not have to go through various incarnations. That is to say, we must be clear that we must apply our powers of knowledge in every incarnation. We must not say: We will only seek to know in the next incarnation, or at the end of our existence. — We should apply the power we have, despite our humility and modesty.
[ 16 ] So stellt sich neben die Demut und Bescheidenheit ein berechtigtes menschliches Selbstgefühl hin, das direkt aus unserem Durchdrungensein mit dem Göttlich-Geistigen fließt und das uns sagt: Zwar wird unsere Erkenntnis erst vollkommen sein, wenn wir eine hohe Stufe erreicht haben, aber gerade dadurch können wir sie vollkommen machen, daß wir schon heute unserer Menschenwürde uns bewußt werden und schon heute unsere Kraft anwenden. — So wird unser Charakter etwas bekommen, was man mit einer Waage vergleichen kann. Wir können auf die Waagschale legen auf der einen Seite Demut, Bescheidenheit, auf der anderen Seite berechtigtes Selbstgefühl, Kühnheit im Urteilen, und können sagen: Eine Stufe in der Erkenntnis, im Selbstbewußtsein haben wir erlangt. - Kurz, wir werden finden, daß immer, wenn Sie es nur versuchen in Ihre Gefühle einzuführen, was Geisteswissenschaft lehrt, die Lehren oder Theorien der Geisteswissenschaft sich in unserer Seele umwandeln, weil sie Gedanken der göttlichen Geister enthalten, sich umwandeln in unserer Seele in unseren Charakter, unser Wollen, unser Fühlen. Das kann uns zeigen, daß in der Geisteswissenschaft die Lehre, die Theorie zwar nicht die Hauptsache ist, daß sie aber sozusagen für die Entwickelung der menschlichen Seele das Brennholz ist; daß sie dasjenige ist, was höhere Eigenschaften gerade in unserer Seele hervorbringen soll. Und wer diese Eigenschaften ohne Erkenntnis verlangt, lebt in der schlimmsten der Täuschungen, in der Selbsttäuschung, jener Selbsttäuschung, welche in die menschliche Evolution dadurch hineingekommen ist, daß im Laufe der Erdenentwickelung auch andere Wesen hineingekommen sind, mitgewirkt haben an unserer Evolution, Wesenheiten, die nicht etwa bloß schädlich waren, sondern auch nützlich. Aber so nützlich sie uns auch waren, indem sie uns Freiheit und Selbstgefühl gebracht haben, so müssen wir uns doch klar sein, daß gerade diese Gaben der sogenannten luziferischen Wesenheiten: Freiheit und Selbstgefühl, nicht ins Extreme, ins Radikale ausarten dürfen, denn dann werden sie zu Stolz und Hochmut. Und Stolz und Hochmut gegenüber der Erkenntnis führen diese Erkenntnis in die Finsternis hinein. Erkenntnis ist Entgegennahme des göttlichen Lichtes, der göttlichen Gedanken. Ablehnung der Erkenntnis ist etwas, was in die Finsternis führt und was auch nicht zu höheren Eigenschaften der Seele führen kann. Wenn wir so Geisteswissenschaft betrachten, dann werden wir sie erkennen als eine der wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit. Wir werden sie erkennen als etwas, was wir nicht bloß um unserer selbst willen treiben, sondern weil wir uns unserer Pflicht für die Menschheit und für die Entwickelung bewußt sind.
[ 16 ] Thus, alongside humility and modesty, there arises a justified sense of human self-worth that flows directly from our immersion in the divine-spiritual and tells us: True, our knowledge will not be complete until we have reached a high level, but it is precisely by becoming aware of our human dignity today and by applying our strength today that we can make it complete. — Thus our character will acquire something that can be compared to a scale. We can place humility and modesty on one side of the scale, and justified self-esteem and boldness in judgment on the other, and say: We have attained a step forward in knowledge and self-awareness. - In short, we will find that whenever you simply try to incorporate into your feelings what spiritual science teaches, the teachings or theories of spiritual science are transformed within our soul, because they contain thoughts of the divine spirits; they are transformed within our soul into our character, our will, and our feelings. This can show us that in spiritual science, the teaching, the theory, is not the main thing, but that it is, so to speak, the fuel for the development of the human soul; that it is precisely what is meant to bring forth higher qualities in our soul. And whoever demands these qualities without understanding lives in the worst of delusions, in self-deception—that self-deception which entered human evolution because, in the course of Earth’s development, other beings also entered and contributed to our evolution: beings who were not merely harmful, but also useful. But as useful as they were to us, in that they brought us freedom and self-awareness, we must nevertheless be clear that precisely these gifts of the so-called Luciferic beings—freedom and self-awareness—must not degenerate into extremes, into radicalism, for then they become pride and arrogance. And pride and arrogance in the face of knowledge lead that knowledge into darkness. Knowledge is the reception of the divine light, of the divine thoughts. Rejection of knowledge is something that leads into darkness and that cannot lead to higher qualities of the soul. If we view spiritual science in this way, then we will recognize it as one of the most important matters for humanity. We will recognize it as something we do not merely for our own sake, but because we are conscious of our duty to humanity and to evolution.
[ 17 ] Wir leben heute in keiner ganz unwichtigen Zeit; wir leben in einer wichtigen Zeit. Es wird zwar oftmals gesagt von den Leuten, die in dieser oder jener Zeit leben, daß sie in einer Übergangszeit leben. Alle Zeiten der menschlichen Entwickelung sind schon Übergangszeiten genannt worden, aber nicht alle sind solche bedeutsamen Übergangszeiten. Von unserer heutigen Zeit aber kann man in Wahrheit sagen, sie ist eine Übergangszeit. Inwiefern ist das der Fall? Da machen wir uns den Charakter einer anderen Übergangszeit klar. Eine Übergangszeit war es zum Beispiel für die menschliche Entwickelung damals, als der Vorgänger unseres Christus Jesus, der Täufer Johannes, aufgetreten ist. Als der Täufer Johannes aufgetreten ist, sagte er den Leuten, was dann in bedeutungsvollen Worten von dem Christus Jesus später wiederholt worden ist: «Ändert eure Gesinnung, die Reiche der Himmel sind nahe.»
[ 17 ] We are not living in an unimportant era today; we are living in a significant era. It is often said by people living in this or that era that they are living in a transitional period. All periods of human development have been called transitional periods, but not all are such significant transitional periods. But of our present time, however, one can truly say that it is a transitional period. In what sense is this the case? Let us clarify the nature of another transitional period. For example, it was a transitional period for human development when the predecessor of our Lord Jesus Christ, John the Baptist, appeared. When John the Baptist appeared, he told the people what was later repeated in meaningful words by the Lord Jesus Christ: “Repent, for the kingdom of heaven is near.”
[ 18 ] Was bedeutet das? Wir verstehen, was das heißt, wenn wir uns erinnern, daß die Menschen, indem sie sich von Verkörperung zu Verkörperung entwickelt haben, verschiedene Eigenschaften ihrer Seele durchgemacht haben. In alten Zeiten unserer Vergangenheit haben die Menschen noch nicht die Eigenschaften und Seelenfähigkeiten gehabt, die sie heute haben. Es war für alle Menschen in alten Zeiten möglich, dumpfes, dämmerhaftes, traumhaftes Hellsehen zu entwikkeln, hineinzuschauen in die geistige Welt. Es gab für alle Menschen die Möglichkeit, nicht nur das Physische zu sehen, sondern hineinzuschauen in die geistige Welt. Aber die Menschen hatten - in jener Zeit, als dieses Hellsehen allgemein war — noch nicht etwas, was sie heute haben: das klar entwickelte Selbstbewußtsein. Die Menschen konnten damals noch nicht zu sich in klarer Weise «Ich bin» sagen. Das Feststehen im Zentrum des Inneren konnte nur dadurch errungen werden, daß für eine Weile das alte Hellsehen verschwand. Die Menschen mußten gleichsam das Abgeschlossensein von der geistigen Welt in Kauf nehmen, um hier auf dem physischen Plan ein deutliches Selbstbewußtsein zu entwickeln. Später wird sich wiederum dieses Hellsehen zusammen mit dem Selbstbewußtsein entwickeln, so daß die beiden Eigenschaften zusammen wieder auftreten und die Menschen sie wieder haben werden. Wir können also zurückblicken in eine Zeit ferner Vergangenheit. Da war es für die Menschen wenigstens für gewisse Zeiten so, wenn sie unaufmerksam waren auf das Physische, wenn sie die Augen schlossen und vom Physischen abwandten, und die Ohren unaufmerksam ließen für die Töne, daß sie dann in die geistige Welt hineinsahen und eine unmittelbare Überzeugung von dem Dasein der geistigen Welt gewinnen konnten. Diese Eigenschaften schwanden, dafür aber kam immer mehr die Fähigkeit des Denkens, die Fähigkeit des Selbstbewußtseins, des Schlüsseziehens, des selbständigen Urteilens, das was unser heutiges Tagesbewußtsein ausmacht. Der Zeitpunkt kann ungefähr angegeben werden, wann es nach und nach eintrat, daß die alten hellseherischen Fähigkeiten vollständig aus den Menschheitsfähigkeiten verschwanden. Vor dem Jahre 3101 ungefähr waren auf unserem Erdenrund fast noch alle Menschen mit dämmerhaftem Hellsehen begabt. Dann, von diesem Jahre an, nahm es immer mehr und mehr ab, wurde immer schwächer. Damit aber wuchs das Ich-Bewußtsein, das Selbstbewußtsein, das Urteilen, das Schließen, das selbstbewußte Denken heran. Es wurde also gleichsam das Licht der Geistigkeit dunkel, und dasjenige, was des Menschen Ich ist, das dämmerte auf, das wurde heller und immer heller. Im Inneren wurde es heller, aber in der Geistigkeit wurde es dunkler. In diesem Jahre beginnt das, was die orientalische Philosophie das Kali Yuga nennt, das dunkle, schwarze Zeitalter. Da war etwas, was sozusagen zu einer Krisis, zu einer Entscheidung gekommen war in der Zeit, da als Vorläufer der Täufer Johannes und dann der Christus Jesus auftraten. Diese mußten der Menschheit sagen: Ihr müßt jetzt lernen, daß Geistigkeit vorhanden ist, trotzdem ihr mit keinem geistigen Auge die Geistigkeit seht. Ihr müßt lernen, daß die Reiche der Himmel da sind. Ihr müßt es begreifen aus eurem Ich heraus. -— Daher mußte der Christus sich in einen physischen Leib hinein verkörpern, denn nur auf dem physischen Plan konnte das Selbstbewußtsein während des Kali Yuga die Geistigkeit wahrnehmen.
[ 18 ] What does this mean? We can understand what this means if we remember that, as human beings have evolved from one incarnation to the next, they have passed through various stages of soul development. In the distant past, people did not yet possess the qualities and spiritual abilities they have today. In ancient times, it was possible for all people to develop a dim, twilight-like, dreamlike clairvoyance, to look into the spiritual world. All people had the opportunity not only to see the physical world but also to look into the spiritual world. But in those days, when this clairvoyance was common, people did not yet possess something they have today: a clearly developed sense of self. Back then, people could not yet say to themselves in a clear way, “I am.” Standing firmly at the center of the inner self could only be achieved by the old clairvoyance disappearing for a while. People had to, as it were, accept being cut off from the spiritual world in order to develop a clear sense of self here on the physical plane. Later, this clairvoyance will develop again alongside self-awareness, so that the two qualities will reappear together and people will possess them once more. We can thus look back to a time in the distant past. There, at least for certain periods, when people were inattentive to the physical, when they closed their eyes and turned away from the physical, and left their ears inattentive to sounds, they would then look into the spiritual world and gain a direct conviction of the existence of the spiritual world. These qualities faded, but in their place came an ever-increasing capacity for thought, the capacity for self-awareness, for drawing conclusions, for independent judgment—that which constitutes our present-day everyday consciousness. The time can be roughly indicated when it gradually came to pass that the old clairvoyant abilities completely disappeared from human capacities. Before about the year 3101, almost all people on our Earth were still endowed with twilight clairvoyance. Then, from that year onward, it diminished more and more, becoming ever weaker. With this, however, ego-consciousness, self-awareness, judgment, reasoning, and self-conscious thinking grew. So, as it were, the light of spirituality grew dim, and that which is the human ego dawned; it grew brighter and ever brighter. Within, it grew brighter, but in the spiritual realm it grew darker. In this year begins what Eastern philosophy calls the Kali Yuga, the dark, black age. There was something that had, so to speak, reached a crisis, a turning point, in the time when John the Baptist appeared as a forerunner and then Christ Jesus. They had to tell humanity: You must now learn that spirituality exists, even though you do not see it with any spiritual eye. You must learn that the realms of heaven are there. You must grasp this from within your own self. — That is why the Christ had to incarnate into a physical body, for only on the physical plane could self-consciousness perceive spirituality during the Kali Yuga.
[ 19 ] Damals war eine Übergangszeit. Die alten Fähigkeiten waren dahingeschwunden. Hätten die Menschen dazumal den Ruf des Täufers, des Christus Jesus nicht gehört, dann wären sie auf dieser Stufe in Verfall geraten, nicht weitergekommen. Diejenigen, die diese Stimmen gehört haben, mußten den Gott erkennen, der bis ins Physisch-Fleischliche hineinstieg. Sie haben begriffen, daß die Reiche des Himmels bis ans Ich nahegekommen sind.
[ 19 ] That was a time of transition. The old abilities had faded away. If the people of that time had not heard the call of John the Baptist, of Christ Jesus, they would have fallen into decay at that stage and made no further progress. Those who heard these voices had to recognize the God who descended into the physical-material realm. They understood that the realms of heaven had drawn near to the I.
[ 20 ] Christus war drei Jahre in dem physischen Leibe des Jesus von Nazareth auf der Erde. Das war die Zeit, in der die Menschen nur mit dem physischen Auge sehen konnten, wenn ein Gott zu ihnen herunterstieg.
[ 20 ] Christ spent three years on Earth in the physical body of Jesus of Nazareth. That was the time when people could only see with their physical eyes when a god descended to them.
[ 21 ] Wir leben heute wiederum in einem Übergangszeitalter, in einer Krisis. Ungefähr im Jahre 1899 ist das Kali Yuga abgelaufen gewesen. Und jetzt entwickeln sich in den Menschen, trotzdem die Menschen es nicht wissen, neue Eigenschaften. Auf natürliche Weise entwickeln sich neue Eigenschaften in der menschlichen Seele. Es ist kein Beweis für das Gegenteil, daß so viele Menschen nichts davon wissen. Hundert Jahre nach Christus schrieb noch Tacitus von einer unbekannten Sekte der Christianer; und in Rom erzählte man, nachdem der Christus Jesus siebzig bis achtzig Jahre vorher das Mysterium von Golgatha vollbracht hatte, noch von einer Sekte, die in einer Nebengasse hausen sollte und von einem gewissen Jesus geleitet würde. Es waren aber vor unzähligen Menschen die wichtigsten Ereignisse vorübergegangen. Wenn die Menschen etwas nicht wahrnehmen, ist das kein Beweis dafür, daß dieses Wichtigste, Maßgebendste und Unvergleichlichste nicht da ist. Seit 1899 ungefähr entwickeln sich unbemerkt in den Menschen Fähigkeiten, welche in der Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, etwa 1933 bis 1937 herauskommen werden. Dann werden bei einer ganzen Reihe von Menschen, weil die Zeit herbeigekommen ist, diese Seelenfähigkeiten auftreten; es werden Fähigkeiten von ätherischem Hellsehen aufkommen. Die werden da sein. Geradeso wie es Menschen mit auf die höchste Spitze getriebenem Ich-Bewußtsein gab, als der Christus Jesus da war, so wird es in unserem Jahrhundert Menschen geben, die nicht nur mit physischem Auge sehen werden, sondern die als natürliche Entwickelung erleben, was aus geistigen Stufen hinunterstrebt, so daß aus ihrer Seele geistig-seelische Fähigkeiten hervortreten, daß sie in das ätherische Dasein hineintreten. Und das Glück dieser Menschen wird sein, die neue Welt zu verstehen, die sie sehen werden. Eines ist wahr und als wahr für unsere Seele wichtig, daß der Christus Jesus gesagt hat: «Ich bin bei euch bis ans Ende unseres Erdenzyklus.» Er ist da. Er ist seit jener Zeit innerhalb unseres Erdenumkreises. Und wenn die geistigen Augen geöffnet sein werden, werden sie ihn sehen, wie Paulus bei dem Ereignis vor Damaskus ihn gesehen hat. Das ist es, was eintreten wird ungefähr 1933, daß er gesehen werden wird als eine ätherische Wesenheit, als eine Wesenheit, die zwar nicht heruntersteigt bis zum physischen Dasein, aber im Atherleibe gesehen werden kann, weil eine gewisse Anzahl Menschen dann hinaufsteigen wird zum Äthersehen. Aber unwissend werden die Menschen sein, wenn sie nicht durch die Geisteswissenschaft vorbereitet sind für das, was sie sehen werden. Deshalb leben wir in einer Übergangszeit, weil wir hineinwachsen in ein neues Sehen.
[ 21 ] We are once again living in a time of transition, in a crisis. The Kali Yuga came to an end around the year 1899. And now, even though people are unaware of it, new qualities are developing within them. New qualities are developing naturally in the human soul. The fact that so many people know nothing of this is no proof to the contrary. A hundred years after Christ, Tacitus was still writing about an unknown sect of Christians; and in Rome, even after Christ Jesus had accomplished the Mystery of Golgotha seventy to eighty years earlier, people still spoke of a sect said to dwell in a side street and led by a certain Jesus. Yet the most important events had passed before the eyes of countless people. If people do not perceive something, that is no proof that this most important, decisive, and incomparable thing does not exist. Since about 1899, abilities have been developing unnoticed within people, which will emerge in the mid-1930s, roughly from 1933 to 1937. Then, because the time has come, these soul abilities will manifest in a whole series of people; abilities of etheric clairvoyance will arise. They will be there. Just as there were people with ego-consciousness driven to its highest peak when Christ Jesus was here, so in our century there will be people who will not only see with the physical eye, but who will experience, as a natural development, what is striving down from spiritual levels, so that spiritual -soul abilities emerge from their soul, enabling them to enter into etheric existence. And the blessing of these people will be to understand the new world they will see. One thing is true and, as true, important for our soul: that the Christ Jesus said, “I am with you until the end of our Earth cycle.” He is there. He has been within our earthly sphere since that time. And when the spiritual eyes are opened, they will see him, just as Paul saw him at the event near Damascus. This is what will happen around 1933: He will be seen as an etheric being, as a being who does not descend to physical existence but can be seen in the etheric body, because a certain number of people will then ascend to etheric vision. But people will be ignorant if they are not prepared by spiritual science for what they will see. That is why we are living in a time of transition, because we are growing into a new way of seeing.
[ 22 ] Die Geisteswissenschaft hat die verantwortungsvolle Aufgabe, die Menschen auf den großen Moment vorzubereiten, wo der Christus zwar nicht im fleischlichen Leibe erscheinen wird — denn nur einmal war er im fleischlichen Leibe —, aber da ist er, und in der Form wird er wiederkommen, daß diejenigen, deren Augen geöffnet sein werden, ihn sehen werden in der Welt, die nur den hellsichtigen Augen sichtbar ist. Die Menschen werden zu ihm hinaufwachsen. Das wird das Wiederkommen des Christus sein: ein Hinaufwachsen von Menschen in die Sphäre, in welcher der Christus ist. Aber unverständig würden sie dastehen, wenn sie nicht durch die Geisteswissenschaft auf diesen großen Moment vorbereitet würden. Diese Vorbereitung muß eine ernste sein, denn sie ist verantwortungsvoll. Die Menschheit ist darauf vorzubereiten, daß mehr gesehen werden wird, als was bisher gesehen worden ist, wenn die Menschen diese Fähigkeit nicht in die Finsternis hineinführen und zum Verdorren bringen. Denn so könnte es auch geschehen, daß das ganze 20. Jahrhundert vorbeigehen würde, ohne die Erfüllung dieses Zieles zu bringen. Die verantwortungsvolle Aufgabe haben wir, daß wir durch die Geisteswissenschaft die Menschen auf den großen Moment vorbereiten. Aber wir haben die Menschen spirituell vorzubereiten, ihnen begreiflich zu machen, daß nur der Geist dem Christus begegnen wird mit dem geöffneten geistigen Auge. Ein materialistischer Sinn könnte glauben, daß der Christus wiederum in einem fleischlichen Leibe erscheinen würde. Das würde aber nicht spiritualistisch sein, sondern materialistisch. Wenn wir Menschen das glauben würden, so würden wir nicht den Willen haben, uns bis zu seinem Geist hinaufzuarbeiten. Deshalb werden sich in der Zeit gerade gewisse Prophezeiungen aus der Apokalypse erfüllen. Rechnend und bauend auf den materialistischen Geist werden Individuen im physischen Leibe auftreten, die dann sagen werden, sie seien der verkörperte Christus. Und zum Opfer werden ihnen die fallen, welche nicht durch die Geisteswissenschaft zur richtigen Erkenntnis geführt sind, denn groß wird die Maja und ungeheuerlich die Möglichkeit der Selbsttäuschung sein. Die Versuchungen werden ins Riesengroße wachsen. Nur eine sich ihrer Verantwortlichkeit bewußte Geist-Erkenntnis wird die Menschen zum Verständnis dessen bringen, was da geschehen soll.
[ 22 ] Spiritual science has the responsible task of preparing people for the great moment when the Christ will not appear in a physical body—for He was in a physical body only once—but He is there, and He will return in such a form that those whose eyes are opened will see Him in the world that is visible only to clairvoyant eyes. People will grow upward toward him. That will be the return of the Christ: a growing upward of people into the sphere in which the Christ is. But they would stand there bewildered if they were not prepared for this great moment through spiritual science. This preparation must be a serious one, for it is a matter of great responsibility. Humanity must be prepared for the fact that more will be seen than has been seen so far, provided that people do not lead this ability into darkness and cause it to wither away. For it could also happen that the entire 20th century would pass without bringing about the fulfillment of this goal. We have the responsible task of preparing people for this great moment through spiritual science. But we must prepare people spiritually, helping them understand that only the spirit will encounter the Christ with the spiritual eye open. A materialistic mind might believe that the Christ would appear again in a physical body. But that would not be spiritual, but materialistic. If we were to believe that, we would lack the will to work our way up to his spirit. That is why certain prophecies from the Apocalypse will be fulfilled in this time. Relying on and building upon the materialistic spirit, individuals will appear in physical bodies who will then claim to be the incarnated Christ. And those who have not been led to true knowledge through spiritual science will fall victim to them, for the illusion will be great and the possibility of self-deception immense. The temptations will grow to enormous proportions. Only a spiritual insight that is conscious of its responsibility will lead people to an understanding of what is to happen.
[ 23 ] Das waren Betrachtungen, die zeigen sollten, wie Spiritualität durch die Geisteswissenschaft in der einzelnen Menschenseele wirken soll, und daß Geist-Erkenntnis eine Zeitaufgabe ist, weil wir auch von den heutigen Zeiten sagen können: Es steht uns Wichtigstes bevor. Aber weil auch Wichtigstes in der Finsternis von der Menschheit ganz übersehen werden könnte, weil der große Augenblick vorübergehen könnte, ohne daß die Menschen ihn sehen, deshalb muß Geisteswissenschaft in richtiger Weise wirken. Das mit unserem Geiste durchdringen, was uns von der Geist-Erforschung übermittelt wird, das wird in jedem Zweige die Spiritualität geben, welche wir brauchen, um unsere eigene Seele immer höher zu entwickeln, um der Menschheit immer höhere und höhere Dienste zu leisten.
[ 23 ] These were reflections intended to show how spirituality is meant to work through spiritual science in the individual human soul, and that spiritual knowledge is a task of our time, for we can also say of the present age: The most important things lie ahead of us. But because the most important things could be completely overlooked by humanity in the darkness, because the great moment could pass without people seeing it, spiritual science must therefore work in the right way. Imbuing our spirit with what is conveyed to us through spiritual research will provide, in every branch, the spirituality we need to develop our own souls ever higher, in order to render ever higher and higher services to humanity.
[ 24 ] Versuchen wir öfters nachzudenken, daß, wie für die Zeit Christi, so auch für unsere Zeit das Wort gilt: Ändert den Sinn, denn die Zeiten sind nahe herbeigekommen. — Hat es damals geheißen «die Reiche der Himmel sind nahe», dann müssen wir heute prophetisch in die nächste Zukunft hineinblickend sagen: Denn das Menschen-Ich ist nahe den Reichen der Himmel. — Bereiten wir uns vor durch richtige Geisteswissenschaft, daß wir würdig hineintreten in das Reich, das uns fordert. Und wir selber können nur gedeihen, wenn wir den Weg finden zu den Reichen der Himmel. Wenn wir das, was wir auf Erden als Erlebnisse haben, verarbeiten und wieder das, was wir erleben im höheren geistigen Dasein, erstehen lassen, es darbringen als ein großes Opfer am Altar des göttlichen Daseins, dann erfüllen wir in Würde unsere Bestimmung als Mensch im vollsten Maße. Lassen Sie das, was Sie hier arbeiten, durchdrungen sein sowohl von dem Geiste des Novalis wie von dem Geiste der Geisteswissenschaft selber, der vor unsere Seele getreten ist, und Sie werden sehen, daß Ihre Arbeit im guten Sinne verlaufen wird. Denn wenn unsere Arbeit von solcher Gesinnung durchdrungen ist, dann fließt, während wir in unseren Zweigen versammelt sind, dasjenige ein, was wir das Licht der Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen nennen. Wir sind niemals ohne die Hilfe dieser vorgerückten Individualitäten, wenn wir in richtiger Gesinnung in einem unserer Zweige vereinigt sind. Solcher Geist vereinige Sie! Solcher Geist, der zu gleicher Zeit der Geist der Meister der Weisheit ist, durchseele Sie! Wirken Sie in diesem Geiste, und Ihre Arbeit wird ein Teil der großen geisteswissenschaftlichen Arbeit sein, Ihr Wirken wird ein Teil der Gesinnung sein, die durch den ganzen Erdkreis gehen soll.
[ 24 ] Let us try to reflect more often on the fact that, just as in Christ’s time, the same applies to our own: Change your ways, for the time is at hand. — If it was said back then, “The kingdoms of heaven are near,” then today, looking prophetically into the near future, we must say: For the human ego is near the kingdoms of heaven. — Let us prepare ourselves through true spiritual science so that we may enter worthily into the kingdom that calls to us. And we ourselves can only flourish if we find the path to the kingdoms of heaven. If we process what we experience on earth and, in turn, bring forth what we experience in the higher spiritual existence, offering it as a great sacrifice at the altar of divine existence, then we fulfill our destiny as human beings to the fullest extent with dignity. Let the work you do here be imbued both with the spirit of Novalis and with the spirit of spiritual science itself, which has stepped before our souls, and you will see that your work will proceed in a positive way. For when our work is imbued with such a spirit, then, as we are gathered in our branches, that which we call the light of the Masters of Wisdom and the harmony of feelings flows in. We are never without the help of these advanced individualities when we are united in the right spirit within one of our branches. May such a spirit unite you! May that spirit, which is at the same time the spirit of the Masters of Wisdom, inspire you! Work in this spirit, and your work will be part of the great spiritual-scientific work; your activity will be part of the spirit that is to permeate the entire globe.
