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The Rudolf Steiner Archive

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Wege und Ziele des geistigen Menschen
Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft
GA 125

21 November 1910, Leipzig

10. Die Phantasie als Vorstufe höherer Seelenfähigkeiten

[ 1 ] Während ihres schönen, für das neuere Geistesleben so bedeutsamen Freundschaftsbundes tauschten Goethe und Schiller die Werke aus, an denen sie arbeiteten, und als Schiller von Goethe Teile des «Wilhelm Meister» erhielt, schrieb er an Goethe, überwältigt von dem Eindruck des Kapitels, das er soeben empfangen hatte: «Soviel ist indes gewiß, der Dichter ist der einzige wahre Mensch, und der beste Philosoph ist nur eine Karikatur gegen ihn.»

[ 2 ] Damals mochte dies vielleicht sonderbar klingen, aber für uns heute ist das nicht mehr der Fall. Wir versetzen uns in Schillers Seele und erlangen Aufschluß über die Wahrheit seiner Worte, wenn wir sie an dem bedeutungsvollen Brief messen, den Schiller an Goethe kurz nach Beginn ihrer Freundschaft geschrieben hat. Beide hatten sich in ihren Gesprächen über Natur- und Weltanschauung verbreitet. Schiller bringt nun in dem erwähnten Brief zum Ausdruck, wie Goethe seine Anschauung nicht auf spekulativem Wege gewinnt, sondern in der Allheit der Erscheinungen der Welt ein Notwendiges sucht. In Goethes Intuition liege alles beschlossen, und er habe wenig Ursache, von der Philosophie zu borgen, die nur von ihm lernen könne.

[ 3 ] In Goethes Art, die Welt anzuschauen, in seiner inneren Haltung, aus der heraus er seine Werke geschaffen hat, sieht Schiller also etwas, was den Menschen ganz besonders tief in die Geheimnisse des Daseins einführt. Wenn man prüft, was zwischen Goethe und Schiller an Gedanken und Meinungen spielt, sieht man Schiller aufgehen in Goethes Phantasie, in der inneren Wahrheit von Goethes Phantasie. Schiller schrieb damals die «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen», in denen er darlegt, wie der Mensch durch Entwickelung zum Vollmenschentum gelangen kann, das in jedem Menschen als der höhere Mensch veranlagt ist. In Goethes Art, seine Phantasie ausstrahlen zu lassen, fand Schiller etwas, was den Menschen zum Vollmenschen macht, er sah darin einen Weg, sich hineinzuleben in dasjenige, was den Menschen zum wahren Zusammengehen mit den Urgründen der Dinge bringen kann.

[ 4 ] Wenn man große Geister so über Phantasie reden hört, nimmt es sich anders aus, als wenn heute über Phantasie geredet wird. Jetzt, da man sie in Gegensatz zur objektiven Beobachtung stellt, ist es, als ob die Phantasie etwas Willkürliches wäre, was den Menschen dazu brächte, in beliebiger Weise Dinge zusammenzustellen. (Lücke im Stenogramm.)

[ 5 ] Wenn wir bedenken, daß Goethe als Naturforscher sozusagen Fachmann war, so haben seine folgenden Aussprüche doppelten Wert: Der Mensch strebt danach, die Geheimnisse der Natur zu ergründen und sehnt sich nach ihrer würdigen Auslegerin, der Kunst. Die Kunst und das Schöne sind Manifestationen geheimer Naturgesetze, die ohne sie nie ergründet werden könnten. Wenn die Phantasie die Vorstellungsweise, die nur aus Gefühlen und Impulsen heraus spielt, mit anderen Errungenschaften der menschlichen Seele vermischt, müssen wir zugestehen, daß sie manchmal von der Wahrheit wegführt. Sie ist nichts für Wissenschaft und Forschung. Doch als Vorläuferin höherer Erkenntnisfähigkeiten zeigt sie den Weg für verborgene Zusammenhänge zwischen den Dingen, die man ohne sie nicht sehen würde. Aber für gewisse Gebiete des Lebens ist es absolut nötig, daß das, was die Phantasie kombiniert, durch Forschung in strengen äußerlichen Beweisen belegt, bewahrheitet wird.

[ 6 ] Demnach scheinen die Worte Goethes oder die Stellung Schillers es notwendig zu machen, daß wir bei Goethe feststellen, wie er in der Phantasie etwas sieht, was Wahrheitsgehalt bietet, im Gegensatz zu einem willkürlichen, regellosen Spiel, das wir als phantastisches Spiel der Vorstellungen bezeichnen können. Wenn wir wissenschaftlich forschend die Gesetze der Natur zu ergründen suchen, zwingen unsere Beobachtungen uns zu unserem Urteil. Bei der Phantasie ist das nicht so. Gewisse Vorstellungen oder Gedanken müssen doch durch innere Notwendigkeit verbunden sein, wenn sie wahrheitsberechtigt sein sollen. Es muß etwas da sein, was sie von Gedanken zu Gedanken nach innen in einer bestimmten Richtung führt.

[ 7 ] Wenn wir große denkende Geister von solchen Wahrheiten reden hören, ist es wohl gestattet, an ihre Erkenntnisse den Maßstab der Methoden zu legen, deren sich die spirituelle Forschung bedient und die zu den oft besprochenen Wahrheiten führen. Die Methoden sind die sogenannten hellsehenden, die Mitteilungen über die Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt ermöglichen. Bei ihrer Darstellung werden wir auch die niederen Formen des Hellsehens berühren, aber höchstens streifen, denn sie können nie zu wirklichen Zielen führen. Dagegen werden wir die Methode und Tragweite des höheren, durch sachgemäße Schulung erzielten Hellsehens zum Gegenstand unserer Betrachtung machen.

[ 8 ] Manche, die nur das niedere Hellsehen kennen, das etwa als Somnambulismus auftritt, halten es für Krankheit. Da gibt es Zustände, in denen der Mensch sein Seelenleben von Bildern aus anderen Welten ausgefüllt hat. Es ist eine Art von Schlaf, vielleicht so geringen Grades, daß der Laie ihn für vollständiges Wachsein hält. Wenn ein solcher «Hellseher» in dem schlafähnlichen Zustand Bilder wahrnimmt, so bieten diese manchmal Absonderliches, Staunenerregendes. Sie können prophetischer Natur sein. Ein solcher Mensch kann Aussagen machen über Krankheitszustände, bevor sie eingetreten sind, oder, was dem Laien noch staunenswerter scheint, er weiß genau anzugeben, was dagegen hilft und so weiter. In derartigen Zuständen hat der betreffende Mensch eine andere Welt vor sich. Wer das leugnet, hat nicht geforscht. Was durch solches niederes Hellsehen gewonnen wird, ist aber nicht Gegenstand unserer heutigen Betrachtung, sondern das, was auf dem Weg geschulten Hellsehens erworben wird.

[ 9 ] Jeden Schritt macht der angehende Hellseher bewußt, mit strenger Kontrolle seiner selbst. Die Frage ist nur diese: Wie haben wir uns den Werdegang eines solchen Hellsehers vorzustellen? Wollen wir das Wesentliche definieren, so können wir es durchaus vergleichen mit den Mitteln der äußeren Forschung. In der Wissenschaft sucht der Forscher die Geheimnisse der Natur mit Hilfe von Instrumenten zu ergründen. Auch der geschulte Hellseher arbeitet mit einem Instrument, sogar mit einem sehr komplizierten Instrument, ohne das er nichts erforschen kann. Sein Instrument ist eben er selbst — nicht im Alltagszustand, sondern erst, wenn er durch die geisteswissenschaftlichen Methoden sein Erkenntnisvermögen in eine andere Seelenkonstellation umgewandelt und sich neue geistige Organe geschaffen hat, wenn er also aus eigenen Erlebnissen aussagen kann. Es kann nicht sein, daß die äußeren Sinne die Erkenntnisse erschöpfen. Mit jedem neuen Organ bildet sich ein neuer Inhalt der Umwelt. Es können um uns verborgene Welten sein. Für den geschulten Hellseher wird die sonst verborgene Welt ebenso wirklich wie die äußere. Wie nach der Operation dem Blindgeborenen, so strömt dem Hellseher eine ganze Welt entgegen, die sein Erlebnis ist.

[ 10 ] Man darf nicht glauben, daß dies durch äußerliche Mittel erreicht werden kann. Ich kann natürlich nur andeuten, wie das geschieht. Später hoffe ich Ihnen noch mehr sagen zu können, auf welche Weise so geforscht wird. Der Mensch wird am treuesten beobachten, wenn er das, was die Sinneswelt ihm sagen wird, unbeeinflußt von subjektiver Wirkung aufnimmt. Es kommt darauf an, daß der Mensch nur der Natur Gelegenheit gibt, damit sie sich ausspricht. Je weniger subjektive Kombination dabei im Spiel ist, um so besser ist es. Der Mensch kann nicht umhin, über die Außenwelt nachzudenken, aus der er die Wahrnehmungen gewinnt, aber es ist durchaus nicht der Fall, daß alle seine Begriffe, Ideen, Vorstellungen aus der Außenwelt in ihn hineinströmen. Das Wesentliche schöpft er doch aus seinem eigenen Inneren heraus. Das zeigt sich zum Beispiel an der Art und Weise, wie neuzeitliches Denken auf den Bau des Sternensystems gekommen ist. Wohl haben Kopernikus und Galilei dasselbe gesehen, was sich dem äußeren Auge von jeher dargeboten hat. Die Gesetze aber sind erst von ihnen aufgestellt worden. Kopernikus hat zu dem alten Beobachtungsmaterial neue Kombinationen hinzugetragen und dadurch das Wesentliche getan. Das gilt auch für den orthodoxen Darwinismus. Vor Darwin und Haeckel wurde Ähnliches beobachtet, aber sie sind mit neuer Geistesverfassung an die Dinge herangetreten. Wir müssen uns klarmachen, daß Begriffe und Ideen nicht das sind, was von außen in uns einströmt, sondern etwas, was der Mensch selbst hervorbringen muß. Wenn Sie auf das Meer hinausfahren, wo Sie kein Land sehen, scheint das Himmelsgewölbe in Form eines Kreises auf der Oberfläche des Meeres zu ruhen. Warum sich dies so verhält, werden Sie erst verstehen, wenn Sie in Ihren Gedanken den Kreis um den Punkt in der Mitte herum zu konstruieren vermögen. So können Sie sich alle Gesetze klarmachen, und dann muß die Wirklichkeit damit übereinstimmen. Nie hätte Kepler den Lauf der Planeten finden können, wenn nicht vorher elliptische Bahnen in seinem Geist aufgetaucht wären.

[ 11 ] So tragen wir unsere Ideen zu den äußeren Dingen, die uns sagen: Was du gedacht hast, vollbringen wir. - Und so kommen Sie dazu, einzusehen, daß dasselbe, was in Ihrer Seele lebt, dieser äußeren Sinneswelt als Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt. Nun denken Sie sich einmal, daß der Mensch versucht, einen Gedanken festzuhalten, welcher in seiner eigenen Seele konstruiert ist. Wenn der Mensch es fertigbringt, abzusehen von aller äußeren Beobachtung und seine ganze innere Aufmerksamkeit auf den Gedanken zu richten, so vollzieht sich ein seelischer Vorgang, den man als Konzentration bezeichnet. Die Menschenseele muß sich zuerst an etwas halten, was nur in der Seele lebt und daran in aller inneren Strenge festhalten. Nun genügt das natürlich nicht einmal, sondern es muß oft und oft wiederholt werden. Wirksam ist Jedoch nicht, was der Mensch an Gedankenbildern festhält, die von außen kommen.

[ 12 ] Nun liegen Erfahrungen auf diesem Gebiete vor, es stehen Ratschläge zur Verfügung, durch welche Konzentration die Seelenkräfte am besten entwickelt werden. Es gibt gewisse Kernsätze. Man braucht nicht von vornherein von ihrer Realität überzeugt zu sein. Je größer die Vorurteilslosigkeit ist, desto besser ist es. Eine Anweisung sagt zum Beispiel: Erfülle deine Seele mit einem bestimmten Inhalt, gib dich einzig diesem Seeleninhalt hin. Du brauchst nicht daran zu glauben, mußt es aber in dir wirken lassen, dich darauf konzentrieren, und du wirst finden, daß du in deiner Seele durch den Inhalt eine Wirkung erzielst. Es mag sein, daß die äußere Wahrheit auf den Satz nicht anwendbar ist; das ist gleichgültig, es kommt auf die wirkende Kraft in der Seele an. Du wirst sehen, es stellen sich innere Erlebnisse bei steter Wiederholung ein.

[ 13 ] Von besonderer Wirksamkeit sind symbolische Bilder. Besonders möchte ich an eines erinnern: das tief bedeutsame Symbolum vom schwarzen Kreuz mit den Rosen. Wir wollen uns da den abstrakten Sinn des Rosenkreuzes vor die Seele führen, Goethes «Stirb und Werde», die Forderung nämlich, daß wir uns beim Entwickeln der Seele erheben müssen über die Dinge der sinnlichen Welt, so daß sie um uns verschwindet, abstirbt. Wessen Seele leer bleibt, ist nur ein «trüber Gast auf der dunklen Erde». Wenn es dir gelingt und du ganz sicher bist, daß aus den verborgenen Tiefen deiner Seele etwas Höheres erwächst, dann bist du in höheren Welten neu geworden. Absterben im Kreuz, auferstehen in den Rosen — das liegt in dem Symbol des Rosenkreuzes. In der mineralischen, in der pflanzlichen Welt lebt überall ein Geistiges, und die Ahnung läßt empfinden, daß das zugrunde liegende Geistige des Physischen Ursprung ist. Die äußere Welt ist letzten Endes nur die Physiognomie einer geistigen Welt. Die Menschenseele ist wie der Stahl oder Feuerstein; sie zaubert aus sich in dem Menschenseelenleben göttlich-geistigen Inhalt. Es handelt sich darum, das richtige Symbol zu finden. Es kann jemand sagen: Ihr mögt gut spintisieren, was das Rosenkreuz bedeuten soll. Dem Forscher ist das gleichgültig. Wenn wir in der Physik ein Naturgesetz konstatieren, so sagt uns das etwas, erklärt die Wissenschaft. Das Rosenkreuz sagt uns nichts. — Darauf kommt es aber nicht an. Am wirkungsvollsten ist es, wenn Symbole vieldeutig sind. Man versetzt sich in eine reine, innere Seelentätigkeit, und indem man sich an das Symbol anlehnt, um eben von etwas auszugehen, konzentriert man sich in der Seele auf dieses Symbol.

[ 14 ] Betrachten wir, was da bewußt die Seele tut; darauf kommt es an. Was im Menschen wirkt, sind Kräfte, die geeignet sind, Schlummerndes wachzurufen, Erlebnisse, die erst die Gewährleistung geben, daß es sich um eine innere Wirklichkeit handelt, wenn der Mensch zu dem Gefühl kommt: Eigentlich ist das Kreuz nur eine Art Brücke gewesen. Jetzt habe ich in meinem Seelenleben etwas empfangen, etwas ganz anderes, was in meiner Seele aufsteigt, ein Erlebnis, wie ich es nicht durch Äußeres erhalten kann. - Zunächst weiß der Schüler nicht, ob er eine Fata Morgana oder Wirklichkeit vor sich hat. Es kommt darauf an, weitere Fähigkeiten zu entwickeln, denn auch das eben Beschriebene ist noch ein Umweg für den Hellseher, es sind Bilder. Auf dem weiteren Übungsweg stellt sich die Empfindung ein: Es kommt darauf an, was sich in den Bildern ausspricht. — Wenn Sie auf Ihr Auge drücken oder elektrischen Strom hineinleiten, kann ein Lichtschein aufglimmen, bedingt durch die innere Konstellation des Auges. So ungefähr ist es, wenn die Bilder auftreten; sie zucken durch die Seele wie geistige Blitze. Sie wissen, wenn Sie einem Gegenstand gegenübertreten, daß er nicht durch Ihr Auge hervorgebracht wird, aber sich Ihrem Auge mitteilt. Das tritt ebenso ein im Geistigen. Der Schauende weiß jetzt ebenso sicher, daß er den Gegenstand nicht gemacht hat, daß der Gegenstand sich ihm durch seine inneren Organe ausspricht. In der Tat — wie jetzt die Bilder erlebt werden, sprechen sich objektive Tatsachen aus. Wie man äußerlich Phantasie und Wahrnehmung unterscheidet, so ist es notwendig, daß der Schauende bei seinen gesunden Sinnen erhalten werde, denn auf kaum einem Gebiet sind Verwechslungen so leicht möglich wie auf dem des inneren Erlebens. Deswegen muß anderes parallel damit gehen.

[ 15 ] Würde der Schauende nur das eben Geschilderte üben, so könnte er ein Wahnsinniger werden, der glaubt, durch seine Persönlichkeit den Schein für Wirklichkeit vorzaubern zu können. Es ist notwendig, daß der Mensch lernt, im Erleben der höheren Geisteswelt auf alles zu verzichten, was mit seinen Wünschen und Neigungen zusammenhängt. Psychologisch verhält sich der gegenwärtige Mensch anders. Wohl korrigiert er die äußeren Sinneseindrücke, aber dabei spricht allzu leicht Gefühl und subjektive Neigung mit. Einem Erleben der geistigen Wirklichkeit muß der Verzicht auf jeden Wunsch vorangehen, daß etwas so oder so sein könne. Erst wenn jede Sympathie ausgeschaltet ist, kann man objektives Geistiges erleben.

[ 16 ] Wesentlich ist noch etwas. Für diejenigen, die auf den Weg zum Hellsehen fachmännisch, nicht dilettantisch geführt werden, die so schauen lernen, daß es der Wahrheit entspricht, ist es von großem Wert, daß sie nicht ohne bestimmte Vorbedingungen den Weg antreten. Es ist ein schwieriger Weg. Man muß deshalb vorher Wahrheiten aufgenommen haben, Mitteilungen von solchen, die schon geforscht haben. Man kann auch mit geringerer Kenntnis den Weg beschreiten, aber dann bleibt die Seelenwelt arm, ihr Inhalt drängt sich wie fixe Vorstellungen zusammen. So kommen jene Hellseher zustande, die dann zum Beispiel glauben, sich mit Gott vereinigt zu haben, ihn beschreiben und so weiter. Wenn derartige Hellseher die höheren Welten beschreiben, nehmen sich ihre Schilderungen trivial aus. Wer aber mit den erprobten Erfahrungen des Geistesforschers an die höheren Welten herantritt, dem erscheint ein mannigfaltiger Welteninhalt, und alles Außere erweist sich dagegen nur als ein kleiner Ausschnitt der großen Welt. Der Mensch, der sich diese Erfahrung zu eigen macht, weiß, daß ihn nicht betrügt, was er da erlebt. Er kann mit der gleichen Sicherheit wie in der äußeren Sinneswelt geistig wahrnehmen. Das ist geschultes Hellsehen.

[ 17 ] Was hat nun zu geschehen, damit diese höheren Sinne entwickelt werden? Der Mensch ist für die Geisteswissenschaft nicht nur äußerer physischer Leib, sondern er hat für das höhere Schauen auch noch den sonst unsichtbaren Ätherleib und den Astralleib, den Träger von Lust und Leid. Sie wissen, was der Schlaf für die Geistesforschung darstellt. Da sind der physische und der Ätherleib im Bett liegen geblieben, während der astralische Leib und das Ich von außen auf den physischen Leib wirken. Beim Erwachen kehrt der astralische Leib in den physischen und ätherischen Leib zurück, und die Sinneswelt taucht von neuem auf. So ist der Schlaf ein Heraustreten von Astralleib und Ich aus dem physischen Leib. Wodurch kann nun der Mensch die Sinneswelt hören und sehen? Mit Augen und Ohren, sonst wäre die Welt farblos, lichtlos, tonlos. Tritt der astralische Leib aus dem physischen Leib heraus, so ist er wohl in der geistigen Welt, besitzt aber keine Organe. Hätte er solche Organe, so könnte er die geistige Umwelt wahrnehmen, wie er im Physischen seine Umgebung wahrnimmt. Soll der Mensch also die geistige Welt wahrnehmen, so müssen ihm geistige Sinne erwachsen. Das geschieht durch jene methodische Schulung des Seelenlebens. Wenn bei einem solchen, nach geistigen Methoden geschulten Menschen der Astralleib herausgeht, so ist dieser in einer ganz anderen Lage als unter gewöhnlichen Umständen. Es ist so, als ob das, was vorher eine chaotische Masse im Astralleib war, sich gliedert und Organe bildet. Was früher nebelhafte, rauchige Masse war, wird schön geformt. Das dauert lange. Seit alten Zeiten nennt man diesen Vorgang Katharsis, die Reinigung oder Läuterung. Das Innere des Menschen ist dann gereinigt von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Das ist die erste Stufe.

[ 18 ] An diese erste schließt sich eine zweite Stufe an. Kehrt der Mensch am Morgen in seine physisch-ätherische Hülle zurück, so haben die äußeren Organe die stärkeren Kräfte, sie übertönen die feinen neuen Töne in den inneren Organen. Diese sind zwar immer vorhanden, aber so lange schwach, als sie von den Kräften des Ätherleibes in den Sinnesorganen übertönt werden. Später lernt der Mensch die inneren Organe handhaben, so daß er neben den Sinneswahrnehmungen auch die Geisteswahrnehmungen erblickt. Diesen Vorgang nennt man die Erleuchtung, Photismos. Das sind durchaus reale Vorgänge, die erlebt worden sind.

[ 19 ] Schritt für Schritt, in jeder Einzelheit wendet der Mensch die angegebene Methode an, um sich zu einem Wahrnehmungsinstrument auszubilden. Daß er seinen inneren Menschen mit Organen versieht, soll also durch die Schulung bewirkt werden. Wie die Natur den äußeren Menschen vollkommen gemacht hat, so wird der Entwickelungsweg fortgesetzt, und vom Menschen selbst wird weitergeführt, was die Natur angefangen hat. Wenn der Mensch auf solche Weise Einblick ins Geistige gewinnt, verdankt er dies dem Umstand, daß sein innerer Mensch Herrscher über physischen und Ätherleib geworden ist. Der Mensch ist sein eigener Herr geworden. Zunächst erlangt er die Herrschaft über seinen Ätherleib. Beim geschulten Hellseher geht dies so vor sich, daß der Ätherleib dem Astralleib seine Kräfte anpaßt, er wird elastisch. Stellt sich das Hellsehen in krankhaften Zuständen einmal von selbst ein, rührt das von anderem her. Es fällt zwar unter die gleichen Gesetze, ist aber unkontrollierbar. Wenn in gewisser Weise auf den Menschen gewirkt wird, oder wenn er krank ist, kann der Ätherleib teilweise oder ganz frei werden vom physischen Leib; er kann gelockert werden. Das ist nicht normal. Dann hat der Mensch einen Ätherleib, der nicht so angefesselt ist an seinen physischen Leib, wie dies beim normalen Verbundensein der Fall ist, und der deshalb leicht zu handhaben ist. Dagegen stärkt der Geistesschüler den Astralleib und verhilft ihm dadurch zur Herrschaft über den Ätherleib. Im Krankheitsfall kann ein Teil des Ätherleibes frei werden, der dann vom astralischen Leib gehandhabt wird. Solche Menschen können dadurch, daß der Zustand auf denselben Prinzipien beruht, mitunter richtige Einblicke in die geistige Welt bekommen, aber sie sind nicht zuverlässig. Nicht auf diesem Wege werden die strengen Resultate der Geistesforschung erreicht.

[ 20 ] Man hört manchmal die Frage: Wie kann ein Krankheitsprozeß außersinnliche Wahrnehmungen hervorbringen? — Gesundheit und Erkenntnis brauchen nicht gleiche Wege zu gehen, darin liegt kein Widerspruch, aber auch keine Empfehlung. Jedenfalls sehen wir, worauf das beruht, was dem Menschen Tatsachen der höheren Welt ins Blickfeld führt. Wie wir uns an der umliegenden Welt erfreuen, so finden wir in der geistigen Welt das, was uns erst die sinnliche Welt erklärlich macht. Die Mitteilungen des Geistesforschers beruhen auf Vorgängen, die er erlebt hat. Indem er das erzählt, vermittelt er Tatsachen einer Welt, die auch vom gewöhnlichen Verstand verstanden werden können, während unsere Seelenwelt sonst von dem bestimmt wird, was im Physischen vorgeht. Daß zum Beispiel das Bild der Rose auf mich wirken kann, ist dadurch möglich, daß die Rose ihre Kräfte auf mich einströmt. So ist es auch auf geistigem Gebiet. Es erlebt der geschulte Hellseher in seinem Seelenleben die geistige Außenwelt. Er sagt sich: Die Sinneswelt ist gesetzmäßig bestimmt durch Wesenheiten, deren Wirken und Walten sich mir eröffnet. Daß eine Blüte mir in dieser Weise entgegentritt, aus dem Geistigen heraus gearbeitet, aus geistigen Untergründen, sehe ich. Ich muß im Seelenleben Opfer bringen, um die Welt der höheren geistigen Wesenheiten auf mich einströmen lassen zu können. — Denken Sie sich, daß diese Welt da ist und wirkt, daß der Mensch in sie eintreten könnte. Um ihn herum ist diese Welt, die der Hellseher sieht. Sie wirkt auf den Menschen als bestimmende Kraft, die er zwar nicht sieht, die aber auf eine ihm unterbewußte Weise auf ihn einströmt. Der Hellseher ist nicht damit zufrieden, den Menschen nur zu sehen, wie er im Äußeren gestaltet ist.

[ 21 ] Auch die Phantasie kann als Seelenkraft wirken, die von den geistigen Welten befruchtet wird. Da haben wir den realen Grund der Phantasie und begreifen Schillers Ausspruch, der das, was auf diese Weise geschaffen wird, charakterisiert. So können wir es begreifen, daß Goethe sagt: Es gibt eine Phantasie, die eine innere Bestimmtheit hat. - Es gibt eine Phantastik, die kombiniert, und es gibt die Phantasie, die befruchtet ist von den Kräften, die der Hellseher schaut. Schiller konnte damals nach seiner ganzen Lebenslage nichts von der Geisteswissenschaft ahnen, aber er ahnte und fühlte, daß es berechtigt ist, wenn Goethe der Phantasie die Fähigkeit zuschrieb, gewisse Geheimnisse zu ergründen. |

[ 22 ] Mag uns der Verstand noch so viele äußere Tatsachen liefern, die echte Phantasie kann viel wahrer sein. Der Mensch ist veranlagt, hinaufzusteigen in die Welten des Geistigen, denn in jedem Menschen schlummern die entsprechenden Fähigkeiten. Jeder Mensch, wenn auch durch viele Leben hindurch, wird es erreichen. Bis dahin kann er sich durch die Kunst befruchten lassen, in der nicht bloß die Sinneswelt zum Ausdruck kommt, sondern der schaffende Geist selbst, der durch das Medium der Phantasie gegangen ist. Sie ist das äußere Abbild desselben. So dürfen wir sagen, daß dem Menschen Phantasie und Hellsehen als Anteil am geistigen Leben, als großes Ziel gesetzt sind, als etwas, was manche schon erreicht haben, und was allem anderen Dasein übergeordnet ist. Das geschulte Hellsehen führt den Menschen in die höheren Welten. Seine Stellvertreterin in der sinnlichen Welt ist die Phantasie. Deshalb kommt ihr unter den menschlichen Seelenkräften eine hervorragende Bedeutung zu. Die Phantasie ist der Statthalter des Hellsehens in der sinnlichen Welt.