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The Rudolf Steiner Archive

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Occult History
Esoteric Reflections on the Karmic Connections
between Personalities and Events in World History
GA 126

28 December 1910, Stuttgart

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Zweiter Vortrag

Second Lecture

[ 1 ] Es ist gestern einleitend zunächst darauf aufmerksam gemacht worden, wie wir gewisse ältere geschichtliche Ereignisse der Menschheit nur dann richtig verstehen können, wenn wir nicht bloß auf die Kräfte und Fähigkeiten der Persönlichkeiten selbst blicken, sondern wenn wir voraussetzen, daß durch die betreffenden Persönlichkeiten, wie durch Werkzeuge hindurch, Wesenheiten wirken, die sozusagen ihre Taten aus höheren Welten herunterströmen lassen in unsere Welt. Wir müssen uns vorstellen, daß diese Wesenheiten hier in unserer Welt nicht unmittelbar angreifen können an unsere physischen Dinge, bei unseren physischen Tatsachen, weil sie wegen ihrer gegenwärtigen Entwickelungsstufe sich nicht in einem physischen Leibe verkörpern können, der seine Elemente aus unserer physischen Welt nimmt. Wollen sie daher wirken innerhalb unserer physischen Welt, dann müssen sie sich des physischen Menschen bedienen, seiner Hand, aber auch seines Verstandes, seiner Auffassungsfähigkeiten. Wir finden den Einfluß und die Einwirkung solcher Wesenheiten der höheren Welten um so deutlicher ausgeprägt, je weiter wir zurückgehen in den Zeiten der Menschheitsentwickelung. Man darf aber nicht etwa glauben, daß dieses Herunterströmen von Kräften und Wirkungsweisen aus den höheren Welten in die physische Welt durch Menschen bis in unsere Zeit herein jemals aufgehört habe.

[ 1 ] Yesterday, we began by pointing out that we can only truly understand certain historical events in human history if we do not merely look at the powers and abilities of the personalities themselves, but if we assume that beings are working through these personalities, as through instruments, allowing their deeds to flow down from higher worlds into our world. We must imagine that these beings cannot directly affect our physical things, our physical facts, because their present stage of development does not allow them to incarnate in a physical body that takes its elements from our physical world. If they therefore want to work within our physical world, they must make use of physical human beings, their hands, but also their intellect and their powers of comprehension. We find the influence and effect of such beings from the higher worlds all the more clearly pronounced the further back we go in the history of human development. However, one must not believe that this flow of forces and modes of action from the higher worlds into the physical world through human beings has ever ceased in our time.

[ 2 ] Für den Geisteswissenschafter, der, wie wir es seit Jahren nun schon entfalten konnten, in sich aufgenommen hat, was unser Empfinden und unser Vorstellen hinführt zu der Voraussetzung der höheren Welten, für den wird ja eine solche Tatsache, wie sie eben charakterisiert worden ist, gewiß von vorneherein etwas Verständliches haben, denn er ist gewohnt, sozusagen die Verbindungsfäden immer zu ziehen, die unsere Erkenntnis, unser Denken, unseren Willen mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien verknüpfen. Aber der Geisteswissenschafter kommt ja zuweilen auch in die Lage, sich wehren zu müssen gegenüber den materialistischen Vorstellungen, die nun schon einmal in unserer Gegenwart vorhanden sind, gegenüber den Vorstellungen, die es den Menschen, die der spirituellen Entwickelung fernestehen, unmöglich machen, irgendwie auch nur einzugehen auf das, was über das Herunterwirken höherer Welten in unsere physische Welt gesagt werden muß.

[ 2 ] For the spiritual scientist who, as we have been able to develop over many years, has absorbed within himself what our feelings and imagination lead us to assume about the higher worlds, such a fact, as it has just been characterized, is certainly understandable from the outset, for he is accustomed, so to speak, to always pull the connecting threads that link our knowledge, our thinking, and our will with the beings of the higher hierarchies. But the spiritual scientist sometimes finds himself in the position of having to defend himself against the materialistic ideas that are now prevalent in our time, against ideas that make it impossible for people who are far removed from spiritual development to even begin to understand what must be said about the influence of higher worlds on our physical world.

[ 3 ] In unserer Zeit gehört es ja im Grunde genommen schon zu den veralteten Anschauungen, wenn man nur von dem Walten abstrakter Ideen innerhalb der Menschheitsereignisse, innerhalb der Geschichte spricht. Schon das gilt heute manchen Menschen für etwas ganz Unerlaubtes gegenüber wahrer Wissenschaftlichkeit, wenn man davon spricht, daß gewisse Ideen, abstrakte Ideen, die eigentlich im Grunde doch nur in unserem Verstande leben können, daß diese sich ausleben in den aufeinanderfolgenden Epochen der Geschichte. Einen letzten Schein sozusagen von Glauben an solche abstrakte Ideen — von denen man allerdings nicht begreifen kann, wie sie wirken sollen, da es doch abstrakte Ideen sind —, wenigstens einen gewissen letzten Schein von Glauben an solche abstrakte Ideen hat ja im 19. Jahrhundert selbst die Geschichtsschreibung des Ranke noch gehabt. Aber auch dieser Glaube an wirkende Ideen der Geschichte wird nach und nach von unserer fort_ schreitenden materialistischen Entwickelung über Bord geworfen, und es gilt heute in gewisser Beziehung auch der Geschichte gegenüber für das Zeichen eines aufgeklärten Kopfes, wenn man lediglich daran glaubt, daß alles, was die Epochen charakterisiert, was in den Epochen aufgetreten ist, im Grunde genommen nur durch das Zusammenfließen physisch anschaulicher äußerer Taten entsteht, äußerer Bedürfnisse, äußerer Interessen und eben Ideen der physischen Menschen. Die Zeit ist ja heute schon vorüber, in der noch in einer gewissen Weise wie durch Inspiration solche Geister wie etwa Herder die Entwickelung der! Menschheitsgeschichte so dargestellt haben, daß man überall merkt: es liegt wenigstens die Voraussetzung lebendiger Mächte, lebendiger übersinnlicher Mächte zugrunde, die sich durch die Taten der Menschen, durch das Leben der Menschen äußern. Und wer ein ganz gescheiter Kopf heute sein will, wird sagen: Na, so ein Mensch wie Lessing hat ja manche recht vernünftige Idee gehabt, aber dann kam er am Ende seines Lebens auf so konfuses Zeug, wie er es in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben hat, wo er sich nicht anders mehr zu helfen wußte, als die strenge Gesetzmäßigkeit im Flusse des historischen Werdens an die Idee der Wiederverkörperung zu knüpfen. In den letzten Sätzen seiner «Erziehung des Menschengeschlechts» hat ja Lessing in der Tat zum Ausdruck gebracht, was die Geisteswissenschaft aus den okkulten Tatsachen heraus schildert: daß Seelen, die in alten Epochen gelebt haben, die da aufgenommen haben die lebendig wirksamen Kräfte, diese Kräfte herübertragen in ihre neuen Verkörperungen, so daß nicht ein abstrakter, nicht bloß ein ideenhafter Fortfluß vorhanden ist, sondern ein wirklicher, ein realer Fortfluß des Geistes hinter dem materiellen Geschehen. Wie gesagt, ein gescheiter Kopf wird sagen: Da ist er im Alter noch auf solche konfuse Ideen gekommen wie auf die Wiederverkörperung; über die muß man hinwegsehen. — Das erinnert einen immer wiederum an die so bitterironische und doch so kluge Notiz, die sich einmal Hebbel in sein Tagebuch geschrieben hat, wo er sagt, es wäre ein schönes Motiv, daß ein Gymnasiallehrer in seiner Schule den Plato durchnimmt, daß sich der wiederverkörperte Plato unter seinen Schülern befindet, und daß der den Plato, wie ihn der Gymnasiallehrer durchnimmt, so schlecht versteht, daß der Lehrer ihm arge Strafen auferlegen muß.

[ 3 ] In our time, it is basically an outdated view to speak only of the working of abstract ideas within human events, within history. Today, some people consider it completely unacceptable in true science to speak of certain ideas, abstract ideas, which can really only exist in our minds, as living out their lives in successive epochs of history. A last semblance, so to speak, of belief in such abstract ideas — of which, however, one cannot understand how they are supposed to work, since they are abstract ideas — at least a certain last semblance of belief in such abstract ideas still existed in the 19th century in Ranke's historiography. But even this belief in the effective ideas of history is gradually being thrown overboard by our advancing materialistic development, and today, in a certain sense, it is also a sign of an enlightened mind in relation to history to believe merely that everything that characterizes the epochs, everything that has occurred in the epochs, is basically the result of the confluence of physically visible external actions, external needs, external interests, and indeed the ideas of physical human beings. The time is already past when, in a certain way, as if by inspiration, spirits such as Herder portrayed the development of human history in such a way that one could see everywhere that there was at least the prerequisite of living forces, living supersensible forces, which expressed themselves through the deeds of human beings, through the lives of human beings. And anyone who wants to be considered intelligent today will say: Well, a man like Lessing had some quite reasonable ideas, but then at the end of his life he came up with such confused stuff as he wrote in his “Education of the Human Race,” where he could find no other way out than to link the strict laws of historical development to the idea of reincarnation. In the last sentences of his “Education of the Human Race,” Lessing did indeed express what spiritual science describes from occult facts: that souls who lived in ancient epochs, who absorbed the living, active forces, carry these forces over into their new incarnations, so that there is not an abstract, not merely an idealistic continuation, but a real continuation of the spirit behind the material events. As I said, an intelligent mind will say: In his old age, he came up with such confused ideas as reincarnation; we must overlook them. — This always reminds one of the bitterly ironic and yet so clever note that Hebbel once wrote in his diary, where he says that it would be a beautiful motif that a high school teacher is teaching Plato in his school, that the reincarnated Plato is among his students, and that he understands Plato, as taught by the high school teacher, so poorly that the teacher has to impose severe punishments on him.

[ 4 ] In bezug auf die historische Auffassung der MenschheitsentwickeJung ist ja von der früheren geistigen Erfassung gar manches verlorengegangen, und die Geisteswissenschaft wird sich wirklich wehren müssen gegenüber dem Ansturm des materialistischen Denkens, das von allen Seiten her eindringt und einfach töricht findet, was aus den geistigen Tatsachen heraus mitzuteilen ist. Wir haben es ja im Grunde genommen recht herrlich weit gebracht, zum Beispiel auch darin, wie alle jene gewaltigen Bilder, jene gewaltigen symbolischen Vorstellungen, welche dem alten hellseherischen Erkennen der Menschen entflossen sind und die in den Mythologien, in den Heroengestalten, in den Legenden- und Märchengestalten zum Ausdruck kommen, heute Erklärer sonderbarster Art finden. Das Kurioseste auf diesem Gebiete ist wohl jenes Büchlein «Orpheus» von Salomon Reinach, das in vielen Kreisen Frankreichs in unserer Zeit ein gewisses Aufsehen gemacht hat. Da wird alles das, woraus die Ideen der Demeter, des Orpheus, die Ideen anderer mythologischer Kreise ausgeflossen sein sollen, zurückgeführt auf rein materialistische Geschehnisse, und manchmal ist es urgrotesk, wie die historische Existenz dieser oder jener Gestalt abgeleitet wird, die, sagen wir, hinter dem Hermes oder dem Moses steckt, und in welch trivialer Weise diese Gestalten sozusagen aus freier Menschheitsdichtung, aus der Phantasie heraus zu erklären gesucht werden. Nach der Methode des Salomon Reinach würde es leicht sein, nach sechzig bis siebzig Jahren, das heißt, wenn das äußere Gedächtnis an ihn ein wenig verwischt wäre, nachzuweisen, daß es niemals einen solchen Reinach gegeben habe, sondern daß es nur die Volksdichtung ist, die die alte Idee vom Reineke Fuchs auf den Salomon Reinach übertragen hat. Das würde nach seiner Methode absolut möglich sein. So absurd ist das Ganze, was in diesem Büchlein «Orpheus», wie in der Vorrede auseinandergesetzt wird, «für die weitesten Kreise unserer gegenwärtigen Gebildeten, ja auch für die jüngsten Kreise» geschrieben worden ist! «Für die jüngsten Kreise», denn er betont, daß er alles vermieden habe - obwohl er nicht vermieden hat, die Idee der Demeter auf ein Schwein zurückzuführen -, was Anstoß erregen könnte bei jüngeren weiblichen Persönlichkeiten. Er verspricht aber, daß, wenn sein Buch den Einfluß gewinnt, den er erhofft, er dann für die Mamas eine besondere Auflage seines Büchleins schreiben wird, welche alles das enthalten soll, was man jetzt noch den Töchtern vorenthalten muß. So weit haben wir es also gebracht.

[ 4 ] With regard to the historical view of human development, much has been lost from earlier spiritual understanding, and the spiritual sciences will really have to defend themselves against the onslaught of materialistic thinking, which is penetrating from all sides and simply finds foolish what can be communicated from spiritual facts. We have, after all, come a long way, for example in the way that all those powerful images, those powerful symbolic ideas that sprang from the ancient clairvoyant knowledge of human beings and find expression in mythology, in heroic figures, in legends and fairy tales, are now explained in the strangest ways. The most curious thing in this field is probably the little book Orpheus by Salomon Reinach, which has caused quite a stir in many circles in France in our time. In it, everything that is supposed to have flowed from the ideas of Demeter Orpheus, and the ideas of other mythological circles, are traced back to purely materialistic events, and it is sometimes utterly grotesque how the historical existence of this or that figure, who, let us say, is behind Hermes or Moses, is derived, and in what a trivial manner these figures are sought to be explained, so to speak, out of free human imagination, out of fantasy. According to Salomon Reinach's method, it would be easy, after sixty or seventy years, that is, when the external memory of him had faded a little, to prove that there had never been such a Reinach, but that it was only folk poetry that had transferred the old idea of Reynard the Fox to Salomon Reinach. According to his method, this would be entirely possible. So absurd is the whole thing that has been written in this little book Orpheus, as explained in the preface, “for the widest circles of our present educated people, even for the youngest circles”! “For the youngest circles,” because he emphasizes that he has avoided everything that could cause offense to younger female personalities—although he has not avoided attributing the idea of Demeter to a pig. However, he promises that if his book gains the influence he hopes for, he will then write a special edition of his booklet for mothers, which will contain everything that must still be withheld from daughters at present. So far we have come.

[ 5 ] Man möchte gerade die Anhänger der Geisteswissenschaft immer darauf hinweisen, daß es möglich ist, auf rein äußere Vernunftsgründe hin das Walten geistiger Mächte, geistiger Kräfte durch Menschen bis in unser Jahrhundert herein wirklich zu beweisen, ganz abgesehen von der rein okkult-esoterischen Forschung, die uns hier hauptsächlich beschäftigen wird. Aber damit wir uns darüber verständigen, wie die Geisteswissenschaft eine gewisse Möglichkeit gewinnen kann, rein äußerlich das Walten übersinnlicher Mächte in der Geschichte zu verteidigen, lassen Sie mich auf folgendes hinweisen.

[ 5 ] One would like to point out to the followers of spiritual science in particular that it is possible to prove, on purely external rational grounds, the existence of spiritual powers and forces working through human beings right up to our own century, quite apart from the purely occult-esoteric research that will mainly occupy us here. But in order that we may understand how spiritual science can gain a certain possibility of defending the working of supersensible forces in history on purely external grounds, let me point out the following.

[ 6 ] Wer ein wenig Einblick gewinnt in die Entwickelung der modernen Menschheit, wie sie sich vollzogen hat etwa im 14., 15. bis ins 16. Jahrhundert hinüber, der wird wissen, daß von einer ganz unendlich tiefen Bedeutung war, wie in diese neuzeitliche äußere Menschheitsentwickelung eine bestimmte Persönlichkeit historisch eingegriffen hat, von der man wirklich, ich möchte sagen, mit äußerlichsten Gründen nachweisen kann, daß durch sie geistig-übersinnliche Mächte gewirkt haben. Man kann nämlich die Frage aufwerfen, um ein klein wenig Licht hinzubreiten über okkulte Auffassung der Geschichte: Was wäre aus der Entwickelung des neueren Europa geworden, wenn im Beginne des 15. Jahrhunderts sich nicht hineingestellt hätte in die Entwickelung das Mädchen von Orleans, die Jungfrau von Orleans? Derjenige nämlich, welcher die Entwickelung dieser Zeit einmal auch nur ganz äußerlich ins Auge faßt, der muß sich sagen: Man streiche einmal die Taten der Jungfrau von Orleans hinweg aus dem geschichtlichen Werden, dann muß man nach demjenigen, was man rein nach äußeren geschichtlichen Forschungen wissen kann, sich klar sein: ohne das Wirken höherer übersinnlicher Mächte durch das Mädchen von Orleans hätte im 15. Jahrhundert Frankreich, ja ganz Europa tatsächlich eine andere Gestalt bekommen müssen. Denn damals ging alles, was sich abspielte in den Willensimpulsen, in den Gehirnen der physischen Köpfe, dahin, Europa sozusagen zu überziehen durch alle Staaten hindurch mit einer die Völkerindividualitäten ausstreichenden und auslöschenden allgemeinen Staatsauffassung. Und unter deren Einfluß wäre ganz gewiß unendlich viel von dem unmöglich geworden, was sich in den letzten Jahrhunderten durch das Ineinanderspiel der europäischen Völkerindividualitäten innerhalb Europas herausgebildet hat.

[ 6 ] Anyone who gains a little insight into the development of modern humanity, as it took place in the 14th, 15th, and into the 16th centuries, will know that it was of infinitely profound significance how a certain personality historically intervened in this modern external development of humanity, a personality of whom one can truly say, I would say, prove with the most external reasons that spiritual, supersensible forces worked through them. In order to shed a little light on the occult view of history, one can ask the question: What would have become of the development of modern Europe if, at the beginning of the 15th century, the Maid of Orleans, the Virgin of Orleans, had not intervened in its development? Anyone who even takes a superficial look at the development of this period must say to themselves: If you were to remove the deeds of the Maid of Orleans from historical events, then based on what you know from purely external historical research, you would have to conclude that without the influence of higher supernatural powers through the girl from Orleans, France, and indeed the whole of Europe, would have taken a completely different form in the 15th century. For at that time, everything that was happening in the impulses of the will, in the brains of the physical heads, was aimed at covering Europe, so to speak, with a general conception of the state that would wipe out and extinguish the individualities of the peoples. And under its influence, much of what has emerged in recent centuries through the interplay of European national individualities within Europe would certainly have become impossible.

[ 7 ] Man denke sich einmal die Tat der Jungfrau von Orleans hinweggestrichen aus der Geschichte, man denke sich Frankreich seinem Schicksal überlassen, ohne daß sie eingegriffen hätte, man frage sich: Was wäre aus Frankreich ohne diese Tat geworden? — Und dann bedenke man, welche Rolle Frankreich in den nachfolgenden Jahrhunderten für das ganze Geistesleben der Menschheit gespielt hat! Und dazu stelle man die nicht hinwegzuleugnende, sondern durch äußere Dokumente zu belegenden Tatsachen von der Sendung des Mädchens von Orleans! Man mache sich klar, daß dieses Mädchen mit einer wahrhaftig auch im Sinne ihrer Zeit nicht besonders hohen äußeren Bildung plötzlich in einem Alter von noch nicht zwanzig Jahren im Herbst 1428 fühlt, wie zu ihr sprechen geistige Mächte der übersinnlichen Welten, Mächte, denen sie allerdings die Formen zuerteilt, die ihr geläufig sind, so daß sie sie durch die Brille ihrer Vorstellungen sieht; aber das ist kein Einwand gegen die Realität dieser Mächte. Stellen Sie sich vor, daß sie weiß: übersinnliche Mächte lenken ihre Willenskraft nach einem ganz bestimmten Punkte hin. Ich erzähle Ihnen zunächst von diesen Tatsachen nicht, was durch die Akasha-Chronik erzählt werden kann, sondern nur das, was aktenmäßig, rein historisch festgestellt ist.

[ 7 ] Imagine for a moment that the deed of the Maid of Orleans had been wiped out of history, imagine France left to its fate without her intervention, and ask yourself: What would have become of France without this deed? And then consider the role France played in the following centuries for the entire spiritual life of humanity! And add to this the undeniable facts, documented by external sources, of the mission of the Maid of Orleans! Realize that this girl, with an education that was not particularly high even by the standards of her time, suddenly felt, at the age of not yet twenty, in the autumn of 1428, that spiritual powers from the supersensible worlds were speaking to her, powers to which she, however, assigns forms that are familiar to her, so that she sees them through the lens of her imagination; but that is no objection to the reality of these powers. Imagine that she knows that supernatural powers are directing her will toward a very specific point. I will not tell you about these facts, which can be recounted from the Akashic Records, but only what has been established in the records, purely historically.

[ 8 ] Wir wissen, daß dieses Mädchen von Orleans sich zunächst einem Verwandten geoffenbart hat, bei dem sie - man möchte fast sagen zufällig — Verständnis gefunden hat; daß sie nach mancherlei Umwegen und Schwierigkeiten in das Hoflager des Königs Karl geführt wurde, der mit dem ganzen französischen Heerwesen sozusagen am Ende seines Witzes angelangt war; und wir wissen, daß sie, nachdem man ihr alles Erdenkliche in den Weg gelegt hatte, zuletzt unter einer ganzen Menge von Leuten, in die König Karl so hineingestellt war, daß er durchaus nicht für äußere Augen zu unterscheiden war, ihn richtig herausgefunden hat, indem sie kurzweg auf ihn losgegangen ist. Man weiß auch, daß sie ihm dazumal etwas anvertraut hat — er wollte sie dadurch prüfen —, wovon man sagen kann, daß nur er allein und die übersinnlichen Welten das Entsprechende gewußt haben. Und Sie wissen ja vielleicht aus der äußeren Geschichte, wie dann sie es war, die unter den fortwährenden Impulsen und unter dem fortwährenden Eindruck ihres starken Glaubens — man würde besser sagen, durch ihr unmittelbares Schauen — die Heere unter den größten Schwierigkeiten zum Siege führte und den König zur Krönung.

[ 8 ] We know that this girl from Orleans first revealed herself to a relative, with whom she found understanding—one might almost say by chance—that after many detours and difficulties she was led to the court of King Charles, who, with the entire French army, had reached the end of his wit, so to speak; and we know that after every conceivable obstacle had been placed in her way, finally, among a whole crowd of people in which King Charles was so well hidden that he was completely indistinguishable to the naked eye, she correctly identified him by walking straight up to him. It is also known that she confided something to him at that time—he wanted to test her—about which it can be said that only he alone and the supernatural worlds knew the answer. And you may know from external history how it was she who, under the constant impulses and under the constant impression of her strong faith—one would say, through her direct vision—led the armies to victory under the greatest difficulties and the king to his coronation.

[ 9 ] Wer hat dazumal eingegriffen in den Gang der historischen Entwickelung? Doch niemand anders als Angehörige höherer Hierarchien! Das Mädchen von Orleans war ein äußeres Werkzeug dieser Wesenheiten, und sie, diese Wesenheiten der höheren Hierarchien, haben die Taten der Geschichte gelenkt. Es mag ja sein, daß irgendein Verstand sich sagt: Hätte ich sie gelenkt, so hätte ich sie klüger gelenkt -, weil er dieses oder jenes, was geschehen ist in dem Auftreten der Jungfrau von Orleans, seinem Denken nicht angemessen findet. Anhänger der Geisteswissenschaft sollen aber nicht Göttertaten durch Menschenverstand korrigieren wollen, was ja allerdings heute innerhalb unserer sogenannten Zivilisation überall vorkommt. Sehen Sie, es haben sich: natürlich auch Leute gefunden, welche ganz im Sinne unserer heutigen Zeit die Geschichte der modernen Welt sozusagen entlasten wollten von den Taten der Jungfrau von Orleans. Und ein für unsere heutige Zeit charakteristisches Werk nach dieser materialistischen Richtung hin hat Anatole France geschrieben. Man möchte eigentlich doch nur wissen, wie sich das materialistische Denken abfindet mit Mitteilungen, welche wahrhaftig — und ich rede immer noch von Dokumenten der äußeren Geschichte — recht gut begründet sind. So möchte ich, weil wir gerade hier an diesem Orte sind und ich manchmal gerne Rücksicht nehme auf lokale Verhältnisse, Ihnen anführen ein Dokument, auf das man sich schon einmal hier berufen hat.

[ 9 ] Who intervened in the course of historical development at that time? None other than members of higher hierarchies! The Maid of Orleans was an external instrument of these beings, and they, these beings of the higher hierarchies, guided the deeds of history. It may well be that some intellect says to itself: If I had guided her, I would have guided her more wisely — because it finds this or that aspect of the Maid of Orleans's actions inappropriate to its thinking. However, followers of spiritual science should not seek to correct the deeds of gods through human understanding, which is, of course, what happens everywhere today within our so-called civilization. You see, there have naturally been people who, in keeping with the spirit of our times, have sought to exonerate modern world history, so to speak, from the deeds of the Maid of Orleans. Anatole France wrote a work characteristic of our times in this materialistic vein. One would really like to know how materialistic thinking comes to terms with reports that are truly well-founded — and I am still talking about documents from external history. Since we are here in this place, and I sometimes like to take local conditions into consideration, I would like to cite a document that has already been referred to here.

[ 10 ] Die Stuttgarter wissen gewiß, daß hier an diesem Orte einmal ein bedeutender Evangelienforscher gelebt hat. Man braucht als Geisteswissenschafter durchaus nicht einverstanden zu sein mit dem auch mancherlei recht Gescheiten, das Gfrörer — so hieß der Evangelienforscher — in seiner Evangelienforschung dargeboten hat, und man kann ganz sicher sein, daß Gfrörer, wenn er hörte, was jetzt auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft verkündet wird, diejenige Redensart gebrauchen würde, die er oftmals gebraucht hat für seine Gegner, die er mit seiner Starrköpfigkeit durchaus nicht immer leicht angelassen hat: die Redensart, daß diese Theosophen auch solche Leute seien, «bei denen es unter dem Hute nicht recht richtig ist». Deshalb aber war doch dazumal die Zeit noch nicht gekommen, wo man sozusagen in rein materialistischer Weise über historische Dokumente hinweggehen kann, wie man das heute macht, wenn diese historischen Dokumente Tatsachen betreffen, die unbequem sind, die augenscheinlich das Wirken lebendiger höherer Kräfte innerhalb unserer physischen Welt anzeigen. Und so möchte ich heute auch wiederum ein kleines Dokument zitieren, einen Brief, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts veröffentlicht worden ist. Ich möchte Ihnen nur einige Stellen vorlesen, so wie sich dazumal zur Rechtfertigung seines Glaubens Gfrörer auf diesen Brief berufen hat. Ich möchte Ihnen eine Stelle aus einer Charakteristik der Jungfrau von Orleans vorlesen und Sie dann fragen, was eine solche lebendige Schilderung bedeutet.

[ 10 ] The people of Stuttgart certainly know that an important Gospel scholar once lived here. As a scholar of the humanities, one need not agree with everything that Gfrörer—as the Gospel scholar was called—presented in his Gospel research, some of which was quite clever, and one can be quite sure that if Gfrörer had heard what is now being proclaimed in the field of spiritual science, he would use the expression he often used for his opponents, whom he did not always treat kindly with his stubbornness: the expression that these theosophists were also people “who were not quite right in the head.” But at that time, the time had not yet come when one could, so to speak, ignore historical documents in a purely materialistic way, as one does today when these historical documents concern facts that are inconvenient, that apparently indicate the working of living higher forces within our physical world. And so today I would like to quote a short document, a letter that was published in the first half of the 19th century. I would like to read you just a few passages, as Gfrörer referred to this letter at the time to justify his belief. I would like to read you a passage from a characterization of the Maid of Orleans and then ask you what such a vivid description means.

[ 11 ] Nachdem der Schreiber dieses Briefes, auf den sich Gfrörer beruft, aufgezählt hat, was die Jungfrau von Orleans vollbracht hat, fährt er fort:

[ 11 ] After the writer of this letter, to which Gfrörer refers, has listed what the Maid of Orleans has accomplished, he continues:

[ 12 ] «Dieses und vieles andere hat die Jungfrau (von Orleans) vollführt und mit Gottes Hilfe wird sie noch Größeres verrichten. Das Mägdelein ist von anmutiger Schönheit und besitzt männliche Haltung, es spricht wenig und zeigt eine wunderbare Klugheit; in seinen Reden hat es eine gefällig-feine Stimme nach Frauenart. Es ißt mäßig, noch mäßiger trinkt es Wein. An schönen Rossen und Waffen hat es sein Gefallen. Bewaffnete und edle Männer liebt es sehr. Die Zusammenkunft und das Gespräch mit vielen ist der Jungfrau zuwider; sie fließt oft von Tränen über, liebt ein fröhliches Gesicht, erduldet unerhörte Arbeit, und in der Führung und Ertragung der Waffen ist sie so beharrlich, daß sie sechs Tage lang Tag und Nacht ohne Unterlaß vollständig gewappnet bleibt. Sie spricht: Die Englischen hätten kein Recht an Frankreich, und darum habe sie, wie sie sagt, Gott gesandt, auf daß sie jene austreibe und überwinde, jedoch erst nach vorher geschehener Mahnung. Dem König erweist sie die höchste Verehrung; sie sagt, er sei von Gott geliebt und in besonderem Schutze, weshalb er auch erhalten werden würde. Vom Herzog von Orleans, Eurem Neffen, sagt sie, er werde auf wunderbare Weise befreit werden, jedoch erst, nachdem zuvor eine Mahnung an die Englischen, die ihn gefangenhalten, zu seiner Befreiung geschehen sein werde.

[ 12 ] “This and much more has the Maid (of Orleans) accomplished, and with God's help she will accomplish even greater things. The maiden is of graceful beauty and possesses a masculine bearing; she speaks little and displays wonderful intelligence; in her speech she has a pleasant, delicate voice, like that of a woman. She eats moderately and drinks wine even more moderately. She takes pleasure in beautiful horses and weapons. She loves armed and noble men very much. The Virgin dislikes meeting and talking with many people; she often weeps, loves a cheerful face, endures unheard-of labor, and is so persistent in the handling and bearing of weapons that she remains fully armed day and night for six days without ceasing. She says that the English have no right to France, and that is why, she says, God sent her to drive them out and defeat them, but only after a warning has been given. She shows the king the highest reverence; she says that he is loved by God and under special protection, which is why he will be preserved. She says that the Duke of Orleans, your nephew, will be miraculously freed, but only after a warning has been given to the English who are holding him captive.

[ 13 ] Und damit ich, erlauchter Fürst, meinem Bericht ein Ende mache: Noch Wunderbareres geschieht und ist geschehen, als ich Euch schreiben oder mit Worten ausdrücken kann. Während ich dieses schreibe, ist die genannte Jungfrau schon nach der Gegend der Stadt Rheims in Champagne gezogen, wohin der König eilends zu seiner Salbung und Krönung unter Gottes Beistand aufgebrochen ist. Erlauchtester und Großmächtigster Fürst und mein höchst zu verehrender Herr! ich empfehle mich Euch sehr demütig, indem ich den Allerhöchsten bitte, daß er Euch behüte und Eure Wünsche erfülle.

[ 13 ] And so, illustrious prince, I come to the end of my report: even more wonderful things are happening and have happened than I can write or express in words. As I write this, the aforementioned maiden has already moved to the region of Reims in Champagne, where the king has hastily set out for his anointing and coronation with God's assistance. Most illustrious and powerful prince and my most revered lord! I commend myself to you most humbly, asking the Most High to protect you and fulfill your wishes.

[ 14 ] Geschrieben Biteromis am 21. Tage des Monats Junius.

[ 14 ] Written at Biteromis on the 21st day of June.

[ 15 ] Euer demütiger Diener Percival, Herr von Bonlamiulk, Rat und Kämmerer des Königs der Franzosen und des Herrn Herzogs von Orleans, Seneschal des Königs, gebürtig aus Berry.»

[ 15 ] Your humble servant Percival, Lord of Bonlamiulk, advisor and chamberlain to the King of France and the Lord Duke of Orleans, seneschal to the King, born in Berry.”

[ 16 ] Einer, der das Mädchen kennt, schreibt aus unmittelbarer Nähe des Königs diesen Brief. Es ist in der Tat dann erstaunlich, wenn aus rein okkulten Gründen und Beweismitteln heraus man alle diese Sachen wiederfinden muß — denn sie sind auffindbar in der Akasha-Chronik und sieht, wie gerade in solchen Fällen man auch äußerlich geschichtliche Dokumente durchaus beibringen kann. Kurz, es erscheint einem fast wahnsinnig, an dem zu zweifeln, was durch die Jungfrau von Orleans wirkte. Und wenn wir dann noch in Betracht ziehen, daß durch ihre "Taten die ganze Geschichte der neueren Zeit ein anderes Gesicht bekommen hat, so gibt uns das ein Recht zu sagen, daß wir hier unmittelbar hereinwirken sehen, äußerlich dokumentarisch belegbar, die übersinnliche Welt. Wenn dann der Geistesforscher weitergeht und Umschau hält auf seine Art nach dem eigentlichen Inspirator, der auf die Jungfrau von Orleans gewirkt hat, dann findet er, durchforschend die aufeinanderfolgenden Zeiten, etwas ganz Merkwürdiges. Er findet, wie derselbe Geist, der durch die Jungfrau von Orleans als sein Werkzeug dazumal gewirkt hat, sozusagen in ganz anderer Form, in ganz anderer Art inspirierend auch auf eine andere Persönlichkeit gewirkt hat, die als Philosoph am Hofe Karls des Kahlen lebte: Scotus Erigena, durch dessen philosophisch-theologische Ideen in einem frühen Zeitraum Europa so tief beeinflußt worden ist. Und so sehen wir, daß dieselben Mächte in verschiedenen Epochen in verschiedener Art durch Menschen als durch ihre Werkzeuge wirken; daß Kontinuität, fortlaufendes Geschehen ist in dem, was wir Geschichte nennen.

[ 16 ] Someone who knows the girl writes this letter from close proximity to the king. It is indeed astonishing when, for purely occult reasons and based on occult evidence, one has to find all these things again—for they can be found in the Akashic Records, and one sees how, in such cases, one can also provide external historical documents. In short, it seems almost insane to doubt what the Virgin of Orleans accomplished. And when we consider that her “deeds have given the entire history of modern times a different face,” we are justified in saying that we see the supernatural world directly at work here, documented by external evidence. When the spiritual researcher goes further and looks around in his own way for the actual inspirer who worked through the Maid of Orleans, he finds something very remarkable as he investigates the successive periods. He finds that the same spirit that worked through the Virgin of Orleans as its instrument at that time has, so to speak, in a completely different form, in a completely different way, also inspired another personality who lived as a philosopher at the court of Charles the Bald: Scotus Erigena, whose philosophical-theological ideas had such a profound influence on Europe in an early period. And so we see that the same forces work in different ways through people as their instruments in different eras; that there is continuity, a continuous process in what we call history.

[ 17 ] Nun habe ich Ihnen gestern gezeigt, wie in einem bedeutsamen Mythos aus der babylonisch-chaldäischen Zeit hingewiesen wird auf das Hereinwirken der geistigen Welten auf Menschen, von denen vieles im Verlauf der Geschichte abhing für den dritten unserer nachatlantischen Zeiträume, wie den Verlauf des ganzen geschichtlichen Werdens im alten Chaldäa, im alten Babylonien. Wir müssen aber allerdings jetzt auch vom Standpunkt der okkulten Wissenschaft die beiden Persönlichkeiten betrachten, die sich hinter den sagenhaften Namen Gilgamesch und Eabani verbergen. Okkult-historisch haben wir in ihnen Persönlichkeiten zu sehen, die am Ausgangspunkt dessen stehen, was wir babylonische, was wir chaldäische Kultur nennen. Was von ihnen hat kommen können an Impulsen, das finden wir wieder in der Entwickelung der eigentlich geistigen Kultur des alten Babyloniens und Chaldäas. Nun war Gilgamesch eine solche Persönlichkeit, welche viele Inkarnationen in der Art hinter sich hatte, daß man gewissermaßen diese Persönlichkeit als eine alte Seele innerhalb der Menschheitsentwickelung bezeichnen kann.

[ 17 ] Yesterday I showed you how a significant myth from the Babylonian-Chaldean period points to the influence of the spiritual worlds on human beings, on whom much depended in the course of history for the third of our post-Atlantean epochs, such as the course of the entire historical development in ancient Chaldea, in ancient Babylonia. However, we must now also consider the two personalities behind the legendary names Gilgamesh and Eabani from the standpoint of occult science. From an occult-historical perspective, we must see them as personalities who stand at the starting point of what we call Babylonian and Chaldean culture. We find the impulses that came from them in the development of the actual spiritual culture of ancient Babylonia and Chaldea. Gilgamesh was such a personality who had undergone many incarnations in such a way that one can, in a sense, describe this personality as an old soul within human evolution.

[ 18 ] Sie wissen ja aus der Darstellung in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», daß während des lemurischen Zeitraums der Erdentwickelung nur ganz wenige Menschen die Ereignisse der Erdentwickelung auf der Erde selbst sozusagen überdauert haben, daß nur wenige auf der Erde blieben während des lemurischen Zeitraums; daß die Mehrzahl der Seelen, bevor die eigentliche Gefahr der Mumifizierung alles Menschlichen begann, sich von der Erde hinweghob nach anderen Planeten und weiterlebte auf Mars, Saturn, Venus, Jupiter und so weiter; daß dann vom Ende des lemurischen Zeitraums an und während des atlantischen Zeitraums nach und nach diese Seelen wieder herunterkamen auf die Erde, um unter den veränderten irdischen Verhältnissen sich in irdischen Leibern zu verkörpern und in immer neuen Inkarnationen zu erscheinen. Da haben wir also solche Seelen, die verhältnismäßig früh heruntergekommen sind aus der Planetenwelt, und andere, die spät, erst in späten Zeiträumen der atlantischen Entwickelung niedergestiegen sind. Die ersteren Seelen, die also früher heruntergekommen sind, haben mehr Inkarnationen innerhalb der Erde hinter sich als die später herniedergestiegenen, und diese können wir daher im Gegensatz zu den ersteren, jüngere Seelen nennen, Seelen, die also weniger in sich aufgenommen haben.

[ 18 ] You know from the description in my book “An Outline of Esoteric Science” that during the Lemurian period of Earth's development, only very few human beings survived the events of Earth's development on Earth itself, so to speak, that only a few remained on Earth during the Lemurian period; that the majority of souls, before the actual danger of mummification of everything human began, lifted themselves away from the earth to other planets and continued to live on Mars, Saturn, Venus, Jupiter, and so on; that then, from the end of the Lemurian period and during the Atlantean period, these souls gradually came back down to earth in order to incarnate in earthly bodies under the changed earthly conditions and appear in ever new incarnations. So we have souls that descended relatively early from the planetary world, and others that descended late, only in the late periods of the Atlantean evolution. The former souls, who descended earlier, have more incarnations within the Earth behind them than those who descended later, and we can therefore call them, in contrast to the former, younger souls, souls who have absorbed less.

[ 19 ] Eine alte Seele war diejenige Individualität, die sich hinter dem Namen Gilgamesch verbirgt, und eine jüngere, die in Eabani verkörpert war am Ausgangspunkte der babylonischen Kultur. Ja, in bezug auf dieses Jüngere oder Ältere der menschlichen Seelen zeigt sich — man möchte fast sagen selbst zur Überraschung des Okkultisten — etwas sehr Merkwürdiges. Wenn zum Beispiel irgend jemand heute es so weit gebracht hat, daß er die Wahrheiten der Geisteswissenschaft ein wenig zugibt, sonst aber noch immer an den Vorurteilen und Werturteilen der äußeren Welt hängt, dann wird es ihm ja plausibel erscheinen, daß zum Beispiel Philosophen- oder Gelehrtenseelen unserer heutigen Zeit zu den älteren Seelen gerechnet werden müssen. Die okkulte Forschung ergibt das gerade Gegenteil, so sonderbar es klingt, und es ist für den Okkultisten selbst überraschend, daß zum Beispiel in Kart eine junge Seele lebte. Ja, die Tatsachen sagen es, da ist nichts dagegen zu machen. Und man könnte nun darauf hinweisen, daß die jüngeren Seelen sich allerdings in der Mehrzahl in den farbigen Rassen verkörpern, daß also die farbigen Rassen, namentlich die Negerrasse, vorzugsweise jüngere Seelen zur Verkörperung bringen. Aber gerade das Eigentümliche jener menschlichen Denkungsart, die sich in Gelehrsamkeit, in der heutigen materialistischen Wissenschaft auslebt, die bedingt jüngere Seelen. Und es ist sogar nachweisbar, daß bei mancher Persönlichkeit, bei der man es gar nicht voraussetzen würde, die vorhergehende Inkarnation durchaus bei den Wilden liegt. Ja, das sagen wieder die Tatsachen! Das alles muß durchaus festgehalten werden, es ist so. Das nimmt natürlich den Urteilen, die wir über unsere Umwelt haben, nichts von ihrer Bedeutung, nichts von ihrem Werte; dennoch muß es erfaßt werden zum Gesamtverständnis dessen, um was es sich handelt. In diesem Sinne haben wir es mit Eabani im alten Babylonien zu tun mit einer jungen Seele, in Gilgamesch mit einer alten Seele. Eine solche alte Seele, die wird ihrer ganzen Natur nach früh erfassen, was gewissermaßen nicht nur Kulturelement, Kulturfaktor der Gegenwart ist, sondern was als Kultureinschlag in die Gegenwart hereinfällt und weit hinausblicken läßt in die Perspektive der Zukunft.

[ 19 ] An old soul was the individuality hidden behind the name Gilgamesh, and a younger one was embodied in Eabani at the beginning of Babylonian culture. Yes, with regard to this younger or older nature of human souls, something very remarkable appears—one might almost say to the surprise of the occultist. If, for example, someone today has progressed to the point where they admit the truths of spiritual science to a certain extent, but otherwise still clings to the prejudices and value judgments of the outer world, then it will seem plausible to them that, for example, the souls of philosophers or scholars of our time must be counted among the older souls. Occult research shows the exact opposite, strange as it may sound, and it is surprising even to occultists that a young soul lived in Kart, for example. Yes, the facts speak for themselves; there is nothing that can be done about it. And one could now point out that the younger souls are indeed embodied in the colored races in the majority, that the colored races, especially the Negro race, preferentially bring younger souls into embodiment. But it is precisely the peculiarity of that human way of thinking, which finds its expression in scholarship and in today's materialistic science, that conditions younger souls. And it can even be proven that in some personalities, in whom one would not expect it at all, the previous incarnation lies entirely with savages. Yes, the facts say so again! All this must be firmly established; it is so. Of course, this does not detract from the significance or value of the judgments we make about our environment; nevertheless, it must be understood in order to gain a complete understanding of what is at stake. In this sense, we are dealing with Eabani in ancient Babylonia, a young soul, and with Gilgamesh, an old soul. Such an old soul, by its very nature, will quickly grasp what is not only a cultural element or factor of the present, but also what is falling into the present as a cultural impact and allows us to look far into the future.

[ 20 ] Es mag sich ja allerdings mancher dagegen verwahren, wenn man ihm plausibel machen würde, daß die oftmals von ihm so inferior gehaltenen Theosophen zumeist ältere Seelen sind als diejenigen, die akademische Vorträge halten. Aber die Forschung zeigt es, und wenn auch die geistige Forschung nicht etwa dazu mißbraucht werden soll, die Werturteile umzustoßen und Spott zu treiben mit dem, was einmal der Einschlag unserer Kultur ist, so muß man doch der Wahrheit streng ins Auge schauen. So war denn Gilgamesch eine Persönlichkeit, die es vermöge ihrer Seelenkonstitution mit demjenigen hielt, was zu den fortgeschrittensten Geisteselementen und Geistesfaktoren der damaligen Zeit gehörte, was für die damalige Zeit weit hineinleuchtete in die Zukunft, und was auch damals nur erreicht werden konnte dadurch, daß eine solche Persönlichkeit eine Art Initiation durchmachte. In einer gewissen Initiation, in einer Mitteilung dessen, was man nur durch die Initiation empfangen kann, sollte dem Gilgamesch gegeben werden, was ihn befähigte, Fermente für die babylonische Kultur zu liefern. Also eine Einweihung sollte er bis zu einem gewissen Grade durchmachen.

[ 20 ] Some may object, however, if it were made plausible to them that the theosophists, whom they often consider inferior, are mostly older souls than those who give academic lectures. But research shows this to be true, and even if spiritual research should not be misused to overturn value judgments and mock what was once the impact of our culture, we must nevertheless look the truth squarely in the eye. Gilgamesh was therefore a personality who, by virtue of his soul constitution, was in touch with what belonged to the most advanced spiritual elements and factors of his time, which for that time shone far into the future, and which even then could only be achieved by such a personality undergoing a kind of initiation. In a certain initiation, in a communication of what can only be received through initiation, Gilgamesh was to be given what enabled him to provide the ferment for Babylonian culture. So he had to undergo an initiation to a certain degree.

[ 21 ] Betrachten wir ihn einmal, diesen Gilgamesch, wie er sich in die Menschheitsentwickelung hineinstellen mußte vor dieser Einweihung. Da war er ein Mensch des dritten nachatlantischen Zeitraumes. In diesem Zeitraume aber war für das natürliche menschliche Hellsehen, für das, was der Mensch konnte und vermochte durch seine natürlichen Kräfte, dazumal schon die Abenddämmerung gekommen. Das war nicht mehr in dem Grade vorhanden, daß die Menschen in größerer Anzahl zurückschauen konnten in ihre früheren Inkarnationen. Wenn wir weiter zurückgehen in den zweiten, in den ersten nachatlantischen Zeitraum, da würden wir finden, daß die Mehrzahl der Menschen auf unserer Erde noch zurückschauen konnten in ihre früheren Inkarnationen, in das Verfließen ihres Seelenlebens vor ihrer gegenwärtigen Geburt. Aber das war allmählich verloren worden. Bei Gilgamesch war die Sache so, daß von vornherein diejenige Wesenheit, die sich durch ihn offenbaren sollte und die sich nur offenbaren konnte durch ihn, indem sie ihn nach und nach zu einer Art Initiation führte, daß diese Wesenheit sozusagen immer ihre Hand über ihn hielt. Sie stellte ihn hin auf den Platz, durch den er seine eigene Stellung in der Weltgeschichte beurteilen lernte. Es wurde sozusagen durch Ereignisse übersinnlicher Art, welche uns in dem Mythos, den ich gestern angeführt habe, in Bildern entgegentreten, ihm ein Freund an die Seite gegeben, ein Freund, dessen Barbarei, dessen Unzivilisiertheit uns dadurch angedeutet wird, daß er halb tierisch an äußerer Gestalt ist. Es wird gesagt, daß dieser Freund Tierfelle am Leibe trug, das heißt, daß er sozusagen noch wie die Menschen des Urzustandes behaart war, daß seine Seele so jung war, daß sie einen Leib sich aufbaute, der den Menschen noch in verwilderter Gestalt zeigt. So hatte Gilgamesch, der fortgeschrittenere, in Eabani einen Menschen neben sich, der durch seine junge Seele und seine dadurch bedingte Leibesorganisation noch ein altes Hellsehen hatte. Um sich selber zu orientieren, war ihm dieser Freund beigegeben worden. Mit Hilfe dieses Freundes gelang es ihm dann, gewisse Dinge auszuführen, wie, sagen wir, die Zurückführung jener geistigen Macht, die uns wiederum im Mythos unter dem Bilde der Stadtgöttin von Erek, Ischtar, dargestellt wird. Ich habe Ihnen gesagt, daß die Stadtgöttin gestohlen worden war von der Nachbarstadt und daß daher die beiden, Gilgamesch und Eabani, Krieg begannen gegen die Nachbarstadt, den König dieser Nachbarstadt besiegten und die Stadtgöttin wieder zurückführten.

[ 21 ] Let us consider this Gilgamesh, how he had to place himself in the development of humanity before this initiation. He was a human being of the third post-Atlantean epoch. But in this epoch, natural human clairvoyance, what human beings could do and were capable of through their natural powers, had already reached its twilight. It was no longer present to such an extent that large numbers of people could look back into their previous incarnations. If we go back further, to the second and first post-Atlantean epochs, we would find that the majority of people on Earth could still look back into their previous incarnations, into the flow of their soul life before their present birth. But this had gradually been lost. In the case of Gilgamesh, the situation was such that from the outset, the being that was to reveal itself through him, and that could only reveal itself through him by gradually leading him to a kind of initiation, always held its hand over him, so to speak. It placed him in the position through which he learned to assess his own place in world history. Through events of a supernatural nature, which we encounter in images in the myth I quoted yesterday, he was given a friend, a friend whose barbarism and uncivilized nature are indicated by his half-animal appearance. It is said that this friend wore animal skins on his body, which means that he was still hairy, like the people of the primeval state, and that his soul was so young that it built a body that still showed the wild form of humans. Thus Gilgamesh, the more advanced, had in Eabani a man beside him who, because of his young soul and the physical constitution that resulted from it, still possessed an ancient clairvoyance. This friend had been given to him to help him find his way. With the help of this friend, he then succeeded in accomplishing certain things, such as, let us say, the restoration of that spiritual power which is again depicted in the myth under the image of the city goddess of Erek, Ishtar. I have told you that the city goddess had been stolen by the neighboring city and that therefore the two, Gilgamesh and Eabani, waged war against the neighboring city, defeated the king of that city, and brought the city goddess back.

[ 22 ] Wenn man solche Dinge, die uns in diesen alten Mythen dargestellt werden, richtig historisch verstehen will, dann muß man schon auf die okkulten Hintergründe der Sache eingehen. Es verbirgt sich ja hinter diesem Raube der Stadtgöttin etwas Ähnliches wie hinter dem Raube der Helena, die nach Troja entführt wird durch Paris. Wir müssen uns darüber klar sein, daß es durchaus auf guten Gründen beruht, was in meiner kleinen Schrift «Blut ist ein ganz besonderer Saft» ausgeführt ist. Da werden Sie hingewiesen darauf, daß in den Völkern der alten Zeit ein gewisses Gesamtbewußtsein vorhanden war, daß der Mensch nicht nur sein persönliches Ich empfand innerhalb seiner Haut, sondern daß er sich als ein Glied des Stammes, der Stadtgemeinschaft empfand. So wie die einzelne menschliche Seele als Zentralfaktor für unsere Finger, Zehen, Hände, Beine, die zusammengehören, für unseren ganzen Organismus empfunden wird, so fühlte sich der Mensch in alten Zeiten gegenüber der Gruppenseele wie ein Glied, dem er zugehörte. So etwas war in älteren Zeiten noch in den alten Stadtgemeinden, selbst in Griechenland, vorhanden. Ein gemeinschaftlicher Geist, eine VolksIchheit, eine Stammes-Ichheit, lebte und webte durch die einzelnen Volkspersönlichkeiten hindurch. Aber dasjenige, was zum menschlichen Bewußtsein kommen konnte von einer solchen gemeinsamen Ichheit, das mußte gewissermaßen in Mysterien, in geheimen Tempelstätten verwaltet werden. Da waren die alten Mysterienpriester und verwalteten die gemeinsamen spirituellen Angelegenheiten einer Stadt oder eines Stammes. Und man spricht nicht bloß figürlich, sondern in einer gewissen Weise real und richtig, wenn man sagt, eine solche Tempelstätte war wirklich wie eine Wohnung für das Stadt-Ich, für die Gruppenseele. Da hatte sie ihren zentralen Wohnsitz und die Tempelpriester waren ihre Diener. Sie waren diejenigen, welche die Aufträge dieser Gruppenseele durch Inspiration empfingen — was man Orakel nannte — und sie hinaustrugen in die Welt, damit dieses oder jenes geschehe; denn die Orakel sind ja damals durchaus in dem Sinne aufzufassen, den ich Ihnen jetzt charakterisiert habe.

[ 22 ] If one wants to understand such things, which are presented to us in these ancient myths, correctly from a historical point of view, then one must go into the occult background of the matter. Behind this abduction of the city goddess lies something similar to the abduction of Helen, who was carried off to Troy by Paris. We must be clear that what is explained in my little book “Blood is a very special juice” is based on sound reasoning. There you will find that in the peoples of ancient times there was a certain collective consciousness that human beings did not only perceive their personal ego within their own skin, but that they perceived themselves as a member of the tribe, the city community. Just as the individual human soul is perceived as the central factor for our fingers, toes, hands, legs, which belong together, for our entire organism, so in ancient times man felt himself to be a member of the group soul to which he belonged. Something like this still existed in ancient times in the old city communities, even in Greece. A communal spirit, a national ego, a tribal ego, lived and wove through the individual personalities of the people. But what could come to human consciousness from such a communal ego had to be administered, so to speak, in mysteries, in secret temple sites. There were the ancient mystery priests who administered the common spiritual affairs of a city or tribe. And it is not merely figurative, but in a certain sense real and true, to say that such a temple was really like a dwelling place for the city ego, for the group soul. There it had its central residence, and the temple priests were its servants. They were the ones who received the commands of this group soul through inspiration — what were called oracles — and carried them out into the world so that this or that might happen; for oracles were to be understood at that time in the sense I have just described to you.

[ 23 ] Nun war die Verwaltung solcher Tempelstätten mit gewissen Geheimnissen verbunden, und viele Kämpfe in den alten Zeiten spielten sich so ab, daß die Tempelpriester einer Stadt von der Nachbarstadt als Gefangene hinweggeschleppt wurden, daß also sozusagen mit den Tempelpriestern die wichtigsten Geheimnisse einer Stadt weggeschleppt wurden in die Nachbarstadt. Da haben Sie die reale Tatsache, welche dem Bilde entspricht, daß die Stadtgöttin Ischtar, die Volksseele von Erek, geraubt wird durch die Nachbarstadt. Die Tempelpriester, die Verwalter der Tempelgeheimnisse, waren zu Gefangenen gemacht worden, weil die Nachbarstadt hoffte, auf diese Weise in den Besitz der heiligen Geheimnisse und damit der Macht der betreffenden Stadt zu kommen. Das ist der reale Hintergrund.

[ 23 ] Now, the administration of such temple sites was connected with certain secrets, and many battles in ancient times were fought in such a way that the temple priests of one city were carried off as prisoners by the neighboring city, so that, so to speak, the most important secrets of a city were carried off to the neighboring city with the temple priests. There you have the real fact that corresponds to the image of the city goddess Ishtar, the soul of the people of Erek, being stolen by the neighboring city. The temple priests, the administrators of the temple secrets, had been taken prisoner because the neighboring city hoped in this way to gain possession of the sacred secrets and thus the power of the city in question. That is the real background.

[ 24 ] Und solche Dinge konnte Gilgamesch in der Seelenverfassung, in der er sich zunächst befand, nicht selber wahrnehmen, weil er nicht hineinsah in diese Zusammenhänge. Aber eine jüngere Seele konnte ihm sozusagen wie der hellseherische Sinn dienen, der ihm half, den 'Tempelschatz für seine Vaterstadt zurückzuerobern. Da wurde ihm, dem Gilgamesch, so recht zum Bewußtsein gebracht, daß es im menschlichen Leben gerade in Übergangszeiten so etwas gibt, wie es in der Legende von dem Blinden und dem Lahmen dargestellt wird, von denen jeder einzelne hilflos ist, die aber zusammen sich weiterbringen, indem der Blinde den Lahmen auf die Schulter nimmt und der Lahme dem Blinden sein Sehvermögen leiht. Da sehen wir bei Gilgamesch und Eabani ins Spirituelle umgesetzt ein solches Zusammenwirken von Menschen ganz verschiedener Begabung. Wir treffen das insbesondere in den historischen Tatsachen der älteren Zeiten auf Schritt und Tritt an. Und es ist wichtig, so etwas zu verstehen, denn dann erst kann man verstehen, warum uns so oft in Mythen und Sagen Freunde, die gemeinsam etwas zu vollbringen haben, vorgeführt werden: Freunde, die dann gewöhnlich so ungleich sind in bezug auf ihre Seelenverfassung, wie es eben Gilgamesch und Eabani waren. Das aber, was Gilgamesch außerdem durch Eabani, seinen Freund, sich für seine Seele erobern konnte, das war, daß er gleichsam von Eabani angesteckt wurde mit einer eigenen hellseherischen Kraft, so daß er in gewisser Weise zurückschauen konnte in seine eigenen früheren Inkarnationen. So lernte Gilgamesch wirklich von Eabani das Zurückschauen in frühere Inkarnationen. Das war etwas, was schon außerhalb der normalen Fähigkeiten des Gilgamesch lag. Und nun stellen wir uns lebendig vor, wie Gilgamesch beeinflußt gewesen sein mochte von diesem Zurückschauen in seine früheren Inkarnationen.

[ 24 ] And Gilgamesh, in the state of mind he was in at the time, could not perceive such things himself because he did not see into these connections. But a younger soul served him, so to speak, as a clairvoyant sense that helped him to recapture the temple treasure for his father's city. Gilgamesh was thus made fully aware that in human life, especially in times of transition, there is something like what is depicted in the legend of the blind man and the lame man, each of whom is helpless on his own, but who together make progress by the blind man carrying the lame man on his shoulders and the lame man lending the blind man his sight. In Gilgamesh and Eabani, we see such cooperation between people of very different abilities translated into the spiritual realm. We encounter this particularly in the historical facts of ancient times at every turn. And it is important to understand this, because only then can we understand why myths and legends so often present us with friends who have something to accomplish together: friends who are usually as dissimilar in their mental constitution as Gilgamesh and Eabani were. But what Gilgamesh was also able to gain for his soul through Eabani, his friend, was that he was, as it were, infected by Eabani with his own clairvoyant power, so that he could, in a certain sense, look back into his own previous incarnations. Thus Gilgamesh really learned from Eabani how to look back into previous incarnations. This was something that was beyond Gilgamesh's normal abilities. And now let us vividly imagine how Gilgamesh might have been influenced by this looking back into his previous incarnations.

[ 25 ] Was konnte er sich etwa sagen von dem Tage an, da in seiner Seele die Möglichkeit auftauchte, zurückzublicken in dasjenige, was seine Seele durchlebt hatte in früherer Inkarnation? Das befremdete ihn zunächst. Er konnte sich nicht recht in seine eigene Wesenheit hineinfinden, wie sie in früheren Inkarnationen war; er erkannte sich sozusagen nicht so recht wieder. So würde es ja überhaupt den Menschen gehen, wenn sie anfingen, in ihre früheren Inkarnationen zurückzublicken. Da würde es meist anders ausschauen als in den Einbildungen, die immer wieder und wieder auftreten, wenn gesagt wird, irgendein Mensch sei eine Reinkarnation von dieser oder jener Persönlichkeit. Da kann es einem ja passieren, daß man irgendeine Persönlichkeit findet, die eine ganze Reihe von historischen, großen Namen als diejenigen ihrer vorhergehenden Inkarnationen anführt. Es soll sogar ganze Gruppen von Menschen geben, die davon überzeugt sind, daß es in ihren früheren Inkarnationen nichts unter dem Range einer Königin oder einer Prinzessin gibt! — In diesen Dingen, mit denen es so ernst stehen sollte, darf eben keine Phantasie obwalten; damit darf kein Unfug getrieben werden.

[ 25 ] What could he say to himself from the day on when the possibility arose in his soul to look back into what his soul had experienced in previous incarnations? At first, this alienated him. He could not quite find his way into his own being as it had been in previous incarnations; he did not really recognize himself, so to speak. This is how it would be for all human beings if they began to look back on their previous incarnations. It would usually look different from the imaginings that arise again and again when it is said that a person is the reincarnation of this or that personality. It can happen that one finds a personality who lists a whole series of historical, great names as those of their previous incarnations. There are even supposed to be entire groups of people who are convinced that in their previous incarnations they were nothing less than queens or princesses! — In matters that are supposed to be so serious, there must be no room for fantasy; no nonsense must be allowed.

[ 26 ] Nun, derjenige, der so wie Gilgamesch damals zunächst auf die Reihenfolge seiner Inkarnationen zurückblickt, der kann wirklich zuweilen auch überrascht sein. Er blickte ja zurück auf Inkarnationen, da er noch hineinverwoben war in allerlei Zusammenhänge, die durch die Gruppenseelenhaftigkeit gegeben waren. Er hatte sich allerdings in gewisser Weise für seine Person herausgearbeitet aus diesen Zusammenhängen, er hatte auch erst durch Eabani den ganzen Wert erfahren können dessen, was durch die Stadtgöttin in der Mythe symbolisiert wird. Da er aber zurückschaute, da gefiel ihm manches nicht in seinen früheren Inkarnationen, da konnte er sich sagen: das ist doch nicht nach meinem Geschmack. Da fand er, daß zum Beispiel seine Seele in den Inkarnationen ganz besondere Freundschaften, ganz besondere menschliche Zusammenhänge gehabt hatte, deren er sich jetzt hätte schämen mögen. Da kam denn heraus, was uns dargestellt wird im Mythos, daß er demgegenüber, was ihm auf dem Umwege durch Eabani die Stadtgöttin offenbart hatte, anfing, in gewisser Weise zu schelten, daß er Vorwürfe machte seiner Seele. Im Mythos wird angedeutet, daß er der Göttin Vorwürfe machte über ihre Bekanntschaften, denn er wurde eifersüchtig auf solche Bekanntschaften. Da blickte er sozusagen auf den Horizont seiner Seele und die Schauungen standen so lebendig vor ihm, wie Menschen um einen anderen herumstehen in der äußeren physischen Welt, gegenüber denen man diese oder jene Sympathie oder Antipathie empfindet. Und in alledem, was nun Gilgamesch der Stadtgöttin an Vorwürfen macht, erkennen wir, daß er eigentlich mit demjenigen redet, was auf dem Grunde seiner Seele sich abspielt. Wenn uns also gesagt wird zum Beispiel, daß er der Stadtgöttin den Vorwurf machte, daß sie vorher Bekanntschaft gehabt hätte mit irgendeinem Menschen, der da in der Mythe Ischulanu genannt wird, so bedeutet das nichts anderes, als daß seine eigene Bekanntschaft mit einem gewissen Menschen, der der Gärtner seines Herrn in der vorhergehenden Inkarnation war, ihm nicht gefiel. Also dasjenige, was sich in der Seele des Gilgamesch abspielte, und wodurch er eigentlich erst jene innere Gedrungenheit, jene innere Erfülltheit seiner Seele erhielt, die er brauchte, als er der Inaugurator der babylonischen Kultur werden sollte, das alles wird uns dargestellt in dem Zurückkommen zu einer gewissen Hellsichtigkeit, in dem Hinaufsteigen in übersinnliche Welten, was ihm, weil er eine alte Seele war, in gewisser Beziehung schon verloren war. Das wird uns im Mythos dargestellt.

[ 26 ] Now, anyone who, like Gilgamesh at that time, looks back on the sequence of his incarnations, may indeed be surprised at times. He looked back on incarnations while he was still interwoven in all kinds of connections that were given by the group soul nature. However, he had in a certain sense worked his way out of these connections for his own sake, and it was only through Eabani that he was able to experience the full value of what is symbolized by the city goddess in the myth. But as he looked back, he did not like many things in his earlier incarnations, and he could say to himself: that is not to my taste. He found, for example, that in his incarnations his soul had had very special friendships, very special human relationships, of which he was now ashamed. This led to what is described in the myth, that he began to reproach himself in a certain way for what the city goddess had revealed to him on his detour through Eabani, that he reproached his soul. The myth suggests that he reproached the goddess for her acquaintances, because he became jealous of such acquaintances. He looked, as it were, at the horizon of his soul, and the visions stood before him as vividly as people stand around another person in the outer physical world, toward whom one feels this or that sympathy or antipathy. And in all the accusations that Gilgamesh now makes against the city goddess, we recognize that he is actually talking to what is going on at the bottom of his soul. So when we are told, for example, that he reproached the city goddess for having previously been acquainted with a certain man named Ischulanu in the myth, this means nothing other than that he did not like his own acquaintance with a certain man who had been his master's gardener in a previous incarnation. So what was going on in Gilgamesh's soul, and what actually gave him the inner strength and fulfillment he needed to become the founder of Babylonian culture, is shown to us in his return to a certain clairvoyance, in his ascent to supersensible worlds, which, because he was an old soul, had already been lost in a certain sense. This is depicted in the myth.

[ 27 ] Und dann sollte er eine Art von Einweihung durchmachen dadurch, daß er zurückgeführt wurde zu jener Art von Anschauung, die seine eigene Seele während der atlantischen Inkarnationen hatte. Was uns nun der Mythos darstellt als die See- und Irrfahrten des Gilgamesch nach dem Westen, das ist nichts anderes als die innere Initiationsfahrt seiner Seele, durch die sie hinauffährt auf geistige Höhen, auf denen sie wahrnehmen kann, was um sie herum war in der alten atlantischen Zeit, da die Seele noch hellsichtig in die geistige Welt hineinschaute. Daher erzählt der Mythos, daß Gilgamesch auf dieser seiner spirituellen Fahrt zusammengebracht wurde mit der großen atlantischen Herrscherpersönlichkeit Xisuthros. Das war eine Persönlichkeit, welche gewissen höheren Hierarchien angehörte und während der atlantischen Zeit in den Regionen der Menschheit lebte, seither aber dieser Menschheit entrückt war und in höheren Gebieten des Daseins wohnte. Diese Persönlichkeit sollte er, der Gilgamesch, kennenlernen, um aus der Anschauung ihrer Wesenheit dasjenige zu gewinnen, was notwendig war, um zu wissen, wie die Seelen sind, wenn sie hineinschauen können in die geistigen Welten. So sollte er wiederum hinaufgeführt werden in die spirituellen Sphären dadurch, daß er zurückgeführt wurde in seiner Seele bis in die atlantischen Zeiten hinein. Und wenn ihm aufgetragen wird, er soll sieben Nächte und sechs Tage nicht schlafen, so bedeutet das nichts anderes als eine Übung, durch welche die Seele gestaltet werden sollte, um völlig einzudringen in die entsprechenden, eben charakterisierten geistigen Regionen. Wenn uns nun gesagt wird, daß er dies nicht aushielt, dann bedeutet das wiederum etwas sehr Wichtiges: es bedeutet, daß Gilgamesch uns dargestellt werden soll als eine Persönlichkeit, die hart an den Rand der Initiation gebracht wird, die gleichsam durch die Pforte der Initiation hineinschauen sollte in die geistigen Geheimnisse, die aber durch die ganze Art der Zeitverhältnisse doch nicht in alle Tiefen dringen konnte. Kurz, es soll gesagt werden, daß der Inaugurator, der Einrichter der babylonischen Kultur gewissermaßen an der Pforte der Initiation stehengeblieben ist, daß er nicht ganz klar in die höheren geistigen Welten hineinschauen konnte, und daß er deshalb der babylonischen Kultur so recht das Gepräge gegeben hat, welches ein Abdruck ist von einem bloßen Hineinschauen in die Initiationsgeheimnisse.

[ 27 ] And then he had to undergo a kind of initiation by being led back to the kind of perception that his own soul had had during the Atlantean incarnations. What the myth now presents to us as Gilgamesh's sea voyages and wanderings to the west is nothing other than the inner initiation journey of his soul, through which it ascends to spiritual heights where it can perceive what was around it in the ancient Atlantean time, when the soul still looked clairvoyantly into the spiritual world. This is why the myth tells us that Gilgamesh, on his spiritual journey, was brought together with the great Atlantean ruler Xisuthros. This was a personality who belonged to certain higher hierarchies and lived in the regions of humanity during the Atlantean era, but had since been removed from humanity and lived in higher realms of existence. Gilgamesh was to get to know this personality in order to gain from the perception of its essence what was necessary to know what souls are like when they can look into the spiritual worlds. Thus he was to be led back up into the spiritual spheres by being taken back in his soul to the Atlantean times. And when he is told not to sleep for seven nights and six days, this means nothing other than an exercise through which the soul was to be shaped in order to penetrate completely into the corresponding spiritual regions just characterized. When we are told that he could not endure this, it means something very important: it means that Gilgamesh is to be presented to us as a personality who is brought to the brink of initiation, who was supposed to look through the gate of initiation into the spiritual mysteries, but who, due to the nature of the times, was unable to penetrate to all depths. In short, it is to be said that the initiator, the founder of Babylonian culture, stopped at the gate of initiation, so to speak, that he could not see clearly into the higher spiritual worlds, and that he therefore gave Babylonian culture the character that is an imprint of a mere glimpse into the mysteries of initiation.

[ 28 ] Wir werden nun sehen, wie diese äußere babylonische Kultur tatsächlich so ist, daß sie rechtfertigt, was eben gesagt worden ist. Während uns zum Beispiel alles darauf hinweist, daß wir in Hermes eine Persönlichkeit vor uns haben, welche tief, tief hineinschaute in die heiligsten Geheimnisse der Initiation und deshalb der große Initiator der ägyptischen Kultur werden konnte, so müssen wir sagen, daß die äußere babylonische Kultur in einer Weise zubereitet worden ist, wie wir es eben charakterisiert haben: nämlich durch eine führende Persönlichkeit, die in ihrer Seele alle diejenigen Eigenschaften hatte, die sich entwickeln, wenn man nicht ganz in das Innerste der heiligen Geheimnisse eindringt. Deshalb haben wir in der Tat im alten Babylonien die historische Entwickelung so, daß wir deutlich nebeneinandergehend einen äußeren Kulturverlauf und einen esoterisch-inneren haben. Während im ägyptischen Leben diese beiden mehr ineinanderspielen, fallen sie gewissermaßen in der alten babylonischen Kultur durchaus auseinander. Und innerhalb dessen, was wir als die babylonische Kultur anzusehen haben, wie sie inauguriert worden ist durch Gilgamesch, lebte dasjenige, was in den heiligsten, verborgensten Mysterien der Chaldäer liegt.

[ 28 ] We will now see how this external Babylonian culture is in fact such that it justifies what has just been said. For example, while everything points to the fact that we have before us in Hermes a personality who looked deeply, deeply into the most sacred mysteries of initiation and was therefore able to become the great initiator of Egyptian culture, we must say that the outer Babylonian culture was prepared in the way we have just characterized it: namely by a leading personality who had in his soul all those qualities that develop when one does not penetrate completely into the innermost core of the sacred mysteries. That is why we find in ancient Babylonia a historical development in which we have a clear parallel between an outer cultural process and an esoteric inner one. While in Egyptian life these two interact more, in ancient Babylonian culture they fall apart completely, so to speak. And within what we must regard as Babylonian culture, as inaugurated by Gilgamesh, lived that which lies in the most sacred, most hidden mysteries of the Chaldeans.

[ 29 ] Diese Initiierten der Mysterien waren allerdings in das Innerste eingeweiht, aber das zog sich doch nur wie ein kleiner Strom durch die äußere Kultur hindurch. Diese äußere Kultur war ein Ergebnis der Impulse des Gilgamesch. Nun hat sich uns ja aus all diesen Betrachtungen ergeben, daß Gilgamesch als Persönlichkeit im Grunde genommen nicht so weit war, daß er eine völlige Einweihung hätte erleben können. Gerade dadurch aber, daß er nicht in der Zeit, in der er wirkte, sozusagen seine eigenen persönlichen Impulse auslebte, das, was seine Kraft war, der Welt mitteilte, war er ganz besonders dazu imstande, durch sich durchwirken zu lassen eine der geistigen Wesenheiten, die wir zu der Klasse der Feuergeister, also der Archangeloi, der Erzengel, rechnen. Solch eine Wesenheit wirkte durch Gilgamesch, und die Ordnung der babylonischen Verhältnisse, die treibenden Kräfte derselben, für die Gilgamesch das Werkzeug war, haben wir bei einem solchen Feuergeist zu suchen. So haben wir uns diesen Gilgamesch so recht vorzustellen unter einem Bilde, das uns geben konnte das Symbolum des alten Kentauren. Solche alten Symbole, sie entsprechen mehr der Wirklichkeit als man gewöhnlich denkt. Ein Kentaur, halb Tier, halb Mensch, sollte immer darstellen, wie in den mächtigeren Menschen der alten Zeiten wirklich in gewisser Weise auseinanderfiel das höchste spirituelle Menschentum und dasjenige, was die einzelnen Persönlichkeiten mit der tierischen Organisation verband. Wie ein Kentaur, so wirkte dieser Gilgamesch auf diejenigen, die ihn beurteilen konnten, und so wirkt er heute noch auf diejenigen, die ihn beurteilen können.

[ 29 ] These initiates of the mysteries were indeed initiated into the innermost mysteries, but this flowed through the outer culture only as a small stream. This outer culture was a result of Gilgamesh’s impulses. Now, it has become clear to us from all these considerations that Gilgamesh, as a personality, was not, in essence, advanced enough to have been able to undergo a complete initiation. But precisely because he did not, so to speak, live out his own personal impulses during the time in which he was active—that is, because he did not communicate to the world what was his strength—he was particularly capable of allowing one of the spiritual beings we count among the class of fire spirits, that is, the Archangeloi, the Archangels, to work through him. Such a being worked through Gilgamesh, and the order of Babylonian conditions, the driving forces behind them, for which Gilgamesh was the instrument, are to be found in such a fire spirit. Thus we are to imagine this Gilgamesh quite rightly in an image that the symbol of the ancient centaur could provide. Such ancient symbols correspond more closely to reality than is usually thought. A centaur, half-animal, half-human, was always meant to represent how, in the more powerful human beings of ancient times, the highest spiritual humanity and that which connected the individual personalities to the animal organization were, in a certain sense, truly divided. Like a centaur, this Gilgamesh worked upon those who could judge him, and so he still works today upon those who can judge him.

[ 30 ] Es ist sehr merkwürdig, daß gerade dieses Bild des Kentauren heute wiederum auftaucht auf dem Felde des modernen naturwissenschaftlichen Denkens. Da ist jüngst ein Buch erschienen, das ganz auf naturwissenschaftliche Tatsachen fußen will, das aber doch in gewisser Weise vorurteilslos mit diesen Tatsachen umgeht und daher nicht so dilettantisch, so sinnlos alles durcheinanderwirft, wie es diejenigen tun, die sich Monisten nennen. Es sucht der Verfasser wirklich den Menschen zu verstehen, wie er als selbständige seelisch-geistige Wesenheit der physischen Leibesorganisation gegenübertritt. Und da kommt ein auf naturwissenschaftliche Unterlagen sich stützender Mensch zu einem eigentümlichen Bild. Er hat ganz gewiß nicht an den Kentauren gedacht, als er sich dieses Bild ausmalte, aber er sagt zu dem, was sich aus naturwissenschaftlichen Vorstellungen ergibt über die Beziehungen der Seele zum Leibe: Das läßt sich vergleichen mit dem Reiten des Reiters auf dem Pferde. Man kann gar nicht anders sich vorstellen, wozu die wirklich verstandenen naturwissenschaftlichen Tatsachen zwingen, als daß man sagt: Selbständig ist die Seele, die den Leib als Werkzeug benutzt wie der Reiter sein Pferd. — Der Kentaur ist wieder da, die Dinge werden tatsächlich schnell gehen, und ehe es sich die Menschen vermeinen, werden geisteswissenschaftliche Vorstellungen unter dem Zwange gerade naturwissenschaftlicher Tatsachen sich in unsere Zeitgenossen einleben müssen. Denn noch nicht lange ist es her, da hatte ich mit einem Philosophen gesprochen, der viel auf materialistische Vorstellungen hielt und aus seinen materialistischen Vorstellungen heraus mir sagte: «Das Bild des Kentauren ist natürlich so entstanden: Die alten Bewohner Griechenlands sahen gewisse Völkerschaften auf ihren Pferden vom Norden kommen, und da es meistens neblig war, so hatten sie die Vorstellung, daß Reiter und Pferd eine einzige Gestalt seien. In ihrem Aberglauben konnten sie sich das leicht einbilden.»

[ 30 ] It is very strange that this image of the centaur is reappearing today in the field of modern scientific thinking. A book has recently been published that claims to be based entirely on scientific facts, but which nevertheless deals with these facts in a certain way that is free of prejudice and therefore does not mix everything up in such an amateurish and senseless way as those who call themselves monists do. The author genuinely seeks to understand human beings as independent spiritual beings in contrast to their physical body organization. And here a person who relies on scientific evidence arrives at a peculiar image. He certainly did not have centaurs in mind when he imagined this image, but he says of what scientific ideas reveal about the relationship between the soul and the body: “This can be compared to a rider riding a horse. One cannot help but conclude from a true understanding of scientific facts that the soul is independent and uses the body as a tool, just as the rider uses his horse. The centaur is back, things will indeed move quickly, and before people realize it, spiritual scientific ideas will have to take root in our contemporaries under the pressure of scientific facts. For it was not long ago that I spoke with a philosopher who held materialistic ideas in high regard and who, based on his materialistic ideas, said to me: “The image of the centaur arose naturally: the ancient inhabitants of Greece saw certain tribes coming from the north on their horses, and since it was mostly foggy, they had the idea that rider and horse were a single figure. In their superstition, they could easily imagine this.”

[ 31 ] In der Tat eine recht einfache Vorstellung, wenig philosophisch vielleicht, aber doch recht einfach! Diese Vorstellung des Kentauren, die nicht dadurch entstanden ist, daß die Griechen nicht haben unterscheiden können den Reiter von seinem Pferd, sondern die dadurch entstanden ist, daß die älteren Völker wirklich die geistige Wesenheit des Menschen selbständig zu der physischen Natur haben denken müssen — diese Vorstellung taucht wieder auf in unserer Zeit, ganz selbständig aus naturwissenschaftlichen Vorstellungen heraus. So müssen wir sagen, wir sind heute schon trotz aller materialistischen Vorstellungen auf dem Wege, daß selbst der Materialismus, wenn er nur auf Tatsachen sich stützen will, nach und nach zu dem hinführt, was die Geisteswissenschaft aus ihren okkulten Quellen heraus zu sagen hat. Wollen wir aber eine solche Gestalt wie Gilgamesch, die ja auch der äußeren Forschung jetzt schon nahegetreten ist, so wie wir das für unsere Betrachtungen tun müssen, an die Spitze der okkulten Betrachtung stellen, dann müssen wir uns klar sein, daß wir es da zu tun haben mit einem Hereinwirken eines Wesens der höheren geistigen Hierarchien. So daß, wenn wir eigentlich jeden Menschen in bezug auf seine Geistigkeit hin im Bild des Kentauren anschauen müssen, wir bei einem solchen Menschen, der so wirkt wie Gilgamesch, noch insbesondere annehmen müssen, daß das Geistige des Kentauren dirigiert wird von höheren Mächten, die ihre Kräfte hereinsenden in den Fortschritt der Menschheit. Und wir werden sehen, wenn wir noch weiter hinaufgehen in der Geschichte, daß sich uns das noch deutlicher darstellen wird. Wir werden weiter sehen, wie sich das dann modifiziert bis in unsere Gegenwart herein und wie geistige Kräfte immer andere Gestalten annehmen, wenn sie durch Menschen wirken, je mehr wir in unsere unmittelbare Gegenwart hereinkommen.

[ 31 ] Indeed, a very simple idea, perhaps not very philosophical, but quite simple nonetheless! This idea of the centaur, which did not arise because the Greeks were unable to distinguish the rider from his horse, but because the older peoples really had to think of the spiritual essence of man as independent of physical nature — this idea reappears in our time, quite independently of scientific ideas. So we must say that, despite all our materialistic ideas, we are already on the way today to the point where even materialism, if it wants to base itself solely on facts, will gradually lead to what spiritual science has to say from its occult sources. But if we want to place a figure such as Gilgamesh, who has already come close to external research, at the forefront of occult observation, as we must do for our considerations, then we must be clear that we are dealing here with the influence of a being from the higher spiritual hierarchies. So that if we actually have to look at every human being in terms of their spirituality in the image of the centaur, we must assume in particular in the case of a person who acts like Gilgamesh that the spirituality of the centaur is directed by higher powers that send their forces into the progress of humanity. And we will see, as we go further back in history, that this will become even clearer to us. We will see how this then modifies itself into our present and how spiritual forces always take on different forms when they work through human beings, the more we come into our immediate present.