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The Revelations of Karma
GA 127

28 March 1911, Prague

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The Mission of the New Spiritual Revelation, tr. SOL
  1. Die Offenbarungen des Karma, 8th ed.

10. Aphorismen über Die Beziehung von Theosophie und Philosophie

10. Aphorisms on the Relationship Between Theosophy and Philosophy

Eine Sonderbetrachtung zu den Vorträgen über «Okkulte Physiologie»

A Special Analysis of the Lectures on “Occult Physiology”

[ 1 ] Im Anschluß an die öffentlichen Vorträge «Wie widerlegt man Theosophie?» und «Wie verteidigt man Theosophie?» sowie im Anschluß an die Betrachtungen, die ich in diesen Tagen in dem Vortragszyklus über «Okkulte Physiologie» gegeben habe, können sich eine Reihe von Fragen aufdrängen, und es liegt das Bedürfnis vor, über diese Fragen, die hier berührt worden sind, sich mit den verehrten Zuhörern ein wenig zu verständigen. Die beiden öffentlichen Vorträge hatten vor allen Dingen das Ziel, zu zeigen, wie man auf dem Boden der Geisteswissenschaft oder Theosophie sich sehr wohl bewußt sein muß der möglichen Einwände, die sich ergeben können, und wie der Okkultist das Berechtigte dieser Einwände durchaus anerkennt, und andererseits konnte Ihnen aus den Vorträgen hervorgehen eine ganz bestimmte, scharf nuancierte Stellungnahme, wie die theosophischen Wahrheiten gegenüber den gewichtigen Einwänden der Gegner zu vertreten sind.

[ 1 ] Following the public lectures “How to Refute Theosophy?” and “How Does One Defend Theosophy?”, as well as following the reflections I have shared in recent days during the lecture series on “Occult Physiology,” a number of questions may arise, and there is a need to discuss these issues, which have been touched upon here, with the esteemed audience. The primary aim of the two public lectures was to show how, on the basis of spiritual science or Theosophy, one must be fully aware of the possible objections that may arise, and how the occultist fully acknowledges the validity of these objections; on the other hand, the lectures were intended to convey to you a very specific, finely nuanced position on how theosophical truths are to be defended in the face of the weighty objections raised by opponents.

[ 2 ] Gerade aus der Erkenntnis der gekennzeichneten Schwierigkeiten, die sich für die Theosophie ergeben, sollte sich aber bei jedem Theosophen das Bedürfnis bilden, daß in der Vertretung der theosophischen Wahrheiten möglichste Genauigkeit, höchste Präzision walten möge. Das ist etwas, dessen sich derjenige, der aus der Erkenntnis der entsprechenden Zusammenhänge heraus diese Dinge zu vertreten hat, sehr wohl bewußt ist, womit er aber — trotz alle dem, was in den öffentlichen Vorträgen hervorgehoben worden ist — unvermeidlich in Kollision mit denjenigen kommt, die auf dem Boden der heutigen Wissenschaft stehen. Deshalb erfordert Theosophie, so sonderbar das scheinen mag, auf der einen Seite zum Einkleiden der aus den höheren Welten heruntergeholten Wahrheiten, auf der anderen Seite nicht minder aus der bloßen gewöhnlichen Vernünftigkeit heraus das genaueste, präziseste logische Formulieren. Und wer sich diese Aufgabe setzt, präzis und genau logisch zu formulieren, und zu diesem Zwecke alles vermeidet, was etwa Wortfüllsel in einem Satze oder nur rhetorische Verbrämung wäre, der fühlt sehr häufig, wie leicht er mißverstanden werden kann, einfach aus dem Grunde, weil in unserer Zeit nicht überall das intensive Bedürfnis vorhanden ist, die vertretenen Wahrheiten ebenso genau und präzis, wie sie ausgesprochen werden, auch hinzunehmen. Es ist in unserer Zeit die Menschheit, selbst da, wo sie sich wissenschaftlich betätigt, noch gar nicht gewöhnt an dieses Ganz-genau-Nehmen. Wenn man das Vorgetragene ganz genau nimmt, so darf man in den Sätzen nicht nur nichts ändern, sondern man muß auch genau auf die Grenze achten, die in die Formulierungen mit aufgenommen ist.

[ 2 ] It is precisely from an awareness of the difficulties outlined above, which arise for Theosophy, that every Theosophist should feel the need to exercise the greatest possible accuracy and the highest precision in presenting Theosophical truths. This is something of which the person who, out of an understanding of the relevant contexts, has to represent these things is well aware; yet—despite everything that has been emphasized in public lectures—he inevitably comes into conflict with those who stand on the ground of modern science. Therefore, strange as it may seem, Theosophy requires, on the one hand, the most precise and exact logical formulation to clothe the truths brought down from the higher worlds, and on the other hand, no less so, out of mere common sense. And whoever sets themselves the task of formulating precisely and logically, and to this end avoids everything that might be mere filler in a sentence or merely rhetorical embellishment, very often feels how easily they can be misunderstood, simply because in our time there is not everywhere an intense need to accept the truths presented just as exactly and precisely as they are expressed. In our time, humanity—even where it engages in scientific activity—is still not at all accustomed to this kind of absolute precision. If one takes what is presented with absolute precision, one must not only refrain from changing anything in the sentences, but one must also pay close attention to the boundaries that are incorporated into the formulations.

[ 3 ] Wir haben hierfür ein leichtes Beispiel, das bei dem Fragenstellen kürzlich aufgetaucht ist. Es wurde gefragt: Wenn das Traumbewußtsein nur eine Art Bilderbewußtsein ist, wie kommt es denn dann, daß aus diesem Traumbewußtsein heraus gewisse unterbewußte Handlungen, wie zum Beispiel Nachtwandeln, vollzogen werden können? - Da hat der Fragesteller nicht beachtet, wie ich auch damals schon erwähnt habe, daß mit dem Satze, es seien die Inhalte des Traumbewußtseins etwas Bildhaftes, nicht gemeint ist, sie seien nur Bildhaftes, sondern daß selbstverständlich, da nur von einer Seite her der Horizont des Traumbewußstseins charakterisiert worden ist, gerade aus der Natur dieser Charakteristik sich ergab: Wie unsere Tageshandlungen folgen aus unserem Tagesbewußtsein, so könnten gewisse Handlungen weniger bewußter Natur auch folgen aus dem Bilderbewußtsein des Traumes.

[ 3 ] We have a simple example of this that recently came up in the Q&A section. The question was: If dream consciousness is merely a kind of visual consciousness, how is it then that certain subconscious actions, such as sleepwalking, can be carried out from within this dream consciousness? - The questioner failed to note, as I mentioned back then, that the statement that the contents of dream consciousness are somewhat pictorial does not mean that they are merely pictorial, but that, since the horizon of dream consciousness has been characterized from only one side, it naturally follows from the very nature of this characteristic: Just as our daytime actions follow from our daytime consciousness, so too could certain actions of a less conscious nature follow from the pictorial consciousness of the dream.

[ 4 ] Es soll durchaus ohne Anklage gesagt werden, daß das ungenaue Zuhören einer der hauptsächlichsten Gründe ist, warum der Theosophie und ihrer Vertretung heute so viele Mißverständnisse entgegengebracht werden. Es werden solche Mißverständnisse nicht etwa bloß von den Gegnern der Theosophie entgegengebracht, sondern in einem hohen Maße auch von denjenigen, die Bekenner dieser theosophischen Weltanschauung sind. Und vielleicht liegt ein großer Teil der Schuld an den Mißverständnissen, welche die Außenwelt der Geisteswissenschaft entgegenbringt, daran, daß gerade auch innerhalb der theosophischen Kreise nach der gekennzeichneten Richtung hin so viel gesündigt wird.

[ 4 ] It should be said, without any accusation, that inattentive listening is one of the main reasons why theosophy and its proponents are met with so many misunderstandings today. Such misunderstandings are not merely held by the opponents of Theosophy, but to a large extent also by those who profess this theosophical worldview. And perhaps a large part of the blame for the misunderstandings that the outside world directs toward spiritual science lies in the fact that, precisely within theosophical circles, there is so much deviation in the direction described.

[ 5 ] Wenn wir nun unter den Wissenschaften, welche in unserer Zeit Geltung haben, Umschau halten, so könnte vielleicht die allgemeine Empfindung dahin gehen, daß die Theosophie am meisten Beziehungen hätte, am meisten verwandt wäre mit der Philosophie mit ihren verschiedenen Zweigen. Eine solche Behauptung wäre auch durchaus richtig, und man könnte eigentlich aus der Natur der Sachlage heraus voraussetzen, daß die nächste Möglichkeit, den theosophischen Erkenntnissen Verständnis entgegenzubringen, auf der Seite der Philosophie vorliegen würde. Aber gerade da zeigen sich wieder andere Schwierigkeiten.

[ 5 ] If we now take a look at the sciences that are recognized in our time, the general impression might be that theosophy is most closely related to philosophy and its various branches. Such a claim would indeed be correct, and one might actually assume, based on the nature of the situation, that the closest avenue for understanding theosophical insights would lie within the realm of philosophy. But it is precisely here that other difficulties arise.

[ 6 ] Philosophie, wie sie heute, man darf sagen, allüberall gepflegt wird, ist in einem viel höheren Maße eine Art Spezialwissenschaft geworden, als sie vor verhältnismäßig noch kurzer Zeit war. Sie ist eine Spezialwissenschaft geworden und arbeitet, wenn wir ihre praktische Arbeit heute ansehen und uns nicht auf einzelne Theorien einlassen, praktisch im Wesentlichen in abstrakten Regionen. Und es ist nicht viel Neigung vorhanden, die Philosophie zu der konkreten Auffassung des Tatsächlichen herunterzuführen. Ja, es ergeben sich sogar Schwierigkeiten in dem heutigen Betriebe der Philosophie, wenn man mit diesem philosophischen Streben von heute die Welt des Tatsächlichen umfassen will. Die nach den verschiedensten Richtungen hin mit großem Scharfsinn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage hinein ausgeführte Erkenntnistheorie ist ja so, wie wir sie heute haben, hauptsächlich aus dem Grunde entstanden, weil diese Schwierigkeiten, aus den abstrakten Höhen des Denkens, des Begriffes herab an die Tatsachen heranzudringen, gefühlt wurden.

[ 6 ] Philosophy, as it is practiced today—one might say, everywhere—has become a kind of specialized discipline to a much greater extent than it was even a relatively short time ago. It has become a specialized discipline, and if we look at its practical work today—without getting bogged down in individual theories—it essentially operates in abstract realms. And there is little inclination to bring philosophy down to a concrete understanding of reality. Indeed, difficulties even arise in the current practice of philosophy when one attempts to encompass the world of reality with today’s philosophical endeavors. The theory of knowledge, which was developed with great acumen in a wide variety of directions during the second half of the 19th century and up to the present day, has, in the form we have today, arisen mainly because these difficulties—in descending from the abstract heights of thought and concept to approach the facts—were felt.

[ 7 ] Nun fühlt man, daß gerade bei solchen Vorträgen, wie es diejenigen dieses Zyklus über «Okkulte Physiologie» sind, Theosophie überall genötigt ist, mit dem, was sie als übersinnliche Bewußtseinsinhalte zu geben hat, unmittelbar heranzudringen an unsere tatsächliche Welt. Wenn ich trivial reden darf, möchte ich sagen: Theosophie hat es nicht so gut wie die heutige Philosophie, welche sich in abstrakten Regionen hält und welche durchaus nicht sehr geneigt sein würde, in ihre Betrachtungen solche Begriffe wie sagen wir zum Beispiel des Blutes oder der Leber oder der Milz, also Inhalte des Tatsächlichen aufzunehmen. Es würde diese Philosophie sehr davor zurückschrecken, die Brücke von ihren abstrakten Begriffsbildungen zu schlagen nach den konkreten, unmittelbar tatsächlich an uns herantretenden Ereignissen und Dingen. Die Theosophie ist in dieser Beziehung waghalsiger und kann gerade deshalb gegenüber der Philosophie sehr leicht angesehen werden als eine Geistesbetätigung, die kühn und unberechtigt eine Brücke schlägt von dem Geistigsten bis zu dem Allertatsächlichsten herunter.

[ 7 ] One senses that, particularly in lectures such as those in this series on “Occult Physiology,” Theosophy is compelled to bring what it has to offer in terms of supersensible contents of consciousness into direct contact with our actual world. If I may speak in trivial terms, I would like to say: Theosophy does not have it as easy as contemporary philosophy, which remains in abstract realms and would be quite reluctant to incorporate into its considerations such concepts as, say, blood, the liver, or the spleen—that is, the contents of the actual world. This philosophy would be very reluctant to build a bridge from its abstract conceptualizations to the concrete events and things that actually confront us directly. Theosophy is more daring in this regard and can therefore very easily be viewed, in contrast to philosophy, as a spiritual activity that boldly and unjustifiably builds a bridge from the most spiritual down to the most concrete.

[ 8 ] Nun muß es doch eigentlich interessant sein, sich einmal zu fragen: Woher kommt es denn, daß es Philosophen so schwer ist, an die Theosophie heranzukommen? — Vielleicht gerade aus diesem Grunde, weil die Philosophie es vermeidet, diese Brücke zu schlagen.

[ 8 ] It must surely be interesting to ask ourselves: Why is it so difficult for philosophers to engage with theosophy? — Perhaps precisely because philosophy avoids building that bridge.

[ 9 ] Für die Theosophie selber ist diese Tatsache in gewissem Sinne eine Fatalität, ist außerordentlich fatal. Denn man stößt mit den theosophischen Erkenntnissen, insbesondere dann, wenn man sie herunterführen will bis zur logischen Durcharbeitung, sehr, sehr häufig auf Widerstände. Gerade auf philosophischer Seite stößt man in dieser Beziehung auf Widerstände. Und zwar ist es sogar sehr oft vorgekommen, daß man weniger auf Widerstände stößt, wenn man sozusagen lustig darauflos den Menschen sensationelle Beobachtungen aus den höheren Welten erzählt. Das verzeihen sie oftmals verhältnismäßig leicht, denn erstens sind diese Dinge «interessant», und zweitens sagen sich die Menschen: Nun, insofern wir nicht in diese Welten hinaufschauen können, sind wir gar nicht dazu aufgerufen, irgendein Urteil darüber zu fällen.

[ 9 ] For Theosophy itself, this fact is, in a certain sense, a tragedy; it is extremely tragic. For one very, very often encounters resistance when dealing with theosophical insights, especially when one attempts to work them through logically. It is precisely on the philosophical side that one encounters resistance in this regard. In fact, it has even happened very often that one encounters less resistance when one, so to speak, cheerfully recounts sensational observations from the higher worlds to people. People often forgive this relatively easily, because, first of all, these things are “interesting,” and secondly, people tell themselves: Well, since we cannot look up into these worlds, we are not called upon to pass any judgment on them at all.

[ 10 ] Nun ist es aber das Bestreben der Theosophie, alles, was in den höheren Welten gefunden werden kann, zum vernünftigen Begreifen herunterzuführen. Gefunden sind die Tatsachen, wenn sie wirklich als solche gelten können, durch übersinnliches Forschen in den übersinnlichen Welten. Die Form der Darstellung sollte aber in unserer Gegenwart so gegeben werden, daß alles in streng logische Formen gekleidet wird und daß an all den Stellen, wo es heute schon möglich ist, darauf hingewiesen wird, wie die allertatsächlichsten äußeren Vorgänge uns schon überall Bestätigungen für das ergeben können, was wir aus der geistigen Forschung heraus behaupten können. In diesem ganzen Vorgange, die Erkenntnisse der geistigen Welt herunterzuholen, sie einzukleiden in logische oder sonstige Vernunftformen und sie so darzubieten in einer Gestalt, welche dem logischen Bedürfnisse unserer Zeit entgegenkommt, besteht nun heute eine, man darf sagen, wirklich außerordentlich begreifliche Quelle zahlreichster Mißverständnisse. Nehmen Sie einmal das Komplizierte, was in diesen Vorträgen über «Okkulte Physiologie» gesagt worden ist, das in seinen Bestimmungen überall nur mit Einschränkungen, mit genauen Angaben der Grenzen Hinzunehmende, nehmen Sie das ganz Komplizierte der in sich ungeheuer beweglichen und variablen Welt des Geistigen, und vergleichen Sie diese Welt des Geistigen in ihrer ganzen Variabilität, in der Schwierigkeit, etwas uns aus geistigen Welten Herunterkommendes mit groben Begriffskonturen zu umspannen, vergleichen Sie es mit der Leichtigkeit, irgendeine äußere Tatsache durch ein Experiment oder durch sinnliche Beobachtung zu charakterisieren und in einem logischen Stil zu beschreiben!

[ 10 ] It is, however, the aim of Theosophy to bring everything that can be found in the higher worlds down to a level of rational understanding. These facts—if they can truly be considered as such—have been discovered through supersensible research in the supersensible worlds. However, the form of presentation should be such in our present time that everything is clothed in strictly logical forms, and that wherever it is already possible today, reference is made to how the most concrete external events can already provide us with confirmations everywhere for what we can assert on the basis of spiritual research. In this entire process of bringing down the insights of the spiritual world, clothing them in logical or other rational forms, and presenting them in a manner that meets the logical needs of our time, there now exists—one might say—a truly extraordinary and understandable source of the most numerous misunderstandings. Take, for instance, the complex matters discussed in these lectures on “Occult Physiology”—which, in their definitions, are everywhere subject to qualifications and precise specifications of their limits—take the immense complexity of the spiritual world, which is in itself tremendously dynamic and variable, and compare this spiritual world in all its variability, in the difficulty of encompassing something descending to us from spiritual worlds with coarse conceptual outlines—compare it with the ease of characterizing any external fact through an experiment or through sensory observation and describing it in a logical style!

[ 11 ] Nun besteht aber heute überall in unserer Philosophie die Tendenz, wo Begriffe erläutert und beschrieben werden, auf gar nichts anderes Rücksicht zu nehmen als auf solche Vorstellungen, die aus der Welt gewonnen werden, die als die sinnliche Welt vor uns liegt. Das wird in der Philosophie besonders dann fühlbar, wenn sie genötigt ist, zum Beispiel auf ethischem Gebiete einen anderen Ursprung für die Grundbegriffe zu finden als solche Vorstellungen, die an der äußeren Wahrnehmung der physischen Welt gewonnen werden. Wir finden - und das wäre unschwer nachzuweisen, aber natürlich nur durch ausführliche Darlegungen aus der zeitgenössischen philosophischen Literatur -, daß bei allem, was heute in der Philosophie verarbeitet wird, die Begriffsbestimmungen so grob sind, weil für begriffliche Bewußtseinsinhalte im Grunde genommen nur Rücksicht genommen wird auf die Wahrnehmungswelt, die um uns herum existiert und nur aufgrund derselben die Begriffe gebildet werden.

[ 11 ] Today, however, there is a tendency throughout our philosophy, whenever concepts are explained and described, to take into account nothing other than those ideas derived from the world that lies before us as the sensory world. This becomes particularly apparent in philosophy when it is compelled, for example in the field of ethics, to find a different origin for basic concepts than those ideas derived from the external perception of the physical world. We find—and this would be easy to demonstrate, though of course only through detailed examinations of contemporary philosophical literature—that in everything dealt with in philosophy today, the definitions of concepts are so crude because, when it comes to conceptual contents of consciousness, account is taken essentially only of the world of perception that exists around us, and concepts are formed solely on the basis of that world.

[ 12 ] Gibt es eigentlich einen Anhaltspunkt dafür, daß in der Philosophie bei der Entstehung der allerelementarsten Begriffe Bewußtseinsinhalte auch von anderer Seite gewonnen werden als von der Seite der sinnlich wahrnehmbaren Welt? -— Kurz gesagt: Es fehlt der zeitgenössischen Philosophie die Möglichkeit, zu einem Verständnis der Theosophie zu kommen, weil sie mit ihren Theorien nicht anknüpfen kann an solche Begriffe, wie wir sie in unseren theosophischen Auseinandersetzungen pflegen. Wir haben in der philosophischen Literatur den Bewußtseinshorizont dadurch bestimmt, daß bei dem Bilden von Begriffen überall nur Rücksicht genommen wird auf die äußere Wahrnehmungswelt und nicht auf solche Inhalte, die von anderer Seite als von der der sinnlichen Wahrnehmungen herrühren.

[ 12 ] Is there actually any evidence to suggest that, in philosophy, when the most elementary concepts of consciousness arise, their content is derived from sources other than the sensually perceptible world? — In short: Contemporary philosophy lacks the ability to arrive at an understanding of theosophy because its theories cannot connect with the concepts we employ in our theosophical discussions. In philosophical literature, we have defined the horizon of consciousness by the fact that, in the formation of concepts, consideration is given everywhere only to the external world of perception and not to such contents that originate from sources other than sensory perception.

[ 13 ] Die Theosophie nun muß ihre Begriffe auf eine ganz andere Weise gewinnen; sie muß zu übersinnlicher Erkenntnis aufsteigen und ihre Begriffe aus dem Übersinnlichen herunterholen. Sie muß aber auch in die Seite der Realität sich hineinvertiefen und muß die aus der Beobachtung der sinnlichen Welt gewonnenen philosophischen Begriffe beherrschen. Wenn wir uns das einmal schematisch vorstellen wollen, so haben wir auf der einen Seite in der Philosophie Begriffe, die durch äußere Wahrnehmung gewonnen werden, auf der anderen Seite die Begriffe, die aus dem Übersinnlichen durch geistige Wahrnehmung gewonnen werden. Und wenn wir das Feld der Begriffe uns denken, durch die wir uns verständigen, so müssen wir sagen: Wenn Theosophie als etwas Berechtigtes gelten soll, dann müssen unsere Begriffe von beiden Seiten her genommen werden, auf der einen Seite von der sinnlichen Wahrnehmung, auf der anderen Seite von der geistigen Wahrnehmung, und auf dem Felde unserer Begriffe müssen diese beiden Seiten sich treffen.

[ 13 ] Theosophy, however, must derive its concepts in an entirely different way; it must ascend to supersensible knowledge and draw its concepts down from the supersensible realm. But it must also delve deeply into the realm of reality and master the philosophical concepts derived from the observation of the sensory world. If we wish to visualize this schematically, on the one hand we have, in philosophy, concepts derived from external perception; on the other hand, we have concepts derived from the supersensible realm through spiritual perception. And when we consider the realm of concepts through which we communicate, we must say: If theosophy is to be regarded as legitimate, then our concepts must be drawn from both sides—on the one hand from sensory perception, on the other from spiritual perception—and in the realm of our concepts, these two sides must meet.

[ 14 ] Durch äußere Wahrnehmung gewonnene Begriffe gewonnene Begriffe (Philosophie) + Durch übersinnliche Wahrnehmung (Theosophie) = Begriffsfeld

[ 14 ] Concepts derived from external perception (philosophy) + concepts derived from supersensory perception (theosophy) = conceptual field

[ 15 ] Es muß das Bedürfnis bestehen, gerade in theosophischen Darstellungen mit den aus der geistigen Welt heruntergeholten Begriffen sich mit den philosophischen Begriffen zu treffen, das heißt, daß mit unseren Begriffen überall angeschlossen werden kann an die Begriffe, die aus der äußeren sinnlichen Wahrnehmungswelt gewonnen werden.

[ 15 ] There must be a need, particularly in theosophical presentations, for the concepts drawn from the spiritual world to align with philosophical concepts; that is to say, our concepts must be able to connect in every instance with the concepts derived from the external world of sensory perception.

[ 16 ] Unsere heutigen Erkenntnistheorien sind mehr oder weniger fast ausschließlich von dem Gesichtspunkt aus aufgebaut, daß die Begriffe nur von einer Seite her genommen werden. Ich will damit nicht sagen, daß es nicht auch Erkenntnistheorien gibt, wo etwas Übersinnliches als Ursprung der Begriffe zugelassen ist. Aber überall, wo etwas positiv bewiesen werden soll, sind die Beispiele dadurch charakterisiert, daß die Begriffe nur von der linken Seite (Schema) genommen sind, also von der Seite, auf der die Begriffe an der sinnlich-physischen Wahrnehmungswelt gewonnen werden. Das ist auch ganz natürlich, weil [in der Philosophie] geistige Tatsachen als solche nicht anerkannt werden. Man berücksichtigt eben nicht den Fall, daß geistige Tatsachen, die aus den geistigen Welten heruntergeholt werden, ebenso in Begriffe gebracht werden können, wie die Tatsachen der physischen Welt in Begriffe gebracht werden. Dieser Umstand hat dazu geführt, daß die Theosophie, wenn sie sich mit der Philosophie verständigen will, auf der Seite der Philosophie fast gar keinen vorbereiteten Boden findet und daß in der Philosophie die Art und Weise, wie in der Theosophie die Begriffe gebraucht werden, nicht leicht verstanden werden kann.

[ 16 ] Our current theories of knowledge are, more or less, almost exclusively based on the premise that concepts are derived from only one side. I do not mean to say that there are no theories of knowledge in which something supernatural is accepted as the source of concepts. But wherever something is to be proven positively, the examples are characterized by the fact that concepts are taken only from the left side (schema), that is, from the side where concepts are derived from the sensory-physical world of perception. This is also quite natural, because [in philosophy] spiritual facts are not recognized as such. One simply does not take into account the fact that spiritual facts, which are brought down from the spiritual worlds, can be conceptualized just as the facts of the physical world are conceptualized. This circumstance has led to the fact that when Theosophy seeks to communicate with philosophy, it finds almost no prepared ground on the side of philosophy, and that in philosophy the manner in which concepts are used in Theosophy cannot easily be understood.

[ 17 ] Man möchte sagen: Steht man der äußeren sinnlichen Wahrnehmungswelt gegenüber, so hat man es leicht, den Begriffen scharfe Konturen zu geben. Da haben die Dinge selbst scharfe Konturen, scharfe Grenzen, da ist man leicht imstande, auch den Begriffen scharfe Konturen zu geben. Steht man dagegen der in sich beweglichen und variablen geistigen Welt gegenüber, so muß oft vieles erst zusammengetragen und in den Begriffen Einschränkungen oder Erweiterungen gemacht werden, um einigermaßen charakterisieren zu können, was eigentlich gesagt werden soll. Die Erkenntnistheorie, wie sie heute getrieben wird, ist am allerwenigsten geeignet, sich auf solche Begriffe einzulassen, wie sie in der Theosophie verwendet werden. Denn indem man, um die Begriffe zu bestimmen, die Gründe für die Begriffsbestimmungen - bewußt oder unbewußt — nur von einer Seite nimmt, mischt sich in alle Begriffe, die man bildet, ohne daß man es recht weiß, etwas hinein, was zu solchen erkenntnistheoretischen Begriffen führt, die überhaupt nicht zu brauchen sind, um in der Theosophie irgend etwas zu erläutern oder zu erklären. Der Begriff, wie er von der sozusagen nichttheosophischen Welt geliefert wird, ist einfach ungeeignet als Instrument zum Charakterisieren dessen, was durch die Theosophie aus der geistigen Welt heruntergeholt wird.

[ 17 ] One might say: When faced with the external world of sensory perception, it is easy to give concepts sharp contours. Since things themselves have sharp contours and clear boundaries, it is easy to give concepts sharp contours as well. When, on the other hand, one faces the inner, ever-changing, and variable spiritual world, one often must first gather much information and make restrictions or expansions within the concepts in order to be able to characterize to some extent what is actually meant. Epistemology, as it is practiced today, is least suited to engaging with such concepts as those used in Theosophy. For in defining these concepts, by taking the grounds for their definitions—consciously or unconsciously—from only one side, something is inadvertently mixed into every concept one forms, leading to epistemological concepts that are entirely unnecessary for elucidating or explaining anything in Theosophy. The concept, as provided by the so-called non-theosophical world, is simply unsuitable as an instrument for characterizing what is brought down from the spiritual world through Theosophy.

[ 18 ] Nun gibt es insbesondere einen solchen Begriff, der auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie ein furchtbarer Störenfried ist. Ich weiß sehr wohl, daß er gar nicht als solcher empfunden wird, aber er ist ein Störenfried. Das ist, wenn man von allen feineren Nuancierungen absieht, die in so scharfsinniger Weise im Verlaufe des 19. Jahrhunderts sich herausgebildet haben, der Punkt, wo das erkenntnistheoretische Problem so formuliert wird, daß man sagt: Wie kommt eigentlich das Ich mit seinem Bewußtseinsinhalt - oder wenn man meinetwillen es vermeiden will, vom Ich zu sprechen -, wie kommt unser Bewußtseinsinhalt dazu, von uns auf eine Realität bezogen zu werden? — Diese Gedankengänge haben mehr oder weniger - mit Ausnahme von gewissen erkenntnistheoretischen Richtungen im 19. Jahrhundert — zu einer Erkenntnistheorie geführt, welche immer wieder und wieder als eine große Schwierigkeit empfindet, die Möglichkeit zu sehen, wie das Transsubjektive oder Transzendente, also das, was außerhalb unseres Bewußtseins liegt, in unser Bewußtsein eintreten kann. Ich will zugeben, daß damit das Erkenntnisproblem nur grob charakterisiert ist. Aber es sind doch die Schwierigkeiten im wesentlichen damit charakterisiert, daß man sagt: Wie kann überhaupt das, was subjektiver Bewußtseinsinhalt ist, irgendwie heran an das Sein, an die Realität? Wie kann es bezogen werden auf die Realität? Denn wir müssen uns klar sein, daß, selbst wenn wir eine außerhalb unseres Bewußtseins liegende transsubjektive Realität voraussetzen, dasjenige, was in unserem Bewußtsein drinnen ist, nicht unmittelbar an diese Realität herantreten kann. Wir haben also - so heißt es - in uns den Bewußtseinsinhalt, und wir können uns fragen: Wie haben wir die Möglichkeit, aus diesem Bewußtseinsinhalt heraus in das Sein, in die Realität, die unabhängig ist von unserem Bewußtsein, hineinzudringen?—

[ 18 ] Now there is one such term in particular that is a terrible troublemaker in the field of epistemology. I am well aware that it is not perceived as such, but it is a troublemaker. Setting aside all the finer nuances that emerged so astutely over the course of the 19th century, this is the point where the epistemological problem is formulated in such a way that one asks: How does the self, with its contents of consciousness—or, if one wishes to avoid speaking of the self for my sake—how do the contents of our consciousness come to be related by us to a reality? — These lines of thought have more or less—with the exception of certain epistemological schools in the 19th century—led to an epistemology that repeatedly finds it a great difficulty to conceive of how the trans-subjective or transcendent, that is, what lies outside our consciousness, can enter into our consciousness. I will admit that this only roughly characterizes the problem of knowledge. But the difficulties are essentially characterized by the question: How can that which is the content of subjective consciousness even come close to being, to reality? How can it be related to reality? For we must be clear that, even if we assume a transsubjective reality lying outside our consciousness, that which is within our consciousness cannot immediately approach this reality. So we have—as it is said—the content of consciousness within us, and we can ask ourselves: How do we have the possibility of penetrating, from this content of consciousness, into being, into reality, which is independent of our consciousness?—

[ 19 ] Ein bedeutender Erkenntnistheoretiker der Gegenwart hat dieses Problem mit einem prägnanten Ausdruck charakterisiert: Das menschliche Ich, insofern es den Bewußtseinshorizont umfaßt, könne sich nicht selber überspringen, denn es müßte aus sich herausspringen, wenn es in die Realität hineinspringen würde. Dann wäre es aber in der Realität und nicht im Bewußtsein. — Es scheint also für diesen Erkenntnistheoretiker klar zu sein, daß überhaupt nichts darüber ausgemacht werden kann, wie der Bewußtseinsinhalt zur wirklichen Realität steht.

[ 19 ] A prominent contemporary epistemologist has characterized this problem with a succinct phrase: The human self, insofar as it encompasses the horizon of consciousness, cannot leap over itself, for it would have to leap out of itself if it were to leap into reality. But then it would be in reality and not in consciousness. — It therefore seems clear to this epistemologist that absolutely nothing can be determined about the relationship between the content of consciousness and actual reality.

[ 20 ] Es ist mir vor vielen Jahren in meinen erkenntnistheoretischen Schriften darum zu tun gewesen, zunächst einmal dieses Erkenntnisproblem festzustellen — das ja auch in der Theosophie grundlegend ist- und dann die Schwierigkeiten, die sich aus einer solchen wie der eben bezeichneten Formulierung ergeben, wegzuschaffen. Dabei konnte einem allerdings sehr Merkwürdiges passieren. So zum Beispiel gab es in der Zeit, in welcher sich das zugetragen hat, wovon ich sprechen will, Philosophen, die von vornherein davon ausgingen - ganz ähnlich wie Schopenhauer zu sagen: «Die Welt ist meine Vorstellung.» Das heißt, das, was im Bewußtsein gegeben ist, das ist zunächst nur Vorstellungsinhalt, und nun handelt es sich um die Frage, wie eine Brücke zu schlagen ist von der Vorstellung zu dem, was außerhalb des Vorgestellten ist, zu der transsubjektiven Realität. Nun ist eigentlich für jeden, welcher sich nicht faszinieren läßt durch Feststellungen, die angeblich auf diesem Felde gemacht worden sind, sondern der unbefangen an die Sache herantritt, eine Frage sogleich gegeben, und einer großen Menge der erkenntnistheoretischen Literatur gegenüber, namentlich der, welche in den siebziger und in der ersten Hälfte der achtziger Jahre geschrieben worden ist, muß man diese Frage aufwerfen: Wenn irgend etwas «meine Vorstellung» ist, und wenn dieses Vorgestellte selbst mehr sein soll als etwas innerhalb des Bewußtseinsinhaltes Liegendes, wenn es Geltung für sich selbst haben soll, dann ist damit etwas gesagt, was im Grunde genommen nicht vor dem Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie liegen darf, sondern etwas, was erst festgestellt werden kann, nachdem diese viel wichtigeren erkenntnistheoretischen Grundfragen erörtert worden sind. Denn wir müssen uns zuerst fragen: Warum dürfen wir überhaupt etwas, was in uns als Bewußtseinsinhalt auftritt, «meine Vorstellung» nennen? Haben wir ein Recht zu sagen: Was auf meinem Bewußtseinshorizont auftritt, ist meine Vorstellung —? Die Erkenntnistheorie hat durchaus nicht das Recht, auszugehen von dem Urteil, das Gegebene sei meine Vorstellung, sondern sie hat die Pflicht, wenn sie wirklich auf ihre ersten Anfänge zurückgeht, erst zu rechtfertigen, daß das, was da auftritt, der subjektive Bewußstseinsinhalt ist.

[ 20 ] Many years ago, in my epistemological writings, my aim was first to identify this problem of knowledge—which is, after all, fundamental to theosophy—and then to resolve the difficulties arising from a formulation such as the one just described. In doing so, however, something very strange could happen. For example, at the time when the events I am about to describe took place, there were philosophers who assumed from the outset—much like Schopenhauer—that “the world is my idea.” That is to say, what is present in consciousness is, at first, merely the content of a concept, and the question now is how to build a bridge from the concept to what lies outside the conceptualized, to trans-subjective reality. Now, for anyone who is not captivated by assertions supposedly made in this field but approaches the matter with an open mind, a question immediately presents itself; and in the face of a great deal of epistemological literature, particularly that written in the 1870s and the first half of the 1880s, one must raise this question: If anything is “my representation,” and if this represented object is to be more than merely something lying within the content of consciousness—if it is to have validity in and of itself—then this implies something that, strictly speaking, cannot precede the starting point of epistemology, but rather something that can only be established after these far more important fundamental epistemological questions have been discussed. For we must first ask ourselves: Why are we even allowed to call something that appears within us as the content of consciousness “my idea”? Do we have the right to say: What appears on the horizon of my consciousness is my idea—? Epistemology certainly has no right to proceed from the judgment that the given is my idea; rather, if it is to go back to its very beginnings, it has the duty first to justify that what appears there is the subjective content of consciousness.

[ 21 ] Es gibt selbstverständlich mehrere hundert Einwände gegenüber dem, was jetzt gesagt worden ist, aber ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen einzigen dieser Einwände lange festzuhalten, wenn man unbefangen auf die Sache eingeht. Aber ich habe erlebt, daß ein bekannter und bedeutender Philosoph mir eine ganz eigentümliche Antwort gab, als ich ihn auf dieses Dilemma aufmerksam machte und ihm auseinandersetzen wollte, daß es doch zuerst geprüft werden müsse, ob es erkenntnistheoretisch gerechtfertigt sei, die Vorstellung als etwas Nicht-Reales zu charakterisieren. Da sagte er: Das ist doch selbstverständlich, das liegt doch schon in der Definition des Wortes «Vorstellung», daß wir etwas vor uns stellen, was nicht real ist. - Er konnte gar nicht begreifen - so sehr waren ihm diese Vorstellungen eingewurzelt, welche im Laufe von Jahrhunderten gewachsen sind -, daß man mit dieser ersten Definition etwas noch vollständig Unbegründetes hinstellt.

[ 21 ] There are, of course, several hundred objections to what has just been said, but I do not believe it is possible to sustain even a single one of these objections for long if one approaches the matter with an open mind. But I have experienced a well-known and prominent philosopher giving me a very peculiar answer when I drew his attention to this dilemma and tried to explain to him that one must first examine whether it is epistemologically justified to characterize the idea as something non-real. He replied: “But that goes without saying; it is already inherent in the definition of the word ‘representation’ that we place before us something that is not real.”—He could not comprehend at all—so deeply ingrained in him were these notions, which had developed over the course of centuries—that this initial definition posits something that is still entirely unfounded.

[ 22 ] Wenn wir überhaupt innerhalb des Umfanges der Welt, in der wir drinnenstehen — wobei ich Sie bitte, die Worte «die Welt, in der wir drinnenstehen» zu verstehen als die Welt, wie wir sie im Alltag haben -, wenn wir überhaupt innerhalb dieser Welt irgendeine Feststellung machen wollen, zum Beispiel daß dasjenige, was da als Welt gegeben ist, eine «Vorstellung» sei, so müssen wir uns klar sein, daß es ja gar nicht möglich ist, eine solche Feststellung zu machen, ohne dasjenige, was wir unsere denkerische Tätigkeit nennen, ohne Gedanken und Begriffe. Ich will jetzt nichts darüber sagen, daß eine solche Feststellung eigentlich formallogisch schon ein «Urteil» ist. In dem Augenblick, wo wir überhaupt beginnen, irgend etwas nicht so zu lassen, wie es vor uns auftritt, sondern ihm gegenüber eine Feststellung machen, greifen wir mit unserem Denken ein in die Welt, die um uns herum ist. Und wenn wir irgendein Recht haben sollen, so in die Welt einzugreifen, daß wir etwas als «subjektiv» bestimmen, dann müssen wir uns bewußt sein, daß dasjenige, was bestimmt, daß etwas «subjektiv» genannt wird, selber nicht subjektiv sein darf.

[ 22 ] If we want to make any kind of assertion at all within the scope of the world in which we find ourselves—and I ask you to understand the words “the world in which we find ourselves” as the world as we experience it in everyday life—if we want to make any kind of assertion at all within this world, for example, that what is given as the world is a “representation,” then we must be clear that it is not at all possible to make such a statement without what we call our thinking activity, without thoughts and concepts. I do not wish to comment here on the fact that such a statement is, in terms of formal logic, already a “judgment.” The moment we begin to leave anything as it appears before us, but instead make a statement about it, we intervene with our thinking in the world around us. And if we are to have any right to intervene in the world in such a way that we designate something as “subjective,” then we must be aware that what determines that something is called “subjective” must not itself be subjective.

[ 23 ] Denn nehmen wir an, wir hätten hier die Sphäre der Subjektivität (es wird ein Kreis an die Tafel gezeichnet und darüber das Wort «Subjektivität» geschrieben) und es ginge von derselben aus zum Beispiel die Feststellung, A sei subjektiv, sei «meine Vorstellung» oder was auch immer, dann ist diese Feststellung selber subjektiv.

[ 23 ] For suppose we have here the sphere of subjectivity (a circle is drawn on the board and the word “subjectivity” is written above it), and suppose that from this sphere we make the assertion, for example, that A is subjective, is “my conception,” or whatever; then this assertion itself is subjective.

[ 24 ] Subjektivität

[ 24 ] Subjectivity

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Diagram 1
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[ 25 ] Die Folgerung daraus ist dann nicht etwa, daß wir diese Feststellung gelten lassen dürfen, sondern die Folgerung muß sein, daß ein solcher Schluß nicht gemacht werden darf, denn eine solche Feststellung würde sich selber aufheben. Wenn eine Subjektivität nur aus sich selbst heraus festgestellt werden kann, so wäre das eine sich selbst aufhebende Feststellung. Wenn die Feststellung «A ist subjektiv» einen Sinn haben soll, so muß sie nicht ausgehen von der Sphäre der Subjektivität, sondern von einer Realität außerhalb der Subjektivität. Das heißt, wenn das «Ich» überhaupt in der Lage sein soll, sagen zu dürfen, etwas trage einen subjektiven Charakter, zum Beispiel etwas sei «meine Vorstellung», wenn das «Ich» das Recht dazu haben soll, etwas als subjektiv zu bezeichnen, dann darf es nicht selber innerhalb der Sphäre der Subjektivität sein, sondern es muß diese Feststellung von außerhalb der Sphäre der Subjektivität machen. Wir dürfen also die Feststellung, daß etwas subjektiv sei, nicht zurückleiten auf das Ich, das selber subjektiv ist.*)

[ 25 ] The conclusion to be drawn from this is not that we may accept this assertion, but rather that such a conclusion must not be drawn, for such an assertion would be self-contradictory. If subjectivity can be established solely from within itself, then that would be a self-contradictory assertion. If the statement “A is subjective” is to have any meaning, it must not originate from the sphere of subjectivity, but from a reality outside of subjectivity. That is to say, if the “I” is to be in a position at all to say that something has a subjective character—for example, that something is “my idea”—if the “I” is to have the right to designate something as subjective, then it must not itself be within the sphere of subjectivity, but must make this determination from outside the sphere of subjectivity. We must therefore not trace the assertion that something is subjective back to the “I,” which is itself subjective.*)

[ 26 ] Damit ergibt sich aber ein Ausweg aus der Sphäre der Subjektivität heraus, indem wir uns klar darüber werden, daß wir keine Feststellung darüber machen könnten, was subjektiv und was objektiv ist, und schon die allerersten Schritte des Denkens darüber überhaupt unterlassen müßten, wenn wir nicht zu Subjektivität und Objektivität in einer solchen Beziehung stünden, daß beides gleichen Anteil an uns hat. Das führt uns dazu, anzuerkennen - was ich jetzt nicht weiter ausführen kann -, daß unser Ich nicht nur subjektiv genommen werden darf, sondern umfassender ist als unsere Subjektivität. Wir haben ein Recht dazu, aus einem gewissen gegebenen Inhalte, also aus etwas Objektivem, dasjenige abzugrenzen, was subjektiv ist.

[ 26 ] This, however, offers a way out of the sphere of subjectivity by making us realize that we could not determine what is subjective and what is objective, and would have to refrain from even the very first steps of thinking about it at all if we did not stand in such a relationship to subjectivity and objectivity that both have an equal share in us. This leads us to acknowledge—which I cannot elaborate on further here—that our self must not be taken merely as subjective, but is more comprehensive than our subjectivity. We have a right to distinguish, from a certain given content—that is, from something objective—that which is subjective.

[ 27 ] Es treten uns zunächst die verschiedenen Begriffe «objektiv», «subjektiv» und «transsubjektiv» entgegen. «Objektiv» ist selbstverständlich etwas anderes als «transsubjektiv» [Lücke in den Nachschriften].

[ 27 ] We are first confronted with the various terms “objective,” “subjective,” and “transsubjective.” “Objective” is, of course, something different from “transsubjective” [gap in the notes].

[ 28 ] Nun handelt es sich darum — wenn wir diese Voraussetzungen gemacht haben -, ob wir in der Lage sind, den Stein des Anstoßes wegzuräumen, der zu den wichtigsten Hemmnissen in der Erkenntnistheorie gehört, nämlich die Frage, ob innerhalb der Subjektivität der ganze Umfang unseres Ich gefunden werden kann oder nicht. Denn wenn das Ich auch an der Objektivität teilhaftig sein muß, gewinnt die Frage «Kann etwas in die Sphäre der Subjektivität hereinkommen?» eine ganz andere Gestalt. Sobald man das Ich als an der Sphäre der Objektivität teilhaftig bezeichnen darf, muß das Ich in sich gleichartige Qualitäten haben wie das Objektive; es muß etwas von der Sphäre der Objektivität auch im Ich zu finden sein. Mit anderen Worten: Wir dürfen jetzt eine Beziehung zwischen Objektivem und Subjektivem voraussetzen, die wesentlich abweicht von der Auffassung, daß nichts vom Transsubjektiven zum Subjektiven hinüberkommen könne.

[ 28 ] Now that we have established these premises, the question is whether we are able to remove the stumbling block that is one of the most significant obstacles in epistemology, namely, whether or not the entire scope of our self can be found within subjectivity. For if the self must also participate in objectivity, the question “Can anything enter the sphere of subjectivity?” takes on an entirely different form. As soon as one may describe the self as participating in the sphere of objectivity, the self must possess qualities within itself that are of the same kind as the objective; something from the sphere of objectivity must also be found within the self. In other words: We may now assume a relationship between the objective and the subjective that differs significantly from the view that nothing can pass from the trans-subjective to the subjective.

[ 29 ] Wenn man sagt, daß nichts zum Subjektiven hinüberkommen kann, dann hat man erstens das Subjektive erkenntnistheoretisch als in sich abgeschlossen bestimmt, und zweitens hat man dabei einen Begriff verwendet, der nur für eine gewisse Sphäre der Realität Berechtigung hat, nicht aber für den ganzen Umfang der Realität Geltung haben kann. Das ist der Begriff des «Ding an sich». Dieser Begriff spielt bei vielen Erkenntnistheoretikern eine große Rolle; er ist wie ein Netz, in welchem sich das philosophische Denken selber fängt. Man merkt aber dabei gar nicht, daß dieser Begriff nur für eine gewisse Sphäre der Realität gilt und daß er aufhört Geltung zu haben, wo diese Sphäre aufhört.

[ 29 ] When one says that nothing can pass over into the subjective, one has, first, defined the subjective epistemologically as self-contained, and second, one has used a concept that is valid only for a certain sphere of reality, but cannot apply to the entire scope of reality. This is the concept of the “thing-in-itself.” This concept plays a major role for many epistemologists; it is like a net in which philosophical thought itself becomes entangled. Yet one fails to notice that this concept applies only to a certain sphere of reality and that it ceases to apply where that sphere ends.

[ 30 ] Im Materiellen zum Beispiel hat der Begriff Geltung. Ich möchte erinnern an das Beispiel vom Petschaft und Siegellack. Wenn Sie ein Petschaft nehmen, auf dem der Name «Müller» steht, und Sie drücken es in heißen Siegellack, dann können Sie mit Recht sagen: Es kann nichts von der Materie des Petschaft herüberkommen in den Siegellack. - Da haben Sie etwas, wo das Nicht-herüberkommen-Können gilt. Mit dem Namen «Müller» aber ist das anders, der kann restlos hinüberfließen in den Siegellack. Und wenn der Lack selbst sprechen könnte und betonen wollte, daß nichts von der Materie des Petschaft in ihn hineingeflossen ist, so müßte er doch zugeben, daß das, worauf es ankommt, nämlich der Name «Müller», restlos herübergekommen ist. Da haben wir also die Sphäre überschritten, wo der Begriff des «Ding an sich» eine Berechtigung hatte.

[ 30 ] In the material realm, for example, the concept applies. I would like to recall the example of the seal and sealing wax. If you take a seal bearing the name “Müller” and press it into hot sealing wax, then you can rightly say: Nothing of the material substance of the seal can pass over into the sealing wax. — Here you have a case where the inability to pass over applies. With the name “Müller,” however, it is different; it can flow over completely into the sealing wax. And if the wax itself could speak and wanted to emphasize that nothing of the material of the seal has flowed into it, it would still have to admit that what matters—namely, the name “Müller”—has passed over completely. So here we have crossed the sphere where the concept of the “thing-in-itself” had any justification.

[ 31 ] Woher ist es denn gekommen, daß dieser Begriff, der in einer gewissen feineren Weise bei Kant, ziemlich grobklotzig bei Schopenhauer, dann aber scharfsinnig beschrieben bei den verschiedensten Erkenntnistheoretikern des 19. Jahrhunderts auftritt, eine solche Bedeutung hat gewinnen können?

[ 31 ] How did this concept—which appears in a somewhat more subtle form in Kant, in a rather crude and clumsy form in Schopenhauer, and then in a perceptive description by a wide variety of 19th-century epistemologists—come to acquire such significance?

[ 32 ] Es ist, wenn man auf die ganze Sache näher eingeht, daher gekommen, daß das, was die Menschen in Begriffen ausarbeiten, doch von der ganzen Art ihres Denkens abhängt. Nur in einem Zeitalter, in welchem alle Begriffe so charakterisiert werden müssen, daß sie immer an der äußeren Wahrnehmung gebildet sind, hat sich ein solcher Begriff wie der des «Ding an sich» bilden können.

[ 32 ] When one examines the whole matter more closely, it becomes clear that what people formulate in concepts ultimately depends on the entire nature of their thinking. Only in an age in which all concepts must be characterized in such a way that they are always formed from external perception could a concept such as that of the “thing-in-itself” have come into being.

[ 33 ] Die nur an der äußeren Wahrnehmung gewonnenen Begriffe sind aber nicht geeignet zur Charakterisierung des Geistigen. Würde man nicht einen solchen verkappten, man möchte sagen, gründlich maskierten Materialismus in die Erkenntnistheorie eingeschleppt haben — denn das ist das Faktum, worauf es ankommt: es ist ein wirklich nicht leicht zu erkennender Materialismus in die Erkenntnistheorie eingeschleppt worden -, so würde man sich darüber klar sein, daß eine Erkenntnistheorie, die für die geistigen Gebiete gelten soll, auch solche Begriffe haben muß, die nicht in diesem groben Stile gebildet sind wie der Begriff des «Ding an sich». Für das Geistige, wo überhaupt von einem Draußen und Drinnen nicht in demselben Sinne gesprochen werden kann, muß es klar sein, daß wir feinere Begriffe brauchen.

[ 33 ] Concepts derived solely from external perception, however, are not suitable for characterizing the spiritual. If such a disguised—one might say thoroughly masked—materialism had not been introduced into epistemology—for that is the crucial fact: a form of materialism that is truly not easy to recognize has been introduced into the theory of knowledge—then one would be clear that a theory of knowledge intended to apply to the spiritual realms must also have concepts that are not formed in this crude style, such as the concept of the “thing-in-itself.” For the spiritual realm, where one cannot speak of an “outside” and an “inside” in the same sense at all, it must be clear that we need more refined concepts.

[ 34 ] Ich konnte das nur skizzenhaft andeuten, denn ich müßte sonst ein ganzes Buch schreiben, das sehr dick werden würde und auch mehrere Bände haben müßte, weil an die Philosophiegeschichte und an die Erkenntnistheorie sich auch metaphysische Gebiete anschließen müßten. Aber Sie können daran sehen, daß es ganz begreiflich ist, wenn diese Art des Denkens, weil sie aus tief maskierten Vorurteilen entspringt, unbrauchbar ist für alles das, was in die geistige Welt hineinreicht. Ich habe Ihnen jetzt eine Stunde lang nur über diesen allerabstraktesten Begriff gesprochen. Ich habe mich bemüht, die Sache verständlich zu machen und bin mir absolut klar darüber, daß die Einwände, die mir selber deutlich vor der Seele stehen, selbstverständlich in mancher anderen Seele auch auftauchen können. Wenn es sich um eine andere Versammlung handelte, so bedürfte es vielleicht einer besonderen Rechtfertigung, daß man, man könnte sagen, seine Zuhörer so hintergeht, daß man statt des gewohnten Tatsachenmaterials, das erwartet wird, einmal auch in abstraktesten — wie wohl manche glauben: vertracktesten — Begriffen spricht. Nun, wir haben schon im Laufe unserer theosophischen Arbeit immer wieder gesehen, daß Theosophie auch das Gute hat, dafß man innerhalb der theosophischen Bewegung die Pflicht zur Erkenntnis ausbildet, und daß damit nach und nach ein unartiger Begriff überwunden wird, der überall sonst existiert, ein sehr unartiger Begriff, welcher sagt: Das ist ja doch etwas, was über meinen Horizont geht, womit ich mich nicht beschäftigen will, was mir nicht interessant ist!

[ 34 ] I could only touch on this briefly, for otherwise I would have to write an entire book, which would be very thick and would also have to span several volumes, since the history of philosophy and the theory of knowledge would have to be followed by metaphysical topics. But you can see from this that it is quite understandable that this kind of thinking, because it springs from deeply masked prejudices, is useless for everything that extends into the spiritual world. I have now spoken to you for an hour solely about this most abstract of concepts. I have endeavored to make the matter understandable and am fully aware that the objections, which stand clearly before my own soul, may of course also arise in many other souls. If this were a different gathering, it might require a special justification for, one might say, deceiving one’s listeners in this way—that is, speaking in the most abstract—as some might believe, the most convoluted—terms instead of the usual factual material that is expected. Well, in the course of our theosophical work we have seen time and again that theosophy also has the advantage that within the theosophical movement the duty to knowledge is cultivated, and that thereby, little by little, a pernicious notion is overcome that exists everywhere else—a very pernicious notion that says: “That is, after all, something that goes beyond my horizon, something I do not want to concern myself with, something that does not interest me!”

[ 35 ] Für manchen, der sich mit philosophischen Grundfragen beschäftigt und der die manchmal nur spärlich besuchten Kollegien über Erkenntnistheorie aus Erfahrung kennt, mag es überraschend sein, daß hier in unserer Bewegung so viele Menschen, die doch nach dem Urteil dieses oder jenes Erkenntnistheoretikers «gründlichste Dilettanten» auf dem Gebiete der Erkenntnistheorie sind, zu einer Versammlung kommen, um sich ein solches Thema anzuhören. Wir haben an manchen Orten sogar eine noch größere Anzahl von Zuhörern gerade bei philosophischen Vorträgen gehabt, die zwischen die theosophischen eingelegt worden sind. Wenn man die Sachlage aber gründlicher betrachtet, wird man sagen dürfen, daß dies gerade eines der besten Zeugnisse für die Theosophen ist. Die Theosophen wissen, daß sie alles unbefangen anhören sollen, was an Einwänden vorgebracht werden kann. Sie sind ruhig dabei, denn sie wissen ganz genau, daß Einwände gegen die Forschungen in den übersinnlichen Welten zwar möglich und berechtigt sind, sie wissen aber auch, daß manches, was zunächst als unlogisch bezeichnet worden ist, sich schließlich doch als sehr logisch herausstellen kann. Der Theosoph lernt auch, es als seine Pflicht zu betrachten, Erkenntnisse in seine Seele hineinzubekommen, wenn es ihm auch Mühe macht, sich mit Erkenntnistheorie und Logik zu beschäftigen. Denn so wird er immer mehr und mehr in der Lage sein, nicht nur allgemeine theosophische Darstellungen anhören zu wollen, sondern auch mit logischen Begriffen und Begriffsgliederungen ernst in der Theosophie zu arbeiten. Es wird sich die Welt schon mit dem Gedanken bekanntmachen müssen, daß die Philosophie in ihrem umfänglichsten Sinne innerhalb der theosophischen Bewegung wird wiedergeboren werden können. Eifer für philosophische Strenge, für gründliche logische Begriffsbildung wird sich nach und nach, wenn ich das Wort gebrauchen darf, einnisten innerhalb der theosophischen Bewegung. Womit ich nicht gesagt haben will, daß die Resultate in dieser Beziehung bei genauem Zusehen jetzt schon sehr befriedigend sind. Wir werden das durchaus noch mit Bescheidenheit ansehen müssen, aber wir sind auf dem Wege zu diesem Ziel.

[ 35 ] For some who grapple with fundamental philosophical questions and who, from experience, are familiar with the sometimes sparsely attended seminars on epistemology, it may come as a surprise that here in our movement so many people—who, according to the judgment of this or that epistemologist, “the most thorough amateurs” in the field of epistemology, come to a gathering to listen to such a topic. In some places we have even had an even larger number of listeners specifically for philosophical lectures that have been interspersed among the theosophical ones. But if one examines the situation more closely, one may say that this is precisely one of the best testimonies for the Theosophists. Theosophists know that they should listen impartially to any objections that may be raised. They remain calm, for they know full well that while objections to research into the supersensible worlds are indeed possible and justified, they also know that some things initially labeled as illogical may ultimately turn out to be very logical. The Theosophist also learns to regard it as his duty to absorb insights into his soul, even if it is difficult for him to engage with epistemology and logic. For in this way he will increasingly be able not only to listen to general theosophical presentations, but also to work seriously with logic and conceptual frameworks within Theosophy. The world will have to become acquainted with the idea that philosophy, in its broadest sense, can be reborn within the Theosophical Movement. A zeal for philosophical rigor, for thorough logical conceptualization, will gradually, if I may use the term, take root within the Theosophical Movement. By which I do not mean to say that the results in this regard are already very satisfactory upon close inspection. We will certainly still have to view this with modesty, but we are on the path toward this goal.

[ 36 ] Je mehr wir uns den guten Willen zum Denkerischen, zur wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit, zur philosophischen Gründlichkeit aneignen, desto mehr werden wir durch die theosophische Arbeit nicht nur unsere vergänglichen persönlichen Ziele verfolgen, sondern menschheitliche Ziele erreichen können. Manches ist heute erst auf der Stufe des allerersten Wollens. Aber es zeigt sich, daß in dem Willen, der aufgewendet wird zur Erkenntnis, schon etwas liegt wie eine ethische Selbsterziehung, die erreicht wird durch das Interesse, das wir der Theosophie entgegenbringen. Und daran wird es bald nicht mehr mangeln. Wenn keine anderen Hindernisse sich finden als die, welche es heute schon gibt, so wird von der Außenwelt der Theosophie die Anerkennung nicht versagt werden können, daß der Theosoph nicht strebt nach leichter Befriedigung seiner seelischen Sehnsuchten, sondern daß sich in der Theosophie ein ernstes Streben nach philosophischer Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit kundgibt, nicht ein bloßer Dilettantismus. Dieses Streben wird gerade geeignet sein, das philosophische Gewissen der Menschen zu schärfen. Wenn wir die theosophischen Lehren nicht als Dogmen hinnehmen, sondern verstehen, was Theosophie als reale Macht in unserer Seele sein kann, dann kann das Anfeuerungsmaterial für die menschliche Seele sein, um immer mehr und mehr die in ihr verborgenen Kräfte zu ergreifen und um sie zum Bewußtsein ihrer Bestimmung zu führen. Deshalb wollen wir innerhalb unserer theosophischen Bewegung fördern diesen Eifer für gründliche Logik und Erkenntnistheorie, und so, indem wir fester auf dem Boden unserer physischen Welt stehen, immer klarer und ohne Schwärmerei und nebulose Mystik aufschauen lernen zu den geistigen Welten, deren Inhalt wir herunterholen und einfügen wollen in unser physisches Weltbild.

[ 36 ] The more we cultivate a willingness to engage in intellectual inquiry, scientific rigor, and philosophical thoroughness, the more we will be able, through theosophical work, not only to pursue our transient personal goals but also to achieve goals for humanity. Many things are today only at the stage of the very first will. But it is becoming apparent that in the will directed toward knowledge there is already something akin to ethical self-education, which is achieved through the interest we show in Theosophy. And there will soon be no lack of this. If no other obstacles arise than those that already exist today, the outside world will not be able to deny theosophy the recognition that the theosophist does not seek the easy satisfaction of his spiritual longings, but that in theosophy a serious striving for philosophical thoroughness and conscientiousness is manifested, not mere dilettantism. This striving will be particularly suited to sharpening the philosophical conscience of humanity. If we do not accept theosophical teachings as dogmas, but understand what Theosophy can be as a real power within our soul, then this can serve as fuel for the human soul to increasingly grasp the powers hidden within it and to lead them to an awareness of their destiny. Therefore, within our Theosophical movement, let us foster this zeal for thorough logic and epistemology, and thus, by standing more firmly on the ground of our physical world, learn to look up ever more clearly—without fanaticism or nebulous mysticism—to the spiritual worlds, whose content we wish to bring down and integrate into our physical worldview.

[ 37 ] Ob wir das tun wollen, davon hängt es einzig und allein ab, ob wir der Theosophie eine wirkliche Mission im Erdendasein der Menschheit zuschreiben können.

[ 37 ] Whether we wish to do so depends solely on whether we can attribute a genuine mission to theosophy in humanity’s earthly existence.