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The Revelations of Karma
GA 127

3 May 1911, Munich

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11. Erbsünde und Gnade

11. Original Sin and Grace

[ 1 ] Da uns heute das Karma hier zusammenführte, statt der Tatsache, daß eigentlich heute der Kursus in Helsingfors beginnen sollte, dürfen wir eine kleine Betrachtung über einige geisteswissenschaftliche Gegenstände anstellen, und dann kann sich vielleicht der eine oder andere Wunsch in Form einer Frage an diesen improvisierten Abend an unsere Betrachtung anknüpfen.

[ 1 ] Since karma has brought us together here today—rather than the fact that the course was actually supposed to begin in Helsinki—we may offer a brief reflection on a few topics in the spiritual sciences, and then perhaps one or two of you may contribute a question to this impromptu evening to build upon our discussion.

[ 2 ] Was vielleicht am nächsten liegt heute zu betrachten, werden einige Streiflichter sein, die in unsere spirituelle Bewegung hereinfallen können, wenn wir von einem gewissen Gesichtspunkte aus unsere menschliche Entwickelung einmal im Zusammenhange mit der Erdentwickelung betrachten. Manches von dem, was wir wissen, wollen wir — wie wir das schon manchmal gemacht haben - in einer besonderen Weise beleuchten. Es wird Ihnen vielleicht doch öfter manches von demjenigen, was auf Sie einen tieferen Eindruck in den religiösen Empfindungen der Menschen gemacht hat, in den sonstigen Weltanschauungsfragen, so vor Augen getreten sein, daß Sie sich fragen mußten: Wie verhalten sich Dinge, die Gegenstände sind des religiösen Empfindens der Menschheit, oder die Gegenstände sind sonstiger Weltanschauungsfragen, zu unseren tieferen Auffassungen der Weltanschauungsfragen im Lichte der Geisteswissenschaft?

[ 2 ] Perhaps the most relevant topic to consider today is the light that may be shed on our spiritual movement when we view human evolution—from a certain perspective—in connection with the evolution of the Earth. Let us shed light in a special way on some of what we know—as we have done on occasion before. Perhaps you have often encountered aspects of what has made a deeper impression on you in people’s religious sentiments or in other questions of worldview, in such a way that you have had to ask yourself: How do the subjects of humanity’s religious sensibilities, or the subjects of other philosophical questions, relate to our deeper understandings of these issues in the light of spiritual science?

[ 3 ] Auf zwei wichtige Begriffe, die öfter vor die Seele des modernen Menschen treten können, möchte ich da von Anfang an deuten, trotzdem vielleicht diese modernen Menschen glauben, solche Dinge längst abgetan zu haben, auf die zwei Begriffe, die sich gewöhnlich umschreiben mit den Worten: Sünde und Gnade.

[ 3 ] From the very beginning, I would like to shed light on two important concepts that often come to the forefront of the modern person’s mind, even though these modern people may believe they have long since dismissed such things—the two concepts that are usually described by the words: sin and grace.

[ 4 ] Es wissen ja alle, daß diese Worte «Sünde» und «Gnade» zum Beispiel für die christliche Weltanschauung etwas ungeheuer Bedeutungsvolles sind, daß sie da die größte Rolle spielen. Es sind allerdings gewisse Theosophen gewohnt worden, wie sie glauben vom Gesichtspunkte des Karma aus, gar nicht mehr viel über solche Begriffe wie Sünde und Gnade nachzudenken, namentlich auch nicht mehr über den erweiterten Begriff von Sünde und Erbsünde nachzudenken. Nun ist dieses Außerachtlassen eines solchen Nachdenkens dennoch insoferne von nicht guten Folgen begleitet, als man dadurch verhindert wird, die tieferen Seiten des Christentums zum Beispiel, überhaupt die tieferen Weltanschauungsfragen, zu erkennen. Diese Begriffe «Sünde», «Erbsünde», «Gnade» haben in der Tat noch einen weit tieferen Hintergrund, als man gewöhnlich meint. Und daß man diesen tieferen Hintergrund in unserer Gegenwart nicht mehr so sieht, rührt einfach davon her, daß fast alle traditionellen Religionen der Welt - fast alle, mehr oder weniger, so wie sie äußerlich existieren — eigentlich ihre wirklichen Tiefen ganz verwischt haben, daß kaum in dem, was da oder dort in einem Religionssystem verkündet wird, entfernt noch Ahnliches von demjenigen ist, was sich hinter den entsprechenden Begriffen verbirgt. Hinter den Begriffen Sünde, Erbsünde, Gnade verbirgt sich in der Tat die ganze Entwickelung des Menschengeschlechtes.

[ 4 ] Everyone knows, of course, that the words “sin” and “grace,” for example, are of immense significance in the Christian worldview and play the most important role there. However, certain Theosophists have become accustomed, as they believe from the standpoint of karma, to no longer giving much thought to such concepts as sin and grace, and in particular to no longer reflecting on the broader concept of sin and original sin. Now, this neglect of such reflection is nevertheless accompanied by negative consequences insofar as it prevents one from recognizing the deeper aspects of Christianity, for example, or indeed the deeper questions of worldview. These concepts of “sin,” “original sin,” and “grace” in fact have a far deeper background than is commonly thought. And the fact that this deeper background is no longer perceived in our present age stems simply from the fact that almost all the traditional religions of the world —almost all of them, more or less, as they exist outwardly—have actually completely obscured their true depths, so that there is scarcely anything in what is proclaimed here or there in a religious system that even remotely resembles what lies behind the corresponding concepts. Behind the concepts of sin, original sin, and grace lies, in fact, the entire development of the human race.

[ 5 ] Wir sind gewohnt geworden, diese Entwickelung in zwei Teile zu gliedern, in einen absteigenden Teil, von den ältesten Zeiten der Menschheitsentwickelung bis zu der Erscheinung des Christus auf Erden, und in einen aufsteigenden Teil, der mit der Erscheinung des Christus auf Erden beginnt und bis in die entferntesten Zukünfte hinein weitergeht. So gliedern wir also die gesamte Menschheitsentwickelung dadurch, daß wir dieses Christus-Ereignis als das größte nicht nur unserer Menschheitsentwickelung, sondern als das größte unserer gesamten planetarischen Entwickelung überhaupt ansehen. Warum müssen wir denn nun dieses Christus-Ereignis als ein so außerordentlich Bedeutsames in die Mitte unserer ganzen Weltentwickelung hineinstellen? - Aus dem einfachen Grunde müssen wir das, weil der Mensch, wie wir wissen, aus geistigen Höhen in materielle, in physische Tiefen heruntergestiegen ist, und weil er wiederum von den materiellen, von den physischen Tiefen zu geistigen Höhen hinaufsteigen muß. Also mit einem Herunterstieg und einem Hinaufstieg des Menschen haben wir es zu tun. Und wir bezeichnen näher diesen Herunterstieg des Menschen in bezug auf sein Seelenleben dadurch, daß wir sagen: Wenn wir in recht alte Zeiten zurückblicken, dann finden wir, daß in diesen alten Zeiten die Menschen im Grunde genommen ein dem Göttlichen viel ähnlicheres geistiges Leben haben führen können als, sagen wir, jetzt, daß die Menschen gleichsam dem Göttlich-Geistigen nähergestanden haben, daß in die Seele des Menschen mehr göttlich-geistiges Leben hereingeleuchtet hat.

[ 5 ] We have become accustomed to dividing this development into two parts: a descending phase, from the earliest times of human development up to the appearance of Christ on Earth, and an ascending phase, which begins with the appearance of Christ on Earth and continues into the distant future. Thus, we structure the entire course of human development by regarding this Christ event as the greatest not only in our human development, but as the greatest in our entire planetary development. Why, then, must we place this Christ event as something so extraordinarily significant at the very center of our entire world development? — We must do so for the simple reason that, as we know, humanity has descended from spiritual heights into material, physical depths, and because it must once again ascend from these material, physical depths to spiritual heights. So we are dealing with a descent and an ascent of humanity. And we describe this descent of humanity in relation to its soul life more precisely by saying: If we look back to very ancient times, we find that in those ancient times human beings were essentially able to lead a spiritual life much more akin to the Divine than, say, now; that human beings were, as it were, closer to the Divine-Spiritual; that more Divine-Spiritual life shone into the human soul.

[ 6 ] Nur dürfen wir allerdings nicht außer acht lassen, daß es notwendig geworden ist, daß die Menschheit in die materielle, in die physische Welt heruntergestiegen ist, weil in jenen alten Zeiten, wo die Menschen dem Göttlich-Geistigen nähergestanden haben, zu gleicher Zeit das ganze Bewußtsein unserer Seele ein dumpferes, ein traumhafteres war: also ein weniger helles, klares Bewußtsein, dafür aber ein mehr von göttlich-geistigen Vorstellungen, von göttlich-geistigen Empfindungen, von göttlich-geistigen Willensimpulsen durchzogenes. Der Mensch ist näher dem Göttlich-Geistigen, dafür aber weniger klarer Mensch, mehr träumendes Kind gewesen. Heruntergestiegen ist der Mensch, indem er sich die für das physische Leben notwendige Urteilskraft angeeignet hat, den Verstand. Er hat sich damit entfernt von den göttlich-geistigen Höhen, ist aber klarer in sich selber geworden, hat mehr den festen Stützpunkt in sich selber gefunden. Nun muß er, um sich wiederum mit diesem inneren Schwerpunkt seines Seelenlebens hinaufzuarbeiten, dieses mit dem ausfüllen, was geworden ist durch den Christus-Impuls. Und je mehr er es ausfüllt mit diesem Christus-Impuls, desto mehr wird er wiederum hinaufsteigen in die göttlich-geistige Welt und nicht ankommen als ein träumendes Wesen mit unklarem Bewußtsein, sondern als ein Wesen mit deutlichem, scharf in die Welt hineinschauendem Bewußtsein. Das haben wir oft von den verschiedensten Seiten aus so beleuchtet.

[ 6 ] However, we must not overlook the fact that it became necessary for humanity to descend into the material, physical world, because in those ancient times, when people were closer to the divine-spiritual, the entire consciousness of our soul was at the same time a duller, more dreamlike one: that is, a less bright, clear consciousness, but one more permeated by divine-spiritual ideas, divine-spiritual feelings, and divine-spiritual impulses of will. Human beings were closer to the divine-spiritual, but in return were less clear-minded human beings, more like dreaming children. Human beings descended by acquiring the power of judgment necessary for physical life—the intellect. In doing so, he has distanced himself from the divine-spiritual heights, but has become clearer within himself, has found a firmer foothold within himself. Now, in order to work his way back up to this inner center of gravity of his soul life, he must fill it with what has come about through the Christ impulse. And the more he fills it with this Christ impulse, the more he will ascend once again into the divine-spiritual world—not arriving as a dreaming being with an unclear consciousness, but as a being with a clear consciousness that looks sharply into the world. We have often illuminated this from various angles.

[ 7 ] Nun, wenn wir etwas näher eingehen auf die menschliche Entwickelung, wissen wir wiederum, daß das, was dem Menschen allein die Möglichkeit gebracht hat, verstandesklares, helles Hineinsehen in die sinnlich-physische Welt sich zu erwerben, das Ich des Menschen ist, daß dieses aber als letztes in der menschlichen Entwickelung sich entwickelt hat, daß sich vorher der Astralleib, noch früher der Ätherleib, noch früher der physische Leib in den ersten Anlagen entwickelt hat. So daß wir uns erinnern wollen heute, daß der eigentlichen Ich-Entwickelung vorangegangen ist die erste Entwickelung des Astralleibes. Wenn wir mancherlei zusammenhalten von dem, was wir im Laufe der Zeit gehört haben, müssen wir allerdings sagen: Uns muß klar sein, daß der Mensch, bevor er seine Ich-Entwickelung durchmachen konnte, eine Entwickelung durchgemacht hat, in der er nur diese drei Glieder hatte: physischen Leib, Ätherleib, Astralleib. Aber der Mensch war trotzdem schon in die Ich-Entwickelung hineinverlegt. Er lebte in dieser Entwickelung, wartete gleichsam auf die spätere Hinzufügung seines Ich. Wenn wir uns dieses richtig vor Augen halten, dann werden wir einen Begriff davon bekommen, daß Dinge mit dem Menschen und seiner ganzen Entwickelung vorgegangen sein müssen, bevor er eigentlich das Ich in sich aufgenommen hat, gleichsam Vor-Ich-Entwickelungstatsachen. Das ist sehr wichtig. Denn wenn der Mensch eine Entwickelung schon durchgemacht hat, bevor er sein Ich aufgenommen hat, dann können wir das, was damals in seiner Entwickelung lag, ihm nicht in derselben Weise anrechnen, wie wir ihm anrechnen müssen das, was er mit seinem Ich durchgemacht hat.

[ 7 ] Now, if we examine human evolution more closely, we know that what has given human beings the unique ability to gain a clear, lucid insight into the sensory world is the human ego, but that this developed last in human evolution, that the astral body developed first, the etheric body even earlier, and the physical body even earlier still in its initial forms. So let us remember today that the actual development of the ego was preceded by the initial development of the astral body. If we bring together various things we have heard over time, we must certainly say: It must be clear to us that before the human being could undergo the development of the ego, they underwent a development in which they possessed only these three members: the physical body, the etheric body, and the astral body. But human beings were nevertheless already engaged in the development of the ego. They lived within this development, waiting, as it were, for the later addition of their ego. If we keep this clearly in mind, we will gain an understanding that certain things must have taken place with human beings and their entire development before they actually took the ego into themselves—facts of pre-ego development, so to speak. This is very important. For if the human being has already undergone a development before taking in his ego, then we cannot attribute to him what lay in his development at that time in the same way that we must attribute to him what he has undergone with his ego.

[ 8 ] Wir kennen ja Wesenheiten, von denen wir uns klar sind, daß sie ein Ich im menschlichen Sinne nicht haben. Es sind die Tiere. Sie bestehen nur aus physischem Leib, aus Ätherleib und Astralleib. Daß sie so sind, die Tiere, zwingt uns, ihnen gegenüber etwas ganz Bestimmtes anzuerkennen, was wir alle tun, widerspruchslos alle tun, wenn wir überhaupt vernünftig denken. Es mag ein Löwe zum Beispiel uns noch so wütig anfahren, in dem Sinne, wie wir von einem Menschen sprechen: er kann böse sein —, werden wir vom Löwen nicht sprechen: er kann böse sein, er kann eine Sünde begehen, er kann Unmoralisches begehen — so sprechen wir von keinem Tier, daß wir ihm irgendeine Handlung als eine unmoralische anrechnen. Das ist sehr bedeutsam. Denn wenn wir auch nicht darüber nachdenken, erkennen wir das doch an, daß der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht, daß das Tier nur den physischen Leib, den Ätherleib und Astralleib hat, der Mensch aber dazu das Ich hat.

[ 8 ] We are, of course, familiar with beings about whom we are certain that they do not possess an “I” in the human sense. These are the animals. They consist only of a physical body, an etheric body, and an astral body. The fact that animals are like this compels us to acknowledge something very specific about them—something we all do, without exception, if we think rationally at all. For example, no matter how furiously a lion may charge at us—in the sense that we speak of a human being: he can be evil—we will not say of the lion: he can be evil, he can commit a sin, he can commit an immoral act—we do not speak of any animal in such a way as to attribute any action to it as immoral. This is very significant. For even if we do not reflect on it, we nevertheless acknowledge that the difference between human and animal lies in the fact that the animal possesses only the physical body, the etheric body, and the astral body, whereas the human being possesses, in addition, the I.

[ 9 ] Nun hat der Mensch, bevor er das Ich aufgenommen hat, eine Entwickelung durchgemacht, wo er als höchstes Glied nur den Astralleib hatte. Ist da nun etwas vorgegangen mit dem Menschen, das wir doch in einem anderen Lichte sehen müssen, als wir die Handlungen der Tiere sehen? — Ja. Denn darüber müssen wir uns ganz klar sein: Wenn auch der Mensch einstmals aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib bestanden hat, so wie die heutigen Tiere war er durchaus nicht. Er war nie ein Tier, der Mensch, sondern er hat in anderen Zeiten diese Stufe durchgemacht, wo er aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib bestanden hat, in Zeiten, in denen es Tiere in der heutigen Form noch nicht gegeben hat, in Zeiten, in denen ganz andere Verhältnisse auf der Erde existiert haben. Was ist dazumal aber geschehen mit dem Menschen? Etwas, was wir so bezeichnen können, daß wir sagen: Nun, der Mensch hat zwar nicht das Ich gehabt, wir können ihm also seine Dinge nicht so zurechnen, wie wir das zum Unterschiede von den Tieren jetzt tun, aber es werden die Tatsachen, die von ihm ausgegangen sind, doch in anderer Weise zu beurteilen sein, als sie heute zu beurteilen sind, da er sein Ich hat. — Dahinein, in dieses letzte Übergangsstadium, wo der Mensch vor dem Tore steht, wo er sein Ich bekommen soll, fällt noch der luziferische Einfluß. Es konnte damals der Mensch noch nicht so beurteilt werden wie heute, aber doch anders als die Tierheit. Luzifer drängte sich also an den Menschen heran. Der Mensch konnte noch nicht sozusagen unter voller moralischer Verantwortlichkeit dem Luzifer folgen oder nicht; aber er konnte doch in anderer Weise, als wir das heute beim Tier bezeichnen, von Luzifer sozusagen in seine Netze gezogen werden. So daß wir sagen müssen: Die Verführung des Luzifer, diese Versuchung des Luzifer fällt gerade in die Zeit hinein, da der Mensch vor dem Tore stand, sein Ich zu erhalten. Es ist also eine Handlungsweise des Menschen, die vor seiner jetzigen Ich-Entwickelung liegt, die aber ihre Schatten in diese ganze Ich-Entwickelung hineingeworfen hat. Also wer ist denn eigentlich Sünder geworden? Der Mensch, insofern er ein Ich-Mensch ist, noch nicht. Durch Luzifer ist der Mensch mit einem Teile seines Wesens Sünder geworden, mit dem er heute im Grunde genommen nicht mehr Sünder werden kann. Denn heute hat er sein Ich. Der Mensch ist also mit dem Astralleib damals Sünder geworden. Das ist der radikale Unterschied zwischen irgendeiner Sünde, die wir heute als Mensch auf uns laden, und dem, was damals als Sünde in die menschliche Natur eingezogen ist. Als der Mensch damals der Versuchung des Luzifer unterlegen ist, ist er mit seinem Astralleib unterlegen. Es ist das also eine Tat der Vor-IchEntwickelung, eine ganz andersartige Tat als alle die Taten, die der Mensch hat tun können, nachdem sein Ich auch nur in den allerersten Andeutungen in seine Natur eingezogen war. So fällt also eine Tat des Menschen vor dem Einzuge des Ich in die menschliche Natur. Aber diese Tat wirft ihre Schatten in alle späteren Zeiten hinein. Vollbringen konnte der Mensch diese Tat, der Versuchung des Luzifer zu folgen, bevor er sein Ich aufnahm, aber sozusagen unter den Einfluß dieser Tat gebracht worden ist er für alle folgenden Zeiten. Wieso? Nun dadurch, daß dies geschehen ist, daß unser Astralleib schuldig geworden ist vor unserer Ich-Werdung, dadurch ist die Tatsache herbeigeführt worden, daß der Mensch nun in den folgenden Inkarnationen, sozusagen in jeder, tiefer in die physische Welt heruntersinken mußte. Das ist der Anstoß zum Heruntersinken, diese Tat, die noch im Astralleibe sich abgespielt hat. Dadurch war der Mensch auf eine schiefe Ebene nach abwärts gekommen, dadurch folgt er mit seinem Ich Kräften in seiner Natur, welche aus seiner Vor-Ich-Entwickelung herrühren.

[ 9 ] Before the human being took on the ego, it underwent a stage of development in which the astral body was its highest form. Did something happen to the human being during this time that we must view in a different light than we view the actions of animals? — Yes. For we must be quite clear about this: even though human beings once consisted of a physical body, an etheric body, and an astral body, they were by no means like today’s animals. Human beings were never animals; rather, they passed through this stage in other times, when they consisted of a physical body, an etheric body, and an astral body—in times when animals in their present form did not yet exist, in times when entirely different conditions prevailed on Earth. But what happened to human beings back then? Something we might describe by saying: Well, although human beings did not yet possess an ego, so we cannot attribute things to them in the same way we do now to distinguish them from animals, the facts that emanated from them must nevertheless be judged differently than they are judged today, since they now possess an ego. — Into this final transitional stage, where humanity stands at the threshold, where it is to receive its “I,” the Luciferic influence still extends. At that time, humanity could not yet be judged as it is today, but it was judged differently from the animal kingdom. Lucifer thus pressed himself upon humanity. Humanity could not yet, so to speak, follow or not follow Lucifer under full moral responsibility; but it could still, in a different way than we describe it today with regard to animals, be drawn, so to speak, into Lucifer’s nets. So that we must say: Lucifer’s seduction, this temptation by Lucifer, falls precisely into the time when humanity stood at the threshold of receiving its ego. It is thus a course of action on the part of humanity that predates its present ego development, but which has cast its shadow over this entire ego development. So who, then, has actually become a sinner? Humanity, insofar as it is an ego-human, not yet. Through Lucifer, humanity became a sinner with a part of its being, with which it can, in essence, no longer become a sinner today. For today it has its ego. Humanity thus became a sinner with the astral body back then. That is the radical difference between any sin we take upon ourselves today as human beings and what entered human nature as sin back then. When human beings succumbed to Lucifer’s temptation back then, they succumbed with their astral bodies. It is thus an act of pre-ego development, an act of a completely different nature than all the acts human beings have been able to perform after the ego had entered their nature, even in its very first glimmers. Thus, this is an act of human beings prior to the entry of the ego into human nature. But this act casts its shadow into all later times. Humanity was able to perform this act—to follow Lucifer’s temptation—before it had taken up its ego, but it has, so to speak, been brought under the influence of this act for all subsequent times. Why? Because this happened—because our astral body became guilty before our development of the ego—this brought about the fact that in subsequent incarnations, in every one, so to speak, human beings had to sink deeper into the physical world. This act, which took place while still in the astral body, is the impetus for this descent. Through this, humanity has found itself on a downward slope; as a result, with its ego, it follows forces within its nature that stem from its pre-ego development.

[ 10 ] Wie drückten sich denn nun diese Kräfte in der Menschheitsentwikkelung aus? - Sie drückten sich auf folgende Weise aus. Wir wissen aus früheren Betrachtungen, daß der Mensch bis zum siebenten Jahre ungefähr seinen physischen Leib entwickelt, vom siebenten bis vierzehnten Jahre seinen Atherleib, vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre seinen Astralleib und so weiter. Wir wissen, daß er mit der Entwickelung seines Ätherleibes in ein Stadium eintritt, wo er seinesgleichen aus sich hervorbringen kann. Wir wollen jetzt ganz von der gleichartigen Erscheinung im Tierreiche absehen. Wir wissen, daß der Mensch, wenn er seinen Ätherleib entwickelt hat, Menschen seinesgleichen hervorbringen kann. Das ist daran gebunden, daß der Mensch seinen Ätherleib voll entwickelt hat. Wer ein wenig nur nachdenkt — man braucht nicht Hellseher zu sein, man braucht nur ein wenig nachzudenken -, wird sich sagen: Also muß mit der vollen Entwickelung des Atherleibes auch die Möglichkeit gegeben sein für den Menschen, die ganze volle Menschheit hervorzubringen, wirklich seinesgleichen hervorzubringen. Das heißt, der Mensch kann nicht dann noch, wenn er sich weiterentwickelt in die Zwanzigerjahre hinein, neue Eigenschaften zur Hervorbringung seinesgleichen entwickeln. Man kann nicht sagen, daß der Mensch im dreißigsten Jahre dieser Eigenschaft, die ihn befähigt, seinesgleichen hervorzubringen, noch etwas hinzufügen würde. Der Mensch hat alle Eigenschaften, die ihn fähig machen, den Menschen hervorzubringen, mit der Entwickelung seines Atherleibes. Was kommt später noch dazu? Vom Menschen selber kommt durch das, was der Mensch später aufnimmt, nichts mehr dazu. Denn er muß schon die volle Fähigkeit haben, seinesgleichen hervorzubringen. Er kann nichts mehr hinzu erobern, wenn er den Ätherleib voll entwickelt hat. Was kommt noch dazu? Ja, die einzige Fähigkeit, die sich der Mensch später in bezug auf die Hervorbringung von seinesgleichen erwirbt, ist diese, daß er sich den vollen Umfang seiner Fähigkeit, Menschen seinesgleichen hervorzubringen, verdirbt. Was man nach der vollen Entwickelung des Ätherleibes noch sich erwerben kann, kann nicht die Kraft bereichern, seinesgleichen hervorzubringen, sondern sie nur schmälern. Und das ist auch der Fall. Eigenschaften, die man sich nach vollendeter Geschlechtsreife erwirbt, tragen nichts dazu bei, das Geschlecht des Menschen zu verbessern, sondern können nur dazu beitragen, es zu verschlechtern. Das rührt von dem Einfluß jenes Impulses her, den ich charakterisiert habe, der ausgeht von der Schuld des Astralleibes. Nachdem der Atherleib vollständig entwickelt ist, also ungefähr vom vierzehnten Jahre ab, entwickelt sich der Astralleib weiter. Ja, in dem steckt aber der Einfluß des Luzifer! Was da aber wieder zurückgeht in die Entwickelung des Ätherleibes hinein, das kann nur die Möglichkeit hervorrufen, diese Kräfte des Ätherleibes, die darin beruhen, daß er Wesen seinesgleichen hervorbringen kann, weniger fähig zu machen. Das heißt, das, was der Astralleib geworden ist durch jene Versuchung des Luzifer, ist ein fortwährender Grund für eine Degeneration des Menschengeschlechtes, für ein Herunterkommen des Menschen.

[ 10 ] How, then, did these forces manifest themselves in human development? — They manifested themselves in the following way. We know from earlier considerations that the human being develops his physical body up to about the age of seven, his etheric body from the seventh to the fourteenth year, his astral body from the fourteenth to the twenty-first year, and so on. We know that with the development of his etheric body, he enters a stage where he can bring forth his own kind. Let us now completely disregard the analogous phenomenon in the animal kingdom. We know that once a human being has developed their etheric body, they can bring forth human beings like themselves. This is contingent upon the human being having fully developed their etheric body. Anyone who thinks about it even a little—one need not be a clairvoyant, one need only think a little—will say to themselves: Thus, with the full development of the etheric body, the possibility must also be given for human beings to bring forth the whole of humanity, truly to bring forth their own kind. This means that even as a human being continues to develop into their twenties, they cannot develop new qualities for bringing forth their own kind. One cannot say that by the age of thirty, a person would add anything further to this quality that enables them to bring forth their own kind. A person possesses all the qualities that enable them to bring forth human beings with the development of their etheric body. What else comes later? Nothing more is added from the person themselves through what they later take in. For he must already possess the full capacity to produce his own kind. He can gain nothing more once he has fully developed the etheric body. What else is added? Indeed, the only capacity that a human being acquires later with regard to the production of his own kind is this: that he spoils the full extent of his capacity to produce human beings of his own kind. What one can still acquire after the full development of the etheric body cannot enrich the power to produce one’s own kind, but only diminish it. And that is indeed the case. Qualities acquired after full sexual maturity contribute nothing to improving the human race, but can only contribute to worsening it. This stems from the influence of that impulse I have described, which arises from the guilt of the astral body. After the etheric body is fully developed—that is, from about the age of fourteen onward—the astral body continues to develop. Yes, but that is where the influence of Lucifer lies! However, whatever flows back into the development of the etheric body can only serve to diminish the capacity of the etheric body’s inherent powers—namely, its ability to produce beings of its own kind. That is to say, what the astral body has become through that temptation by Lucifer is a constant cause for the degeneration of the human race, for the decline of humanity.

[ 11 ] Ein fortwährendes Herunterkommen durch die Inkarnationen hindurch war in der Tat bei den Menschen .der Fall. Und je weiter wir hinaufgehen gegen die atlantische Zeit zu, desto mehr würden wir in den physischen Anlagen des Menschen höhere Kräfte finden als in den späteren Zeiten. Wo hinein wurde also dieser Impuls gesteckt, der durch die Versuchung des Luzifer im Astralleibe hervorgebracht worden ist? In die Vererbung! Die machte er fortwährend schlechter. Die Sünde, welche der Mensch sich erwirbt mit seinem Ich, mag zurückwirken auf den Astralleib, sie kann sich nur im Karma austragen. Die Sünde, welche der Mensch auf sich geladen hat, bevor er ein Ich hatte, trägt bei zu einer fortwährenden Degeneration, Verkümmerung des ganzen menschlichen Geschlechtes. Diese Sünde wurde vererbbare Eigenschaft. Und so wahr es ist, daß niemand von seinen Vorfahren etwas im höheren Sinne geistig ererben kann — denn keiner wird gescheit dadurch, daß er einen gescheiten Vater hat, sondern dadurch, daß er etwas Gescheites lernt; noch niemand hat die Mathematik von seinen Vorfahren ererbt, auch nicht andere Vorstellungen von seinen Vorfahren ererbt -, so wahr es ist, daß wir diese Eigenschaften nicht ererben können, sondern sie durch Erziehung bekommen, so wahr ist es, daß das, was von unserem Astralleib zurückgeht in den Atherleib, was wir uns so aneignen, daß es zurückwirkt auf den Ätherleib, nur beiträgt zur Untergrabung der Fähigkeiten des menschlichen Geschlechtes. Und das ist Erbsünde. Da haben wir also wirklich den wahren Sinn des Begriffes Erbsünde. Die ursprüngliche Sünde, welche noch im Astralleib haftete, pflanzte sich nach und nach fort, so daß sie sich den menschlichen vererbbaren Eigenschaften, die damals schon in der physischen Degeneration des Menschen wurzelten, mitteilte als ein Grund des Herunterstieges der Menschen von ihren geistigen Höhen zu einer physischen Degeneration. So haben wir in der Tat einen fortwährenden Impuls bekommen durch den Einfluß des Luzifer, den man im allerrichtigsten Sinne als Erbsünde bezeichnen muß. Denn es vererbt sich das, was da hineinkam durch Luzifer in den Astralleib, von Geschlecht zu Geschlecht. Es gibt keinen treffenderen Ausdruck für das, was der eigentliche Grund ist des Herunterrückens der Menschheit in die materielle physische Welt, als den Ausdruck: Erbsünde. Nur müssen wir dann diese Erbsünde nicht so auffassen wie andere Sünden des gewöhnlichen Lebens, die wir uns voll zurechnen, sondern als ein Schicksal des Menschen, als etwas, das notwendigerweise über uns von der Weltenordnung verhängt werden mußte, weil wir von dieser heruntergeführt werden mußten, nicht nur etwa, um uns schlechter zu machen, als wir waren, sondern um uns die Kräfte zu erwecken, uns selber wiederum hinaufzuarbeiten, um in uns selber die Kräfte zu finden, uns hinaufzuarbeiten. Darum müssen wir diesen Fall der Menschheit als etwas auffassen, was zur Befreiung der Menschheit in das menschliche Schicksal einverwoben worden ist. Nie hätten wir freie Wesen werden können, wenn wir nicht heruntergestoßen worden wären. Wir hätten am Gängelbande einer Weltordnung geführt werden müssen, der wir hätten blindlings folgen müssen. Wir müssen uns aber wiederum hinaufarbeiten.

[ 11 ] A continuous decline throughout the course of incarnations was indeed the case for human beings. And the further back we go toward the Atlantean era, the more we would find higher powers in the physical constitution of human beings than in later times. So where was this impulse, brought about by Lucifer’s temptation in the astral body, implanted? In heredity! He continually made it worse. The sin that a human being acquires with his ego may have a retroactive effect on the astral body, but it can only be worked out through karma. The sin that a human being has incurred before he had an ego contributes to a continuous degeneration, an atrophy of the entire human race. This sin became a hereditary trait. And just as it is true that no one can spiritually inherit anything from their ancestors in a higher sense—for no one becomes intelligent simply by having an intelligent father, but rather by learning something intelligent; nor has anyone inherited mathematics from their ancestors, nor any other concepts from their ancestors— just as it is true that we cannot inherit these qualities but acquire them through education, so it is true that what flows back from our astral body into the etheric body—what we assimilate in such a way that it affects the etheric body—only contributes to the undermining of the human race’s capacities. And that is original sin. So here we have the true meaning of the concept of original sin. The original sin, which still clung to the astral body, gradually propagated itself, so that it imparted itself to the human hereditary qualities—which were already rooted in the physical degeneration of humanity at that time—as a cause of humanity’s descent from its spiritual heights into physical degeneration. Thus we have indeed received a continuous impulse through the influence of Lucifer, which must be described in the truest sense as original sin. For what entered the astral body through Lucifer is inherited from generation to generation. There is no more apt expression for what is the actual cause of humanity’s descent into the material physical world than the term: original sin. However, we must not then understand this original sin in the same way as other sins of ordinary life, which we fully attribute to ourselves, but rather as a destiny of humanity, as something that necessarily had to be imposed upon us by the world order, because we had to be led down from it, not merely to make us worse than we were, but to awaken within us the powers to work our way back up again, to find within ourselves the strength to work our way up. That is why we must understand this fall of humanity as something that has been woven into human destiny for the sake of humanity’s liberation. We could never have become free beings if we had not been cast down. We would have had to be led by the hand by a world order that we would have had to follow blindly. But we must work our way back up again.

[ 12 ] Nun gibt es niemals etwas, was nicht auch seinen entgegengesetzten Pol hätte, Wie kein Nordpol ohne einen Südpol, so kann es nicht eine solche Erscheinung geben wie diese Sünde des Astralleibes ohne den anderen Pol. Das heißt, wir haben, ohne daß wir es uns im gewöhnlichen heutigen Sinne zurechnen können, ohne sprechen zu können von der moralischen Verfehlung, das Schicksal als Menschen, daß wir Menschen Luzifer-erfüllt sind. Wir können in gewisser Beziehung nichts dafür, müssen sogar dankbar sein, daß es so gekommen ist. Das ist auf der einen Seite richtig. Wir können nichts dafür. Wir mußten also etwas auf uns laden, für das wir nicht im vollen Sinne verantwortlich sein können.

[ 12 ] Now, there is never anything that does not also have its opposite pole; just as there is no North Pole without a South Pole, so there cannot be a phenomenon such as this sin of the astral body without its opposite pole. This means that, without being able to take it upon ourselves in the ordinary sense of the word today, without being able to speak of a moral transgression, we have the fate as human beings that we humans are filled with Lucifer. In a certain sense, we cannot help it; we must even be grateful that it has come to pass. That is true on the one hand. We cannot help it. We therefore had to take upon ourselves something for which we cannot be fully responsible.

[ 13 ] Dem steht nun etwas entgegen in der menschlichen Entwickelung, was sozusagen sich verhält dazu wie der nördliche Pol zum südlichen Pol. Dieser Sünde, die vererbbar ist in ihrer Folge, die also ein Eintreten einer Schuld im Menschen ist, ohne daß der Mensch richtig schuldig ist, muß gegenüberstehen die Möglichkeit, wiederum hinaufzukommen, auch ohne daß es die Schuld des Menschen ist. Wie der Mensch fallen mußte ohne seine Schuld, so muß er auch wieder steigen können ohne seine Schuld, das heißt hier: ohne sein volles Verdienst. Wir sind gefallen ohne unsere Schuld. Wir müssen steigen können deshalb ohne unser Verdienst. Das ist der notwendige andere Pol. Sonst müßten wir unten bleiben in der physisch-materiellen Welt. Wie wir also an den Anfang unserer Entwickelung setzen müssen notwendigerweise eine Schuld, ohne daß der Mensch schuldig ist, so müssen wir an das Ende unserer Entwickelung ein Geschenk für den Menschen setzen, welches ohne sein Verdienst an ihn herankommt. Diese zwei Dinge gehören notwendigerweise zusammen. Wie das der Fall ist, darüber bekommen wir am besten auf folgende Art eine Vorstellung.

[ 13 ] There is, however, something in human development that stands in opposition to this, something that relates to it, so to speak, like the North Pole to the South Pole. This sin, which is inheritable in its consequence—that is, the entry of guilt into the human being without the person being truly guilty—must be counterbalanced by the possibility of rising again, even without it being the person’s fault. Just as the human being had to fall through no fault of their own, so too must they be able to rise again through no fault of their own; that is to say, without their own full merit. We have fallen through no fault of our own. We must therefore be able to rise through no merit of our own. That is the necessary other pole. Otherwise, we would have to remain down in the physical-material world. Just as we must necessarily place a fall at the beginning of our development—without the person being at fault—so must we place a gift for the person at the end of our development, one that comes to them without their merit. These two things necessarily belong together. We can best get an idea of how this is the case in the following way.

[ 14 ] Erinnern Sie sich einmal, daß das, was der Mensch als Angehöriger des gewöhnlichen Lebens tut, aus den Impulsen seiner Empfindungen, seiner Affekte, seiner Triebe, seiner Begierden hervorgeht. Der Mensch wird meinetwegen zornig und tut das oder jenes aus dem Zorne heraus, er liebt und tut dieses oder jenes aus der gewöhnlichen Liebe heraus. Es gibt nur ein Wort, das Ihnen bezeichnen kann alles das, was der Mensch so tut. Nicht wahr, Sie werden alle zugeben, daß bei dem, was der Mensch so tut, wenn er leidenschaftlich ist, wenn er zornig ist, wenn er liebt in der gewöhnlichen Weise, etwas ist, was spottet der abstrakten Begriffe, was man nicht definieren kann. Man muß schon ein ganz vertrockneter Gelehrter sein, wenn man alles das, was irgendeiner menschlichen Handlung zugrunde liegt, definieren wollte. Aber ein Wort ist doch da, welches dasjenige bezeichnet, was beim Menschen vorliegt, wenn er irgend etwas im gewöhnlichen Leben tut, und das ist das Wort «Persönlichkeit», Mit diesem Wort umfassen wir sogleich alle die undefinierten Dinge. Wenn wir eines Menschen Persönlichkeit begriffen haben, dann wissen wir unter Umständen zu beurteilen, warum er diese oder jene Leidenschaft, diese oder jene Begierde und so weiter entwickelte. Das hat alles diesen persönlichen Charakter, was aus unseren Trieben, Begierden, Leidenschaften und so weiter hervorgeht. Da sind wir aber so leicht verstrickt in das physisch-materielle Leben, wenn wir aus unseren Trieben, Begierden, Leidenschaften heraus arbeiten. Da ist geradezu eingetaucht in das Meer der physisch-materiellen Welt unser Ich. Denn wie unfrei ist es, wenn es dem Zorn, der Begierde, der Leidenschaft, auch der Liebe im gewöhnlichen Sinne folgt. Unfrei ist das Ich, weil es in den Banden ist von Zorn, Leidenschaft und so weiter. Nun, wenn wir unser Zeitalter in Betracht ziehen, so werden wir uns gestehen, daß es jetzt schon etwas anderes gibt, was es im Grunde genommen in alten Zeiten nicht gegeben hat.

[ 14 ] Consider that what a person does as a member of ordinary life arises from the impulses of their feelings, emotions, instincts, and desires. People get angry for whatever reason and do this or that out of anger; they love and do this or that out of ordinary love. There is only one word that can describe everything people do in this way. Isn’t it true that you will all admit that in what a person does when he is passionate, when he is angry, when he loves in the ordinary way, there is something that mocks abstract concepts, something that cannot be defined. One would have to be a thoroughly dried-up scholar to want to define everything that underlies any human action. But there is a word that designates what is present in a person when they do anything in ordinary life, and that is the word “personality.” With this word, we immediately encompass all those undefined things. Once we have grasped a person’s personality, we may then be able to judge why they developed this or that passion, this or that desire, and so on. Everything that arises from our drives, desires, passions, and so on has this personal character. But we are so easily entangled in physical-material life when we act out of our drives, desires, and passions. Our “I” is virtually submerged in the sea of the physical-material world. For how unfree it is when it follows anger, desire, passion, and even love in the ordinary sense. The ego is unfree because it is bound by anger, passion, and so on. Now, when we consider our age, we must admit that there is already something else that, strictly speaking, did not exist in ancient times.

[ 15 ] Nur diejenigen, welche die Geschichte nicht kennen und alles mit einem Zeitmaße beurteilen, das nicht viel weitergeht als die Nase, können behaupten, daß in den älteren Zeiten des Griechentums zum Beispiel solche Dinge vorhanden gewesen wären, die wir heute zusammenfassen mit den Worten, die seit mehr als einem Jahrhundert berühmt geworden sind: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der Menschen, mit Worten, die wir bezeichnen als sittliche Ideale, mit Worten, wie sie zum Beispiel auch im ersten Grundsatz der Theosophischen Gesellschaft enthalten sind, «den Kern eines allgemeinen Bruderbundes der Menschheit zu bilden ohne Unterschied des Glaubens, der Nation, des Standes, des Geschlechtes». Wir folgen als heutige Menschen diesem Ideale. Das war nicht so bei den alten Ägyptern, Persern, überhaupt nicht bei den alten Völkern, in dem Sinn, wie wir davon sprechen. Die Menschen haben eigentlich in diesem jetzigen Zeitalter solchen Idealen zu folgen, aber was der Mensch tut unter den Begriffen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und so weiter, hat eben den Charakter des Abstrakten für die meisten Menschen. Für die meisten Menschen können in bezug auf das, was sie erfassen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und so weiter diese Ideale nur als abstrakt definiert werden, weil sie persönlich noch wenig davon erfassen. Da haben wir, trotzdem die Leidenschaften geschwellt werden, doch bei vielen Menschen etwas vor uns, was so recht die Idee erweckt von etwas Ausgedörrtem. Persönlich können wir diese Dinge noch nicht nennen, es sind abstrakte Ideen. Es ist noch nicht etwas, was das Vollblütige des persönlichen Lebens hat. Und wir bezeichnen solche Individualitäten als sehr hochstehend, bei denen die Idee der Freiheit einen solchen Charakter annimmt, daß sie mit urelementarer Kraft hervorquillt, wie wenn sie aus dem Zorn, aus der Leidenschaft, aus der gewöhnlichen Liebe hervorkäme. Wie nüchtern lassen die Menschen vielfach heute noch die Ideen, die wir als die größten sittlichen Ideale betrachten! Dennoch ist es der Anfang eines großen Werdens. Geradeso wie der Mensch mit seinem Ich in das Meer des Physisch-Materiellen hinuntergetaucht ist, da er sozusagen Persönlichkeit entwickelte, indem er etwas tut unter den Einflüssen von Leidenschaften, Trieben, Begierden, geradeso muß er nicht bloß mit den abstrakten Begriffen, sondern mit der Persönlichkeit hinaufrücken in diese abstrakten Ideen, die eben noch abstrakt sind. Mit der urelementaren Kraft, mit der wir heute sehen, daß dieses oder jenes aus dem Hasse oder der Liebe im gewöhnlichen Sinne entspringt, mit der wird dasjenige entspringen, was unter den geistigsten Idealen steht. Der Mensch wird hinaufrücken in höhere Sphären mit seiner Persönlichkeit. Dazu ist aber etwas notwendig. Wenn der Mensch hinuntertaucht mit seinem Ich in das Meer des physisch-materiellen Lebens, findet er eben seine Persönlichkeit, da findet er sein heißes Blut, seine wogenden Triebe und Begierden im astralischen Leibe, da taucht er unter in seine Persönlichkeit. Aber nun soll er hinauf in das Gebiet der sittlichen Ideale, und das soll nicht abstrakt sein. Er muß nach dem Geistigen hinauf, und da muß ihm etwas ebenso Persönliches entgegenpulsen, wie ihm Persönliches entgegenpulst, wenn er mit seinem Ich in sein heißes Blut, in seine Triebe untertaucht. Hinauf muß er, ohne ins Abstrakte zu verfallen. Wie kommt er denn, wenn er hinaufgeht ins geistige, in etwas Persönliches hinein? Wie kann er denn diese Ideale so entwickeln, daß sie persönlichen Charakter haben? Dazu gibt es nur ein Mittel. Da muß der Mensch in den geistigen Höhen eine Persönlichkeit anziehen können, die innerlich persönlich ist, wie die Persönlichkeit unten im Fleische ist. Und was ist das für eine Persönlichkeit, die der Mensch anziehen muß, wenn er hinaufsteigen will in das Geistige? Das ist der Christus. Geradeso wie einer sagen könnte, der ein entgegengesetzter Paulus ist: Nicht ich, sondern mein astralischer Leib -, so sagt Paulus: Nicht ich, sondern der Christus in mir —, um anzuzeigen, daß dadurch, daß der Christus in uns lebt, die abstrakten Ideen einen ganz persönlichen Charakter annehmen. Sehen Sie, das ist die Bedeutsamkeit des Christus-Impulses. Ohne den Christus-Impuls käme die Menschheit zu abstrakten Idealen, zu allerlei Idealen von moralischen Mächten und dergleichen, zu dem, was heute viele Historiker unter den sogenannten geschichtlichen Ideen beschreiben, die nicht leben und nicht sterben können, weil sie eben keine schöpferische Macht haben. Wenn man von Ideen in der Geschichte spricht, so sollte man sich bewußt werden, daß das tote, abstrakte Begriffe sind, die nun wirklich nicht die Geschichtsepochen beherrschen können. Herrschen kann nur das Leben. Und das, wozu der Mensch sich entwickeln soll, ist die Entwickelung zu einer höheren Persönlichkeit. Dies ist die Christus-Persönlichkeit, welche der Mensch anzieht, welche der Mensch in sich aufnimmt.

[ 15 ] Only those who are ignorant of history and judge everything by a time frame that extends no further than the tip of their nose can claim that, in the early days of Greek civilization, for example, there existed such things as we today summarize with the words that have become famous for more than a century: Liberty, Equality, Fraternity of Man—words we describe as moral ideals, words such as those contained, for example, in the first principle of the Theosophical Society: “to form the nucleus of a universal brotherhood of humanity without distinction of creed, nation, class, or sex.” We, as people of today, follow these ideals. This was not the case with the ancient Egyptians, the Persians, or indeed with the ancient peoples at all, in the sense in which we speak of them. People in this present age are actually called upon to follow such ideals, but what people do under the concepts of liberty, equality, fraternity, and so on, has precisely the character of the abstract for most people. For most people, in relation to what they grasp of freedom, equality, fraternity, and so on, these ideals can only be defined as abstract, because they personally grasp very little of them. There, even though passions have been stirred up, we still have before us, in many people, something that truly evokes the idea of something parched. Personally, we cannot yet call these things our own; they are abstract ideas. It is not yet something that possesses the full vitality of personal life. And we regard as truly noble those individuals in whom the idea of freedom takes on such a character that it wells up with a primal force, as if it were springing from anger, from passion, from ordinary love. How soberly do people still treat, in many cases today, the ideas we regard as the greatest moral ideals! Yet it is the beginning of a great becoming. Just as human beings have plunged with their ego into the sea of the physical-material, having, so to speak, developed personality by acting under the influences of passions, drives, and desires, so too must they rise not merely with abstract concepts but with their personality into these abstract ideas, which are still abstract. With the primal force by which we see today that this or that arises from hatred or love in the ordinary sense, with that same force will arise that which stands beneath the most spiritual ideals. Human beings will ascend into higher spheres with their personality. But for this, something is necessary. When a person plunges with their ego into the sea of physical-material life, they find their personality there; there they find their hot blood, their surging drives and desires in the astral body; there they submerge into their personality. But now they must ascend into the realm of moral ideals, and this must not be abstract. He must ascend to the spiritual, and there something just as personal must pulsate toward him as something personal pulsates toward him when he dives with his ego into his hot blood, into his drives. He must ascend without falling into the abstract. How, then, does he enter into something personal when he ascends into the spiritual? How can he develop these ideals in such a way that they have a personal character? There is only one way to do this. In the spiritual heights, a person must be able to draw near a personality that is inwardly personal, just as the personality is personal down below in the flesh. And what is this personality that a person must draw near if he wants to ascend into the spiritual? It is the Christ. Just as someone who is the opposite of Paul might say: “Not I, but my astral body”—so Paul says: “Not I, but the Christ within me”—to indicate that, because the Christ lives within us, abstract ideas take on a wholly personal character. You see, that is the significance of the Christ impulse. Without the Christ impulse, humanity would arrive at abstract ideals, at all manner of ideals of moral powers and the like, at what many historians today describe as so-called historical ideas, which cannot live and cannot die because they simply have no creative power. When one speaks of ideas in history, one should realize that these are dead, abstract concepts that truly cannot dominate historical epochs. Only life can rule. And what human beings are meant to develop toward is the development of a higher personality. This is the Christ-personality, which human beings attract, which human beings take into themselves.

[ 16 ] So geht der Mensch wieder ins Geistige hinauf, indem er nicht bloß vom Geiste redet, sondern den Geist aufnimmt in der lebendig persönlichen Form, wie er ihm entgegenlebt in den Ereignissen von Palästina, in dem Mysterium von Golgatha. So steigt der Mensch unter dem Einfluß des Christus-Impulses wiederum hinauf. Durch nichts anderes kommt man darüber hinaus, die abstrakten Ideale mit einem persönlichen Charakter immer mehr und mehr auszugestalten, als dadurch, daß unser ganzes spirituelles Leben sich durchziehen wird mit dem Christus-Impuls. Aber wenn wir auf der einen Seite durch die Schuld vor der Entwickelung des Ich dasjenige auf uns geladen haben, was wir die Erbsünde nennen, wenn wir da sozusagen etwas haben, was uns nicht voll angerechnet werden kann, so kann uns im Grunde genommen auch das nicht angerechnet werden, daß der Christus hereingetreten ist, daß wir den Christus anziehen können. Was wir tun, was wir versuchen, um dem Christus nahezukommen, das gehört schon in unser Ich, das ist schon unser Verdienst. Daß der Christus da ist, daß wir auf einem Planeten leben, wo der Christus gewandelt ist, in einer Zeit leben, nachdem dies geschehen ist, das ist nicht unser Verdienst. Was also ausfließt von dem positiven, dem lebendigen Christus, um uns wiederum hinaufzubringen in die geistige Welt, das ist etwas, was wiederum außerichlich ist, was uns hinaufzieht, ohne daß wir dazu etwas können, ebensowenig wie wir dazu etwas können, daß wir sozusagen ohne unsere Schuld schuldig geworden sind. Es kommt uns durch das Dasein des Christus auf Erden die Kraft, wiederum hinaufzusteigen, ebenso ohne Verdienst, wie das andere ohne unsere Schuld gekommen ist. Denn beide haben es nicht zu tun mit dem Persönlichen, in dem das Ich lebt, sondern mit dem, was dem Ich vorangeht und was dem Ich nachfolgt. Wir haben öfters betont, daß der Mensch sich aus einem Zustand entwickelt hat, wo er nur physischen Leib, Atherleib und astralischen Leib hatte, und daß der Mensch sich dadurch weiterentwickelt, daß er seinen astralischen Leib umwandelt und durch diese Umwandlung diesen astralischen Leib zu Manas macht. So wie der Mensch seinen astralischen Leib schlechter gemacht hat durch die Erbsünde, so macht er ihn wiederum besser durch den Christus-Impuls. Da fließt etwas herein, was den astralischen Leib um ebensoviel besser macht, als er dazumal schlechter gemacht worden ist. Das ist das Aquivalent, das ist dasjenige, was man im wahren Sinne die Gnade nennt. Gnade ist das Äquivalent, der Ergänzungsbegriff zum Erbsündebegriff. So daß das Hereinströmen des Christus in den Menschen, die Möglichkeit, eins werden zu können mit dem Christus, die Möglichkeit, sagen zu können wie Paulus: Nicht ich, sondern der Christus in mir —, zugleich alles das ausdrückt, was wir als den Begriff der Gnade bezeichnen.

[ 16 ] Thus does humanity ascend once more into the spiritual realm, not merely by speaking of the Spirit, but by taking the Spirit in its living, personal form, as it comes to meet us in the events of Palestine, in the Mystery of Golgotha. Thus does humanity, under the influence of the Christ impulse, ascend once more. There is no other way to go beyond merely shaping abstract ideals with a personal character more and more than by allowing our entire spiritual life to be permeated by the Christ impulse. But if, on the one hand, through the guilt arising from the underdevelopment of the ego, we have taken upon ourselves what we call original sin—if, so to speak, we have something that cannot be fully held against us—then, fundamentally speaking, we cannot be held accountable for the fact that Christ has entered into the world, that we are able to draw Christ to ourselves. What we do, what we attempt to draw near to Christ—that already belongs to our ego; that is already our merit. That Christ is here, that we live on a planet where Christ walked, that we live in a time after this has happened—that is not our merit. So what flows forth from the positive, living Christ to lift us up again into the spiritual world is something that is, in turn, external to us, something that draws us upward without us being able to do anything about it, just as we cannot do anything about the fact that we have, so to speak, become guilty through no fault of our own. Through the existence of Christ on earth, the power comes to us to ascend once more, just as undeservedly as the other came without our fault. For both have nothing to do with the personal realm in which the ego lives, but with what precedes the ego and what follows the ego. We have often emphasized that human beings have evolved from a state in which they possessed only a physical body, an etheric body, and an astral body, and that human beings continue to evolve by transforming their astral body and, through this transformation, turning this astral body into Manas. Just as human beings have made their astral body worse through original sin, so do they make it better again through the Christ impulse. Something flows in that makes the astral body just as much better as it had previously been made worse. This is the equivalent; this is what is truly called grace. Grace is the equivalent, the complementary concept to the concept of original sin. So that the inflow of Christ into the human being, the possibility of becoming one with Christ, the possibility of being able to say, as Paul did: “Not I, but Christ in me”—expresses at the same time everything we designate as the concept of grace.

[ 17 ] So dürfen wir sagen: Wir mißverstehen nicht die Karma-Idee, wenn wir davon sprechen, daß es eine Erbsünde und eine Gnade gibt. Denn sofern wir von der Karma-Idee sprechen, sprechen wir von der Reinkarnation des Ich in den verschiedenen Leben. Karma ist für den Menschen ohne die Anwesenheit des Ich gar nicht zu denken. Soferne wir von Erbsünde und Gnade sprechen, sprechen wir von Impulsen, die unter der Fläche des Karma liegen, die im astralischen Leibe liegen. Ja, wir dürfen sagen, wie das menschliche Karma ist, ist es erst dadurch herbeigeführt worden, daß der Mensch die Erbsünde auf sich geladen hat. Das Karma läuft durch Inkarnationen hindurch, und vorher und nachher stehen Dinge, welche das Karma einleiten und wieder ausgleichen, vorher die Erbsünde und nachher der volle Erfolg des Christus-Impulses, das Eintreten der vollen Gnade.

[ 17 ] Thus we may say: We do not misunderstand the concept of karma when we speak of original sin and grace. For insofar as we speak of the concept of karma, we are speaking of the reincarnation of the “I” across various lifetimes. Karma is inconceivable for human beings without the presence of the ego. Insofar as we speak of original sin and grace, we are speaking of impulses that lie beneath the surface of karma, that lie within the astral body. Yes, we may say that human karma is brought about only because the human being has taken on original sin. Karma runs through incarnations, and before and after it there are things that initiate and balance out karma: before, original sin; and after, the full success of the Christ impulse, the coming of full grace.

[ 18 ] So können wir uns sagen: In der Tat, auch von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, hat Geisteswissenschaft gerade in der Gegenwart eine große, bedeutsame Mission. Denn so wahr es ist, daß die Menschheit erst vor kurzem dazugekommen ist, überhaupt Ideale anzuerkennen, in abstrakter Form anzuerkennen, so wahr die Menschen sozusagen abstrakte Ideen von Freiheit, von Brüderlichkeit entfalten konnten, so wahr ist es, daß die Zeit vor uns stehen muß, wo diese Ideen nicht als abstrakte Ideale bloß, sondern als lebendige Kräfte an uns heranrücken. So wahr es ist, daß die Menschen einen Durchgangspunkt durchgemacht haben da, wo sie abstrakte Ideale fassen konnten, so wahr ist es, daß sie dazu vorschreiten müssen, diese Ideale persönlich auszuleben, daß sie vorschreiten müssen zum Eintritt in den neuen Tempel. Wir stehen davor. Und die Menschen werden gelehrt werden, daß dasjenige, was aus spirituellen Höhen herunterwirkt, nicht bloß Abstracta sind, sondern Lebendiges ist. Wenn sie anfangen werden, das zu schauen, was oftmals genannt worden ist als dem Schauen der Menschen bevorstehend in der nächsten Epoche der Entwickelung, wenn die Menschen anfangen werden, nicht mehr zu denken: Wie bin ich gut! - sondern wenn ihnen vor Augen treten wird aus dem ätherischen Anschauen die lebendige Macht des Christus, den sie schauen werden im Ätherleibe — wie wir wissen, daß das geschieht von der Mitte unseres Jahrhunderts ab bei einzelnen Menschen -, wenn die Menschen beginnen werden, den Christus als Lebendigen zu schauen, dann werden sie wissen, daß das, was sie eine Zeitlang in Form von abstrakten Ideen erschaut haben, lebendige Wesenheiten sind, die da leben innerhalb unserer Entwickelung, lebendige Wesenheiten. Denn der lebendige Christus, der zuerst in physischer Gestalt aufgetreten ist und der sich nur innerhalb derselben dazumal den Menschen mitteilen konnte, daß sie an ihn glauben konnten, auch sofern sie nicht seine Zeitgenossen waren, er wird seine Erscheinung erneuern. Dann wird es keines Beweises bedürfen, daß er lebt, dann werden die Beweisenden da sein: diejenigen, welche selber erleben — auch ohne eine besondere Entwickelung, in einer Art von reifem Schauen -, daß die sittlichen Mächte der Weltordnung Lebendiges sind, nicht bloß abstrakte Ideale.

[ 18 ] Thus we can say to ourselves: Indeed, even when viewed from this perspective, spiritual science has a great and significant mission, especially in the present day. For just as it is true that humanity has only recently come to recognize ideals at all—to recognize them in abstract form—and just as it is true that people have been able to develop, so to speak, abstract ideas of freedom and brotherhood, so it is true that the time must lie ahead of us when these ideas will approach us not merely as abstract ideals, but as living forces. Just as it is true that people have passed through a stage where they were able to grasp abstract ideals, so it is true that they must advance to the point of living out these ideals personally, that they must advance toward entering the new temple. We stand before it. And people will be taught that what works down from spiritual heights is not merely abstractions, but something living. When they begin to see what has often been spoken of as what lies before humanity in the next epoch of development—when people begin no longer to think, “How good I am!”—but when the living power of Christ, whom they will see in the etheric body, comes before their eyes through etheric vision —as we know, this has been happening since the middle of our century in individual people—when people begin to see the Christ as a living being, then they will know that what they have for a time perceived in the form of abstract ideas are living beings who live within our evolution, living beings. For the living Christ, who first appeared in physical form and who at that time could only communicate with people within that form so that they might believe in him—even if they were not his contemporaries—will renew his appearance. Then there will be no need for proof that he lives; then the proof will be there: those who themselves experience—even without any special development, in a kind of mature vision—that the moral powers of the world order are living beings, not merely abstract ideals.

[ 19 ] So sehen wir, daß unsere Gedanken uns nicht hinaufführen können in die wirklich geistigen Welten, weil sie ohne Leben sind. Erst wenn diese Gedanken uns nicht mehr erscheinen als unsere Gedanken, sondern als die Bezeugungen des lebendigen Christus, welcher den Menschen erscheinen wird, dann werden wir diese Gedanken in der richtigen Weise verstehen. Dann wird der Mensch ebenso wahr, wie er eine Persönlichkeit wurde, indem er mit dem Ich untergetaucht ist in niedere Sphären, ebenso eine Persönlichkeit sein, wenn er zu den geistigen Höhen hinaufsteigt. Das verkennt der Materialismus von heute. Dieser wird nur leicht verstehen, daß es abstrakte Ideale gibt des Guten, des Schönen und so weiter. Daß es lebendige Mächte gibt, die uns durch ihre Gnade hinaufziehen, das muß erst eingesehen werden. Das wird durch geisteswissenschaftliche Entwickelung eingesehen, das ist das, was der erneuerte Christus-Impuls ist. Wenn wir unsere Ideale nicht mehr bloß als Ideale sehen, sondern durch sie den Weg finden zum Christus, dann setzen wir im geisteswissenschaftlichen Sinn das Christentum fort. Dann tritt dieses in ein neues Stadium, dann hört es auf, eine bloße Vorbereitung zu sein. Dann wird das Christentum zeigen, daß es das Allergrößte für alle kommenden Zeiten enthält. Dann werden diejenigen, welche glauben, daß das Christentum immer gefährdet ist, wenn Entwickelung in es hineingebracht wird, sehen, wie unrecht sie haben.

[ 19 ] Thus we see that our thoughts cannot lead us up into the truly spiritual worlds, because they are lifeless. Only when these thoughts no longer appear to us as merely our own thoughts, but as the testimonies of the living Christ, who will appear to humanity, will we understand these thoughts in the right way. Then the human being will be just as real as he became a personality by descending with the ego into the lower spheres; he will be just as much a personality when he ascends to the spiritual heights. This is what today’s materialism fails to recognize. It will only readily accept that there are abstract ideals of the good, the beautiful, and so on. That there are living powers which draw us upward through their grace—this must first be realized. This is realized through the development of spiritual science; this is what the renewed Christ impulse is. When we no longer see our ideals merely as ideals, but find through them the path to Christ, then we continue Christianity in the spiritual-scientific sense. Then it enters a new stage; then it ceases to be a mere preparation. Then Christianity will show that it contains the greatest thing for all times to come. Then those who believe that Christianity is always endangered when development is introduced into it will see how wrong they are.

[ 20 ] Denn das sind die Kleingläubigen, die ängstlich werden, wenn gesagt wird: Seht, das Christentum enthält noch größere Herrlichkeiten, als bisher mitgeteilt worden sind! — Und diejenigen, die groß denken vom Christentum, sind die, welche wissen, daß die Worte wahr sind, daß der Christus bei uns ist alle Tage, das heißt, daß er uns immer Neues offenbart und daß es recht ist, wenn bis zum Christus-Quell zurückgegangen wird. Dadurch lebt das Christentum als etwas Größeres, daß man ihm zumutet, daß es immer neuere und lebendigere Schöpfungen aus seinem Schoße hervorbringt. Diejenigen, die immer sagen: Ja, das steht nicht in der Bibel, das ist nicht wahres Christentum, und Ketzer seien diejenigen, die von etwas anderem behaupten, es sei Christentum — diese sind zu verweisen darauf, daß der Christus auch gesagt hat: «Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen.» Das hat er nicht gesagt, um die Menschen darauf hinzuweisen, daß er ihnen etwas vorenthalten will, sondern daß er ihnen immer von Epoche zu Epoche neue Offenbarungen machen will. Und er wird sie machen durch diejenigen, die ihn verstehen wollen. Und diejenigen, welche das leugnen, verstehen auch nicht die Bibel, auch nicht das Christentum. Denn sie verstehen nicht hinzuhorchen auf das, was die christliche Mahnung in diesem Worte ist, das der Christus gemeint hat: Ich habe euch noch vieles zu sagen, bereitet euch aber vor, daß ihr es lernt ertragen, daß ihr Verständnis dafür erhaltet.

[ 20 ] For these are the faint-hearted, who grow fearful when it is said: Behold, Christianity contains even greater glories than have been revealed so far! — And those who think highly of Christianity are those who know that the words are true: that Christ is with us every day, that is, that He always reveals something new to us, and that it is right to go back to the source of Christ. Through this, Christianity lives as something greater than what is expected of it, bringing forth ever newer and more vibrant creations from its bosom. Those who always say: “Yes, that is not in the Bible, that is not true Christianity,” and who call those heretics who claim that something else is Christianity—these must be reminded that Christ also said: “I have much more to tell you, but you cannot bear it now.” He did not say this to imply that he wanted to withhold something from them, but rather that he intends to give them new revelations from age to age. And he will do so through those who wish to understand him. And those who deny this do not understand the Bible, nor do they understand Christianity. For they do not know how to listen to the Christian admonition contained in these words that Christ meant: I have much more to tell you, but prepare yourselves so that you may learn to bear it, that you may gain understanding of it.

[ 21 ] Das werden in der Zukunft die wahren Christen sein, welche hören werden wollen, was die Christen als Zeitgenossen des Christus noch nicht tragen konnten. Das werden die wahren Christen sein, welche den Willen haben, von der Christus-Gnade immer mehr und mehr in ihr Herz fließen zu lassen. Das werden die Verstockten sein, welche sich wehren werden gegen die Gnade, die da sagen werden: Nein, geht zurück in die Bibel, nur das, was der Buchstabe enthält und was bisher herausgekommen ist, ist wahr. Sie verleugnen die Worte, die im Christentum selber ein zündendes Licht herausentfachen, die Worte, die wir wohl beherzigen wollen: «Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen.» Wohl der Menschheit, wenn sie immer mehr und mehr in diesem Sinne tragen wird können. Denn dann wird sie immer reifer und reifer sich machen zum Aufstieg in die spirituellen Höhen. Und dazu soll das Christentum den Weg bahnen.

[ 21 ] In the future, these will be the true Christians—those who are willing to hear what Christians, as contemporaries of Christ, were not yet able to bear. These will be the true Christians—those who have the will to allow the grace of Christ to flow more and more into their hearts. The stubborn ones will be those who resist grace, who will say: No, go back to the Bible; only what the letter contains and what has come out of it so far is true. They deny the words that kindle a blazing light within Christianity itself, the words that we surely wish to take to heart: “I have much more to say to you, but you cannot bear it now.” It will be for the good of humanity if it can bear more and more in this sense. For then it will make itself ever more ready for the ascent into the spiritual heights. And Christianity is to pave the way for this.