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Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
Das Christus-Ereignis
als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution
GA 127

3 Mai 1911, München

11. Erbsünde und Gnade

[ 1 ] Da uns heute das Karma hier zusammenführte, statt der Tatsache, daß eigentlich heute der Kursus in Helsingfors beginnen sollte, dürfen wir eine kleine Betrachtung über einige geisteswissenschaftliche Gegenstände anstellen, und dann kann sich vielleicht der eine oder andere Wunsch in Form einer Frage an diesen improvisierten Abend an unsere Betrachtung anknüpfen.

[ 2 ] Was vielleicht am nächsten liegt heute zu betrachten, werden einige Streiflichter sein, die in unsere spirituelle Bewegung hereinfallen können, wenn wir von einem gewissen Gesichtspunkte aus unsere menschliche Entwickelung einmal im Zusammenhange mit der Erdentwickelung betrachten. Manches von dem, was wir wissen, wollen wir — wie wir das schon manchmal gemacht haben - in einer besonderen Weise beleuchten. Es wird Ihnen vielleicht doch öfter manches von demjenigen, was auf Sie einen tieferen Eindruck in den religiösen Empfindungen der Menschen gemacht hat, in den sonstigen Weltanschauungsfragen, so vor Augen getreten sein, daß Sie sich fragen mußten: Wie verhalten sich Dinge, die Gegenstände sind des religiösen Empfindens der Menschheit, oder die Gegenstände sind sonstiger Weltanschauungsfragen, zu unseren tieferen Auffassungen der Weltanschauungsfragen im Lichte der Geisteswissenschaft?

[ 3 ] Auf zwei wichtige Begriffe, die öfter vor die Seele des modernen Menschen treten können, möchte ich da von Anfang an deuten, trotzdem vielleicht diese modernen Menschen glauben, solche Dinge längst abgetan zu haben, auf die zwei Begriffe, die sich gewöhnlich umschreiben mit den Worten: Sünde und Gnade.

[ 4 ] Es wissen ja alle, daß diese Worte «Sünde» und «Gnade» zum Beispiel für die christliche Weltanschauung etwas ungeheuer Bedeutungsvolles sind, daß sie da die größte Rolle spielen. Es sind allerdings gewisse Theosophen gewohnt worden, wie sie glauben vom Gesichtspunkte des Karma aus, gar nicht mehr viel über solche Begriffe wie Sünde und Gnade nachzudenken, namentlich auch nicht mehr über den erweiterten Begriff von Sünde und Erbsünde nachzudenken. Nun ist dieses Außerachtlassen eines solchen Nachdenkens dennoch insoferne von nicht guten Folgen begleitet, als man dadurch verhindert wird, die tieferen Seiten des Christentums zum Beispiel, überhaupt die tieferen Weltanschauungsfragen, zu erkennen. Diese Begriffe «Sünde», «Erbsünde», «Gnade» haben in der Tat noch einen weit tieferen Hintergrund, als man gewöhnlich meint. Und daß man diesen tieferen Hintergrund in unserer Gegenwart nicht mehr so sieht, rührt einfach davon her, daß fast alle traditionellen Religionen der Welt - fast alle, mehr oder weniger, so wie sie äußerlich existieren — eigentlich ihre wirklichen Tiefen ganz verwischt haben, daß kaum in dem, was da oder dort in einem Religionssystem verkündet wird, entfernt noch Ahnliches von demjenigen ist, was sich hinter den entsprechenden Begriffen verbirgt. Hinter den Begriffen Sünde, Erbsünde, Gnade verbirgt sich in der Tat die ganze Entwickelung des Menschengeschlechtes.

[ 5 ] Wir sind gewohnt geworden, diese Entwickelung in zwei Teile zu gliedern, in einen absteigenden Teil, von den ältesten Zeiten der Menschheitsentwickelung bis zu der Erscheinung des Christus auf Erden, und in einen aufsteigenden Teil, der mit der Erscheinung des Christus auf Erden beginnt und bis in die entferntesten Zukünfte hinein weitergeht. So gliedern wir also die gesamte Menschheitsentwickelung dadurch, daß wir dieses Christus-Ereignis als das größte nicht nur unserer Menschheitsentwickelung, sondern als das größte unserer gesamten planetarischen Entwickelung überhaupt ansehen. Warum müssen wir denn nun dieses Christus-Ereignis als ein so außerordentlich Bedeutsames in die Mitte unserer ganzen Weltentwickelung hineinstellen? - Aus dem einfachen Grunde müssen wir das, weil der Mensch, wie wir wissen, aus geistigen Höhen in materielle, in physische Tiefen heruntergestiegen ist, und weil er wiederum von den materiellen, von den physischen Tiefen zu geistigen Höhen hinaufsteigen muß. Also mit einem Herunterstieg und einem Hinaufstieg des Menschen haben wir es zu tun. Und wir bezeichnen näher diesen Herunterstieg des Menschen in bezug auf sein Seelenleben dadurch, daß wir sagen: Wenn wir in recht alte Zeiten zurückblicken, dann finden wir, daß in diesen alten Zeiten die Menschen im Grunde genommen ein dem Göttlichen viel ähnlicheres geistiges Leben haben führen können als, sagen wir, jetzt, daß die Menschen gleichsam dem Göttlich-Geistigen nähergestanden haben, daß in die Seele des Menschen mehr göttlich-geistiges Leben hereingeleuchtet hat.

[ 6 ] Nur dürfen wir allerdings nicht außer acht lassen, daß es notwendig geworden ist, daß die Menschheit in die materielle, in die physische Welt heruntergestiegen ist, weil in jenen alten Zeiten, wo die Menschen dem Göttlich-Geistigen nähergestanden haben, zu gleicher Zeit das ganze Bewußtsein unserer Seele ein dumpferes, ein traumhafteres war: also ein weniger helles, klares Bewußtsein, dafür aber ein mehr von göttlich-geistigen Vorstellungen, von göttlich-geistigen Empfindungen, von göttlich-geistigen Willensimpulsen durchzogenes. Der Mensch ist näher dem Göttlich-Geistigen, dafür aber weniger klarer Mensch, mehr träumendes Kind gewesen. Heruntergestiegen ist der Mensch, indem er sich die für das physische Leben notwendige Urteilskraft angeeignet hat, den Verstand. Er hat sich damit entfernt von den göttlich-geistigen Höhen, ist aber klarer in sich selber geworden, hat mehr den festen Stützpunkt in sich selber gefunden. Nun muß er, um sich wiederum mit diesem inneren Schwerpunkt seines Seelenlebens hinaufzuarbeiten, dieses mit dem ausfüllen, was geworden ist durch den Christus-Impuls. Und je mehr er es ausfüllt mit diesem Christus-Impuls, desto mehr wird er wiederum hinaufsteigen in die göttlich-geistige Welt und nicht ankommen als ein träumendes Wesen mit unklarem Bewußtsein, sondern als ein Wesen mit deutlichem, scharf in die Welt hineinschauendem Bewußtsein. Das haben wir oft von den verschiedensten Seiten aus so beleuchtet.

[ 7 ] Nun, wenn wir etwas näher eingehen auf die menschliche Entwickelung, wissen wir wiederum, daß das, was dem Menschen allein die Möglichkeit gebracht hat, verstandesklares, helles Hineinsehen in die sinnlich-physische Welt sich zu erwerben, das Ich des Menschen ist, daß dieses aber als letztes in der menschlichen Entwickelung sich entwickelt hat, daß sich vorher der Astralleib, noch früher der Ätherleib, noch früher der physische Leib in den ersten Anlagen entwickelt hat. So daß wir uns erinnern wollen heute, daß der eigentlichen Ich-Entwickelung vorangegangen ist die erste Entwickelung des Astralleibes. Wenn wir mancherlei zusammenhalten von dem, was wir im Laufe der Zeit gehört haben, müssen wir allerdings sagen: Uns muß klar sein, daß der Mensch, bevor er seine Ich-Entwickelung durchmachen konnte, eine Entwickelung durchgemacht hat, in der er nur diese drei Glieder hatte: physischen Leib, Ätherleib, Astralleib. Aber der Mensch war trotzdem schon in die Ich-Entwickelung hineinverlegt. Er lebte in dieser Entwickelung, wartete gleichsam auf die spätere Hinzufügung seines Ich. Wenn wir uns dieses richtig vor Augen halten, dann werden wir einen Begriff davon bekommen, daß Dinge mit dem Menschen und seiner ganzen Entwickelung vorgegangen sein müssen, bevor er eigentlich das Ich in sich aufgenommen hat, gleichsam Vor-Ich-Entwickelungstatsachen. Das ist sehr wichtig. Denn wenn der Mensch eine Entwickelung schon durchgemacht hat, bevor er sein Ich aufgenommen hat, dann können wir das, was damals in seiner Entwickelung lag, ihm nicht in derselben Weise anrechnen, wie wir ihm anrechnen müssen das, was er mit seinem Ich durchgemacht hat.

[ 8 ] Wir kennen ja Wesenheiten, von denen wir uns klar sind, daß sie ein Ich im menschlichen Sinne nicht haben. Es sind die Tiere. Sie bestehen nur aus physischem Leib, aus Ätherleib und Astralleib. Daß sie so sind, die Tiere, zwingt uns, ihnen gegenüber etwas ganz Bestimmtes anzuerkennen, was wir alle tun, widerspruchslos alle tun, wenn wir überhaupt vernünftig denken. Es mag ein Löwe zum Beispiel uns noch so wütig anfahren, in dem Sinne, wie wir von einem Menschen sprechen: er kann böse sein —, werden wir vom Löwen nicht sprechen: er kann böse sein, er kann eine Sünde begehen, er kann Unmoralisches begehen — so sprechen wir von keinem Tier, daß wir ihm irgendeine Handlung als eine unmoralische anrechnen. Das ist sehr bedeutsam. Denn wenn wir auch nicht darüber nachdenken, erkennen wir das doch an, daß der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht, daß das Tier nur den physischen Leib, den Ätherleib und Astralleib hat, der Mensch aber dazu das Ich hat.

[ 9 ] Nun hat der Mensch, bevor er das Ich aufgenommen hat, eine Entwickelung durchgemacht, wo er als höchstes Glied nur den Astralleib hatte. Ist da nun etwas vorgegangen mit dem Menschen, das wir doch in einem anderen Lichte sehen müssen, als wir die Handlungen der Tiere sehen? — Ja. Denn darüber müssen wir uns ganz klar sein: Wenn auch der Mensch einstmals aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib bestanden hat, so wie die heutigen Tiere war er durchaus nicht. Er war nie ein Tier, der Mensch, sondern er hat in anderen Zeiten diese Stufe durchgemacht, wo er aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib bestanden hat, in Zeiten, in denen es Tiere in der heutigen Form noch nicht gegeben hat, in Zeiten, in denen ganz andere Verhältnisse auf der Erde existiert haben. Was ist dazumal aber geschehen mit dem Menschen? Etwas, was wir so bezeichnen können, daß wir sagen: Nun, der Mensch hat zwar nicht das Ich gehabt, wir können ihm also seine Dinge nicht so zurechnen, wie wir das zum Unterschiede von den Tieren jetzt tun, aber es werden die Tatsachen, die von ihm ausgegangen sind, doch in anderer Weise zu beurteilen sein, als sie heute zu beurteilen sind, da er sein Ich hat. — Dahinein, in dieses letzte Übergangsstadium, wo der Mensch vor dem Tore steht, wo er sein Ich bekommen soll, fällt noch der luziferische Einfluß. Es konnte damals der Mensch noch nicht so beurteilt werden wie heute, aber doch anders als die Tierheit. Luzifer drängte sich also an den Menschen heran. Der Mensch konnte noch nicht sozusagen unter voller moralischer Verantwortlichkeit dem Luzifer folgen oder nicht; aber er konnte doch in anderer Weise, als wir das heute beim Tier bezeichnen, von Luzifer sozusagen in seine Netze gezogen werden. So daß wir sagen müssen: Die Verführung des Luzifer, diese Versuchung des Luzifer fällt gerade in die Zeit hinein, da der Mensch vor dem Tore stand, sein Ich zu erhalten. Es ist also eine Handlungsweise des Menschen, die vor seiner jetzigen Ich-Entwickelung liegt, die aber ihre Schatten in diese ganze Ich-Entwickelung hineingeworfen hat. Also wer ist denn eigentlich Sünder geworden? Der Mensch, insofern er ein Ich-Mensch ist, noch nicht. Durch Luzifer ist der Mensch mit einem Teile seines Wesens Sünder geworden, mit dem er heute im Grunde genommen nicht mehr Sünder werden kann. Denn heute hat er sein Ich. Der Mensch ist also mit dem Astralleib damals Sünder geworden. Das ist der radikale Unterschied zwischen irgendeiner Sünde, die wir heute als Mensch auf uns laden, und dem, was damals als Sünde in die menschliche Natur eingezogen ist. Als der Mensch damals der Versuchung des Luzifer unterlegen ist, ist er mit seinem Astralleib unterlegen. Es ist das also eine Tat der Vor-IchEntwickelung, eine ganz andersartige Tat als alle die Taten, die der Mensch hat tun können, nachdem sein Ich auch nur in den allerersten Andeutungen in seine Natur eingezogen war. So fällt also eine Tat des Menschen vor dem Einzuge des Ich in die menschliche Natur. Aber diese Tat wirft ihre Schatten in alle späteren Zeiten hinein. Vollbringen konnte der Mensch diese Tat, der Versuchung des Luzifer zu folgen, bevor er sein Ich aufnahm, aber sozusagen unter den Einfluß dieser Tat gebracht worden ist er für alle folgenden Zeiten. Wieso? Nun dadurch, daß dies geschehen ist, daß unser Astralleib schuldig geworden ist vor unserer Ich-Werdung, dadurch ist die Tatsache herbeigeführt worden, daß der Mensch nun in den folgenden Inkarnationen, sozusagen in jeder, tiefer in die physische Welt heruntersinken mußte. Das ist der Anstoß zum Heruntersinken, diese Tat, die noch im Astralleibe sich abgespielt hat. Dadurch war der Mensch auf eine schiefe Ebene nach abwärts gekommen, dadurch folgt er mit seinem Ich Kräften in seiner Natur, welche aus seiner Vor-Ich-Entwickelung herrühren.

[ 10 ] Wie drückten sich denn nun diese Kräfte in der Menschheitsentwikkelung aus? - Sie drückten sich auf folgende Weise aus. Wir wissen aus früheren Betrachtungen, daß der Mensch bis zum siebenten Jahre ungefähr seinen physischen Leib entwickelt, vom siebenten bis vierzehnten Jahre seinen Atherleib, vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre seinen Astralleib und so weiter. Wir wissen, daß er mit der Entwickelung seines Ätherleibes in ein Stadium eintritt, wo er seinesgleichen aus sich hervorbringen kann. Wir wollen jetzt ganz von der gleichartigen Erscheinung im Tierreiche absehen. Wir wissen, daß der Mensch, wenn er seinen Ätherleib entwickelt hat, Menschen seinesgleichen hervorbringen kann. Das ist daran gebunden, daß der Mensch seinen Ätherleib voll entwickelt hat. Wer ein wenig nur nachdenkt — man braucht nicht Hellseher zu sein, man braucht nur ein wenig nachzudenken -, wird sich sagen: Also muß mit der vollen Entwickelung des Atherleibes auch die Möglichkeit gegeben sein für den Menschen, die ganze volle Menschheit hervorzubringen, wirklich seinesgleichen hervorzubringen. Das heißt, der Mensch kann nicht dann noch, wenn er sich weiterentwickelt in die Zwanzigerjahre hinein, neue Eigenschaften zur Hervorbringung seinesgleichen entwickeln. Man kann nicht sagen, daß der Mensch im dreißigsten Jahre dieser Eigenschaft, die ihn befähigt, seinesgleichen hervorzubringen, noch etwas hinzufügen würde. Der Mensch hat alle Eigenschaften, die ihn fähig machen, den Menschen hervorzubringen, mit der Entwickelung seines Atherleibes. Was kommt später noch dazu? Vom Menschen selber kommt durch das, was der Mensch später aufnimmt, nichts mehr dazu. Denn er muß schon die volle Fähigkeit haben, seinesgleichen hervorzubringen. Er kann nichts mehr hinzu erobern, wenn er den Ätherleib voll entwickelt hat. Was kommt noch dazu? Ja, die einzige Fähigkeit, die sich der Mensch später in bezug auf die Hervorbringung von seinesgleichen erwirbt, ist diese, daß er sich den vollen Umfang seiner Fähigkeit, Menschen seinesgleichen hervorzubringen, verdirbt. Was man nach der vollen Entwickelung des Ätherleibes noch sich erwerben kann, kann nicht die Kraft bereichern, seinesgleichen hervorzubringen, sondern sie nur schmälern. Und das ist auch der Fall. Eigenschaften, die man sich nach vollendeter Geschlechtsreife erwirbt, tragen nichts dazu bei, das Geschlecht des Menschen zu verbessern, sondern können nur dazu beitragen, es zu verschlechtern. Das rührt von dem Einfluß jenes Impulses her, den ich charakterisiert habe, der ausgeht von der Schuld des Astralleibes. Nachdem der Atherleib vollständig entwickelt ist, also ungefähr vom vierzehnten Jahre ab, entwickelt sich der Astralleib weiter. Ja, in dem steckt aber der Einfluß des Luzifer! Was da aber wieder zurückgeht in die Entwickelung des Ätherleibes hinein, das kann nur die Möglichkeit hervorrufen, diese Kräfte des Ätherleibes, die darin beruhen, daß er Wesen seinesgleichen hervorbringen kann, weniger fähig zu machen. Das heißt, das, was der Astralleib geworden ist durch jene Versuchung des Luzifer, ist ein fortwährender Grund für eine Degeneration des Menschengeschlechtes, für ein Herunterkommen des Menschen.

[ 11 ] Ein fortwährendes Herunterkommen durch die Inkarnationen hindurch war in der Tat bei den Menschen .der Fall. Und je weiter wir hinaufgehen gegen die atlantische Zeit zu, desto mehr würden wir in den physischen Anlagen des Menschen höhere Kräfte finden als in den späteren Zeiten. Wo hinein wurde also dieser Impuls gesteckt, der durch die Versuchung des Luzifer im Astralleibe hervorgebracht worden ist? In die Vererbung! Die machte er fortwährend schlechter. Die Sünde, welche der Mensch sich erwirbt mit seinem Ich, mag zurückwirken auf den Astralleib, sie kann sich nur im Karma austragen. Die Sünde, welche der Mensch auf sich geladen hat, bevor er ein Ich hatte, trägt bei zu einer fortwährenden Degeneration, Verkümmerung des ganzen menschlichen Geschlechtes. Diese Sünde wurde vererbbare Eigenschaft. Und so wahr es ist, daß niemand von seinen Vorfahren etwas im höheren Sinne geistig ererben kann — denn keiner wird gescheit dadurch, daß er einen gescheiten Vater hat, sondern dadurch, daß er etwas Gescheites lernt; noch niemand hat die Mathematik von seinen Vorfahren ererbt, auch nicht andere Vorstellungen von seinen Vorfahren ererbt -, so wahr es ist, daß wir diese Eigenschaften nicht ererben können, sondern sie durch Erziehung bekommen, so wahr ist es, daß das, was von unserem Astralleib zurückgeht in den Atherleib, was wir uns so aneignen, daß es zurückwirkt auf den Ätherleib, nur beiträgt zur Untergrabung der Fähigkeiten des menschlichen Geschlechtes. Und das ist Erbsünde. Da haben wir also wirklich den wahren Sinn des Begriffes Erbsünde. Die ursprüngliche Sünde, welche noch im Astralleib haftete, pflanzte sich nach und nach fort, so daß sie sich den menschlichen vererbbaren Eigenschaften, die damals schon in der physischen Degeneration des Menschen wurzelten, mitteilte als ein Grund des Herunterstieges der Menschen von ihren geistigen Höhen zu einer physischen Degeneration. So haben wir in der Tat einen fortwährenden Impuls bekommen durch den Einfluß des Luzifer, den man im allerrichtigsten Sinne als Erbsünde bezeichnen muß. Denn es vererbt sich das, was da hineinkam durch Luzifer in den Astralleib, von Geschlecht zu Geschlecht. Es gibt keinen treffenderen Ausdruck für das, was der eigentliche Grund ist des Herunterrückens der Menschheit in die materielle physische Welt, als den Ausdruck: Erbsünde. Nur müssen wir dann diese Erbsünde nicht so auffassen wie andere Sünden des gewöhnlichen Lebens, die wir uns voll zurechnen, sondern als ein Schicksal des Menschen, als etwas, das notwendigerweise über uns von der Weltenordnung verhängt werden mußte, weil wir von dieser heruntergeführt werden mußten, nicht nur etwa, um uns schlechter zu machen, als wir waren, sondern um uns die Kräfte zu erwecken, uns selber wiederum hinaufzuarbeiten, um in uns selber die Kräfte zu finden, uns hinaufzuarbeiten. Darum müssen wir diesen Fall der Menschheit als etwas auffassen, was zur Befreiung der Menschheit in das menschliche Schicksal einverwoben worden ist. Nie hätten wir freie Wesen werden können, wenn wir nicht heruntergestoßen worden wären. Wir hätten am Gängelbande einer Weltordnung geführt werden müssen, der wir hätten blindlings folgen müssen. Wir müssen uns aber wiederum hinaufarbeiten.

[ 12 ] Nun gibt es niemals etwas, was nicht auch seinen entgegengesetzten Pol hätte, Wie kein Nordpol ohne einen Südpol, so kann es nicht eine solche Erscheinung geben wie diese Sünde des Astralleibes ohne den anderen Pol. Das heißt, wir haben, ohne daß wir es uns im gewöhnlichen heutigen Sinne zurechnen können, ohne sprechen zu können von der moralischen Verfehlung, das Schicksal als Menschen, daß wir Menschen Luzifer-erfüllt sind. Wir können in gewisser Beziehung nichts dafür, müssen sogar dankbar sein, daß es so gekommen ist. Das ist auf der einen Seite richtig. Wir können nichts dafür. Wir mußten also etwas auf uns laden, für das wir nicht im vollen Sinne verantwortlich sein können.

[ 13 ] Dem steht nun etwas entgegen in der menschlichen Entwickelung, was sozusagen sich verhält dazu wie der nördliche Pol zum südlichen Pol. Dieser Sünde, die vererbbar ist in ihrer Folge, die also ein Eintreten einer Schuld im Menschen ist, ohne daß der Mensch richtig schuldig ist, muß gegenüberstehen die Möglichkeit, wiederum hinaufzukommen, auch ohne daß es die Schuld des Menschen ist. Wie der Mensch fallen mußte ohne seine Schuld, so muß er auch wieder steigen können ohne seine Schuld, das heißt hier: ohne sein volles Verdienst. Wir sind gefallen ohne unsere Schuld. Wir müssen steigen können deshalb ohne unser Verdienst. Das ist der notwendige andere Pol. Sonst müßten wir unten bleiben in der physisch-materiellen Welt. Wie wir also an den Anfang unserer Entwickelung setzen müssen notwendigerweise eine Schuld, ohne daß der Mensch schuldig ist, so müssen wir an das Ende unserer Entwickelung ein Geschenk für den Menschen setzen, welches ohne sein Verdienst an ihn herankommt. Diese zwei Dinge gehören notwendigerweise zusammen. Wie das der Fall ist, darüber bekommen wir am besten auf folgende Art eine Vorstellung.

[ 14 ] Erinnern Sie sich einmal, daß das, was der Mensch als Angehöriger des gewöhnlichen Lebens tut, aus den Impulsen seiner Empfindungen, seiner Affekte, seiner Triebe, seiner Begierden hervorgeht. Der Mensch wird meinetwegen zornig und tut das oder jenes aus dem Zorne heraus, er liebt und tut dieses oder jenes aus der gewöhnlichen Liebe heraus. Es gibt nur ein Wort, das Ihnen bezeichnen kann alles das, was der Mensch so tut. Nicht wahr, Sie werden alle zugeben, daß bei dem, was der Mensch so tut, wenn er leidenschaftlich ist, wenn er zornig ist, wenn er liebt in der gewöhnlichen Weise, etwas ist, was spottet der abstrakten Begriffe, was man nicht definieren kann. Man muß schon ein ganz vertrockneter Gelehrter sein, wenn man alles das, was irgendeiner menschlichen Handlung zugrunde liegt, definieren wollte. Aber ein Wort ist doch da, welches dasjenige bezeichnet, was beim Menschen vorliegt, wenn er irgend etwas im gewöhnlichen Leben tut, und das ist das Wort «Persönlichkeit», Mit diesem Wort umfassen wir sogleich alle die undefinierten Dinge. Wenn wir eines Menschen Persönlichkeit begriffen haben, dann wissen wir unter Umständen zu beurteilen, warum er diese oder jene Leidenschaft, diese oder jene Begierde und so weiter entwickelte. Das hat alles diesen persönlichen Charakter, was aus unseren Trieben, Begierden, Leidenschaften und so weiter hervorgeht. Da sind wir aber so leicht verstrickt in das physisch-materielle Leben, wenn wir aus unseren Trieben, Begierden, Leidenschaften heraus arbeiten. Da ist geradezu eingetaucht in das Meer der physisch-materiellen Welt unser Ich. Denn wie unfrei ist es, wenn es dem Zorn, der Begierde, der Leidenschaft, auch der Liebe im gewöhnlichen Sinne folgt. Unfrei ist das Ich, weil es in den Banden ist von Zorn, Leidenschaft und so weiter. Nun, wenn wir unser Zeitalter in Betracht ziehen, so werden wir uns gestehen, daß es jetzt schon etwas anderes gibt, was es im Grunde genommen in alten Zeiten nicht gegeben hat.

[ 15 ] Nur diejenigen, welche die Geschichte nicht kennen und alles mit einem Zeitmaße beurteilen, das nicht viel weitergeht als die Nase, können behaupten, daß in den älteren Zeiten des Griechentums zum Beispiel solche Dinge vorhanden gewesen wären, die wir heute zusammenfassen mit den Worten, die seit mehr als einem Jahrhundert berühmt geworden sind: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der Menschen, mit Worten, die wir bezeichnen als sittliche Ideale, mit Worten, wie sie zum Beispiel auch im ersten Grundsatz der Theosophischen Gesellschaft enthalten sind, «den Kern eines allgemeinen Bruderbundes der Menschheit zu bilden ohne Unterschied des Glaubens, der Nation, des Standes, des Geschlechtes». Wir folgen als heutige Menschen diesem Ideale. Das war nicht so bei den alten Ägyptern, Persern, überhaupt nicht bei den alten Völkern, in dem Sinn, wie wir davon sprechen. Die Menschen haben eigentlich in diesem jetzigen Zeitalter solchen Idealen zu folgen, aber was der Mensch tut unter den Begriffen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und so weiter, hat eben den Charakter des Abstrakten für die meisten Menschen. Für die meisten Menschen können in bezug auf das, was sie erfassen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und so weiter diese Ideale nur als abstrakt definiert werden, weil sie persönlich noch wenig davon erfassen. Da haben wir, trotzdem die Leidenschaften geschwellt werden, doch bei vielen Menschen etwas vor uns, was so recht die Idee erweckt von etwas Ausgedörrtem. Persönlich können wir diese Dinge noch nicht nennen, es sind abstrakte Ideen. Es ist noch nicht etwas, was das Vollblütige des persönlichen Lebens hat. Und wir bezeichnen solche Individualitäten als sehr hochstehend, bei denen die Idee der Freiheit einen solchen Charakter annimmt, daß sie mit urelementarer Kraft hervorquillt, wie wenn sie aus dem Zorn, aus der Leidenschaft, aus der gewöhnlichen Liebe hervorkäme. Wie nüchtern lassen die Menschen vielfach heute noch die Ideen, die wir als die größten sittlichen Ideale betrachten! Dennoch ist es der Anfang eines großen Werdens. Geradeso wie der Mensch mit seinem Ich in das Meer des Physisch-Materiellen hinuntergetaucht ist, da er sozusagen Persönlichkeit entwickelte, indem er etwas tut unter den Einflüssen von Leidenschaften, Trieben, Begierden, geradeso muß er nicht bloß mit den abstrakten Begriffen, sondern mit der Persönlichkeit hinaufrücken in diese abstrakten Ideen, die eben noch abstrakt sind. Mit der urelementaren Kraft, mit der wir heute sehen, daß dieses oder jenes aus dem Hasse oder der Liebe im gewöhnlichen Sinne entspringt, mit der wird dasjenige entspringen, was unter den geistigsten Idealen steht. Der Mensch wird hinaufrücken in höhere Sphären mit seiner Persönlichkeit. Dazu ist aber etwas notwendig. Wenn der Mensch hinuntertaucht mit seinem Ich in das Meer des physisch-materiellen Lebens, findet er eben seine Persönlichkeit, da findet er sein heißes Blut, seine wogenden Triebe und Begierden im astralischen Leibe, da taucht er unter in seine Persönlichkeit. Aber nun soll er hinauf in das Gebiet der sittlichen Ideale, und das soll nicht abstrakt sein. Er muß nach dem Geistigen hinauf, und da muß ihm etwas ebenso Persönliches entgegenpulsen, wie ihm Persönliches entgegenpulst, wenn er mit seinem Ich in sein heißes Blut, in seine Triebe untertaucht. Hinauf muß er, ohne ins Abstrakte zu verfallen. Wie kommt er denn, wenn er hinaufgeht ins geistige, in etwas Persönliches hinein? Wie kann er denn diese Ideale so entwickeln, daß sie persönlichen Charakter haben? Dazu gibt es nur ein Mittel. Da muß der Mensch in den geistigen Höhen eine Persönlichkeit anziehen können, die innerlich persönlich ist, wie die Persönlichkeit unten im Fleische ist. Und was ist das für eine Persönlichkeit, die der Mensch anziehen muß, wenn er hinaufsteigen will in das Geistige? Das ist der Christus. Geradeso wie einer sagen könnte, der ein entgegengesetzter Paulus ist: Nicht ich, sondern mein astralischer Leib -, so sagt Paulus: Nicht ich, sondern der Christus in mir —, um anzuzeigen, daß dadurch, daß der Christus in uns lebt, die abstrakten Ideen einen ganz persönlichen Charakter annehmen. Sehen Sie, das ist die Bedeutsamkeit des Christus-Impulses. Ohne den Christus-Impuls käme die Menschheit zu abstrakten Idealen, zu allerlei Idealen von moralischen Mächten und dergleichen, zu dem, was heute viele Historiker unter den sogenannten geschichtlichen Ideen beschreiben, die nicht leben und nicht sterben können, weil sie eben keine schöpferische Macht haben. Wenn man von Ideen in der Geschichte spricht, so sollte man sich bewußt werden, daß das tote, abstrakte Begriffe sind, die nun wirklich nicht die Geschichtsepochen beherrschen können. Herrschen kann nur das Leben. Und das, wozu der Mensch sich entwickeln soll, ist die Entwickelung zu einer höheren Persönlichkeit. Dies ist die Christus-Persönlichkeit, welche der Mensch anzieht, welche der Mensch in sich aufnimmt.

[ 16 ] So geht der Mensch wieder ins Geistige hinauf, indem er nicht bloß vom Geiste redet, sondern den Geist aufnimmt in der lebendig persönlichen Form, wie er ihm entgegenlebt in den Ereignissen von Palästina, in dem Mysterium von Golgatha. So steigt der Mensch unter dem Einfluß des Christus-Impulses wiederum hinauf. Durch nichts anderes kommt man darüber hinaus, die abstrakten Ideale mit einem persönlichen Charakter immer mehr und mehr auszugestalten, als dadurch, daß unser ganzes spirituelles Leben sich durchziehen wird mit dem Christus-Impuls. Aber wenn wir auf der einen Seite durch die Schuld vor der Entwickelung des Ich dasjenige auf uns geladen haben, was wir die Erbsünde nennen, wenn wir da sozusagen etwas haben, was uns nicht voll angerechnet werden kann, so kann uns im Grunde genommen auch das nicht angerechnet werden, daß der Christus hereingetreten ist, daß wir den Christus anziehen können. Was wir tun, was wir versuchen, um dem Christus nahezukommen, das gehört schon in unser Ich, das ist schon unser Verdienst. Daß der Christus da ist, daß wir auf einem Planeten leben, wo der Christus gewandelt ist, in einer Zeit leben, nachdem dies geschehen ist, das ist nicht unser Verdienst. Was also ausfließt von dem positiven, dem lebendigen Christus, um uns wiederum hinaufzubringen in die geistige Welt, das ist etwas, was wiederum außerichlich ist, was uns hinaufzieht, ohne daß wir dazu etwas können, ebensowenig wie wir dazu etwas können, daß wir sozusagen ohne unsere Schuld schuldig geworden sind. Es kommt uns durch das Dasein des Christus auf Erden die Kraft, wiederum hinaufzusteigen, ebenso ohne Verdienst, wie das andere ohne unsere Schuld gekommen ist. Denn beide haben es nicht zu tun mit dem Persönlichen, in dem das Ich lebt, sondern mit dem, was dem Ich vorangeht und was dem Ich nachfolgt. Wir haben öfters betont, daß der Mensch sich aus einem Zustand entwickelt hat, wo er nur physischen Leib, Atherleib und astralischen Leib hatte, und daß der Mensch sich dadurch weiterentwickelt, daß er seinen astralischen Leib umwandelt und durch diese Umwandlung diesen astralischen Leib zu Manas macht. So wie der Mensch seinen astralischen Leib schlechter gemacht hat durch die Erbsünde, so macht er ihn wiederum besser durch den Christus-Impuls. Da fließt etwas herein, was den astralischen Leib um ebensoviel besser macht, als er dazumal schlechter gemacht worden ist. Das ist das Aquivalent, das ist dasjenige, was man im wahren Sinne die Gnade nennt. Gnade ist das Äquivalent, der Ergänzungsbegriff zum Erbsündebegriff. So daß das Hereinströmen des Christus in den Menschen, die Möglichkeit, eins werden zu können mit dem Christus, die Möglichkeit, sagen zu können wie Paulus: Nicht ich, sondern der Christus in mir —, zugleich alles das ausdrückt, was wir als den Begriff der Gnade bezeichnen.

[ 17 ] So dürfen wir sagen: Wir mißverstehen nicht die Karma-Idee, wenn wir davon sprechen, daß es eine Erbsünde und eine Gnade gibt. Denn sofern wir von der Karma-Idee sprechen, sprechen wir von der Reinkarnation des Ich in den verschiedenen Leben. Karma ist für den Menschen ohne die Anwesenheit des Ich gar nicht zu denken. Soferne wir von Erbsünde und Gnade sprechen, sprechen wir von Impulsen, die unter der Fläche des Karma liegen, die im astralischen Leibe liegen. Ja, wir dürfen sagen, wie das menschliche Karma ist, ist es erst dadurch herbeigeführt worden, daß der Mensch die Erbsünde auf sich geladen hat. Das Karma läuft durch Inkarnationen hindurch, und vorher und nachher stehen Dinge, welche das Karma einleiten und wieder ausgleichen, vorher die Erbsünde und nachher der volle Erfolg des Christus-Impulses, das Eintreten der vollen Gnade.

[ 18 ] So können wir uns sagen: In der Tat, auch von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, hat Geisteswissenschaft gerade in der Gegenwart eine große, bedeutsame Mission. Denn so wahr es ist, daß die Menschheit erst vor kurzem dazugekommen ist, überhaupt Ideale anzuerkennen, in abstrakter Form anzuerkennen, so wahr die Menschen sozusagen abstrakte Ideen von Freiheit, von Brüderlichkeit entfalten konnten, so wahr ist es, daß die Zeit vor uns stehen muß, wo diese Ideen nicht als abstrakte Ideale bloß, sondern als lebendige Kräfte an uns heranrücken. So wahr es ist, daß die Menschen einen Durchgangspunkt durchgemacht haben da, wo sie abstrakte Ideale fassen konnten, so wahr ist es, daß sie dazu vorschreiten müssen, diese Ideale persönlich auszuleben, daß sie vorschreiten müssen zum Eintritt in den neuen Tempel. Wir stehen davor. Und die Menschen werden gelehrt werden, daß dasjenige, was aus spirituellen Höhen herunterwirkt, nicht bloß Abstracta sind, sondern Lebendiges ist. Wenn sie anfangen werden, das zu schauen, was oftmals genannt worden ist als dem Schauen der Menschen bevorstehend in der nächsten Epoche der Entwickelung, wenn die Menschen anfangen werden, nicht mehr zu denken: Wie bin ich gut! - sondern wenn ihnen vor Augen treten wird aus dem ätherischen Anschauen die lebendige Macht des Christus, den sie schauen werden im Ätherleibe — wie wir wissen, daß das geschieht von der Mitte unseres Jahrhunderts ab bei einzelnen Menschen -, wenn die Menschen beginnen werden, den Christus als Lebendigen zu schauen, dann werden sie wissen, daß das, was sie eine Zeitlang in Form von abstrakten Ideen erschaut haben, lebendige Wesenheiten sind, die da leben innerhalb unserer Entwickelung, lebendige Wesenheiten. Denn der lebendige Christus, der zuerst in physischer Gestalt aufgetreten ist und der sich nur innerhalb derselben dazumal den Menschen mitteilen konnte, daß sie an ihn glauben konnten, auch sofern sie nicht seine Zeitgenossen waren, er wird seine Erscheinung erneuern. Dann wird es keines Beweises bedürfen, daß er lebt, dann werden die Beweisenden da sein: diejenigen, welche selber erleben — auch ohne eine besondere Entwickelung, in einer Art von reifem Schauen -, daß die sittlichen Mächte der Weltordnung Lebendiges sind, nicht bloß abstrakte Ideale.

[ 19 ] So sehen wir, daß unsere Gedanken uns nicht hinaufführen können in die wirklich geistigen Welten, weil sie ohne Leben sind. Erst wenn diese Gedanken uns nicht mehr erscheinen als unsere Gedanken, sondern als die Bezeugungen des lebendigen Christus, welcher den Menschen erscheinen wird, dann werden wir diese Gedanken in der richtigen Weise verstehen. Dann wird der Mensch ebenso wahr, wie er eine Persönlichkeit wurde, indem er mit dem Ich untergetaucht ist in niedere Sphären, ebenso eine Persönlichkeit sein, wenn er zu den geistigen Höhen hinaufsteigt. Das verkennt der Materialismus von heute. Dieser wird nur leicht verstehen, daß es abstrakte Ideale gibt des Guten, des Schönen und so weiter. Daß es lebendige Mächte gibt, die uns durch ihre Gnade hinaufziehen, das muß erst eingesehen werden. Das wird durch geisteswissenschaftliche Entwickelung eingesehen, das ist das, was der erneuerte Christus-Impuls ist. Wenn wir unsere Ideale nicht mehr bloß als Ideale sehen, sondern durch sie den Weg finden zum Christus, dann setzen wir im geisteswissenschaftlichen Sinn das Christentum fort. Dann tritt dieses in ein neues Stadium, dann hört es auf, eine bloße Vorbereitung zu sein. Dann wird das Christentum zeigen, daß es das Allergrößte für alle kommenden Zeiten enthält. Dann werden diejenigen, welche glauben, daß das Christentum immer gefährdet ist, wenn Entwickelung in es hineingebracht wird, sehen, wie unrecht sie haben.

[ 20 ] Denn das sind die Kleingläubigen, die ängstlich werden, wenn gesagt wird: Seht, das Christentum enthält noch größere Herrlichkeiten, als bisher mitgeteilt worden sind! — Und diejenigen, die groß denken vom Christentum, sind die, welche wissen, daß die Worte wahr sind, daß der Christus bei uns ist alle Tage, das heißt, daß er uns immer Neues offenbart und daß es recht ist, wenn bis zum Christus-Quell zurückgegangen wird. Dadurch lebt das Christentum als etwas Größeres, daß man ihm zumutet, daß es immer neuere und lebendigere Schöpfungen aus seinem Schoße hervorbringt. Diejenigen, die immer sagen: Ja, das steht nicht in der Bibel, das ist nicht wahres Christentum, und Ketzer seien diejenigen, die von etwas anderem behaupten, es sei Christentum — diese sind zu verweisen darauf, daß der Christus auch gesagt hat: «Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen.» Das hat er nicht gesagt, um die Menschen darauf hinzuweisen, daß er ihnen etwas vorenthalten will, sondern daß er ihnen immer von Epoche zu Epoche neue Offenbarungen machen will. Und er wird sie machen durch diejenigen, die ihn verstehen wollen. Und diejenigen, welche das leugnen, verstehen auch nicht die Bibel, auch nicht das Christentum. Denn sie verstehen nicht hinzuhorchen auf das, was die christliche Mahnung in diesem Worte ist, das der Christus gemeint hat: Ich habe euch noch vieles zu sagen, bereitet euch aber vor, daß ihr es lernt ertragen, daß ihr Verständnis dafür erhaltet.

[ 21 ] Das werden in der Zukunft die wahren Christen sein, welche hören werden wollen, was die Christen als Zeitgenossen des Christus noch nicht tragen konnten. Das werden die wahren Christen sein, welche den Willen haben, von der Christus-Gnade immer mehr und mehr in ihr Herz fließen zu lassen. Das werden die Verstockten sein, welche sich wehren werden gegen die Gnade, die da sagen werden: Nein, geht zurück in die Bibel, nur das, was der Buchstabe enthält und was bisher herausgekommen ist, ist wahr. Sie verleugnen die Worte, die im Christentum selber ein zündendes Licht herausentfachen, die Worte, die wir wohl beherzigen wollen: «Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen.» Wohl der Menschheit, wenn sie immer mehr und mehr in diesem Sinne tragen wird können. Denn dann wird sie immer reifer und reifer sich machen zum Aufstieg in die spirituellen Höhen. Und dazu soll das Christentum den Weg bahnen.