Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
Das Christus-Ereignis
als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution
GA 127
5 Juni 1911, Copenhagen
12. Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
Einleitende Worte zu dem Zyklus «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit»
[ 1 ] Es wird mir vergönnt sein, in den nächsten Tagen hier über ein mir wichtig erscheinendes theosophisches "Thema zu sprechen: Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit. Auf den Wunsch unserer Freunde darf ich diesen Vorträgen einige Worte voraussenden, welche sich vielleicht wie eine Art Einleitung oder Vorrede zu dem in meiner Aufgabe liegenden Thema ausnehmen werden.
[ 2 ] Es muß dem Theosophen etwas eignen, was man im umfassendsten Sinne Sehnsucht nach wahrer Selbsterkenntnis nennen kann. Denn wer nur ein wenig in das theosophische Leben eingedrungen ist, fühlt, daß aus dieser Selbsterkenntnis heraus geboren werden muß jenes umfassende Verständnis für ein jegliches menschliches Fühlen und Denken, für ein jegliches andere Wesen, und daß ein solches Verständnis unzertrennlich verbunden sein muß mit unserer ganzen theosophischen Bewegung.
[ 3 ] Es wird so leicht mißverstanden, daß innerhalb unserer deutschen theosophischen Bewegung uns voranleuchtet dasjenige Zeichen, welches Sie kennen als das Signum des Kreuzes mit den Rosen. Es ist leicht, Mißverständnisse zu hegen gerade gegenüber derjenigen geistigen, theosophischen Bewegung, welche unter diesem Zeichen des Rosenkreuzes sich in das geistige Leben unserer Zeit hineinleben will, hineinleben will in die menschlichen Herzen und ihr Empfinden, hineinleben will in das menschliche Wollen und seine Taten. Es ist leicht, auf diesem Boden zu einem Mißverständnis zu kommen, weil es für viele, auch gutmeinende Seelen der Gegenwart außerordentlich schwierig einzusehen ist, daß die geistige Bewegung, welche unter diesem Zeichen wirken will, in der Tat durch alle ihre Grundsätze, durch ihr ganzes Fühlen und Empfinden dazu angeregt ist, in der allertolerantesten Weise jedes menschliche Streben und jede Richtung zu verstehen. Das liegt zwar tief auf dem Grunde der Rosenkreuzerbewegung, so daß diese Toleranz zunächst weniger ins Auge fallen mag, aber sie gehört zu dieser Bewegung dazu. Daher werden Sie diese Bewegung leicht auf denjenigen Seiten mißverstanden finden, welche Toleranz verwechseln mit einseitiger Toleranz gegenüber der eigenen Meinung, den eigenen Prinzipien und Methoden.
[ 4 ] Man stellt sich diese Toleranz so ungeheuer leicht vor, aber sie gehört zu dem Allerschwierigsten, wenn sie sich der Mensch im höchsten Sinne des Wortes erobern soll. Denn ganz leicht kann man glauben, daß derjenige, der etwas anderes sagt als man selber, ein Gegner sei. Leicht kann man auch die eigene Meinung mit dem verwechseln, was allgemein als Wahrheit vertreten wird. 'Theosophisches Leben aber wird blühen und die richtigen Früchte tragen für das geistige Leben der Zukunft, wenn es ein umfassender Boden sein wird, auf dem wir uns begegnen, in innigem Seelenverständnis begegnen nicht nur mit demjenigen, der glaubt, was wir selber glauben, sondern auch mit dem, der unter Umständen durch seine eigenen Erfahrungen, durch seinen eigenen Lebensweg genötigt ist, vielleicht sogar scheinbar das Entgegengesetzte von dem zu vertreten, was wir selber verkündigen. Eine alte Moral, welche ihrer Abendröte entgegengeht, hat gelehrt, Liebe und Toleranz zu üben zwischen denjenigen, welche die gleichen Gedanken und Empfindungen wie wir selber haben. Theosophisches Leben wird dagegen in seiner Wahrheit immer mehr und mehr in die Herzen der Menschen jene viel tiefergehende Toleranz ausstrahlen, welche es ermöglichen wird, daß wir uns auf dem Boden gegenseitigen Verständnisses, gegenseitiger menschlicher Anregung und menschlichen Zusammenlebens auch da finden, wo wir nicht von vornherein in unseren Gedanken und Empfindungen übereinstimmen. Damit ist zu gleicher Zeit ein wichtiger Punkt berührt. Denn was tritt dem, der sich unserer theosophischen Bewegung zuwendet, zuerst entgegen? Wozu ist er veranlaßt, sich zuerst zu bekennen? Obwohl auch diese Erkenntnis in unserer Mitte kein Dogma zu sein braucht, und obwohl es sogar in bezug auf diese Grunderkenntnis Meinungsverschiedenheiten geben könnte, darf doch gesagt werden: Was im umfassendsten Sinne eine allgemeine Erkenntnis von Anfang an ist, wenn irgend jemand an die Theosophie herantritt, das ist die Idee der wiederholten Erdenleben und die Lehre vom Hinüberreichen der Ursachen von einem Erdenleben in das andere. Reinkarnation und Karma sind Überzeugungen, die sich uns von Anfang an aufdrängen. Aber vom ersten Tage an, da diese Wahrheiten unsere Überzeugung werden, bis zu dem Tage, wo wir auch nur einigermaßen unser ganzes Leben, unser ganzes Sein in das Licht dieser Ideen, dieser Wahrheiten stellen, ist ein weiter Weg. Es verfließt lange Zeit zwischen dem Tage, an dem uns diese Überzeugung aufgeht, bis zu dem Tage, da sie vollständiges Leben in unserer Seele werden kann.
[ 5 ] Da stehen wir zum Beispiel einem Menschen gegenüber, der uns mit Hohn, vielleicht sogar beleidigend entgegentritt. Aber wenn wir lange schon die Lehre von Reinkarnation und Karma aufgenommen haben, werden wir sagen: Wer hat da das verletzende, das beleidigende Wort gesprochen, das in unser Ohr gedrungen ist und uns mit Hohn überschüttet hat? Wer hat vielleicht sogar die Hand zum Schlage erhoben? — Und wir werden uns dann sagen können: Wir haben es selber getan! Die Hand ist nur scheinbar die Hand des anderen, denn ich bin es selbst, der durch sein verflossenes Karma den anderen die Hand gegen mich erheben ließ.
[ 6 ] Damit ist nur angedeutet, wie lang der Weg sein kann von der abstrakten, theoretischen Überzeugung von Karma und Reinkarnation bis dahin, wo wir das ganze Leben in das Licht dieses Gedankens zu stellen verstehen. Dann fühlen wir wirklich den Gott in unserer Brust so, daß wir ihn nicht nur als unser eigenes höheres Selbst erleben, das uns lehrt, wie der Mensch an dem Göttlichen mit einem Funken seines Seins teilnimmt. Wir lernen vielmehr dieses höhere Selbst auch so zu fühlen, daß es uns mit einem Gefühl unbegrenzter Verantwortlichkeit durchdringt nicht nur gegenüber dem, was wir tun, sondern auch gegenüber dem, was wir erleiden, aus dem einfachen Grunde, weil das, was wir im jetzigen Zeitpunkt erleiden, nur die notwendige Folge dessen ist, was wir in einer weit zurückliegenden Zeit getan haben.
[ 7 ] Und nun fühle man eine solche Gesinnung wie warmes geistiges Lebensblut einer neuen Kultur in unsere Seele eindringen. Man fühle, wie neue Begriffe von Verantwortlichkeit, neue Begriffe auch von Menschenliebe entstehen, die unsere Seelen erfassen müssen durch das theosophische Leben. Man fühle, wie es keine Phrase ist, wenn gesagt wird, daß die theosophische Bewegung in unserer Zeit entstanden ist, weil die Menschheit neue moralische Impulse, neue intellektuelle und geistige Impulse braucht. Und man fühle, daß eine neue Offenbarung auf spirituellem Gebiete nicht deshalb für die Menschheit sich geltend macht und durch das theosophische Leben in unsere Herzen, in unsere Überzeugungen einfließen soll, weil irgendeine Willkür vorliegt, sondern daß sie einfließen soll, weil zu jenen neuen moralischen Impulsen, zu jenen neuen Begriffen von Verantwortlichkeit, ja, vom Schicksal des Menschen eine solche neue spirituelle Offenbarung notwendig ist. Dann fühlt man wohl auch unmittelbar lebendig, was es für einen zusammenhängenden Sinn in der Welt hat, wenn dieselben Seelen, die in Leibern sitzen, welche heute hier versammelt sind, oft und oft in vergangenen Zeiten auf diesem Erdenboden schon verkörpert waren. Nach diesem Sinn muß man sich fragen: Warum immer wieder und wieder? — Dieser Sinn ergibt sich uns dadurch, daß wir durch die Theosophie kennenlernen, wie wir jedesmal, wenn wir in einem neuen Leib durch neugebildete Augen hinausschauen in die Herrlichkeiten der Welt, hinter dem Schleier der sinnlichen Welt die göttlichen Offenbarungen erahnen; oder daß wir durch neugebildete Ohren hinaushören auf das, was sich uns als Göttliches in der Welt der Töne offenbaren kann, und daraus erkennen lernen, wie wir jedesmal in einer neuen Inkarnation Neues auch auf dem Erdenrund erleben können und erleben sollen. Dann fühlt man wohl auch, daß es Menschen geben muß, die durch ihr Karma dazu bestimmt sind, prophetisch vorherzukünden, was nach und nach die ganze Menschheit als Sinn eines Zeitalters ergreifen muß.
[ 8 ] Was heute in den Reihen der Theosophischen Gesellschaft und der theosophischen Bewegung durch die Offenbarungen aus der spirituellen Welt erfaßt werden kann, das muß einfließen in die gesamte menschliche Kultur. Die Seelen, die sich durch die heutigen Leiber hineinleben in die Welt, fühlen sich deshalb zur Theosophie getrieben, weil sie die Notwendigkeit empfinden, dieses neue Element hinzuzufügen zu dem, was in den verschiedensten Epochen von den Menschen erobert worden ist aus der geistigen Welt heraus. Da müssen wir uns allerdings darüber klar werden, daß wir in einer jeden Epoche aufs neue wieder den ganzen Sinn des Weltenrätsels verstehen müssen, daß wir in einer jeden Epoche in einer neuen Art demjenigen gegenübertreten müssen, was uns herunterfließen kann durch die Offenbarungen aus den spirituellen Welten.
[ 9 ] Unsere Zeit ist eine ganz besondere. Obwohl man oftmals leichten Herzens jede Zeit eine Zeit des Überganges nennt, so gilt trotzdem das, was sonst oftmals Phrase ist, im wahren Sinne des Wortes für unsere Zeit. Es kommt tatsächlich ein Zeitalter herauf, in dem die Menschen viel Neues in bezug auf die ganze Evolution unserer Erde erleben müssen. Über manches werden die Menschen neu zu denken haben. Ja, manches von dem Neuen wird heute noch, man möchte sagen, im alten Stil und im alten Sinne aufgefaßt. Vielen Menschen ist es noch unmöglich, dieses Neue auch schon in einer neuen Art wirklich aufzufassen. Oftmals hinkt der Mensch mit seinen alten Begriffen den neuen Offenbarungen nach.
[ 10 ] Da sei nur beispielsweise auf eines aufmerksam gemacht. Man hat mit Recht immer wieder und wieder betont, welchen ungeheuren Fortschritt des menschlichen Denkens es bedeutet, daß seit vier Jahrhunderten die Menschen in den physischen Bau des Weltalls eingedrungen sind. Mit Recht wurden auf der einen Seite die großen Errungenschaften und Erfolge hervorgehoben eines Kopernikus, eines Kepler, Galilei, Giordano Bruno und so weiter. Aber auf der anderen Seite möchte ich an ein Wort erinnern, das sich recht klug anhört und etwa folgendermaßen lautet: Nun haben uns die Gedanken des Kopernikus in die Welt räumlich hinausgeführt, und es hat sich gezeigt, daß es so ist, wie es Giordano Bruno geahnt hat: wie unsere Erde ein kleiner Weltenkörper neben anderen unzähligen im Raume befindlichen Weltenkörpern ist. Und auf dieser Erde, sagt man, sollte sich das größte Drama abgespielt haben, das den Mittelpunkt der Evolution bildet, und wir sollten in den Mittelpunkt dieser ganzen Evolution die Geschichte des Christus Jesus stellen? Wie sollte denn ein solches für die ganze Welt bedeutungsvolles Geschehen auf den kleinen Erdplaneten verpflanzt werden, da man doch kennengelernt habe, daß diese Erde eben nur der kleine Planet unter unzähligen Planeten des Daseins ist! Das ist ein Gedanke, der gewiß naheliegt, so nahe, daß er sich außerordentlich klug und gescheit ausnimmt, wenn man bloß auf den Intellekt Rücksicht nimmt, aber ein Gedanke, der nicht rechnet mit der Tiefe der spirituellen Empfindung. Sie kommt darin zum Ausdruck, daß am Ausgangspunkte des Christentums der Ursprung dieses Ereignisses auf der Erde nicht einmal in einen königlichen Palast oder in irgendwelche Glanzstätten der Erde verlegt wurde, sondern in einen Stall zu armen Hirten. Nicht einmal damit hat das spirituelle Empfinden also sein Genüge gehabt, dieses Ereignis auf die Erde zu verlegen, sondern sogar in einen verachteten Winkel der Erde. Das nimmt sich dann gegen die Behauptung, daß es nicht mehr anginge, «das größte Drama des Weltgeschehens in einem Provinztheater sich abspielen zu lassen» — dieser Ausdruck ist gebraucht worden -, sehr sonderbar aus. Aber das Christentum hat die Art, dieses größte Drama des Weltgeschehens nicht nur in einem Provinztheater, sondern noch ganz woanders spielen zu lassen.
[ 11 ] Wir sehen daraus, wie schwierig es ist, den Dingen nachzukommen mit dem richtigen, wahren Empfinden, und wieviel die Menschen werden zu lernen haben, um einzusehen, welches die richtigen Gedanken und Empfindungen gegenüber der Menschheitsentwickelung sind. Wir gehen bewegten Zeiten entgegen, das darf für unsere Gegenwart und für die nächste Zukunft gesagt werden. Denn wahr ist es: manches Alte ist abgebraucht, und Neues fließt herein aus der geistigen Welt in die Menschheit. Nicht weil sie so wollen, sondern weil die Geschichte der Menschheit dazu zwingt, sprechen die, welche von der Menschheitsentwickelung etwas wissen, davon, daß unser ganzes seelisches Leben im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte sich ändern werde, und daß am Ausgangspunkt dieser Änderung die sich richtig verstehende theosophische Bewegung stehen muß, stehen muß in aller Demut, aber mit echtem Verständnisse dessen, was sich für die Menschheit im Laufe der nächsten Jahrhunderte zu vollziehen hat. Denn so wahr es ist, daß die Menschen erst im Laufe der Zeit gelernt haben, mit ihrem Intellekt den Weltenbau so anzusehen wie Kopernikus, Giordano Bruno, Kepler oder Galilei, wie die Menschen erst im Laufe unserer letzten Jahrhunderte gelernt haben, intellektuell die Welt zu interpretieren, und wie früher die Menschenseelen in ganz anderer Weise zu ihrem Wissen gekommen sind, ebenso wahr ist es, daß das intellektuelle Wissen in unserer Zeit für die Menschenseele abgelöst werden wird von einer neuen, einer spirituellen Einsicht. Es drängen jetzt schon die menschlichen Seelen in ihren Leibern dazu, nicht mehr bloß intellektuell die Welt anzuschauen. Und wenn nicht durch den Materialismus so viel ins Werk gesetzt worden wäre, um die spirituellen Regungen zurückzudrängen, so würden solche Seelen, die man förmlich stürmisch nach spirituellen Inhalten begehren fühlt, noch viel mehr in Erscheinung treten, würden sich viel deutlicher die spirituellen Regungen in den Menschen bemerkbar machen, die nur darauf warten, in noch anderer Weise in den Weltenraum hineinzuschauen und in das Dasein, als es bisher der Fall war.
[ 12 ] Bevorzugte Geister, denen das zuteil wird, was man als «Gnade» bezeichnet, sehen vor ihrem Geiste oftmals jahrhundertelang voraus, was später allgemeines Schauen der Menschheit werden kann. Öfter wurde von mir darauf hingewiesen, wie etwas, was einmal ein gnadenerfüllter Mensch, Paulus, in dem Ereignis von Damaskus, als den Impuls des Christus-Geschehnisses als einzelner erlebte, nach und nach Gemeingut der Menschheit werden wird. Wie Paulus durch eine spirituelle Offenbarung wußte, wer der Christus ist, was der Christus getan hat, so werden die Menschen solches Wissen, solches Schauen wieder erleben. Die Zeit steht unmittelbar bevor, wo eine Anzahl von Menschen etwas erleben werden wie eine Erneuerung des paulinischen Christus-Ereignisses. Das ist etwas, was zur Evolution unserer Erde gehört: jenes geistige Auge, das sich vor Damaskus dem Paulus geöffnet hat, das hineinschaut in die geistigen Welten und von dorther jene Wahrheit holt, die Paulus nimmermehr geglaubt hatte, als ihm in Jerusalem über das Christus-Ereignis berichtet worden war — dieses geistige Schauen werden viele Menschen erleben. Daß dieses Ereignis eintreten wird, ist eine geschichtliche Notwendigkeit. Das ist das, was man in Wahrheit die Wiederkunft des Christus im 20. Jahrhundert genannt hat. Der Christus als Individualität wird erkannt werden, wie er sich offenbart hat immer mehr und mehr sich annähernd dem physischen Plan von jenem Augenblicke an, da er im brennenden Dornbusch dem Moses erschienen ist wie in einem Abglanz, bis zu jener Zeit, da er drei Jahre auf dem physischen Plan in einem Menschenleibe lebte. Er wird durch ein solches Schauen erkannt werden als der Schwerpunkt der gesamten Erdenevolution.
[ 13 ] Ein System hat nur einen Schwerpunkt, eine Waage nur einen Aufhängepunkt. Sobald Sie den Waagebalken mehrfach unterstützten, würden Sie gegen die Raumesgesetze der Schwere verstoßen. Sie brauchen nur einen Punkt, einen Schwerpunkt für ein System. Deshalb anerkennen die Okkultisten aller Zeiten, des Altertums und der Neuzeit, wenn von dem Schwerpunkt der Erdenevolution im wahren Sinne die Rede ist, dieses Hinwenden der Evolution zu dem einen Punkt, zu dem Mysterium von Golgatha, und das Aufsteigen der Menschheitsentwickelung wieder von diesem Punkte aus. Wahr ist es: es ist außerordentlich schwierig, den richtigen Sinn dieses Christus-Ereignisses, des Mysteriums von Golgatha für die geistige Führung der Menschheit anzuerkennen. Denn dazu gehört, daß alles, was wir an Empfindungen und Urteilen mitbringen von dem einen oder dem anderen Weltenbekenntnis her, in uns schweige. Wir müssen ebenso fremd und objektiv den christlichen Erziehungsmethoden gegenüberstehen, welche durch viele Jahrhunderte im Abendlande geherrscht haben, als anderen religiösen Erziehungsmethoden der Welt, wenn wir im wahren Sinne dasjenige kennenlernen wollen, was der geistige Schwerpunkt der Erdenevolution ist. Daher wird man es erleben, daß für die nächsten Jahrzehnte diejenigen, welche die intensivsten Verkündiger des geistigen Schwerpunktes der Menschheitsentwickelung werden, als «schlechte Christen» gelten werden, denen man vielleicht sogar das Prädikat Christ absprechen wird.
[ 14 ] Schon die eine Idee ist ungeheuer schwierig zu begreifen, daß der Christus nur einmal vorübergehend drei Jahre in einem menschlichen Leibe verkörpert sein konnte. Diejenigen, welche sich genauer bekanntgemacht haben mit dem, was die Rosenkreuzer-Theosophie über diese Dinge zu sagen hat, wissen, wie kompliziert der physische Leib jenes Jesus von Nazareth sein mußte, damit er die gewaltige Individualität, welche die Christus-Individualität ist, in sich aufnehmen konnte. Wir wissen, daß nicht ein Mensch, sondern daß zwei Menschen dazu geboren werden mußten. Von dem einen erzählt uns das MatthäusEvangelium, von dem anderen das Lukas-Evangelium. Wir wissen, daß jene Individualität, die in den Leib desjenigen Jesusknaben verkörpert wurde, von dem das Matthäus-Evangelium berichtet, vorher Gewaltiges für sich erreicht hatte in früheren Erdenleben, und daß diese Individualität mit zwölf Jahren ihren Leib verließ, um einen anderen Erdenleib bis zum dreißigsten Jahre einzunehmen und mit anderen Fähigkeiten in diesem anderen Leibe sich weiter zu entwickeln. Auf diese Weise mußte an der Persönlichkeit, die man als Jesus von Nazareth bezeichnet, zusammenwirken alles, was in der Menschheit vorher an Großem und Gewaltigem und anderseits an Demütigem erlebt worden ist, damit ein Leib fähig war, die Wesenheit aufzunehmen, die im wahren Sinne der Christus genannt werden darf. Ein tiefes Verständnis wird notwendig werden, um die Einzigartigkeit des Christus zu verstehen, um zu verstehen, was die Okkultisten meinen, wenn sie sagen: Wie es in der Mechanik nur einen Schwerpunkt eines Systems geben kann, so kann es auch nur ein Ereignis von Golgatha geben.
[ 15 ] Eine Zeit, die vor solchen gewaltigen seelischen Ereignissen steht, wie es jetzt nur andeutend charakterisiert werden konnte, ist ganz besonders geeignet, uns in uns selber Einkehr halten zu lassen. Und unter den mancherlei Aufgaben, welche der wahre 'Theosoph innerhalb der theosophischen Bewegung heute hat, ist ganz gewiß diese: Einkehr zu halten in die eigene Seele, in das eigene Herz, um sich ein wenig darüber klar zu werden, daß wir nur mit Entsagung den Weg gehen können, der dahin führt, diese einzigartige Wahrheit zu begreifen, von der uns der Okkultismus aller Zeiten in eindeutiger Weise berichtet.
[ 16 ] Solche Zeiten, in denen glanzvolle Weisheitslichter und warme Liebesgaben über die Menschheit ausgestrahlt werden sollen, müssen auch etwas bringen, was die Wahrheit des Satzes bestätigt: Wo viel Licht ist, ist starker Schatten. — Die starken, schwarzen Schatten, die eintreten mit jenen Gaben, von denen eben gesprochen worden ist, das sind die Irrtumsmöglichkeiten. Mit großen Weisheitsgaben, welche in die menschliche Evolution einfließen sollen, ist notwendigerweise verbunden, daß das menschliche Herz in solchen Zeiten sehr leicht dem Irrtum ausgesetzt sein kann. Glauben wir daher nicht, daß unfehlbarer als in anderen Zeiten die irrende Menschenseele sein wird in den Zeiten, welche da kommen werden und von denen wir verstehen müssen, daß mehr als in jeder anderen Zeit die menschliche Seele dem Irrtum und den Irrtümern ausgesetzt sein wird. Das ist es, was wie aus grauem Dämmerlichte die Okkultisten aller Zeiten prophetisch vorherverkündet haben. Wahr ist es, daß in den Tagen der Erleuchtung, auf die wir nur andeutend hinweisen konnten, die leichteste Möglichkeit des Irrtums, ja, die größte Verirrung Platz greifen kann. Um so notwendiger ist es, klar auf diese Möglichkeit des Irrtums hinzuschauen, sich klar darüber zu sein, daß, weil wir Großes gewärtigen sollen, um so leichter der Irrtum das schwache menschliche Herz befallen kann.
[ 17 ] Wenn wir jetzt die geistige Führung der Menschheit ins Auge fassen wollen, müssen wir aus diesem Gedanken der Irrtumsmöglichkeit — aus dem, was mit warnender Hand die Okkultisten aller Zeiten vorausgesagt haben — die Lehre ziehen: jene höchste Toleranz zu üben, von der heute im Eingange gesprochen worden ist, und uns alles abgewöhnen, was zu einem blinden Autoritätsglauben gehört, denn ein solcher Autoritätsglaube kann ein starker Versucher sein, kann gerade den Irrtum anregen. Auf der anderen Seite aber müssen wir uns das Herz offen und warm halten für alles, was in einer ganz neuen Weise auf die Menschheit aus den geistigen Welten herabfließen will. Daher wird ein guter Theosoph vor allen Dingen der sein, welcher weiß: Wenn wir innerhalb unserer Bewegung Pfleger jenes Lichtes sein wollen, das in die Menschheitsevolution einströmen soll, so müssen wir Wächter werden gegenüber alledem, was an Irrtümern sich gleichzeitig mit diesem Licht einschleichen kann. Fühlen wir auch demgegenüber die ganze Verantwortlichkeit, und haben wir das weite Herz, das wir brauchen, um zu verstehen, daß es noch keine Bewegung auf unserem Erdenrund gegeben hat, in welcher solche weiten, liebevollen Herzen gepflegt werden konnten. Lernen wir verstehen, daß es noch immer besser ist, wenn wir von denjenigen bekämpft werden, die glauben, nur in ihrer Meinung das Alleinseligmachende zu haben, als wenn wir diese anderen selber bekämpfen. Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein weiter Weg. Aber die, welche im Geiste die theosophische Bewegung ergreifen, werden zu leben wissen mit etwas, was wie ein Kernspruch, wie ein Motto für alle Spiritualität mit Recht durch alle Zeiten gegangen ist. Wenn Sie auch zuweilen Zweifel überkommen könnte bei dem Gedanken: Wohl ist starkes Licht vorhanden, aber auch eine große Irrtumsmöglichkeit, wie sollst du schwacher Mensch dich darin zurechtfinden? Wie sollst du entscheiden können, was von der Wahrheit stammt und was Irrtum ist? — Wenn ein solcher Gedanke in der Brust aufsteigt, können Sie Stärkung und Kräftigung fühlen durch den Leitspruch: Die Wahrheit wird dasjenige sein, was die höchsten Impulse für die Menschheitsentwickelung abgeben wird, und näher soll mir die Wahrheit stehen als ich mir selber. Verhalte ich mich so zur Wahrheit, und irre ich hier in dieser Inkarnation, so wird die Wahrheit die Kraft haben, mich zu sich zu ziehen in der nächsten Inkarnation. Wenn ich ehrlich irre in dieser Inkarnation, wird sich dieser Irrtum ausgleichen in der nächsten. Besser ist es, ehrlich zu irren, als unehrlich Dogmen anzuhängen. Und das Wort wird vor uns aufleuchten: Nicht durch unser Wollen, wohl aber durch die göttliche Kraft der Wahrheit selbst wird diese Wahrheit siegen. Ist aber das, wozu wir durch irgendwelche Umstände in dieser Inkarnation gedrängt werden, nicht die Wahrheit, ist es der Irrtum, sind wir zu schwach, um zur Wahrheit hingezogen zu werden, dann möge das, wozu wir uns bekennen, nur untergehen, denn dann hat es nicht die Kraft zu leben, soll nicht die Kraft zu leben haben. Wenn wir ehrlich zur Wahrheit streben, dann wird sie der siegende Impuls in der Welt sein. Und ist das, was wir jetzt schon haben, ein Stück Wahrheit, so wird dies nicht durch das, was wir für diese Wahrheit vorbringen können, in uns siegen, sondern durch die Kraft, die ihr selber innewohnt. Ist es aber der Irrtum, dann haben wir auch die Kraft, zu sagen: Es möge dieser Irrtum untergehen.
[ 18 ] Wenn wir dieses zu unserem Leitspruch machen, dann werden wir den rechten Standpunkt finden, daß wir uns sagen: Wir können unter allen Umständen das gewinnen, was wir brauchen innerhalb einer spirituellen Bewegung: Vertrauen. Ist es die Wahrheit, was dieses Vertrauen uns eingibt, so wird diese Wahrheit siegen, mögen ihre Gegner sie auch noch so sehr bekämpfen.
[ 19 ] Diese Empfindung kann leben in eines jeden Theosophen Seele. Und wenn wir die Vermittler sein sollen dessen, was uns aus der geistigen Welt herabfließt, und was solche Gefühle wachruft im menschlichen Herzen, welche Sicherheit und Kraft für das Leben geben, dann erfüllt sich die Mission der neuen spirituellen Offenbarung, die mit dem, was wir als Theosophie bezeichnen, in die Menschheit gekommen ist und immer mehr und mehr die menschlichen Seelen in eine geistigere Zukunft hineintragen wird.
