The Revelations of Karma
GA 127
5 Jun 1911, Copenhagen
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The Mission of the New Spiritual Revelation, tr. SOL
12. Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
12. The Mission of the New Spiritual Revelation
Einleitende Worte zu dem Zyklus «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit»
Introduction to the series “The Spiritual Guidance of the Individual and Humanity”
[ 1 ] Es wird mir vergönnt sein, in den nächsten Tagen hier über ein mir wichtig erscheinendes theosophisches "Thema zu sprechen: Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit. Auf den Wunsch unserer Freunde darf ich diesen Vorträgen einige Worte voraussenden, welche sich vielleicht wie eine Art Einleitung oder Vorrede zu dem in meiner Aufgabe liegenden Thema ausnehmen werden.
[ 1 ] Over the next few days, I will have the opportunity to speak here on a theosophical “topic” that I consider important: the spiritual guidance of the individual and of humanity. At the request of our friends, I would like to preface these lectures with a few words, which may serve as a sort of introduction or preface to the topic at hand.
[ 2 ] Es muß dem Theosophen etwas eignen, was man im umfassendsten Sinne Sehnsucht nach wahrer Selbsterkenntnis nennen kann. Denn wer nur ein wenig in das theosophische Leben eingedrungen ist, fühlt, daß aus dieser Selbsterkenntnis heraus geboren werden muß jenes umfassende Verständnis für ein jegliches menschliches Fühlen und Denken, für ein jegliches andere Wesen, und daß ein solches Verständnis unzertrennlich verbunden sein muß mit unserer ganzen theosophischen Bewegung.
[ 2 ] The theosophist must possess what can be called, in the broadest sense, a longing for true self-knowledge. For anyone who has delved even slightly into theosophical life senses that from this self-knowledge must arise that comprehensive understanding of every human feeling and thought, of every other being, and that such an understanding must be inseparably linked to our entire theosophical movement.
[ 3 ] Es wird so leicht mißverstanden, daß innerhalb unserer deutschen theosophischen Bewegung uns voranleuchtet dasjenige Zeichen, welches Sie kennen als das Signum des Kreuzes mit den Rosen. Es ist leicht, Mißverständnisse zu hegen gerade gegenüber derjenigen geistigen, theosophischen Bewegung, welche unter diesem Zeichen des Rosenkreuzes sich in das geistige Leben unserer Zeit hineinleben will, hineinleben will in die menschlichen Herzen und ihr Empfinden, hineinleben will in das menschliche Wollen und seine Taten. Es ist leicht, auf diesem Boden zu einem Mißverständnis zu kommen, weil es für viele, auch gutmeinende Seelen der Gegenwart außerordentlich schwierig einzusehen ist, daß die geistige Bewegung, welche unter diesem Zeichen wirken will, in der Tat durch alle ihre Grundsätze, durch ihr ganzes Fühlen und Empfinden dazu angeregt ist, in der allertolerantesten Weise jedes menschliche Streben und jede Richtung zu verstehen. Das liegt zwar tief auf dem Grunde der Rosenkreuzerbewegung, so daß diese Toleranz zunächst weniger ins Auge fallen mag, aber sie gehört zu dieser Bewegung dazu. Daher werden Sie diese Bewegung leicht auf denjenigen Seiten mißverstanden finden, welche Toleranz verwechseln mit einseitiger Toleranz gegenüber der eigenen Meinung, den eigenen Prinzipien und Methoden.
[ 3 ] It is so easily misunderstood that within our German Theosophical Movement, the symbol that you know as the Sign of the Cross with the Roses shines before us. It is easy to harbor misunderstandings, especially toward that spiritual, theosophical movement which, under this sign of the Rose Cross, seeks to become part of the spiritual life of our time, to become part of human hearts and their feelings, to become part of human will and its deeds. It is easy to arrive at a misunderstanding on this ground, because it is extraordinarily difficult for many, even well-meaning souls of the present day, to realize that the spiritual movement which seeks to work under this sign is in fact, through all its principles, through its entire feeling and sensibility, inspired to understand every human striving and every direction in the most tolerant manner. This is indeed deeply rooted in the Rosicrucian movement, so that this tolerance may at first seem less obvious, but it is an integral part of this movement. Therefore, you will easily find this movement misunderstood in those circles that confuse tolerance with one-sided tolerance toward one’s own opinion, one’s own principles, and one’s own methods.
[ 4 ] Man stellt sich diese Toleranz so ungeheuer leicht vor, aber sie gehört zu dem Allerschwierigsten, wenn sie sich der Mensch im höchsten Sinne des Wortes erobern soll. Denn ganz leicht kann man glauben, daß derjenige, der etwas anderes sagt als man selber, ein Gegner sei. Leicht kann man auch die eigene Meinung mit dem verwechseln, was allgemein als Wahrheit vertreten wird. 'Theosophisches Leben aber wird blühen und die richtigen Früchte tragen für das geistige Leben der Zukunft, wenn es ein umfassender Boden sein wird, auf dem wir uns begegnen, in innigem Seelenverständnis begegnen nicht nur mit demjenigen, der glaubt, was wir selber glauben, sondern auch mit dem, der unter Umständen durch seine eigenen Erfahrungen, durch seinen eigenen Lebensweg genötigt ist, vielleicht sogar scheinbar das Entgegengesetzte von dem zu vertreten, was wir selber verkündigen. Eine alte Moral, welche ihrer Abendröte entgegengeht, hat gelehrt, Liebe und Toleranz zu üben zwischen denjenigen, welche die gleichen Gedanken und Empfindungen wie wir selber haben. Theosophisches Leben wird dagegen in seiner Wahrheit immer mehr und mehr in die Herzen der Menschen jene viel tiefergehende Toleranz ausstrahlen, welche es ermöglichen wird, daß wir uns auf dem Boden gegenseitigen Verständnisses, gegenseitiger menschlicher Anregung und menschlichen Zusammenlebens auch da finden, wo wir nicht von vornherein in unseren Gedanken und Empfindungen übereinstimmen. Damit ist zu gleicher Zeit ein wichtiger Punkt berührt. Denn was tritt dem, der sich unserer theosophischen Bewegung zuwendet, zuerst entgegen? Wozu ist er veranlaßt, sich zuerst zu bekennen? Obwohl auch diese Erkenntnis in unserer Mitte kein Dogma zu sein braucht, und obwohl es sogar in bezug auf diese Grunderkenntnis Meinungsverschiedenheiten geben könnte, darf doch gesagt werden: Was im umfassendsten Sinne eine allgemeine Erkenntnis von Anfang an ist, wenn irgend jemand an die Theosophie herantritt, das ist die Idee der wiederholten Erdenleben und die Lehre vom Hinüberreichen der Ursachen von einem Erdenleben in das andere. Reinkarnation und Karma sind Überzeugungen, die sich uns von Anfang an aufdrängen. Aber vom ersten Tage an, da diese Wahrheiten unsere Überzeugung werden, bis zu dem Tage, wo wir auch nur einigermaßen unser ganzes Leben, unser ganzes Sein in das Licht dieser Ideen, dieser Wahrheiten stellen, ist ein weiter Weg. Es verfließt lange Zeit zwischen dem Tage, an dem uns diese Überzeugung aufgeht, bis zu dem Tage, da sie vollständiges Leben in unserer Seele werden kann.
[ 4 ] People imagine this tolerance to be incredibly easy, but it is one of the most difficult things for a person to achieve in the truest sense of the word. For it is all too easy to believe that anyone who says something different from oneself is an opponent. It is also easy to confuse one’s own opinion with what is generally held to be the truth. 'Theosophical life, however, will flourish and bear the right fruits for the spiritual life of the future if it becomes a comprehensive ground on which we meet—in deep spiritual understanding—not only with those who believe what we ourselves believe, but also with those who, under certain circumstances, due to their own experiences and their own life path, perhaps even seemingly advocate the opposite of what we ourselves proclaim. An old morality, now approaching its twilight, taught us to practice love and tolerance among those who share the same thoughts and feelings as we do. Theosophical life, on the other hand, in its truth, will increasingly radiate into the hearts of people that much deeper tolerance which will make it possible for us to find common ground on the basis of mutual understanding, mutual human inspiration, and human coexistence, even where we do not initially agree in our thoughts and feelings. This touches upon an important point at the same time. For what is the first thing that confronts one who turns to our Theosophical Movement? What is he led to profess first? Although this insight need not be a dogma within our ranks, and although there might even be differences of opinion regarding this fundamental insight, it may nevertheless be said: What, in the broadest sense, is a general realization from the very beginning when anyone approaches Theosophy is the idea of repeated earthly lives and the doctrine of the carrying over of causes from one earthly life into the next. Reincarnation and karma are convictions that impose themselves upon us from the very start. But it is a long way from the first day these truths become our conviction to the day when we can even to some extent place our entire life, our entire being, in the light of these ideas, these truths. A long time elapses between the day this conviction dawns upon us and the day it can become a full-fledged reality in our soul.
[ 5 ] Da stehen wir zum Beispiel einem Menschen gegenüber, der uns mit Hohn, vielleicht sogar beleidigend entgegentritt. Aber wenn wir lange schon die Lehre von Reinkarnation und Karma aufgenommen haben, werden wir sagen: Wer hat da das verletzende, das beleidigende Wort gesprochen, das in unser Ohr gedrungen ist und uns mit Hohn überschüttet hat? Wer hat vielleicht sogar die Hand zum Schlage erhoben? — Und wir werden uns dann sagen können: Wir haben es selber getan! Die Hand ist nur scheinbar die Hand des anderen, denn ich bin es selbst, der durch sein verflossenes Karma den anderen die Hand gegen mich erheben ließ.
[ 5 ] For example, we might find ourselves facing someone who treats us with scorn, perhaps even with insults. But if we have long since embraced the teachings of reincarnation and karma, we will ask: Who spoke those hurtful, insulting words that pierced our ears and showered us with scorn? Who perhaps even raised a hand to strike? — And we will then be able to say to ourselves: We did it ourselves! The hand is only seemingly the other person’s hand, for it is I myself who, through my past karma, caused the other to raise their hand against me.
[ 6 ] Damit ist nur angedeutet, wie lang der Weg sein kann von der abstrakten, theoretischen Überzeugung von Karma und Reinkarnation bis dahin, wo wir das ganze Leben in das Licht dieses Gedankens zu stellen verstehen. Dann fühlen wir wirklich den Gott in unserer Brust so, daß wir ihn nicht nur als unser eigenes höheres Selbst erleben, das uns lehrt, wie der Mensch an dem Göttlichen mit einem Funken seines Seins teilnimmt. Wir lernen vielmehr dieses höhere Selbst auch so zu fühlen, daß es uns mit einem Gefühl unbegrenzter Verantwortlichkeit durchdringt nicht nur gegenüber dem, was wir tun, sondern auch gegenüber dem, was wir erleiden, aus dem einfachen Grunde, weil das, was wir im jetzigen Zeitpunkt erleiden, nur die notwendige Folge dessen ist, was wir in einer weit zurückliegenden Zeit getan haben.
[ 6 ] This merely hints at how long the path can be from an abstract, theoretical belief in karma and reincarnation to the point where we understand how to view our entire life in the light of this idea. Then we truly feel God within our hearts in such a way that we experience Him not merely as our own higher self, teaching us how humanity participates in the divine through a spark of its being. Rather, we learn to feel this higher self in such a way that it permeates us with a sense of unlimited responsibility—not only toward what we do, but also toward what we suffer—for the simple reason that what we suffer at the present moment is merely the necessary consequence of what we did in a time long past.
[ 7 ] Und nun fühle man eine solche Gesinnung wie warmes geistiges Lebensblut einer neuen Kultur in unsere Seele eindringen. Man fühle, wie neue Begriffe von Verantwortlichkeit, neue Begriffe auch von Menschenliebe entstehen, die unsere Seelen erfassen müssen durch das theosophische Leben. Man fühle, wie es keine Phrase ist, wenn gesagt wird, daß die theosophische Bewegung in unserer Zeit entstanden ist, weil die Menschheit neue moralische Impulse, neue intellektuelle und geistige Impulse braucht. Und man fühle, daß eine neue Offenbarung auf spirituellem Gebiete nicht deshalb für die Menschheit sich geltend macht und durch das theosophische Leben in unsere Herzen, in unsere Überzeugungen einfließen soll, weil irgendeine Willkür vorliegt, sondern daß sie einfließen soll, weil zu jenen neuen moralischen Impulsen, zu jenen neuen Begriffen von Verantwortlichkeit, ja, vom Schicksal des Menschen eine solche neue spirituelle Offenbarung notwendig ist. Dann fühlt man wohl auch unmittelbar lebendig, was es für einen zusammenhängenden Sinn in der Welt hat, wenn dieselben Seelen, die in Leibern sitzen, welche heute hier versammelt sind, oft und oft in vergangenen Zeiten auf diesem Erdenboden schon verkörpert waren. Nach diesem Sinn muß man sich fragen: Warum immer wieder und wieder? — Dieser Sinn ergibt sich uns dadurch, daß wir durch die Theosophie kennenlernen, wie wir jedesmal, wenn wir in einem neuen Leib durch neugebildete Augen hinausschauen in die Herrlichkeiten der Welt, hinter dem Schleier der sinnlichen Welt die göttlichen Offenbarungen erahnen; oder daß wir durch neugebildete Ohren hinaushören auf das, was sich uns als Göttliches in der Welt der Töne offenbaren kann, und daraus erkennen lernen, wie wir jedesmal in einer neuen Inkarnation Neues auch auf dem Erdenrund erleben können und erleben sollen. Dann fühlt man wohl auch, daß es Menschen geben muß, die durch ihr Karma dazu bestimmt sind, prophetisch vorherzukünden, was nach und nach die ganze Menschheit als Sinn eines Zeitalters ergreifen muß.
[ 7 ] And now let us feel such a mindset flowing into our souls like the warm spiritual lifeblood of a new culture. Let us feel how new concepts of responsibility, and also new concepts of love for humanity, are emerging—concepts that must take hold of our souls through theosophical life. Let us feel that it is no mere phrase when it is said that the Theosophical Movement arose in our time because humanity needs new moral impulses, new intellectual and spiritual impulses. And let us feel that a new revelation in the spiritual realm does not assert itself for humanity and flow into our hearts and convictions through theosophical life because of some arbitrary whim, but that it must flow in because such a new spiritual revelation is necessary for those new moral impulses, for those new concepts of responsibility—indeed, the destiny of humanity, such a new spiritual revelation is necessary. Then one also feels immediately and vividly what coherent meaning there is in the world when the very same souls who now sit in bodies gathered here today have been incarnated time and again on this earth in past ages. In this sense, one must ask: Why again and again? — This meaning becomes clear to us through theosophy, which teaches us that every time we look out into the splendors of the world through newly formed eyes in a new body, we glimpse the divine revelations behind the veil of the sensory world; or that, through newly formed ears, we listen to what may reveal itself to us as divine in the world of sounds, and thereby learn to recognize how, in every new incarnation, we can and should experience something new on the earth. Then one surely also feels that there must be people who, through their karma, are destined to prophetically foretell what must gradually take hold of all humanity as the meaning of an age.
[ 8 ] Was heute in den Reihen der Theosophischen Gesellschaft und der theosophischen Bewegung durch die Offenbarungen aus der spirituellen Welt erfaßt werden kann, das muß einfließen in die gesamte menschliche Kultur. Die Seelen, die sich durch die heutigen Leiber hineinleben in die Welt, fühlen sich deshalb zur Theosophie getrieben, weil sie die Notwendigkeit empfinden, dieses neue Element hinzuzufügen zu dem, was in den verschiedensten Epochen von den Menschen erobert worden ist aus der geistigen Welt heraus. Da müssen wir uns allerdings darüber klar werden, daß wir in einer jeden Epoche aufs neue wieder den ganzen Sinn des Weltenrätsels verstehen müssen, daß wir in einer jeden Epoche in einer neuen Art demjenigen gegenübertreten müssen, was uns herunterfließen kann durch die Offenbarungen aus den spirituellen Welten.
[ 8 ] What can be grasped today within the ranks of the Theosophical Society and the Theosophical Movement through revelations from the spiritual world must find its way into human culture as a whole. The souls who are living their way into the world through their present bodies feel drawn to Theosophy because they sense the need to add this new element to what has been gained by humanity from the spiritual world throughout the various epochs. We must, however, realize that in every epoch we must anew understand the full meaning of the mystery of the world, that in every epoch we must approach in a new way that which can flow down to us through the revelations from the spiritual worlds.
[ 9 ] Unsere Zeit ist eine ganz besondere. Obwohl man oftmals leichten Herzens jede Zeit eine Zeit des Überganges nennt, so gilt trotzdem das, was sonst oftmals Phrase ist, im wahren Sinne des Wortes für unsere Zeit. Es kommt tatsächlich ein Zeitalter herauf, in dem die Menschen viel Neues in bezug auf die ganze Evolution unserer Erde erleben müssen. Über manches werden die Menschen neu zu denken haben. Ja, manches von dem Neuen wird heute noch, man möchte sagen, im alten Stil und im alten Sinne aufgefaßt. Vielen Menschen ist es noch unmöglich, dieses Neue auch schon in einer neuen Art wirklich aufzufassen. Oftmals hinkt der Mensch mit seinen alten Begriffen den neuen Offenbarungen nach.
[ 9 ] Ours is a very special time. Although people often casually refer to any era as a time of transition, what is usually just a cliché applies to our time in the truest sense of the word. An age is indeed dawning in which people will have to experience many new things regarding the entire evolution of our Earth. People will have to rethink many things. Indeed, some of these new developments are still, one might say, understood today in the old style and in the old sense. For many people, it is still impossible to truly grasp this new reality in a new way. Often, people lag behind the new revelations with their old concepts.
[ 10 ] Da sei nur beispielsweise auf eines aufmerksam gemacht. Man hat mit Recht immer wieder und wieder betont, welchen ungeheuren Fortschritt des menschlichen Denkens es bedeutet, daß seit vier Jahrhunderten die Menschen in den physischen Bau des Weltalls eingedrungen sind. Mit Recht wurden auf der einen Seite die großen Errungenschaften und Erfolge hervorgehoben eines Kopernikus, eines Kepler, Galilei, Giordano Bruno und so weiter. Aber auf der anderen Seite möchte ich an ein Wort erinnern, das sich recht klug anhört und etwa folgendermaßen lautet: Nun haben uns die Gedanken des Kopernikus in die Welt räumlich hinausgeführt, und es hat sich gezeigt, daß es so ist, wie es Giordano Bruno geahnt hat: wie unsere Erde ein kleiner Weltenkörper neben anderen unzähligen im Raume befindlichen Weltenkörpern ist. Und auf dieser Erde, sagt man, sollte sich das größte Drama abgespielt haben, das den Mittelpunkt der Evolution bildet, und wir sollten in den Mittelpunkt dieser ganzen Evolution die Geschichte des Christus Jesus stellen? Wie sollte denn ein solches für die ganze Welt bedeutungsvolles Geschehen auf den kleinen Erdplaneten verpflanzt werden, da man doch kennengelernt habe, daß diese Erde eben nur der kleine Planet unter unzähligen Planeten des Daseins ist! Das ist ein Gedanke, der gewiß naheliegt, so nahe, daß er sich außerordentlich klug und gescheit ausnimmt, wenn man bloß auf den Intellekt Rücksicht nimmt, aber ein Gedanke, der nicht rechnet mit der Tiefe der spirituellen Empfindung. Sie kommt darin zum Ausdruck, daß am Ausgangspunkte des Christentums der Ursprung dieses Ereignisses auf der Erde nicht einmal in einen königlichen Palast oder in irgendwelche Glanzstätten der Erde verlegt wurde, sondern in einen Stall zu armen Hirten. Nicht einmal damit hat das spirituelle Empfinden also sein Genüge gehabt, dieses Ereignis auf die Erde zu verlegen, sondern sogar in einen verachteten Winkel der Erde. Das nimmt sich dann gegen die Behauptung, daß es nicht mehr anginge, «das größte Drama des Weltgeschehens in einem Provinztheater sich abspielen zu lassen» — dieser Ausdruck ist gebraucht worden -, sehr sonderbar aus. Aber das Christentum hat die Art, dieses größte Drama des Weltgeschehens nicht nur in einem Provinztheater, sondern noch ganz woanders spielen zu lassen.
[ 10 ] Let us consider just one example. It has rightly been emphasized time and again what an immense advance in human thought it represents that, for four centuries, people have penetrated the physical structure of the universe. On the one hand, the great achievements and successes of Copernicus, Kepler, Galileo, Giordano Bruno, and so on have rightly been highlighted. But on the other hand, I would like to recall a saying that sounds quite wise and goes something like this: Now the thoughts of Copernicus have led us out into the world in a spatial sense, and it has been shown that it is as Giordano Bruno had intuited: that our Earth is a small celestial body alongside countless other celestial bodies in space. And on this Earth, it is said, the greatest drama—which forms the center of evolution—is said to have taken place, and we are to place the story of Jesus Christ at the center of this entire evolution? How, then, could such an event, significant for the whole world, be transplanted onto the small planet Earth, since we have come to know that this Earth is merely one small planet among countless others in existence! This is a thought that certainly seems obvious, so obvious that it appears extraordinarily wise and clever if one considers only the intellect, but a thought that does not take into account the depth of spiritual feeling. This is expressed in the fact that, at the very beginning of Christianity, the origin of this event on Earth was not even transposed to a royal palace or to any of the Earth’s places of splendor, but to a stable among poor shepherds. Spiritual feeling was thus not satisfied merely with transposing this event to Earth, but even to a despised corner of the Earth. This then stands in stark contrast to the claim that it would no longer be appropriate “to have the greatest drama of world history play out in a provincial theater”—this expression has been used—which seems very strange. But Christianity has a way of staging this greatest drama of world history not only in a provincial theater, but somewhere entirely different.
[ 11 ] Wir sehen daraus, wie schwierig es ist, den Dingen nachzukommen mit dem richtigen, wahren Empfinden, und wieviel die Menschen werden zu lernen haben, um einzusehen, welches die richtigen Gedanken und Empfindungen gegenüber der Menschheitsentwickelung sind. Wir gehen bewegten Zeiten entgegen, das darf für unsere Gegenwart und für die nächste Zukunft gesagt werden. Denn wahr ist es: manches Alte ist abgebraucht, und Neues fließt herein aus der geistigen Welt in die Menschheit. Nicht weil sie so wollen, sondern weil die Geschichte der Menschheit dazu zwingt, sprechen die, welche von der Menschheitsentwickelung etwas wissen, davon, daß unser ganzes seelisches Leben im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte sich ändern werde, und daß am Ausgangspunkt dieser Änderung die sich richtig verstehende theosophische Bewegung stehen muß, stehen muß in aller Demut, aber mit echtem Verständnisse dessen, was sich für die Menschheit im Laufe der nächsten Jahrhunderte zu vollziehen hat. Denn so wahr es ist, daß die Menschen erst im Laufe der Zeit gelernt haben, mit ihrem Intellekt den Weltenbau so anzusehen wie Kopernikus, Giordano Bruno, Kepler oder Galilei, wie die Menschen erst im Laufe unserer letzten Jahrhunderte gelernt haben, intellektuell die Welt zu interpretieren, und wie früher die Menschenseelen in ganz anderer Weise zu ihrem Wissen gekommen sind, ebenso wahr ist es, daß das intellektuelle Wissen in unserer Zeit für die Menschenseele abgelöst werden wird von einer neuen, einer spirituellen Einsicht. Es drängen jetzt schon die menschlichen Seelen in ihren Leibern dazu, nicht mehr bloß intellektuell die Welt anzuschauen. Und wenn nicht durch den Materialismus so viel ins Werk gesetzt worden wäre, um die spirituellen Regungen zurückzudrängen, so würden solche Seelen, die man förmlich stürmisch nach spirituellen Inhalten begehren fühlt, noch viel mehr in Erscheinung treten, würden sich viel deutlicher die spirituellen Regungen in den Menschen bemerkbar machen, die nur darauf warten, in noch anderer Weise in den Weltenraum hineinzuschauen und in das Dasein, als es bisher der Fall war.
[ 11 ] We can see from this how difficult it is to approach things with the right, true feeling, and how much people will have to learn in order to understand what the right thoughts and feelings are regarding human development. We are heading toward turbulent times; this can be said of our present and the near future. For it is true: much of the old has worn itself out, and the new is flowing in from the spiritual world into humanity. Not because they wish it so, but because the history of humanity compels it, those who know something of human development speak of how our entire spiritual life will change over the course of the next centuries, and that at the starting point of this change must stand the theosophical movement that understands itself correctly, must stand in all humility, but with a genuine understanding of what must unfold for humanity over the course of the coming centuries. For just as it is true that people have only learned over time to view the structure of the world with their intellect in the same way as Copernicus, Giordano Bruno, Kepler, or Galileo, just as people have only in the course of our last few centuries learned to interpret the world intellectually, and just as human souls in earlier times arrived at their knowledge in a completely different way, so it is equally true that intellectual knowledge in our time will be superseded for the human soul by a new, spiritual insight. Already, human souls within their bodies are urging us to no longer view the world merely intellectually. And if materialism had not set so much in motion to suppress spiritual impulses, such souls, in whom one senses a veritable storm of longing for spiritual content, would come to the fore even more, and the spiritual impulses within people—who are only waiting to look out into the cosmos and into existence in a different way than has been the case so far—would make themselves felt much more clearly.
[ 12 ] Bevorzugte Geister, denen das zuteil wird, was man als «Gnade» bezeichnet, sehen vor ihrem Geiste oftmals jahrhundertelang voraus, was später allgemeines Schauen der Menschheit werden kann. Öfter wurde von mir darauf hingewiesen, wie etwas, was einmal ein gnadenerfüllter Mensch, Paulus, in dem Ereignis von Damaskus, als den Impuls des Christus-Geschehnisses als einzelner erlebte, nach und nach Gemeingut der Menschheit werden wird. Wie Paulus durch eine spirituelle Offenbarung wußte, wer der Christus ist, was der Christus getan hat, so werden die Menschen solches Wissen, solches Schauen wieder erleben. Die Zeit steht unmittelbar bevor, wo eine Anzahl von Menschen etwas erleben werden wie eine Erneuerung des paulinischen Christus-Ereignisses. Das ist etwas, was zur Evolution unserer Erde gehört: jenes geistige Auge, das sich vor Damaskus dem Paulus geöffnet hat, das hineinschaut in die geistigen Welten und von dorther jene Wahrheit holt, die Paulus nimmermehr geglaubt hatte, als ihm in Jerusalem über das Christus-Ereignis berichtet worden war — dieses geistige Schauen werden viele Menschen erleben. Daß dieses Ereignis eintreten wird, ist eine geschichtliche Notwendigkeit. Das ist das, was man in Wahrheit die Wiederkunft des Christus im 20. Jahrhundert genannt hat. Der Christus als Individualität wird erkannt werden, wie er sich offenbart hat immer mehr und mehr sich annähernd dem physischen Plan von jenem Augenblicke an, da er im brennenden Dornbusch dem Moses erschienen ist wie in einem Abglanz, bis zu jener Zeit, da er drei Jahre auf dem physischen Plan in einem Menschenleibe lebte. Er wird durch ein solches Schauen erkannt werden als der Schwerpunkt der gesamten Erdenevolution.
[ 12 ] Favoured spirits, to whom is bestowed what is called “grace,” often foresee centuries in advance what may later become common knowledge among humanity. I have often pointed out how something that a man filled with grace, Paul, once experienced as an individual—the impulse of the Christ event—during the Damascus experience will gradually become the common heritage of humanity. Just as Paul knew through a spiritual revelation who the Christ is and what the Christ has done, so will people experience such knowledge and such insight once again. The time is immediately at hand when a number of people will experience something like a renewal of the Pauline Christ event. This is part of the evolution of our Earth: that spiritual eye which opened to Paul before Damascus, which looks into the spiritual worlds and brings forth from there the truth that Paul had never believed when he was told about the Christ event in Jerusalem—many people will experience this spiritual vision. That this event will occur is a historical necessity. This is what has truly been called the Second Coming of Christ in the 20th century. Christ as an individuality will be recognized as he has revealed himself, drawing ever closer to the physical plane from the moment he appeared to Moses in the burning bush—as in a reflection—up to the time when he lived for three years on the physical plane in a human body. Through such a vision, he will be recognized as the focal point of the entire evolution of the Earth.
[ 13 ] Ein System hat nur einen Schwerpunkt, eine Waage nur einen Aufhängepunkt. Sobald Sie den Waagebalken mehrfach unterstützten, würden Sie gegen die Raumesgesetze der Schwere verstoßen. Sie brauchen nur einen Punkt, einen Schwerpunkt für ein System. Deshalb anerkennen die Okkultisten aller Zeiten, des Altertums und der Neuzeit, wenn von dem Schwerpunkt der Erdenevolution im wahren Sinne die Rede ist, dieses Hinwenden der Evolution zu dem einen Punkt, zu dem Mysterium von Golgatha, und das Aufsteigen der Menschheitsentwickelung wieder von diesem Punkte aus. Wahr ist es: es ist außerordentlich schwierig, den richtigen Sinn dieses Christus-Ereignisses, des Mysteriums von Golgatha für die geistige Führung der Menschheit anzuerkennen. Denn dazu gehört, daß alles, was wir an Empfindungen und Urteilen mitbringen von dem einen oder dem anderen Weltenbekenntnis her, in uns schweige. Wir müssen ebenso fremd und objektiv den christlichen Erziehungsmethoden gegenüberstehen, welche durch viele Jahrhunderte im Abendlande geherrscht haben, als anderen religiösen Erziehungsmethoden der Welt, wenn wir im wahren Sinne dasjenige kennenlernen wollen, was der geistige Schwerpunkt der Erdenevolution ist. Daher wird man es erleben, daß für die nächsten Jahrzehnte diejenigen, welche die intensivsten Verkündiger des geistigen Schwerpunktes der Menschheitsentwickelung werden, als «schlechte Christen» gelten werden, denen man vielleicht sogar das Prädikat Christ absprechen wird.
[ 13 ] A system has only one center of gravity; a balance has only one pivot point. As soon as you support the balance beam at multiple points, you would be violating the laws of gravity. You need only one point—a center of gravity—for a system. That is why occultists of all ages, both ancient and modern, when speaking of the center of gravity of Earth’s evolution in the true sense, acknowledge this turning of evolution toward that one point—the Mystery of Golgotha—and the ascent of human development once again from that point. It is true: it is extraordinarily difficult to recognize the true meaning of this Christ event, the Mystery of Golgotha, for the spiritual guidance of humanity. For this requires that all the feelings and judgments we bring with us from one worldview or another fall silent within us. We must approach Christian educational methods—which have prevailed in the West for many centuries—with the same detachment and objectivity as we do other religious educational methods of the world, if we wish to truly understand what constitutes the spiritual focal point of Earth’s evolution. Therefore, we will see that over the coming decades, those who become the most ardent proclaimers of the spiritual focus of human development will be regarded as “bad Christians,” and may even be denied the title of Christian.
[ 14 ] Schon die eine Idee ist ungeheuer schwierig zu begreifen, daß der Christus nur einmal vorübergehend drei Jahre in einem menschlichen Leibe verkörpert sein konnte. Diejenigen, welche sich genauer bekanntgemacht haben mit dem, was die Rosenkreuzer-Theosophie über diese Dinge zu sagen hat, wissen, wie kompliziert der physische Leib jenes Jesus von Nazareth sein mußte, damit er die gewaltige Individualität, welche die Christus-Individualität ist, in sich aufnehmen konnte. Wir wissen, daß nicht ein Mensch, sondern daß zwei Menschen dazu geboren werden mußten. Von dem einen erzählt uns das MatthäusEvangelium, von dem anderen das Lukas-Evangelium. Wir wissen, daß jene Individualität, die in den Leib desjenigen Jesusknaben verkörpert wurde, von dem das Matthäus-Evangelium berichtet, vorher Gewaltiges für sich erreicht hatte in früheren Erdenleben, und daß diese Individualität mit zwölf Jahren ihren Leib verließ, um einen anderen Erdenleib bis zum dreißigsten Jahre einzunehmen und mit anderen Fähigkeiten in diesem anderen Leibe sich weiter zu entwickeln. Auf diese Weise mußte an der Persönlichkeit, die man als Jesus von Nazareth bezeichnet, zusammenwirken alles, was in der Menschheit vorher an Großem und Gewaltigem und anderseits an Demütigem erlebt worden ist, damit ein Leib fähig war, die Wesenheit aufzunehmen, die im wahren Sinne der Christus genannt werden darf. Ein tiefes Verständnis wird notwendig werden, um die Einzigartigkeit des Christus zu verstehen, um zu verstehen, was die Okkultisten meinen, wenn sie sagen: Wie es in der Mechanik nur einen Schwerpunkt eines Systems geben kann, so kann es auch nur ein Ereignis von Golgatha geben.
[ 14 ] Even the single idea that Christ could have been incarnated in a human body only once, for a brief period of three years, is incredibly difficult to grasp. Those who have familiarized themselves more closely with what Rosicrucian theosophy has to say about these matters know how complex the physical body of that Jesus of Nazareth must have been in order to be able to contain within itself the mighty Individuality that is the Christ Individuality. We know that not one person, but two people had to be born for this purpose. The Gospel of Matthew tells us about one of them, and the Gospel of Luke about the other. We know that the Individuality which was incarnated in the body of the boy Jesus described in the Gospel of Matthew had previously achieved great things in earlier earthly lives, and that this Individuality left its body at the age of twelve to take on another earthly body until the age of thirty and to continue developing with different abilities in this other body. In this way, everything that had previously been experienced in humanity—both the great and mighty, and on the other hand the humble—had to interact within the personality known as Jesus of Nazareth, so that a body might be capable of receiving the being who, in the true sense, may be called the Christ. A deep understanding will be necessary to grasp the uniqueness of the Christ, to understand what the occultists mean when they say: Just as in mechanics there can be only one center of gravity in a system, so too can there be only one event of Golgotha.
[ 15 ] Eine Zeit, die vor solchen gewaltigen seelischen Ereignissen steht, wie es jetzt nur andeutend charakterisiert werden konnte, ist ganz besonders geeignet, uns in uns selber Einkehr halten zu lassen. Und unter den mancherlei Aufgaben, welche der wahre 'Theosoph innerhalb der theosophischen Bewegung heute hat, ist ganz gewiß diese: Einkehr zu halten in die eigene Seele, in das eigene Herz, um sich ein wenig darüber klar zu werden, daß wir nur mit Entsagung den Weg gehen können, der dahin führt, diese einzigartige Wahrheit zu begreifen, von der uns der Okkultismus aller Zeiten in eindeutiger Weise berichtet.
[ 15 ] A time that stands on the threshold of such momentous spiritual events—which can only be vaguely described at this point—is particularly well-suited to prompting us to turn inward. And among the various tasks that the true theosophist has within the Theosophical Movement today, this one is certainly among them: to turn inward to one’s own soul, to one’s own heart, in order to gain a little clarity about the fact that only through renunciation can we walk the path that leads to the comprehension of this unique truth, of which the occultism of all ages has spoken to us in unambiguous terms.
[ 16 ] Solche Zeiten, in denen glanzvolle Weisheitslichter und warme Liebesgaben über die Menschheit ausgestrahlt werden sollen, müssen auch etwas bringen, was die Wahrheit des Satzes bestätigt: Wo viel Licht ist, ist starker Schatten. — Die starken, schwarzen Schatten, die eintreten mit jenen Gaben, von denen eben gesprochen worden ist, das sind die Irrtumsmöglichkeiten. Mit großen Weisheitsgaben, welche in die menschliche Evolution einfließen sollen, ist notwendigerweise verbunden, daß das menschliche Herz in solchen Zeiten sehr leicht dem Irrtum ausgesetzt sein kann. Glauben wir daher nicht, daß unfehlbarer als in anderen Zeiten die irrende Menschenseele sein wird in den Zeiten, welche da kommen werden und von denen wir verstehen müssen, daß mehr als in jeder anderen Zeit die menschliche Seele dem Irrtum und den Irrtümern ausgesetzt sein wird. Das ist es, was wie aus grauem Dämmerlichte die Okkultisten aller Zeiten prophetisch vorherverkündet haben. Wahr ist es, daß in den Tagen der Erleuchtung, auf die wir nur andeutend hinweisen konnten, die leichteste Möglichkeit des Irrtums, ja, die größte Verirrung Platz greifen kann. Um so notwendiger ist es, klar auf diese Möglichkeit des Irrtums hinzuschauen, sich klar darüber zu sein, daß, weil wir Großes gewärtigen sollen, um so leichter der Irrtum das schwache menschliche Herz befallen kann.
[ 16 ] Such times, in which brilliant lights of wisdom and warm gifts of love are to be radiated upon humanity, must also bring about something that confirms the truth of the saying: Where there is much light, there are deep shadows. — The deep, dark shadows that accompany the gifts just mentioned are the potentials for error. Great gifts of wisdom, which are to flow into human evolution, are necessarily accompanied by the fact that the human heart can very easily be exposed to error in such times. Let us therefore not believe that the erring human soul will be any less prone to error in the times to come than in other times; rather, we must understand that in those times, more than in any other, the human soul will be exposed to error and errors. This is what occultists of all ages have prophetically foretold, as if from a gray twilight. It is true that in the days of enlightenment, to which we could only allude, the slightest possibility of error—indeed, the greatest aberration—can take hold. All the more necessary, then, is it to look clearly at this possibility of error, to be clear about the fact that, because we are to anticipate great things, error can all the more easily afflict the weak human heart.
[ 17 ] Wenn wir jetzt die geistige Führung der Menschheit ins Auge fassen wollen, müssen wir aus diesem Gedanken der Irrtumsmöglichkeit — aus dem, was mit warnender Hand die Okkultisten aller Zeiten vorausgesagt haben — die Lehre ziehen: jene höchste Toleranz zu üben, von der heute im Eingange gesprochen worden ist, und uns alles abgewöhnen, was zu einem blinden Autoritätsglauben gehört, denn ein solcher Autoritätsglaube kann ein starker Versucher sein, kann gerade den Irrtum anregen. Auf der anderen Seite aber müssen wir uns das Herz offen und warm halten für alles, was in einer ganz neuen Weise auf die Menschheit aus den geistigen Welten herabfließen will. Daher wird ein guter Theosoph vor allen Dingen der sein, welcher weiß: Wenn wir innerhalb unserer Bewegung Pfleger jenes Lichtes sein wollen, das in die Menschheitsevolution einströmen soll, so müssen wir Wächter werden gegenüber alledem, was an Irrtümern sich gleichzeitig mit diesem Licht einschleichen kann. Fühlen wir auch demgegenüber die ganze Verantwortlichkeit, und haben wir das weite Herz, das wir brauchen, um zu verstehen, daß es noch keine Bewegung auf unserem Erdenrund gegeben hat, in welcher solche weiten, liebevollen Herzen gepflegt werden konnten. Lernen wir verstehen, daß es noch immer besser ist, wenn wir von denjenigen bekämpft werden, die glauben, nur in ihrer Meinung das Alleinseligmachende zu haben, als wenn wir diese anderen selber bekämpfen. Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein weiter Weg. Aber die, welche im Geiste die theosophische Bewegung ergreifen, werden zu leben wissen mit etwas, was wie ein Kernspruch, wie ein Motto für alle Spiritualität mit Recht durch alle Zeiten gegangen ist. Wenn Sie auch zuweilen Zweifel überkommen könnte bei dem Gedanken: Wohl ist starkes Licht vorhanden, aber auch eine große Irrtumsmöglichkeit, wie sollst du schwacher Mensch dich darin zurechtfinden? Wie sollst du entscheiden können, was von der Wahrheit stammt und was Irrtum ist? — Wenn ein solcher Gedanke in der Brust aufsteigt, können Sie Stärkung und Kräftigung fühlen durch den Leitspruch: Die Wahrheit wird dasjenige sein, was die höchsten Impulse für die Menschheitsentwickelung abgeben wird, und näher soll mir die Wahrheit stehen als ich mir selber. Verhalte ich mich so zur Wahrheit, und irre ich hier in dieser Inkarnation, so wird die Wahrheit die Kraft haben, mich zu sich zu ziehen in der nächsten Inkarnation. Wenn ich ehrlich irre in dieser Inkarnation, wird sich dieser Irrtum ausgleichen in der nächsten. Besser ist es, ehrlich zu irren, als unehrlich Dogmen anzuhängen. Und das Wort wird vor uns aufleuchten: Nicht durch unser Wollen, wohl aber durch die göttliche Kraft der Wahrheit selbst wird diese Wahrheit siegen. Ist aber das, wozu wir durch irgendwelche Umstände in dieser Inkarnation gedrängt werden, nicht die Wahrheit, ist es der Irrtum, sind wir zu schwach, um zur Wahrheit hingezogen zu werden, dann möge das, wozu wir uns bekennen, nur untergehen, denn dann hat es nicht die Kraft zu leben, soll nicht die Kraft zu leben haben. Wenn wir ehrlich zur Wahrheit streben, dann wird sie der siegende Impuls in der Welt sein. Und ist das, was wir jetzt schon haben, ein Stück Wahrheit, so wird dies nicht durch das, was wir für diese Wahrheit vorbringen können, in uns siegen, sondern durch die Kraft, die ihr selber innewohnt. Ist es aber der Irrtum, dann haben wir auch die Kraft, zu sagen: Es möge dieser Irrtum untergehen.
[ 17 ] If we now wish to consider the spiritual guidance of humanity, we must draw a lesson from this idea of the possibility of error—from what occultists of all ages have foretold with a warning hand—namely: to practice that highest tolerance spoken of at the beginning of this talk, and to rid ourselves of everything that belongs to a blind belief in authority, for such a belief in authority can be a powerful temptation and can actually encourage error. On the other hand, however, we must keep our hearts open and warm to everything that seeks to flow down to humanity from the spiritual worlds in a wholly new way. Therefore, a good Theosophist will above all be one who knows: If we wish to be custodians within our movement of that light which is to flow into human evolution, we must become guardians against all the errors that may creep in alongside this light. Let us also feel the full weight of this responsibility, and let us have the open heart we need to understand that there has never been a movement on our Earth in which such open, loving hearts could be nurtured. Let us learn to understand that it is still better to be opposed by those who believe they alone possess the sole source of salvation in their own opinions than for us to oppose these others ourselves. There is a long way between these two extremes. But those who embrace the Theosophical Movement in spirit will know how to live by something that has rightly passed through all ages as a guiding principle, as a motto for all spirituality. Even if doubt should occasionally overcome you at the thought: “True, there is strong light, but also a great possibility of error; how are you, a weak human being, to find your way in this?” How can you possibly decide what stems from the truth and what is error? — When such a thought arises in your heart, you can find strength and encouragement in the guiding principle: The truth will be that which provides the highest impulses for the development of humanity, and the truth shall be closer to me than I am to myself. If I relate to the truth in this way, and if I err in this incarnation, the truth will have the power to draw me to itself in the next incarnation. If I err honestly in this incarnation, this error will be balanced out in the next. It is better to err honestly than to cling dishonestly to dogmas. And the word will shine before us: Not through our own will, but through the divine power of truth itself will this truth prevail. But if what we are driven toward by whatever circumstances in this incarnation is not the truth, if it is error, if we are too weak to be drawn toward the truth, then may that to which we profess our allegiance simply perish, for then it has no power to live, nor should it have the power to live. If we strive honestly toward the truth, then it will be the victorious impulse in the world. And if what we already possess is a fragment of truth, this will not prevail within us through what we can offer in support of this truth, but through the power inherent in the truth itself. But if it is error, then we also have the strength to say: May this error perish.
[ 18 ] Wenn wir dieses zu unserem Leitspruch machen, dann werden wir den rechten Standpunkt finden, daß wir uns sagen: Wir können unter allen Umständen das gewinnen, was wir brauchen innerhalb einer spirituellen Bewegung: Vertrauen. Ist es die Wahrheit, was dieses Vertrauen uns eingibt, so wird diese Wahrheit siegen, mögen ihre Gegner sie auch noch so sehr bekämpfen.
[ 18 ] If we make this our motto, we will find the right perspective, telling ourselves: No matter the circumstances, we can gain what we need within a spiritual movement: trust. If what inspires this trust is the truth, then that truth will prevail, no matter how fiercely its opponents may fight against it.
[ 19 ] Diese Empfindung kann leben in eines jeden Theosophen Seele. Und wenn wir die Vermittler sein sollen dessen, was uns aus der geistigen Welt herabfließt, und was solche Gefühle wachruft im menschlichen Herzen, welche Sicherheit und Kraft für das Leben geben, dann erfüllt sich die Mission der neuen spirituellen Offenbarung, die mit dem, was wir als Theosophie bezeichnen, in die Menschheit gekommen ist und immer mehr und mehr die menschlichen Seelen in eine geistigere Zukunft hineintragen wird.
[ 19 ] This feeling can live in the soul of every Theosophist. And if we are to be the mediators of that which flows down to us from the spiritual world—and which awakens in the human heart such feelings that give security and strength for life—then the mission of the new spiritual revelation, which has come to humanity through what we call Theosophy, will be fulfilled, and it will carry human souls ever more deeply into a more spiritual future.
