Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
Das Christus-Ereignis
als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution
GA 127
25 Februar 1911, Zurich
6. Die Arbeit des Ich am Kinde ein Beitrag zum Verstandnis der Christus-Wesenheit
[ 1 ] Wenn man einen öffentlichen Vortrag hält wie den gestrigen über «Geisteswissenschaft und Menschenzukunft» oder einen ähnlichen, so ist man genötigt, sehr deutlich mit der Empfänglichkeit unserer gegenwärtigen Welt zu rechnen, sehr damit zu rechnen, daß diese Empfänglichkeit eine eingeschränkte ist. Man muß sich klar sein darüber, daß in unserer Zeit aus den geistigen Welten herunter allerdings schon Erkenntnisse fließen, welche der Menschheit als solcher notwendig sind, daß sie aber heute von den wenigsten unbefangen aufgenommen werden können. Die meisten Menschen, die nicht entsprechend sich für eine solche Aufnahme vorbereitet haben, würden das Tieferliegende unserer Geisteswissenschaft doch noch wie einen Schock empfinden, wie etwas, was sich phantastisch oder wie ein Traum ausnimmt.
[ 2 ] Um so mehr müssen wir uns in bezug auf die wichtigsten Fragen weiter in das vertiefen, was wir unserem Gefühl und unserer Empfindung im Verlauf eines längeren Zweiglebens einverleiben konnten. Und da möchte ich darauf hinweisen, daß es notwendig ist, die große Wahrheit von der Einpflanzung des Ich in die menschliche Natur näher zu betrachten und diese große Wahrheit doch etwas komplizierter anzusehen, als man dies gewöhnlich tut.
[ 3 ] Wir wissen, daß der Mensch zuerst während der alten Saturnzeit die Anlage zum physischen Leib erhalten hat, während der Sonnenzeit die Anlage zum Atherleib, während der alten Mondenzeit die Anlage zum Astralleib, und daß eigentlich unsere Erdenentwickelung die Aufgabe hat, den übrigen Wesensgliedern das Ich einzuverleiben. Wenn wir am Ende der Erdenentwickelung angelangt sein werden, werden wir erst vollständig durchdrungen sein, so wie es geschehen kann, von der IchNatur. Betrachten wir den Erdenmenschen als solchen, können wir sagen, der eigentliche Mittelpunkt seines Wesens, das Zentrale in ihm ist die Ich-Natur. Aber da muß es uns auffallen, daß dieses Ich in den verschiedenen Perioden unseres gegenwärtigen Lebens doch in verschiedener Art mit uns verbunden ist, nicht immer in der gleichen Weise. Wir müssen uns überhaupt vorhalten, daß die verschiedenen Wesensglieder noch nicht gekannt werden, wenn wir nur wissen, daß der Mensch aus physischem, ätherischem, Astralleib und Ich besteht. Sehen wir nun, in welcher verschiedenen Weise diese Glieder miteinander verbunden sein können, sowohl in den verschiedenen Epochen der Menschheitsentwickelung wie auch im einzelnen Leben des Menschen.
[ 4 ] Betrachten wir zunächst das Kind. Wir wissen, daß es verhältnismäßig spät lernt, zu sich «Ich» zu sagen. Das ist sehr bezeichnend. Wenn auch eine heutige Psychologie, die Wissenschaft sein will, das nicht begreift, ist es doch tief bezeichnend, weil das Kind zu der Vorstellung, zu dem inneren Erlebnis des Ich verhältnismäßig spät kommt. In den ersten Lebensjahren, ja bis zu drei oder dreieinhalb Jahren, hat das Kind, auch wenn es uns hie und da das Wort Ich nachplappert, noch kein richtiges Ich-Erlebnis. Da können Sie ein Buch finden, «Die Seele deines Kindes», von Heinrich Lhotzky, in dem der kuriose Satz steht, daß das Kind früher denken lernt als reden. Das ist Unsinn, weil das Kind am Reden das Denken lernt. Der geisteswissenschaftlich Strebende muß vorsichtig werden gegenüber dem, was heute als Wissenschaft auftritt. Das Kind lernt erst so recht im Ich leben, vom Ich zu wissen, etwa nach dem dritten Jahr.
[ 5 ] Es hängt damit noch etwas anderes zusammen, nämlich daß wir uns im normalen Bewußtsein — also nicht im höheren, hellseherischen Bewußtsein — gar nicht hinter einen bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens zurückerinnern. Denken Sie nach: Wenn Sie zurückforschen, werden Sie erkennen, daß die Erinnerung einmal abreißt. Sie reicht nicht bis zur Geburt. Man kann manchmal das, was einem erzählt wird, verwechseln mit dem, was man selber erlebt hat, aber der Faden reißt ungefähr an derselben Stelle ab, wo das Ich-Erlebnis auftritt. Als kleines Kind hat man es nicht, man bekommt es erst, und dann fängt die dunkelste Erinnerung an.
[ 6 ] Nun fragen wir uns: Wenn das Ich-Erlebnis in den ersten drei Jahren nicht da war, war da auch das Ich nicht da im Kinde? - Man muß unterscheiden, ob wir von dem, was in uns ist, etwas wissen, oder ob es ohne unser Wissen in uns ist. Das Ich ist im Kinde, nur weiß es nichts davon, so wie der Mensch im Schlaf mit dem Ich verbunden ist, aber nichts davon weiß. Es ist, daß wir von etwas wissen, nicht maßgebend dafür, daß etwas da ist. Wir müssen sagen: Das Ich ist da, aber es ist nicht bewußt beim Kinde.
[ 7 ] Wie ist es denn mit dem Ich? - Ja, das hat seine eigene Bewandtnis. Wenn Sie das menschliche Gehirn rein physisch untersuchen würden, so würden Sie sehen, daß das Gehirn nach der Geburt im Verhältnis zur späteren Gestalt ziemlich unvollkommen aussieht. Manche von den feinen Windungen müssen erst später ausgestaltet, müssen erst in den nächsten Jahren plastisch ausziseliert werden. Das macht das Ich beim Menschen, und weil es das zu tun hat, deshalb kann es nicht zum Bewußtsein kommen. Es hat das Gehirn auszubilden als etwas anderes, in feinerer Gestalt so, daß es später denken kann. Das Ich ist sehr arbeitsam in den ersten Jahren.
[ 8 ] Wenn nun dieses Ich bewußt wird, dann könnten wir vergeblich an dieses Ich die Frage stellen: Wie hast du es gemacht, daß du dieses Gehirn so kunstvoll ausgebaut hast? — Sie werden gestehen, daß das Ich im ganzen Leben zwischen Geburt und Tod nicht zu einem solchen Bewußtsein kommt, wie es das Gehirn herausgestaltet. Dennoch können wir uns diese Frage stellen. Und da erhalten wir die Antwort, daß das Ich bei seiner Tätigkeit unter der Anleitung der Wesenheiten der höheren Hierarchien steht. Wenn wir einen kindlichen Menschen vor uns haben und ihn hellseherisch betrachten, so ist sein Ich als Ich-Aura wohl da, aber von dieser Ich-Aura gehen die Strömungen zu den höheren Hierarchien, zu den Engeln, Erzengeln und so weiter, und herein strömen die Kräfte der Hierarchien. Wenn daher im naiven Bewußtsein gesagt wird, das Kind ist von einem Engel beschützt, so ist dies eine sehr reale Wahrheit. Später hört dieser engere Zusammenschluß auf: das Ich erlebt sich mehr in den Nerven und kann seiner selbst bewußt werden. Es ist das eine Art Abschnürung. So haben wir im kindlichen Menschen eine Art «Telephonverbindung», indem das Ich sich fortsetzt in die göttlich-geistigen Hierarchien. Wir müssen geisteswissenschaftliche Aussprüche ernst nehmen. Ich habe einmal gesagt: Der Weiseste kann von einem Kinde viel lernen. -— Er kann auch aus dem Grunde viel vom Kinde lernen, weil er nicht bloß das Kind selber zu sehen braucht, er sieht auch durch dieses in die geistige Welt hinein, denn das Kind hat den «Telephonanschluß» zur geistigen Welt, der später durchschnitten wird. So daß wir in den ersten drei Jahren ein ganz anderes Wesen vor uns haben im Menschen als später. Wir haben ein kindliches Ich, das plastisch arbeitet unter der Anleitung der Wesen der höheren Hierarchien an der Ausgestaltung der menschlichen Denkwerkzeuge. Dann geht es da hinein, kann aber nicht mehr daran arbeiten. Es müssen dann die menschlichen Denkwerkzeuge schon ausgestaltet sein. Sie können sich wohl weiter entwickeln, aber das Ich kann nicht mehr daran arbeiten.
[ 9 ] Wir können also schlechtweg den Menschen trennen in den Menschen, der in den ersten dreieinhalb Jahren vor uns steht, und in den übrigen Menschen. Im Esoterischen nennt man den ersten Menschen den göttlichen Menschen, weil er in Beziehung steht zu den höheren Hierarchien, oder den Gottessohn; den anderen nennt man den Menschensohn. In diesem ist das Ich darin und bewegt die Glieder und arbeitet, soweit noch gearbeitet werden kann, von innen heraus. So daß wir unterscheiden müssen zwischen Gottessohn und Menschensohn.
[ 10 ] Wir haben uns also eine Kluft zu denken zwischen dem Gottessohn und dem Menschensohn. Der Gottessohn, der vorzugsweise tätig ist bis zu dreieinhalb Jahren, enthält alle belebenden Kräfte, das was dem Menschen den Ansporn gibt, immer mehr und mehr Lebenskräfte in seinen Organismus hineinzugießen. Diese Kräfte enthalten auch etwas Aufbauendes, Gesundendes, Belebendes im Verhältnis zum späteren Menschen. Wenn wir im späteren Lebensalter nicht bloß den Menschen haben wollen, der auf seine Sinne angewiesen ist und auf die Werkzeuge seines physischen Leibes, und sich dadurch mit seiner Umwelt in Verbindung setzt, sondern wenn wir auch im späteren Leben in die geistige Welt hinaufragen wollen, dann müssen wir versuchen, auf eine künstliche Weise etwas von diesen Kräften in uns wachzurufen; wir müssen appellieren an die Kräfte, die in uns sind im ersten Kindesalter, nur mit dem Unterschied, daß wir sie jetzt bewußt wachrufen, während das Kind sie unbewußt wachruft. So sehen wir denn, daß der Mensch in dieser Beziehung eine Zweiheit ist. Was kommt in dieser Kraft der ersten dreieinhalb Jahre eigentlich zutage? In diesen Kräften, die da unter der Leitung der höheren Hierarchien arbeiten, kommt das zur Geltung, was aus früheren Inkarnationen herüber wirkt. Sie können sich leicht davon überzeugen, wenn Sie den menschlichen Schädel abgreifen. Da finden Sie individuelle Erhöhungen und Vertiefungen. Kein Schädel ist dem anderen gleich, daher gibt es auch keine allgemein gültige Phrenologie. Sie muß individuell zu Werke gehen. Die Kräfte, die im menschlichen Schädel arbeiten, kommen aus früheren Inkarnationen herüber, und sie hören auf, ihre Stoßkraft zu haben, wenn diese dreieinhalb Jahre vorüber sind. In diesen dreieinhalb Jahren ist alles noch biegsam, da kann der Geist noch hineinarbeiten. Später ist alles fest geworden, dann kann er nicht mehr hineinarbeiten.
[ 11 ] Was macht es denn nun, daß wir später nicht mehr arbeiten können mit diesen Kräften? Woher kommt es? Es kommt von unserer speziellen Erdenentwickelung. Nachdem das Ich im Leibe seiner selbst bewußt geworden ist, setzt das voraus, daß der Leib festgefügt ist und nicht mehr von den eben charakterisierten Kräften bearbeitet werden kann. Wir haben es mit solchen Kräften zu tun, die dem Menschen als Artwesen, als Gattungswesen eigen sind, die ihn aufbauen in Menschenarchitektur. Wenn wir länger als die dreieinhalb Jahre, welche die angemessene Zeit sind, mit den Kindheitskräften im physischen Leibe arbeiten würden, würde dieser physische Leib dies nicht aushalten. Er würde zerreißen, würde zerbrechen, denn es werden nun die Kräfte wirksam, die ihn von der physischen Vererbungslinie her festmachen. Würde die andere Kraft nicht aufhören, so würde er zerbrechen, auseinandergehen, er würde es nicht aushalten. Wir sinken unter in unseren Menschensohn; der Gottessohn kann nicht mehr aufkommen gegen unseren Menschensohn nach drei Jahren. Aber wir tragen dennoch diesen Gottessohn in uns; es wirken diese Kräfte innerhalb des physischen Leibes das ganze Leben hindurch, nur können sie sich nicht mehr direkt am Aufbau beteiligen. Wenn wir in uns hineinschauen, so finden wir doch die Fortsetzung des Ich, das den «telephonischen Anschluß» hatte. Nur ist der physische Leib zu derb, zu grob, zu verholzt, als daß der Gottessohn weiter plastisch daran gestalten könnte. Die besten Kräfte sind in diesen ersten drei bis dreieinhalb Jahren enthalten; wir zehren das ganze Leben davon. Sie werden verdunkelt, aber sie sind in den späteren Jahren doch in der verschiedensten Art vorhanden. Es ist so, wie wenn wir von diesen Kräften durchsetzt würden und sie nur nicht unmittelbar ausleben lassen könnten. Wenn wir durch die Geisteswissenschaft Begriffe von den höheren Welten aufnehmen wollen, so können wir dies um so besser, je mehr wir von dem in uns haben, was in den ersten drei Jahren in uns war, wo das Ich selbstlos in uns war. Je frischer, je biegsamer diese Kräfte sind, je weniger greisenhaft sie bis ins hohe Alter geworden sind, desto mehr eignen wir uns dazu, uns durch diese Kräfte des Geistes umzugestalten. Es ist der Menschheit bestes Teil, was wir in diesen drei Jahren um uns haben. Nur der dichte physische Leib hindert uns leider, diese Kräfte voll zu gebrauchen. Wenn sie jemand in späteren Jahren besonders entwickeln kann, so kann er dadurch nicht mehr seinen physischen Körper umändern, er ist nicht mehr so weich wie Wachs. Aber wenn er sie voll gebrauchen kann durch esoterische Weisheit, dann fließt diese Kraft aus durch die Fingerspitzen, und er bekommt die besondere Gabe der Heilung, der Gesundung durch Handauflegen - wenn sie noch wirksam sind, jene geistigen Kräfte, die nicht mehr den eigenen Körper umgestalten, die aber, wenn sie ausfließen, segensreich wirken.
[ 12 ] Das Ziel der Erdenentwickelung ist, diese besten Kräfte in uns nach und nach zur Geltung zu bringen. Wenn die Erdenentwickelung zu Ende sein wird und wir durch die vielen Inkarnationen durchgegangen sein werden, werden wir uns ganz durchdrungen haben müssen bewußt mit dem, was wir unbewußt haben in den ersten Kindheitsjahren. Es ist ein Unterschied, ob wir diese Kräfte unbewußt haben oder bewußt. Die Menschen werden dann ganz durchdrungen sein müssen von einem solchen kindhaften Bewußtsein. Und es wird dann, weil es nur langsam ausdehnen wird seinen Körper, ihn auch nicht zersprengen.
[ 13 ] In der Weltentwickelung mußte ein Vorbild gegeben werden für dieses Hereintreten der Kindheitskraft in die Menschheit. Daß dieses Vorbild nicht im Kinde gegeben werden konnte, ist selbstverständlich. Es mußte ein Mensch, der schon ein gewisses Alter erreicht hat, durchdrungen werden in bewußter Weise mit denselben Kräften, die in der ersten Kindheit unbewußt den Menschen durchdringen. Würden wir einen Menschen vor uns haben, dem wir sein Ich herausnehmen, entfernen, den wir leer machen von diesem Ich, und würden wir dasjenige, was das Kind in den ersten Lebensjahren hat, hineingießen, so würde er das mit dem entwickelten Gehirn zum Bewußtsein bringen. Es wäre das in ihm bewußt, was in den ersten Kindheitsjahren in ihm war. Wie lange erträgt ein Menschenleben auf Erden diese Elemente? Drei Jahre, länger nicht, dann muß er darunter zerbrechen. Wenn es sich nicht umwandeln kann — beim Menschen wandelt es sich um in der gewöhnlichen Entwickelung -, dann erträgt es der Menschenleib nicht länger als drei Jahre. Sollte es überhaupt einem Wesen möglich sein, die Kindheitskräfte bewußt in sich zu tragen, dann muß das Karma dieses Menschen so eingerichtet sein, daß nach drei Jahren der physische Leib, in den dieses Wesen versenkt ist, zerbricht.
[ 14 ] Es ist also denkbar, daß das, was der Mensch durch alle Inkarnationen bis ans Ziel der Erdenentwickelung erlangt, durch ein Vorbild in die Welt gebracht wird, indem ein Mensch in die Welt gestellt würde, der durch seine Leiblichkeit es möglich macht, daß sein Ich entfernt und ein anderes Wesen ihm eingepflanzt wird, welches seinen Inkarnationen nach den Weg hierzu offen hat. Dann würde der menschliche Leib nicht länger dieses Wesen in sich dulden als drei Jahre. Es würde dann der menschliche Leib zerbrechen seinem Karma nach. Das ist geschehen. Wir sehen bei der Johannestaufe im Jordan diesen Menschenleib, der geeignet war, daß sein Ich, das Zarathustra-Ich, heraustrat. Dann senkte sich ein Wesen in diesen Leib. Die Christus-Wesenheit füllte ihn aus, konnte aber nur drei Jahre darin bleiben. Nach drei Jahren zerbrach es diesen Leib im Mysterium von Golgatha.
[ 15 ] Was damals drei Jahre im menschlichen Leib leben konnte, das muß der Mensch hegen und pflegen und nach und nach durch Inkarnationen wesenhaft in seiner Seele lebendig machen, damit es am Ende der Inkarnationen voll und ganz in der menschlichen Wesenheit gegenwärtig sein kann. Wir sehen da einen merkwürdigen Zusammenhang zwischen dem Gottessohn im Menschen und dem Christus-Ereignis. Denn alle die Dinge, die wir auf okkultem Felde finden, können von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Solche Beweise, wie sie die gewöhnliche Wissenschaft verlangt, können dem Okkultismus nicht genügen. Sie müssen dadurch überzeugend werden, daß Wahrheiten von allen Seiten zusammengetragen werden, die sich gegenseitig halten und tragen. Wir können das Christus-Ereignis wieder von einer neuen Seite kennenlernen, indem wir es heute aus der menschlichen Natur selber abgeleitet haben. Wir haben uns klargemacht, wie wir am besten den Christus begreifen, indem wir die Gesinnung entwickeln, die sich durch solche Wahrheit ergibt. Wir müssen uns klarmachen, daß bei voll entwickeltem Menschenleib durch die Jordantaufe ein Wesen im Leibe des Jesus von Nazareth war, welches in jedem Menschenleib weset, aber nur unbewußt, in den drei ersten Jahren des Lebens. Und schauen müssen wir da auf die drei Jahre, wo dieses Kind ins Bewußte umgesetzt ist. Dann lernen wir das Christus-Wesen am besten kennen.
[ 16 ] Alte Aussprüche haben einen verschiedenen Sinn. Ein solcher Sinn ergibt sich uns auch aus dem Ausspruch: Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnt ihr nicht eindringen in die Reiche der Himmel. —Da sehen wir tief hinein in den tieferen Sinn, der manchmal in einzelnen Sätzen der religiösen Urkunden liegt.
[ 17 ] Betrachten wir dieses kindhafte Leben besonders in dieser Zeit, in der es sich nun recht herausentwickelt. Die Wissenschaft weiß heute noch nicht viel von dem, was beitragen kann, den Menschen in seiner wahren Wesenheit zu studieren. Da muß es uns erst einmal klar sein, daß der Mensch sich von Anfang an ganz radikal unterscheidet von allen übrigen Wesen. Wenn Sie etwas Nahestehendes, etwa ein Affenwesen, betrachten: Es ist diesem von allem Anfang an durch eine eigentümliche Gleichgewichtslage eingepflanzt sein Gang; durch die eigentümliche Gleichgewichtslage, wie seine Glieder angebracht sind. Der Mensch kann zunächst überhaupt nicht gehen, er muß erst die Gleichgewichtslage im Leibe erringen. Er muß seine Glieder durch die Arbeit seines Ich in jene Lage bringen, in der er sich aufrechterhalten und gehen kann. So muß dieses Ich in den ersten Kindheitsjahren nicht nur daran arbeiten, das Gehirn plastisch auszugestalten, es muß auch die Gleichgewichtslage erringen, die dem Menschen nicht so von vorneherein gegeben ist wie den Tieren. Der Mensch muß seine Knochen erst in die Winkelrichtung bringen, die er gemäß seinem Schwerpunkte haben muß, um gehen zu können, um seinen Weg zu finden. Dem Tier ist dieses von vorneherein eingepflanzt, bis herauf zum höchsten Tier. Beim Menschen muß dies erst durch die Arbeit des Ich nach und nach errungen werden. Vorher kriecht er oder fällt um. So würde der Mensch an den Boden gefesselt sein, an denselben Ort, wenn sein Ich nicht arbeiten würde in den ersten Jahren seines Lebens.
[ 18 ] Wir haben schon gesehen: das Ich arbeitet an seinem Gehirn, ziseliert es so aus, daß wir später erkennende Wesen werden. So daß wir sagen können: Wir eignen uns Erkennung der Wahrheit im Leben dadurch an, daß das Ich sein Werkzeug formt. — Es muß uns klar sein, daß es ein Weiterleben gar nicht geben kann, ohne daß wir es erarbeiten.
[ 19 ] Was ferner den Menschen so radikal unterscheidet von allen anderen Wesen, ist seine Sprache. Die Sprache muß auch erst errungen werden durch das Ich. Der Mensch ist nicht veranlagt zu sprechen. Zu dem, wozu der Mensch von vorneherein veranlagt ist, gehört die Sprache nicht. Gewiß, die Kuh sagt Muh; aber das ist noch keine Sprache. Die Erwerbung der Sprache hängt davon ab, daß das Ich unter anderen Menschen-Ichen weilt. Wenn der Mensch auf eine ferne Insel verpflanzt wird, lernt er nicht sprechen. Daß wir die zweiten Zähne bekommen, ist uns angeerbt; daß wir wachsen, ist uns angeerbt. Wir würden auch Zähne bekommen, wenn wir auf einer einsamen Insel wären. Die Sprache aber erwerben wir uns durch das Ich im Kreise des menschlichen Lebens. Diese Unterschiede sind wichtig. So daß in dem, was wir menschliches Leben nennen, die Sprache das Dritte ist, was unser Ich sich aneignet.
[ 20 ] Durch die Betätigung dieser Kräfte findet der werdende Mensch den Weg auf Erden, er erkennt die Wahrheit, und er lebt mit der Umwelt das menschliche Leben mit. Wenn das Kind aussprechen könnte, was es so erwirbt, könnte es sagen: Das Ich in mir verwandelt mich so, daß ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. — Denken Sie sich das umgesetzt ins höhere Geistige, Spirituelle: wie muß zu den Menschen ein Wesen sprechen, das mit voll bewußten Kindheitskräften drei Jahre im menschlichen Leibe lebt? Es muß sagen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. - In der Tat, indem die Kindheitskräfte auf eine höhere, voll bewußte Stufe heraufkommen, haben wir darin wiederum das große Vorbild dessen, was sich im Kinde auf niederer Stufe zeigt. Wie eine Grundwahrheit geht es durch den Christus Jesus. Nicht nur der Ausspruch: Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt ihr nicht eingehen in die Reiche der Himmel -, kann nicht erfaßt werden, wenn man nicht weiß, was Geisteswissenschaft von dem eigentlichen Zusammenhang mit den belebenden Kindheitskräften zu sagen hat, sondern auch das, was wie ein radikaler Ausspruch klingt: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben», begreifen wir am besten, wenn wir das Vorbild sehen in dem, was das Ich erarbeitet im kindlichen Leibe.
[ 21 ] Aus solchen Dingen eignen wir uns an, was uns die Möglichkeit gibt, doch wenigstens für die Seele, wenn auch nicht für den Leib, etwas von den belebenden Kräften durchzubringen, die wir wieder brauchen auf der Erde. Der heutige Mensch, sofern er nicht die geistige Welt anerkennt, hat gar kein richtiges Gefühl für solche Tatsachen. Gehen Sie zu zahlreichen Menschen, die draußen im äußeren Leben stehen, und sagen Sie zu ihnen etwas, wie das, was heute hier gesagt worden ist: Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnt ihr nicht eingehen in die Reiche der Himmel -, so werden Sie sehen, daß die Leute draußen sagen: Nun ja, das sind ganz geistreiche Vergleiche, aber was soll man damit anfangen? — Die Leute werden es nützlicher finden, irgendein Sensationsdrama, wenn nicht Schlimmeres anzusehen. Wer nicht so recht ein Gefühl dafür hat, daß diese Wahrheiten eine Bedeutung haben, wird sie wenig berechtigt finden, weil in dem Gefühl für solche Dinge gerade die Kraft liegt, die kindliche Auffassungsgabe hereinzutragen in unser Leben. Wenn wir nicht dazu kommen, Sympathie und Enthusiasmus für so etwas zu haben wie den Vergleich des Christus mit der Tätigkeit des menschlichen Ich in den ersten Lebensjahren, wenn wir fähig sind, so etwas für kindisch zu halten, dann haben wir keine Begabung dafür, die ersten Kindheitskräfte wachzurufen. All die vertrockneten Gelehrten haben so wenig Kraft, die ersten Kindheitskräfte wachzurufen und dadurch zur spirituellen Welt zu kommen! Wenn wir dafür Enthusiasmus haben, uns mit so etwas zu beschäftigen, dann wirkt das in unserer Seele so, daß wir uns durchdringen mit diesen Kräften der ersten Kindheit. Damit ist aber etwas von dem gegeben, was dem Menschen möglich macht, sein Christentum weitherzig zu erhalten. Habe ich nicht oft gesagt, wir stehen erst im Anfange einer Auffassung des Christus? Da gab es Jahrhunderte hindurch bis ins 12., 13. Jahrhundert ein Christentum, das hatte nicht die Möglichkeit, die Bibel zu lesen, es mußte sich halten an die Predigten und an das, was die Geistbeseelten sagten. Dann kam das Christentum, das sich an die Bibel hielt, das sein Wissen von dem bekam, was in der Bibel steht. Und wir sind nicht eingedenk der Christus-Kraft, wenn wir nicht daran festhalten, daß Er wirklich seinen Ausspruch wahrgemacht hat: «Ich bin bei euch bis an das Ende der Zeiten.» Christen sind wir, wenn wir darüber klar sind, daß in jedem Zeitalter der Christus, nachdem er sich einmal manifestiert hat, sich wieder manifestieren wird für jeden, der ihn sehen will. Der Christus ist nicht so arm, daß er nur das zu sagen hat, was in den Evangelien niedergelegt ist. Wir dürfen uns nur nicht immer berufen auf die Worte: «Ihr könntet es jetzt noch nicht ertragen», sondern es mache sich die Menschheit reif, den Christus zu erkennen.
[ 22 ] Zu solchen Dingen gehört es, daß wir uns in der richtigen Weise zu stellen vermögen zu dem, was durch die Johannestaufe sich ergießt, zu den gesunden, befruchtenden Kräften des Kindheitsalters. Das wäre eine tief befruchtende Idee. Auch wenn kein Mensch etwas wüßte von dem Namen des Christus und von den Evangelien - wir sind durchaus nicht darauf aus, uns am Namen zu halten -, es kommt auf das Wesen an. Anderen überlassen wir es zu sagen: Wer nicht auf Buddha schwört, ist kein richtiger Bekenner. — Nicht am Namen, sondern an die Sache halten wir uns. Das tun wir zum Beispiel, indem wir erkennen, wie in den ersten Lebensjahren Kräfte im Menschen sind, die einmal sich niederließen auf den Leib des Jesus von Nazareth.
[ 23 ] Denken Sie, Sie wären auf einer einsamen Insel, wo gar keine Urkunde über das Mysterium von Golgatha je hingekommen ist: wenn Menschen da so arbeiten, daß sie durch ihr spirituelles Leben vollbewußt die Kraft des ersten Kindheitsalters aufnehmen bis ins höchste Alter hinauf, wären sie Christen im wahren Sinne des Wortes. Dann brauchen sie nicht in den Evangelien zu suchen, denn das Christentum ist etwas Lebendiges, und es wird sich weiter und weiter fortentwickeln. Das ist etwas, was wir im Unterschied streng festhalten müssen. Dann werden wir immer klarer werden können darüber, wie innig eigentlich zusammenhängt die Christus-Mission mit dem ganzen Erdenwesen. Wir werden uns dann sagen können, diese Christus-Mission ist etwas, was wir am heutigen Menschen selber erkennen können. Die Notwendigkeit der Durchchristung, des Auslebens des Paulinischen Spruches «Christus in mir» ergibt sich dadurch, daß wir sagen: Wir müssen uns mit der Umwandlung dessen, was in der ersten Kindheit in uns lebt, das ganze Leben durchdringen, dann ist der Christus in uns.
[ 24 ] Dies gibt durchaus die Möglichkeit, das Christentum im weitherzigsten Sinne zu erfassen, und die Perspektive, daß das Christentum ganz andere Formen annimmt. Es werden Zeiten kommen, wo man den Christus ganz anders nennen wird, wo ganz andere Urkunden da sein werden, wo man gar nicht auf die äußere Geschichte hinweisen wird, daß einmal ein solches Wesen da war, sondern wo man aus dem Menschheitsbewußtsein heraus diese Tatsache erkennen wird.
[ 25 ] Alles dies bringen wir vor, weil wir gerade mit solchen Dingen immer wiederum zeigen können, wie Geisteswissenschaft in die ganze Gestaltung des Menschheitsfühlens denkbar tief eingreifen kann und zur Lebenspraxis werden muß. Dann wird uns von da aus erst richtig verständlich, was wir in Urkunden finden. Die Urkunden sind für viele Menschen denn doch ein Buch mit sieben Siegeln. Ein heutiger Mensch steht vor uns: am Ende der Erdenzeit ist er so weit, daß er innerlich seine Seele durchchristet hat, heute ist er erst am Anfang seiner Arbeit. Aber es lebt der Christus in ihm, und durch alle folgenden Inkarnationen wird er immer mehr und in immer weiterem Sinne in ihm leben.
[ 26 ] Wie war es nun, bevor der Christus sich geoffenbart hat auf der Erde? Da war das Ich erst in Vorbereitung. Der Christus ist das, was dem Ich seinen Sinn gibt, so daß früher das Ich nur in Vorbereitung war. Jedesmal, wenn ein Wesen noch in Vorbereitung ist, müssen die Wesenheiten, die ihm vorangegangen sind, ihm helfen. Der Mensch war in Vorbereitung, seinem Ich einen Sinn zu geben, bis zu dem Ereignis von Golgatha. Bis dahin mußten ihm andere Wesen helfen, die früher die Menschheitsstufe erreicht haben, nämlich auf dem alten Monde. Wir wissen, daß das die Wesen der höheren Hierarchie der nächsten Stufe sind, die Engel. Sie stehen eine Stufe höher als der Mensch. Diese Wesenheiten haben vorzugsweise die Leitung der Menschheit zu übernehmen gehabt, so lange der Mensch noch nicht imstande war, zu Christus hinzublicken und zu sagen: Christus gibt meinem Ich den Sinn. — Daher konnte nicht der Mensch selber sich zu Christus hinführen, sondern er mußte von den Wesenheiten, die seine älteren Brüder sind, dahin geführt werden.
[ 27 ] Das gibt die biblische Urkunde mit wunderbarer Genauigkeit wieder. Nehmen wir den Vorläufer des Christus Jesus, Johannes. Wenn er wirklich der Vorläufer sein soll, kann er nicht das Wesen sein, das in der äußeren Geschichte dargestellt ist, denn er hat noch nicht das Ich in dem Sinne, wie das jetzt dargestellt worden ist. Daher kann man nicht sagen, sein Vorläufer, der Täufer Johannes, ging voran. Merkwürdigerweise beginnt das Markus-Evangelium sogleich mit den Worten des Propheten: «Ich sende meinen Engel vor dir her, der soll dir den Weg bereiten.» Das heißt, es muß etwas beachtet werden, was man so abstrakt in Theologenkreisen wohl sieht, wenn man aber ins Konkrete geht, sehen die Menschen darüber hinweg. Die äußere Welt ist zunächst eine Maja. Wir müssen erst lernen, sie in richtiger Weise anzuschauen, dann ist sie nicht mehr Maja. Wenn die äußeren Ereignisse auf dem physischen Plane von Johannes erzählt werden, so ist das Maja. Wir verstehen sie nicht. Die Bibel sieht die Person des Johannes als Maja an. In Johannes lebt, von seiner Seele Besitz nehmend, ein Engelwesen, das die Menschen zu Christus führt. Er ist eine Hülle für die Offenbarung der Engelwesenheit. Der Engel konnte in ihn hineingehen, weil der wiedergeborene Elias bereit war, den Engel aufzunehmen. Da sprach der Engel aus ihm, der wurde hingeschickt, der bedient sich nur des Johannes als Werkzeug. So genau spricht die Bibel.
[ 28 ] So daß wir sagen können: Der Mensch konnte nur dadurch zu dem Ich hingeführt werden, daß diejenigen, welche die Menschheitsstufe auf dem alten Monde vollendet hatten, in der vorchristlichen Zeit die Lenker der Erdenmenschen wurden. Alle alten Menschheitsführer sind dadurch die Lenker geworden, daß Engel durch sie wirkten. Was würde mit dem modernen Menschen geschehen? In vorchristlichen Zeiten wirkten die Engelwesen in sein Wesen, weil der Mensch noch nicht das Ich als Eigenvorbild in sich hatte. Seit er das Christus-Sonnenlicht hat, kann der Mensch sein Antlitz hinwenden zu Christus, und dadurch zieht wieder eine solche Kraft in ihn ein wie vorher die Engel. So wie er vorher die Engel aufnahm, muß der Mensch heute durch Hingabe an die Christus-Wesenheit den Christus aufnehmen. Hat noch Johannes sagen können: Nicht ich, sondern der Engel in mir ist hergesandt und benützt mich als Werkzeug, um vorzubereiten -, so muß heute der Mensch sagen wie Paulus: Nicht ich, sondern Christus in mir. - Er soll den Christus so verstehen lernen, wie Geisteswissenschaft ihn lehrt.
[ 29 ] Man kann das aussprechen, was zum Beispiel heute über die drei ersten Lebensjahre gesagt worden ist. Die Notwendigkeit zu betonen, daß das kindliche Zeitalter seinen sonnigen Glanz über das ganze Leben ausbreitet, das ist Verchristen eines Menschen. Während die moderne Wissenschaft das Greisenhaftwerden, das Nicht-sich-Durchdringen mit den Sonnenkräften des Kindesalters, das Vertrocknenlassen der Gehirnpartien und manches andere bewirkt.
[ 30 ] Also nehmen wir von solchen Wahrheiten die Idee mit auf, daß es möglich ist, das Christentum wesenhaft zu erkennen, wenn man absieht von allen Urkunden und nur auf die Betrachtung des Menschen hinsieht. Wenn man Geisteswissenschaft nicht so anschaut, daß man sagt: Nun weiß ich, daß der Mensch aus vier Gliedern besteht, aus physischem, Ather-, Astralleib und Ich, sondern so, daß es darauf ankommt zu wissen, wie diese einzelnen Glieder in der Menschennatur verbunden sind, dann kann man einsehen, daß das erste Kindheits-Ich verwandt ist einer anderen Wesenheit, daß dieses Ich gleichsam wie eine Hülle ist, und wie es dann nach drei Jahren ganz und gar seine Lage zu den anderen Gliedern, zu der übrigen Menschennatur ändert.
[ 31 ] Diese Erkenntnis bekommt einen rechten Wert, wenn sie in uns zur Kraft wird, und wenn wir uns sagen: Wir haben viele Inkarnationen auf Erden in Zukunft durchzumachen; wir wissen, daß wir sozusagen dasjenige, was in uns ist, immer weiter und weiter ausbilden können, zu immer größerem und größerem Bewußtsein bringen können; wissen, daß wir den höheren Menschen, den Gottessohn in uns ganz ausgießen können über den Menschensohn, und dadurch von Inkarnation zu Inkarnation immer weiter hinaufsteigen können, bis die Erde an ihrem Ziel angekommen sein wird. - Da wird die Erde ein Leichnam werden, wie der einzelne Mensch physisch ein Leichnam wird, und wie im einzelnen Menschen der Leichnam zur Erde hinunterfällt und die Seele in die geistige Welt aufsteigt, so wird es auch mit der ganzen Erde sein.
[ 32 ] Wenn wir die ganze Erde als den Leib der ganzen Menschheit betrachten, so können wir sagen: Die Erde stirbt als Leichnam ab, geht auf in der Materie des Weltenraumes, wird zerstäubt, um materiell aufs Neue verwendet zu werden. Der Mensch aber steigt hinauf in geistige Welten, um in den nächsten planetarischen Zustand hinüberzugehen. Und wir sollen uns vor Augen halten, daß dies keine abstrakten Worte sind.
[ 33 ] Es ist doch sonderbar, daß es Menschen gibt, die glauben, daß unsere Erde mit der Sonne und den anderen Planeten einmal ein großer Dunstnebel war und nichts sonst, und daß sich da herausgebildet haben Sonne, Erde, und durch Zusammenschießen der Materie der Mensch, und daß er sich immer so weiter entwickelt und einmal in der Erde begraben sein wird: das Ganze eine sinnlose Episode! Die künftige Kulturgeschichte wird viel Mühe haben, dieses krankhafte Phantasiegebilde zu begreifen; zu begreifen, wie einmal die menschliche Phantasie so krank werden konnte, dies als ernsthafte Vorstellung anzunehmen. Eine Kant-Laplacesche Theorie zu geben, bedeutet ganz dasselbe, wie den Menschen erklären zu wollen aus dem Staube, in den er zerfällt bei der Verbrennung. Solche Wissenschaft ist todbringend, sie belebt nicht die lebendige Kraft in unserer Seele. Geisteswissenschaft soll die Kraft beleben, zu höherer und höherer Gestalt uns auszubilden, und uns fähig machen, nicht mit dem Staube der Erde uns zu verbinden, sondern uns hinüber zu entwickeln zu neuem planetarischem Dasein.
