Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
Das Christus-Ereignis
als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution
GA 127
19 Dezember 1911, Berlin
14. Die Symbolik und die Phantasie mit Bezug auf das Mysterium «Die Prüfung der Seele»
[ 1 ] Wir wollen heute anknüpfen an das zweite unserer Mysterienspiele, an «Die Prüfung der Seele».
[ 2 ] Sie werden gesehen haben, daß es sich bei all diesen Darstellungen, hauptsächlich aber bei der «Prüfung der Seele», um den Versuch handelt, dramatische Vorgänge an unsere geisteswissenschaftliche Weltanschauung heranzubringen. Insbesondere in dieser «Prüfung der Seele» ist versucht worden, die Wiederverkörperungsidee in ihrem Hineinwirken in das menschliche Seelenleben real zur Darstellung zu bringen. Ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß die Vorgänge in der «Prüfung der Seele» nicht rein ausgedacht sind, sondern tatsächlich den Beobachtungen des okkulten Lebens in einer gewissen Weise voll entsprechen, so daß also die Darstellung in einem gewissen Sinne voll realistisch ist. Was zunächst zur Sprache kommen soll, ist für den heutigen Abend ein Blick auf den Umstand, daß es nötig geworden ist, eine Art Übergang zu schaffen von dem bisherigen Leben des Capesius zu der Versenkung des Capesius in ein vorzeitliches Leben, in eine Zeit, in welcher er selbst eine vorhergehende Inkarnation durchgemacht hat.
[ 3 ] Ich habe mich oftmals selber, seit diese «Prüfung der Seele» fertig geworden ist, gefragt, was für Capesius den Übergang bilden kann aus seinem Leben in einer Welt, in welcher er nur dasjenige gekannt hat — wenn auch in einer geistvollen Weise —, was die äußere Sinnesanschauung und diejenige Anschauung der Welt bietet, welche an das Instrument des Gehirnes gebunden ist, was, sage ich, für ihn den Übergang bilden kann aus einer solchen Welt in die Welt, in welche er sich dann versenkt, welche man sich nur durch die okkulten Sinnesorgane erschließen kann? Ich habe mich oft gefragt, warum das Märchen mit den drei Gestalten einen solchen Übergang für Capesius bilden muß. Denn selbstverständlich ist nicht aus irgendeinem Verstandesbegriff oder aus irgendeiner Überlegung heraus das Märchen an diese Stelle gestellt, sondern weil es die Phantasie so ergeben hat. Fragen kann man sich höchstens hinterher, warum ein solches Märchen notwendig geworden ist? Und es ergaben sich mir in einer Anknüpfung an die «Prüfung der Seele» Gesichtspunkte, die mir aufklärend erscheinen überhaupt über die Märchenpoesie und über die Poesie im Zusammenhange namentlich mit der anthroposophischen Weltanschauung.
[ 4 ] Wenn der Mensch einmal praktisch in sein eigenes Leben die Tatsache einführen wird, die zum Ausdruck kommt in der Gliederung der Seele in Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele, dann werden sich ihm rein elementar-gefühlsmäßig in bezug auf seine Stellung, sein Verhältnis zur Welt gewisse Empfindungsrätsel ergeben; Rätsel, die sich gar nicht aussprechen lassen in unserer gewöhnlichen Sprache und unseren gewöhnlichen Begriffsformen, aus dem einfachen Grunde nicht, weil wir heute doch in einer zu intellektualistischen Zeit leben, um durch das Wort und durch alles, was durch das Wort möglich ist, jene feinen Beziehungen zum Ausdruck zu bringen, die sich ergeben zwischen den drei Seelengliedern. Das kann man viel eher, wenn man ein Mittel wählt, durch welches die Beziehung der Seele zur Welt selber als eine vieldeutige und dennoch als eine ganz bestimmte und ausgesprochene erscheint. Was durch die ganze «Prüfung der Seele» hindurch spielt als eine Beziehung aller Vorgänge zu dem, was in den drei Gestalten Philia, Astrid und Luna ausgedrückt ist, das bedurfte eines Ausdruckes in nicht scharfen Konturen, der aber dennoch durch bestimmte seelische Kraftwirkungen etwas hat, was das Verhältnis des Menschen zur Welt anschaulich machen kann. Und das konnte auf keine andere Weise gegeben werden, als indem gezeigt wurde, wie durch die Erzählung dieses Märchens von den drei Gestalten in Capesius’ Seele hervorgerufen wird ein ganz bestimmter Drang, ein ganz bestimmter Vorgang, der ihn reif macht, nun hinunterzusteigen in diejenigen Welten, die erst jetzt wieder beginnen, reale, wirkliche Welten für den Menschen zu werden.
[ 5 ] Es soll nun zunächst dieses Märchen zur Darstellung gebracht werden, damit dann die Betrachtung an dieses Märchen angeknüpft werden kann.
Es war einmal ein Knabe,
Der wuchs als armer Förstersleute einzig Kind
In Waldeseinsamkeit heran. —
Er lernte außer seinen Eltern
Nur wenig Menschen kennen.
Er war von schwachem Gliederbau:
Durchscheinend fast war seine Haut.
Man konnte lang ins Aug’ ihm schaun;
Es barg die tiefsten Geisteswunder.
Und wenn auch wenig Menschen nur
Des Knaben Lebenskreis betraten,
Es fehlte ihm an Freunden nicht.
Wenn in den nahen Bergen
Erglühte golden Sonnenhelle,
Dann sog des Knaben sinnend Auge
Das Geistesgold in seine Seele ein:
Und seines Herzens Wesen,
Es ward so morgensonnengleich.
Doch wenn durch finstre Wolken
Der Morgensonne Strahl nicht drang
Und düstre Stimmung alle Berge überzog,
Da ward des Knaben Auge trüb
Und wehmutvoll sein Herz —.
So war er hingegeben ganz
Dem Geistesweben seiner engen Welt,
Die er nicht fremder fühlte seinem Wesen
Als seines Leibes Glieder.
Es waren ihm ja Freunde auch
Des Waldes Bäume und die Blumen;
Es sprachen Geisteswesen aus den Kronen,
Den Kelchen und den Wipfeln —,
Verstehen konnte er ihr Raunen —.
Geheimer Welten Wunderdinge
Erschlossen sich dem Knaben,
Wenn seine Seele sich besprach
Mit dem, was leblos nur
Den meisten Menschen gilt.
Und sorgend oft vermißten abendlich
Die Eltern den geliebten Sprossen. —
An einem nahen Orte war er dann,
Wo aus den Felsen eine Quelle drang
Und tausendfach zerstäubend
Die Wassertropfen über Steine sprengte.
Wenn Mondeslichtes Silberglanz
In Farbenfunkelspielen zauberhaft
Sich spiegelt’ in des Wassers Tropfenstrom,
Da konnt’ der Knabe stundenlang
Am Felsenquell verharren.
Und Formen, geisterhaft gebildet,
Erstanden vor dem Knabenseherblick
Im Wassertreiben und im Mondenlichtgeflimmer.
Zu dreien Frauenbildern wurden sie,
Die ihm von jenen Dingen sprachen,
Nach denen seiner Seele Trieb gerichtet. —
Und als in einer milden Sommernacht
Der Knabe wieder an der Quelle saß,
Ergriff der Frauen eine viele tausend Stäubchen
Des bunten Wassertropfenwesens
Und reichte sie der zweiten Frau.
Die formte aus den Tropfenstäubchen
Ein silberglänzend Kelchgefäß
Und reichte es der dritten Frau.
Die füllte es mit Mondessilberlicht
Und gab es so dem Knaben.
Der hatte alles dies geschaut
Mit seinem Knabenseherblick. —
Ihm träumte in der Nacht,
Die dem Erlebnis folgte,
Wie er beraubt des Kelches
Durch einen wilden Drachen ward.
Nach dieser Nacht erlebte jener Knabe
Nur dreimal noch das Quellenwunder.
Dann blieben ihm die Frauen fort,
Auch wenn der Knabe sinnend saß
Am Felsenquell im Mondensilberlicht.
Und als dreihundertsechzig Wochen
Zum dritten Mal verstrichen waren,
War längst der Knabe Mann geworden
Und von dem Elternhause und dem Waldesgrund
In eine fremde Stadt gezogen.
Da sann er eines Abends,
Von harter Arbeit müde,
Was ihm das Leben wohl noch bringen möge.
Es fühlte sich der Knabe plötzlich
Nach seinem Felsenquell entrückt;
Und wieder konnte er die Wasserfrauen schauen.
Und dieses Mal sie sprechen hören.
Es sagte ihm die erste:
Gedenke meiner jeder Zeit,
Wenn einsam du dich fühlst im Leben.
Ich lock’ des Menschen Seelenblick
In Atherfernen und in Sternenweiten,
Und wer mich fühlen will,
Dem reiche ich den Lebenshoffnungstrank
Aus meinem Wunderbecher. —
Und auch die zweite sprach:
Vergiß mich nicht in Augenblicken,
Die deinem Lebensmute drohen.
Ich lenk’ des Menschen Herzenstriebe
In Seelengründe und auf Geisteshöhn.
Und wer die Kräfte sucht bei mir,
Dem schmiede ich die Lebensglaubensstärke
Mit meinem Wunderhammer. —
Die dritte ließ sich so vernehmen:
Zu mir erheb’ dein Geistesauge,
Wenn Lebensrätsel dich bestürmen.
Ich spinne die Gedankenfäden
In Lebenslabyrinthen und in Seelentiefen,
nd wer zu mir Vertrauen hegt,
Dem wirke ich die Lebensliebesstrahlen
Auf meinem Wunderwebestuhl. — — —
Es träumt’ in jener Nacht,
Die dem Erlebnis folgte,
Dem Manne, daß ein wilder Drache
In Kreisen um ihn her sich schlich
Und nicht ihm nahen konnte:
Es schützten ihn vor jenem Drachen
Die Wesen, die er einst am Felsenquell geschaut
Und die aus seiner Heimat
Mit ihm zum fremden Ort gezogen waren.
[ 6 ] Die Märchenstimmung ist, wie mir scheint, überhaupt etwas, was sich in einer voll berechtigten Weise hineinstellt zwischen die äußere Welt und all das, was der Mensch einstmals in der alten Zeit des ursprünglichen menschlichen Hellsehens in den geistigen Welten schaute, was er auch heute noch schauen kann, wenn er sich etwa durch besondere abnorme Anlagen oder durch ein regelrecht geschultes Hellsehertum zu den geistigen Welten erheben kann. Zwischen dieser Welt und der Welt der äußeren Wirklichkeit und des Verstandes und der Sinne ist die Welt des Märchens vielleicht das allerberechtigtste Zwischenglied. Es scheint mir notwendig, eine gewisse Erklärung zu finden für die ganze Stellung des Märchens und der Märchenstimmung zwischen diesen Welten. Nun ist es außerordentlich schwierig, die Brücke zwischen diesen beiden Gebieten wirklich zu schlagen. Aber da kam es mir vor Augen, als wenn sie durch ein Märchen selber zu schlagen wäre. Und besser als alle theoretischen Erklärungen scheint mir ein sehr einfaches Märchen diese Brücke wirklich zu schlagen, das man etwa so erzählen könnte:
[ 7 ] Es war einmal ein armer Bursche. Der hatte eine kluge Katze. Und die kluge Katze verhalf dem armen Burschen, der nichts hatte außer ihr selber, zu einem großen Besitz. Sie bewirkte es nämlich, daß man dem Könige hinterbrachte, der arme Bursche hätte einen großen, wunderschönen, merkwürdigen Besitz, den sogar ein König mit Neugierde betrachten könnte. Und die kluge Katze brachte es dahin, daß der König sich aufmachte und durch allerlei höchst merkwürdige Gegenden fuhr. Überall wurde dem König weisgemacht, durch die Veranstaltungen der klugen Katze, daß der weite Besitz von Gefilden und von allerlei Baulichkeiten höchst merkwürdigster Art diesem Burschen gehöre. Da kam der König zuletzt auch noch zu einem großen zauberhaften Schloß. Aber er kam für die Verhältnisse, die im Märchen spielen, etwas spät. Denn schon war die Zeit herangerückt, wo der große Riese oder Troll nach Hause heimkehrte von der Weltenwanderung und wieder hineingehen wollte in den Palast, der eigentlich diesem Riesen gehörte. Der König war eben in dem Palast und wollte sich alles Zauberhafte und Wundersame anschauen. Da legte sich denn die kluge Katze vor die Tür hin, damit der König nicht merke, daß das alles dem Riesen gehöre, dem Troll. Da der Riese heimkehrte gegen die Morgenstunde, begann die Katze dem Riesen eine Geschichte zu erzählen, von der sie ihm klarmachte, daß er sie anhören müßte. Und sie erzählte ihm mit großer Geschwätzigkeit, wie der Bauer sein Feld pflügt, wie er seinen Acker düngt, wie er dann wieder umpflügen muß, wie er dann die Samen holt, die er in den Acker streuen will, wie er dann die Samen in den Acker bringt. Kurz, sie erzählte ihm eine so lange Geschichte, daß es Morgen wurde und die Sonne aufging. Und da sagte die kluge Katze, jetzt müsse der Riese, der doch noch niemals die goldene Jungfrau im Osten gesehen hat, bleiben und sich die goldene Jungfrau ansehen, müsse sich die Sonne ansehen. Aber — so ist es nach einem Gesetz, dem die Riesen unterstehen — als der Riese sich umdrehte und die Sonne ansah, da zerplatzte er. Und die Folge war, daß jetzt tatsächlich durch die Hintanhaltung des Riesen der Palast dem armen Burschen zugefallen war. Und er hatte nicht nur durch die Machinationen der klugen Katze all den Besitz, den sie ihm vorher nur zugesprochen hatte, sondern er besaß jetzt wirklich den Riesenpalast und alles, was dazugehörte.
[ 8 ] Man kann sagen: Eigentlich muß man das kleine, anspruchslose Märchen wirklich außerordentlich bezeichnend finden, man möchte sagen für die Welthistorik der Märchenstimmung in unserer Zeit. Denn wahrhaftig, wenn wir den Menschen in seiner Entwickelung im Erdengange betrachten, so sind unter allen Menschen, die sich auf der Erde entwickelt haben, oder von allen Inkarnationen, durch welche Menschen hindurchgegangen sind, oder unter den gegenwärtig inkarnierten Seelen die meisten das, was man mit dem armen Burschen vergleichen kann. Ja, wir sind im Grunde genommen in unserer Gegenwart, im Verhältnis zu den anderen Zeiten, wirklich der arme Bursche und haben nichts als eine kluge Katze. Aber die kluge Katze haben wir ganz zweifellos. Denn die kluge Katze ist gerade unser Verstand, unser Intellekt. Und das, was der Mensch gegenwärtig durch seine Sinne besitzt, was er für die äußere Welt hat durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, ist wahrhaftig im Verhältnisse zu der gesamten kosmischen Welt, zu alledem, was der Mensch durchgemacht hat durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, etwas recht Armseliges. Der arme Bursche sind wir im Grunde genommen alle, und nur unseren Verstand haben wir, der sich ein wenig hermachen kann, um einen gewissen imaginären Besitz uns zuzusprechen. Kurz, wir sind in der gegenwärtigen Lage der arme Bursche, und wir haben die kluge Katze. Aber wir sind nicht bloß der arme Bursche. Wir sind es für unser Bewußtsein. Unser Ich aber wurzelt in verborgenen Tiefen des Seelenlebens. Diese verborgenen Tiefen des Seelenlebens hängen zusammen mit unzähligen Welten und unzähligen kosmischen Geschehnissen. Die alle spielen herein in das Menschenleben. Nur ist der Mensch der Gegenwart ein armer Bursche geworden und weiß von dem allem nichts mehr, kann sich höchstens durch die kluge Katze, durch die Philosophie, allerlei erklären lassen über den Sinn und die Bedeutung dessen, was er mit den Augen sieht oder mit den sonstigen Sinnen wahrnimmt. Und wenn dann der Mensch in der Gegenwart doch von irgend etwas sprechen will, was über die Sinneswelt hinausgeht, wenn er sich irgend etwas verschaffen will, was über die Sinnenwelt hinausgeht, dann tut er es — und er tut es schon seit vielen Jahrhunderten — in der Kunst und in der Dichtung.
[ 9 ] Aber gerade unsere Zeit — diese in vieler Beziehung so merkwürdige Übergangszeit — zeigt uns so recht, wie der Mensch doch sich nicht viel hinausfühlt über die Stimmung des armen Burschen, auch wenn er Dichtung und Kunst in die gegenwärtige Welt der Sinne hereinstellen kann, wie sie ihm gegeben ist. Denn in unserer Zeit strebten die Menschen aus einem gewissen Unglauben an die höhere Kunst und an die höhere Dichtung hin zum Naturalismus, zu einer rein äußerlich gehaltenen Wiedergabe der äußeren Wirklichkeit. Und wer möchte leugnen, daß unsere Zeit etwas von jener Stimmung hat, die, wenn im Glanze der Kunst und der Dichtung die Wirklichkeit dargestellt wird, doch immer wieder seufzt: Ach, das alles sind doch Scheingebilde, das alles ist doch keine Wahrheit. — Wieviel hat nicht unsere Zeit von einer solchen Stimmung? So daß in der Tat der König im Menschen, der urständet aus der geistigen, aus der spirituellen Welt heraus, gar sehr der Überredung bedarf durch die kluge Katze, durch den Verstand, der dem heutigen Menschen gegeben ist, um einzusehen, wie dasjenige, was der Phantasie erwächst und erwacht in der Kunst, doch in einer gewissen Weise wahrer Menschenbesitz ist. Überredet wird der Mensch, der König im Menschen zunächst. Aber das taugt doch eigentlich nicht viel, taugt nur für eine gewisse Weile. Es kommt dann an den Menschen in einer Zeit — wir leben jetzt gerade am Ausgangspunkte dieser Zeit — die Notwendigkeit heran, wieder den Zugang zu finden zu der höheren, geistigen, zu der eigentlichen spirituellen Welt. Es kommt an den Menschen heran, und überall ist heute zu fühlen, wie an den Menschen dieser Drang herankommt, wieder aufzusteigen in die Sphären der geistigen Welt.
[ 10 ] Da muß ein gewisser Übergang eintreten. Und es ist kaum durch irgend etwas anderes dieser Übergang in leichterer Weise zu machen als durch eine sinngemäße Wiederbelebung der Märchenstimmung. Die Märchenstimmung hat wirklich, rein äußerlich gesprochen, das an sich, was es dem Menschen der Gegenwart am allerleichtesten macht, seine Seele vorzubereiten auf das Erleben solcher Ereignisse, die hereinleuchten aus höheren, übersinnlichen Welten. Gerade die Art und Weise, wie das Märchen anspruchslos vor uns hintritt und zunächst nicht den Anspruch darauf macht, in irgendeinem Zuge Abbild der äußeren Wirklichkeit zu sein, sondern wie das Märchen kühn sich hinwegsetzt über alle äußeren Gesetze der äußeren Wirklichkeit, gibt aus dem Märchen heraus die Möglichkeit, die menschliche Seelenstimmung vorzubereiten für das Wiederempfangen der höheren, geistigen Welt. Der grobe Glaube, der für die geistige Welt in der alten Zeit dadurch erreicht worden ist, daß die Menschen noch auf einer primitiveren Stufe standen und ein gewisses Hellsehen in ihrer Seele war, muß zerplatzen wie der Riese Troll vor einer äußeren Wirklichkeit. Man kann ihn nur hinhalten durch die klugen Katzenfragen und durch die Katzenerzählungen, die man breit über die äußere Wirklichkeit hinspinnt. Gewiß, man kann lange an so klugen Katzenerzählungen spinnen und zeigen, wie da und dort die Wirklichkeit notwendig macht, daß man zu geistigen Erklärungen seine Zuflucht nimmt. Man kann in breiter Philosophie ausspinnen, wie da und dort manche Frage nur durch das Beziehen auf die geistige Welt beantwortet werden kann. Da behält man etwas wie ein Andenken aus alter Zeit. Man hält den Riesen durch das, was aus den alten Zeiten stammt, eine Weile hintan. Aber gegenüber der klaren Sprache der Wirklichkeit wird das, was aus der alten Zeit geblieben ist, nicht standhalten können, das zerplatzt wie der Riese gegenüber der aufgehenden Sonne. Aber diese Stimmung, das Zerplatzen des Riesen, muß man erst kennen. Und hier berühren wir etwas, wodurch die Psychologie des Märchens in einer gewissen Weise gegeben werden kann. Ich kann diese Dinge nicht theoretisch auseinandersetzen, ich kann das Psychologische des Märchens nur durch Seelenbetrachtung auseinandersetzen und möchte dazu folgendes sagen.
[ 11 ] Denken Sie sich einmal, es stünden in lebendiger Imagination, wie wir das jetzt auch wieder skizzenhaft in den Vorträgen über Pneumatosophie geschildert haben, mancherlei von den Gebilden der geistigen Welt vor irgendeiner Seele. Gewiß, wir in dem Gebiet der Anthroposophie erzählen vieles aus den geistigen Welten. Das muß lebendig zunächst vor irgendwelcher Seele stehen. Aber es käme nicht viel zustande für die äußere Darstellung, wenn man nur das darstellen wollte, was sich da vor die Seele hindrängt, auch vor die hellseherische Seele. Es kommt eine merkwürdige Disharmonie in der Seele heraus, nicht nur wenn man in die grauenvollen Gespinste des gegenwärtigen Gedankens hineingeheimnissen soll solche Wahrheiten, wie sie hier in unserem Zweige in den letzten drei Stunden über die Saturn-, Sonnen- und Mondenzustände auseinandergesetzt werden mußten. Da fühlt man sich gegenüber den Dingen, die da vor der Seele stehen, überall eingeengt. Und was so einfangen muß die Geheimnisse über die höheren Welten, das kommt sich im Menschen selbst recht trollhaft vor. Ein patschiger, trolliger Riese ist man eigentlich, wenn man die Gebilde der geistigen Welt einfangen will. Und vor der Sonne des Tages muß man dann in einer gewissen Weise freiwillig zerplatzen lassen diese Gebilde, um sie der Stimmung der Gegenwart anzupassen, muß sie sozusagen freiwillig hellseherisch zerplatzen lassen an der äußeren Wirklichkeit, kann aber etwas zurückbehalten. Man kann das zurückbehalten, was der arme Bursche zurückbehält. Was Besitz werden kann von der geistigen Welt für unsere unmittelbare Gegenwartsseele, das ist die Umwandlung, aber die sachgemäße Umwandlung des gigantischen Gehaltes der imaginativen Welt in dem Vieldeutigen einer Märchenstimmung. Dann fühlt sich wirklich diese menschliche Seele wie der König, der hingeführt wird zu dem, was zunächst dieser Seele gar nicht gehört, was der Armen-Burschen-Seele gar nicht gehört. Sie kommt aber in diesen Besitz dadurch, daß der gigantische Riese zerplatzt, daß man gegenüber der Wirklichkeit die imaginative Welt aufgibt und sie in den Palast, den die Phantasie zimmern kann, hereinbekommt. Während nämlich in den alten Zeiten die Phantasie der Menschen — die Phantasie des armen Burschen — durch die imaginative Welt gespeist worden ist, kann sie das heute gegenüber der Entwickelungsstufe unserer Seele nicht mehr. Aber dennoch, wenn man zunächst einmal die ganze imaginative Welt aufgibt und das Ganze hereinpreßt in die vieldeutige Märchenstimmung, die sich nicht an die äußere Wirklichkeit hält, dann kann uns etwas in der Phantasie des Märchenspieles zurückbleiben, was eine tiefe, tiefe Wahrheit ist. Das heißt, der arme Bursche, der eigentlich nichts hat als die Katze, als den klugen Verstand, kann gerade in der Märchenstimmung dasjenige haben, was er braucht für die Gegenwart, damit seine Seele erzogen werden kann, um auf eine neue Weise in die geistigen Welten hineinzukommen.
[ 12 ] Daher scheint es mir eine richtige Psychologie des Capesius zu sein, der so ganz aus der Ideenwelt der Gegenwart herausgewachsen ist, daß er aus einer allerdings vergeistigteren Auffassung der gegenwärtigen Welt in die Welt der Märchen hineinkommt, die sich als ein Neues, als eine wirkliche Beziehung zur okkulten Welt ihm erschließen soll. So muß denn auch so etwas wie ein Märchen hingestellt werden an der Stelle, die den Übergang bilden soll zwischen dem Stehen des Capesius in der Welt der äußeren Wirklichkeit und der Welt, in die er untertauchen soll, um sich selber in einer früheren Inkarnation zu schauen.
[ 13 ] Was ich Ihnen jetzt gleichsam rein als ein persönliches Aperçu sagte, als etwas, was sich mir ergeben hat als Grund, warum damals gerade der notwendige Einfall kam, dieses Märchen an diese Stelle zu stellen, stimmt mit dem überein, was wir nennen können etwa die Geschichte von der Entstehung der Märchen überhaupt in der menschheitlichen Entwickelung. Es stimmt in einer ausgezeichneten Weise überhaupt zu der Art, wie die Märchen in der Menschheit heraufgekommen sind. Wenn wir auf die früheren Zeiten menschheitlicher Entwickelung zurückblicken, finden wir überall bei den Völkern in den Urzeiten ein gewisses primitives Hellsehen, ein Hineinschauen in die geistige Welt. Wir müssen daher in jenen Zeiten nicht nur unterscheiden die beiden wechselnden Zustände von Wachen und Schlafen, oder höchstens als einen chaotischen Übergangszustand noch das Träumen, sondern wir müssen noch einen Übergangszustand zwischen Wachen und Schlafen bei den alten Völkern annehmen, der diese Menschen nicht traumhaft, sondern als in eine Wirklichkeit schauend, in die Möglichkeit versetzte, mit dem geistigen Dasein zu leben. Der gegenwärtige Mensch ist mit seinem Bewußtsein in der Welt beim Tagwachen, aber nur mit seinem sinnlichen Bewußtsein und mit seinem Verstande. Er ist arm geworden wie der arme Bursche, der nichts hat als die kluge Katze. Dann aber kann er auch in der geistigen Welt sein, nämlich in der Nacht. Da schläft er aber, da hat er kein Bewußtsein von den geistigen Welten. Zwischen diesen zwei Zuständen hatte der Urmensch noch den dritten, der ihm etwas vor die Seele zauberte wie gewaltige Bilder. Er lebte dann in dem, was der Hellseher, der die Kunst des Hellsehens erreicht hat, auch hat, nur daß er es nicht traumhaft und nicht in einem Chaos, sondern in einer wirklichen Welt hat. Aber doch hatte es der alte Mensch so, daß er mit einem klaren Bewußtsein seine Imaginationen umspannen konnte. In diesen drei Zuständen lebte der Urmensch. Und wenn er so seine Seele hinaus erweitert fühlte in das geistige All, überall zusammenhängend mit geistigen Wesen anderer Art, angrenzend an die Hierarchien, an die geistigen Wesen, die in den Elementen, in Erde, Wasser, Luft und Feuer leben, wenn er so sein Wesen über die engen Grenzen seines Seins hinaus erweitert fühlte, dann fühlte er sich wohl in solchen Zwischenzuständen als der Riese, der aber immer platzte, wenn die Sonne aufging und er in den Wachzustand übergehen mußte.
[ 14 ] Diese Schilderungen nämlich sind gar nicht so unrealistisch. Heute, wo man gar nicht mehr das ganze Schwergewicht der Worte fühlt, wird man vielleicht glauben, es wäre mit Zerplatzen nur gedankenlos ein Wort hingestellt, wie man sonst ein Wort an das andere reiht. Aber es entspricht das Zerplatzen bildlich einer Art Tatbestand. Es ist für den alten Menschen so gewesen, wie wenn er sein Wesen in eine ganze Summe von Welten hinauswachsen fühlte, und wenn dann die goldene Jungfrau am Morgen herankam und sein Auge an die äußere Wirklichkeit sich gewöhnen mußte, dann kam ihm der Streif der äußeren Wirklichkeit vor wie etwas, was ihm auseinandertrieb, was er vorher schaute, was zum Zerplatzen brachte, was er vorher war. Es entspricht das in einer gewissen Weise tatsächlich einer Art von Tatbestand.
[ 15 ] Das aber, was im Menschen wirksam ist, was der eigentliche König in der Menschennatur ist, ließ sich nicht abhalten, etwas hereinzutragen in die Welt der gewöhnlichen Wirklichkeit aus der Welt, in der die Seele eigentlich wurzelt. Und was da hereingetragen wurde, ist eben die Projektion, das Schattenbild des Erlebten in unsere Welt herein, ist die Welt der Phantasie, der wirklichen Phantasie, nicht der phantastischen, die einfach die Lappen des Lebens zusammenstellt, sondern der wirklichen Phantasie, die ihren Sitz im Inneren der Seele hat, die zu allen Einzelheiten des Schaffens von innen heraus getrieben wird. Naturalistische Phantastik würde gerade den umgekehrten Weg machen von dem, welcher der Weg der wirklichen Phantasie ist. Naturalistische Phantastik würde da und dort ein Motiv aufgreifen, würde die Modelle zu jeder Kunst auch in der äußeren Wirklichkeit suchen und diese Lappen der Wirklichkeit so zusammenfügen, wie es durch eine kombinatorische Phantasie entsteht, wie sie in den Zeiten niedergehender Kunstperioden einzig und allein vorhanden ist. In derjenigen Phantasie, die ein Schattenbild der Imagination ist, arbeitet etwas, was nicht diese, nicht jene einzelne Gestalt hat, was zunächst in äußeren Formen nicht weiß, was sie schaffen soll, wo von innen heraus der Stoff nach dem Schaffen drängt. Dann tritt wie eine Verdunkelung des Lichtprozesses das auf, was sich hingebend als bildhaft nachgestaltende Kunst zu der realen Wirklichkeit neigt. Es ist genau der entgegengesetzte Prozeß zu dem, der im heutigen künstlerischen Schaffen so vielfach zu bemerken ist. Aus einem Zentrum heraus geht alles zu dieser Phantasie, das als ein Geistiges — zunächst einer imaginativen Wirklichkeit — hinter unserer Sinneswirklichkeit steht. Und was da zustande kommt, ist eine Phantasiewirklichkeit. Aber es ist tatsächlich dasjenige, was legitim aus den spirituellen Welten in unsere Wirklichkeit hereinwachsen kann, was sozusagen ein Jegitimer Besitz des armen Burschen werden kann, das heißt des gegenwärtigen Menschen, der auf die Armut der äußeren Sinneswelt beschränkt ist. Und von allen Dichtungsformen am wenigsten an die äußere Wirklichkeit gebunden ist gerade das Märchen. Gehen wir zur Sage, zum Mythos, zur Legende: überall finden wir, daß die Züge, die nur übersinnlichen Gesetzen folgen, durchtränkt werden in Sage und Mythos von den Gesetzen der realen Wirklichkeit, weil man aus dem Geistigen in die äußere Welt hinausgeht, und daß die Quellen, welche historische Quellen sind oder in irgendeiner Weise mit der Historie zusammenhängen, nun mit der historischen Gestalt in Beziehung gesetzt werden. Nur das Märchen läßt sich gar nicht gestalten wie reale Gestalten, es schaltet ganz frei gegenüber den realen Gestalten. Es kann alles, was es in der Wirklichkeit gibt, in beliebiger Weise verwenden und hat es verwendet. Daher ist das Märchen der reinste Sproß des alten primitiven Hellsehens, ist etwas wie eine Abschlagzahlung für das frühere Hellsehen. Mag der Nüchterling, der Pedant, der in allem nur zu einer professoralen Daseinsbetrachtung kommt, es nicht empfinden; er braucht es nicht zu empfinden, aus dem einfachen Grunde nicht, weil er immer bei jeder Wahrheit fragt: Wie stimmt sie zu aller Wirklichkeit?
[ 16 ] Eine Gestalt wie Capesius strebt über alles hinaus zur Wahrheit. Er kann nicht zufrieden sein mit der Frage: Wie stimmt eine Wahrheit zur Wirklichkeit? — Denn er sagt sich: Ist eine Wahrheit denn abgetan, wenn man sagt, sie stelle etwas dar, was zur äußeren Welt stimmt? — Die Dinge können wahr und wahr und wahr sein und können richtig und richtig und richtig sein und könnten gerade ebensoviel Beziehung zu der Realität haben wie die Wahrheit jenes semmelholenden Dorfjungen, der ganz richtig gerechnet hat, aber es hatte seine Rechnung keinen Bezug zur Realität, weil er rechnete, er hätte für seine zehn Kreuzer nur fünf Semmeln zu bekommen. Der Semmeljunge machte es ebenso wie der, welcher über die Wirklichkeit philosophiert. Aber man bekam eben in jenem Dorfe auf fünf Semmeln eine drauf, das ist etwas, was mit keiner Philosophie, mit keiner Logik rechnet, das ist eine Wirklichkeit. So kommt für Capesius eben nicht in Frage: Wie stimmt die eine oder die andere Idee, der eine oder der andere Begriff zu der Wirklichkeit? — Capesius aber fragte zuerst: Was erlebt die Menschenseele bei irgendeinem Begriff, den sie sich zunächst bildet? — Daher erlebt die Menschenseele bei alledem, was nur äußere Wirklichkeit sein kann, Ode, Austrocknung, Anlage zu fortwährendem Absterben in der Seele. Daher braucht Capesius die Auffrischung durch die Märchen der Frau Felicia, braucht gerade das, was im Sinne der äußeren Wirklichkeit am allerwenigsten wahr zu sein braucht, einen Inhalt, der real ist, der aber im gewöhnlichen Sinne gar nicht wahr zu sein braucht. Dieser Inhalt bereitet ihn vor, den Weg in die okkulte Welt zu finden.
[ 17 ] Im Märchen ist dem Menschen etwas geblieben, was sich wie ein Nachkomme dessen auslebt, was die Menschen im alten Hellsehen erlebt haben, in einer Form, die gerade dadurch so legitim ist, daß keiner, dem sich das Märchen in die Seele ergießt, Anspruch darauf macht, daß seine Züge mit der äußeren Wirklichkeit stimmen. Und in der Märchenphantasie hat der arme Bursche, der sonst nur die kluge Katze hat, einen Palast, der in die unmittelbare Wirklichkeit hereinragt. Daher kann das Märchen für jedes Lebensalter ein wunderbares geistiges Nahrungsmittel sein. Wenn wir die geeigneten Märchen dem Kinde erzählen, regen wir die kindliche Seele so an, daß sie nicht allein in der Weise der Wirklichkeit zugeführt wird, daß sie immer nur in der Stimmung verharrt bei irgendeinem Begriff, der mit der äußeren Realität stimmt. Denn ein solches Verhältnis zur Wirklichkeit vertrocknet und verödet die Seele, dagegen wird die Seele lebendig und frisch gehalten, so daß sie die Gesamtorganisation des Menschen durchdringt, wenn sie das, was real im höheren Sinne ist, in den gesetzmäßigen Gestalten der Märchenbilder fühlt, die aber doch die Seele ganz über die äußere Welt hinwegheben. Kräftiger für das Leben, lebendiger das Leben erfassend wird der Mensch, wenn in seiner Kindheit Märchen auf seine Seele gewirkt haben.
[ 18 ] Für Capesius sind Märchen die Anreger für die imaginative Erkenntnis. Nicht was in ihnen enthalten ist, was sie mitteilen, sondern wie sie verlaufen, wie ein Zug sich an den anderen gliedert, das wirkt und webt in seiner Seele. Der eine Zug läßt gewisse Seelenkräfte nach aufwärts streben, ein anderer andere nach abwärts, wieder durch andere werden aufstrebende und abwärtsstrebende durchkreuzt. Dadurch kommt er in seiner Seele in Bewegung, dadurch wird herausgeholt aus seiner Seele das, was ihn zuletzt befähigt, hineinzuschauen in die geistige Welt. Für viele kann gerade das Märchen das Alleranregendste sein. Deshalb finden wir bei den Märchen, die in früheren Zeiten entstanden sind, immer etwas, was zeigt, wie Züge des alten hellseherischen Bewußtseins in die Märchenzüge hereinspielen. Die ersten Märchen sind nicht so entstanden, daß sie jemand ausgedacht hat, nur die Theorien der gegenwärtigen Märchenprofessoren, welche die Märchen erklären, sind so entstanden. Die Märchen sind nirgends ausgedacht, sind die letzten Reste des alten Hellsehens, die von den Menschen, welche noch die Kräfte dafür hatten, im Traume erlebt waren. Was im Traume gesehen wurde, das wurde erzählt, so wie das Märchen vom gestiefelten Kater, das nur eine Umbildung ist des Märchens, das ich Ihnen heute erzählte. Alle Märchen waren schließlich vorhanden als letzte Reste des ursprünglichen Hellsehens. Daher kann ein wirkliches Märchen nur entstehen, wenn — entweder bewußt oder unbewußt — in der Seele des Märchendichters die Imagination vorhanden ist, die sich hineinprojiziert in die Seele, sonst ist es nicht richtig. Ein beliebig ausgedachtes Märchen kann nie richtig sein. Wenn heute noch da oder dort durch irgendeinen Menschen ein wirkliches Märchen entsteht, so entsteht es auch nicht anders als dadurch, daß in dem Menschen die Sehnsucht erwacht nach den alten Zeiten, welche die Menschheit einstmals durchgemacht hat. Diese Sehnsucht ist vorhanden, nur schleicht sie sich manchmal in gar verborgene Seelentiefen ein, und der Mensch verkennt in dem, was er bewußt schaffen kann, oft sehr, wie vieles aus den verborgenen Tiefen des Seelenlebens heraufkommt, und wie vieles nur durch das entstellt ist, was der Mensch mit seinem gegenwärtigen Bewußtsein machen kann.
[ 19 ] Da möchte ich doch einmal auch hier darauf hinweisen, daß alles, was in die dichterische Form geprägt werden kann, im Grunde genommen niemals auf Wahrheit beruhen kann, wenn es nicht zurückgeht auf ein sich erfüllendes Sehnen nach dem alten hellseherischen Eindringen in die Welt, oder wenn es nicht irgendwie mit neuem, wirklichem Hellsehen zusammenhängt, das ja nicht voll herauszukommen braucht, das in den Seelentiefen verborgen leuchten kann und sich in den Seelentiefen nur abschattieren kann. Deshalb bleibt aber dieses Verhältnis doch vorhanden. Wieviel Leute fühlen heute noch die Notwendigkeit des Reimes? Wieviel Leute fühlen heute noch da, wo ein Reim auftritt, die Notwendigkeit des Reimes? Es ist heute sogar die Deklamier-Unsitte eingerissen, daß man den Reim womöglich unterdrückt, über diese Form hinüberdeklamiert und nur recht auf den Sinn, das heißt auf das, was der äußeren Wirklichkeit entspricht, Rücksicht nimmt. Aber auch diese Form der Dichtung, der Reim, hängt eng mit einem Stadium der Sprachenentwickelung zusammen, das zu der Zeit vorhanden war, als noch das alte Hellsehen seine Nachwirkungen hatte.
[ 20 ] Und zwar hängt der Endreim zusammen mit dem merkwürdigen Seelenzustand, der sich ausdrückt, nachdem der Mensch in die gegenwärtige Entwickelung eingetreten ist, durch die Kultur der Gemütsseele oder Verstandesseele. Im Grunde genommen ist die Zeit, in welcher die Verstandesseele oder Gemütsseele im vierten nachatlantischen Kulturzeitraum in die Menschen hineingekommen ist, auch diejenige Zeit, da in der Dichtung die Erinnerung an alte erlebte Zeiten aufdämmerte, die noch in die alten imaginativen Welten hereinreichten. Diese Erinnerung wird zum Ausdruck gebracht, indem regelmäßig gestaltet wird, was in der Verstandes- oder Gemütsseele aufleuchtet, in dem Endreim, der seine Hauptpflege hat in alledem, was in der vierten nachatlantischen Kulturperiode sich ausgebildet hat.
[ 21 ] Dagegen hat alles das, worin sich die Kultur der vierten nachatlantischen Kulturperiode hineingesenkt hat, mit dem Christentum und den Nachwirkungen des Mysteriums von Golgatha eine ganz besondere Erfrischung erfahren; und in was sich das hineingegossen hat, das war die europäische Empfindungsseele. Innerhalb Europas hat die Empfindungsseelenkultur auf einer zurückgebliebenen Stufe gewartet auf eine höhere Kultur, auf eine Verstandesseelenkultur, die von Mittel- und Südeuropa heraufzog. Das dauerte über den vierten nachatlantischen Kulturzeitraum hinaus, damit das, was sich in Mittel- und Südeuropa und in Vorderasien ausgebildet hatte, in das hereinkommen konnte, was in Mitteleuropa noch alte Empfindungsseelenkultur war, und was es aufnahm in die Willensstärke und in die Willensenergie, die hauptsächlich in der Empfindungsseelenkultur zum Ausdruck kommt. Daher sehen wir, wie in alledem, was Kultureinfluß vom Süden ist, in der Dichtung sich ganz regulär der Endreim einbürgert, und daß in der Willenskultur, in die das Christentum aufgenommen wird, der andere Reim, der Stabreim, die Alliteration, der richtige Ausdruck ist. In dem nordischen und mitteleuropäischen Stabreim fühlen wir den rollenden Willen, der sich in die auf der Höhe der vierten nachatlantischen Kulturperiode stehenden Kultur hineinergießt, die eine Kultur der Verstandes- oder Gemütsseele ist.
[ 22 ] Merkwürdig ist es, daß Dichter, die dann aus einer ursprünglichen Seelenkraft heraus die Erinnerung wiederbeleben wollen an das, was die ursprüngliche Kraft in einem bestimmten Gebiete war, in einer manchmal ganz unorganischen Weise auf das Frühere zurück weisen wollen. Das ist mit Wilhelm Jordan geschehen, der in seinen «Nibelungen» wieder aufdämmern lassen wollte den alten Stabreim, und der eine merkwürdige Wirkung erzielte, als er als Rhapsode herumzog und diesen Stabreim wieder lebendig machen wollte. Die Leute wußten nicht recht, was das sollte, weil der heutige Mensch in unserer intellektualistischen Zeit die Sprache nur als Ausdruck für einen Inhalt kennt, nur den Inhalt der Sprache kennt und nicht das, was die Empfindungsseele im Anfangsreim zum Ausdruck bringen will, was die Verstandesseele im Endreim zum Ausdruck bringen will. Die Bewußtseinsseele kann eigentlich den Reim in ihrer Art nicht mehr verwenden, da muß der Mensch zu anderen Mitteln greifen. Deshalb wird uns jetzt Fräulein von Sivers [Marie Steiner] den Stabreim in einer kurzen Probe hier zu Gehör bringen, um daran zu charakterisieren, wie ein Künstler wie Wilhelm Jordan wirken wollte, der alte Zustände wieder erneuern wollte.
Und es nahten die Nornen, von Niemand gesehen,
Zu geräuschlosem Reigen und machten die Runde
Um diese Verlobten. Ein leiser Lufthauch,
Das war die Meinung der Minneberauschten,
Winde sich murmelnd herein zum Kamine;
Doch hinunter zur Nachtwelt, zu Nibelheims Tiefen,
Und hinauf zu den Wolken zu Walhalls Bewohnern
Erklang nun für andre als irdische Ohren
Vernehmlich wie Seesturm der Nornen Gesang:Dein eigen ist alles
Dein Heil wie dein Unheil,
Dein Wollen und Wähnen
Dein Sinnen und Sein.
Wohl kommen, gekettet
In ewige Ordnung
Die Larven des Lebens
Die Scharen des Scheins;
Sie ziehen die Zirkel
Sie zeigen die Ziele
Sie impfen den Abscheu
Sie wecken den Wunsch;
Doch dein ist das Dünken
Und wie du geworden
So wirst du dich wenden,
Wir wissen die Wahl.
Es formt unser Finger
Aus ewigem Vorrat
Den Faden des Lebens
Das einzelne Los.
Wir spinnen und spulen
Und weifen und weben
Den Teppich der Taten
Am Webstuhl der Welt.
Gezogen vor Zeiten
Von uns ist der Zettel,
Dein eigen der Einschlag,
Das Muster, o Mensch!
Doch je schöner dein Schiffel
Die mächtigen Maschen
Zum Bilde verbunden
Je näher der Neid.
Wohl gönnen’s die Götter
Des lauteren Lichtes
Allmählich zu mehren
Das menschliche Maß.
Doch die Nachtwelt beneidet
Das Wachstum gen Walhall
Und Teil hat die Tiefe
Am sterblichen Stoff.
Sie mengt in das Muster
Verbotene Bilder:
Da trübt sich die Treue
Da schwindet der Schwur;
Da knüpft sich der Knoten,
Verwirrt das Gewebe
Und schnell dann zerschneidet’s
Die Schere der Schuld.Der Sonnengott senkte
Zum Schoße der Schönsten
Zu lauterstem Streben
Den leuchtendsten Strahl.
Da sandten Versucher
Die Goldesbegierde,
Die trüglichen Träume
Wir wußten die Wahl!
Dein eigen ist Alles
Dein Heil wie dein Unheil,
Es lenken die Lose
Dein Herz und sein Hang. Dein Stern war im Steigen, Nun winkt ihm zur Wende, Beneideter Sigfrid,
Der Nornen Gesang.So hallte gen Himmel und nieder zu Hela,
Wie, an Felsen gebrochen, das Brausen der Brandung,
Wie Wettergedröhne die Weise der Drei.
Doch bewußtlos umweift und umwoben vom Schicksal,
Hielten sich herzend der Held und Krimhilde
Und tauschten die Seelen in süßestem Taume]
Mit Lippen, erglühend von Lust und von Glück.
[ 23 ] Jordan selbst hat noch wirklich im Vortrage die Stabreime zur Geltung gebracht. Das ist etwas, was der moderne Mensch durchaus als etwas ihm nicht mehr ganz Entsprechendes empfindet. Denn, um das zu fühlen, was Wilhelm Jordan wie eine Art Programm für das angab, was er wollte, müßte man die alte Zeit in der neuen so imaginativ erleben, wie wenn man geradezu dasjenige, was sich in den letzten Tagen in unserem Versammlungssaal im Architektenhaus abgespielt hat während der Generalversammlung, in all die astralischen Strömungen eingehüllt empfände, die zum Ausdruck bringen, was da gesprochen worden ist. Und dann müßte man das, was sich da in jenen Tagen in unserem Erkenntnisimpuls verschiedentlich abgespielt hat, als den bildhaften Ausdruck der Verwirklichung eines Jordan-Wortes empfinden. Dann würde man das richtig empfinden, was er angab als eine Art Programm, durch welches er wieder eine Stimmung heraufbringen wollte, die sich im alten Germanentum abgespielt hat:
... der Sprache Springquell....
Bedarf nur der Leitung, um lauter und lieblich
Mit rauschendem Redestrom bis zum Rande
Der Vorzeit Gefäße wieder zu füllen
Und neu zu verjüngen nach tausend Jahren
Die wundergewaltige uralte Weise
Der deutschen Dichtkunst.
[ 24 ] Dazu gehört aber etwas: ein Gehör, um die Laute zu empfinden. Das aber hängt innig mit den Imaginationen der alten hellseherischen Zeit zusammen, denn darin urständet noch das Gefühl für den Laut. Was aber ist der Laut? Der Laut selber ist noch eine Imagination, eine imaginative Vorstellung.
[ 25 ] So lange Sie sagen Licht und Luft und damit nichts anderes meinen als das Helle und das Wehende, haben Sie keine Imagination. Aber die Worte sind selber Imagination. Und wenn man ihre imaginative Gewalt noch empfindet, dann empfindet man bei einem Worte, wenn prädominiert wie im Worte Licht das I, ein strahlendes, helles Unbestimmtes, und bei U wie in Luft ein Erfülltes und sich Erfüllendes. Und weil der Strahl ein dünn Erfüllendes ist, die Luft ein voll Erfüllendes ergibt, deshalb hat eine Alliteration die Stammverwandtschaft mit dem Erfüllenden. Und es ist nicht gleichgültig, ob man Worte, die Stabreim haben oder keinen, als Licht und Luft zusammenstellt, und es ist nicht gleichgültig, ob man die Namen von drei Brüdern einfach zusammenstellt, oder ob man sie so zusammenstellt, daß man spürt, daß der Weltenwille sie selber vereinigt hat, wie Gunther, Gernot, Giselher. Da empfand die Empfindungsseele die alte Imagination im Stabreim.
[ 26 ] Und im Endreim würde sich die Gemütsseele in der alten Imagination wiedererkennen. Daher kann auch, wenn die Sprache lebendig gemacht wird, dasjenige, was die Sprache nachwirkt in der Seele, selbst in den Traum noch hineingeheimnissen gewisse Imaginationen, so daß der Mensch manches von dem in den Traum hineinbekommen kann, was auch dem Hellsehen als richtige Charakteristik, zum Beispiel der Elemente erscheint. Es ist nicht immer so, aber zum Beispiel bei den Worten Licht und Luft ergibt sich etwas, was, wenn es gefühlt wird und in den Traum hineinwirkt, unter Umständen in der Traumphantasie selbst aufsprießen lassen kann etwas von dem, was zur Charakteristik der betreffenden Elemente, des Lichtes und der Luft, führen kann. Erst dann wird der Mensch die verschiedenen Geheimnisse der Sprache erkennen, wenn die Sprache auf ihren Ursprung zurückgeführt werden wird, wenn sie nämlich selber auf das imaginative Erkennen zurückgeführt wird. Denn die Sprache entstammt durchaus jenem Zeitalter, in welchem der Mensch eigentlich noch nicht der arme Bursche war, aber auch nicht die kluge Katze hatte, sondern noch in einer gewissen Weise mit dem Riesen der Imagination zusammenlebte und aus des Riesen Gliedern heraus dasjenige empfand, was sich in den Laut als die hörbare Imagination hineingesenkt hat. Wenn der Ton erfaßt wird von der Imagination, sich in sie hineinergießt, um sie als eine Hülle auszufüllen, dann wird der Laut daraus, der wirkliche Laut.
[ 27 ] Das sind Dinge, die ich Ihnen heute gern ganz anspruchslos und unzusammenhängend vorbringen wollte. Sie sollten Ihnen zeigen, wie in einer gewissen Weise wiederbelebt werden muß, was der Mensch verloren hat und was sich hinübergerettet hat in unsere Zeit, was aber wiedergewonnen werden muß, wie es Capesius gewinnt, damit der Mensch dann in das Zeitalter hineinwachsen kann, das uns doch bevorsteht, und in welchem er wieder der höheren Welten teilhaftig werden kann.
