From Jesus to Christ
GA 131
14 October 1911, Karlsruhe
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From Jesus to Christ, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Gestern haben wir versucht, den Weg zu charakterisieren, der heute noch gegangen werden kann und der namentlich in früheren Zeiten von dem exoterischen Bewußtsein des Menschen aus zu dem Christus gegangen werden konnte. Wir wollen nun auch den esoterischen Weg mit einigen Worten berühren, das heißt, den Weg, der so zu dem Christus führen kann, daß der Christus innerhalb der übersinnlichen Welten gefunden wird.
[ 1 ] Yesterday we attempted to describe the path that can still be taken today—and which, in earlier times, could be taken from human exoteric consciousness to Christ. We will now also touch briefly on the esoteric path—that is, the path that can lead to the Christ in such a way that the Christ is found within the supersensible worlds.
[ 2 ] Zunächst soll bemerkt werden, daß dieser esoterische Weg zu dem Christus Jesus im Grunde genommen auch der Weg der Evangelisten war, derjenigen, welche die Evangelien geschrieben haben. Denn trotzdem der Schreiber des Johannes-Evangeliums einen großen Teil dessen, was in seinem Evangelium dargestellt ist — wie Sie aus der Darstellung des Johannes-Evangeliums in dem entsprechenden Zyklus ersehen können — selbst gesehen hat, so müssen wir doch auch von ihm sagen, daß es nicht die Hauptsache für ihn war, bloß dasjenige darzustellen, woran er sich erinnerte; denn das gab eigentlich nur jene kleinen, genauen Züge, von denen wir ja gerade, wie wir gesehen haben, im Johannes-Evangelium überrascht sind. Aber die großen, die majestätisch überragenden Züge des Erlöserwerkes, des Mysteriums von Golgatha, hat auch dieser Evangelienschreiber seinem hellsehenden Bewußtsein entnommen. Daher können wir sagen: ebenso wie die Evangelien eigentlich aufgefrischte Einweihungsritualien sind — das geht auch aus dem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» hervor — so sind sie auf der anderen Seite gerade deshalb so geworden, weil die Evangelienschreiber auf ihrem esoterischen Wege sich aus der übersinnlichen Welt ein Bild dessen verschaffen konnten, was in Palästina vorgegangen ist und zu dem Mysterium von Golgatha geführt hat. Wer nun, seit dem Mysterium von Golgatha bis in unsere 'Tage herein, zu einer übersinnlichen Erfahrung von dem Christus-Ereignis kommen wollte, mußte dasjenige auf sich wirken lassen, was Sie in den entsprechenden Vortragszyklen, die jetzt eigentlich schon zu dem Elementaren unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit gehören, geschildert finden als die sieben Stufen unserer christlichen Einweihung: Fußwaschung, Geißelung, Dornenkrönung, mystischer Tod, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt. Heute wollen wir uns einmal klarmachen, was der Schüler erreichen kann, wenn er diese christliche Einweihung auf sich wirken läßt.
[ 2 ] First of all, it should be noted that this esoteric path to Christ Jesus was, in essence, also the path of the evangelists—those who wrote the Gospels. For although the writer of the Gospel of John saw for himself a large part of what is depicted in his Gospel—as you can see from the presentation of the Gospel of John in the corresponding cycle—we must nevertheless also say of him that it was not the main thing for him merely to depict what he remembered; for that actually provided only those small, precise details by which, as we have seen, we are particularly surprised in the Gospel of John. But the great, majestically towering features of the Saviour’s work, of the Mystery of Golgotha, this Gospel writer also drew from his clairvoyant consciousness. Therefore we can say: just as the Gospels are actually revitalized initiation rites—as is also evident from the book *Christianity as a Mystical Fact*—so, on the other hand, they have become what they are precisely because the Gospel writers, on their esoteric path, were able to form a picture from the supersensible world of what took place in Palestine and led to the Mystery of Golgotha. Anyone who, from the Mystery of Golgotha down to our own day, has wished to attain a supersensible experience of the Christ event has had to allow the following to take effect upon them: what you will find described in the corresponding lecture cycles—which now actually form an essential part of our spiritual scientific work—as the seven stages of our Christian initiation: the washing of the feet, the scourging, the crowning with thorns, the mystical death, the burial, the resurrection, and the ascension. Today we want to clarify what the student can achieve by allowing this Christian initiation to take effect within them.
[ 3 ] Machen wir uns den Prozeß der christlichen Einweihung klar; sehen wir gleich auf das allererste, um was es sich da handelt. Es wird nicht so gemacht — wie Sie sich überzeugen können, wenn Sie die entsprechenden Zyklen durchnehmen — wie in jener nicht richtigen Einweihung, von der in dem ersten Vortrage dieses Zyklus gesprochen worden ist; sondern so, daß zunächst die allgemein menschlichen Gefühle wirken sollen, die dann zur Imagination der Fußwaschung selber führen. Nicht also wird zuerst das Bild des Johannes-Evangeliums imaginiert, sondern es wird von dem, der die christliche Einweihung anstrebt, zunächst versucht, mit gewissen Gefühlen und Empfindungen eine längere Zeit zu leben. Ich habe es oft dadurch charakterisiert, daß ich sagte, der Betreffende sollte hinschauen auf die Pflanze, die sich erhebt aus dem mineralischen Boden, die aufnimmt die Stoffe des Mineralreiches und sich dennoch erhebt über dieses Mineralreich als ein höheres Wesen, als es das Mineral ist. Wenn nun diese Pflanze sprechen und fühlen könnte, so müßte sie sich herunterneigen zu dem Mineralreich und sagen: Zwar bin ich bestimmt worden innerhalb der Weltengesetzlichkeit zu einer höheren Stufe als du, Mineral, aber du gibst mir die Möglichkeit des Daseins. Du bist zwar in der Ordnung der Wesen zunächst ein niedrigeres Wesen als ich, aber ich verdanke dir niedrigerem Wesen mein Dasein, und ich neige mich in Demut vor dir. — In derselben Weise müßte sich das Tier herunterneigen zur Pflanze, trotzdem diese ein niedrigeres Wesen ist als das Tier und müßte sagen: Dir verdanke ich mein Dasein; ich erkenne es in Demut an und neige mich vor dir. — Und so müßte jedes Wesen, das hinaufsteigt, sich herunterneigen zu den anderen, unter ihm stehenden; und auch wer auf einer geistigen Stufenleiter hinaufgestiegen ist zu einer höheren Stufe, müßte sich herunterneigen zu den Wesen, die ihm das allein möglich gemacht haben. Wer sich nun ganz durchdringt mit dem Gefühl der Demut gegenüber dem Niedrigeren, wer dieses Gefühl ganz und gar einverleibt in seine Wesenheit und es monatelang, ja vielleicht Jahre hindurch in seiner Wesenheit leben läßt, der wird sehen, daß es sich ausbreitet in seiner Organisation und ihn so durchzieht, daß er die Verwandelung dieses Gefühls zu einer Imagination erlebt. Und diese Imagination besteht genau in der Szene, die im Johannes-Evangelium geschildert ist als die Fußwaschung, da der Christus Jesus, der das Haupt der Zwölf ist, sich herunterneigt zu denen, die unter ihm stehen in der Ordnung der physischen Welt hier, und in Demut anerkennt, daß er die Möglichkeit des Aufstieges denjenigen verdankt, die unter ihm sind, und anerkennt vor den Zwölfen: Wie das Tier der Pflanze, so verdanke ich euch, was ich werden konnte in der physischen Welt. — Wer sich mit dieser Empfindung durchdringt, kommt nun wieder nicht nur zu jener Imagination der Fußwaschung, sondern auch zu einem ganz bestimmten Gefühl, zu dem Gefühl, wie wenn Wasser seine Füße umspülen würde. Das kann der Betreffende wochenlang dann fühlen, und das wäre ein äußeres Zeichen dafür, wie tief sich in unser Wesen eine solche allgemein menschliche und doch den Menschen über sich selbst hinaushebende Empfindungswelt einprägt.
[ 3 ] Let us clarify the process of Christian initiation; let us look right away at the very first thing it involves. It is not done—as you can see for yourselves if you go through the relevant cycles—as in that incorrect initiation mentioned in the first lecture of this cycle; but rather in such a way that the general human feelings are to take effect first, which then lead to the imagination of the foot-washing itself. Thus, the image from the Gospel of John is not first visualized; rather, the person seeking Christian initiation first attempts to live for a longer period of time with certain feelings and sensations. I have often characterized this by saying that the person concerned should look to the plant that rises from the mineral soil, that takes in the substances of the mineral kingdom and yet rises above this mineral kingdom as a higher being than the mineral is. If this plant could speak and feel, it would have to bow down to the mineral kingdom and say: Although I have been destined within the laws of the worlds to a higher level than you, mineral, you give me the possibility of existence. Although you are, in the order of beings, initially a lower being than I am, I owe my existence to you, lower being, and I bow before you in humility. — In the same way, the animal would have to bow down to the plant, even though the plant is a lower being than the animal, and say: “To you I owe my existence; I acknowledge this in humility and bow before you.” — And so every being that ascends must bow down to the others standing below it; and even those who have climbed a spiritual ladder to a higher level must bow down to the beings who alone made this possible for them. Now, whoever fully permeates themselves with the feeling of humility toward the lower, whoever completely incorporates this feeling into their being and allows it to live within their being for months, perhaps even years, will see that it spreads throughout their organism and permeates them to such an extent that they experience the transformation of this feeling into an imagination. And this imagination consists precisely in the scene described in the Gospel of John as the washing of the feet, when Christ Jesus, who is the head of the Twelve, bends down to those who stand below him in the order of the physical world here, and in humility acknowledges that he owes the possibility of ascent to those who are beneath him, and acknowledges before the Twelve: Just as the animal owes to the plant, so I owe to you what I have been able to become in the physical world. — Whoever allows this feeling to permeate them now arrives not only at that image of the washing of the feet, but also at a very specific sensation, the sensation of water washing over one’s feet. The person concerned may then feel this for weeks on end, and this would be an outward sign of how deeply such a world of feeling—universally human and yet elevating human beings beyond themselves—is imprinted upon our being.
[ 4 ] Weiter haben wir gesehen, daß man durchmachen kann, was zur Imagination der Geißelung führt, wenn wir uns recht lebendig vorstellen: Es werden mich noch viele Leiden und Schmerzen in der Welt treffen; ja, von allen Seiten können die Leiden und Schmerzen kommen; keinem bleiben sie im Grunde genommen erspart. Ich aber will meinen Willen so stählen, daß von allen Seiten die Leiden und Schmerzen, die Geißelschläge, die von der Welt kommen, auf mich eindringen mögen; ich will aufrechtstehen und mein Schicksal ertragen, wie es sich ergeben wird; denn hätte es sich bisher nicht so ergeben, wie ich es durchlebt habe, so hätte ich mich nicht so zu der Höhe entwickeln können, zu der ich gekommen bin. — Wenn der Betreffende dies zu seiner Empfindung macht und damit lebt, dann fühlt er tatsächlich etwas wie Stiche und Verwundungen, wie Geißelschläge gegen die eigene Haut, und die Imagination tritt auf: wie wenn der Betreffende außer sich wäre und sich selbst nach dem Vorbilde des Christus Jesus gegeißelt sähe. So kann man nach diesem Vorbilde die Dornenkrönung, den mystischen Tod und so weiter erleben. Das ist öfter geschildert worden.
[ 4 ] Furthermore, we have seen that one can experience what leads to the vision of the scourging if we vividly imagine: Many sufferings and pains will still befall me in this world; indeed, sufferings and pains can come from all sides; ultimately, no one is spared them. But I will steel my will so that the sufferings and pains, the lashes of the scourge, that come from the world may strike me from all sides; I will stand upright and bear my fate as it unfolds; for if things had not turned out as I have lived through them so far, I would not have been able to develop to the height to which I have come. — When the person concerned makes this his own feeling and lives with it, he actually feels something like stabs and wounds, like lashes against his own skin, and the imagination arises: as if the person concerned were beside himself and saw himself being scourged after the example of Christ Jesus. Thus, following this example, one can experience the crowning with thorns, the mystical death, and so on. This has been described many times.
[ 5 ] Was wird von demjenigen erreicht, der so in sich selber versucht, zunächst die vier Stufen und, wenn das Karma günstig ist, auch die übrigen, also alle sieben Stufen der christlichen Einweihung zu erleben? Aus den entsprechenden Schilderungen selbst können Sie es entnehmen, daß die ganze Stufenleiter der Empfindungen, die wir da durchmachen, auf der einen Seite uns stärken und kräftigen sollen und uns zu einer ganz anderen Natur machen sollen, so daß wir fühlen, daß wir stark, kräftig und frei dastehen in der Welt, aber auch fähig sind zu einer jeden Tat hingebungsvoller Liebe. Aber das soll in einem tiefen Sinne uns zur anderen Natur werden in der christlichen Einweihung. Denn was soll da geschehen?
[ 5 ] What does one achieve who endeavors within oneself to experience, first the four stages and, if karma is favorable, the remaining ones as well—that is, all seven stages of Christian initiation? From the descriptions themselves, you can see that the entire ladder of sensations we go through is meant, on the one hand, to strengthen and invigorate us and to transform us into a completely different nature, so that we feel we stand strong, vigorous, and free in the world, yet are also capable of every act of selfless love. But this is meant, in a profound sense, to become our new nature in Christian initiation. For what is to happen there?
[ 6 ] Vielleicht ist es noch nicht allen von Ihnen, welche die früheren elementaren Zyklen gelesen haben und dadurch der christlichen Einweihung mit ihren sieben Stufen begegnet sind, aufgegangen, daß durch die Intensität der Empfindungen, welche dabei durchgemacht werden sollen, wirklich hineingewirkt wird bis in die physischen Leiber. Denn durch die Stärke und die Gewalt, mit der wir diese Empfindungen durchmachen, spüren wir, wie wenn Wasser zunächst unsere Füße umspülte, wie wenn Wunden uns versetzt würden, spüren wirklich so etwas, wie wenn die Dornen in unser Haupt hineingestoßen würden, spüren wirklich alle Schmerzen und Leiden der Kreuzigung. Wir müssen das spüren, bevor wir die Erlebnisse des mystischen Todes, der Grablegung und der Auferstehung spüren können, wie sie ja auch geschildert worden sind. Wenn man nicht genügend intensiv diese Empfindungen durchmacht, haben sie freilich auch die Wirkung, daß wir kräftig und liebevoll werden im rechten Sinne des Wortes, aber was uns da einverleibt wird, das kann nur bis zum Ätherleibe gehen. Wenn wir aber anfangen, es bis in unseren physischen Leib zu spüren — die Füße wie von Wasser umspült, den Leib wie von Wunden bedeckt —, dann haben wir diese Empfindungen stärker in unsere Natur hineingetrieben und haben erreicht, daß sie vorgedrungen sind bis zum physischen Leib. Sie dringen ja auch wirklich bis zum physischen Leib vor; denn es kommen die Stigmata, die von Blut durchtränkten Stellen der Wundmale des Christus Jesus hervor; das heißt also: bis in den physischen Leib treiben wir die Empfindungen hinein und wissen, dafß selbst bis in den physischen Leib die Empfindungen ihre Stärke entfalten, wissen also, daß wir uns von unserer Wesenheit mehr ergriffen fühlen als etwa bloß Astralleib und Ätherleib. Es ist also im wesentlichen so zu charakterisieren, daß wir durch einen solchen Vorgang mystischer Empfindungen bis in unseren physischen Leib hinein wirken. Wenn wir das tun, machen wir nichts Geringeres, als daß wir uns bereit machen in unserem physischen Leibe, das Phantom nach und nach zu empfangen, das ausgeht von dem Grabe auf Golgatha. Wir arbeiten deshalb in unseren physischen Leib hinein, um denselben so lebendig zu machen, daß er eine Verwandtschaft, eine Anziehungskraft fühlt zu dem Phantom, das sich auf Golgatha aus dem Grabe erhoben hat.
[ 6 ] Perhaps it has not yet dawned on all of you who have read the earlier elementary cycles and thereby encountered the Christian initiation with its seven stages that the intensity of the sensations one is to experience during this process truly affects the physical body. For through the strength and intensity with which we experience these sensations, we feel as if water were first washing over our feet, as if wounds were being inflicted upon us; we truly feel something akin to thorns being driven into our heads; we truly feel all the pains and sufferings of the crucifixion. We must feel this before we can feel the experiences of the mystical death, the burial, and the resurrection, as they have indeed been described. If one does not go through these sensations with sufficient intensity, they certainly have the effect of making us strong and loving in the true sense of the word, but what is incorporated into us there can only reach as far as the etheric body. But when we begin to feel it right down into our physical body—our feet as if washed by water, our body as if covered with wounds—then we have driven these sensations more deeply into our nature and have achieved that they have penetrated as far as the physical body. They do indeed penetrate as far as the physical body; for the stigmata emerge—the blood-soaked marks of the wounds of Christ Jesus; that is to say: we drive the sensations into the physical body and know that even within the physical body the sensations unfold their power; we thus know that we feel ourselves seized by our being more than, say, merely the astral body and the etheric body. It can thus essentially be characterized as follows: through such a process of mystical sensations, we work our way into our physical body. When we do this, we are doing nothing less than preparing ourselves in our physical body to gradually receive the phantom that emanates from the tomb on Golgotha. We therefore work into our physical body in order to make it so alive that it feels an affinity, a force of attraction, toward the phantom that has risen from the grave on Golgotha.
[ 7 ] Ich möchte dazu eine Zwischenbemerkung machen. Man muß sich tatsächlich in der Geisteswissenschaft daran gewöhnen, daß man nach und nach mit den Weltengeheimnissen und Weltenwahrheiten bekannt gemacht wird. Und wer sich nicht Zeit lassen will in dem Sinne, wie es im Laufe dieser Vorträge charakterisiert worden ist, daß wir warten sollen auf die entsprechenden Wahrheiten, der wird nicht gut vorwärtskommen. Freilich möchten die Menschen alles Geisteswissenschaftliche auf einmal, am liebsten in einem Buche oder in einem Zyklus haben. Aber es geht nicht so. Und hier haben Sie ein Beispiel, daß es nicht so geht. Wie lange ist es her, daß in einem älteren Vortragszyklus zum ersten Male die christliche Einweihung geschildert worden ist, daß gezeigt worden ist: soundso verläuft sie, und der Mensch arbeitet tatsächlich durch die Empfindungen, welche in seiner Seele wirken, bis hinein in seinen physischen Leib. Heute zum ersten Male ist es möglich, weil alles, was in den vorangegangenen Zyklen gesagt worden ist, Elemente waren zum Verständnisse des Mysteriums von Golgatha, daß wir darüber sprechen können, wie sich der Mensch durch die entsprechenden Gefühlserlebnisse der christlichen Einweihung reif macht, um das Phantom zu empfangen, das aus dem Grabe von Golgatha auferstanden ist. Es mußte so lange gewartet werden, bis der Zusammenschluß des Subjektiven mit dem Objektiven gefunden werden konnte, wozu eben viele Vorträge vorangehen mußten. So kann manches auch heute nur als die halbe Wahrheit angedeutet werden. Wer Geduld hat, um mit uns zu gehen, sei es in dieser oder in einer anderen Inkarnation, je nach seinem Karma, wer gesehen hat, wie aufgestiegen werden konnte von der Beschreibung des mystischen Weges im christlichen Sinne bis zur Beschreibung der objektiven Tatsache dessen, was eigentlich der Sinn dieser christlichen Einweihung ist, der wird auch sehen, daß noch viel höhere Wahrheiten aus der Geisteswissenschaft heraus im Verlaufe der nächsten Jahre oder des nächsten Weltalters werden zutage gefördert werden.
[ 7 ] I would like to make a brief aside here. In spiritual science, one must indeed get used to the fact that one is gradually introduced to the mysteries and truths of the universe. And anyone who is not willing to take their time in the sense described in the course of these lectures—that we must wait for the corresponding truths—will not make much progress. Of course, people would like to have everything related to spiritual science all at once, preferably in a single book or lecture series. But it doesn’t work that way. And here you have an example of why it doesn’t work that way. How long has it been since, in an earlier lecture series, the Christian initiation was described for the first time, showing how it proceeds, and how the human being actually works through the feelings that are active in his soul, right down into his physical body? Today, for the first time, it is possible—because everything that was said in the preceding cycles were elements for understanding the Mystery of Golgotha—that we can speak of how the human being, through the corresponding emotional experiences of Christian initiation, matures to receive the Phantom that has risen from the tomb of Golgotha. We had to wait until the union of the subjective with the objective could be found, for which many lectures had to precede. Thus, even today, some things can only be hinted at as half-truths. Whoever has the patience to walk with us, whether in this or another incarnation, depending on their karma; whoever has seen how it was possible to ascend from the description of the mystical path in the Christian sense to the description of the objective fact of what the true meaning of this Christian initiation actually is, will also see that even higher truths will be brought to light through spiritual science in the course of the coming years or the next world age.
[ 8 ] So sehen wir den Zweck und das Ziel der christlichen Einweihung. Durch das, was als rosenkreuzerische Einweihung charakterisiert worden ist, und durch das, was überhaupt heute ein Mensch als Einweihung haben kann, wird nun auch in einer gewissen Weise, nur mit etwas anderen Mitteln, dasselbe erlangt: daß ein Anziehungsband geschaffen wird zwischen dem Menschen, insofern er in einem physischen Leibe verkörpert ist, und dem, was als das eigentliche Urbild des physischen Leibes auferstanden ist aus dem Grabe von Golgatha. Nun aber wissen wir aus dem Beginne dieses Vortragszyklus, daß wir an dem Ausgangspunkte einer Weltepoche stehen, in welcher ein Ereignis erwartet werden muß, das sich nun nicht abspielt wie das Ereignis von Golgatha auf dem physischen Plan, sondern das sich in der höheren Welt, in der übersinnlichen Welt abspielen wird, das aber in einem genauen und richtigen Zusammenhange steht mit dem Ereignis von Golgatha. Während das letztere dazu bestimmt war, den eigentlichen physischen Kräfteleib des Menschen, das Phantom, das seit Beginn der Erdentwickelung degeneriert ist, dem Menschen wiederzugeben, wozu eben im Beginne unserer Zeitrechnung eine Reihe von Ereignissen notwendig waren, die sich wirklich auf dem physischen Plane abgespielt haben, so ist zu dem, was jetzt geschehen muß, nicht ein Ereignis auf dem physischen Plan notwendig. Eine Inkarnation der Christus-Wesenheit in einem fleischlichen menschlichen Leib konnte nur einmal im Laufe der Erdentwickelung geschehen. Und es heißt einfach, das Christus-Wesen nicht verstehen, wenn man eine Wiederhoiung der Inkarnation dieser Wesenheit behaupten kann. Das aber, was eintritt und einer übersinnlichen Welt angehört, nur in einer übersinnlichen Welt beobachtet werden kann, das wurde mit den Worten charakterisiert: Der Christus wird der Herr des Karma für die Menschen. Das heißt: die Ordnung der karmischen Angelegenheiten wird in der Zukunft geschehen durch den Christus; immer mehr und mehr werden die Menschen der Zukunft empfinden: Ich gehe durch die Pforte des Todes mit meinem karmischen Konto. Auf der einen Seite stehen meine guten, gescheiten und schönen "Taten, meine gescheiten, schönen, guten und verständigen Gedanken — auf der anderen Seite steht alles Böse, Schlechte, Dumme, Törichte und Häßliche. Der aber, der in der Zukunft für die Inkarnationen, die nun folgen werden in der menschheitlichen Entwickelung, das Richteramt haben wird, um Ordnung in dieses karmische Konto der Menschen hineinzubringen, das ist der Christus! — Und zwar haben wir uns das in folgender Weise vorzustellen:
[ 8 ] This is how we see the purpose and goal of Christian initiation. Through what has been characterized as Rosicrucian initiation, and through whatever form of initiation a person can experience today, the same result is now achieved in a certain way, albeit by slightly different means: that a bond of attraction is created between the human being, insofar as he is embodied in a physical body, and that which, as the actual archetype of the physical body, has risen from the tomb of Golgotha. Now, however, we know from the beginning of this lecture series that we stand at the starting point of a world epoch in which an event must be expected that will not take place on the physical plane as the event of Golgotha did, but will take place in the higher world, in the supersensible world, yet which stands in a precise and correct connection with the event of Golgotha. While the latter was intended to restore to humanity the actual physical body of forces—the phantom that has degenerated since the beginning of Earth’s evolution—for which a series of events was necessary at the very beginning of our calendar, events that actually took place on the physical plane, what must now happen does not require an event on the physical plane. An incarnation of the Christ Being in a physical human body could only happen once in the course of Earth’s evolution. And it simply means not understanding the Christ Being if one can claim a repetition of the incarnation of this Being. But that which takes place and belongs to a supersensible world—which can only be observed in a supersensible world—has been characterized by the words: “Christ becomes the Lord of Karma for humanity.” This means: the order of karmic affairs will be brought about in the future through Christ; more and more, the people of the future will feel: “I pass through the gate of death with my karmic account.” On one side stand my good, wise, and beautiful “deeds,” my wise, beautiful, good, and sensible thoughts—on the other side stands all that is evil, bad, stupid, foolish, and ugly. But the one who, in the future, will hold the office of judge for the incarnations that are now to follow in human evolution, in order to bring order to this karmic account of humanity—that is the Christ! —And we must imagine this in the following way:
[ 9 ] Nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, werden wir in einer späteren Zeit wieder inkarniert. Es müssen nun für uns Freignisse eintreten, durch die unser Karma ausgeglichen werden kann; denn jeder Mensch muß ernten, was er gesät hat. Karma bleibt ein gerechtes Gesetz. Aber was das karmische Gesetz erfüllen soll, ist nicht nur für den einzelnen Menschen da. Karma gleicht nicht nur die Egoismen aus, sondern es soll der Ausgleich bei jedem Menschen so geschehen, daß sich die karmische Ausgleichung in der bestmöglichen Weise in die allgemeinen Weltangelegenheiten hineinfügt. Wir müssen unser Karma so ausgleichen, daß wir in der bestmöglichen Weise den Fortschritt des ganzen Menschengeschlechtes auf der Erde fördern können. Dazu brauchen wir eine Erleuchtung; dazu bedarf es nicht nur des allgemeinen Wissens, daß für unsere Taten die karmische Erfüllung eintreten muß, weil für eine Tat diese oder jene karmische Erfüllung eintreten könnte, die ein Ausgleich sein kann, Weil aber die eine nützlicher, die andere weniger nützlich sein könnte für den allgemeinen Fortschritt der Menschheit, so sollen diejenigen Gedanken, Gefühle oder Empfindungen gewählt werden, die unser Karma abtragen und zugleich dem Gesamtfortschritte der Menschheit nützlich werden. Einzureihen unseren karmischen Ausgleich dem allgemeinen Erdenkarma, dem allgemeinen Fortschritt der Menschheit, das fällt in Zukunft dem Christus zu. Und es geschieht im wesentlichen in der Zeit, in welcher wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben; aber es wird sich auch in der Zeitepoche, der wir entgegengehen, vor deren Toren wir stehen, so vorbereiten, daß in der Tat die Menschen immer mehr die Fähigkeit erlangen werden, ein bestimmtes Erlebnis zu haben. Heute haben es höchst wenige Menschen. Aber immer mehr und mehr Menschen werden von der jetzigen Zeit, von der Mitte dieses Jahrhunderts an durch die nächsten Jahrtausende folgendes Erlebnis haben:
[ 9 ] After we have passed through the gate of death, we will be reincarnated at a later time. Opportunities must now arise for us through which our karma can be balanced; for every person must reap what they have sown. Karma remains a just law. But what the karmic law is meant to fulfill is not intended solely for the individual human being. Karma does not merely balance out egoism; rather, the balancing for each person should occur in such a way that karmic equilibrium fits into general world affairs in the best possible manner. We must balance our karma in such a way that we can promote the progress of the entire human race on Earth in the best possible way. For this, we need enlightenment; this requires not only the general knowledge that karmic fulfillment must occur for our deeds, because for a deed this or that karmic fulfillment could occur, which may be a balancing act, But since one might be more useful and the other less useful for the general progress of humanity, we must choose those thoughts, feelings, or sensations that will work off our karma and at the same time be useful to the overall progress of humanity. Aligning our karmic balancing with the general karma of the Earth, with the general progress of humanity—this will fall to the Christ in the future. And this essentially takes place during the time in which we live between death and a new birth; but it will also be prepared in the epoch toward which we are moving, at the very threshold of which we stand, so that indeed human beings will increasingly gain the ability to have a specific experience. Today, very few people have it. But more and more people will have the following experience from the present time, from the middle of this century onward through the coming millennia:
[ 10 ] Der Mensch wird dieses oder jenes getan haben. Er wird sich besinnen, wird aufschauen müssen von dem, was er da getan hat — und es wird etwas wie eine Art Traumbild vor dem Menschen erstehen. Das wird einen ganz merkwürdigen Eindruck auf den Menschen machen. Er wird sich sagen: Ich kann mich nicht besinnen, daß es eine Erinnerung wäre an etwas, was ich getan habe; dennoch aber ist es so, wie wenn es mein Erlebnis wäre. — Wie ein Traumbild wird es dastehen vor dem Menschen, ihn recht angehend, aber er kann sich nicht erinnern, daß er es in der Vergangenheit erlebt oder getan hat. Dann wird nun der Mensch entweder Anthroposoph sein und die Sache verstehen, oder er wird warten müssen, bis er an die Anthroposophie herankommt und es verstehen lernt. Der Anthroposoph aber wird wissen: Was du da siehst wie eine Folge deiner Taten, das ist ein Bild, das sich in der Zukunft mit dir vollziehen wird; vorauserscheint dir der Ausgleich deiner Taten! — Die Epoche fängt an, in welcher die Menschen in dem Augenblick, wo sie eine Tat getan haben, eine Ahnung, vielleicht sogar ein deutliches Bild, eine Empfindung haben werden, wie der karmische Ausgleich dieser "Iat sein wird.
[ 10 ] A person will have done this or that. They will reflect on it, will have to look up from what they have done—and something like a dream image will arise before them. This will make a very strange impression on the person. He will say to himself: I cannot recall it as a memory of something I have done; yet it is as if it were my own experience. — It will stand before the person like a dream image, quite moving him, but he cannot remember having experienced or done it in the past. Then the person will either be an anthroposophist and understand the matter, or they will have to wait until they come into contact with anthroposophy and learn to understand it. The anthroposophist, however, will know: What you see there as a consequence of your actions is an image of what will unfold for you in the future; the balancing of your actions is appearing before you! — The epoch is beginning in which, the moment people have performed an action, they will have a premonition, perhaps even a clear image, a sensation of what the karmic compensation for this action will be.
[ 11 ] So in engster Verbindung mit den menschlichen Erlebnissen werden erhöhte Fähigkeiten in der folgenden Epoche der Menschheit auftreten. Das werden gewaltige Antriebe zur Moralität des Menschen sein, und diese Antriebe werden noch etwas ganz anderes bedeuten als das, was die Vorbereitung zu diesen Antrieben gewesen ist: die Stimme des Gewissens. Der Mensch wird nicht mehr glauben: Was du getan hast, das ist etwas, was mit dir sterben kann — sondern er wird ganz genau wissen: Die Tat wird nicht mit dir sterben; sie wird als Tat eine Folge haben, die mit dir weiterleben wird. — Und manches andere wird der Mensch wissen. Die Zeit, in welcher für die Menschen die Tore zu der geistigen Welt abgeschlossen waren, nähert sich ihrem Ablauf. Die Menschen müssen wieder hinaufsteigen zur geistigen Welt. Die Fähigkeiten werden so erwachen, daß die Menschen Teilnehmer der geistigen Welt sein werden. Hellsehen wird noch immer etwas anderes sein als diese Teilnehmerschaft. Aber wie es ein altes Hellsehen gegeben hat, das traumhaft war, so wird es ein zukünftiges Hellsehen geben, das nicht traumhaft ist, und wo die Menschen wissen werden, was sie getan haben, und was es bedeutet.
[ 11 ] Thus, in the closest connection with human experiences, heightened abilities will emerge in the coming epoch of humanity. These will be powerful impulses toward human morality, and these impulses will signify something entirely different from what served as their precursor: the voice of conscience. Humanity will no longer believe: What you have done is something that can die with you—but will know with absolute certainty: The deed will not die with you; as a deed, it will have a consequence that will live on with you. —And humanity will know many other things. The time in which the gates to the spiritual world were closed to humanity is drawing to a close. People must ascend once more to the spiritual world. The abilities will awaken in such a way that people will become participants in the spiritual world. Clairvoyance will still be something different from this participation. But just as there was an ancient form of clairvoyance that was dreamlike, so there will be a future form of clairvoyance that is not dreamlike, and in which people will know what they have done and what it means.
[ 12 ] Aber noch etwas anderes wird eintreten. Die Menschen werden wissen: Ich bin nicht allein; überall leben geistige Wesenheiten, die in Beziehung stehen mit mir. — Und der Mensch wird lernen, einen Verkehr zu haben mit diesen Wesenheiten, mit ihnen zu leben. Und in den nächsten drei Jahrtausenden wird einer genügend großen Anzahl von Menschen das als eine Wahrheit erscheinen, was wir nennen können: das karmische Richteramt des Christus. Den Christus selbst werden die Menschen als eine ätherische Gestalt erleben. Und sie werden ihn so erleben, daß sie dann, wie Paulus vor Damaskus, ganz genau wissen, daß der Christus lebt und der Quell ist für die Wiedererweckung desjenigen physischen Urbildes, das wir mitbekommen haben im Beginne unserer Erdentwickelung, und das wir brauchen, wenn das Ich seine völlige Entfaltung erlangen soll.
[ 12 ] But something else will happen as well. People will know: I am not alone; spiritual beings live everywhere who are connected to me. — And people will learn to communicate with these beings, to live with them. And over the next three millennia, what we might call the Christ’s karmic judgment will appear as a truth to a sufficiently large number of people. People will experience the Christ himself as an ethereal figure. And they will experience him in such a way that they will then, like Paul on the road to Damascus, know with absolute certainty that the Christ lives and is the source of the reawakening of that physical archetype which we inherited at the beginning of our Earth’s development, and which we need if the I is to attain its full unfolding.
[ 13 ] Wenn auf der einen Seite mit dem Mysterium von Golgatha etwas eingetreten ist, was der menschlichen Erdentwickelung den größten Anstoß gegeben hat, so fällt auf der anderen Seite dieses Mysterium von Golgatha doch wieder in jene Zeit der Menschheitsentwickelung hinein, in welcher sozusagen das menschliche Gemüt, die menschliche Seele am meisten verfinstert war. Es hat allerdings alte Zeiten der Menschheitsentwickelung gegeben, in welchen die Menschen ganz gewiß wissen konnten, weil sie eine Rückerinnerung hatten, daß die menschliche Individualität durch wiederholte Erdenleben geht. Im Evangelium erscheint uns nur, wenn wir es verstehen, wenn wir sie spüren, die Lehre von den wiederholten Erdenleben, weil die Menschen damals in der Zeit waren, wo sie am wenigsten imstande waren, diese Lehre zu verstehen. Dann folgten die Zeiten herauf bis in die Gegenwart. In den Zeiten, als die Menschen zunächst den Christus auf dem Wege suchten, wie es gestern angedeutet worden ist, mußte alles wie eine kindliche Vorbereitung geschehen. Daher konnte die Menschheit nicht bekannt gemacht werden mit dem, was sie nur hätte beirren können, wozu sie noch nicht reif war: mit den Erfahrungen über die wiederholten Erdenleben. So sehen wir das Christentum fast zwei Jahrtausende sich entwickeln, ohne daß hingewiesen werden konnte auf die Lehre von der Wiederverkörperung. Und wir haben in diesen Vorträgen dargestellt, wie anders als es im Buddhismus der Fall war, wie selbstverständlich aus dem abendländischen Bewußtsein heraus der Gedanke der wiederholten Erdenleben auftaucht. Zwar so, daß noch viele Mißverständnisse walten. Aber selbst wenn wir diese Idee bei Lessing oder bei dem Psychologen Droßbach nehmen, so werden wir doch gewahr, daß für das europäische Bewußtsein die Lehre von den wiederholten Erdenleben eine Angelegenheit der ganzen Menschheit ist, während im Buddhismus der Mensch sie nur als die innere Angelegenheit seines Lebens betrachtet, wie er von Leben zu Leben geht und sich befreien kann von dem Durst nach Dasein. Während der Orientale das, was ihm als Lehre von den wiederholten Erdenleben gegeben wird, zu einer Wahrheit der individuellen Erlösung macht, war für Lessing zum Beispiel das Wesentliche: Wie kann die ganze Menschheit vorwärts kommen? Und er sagte sich: Innerhalb der zeitlichen Vorwärtsentwickelung der Menschheit müssen wir aufeinanderfolgende Zeiträume unterscheiden. In jeder einzelnen Epoche wird der Menschheit Neues gegeben. Wenn wir die Geschichte verfolgen, sehen wir, wie immer neue Kulturtaten eintreten in den Gang der Menschheitsentwickelung. Wie könnte man von einer Entwickelung der ganzen Menschheit sprechen, sagt Lessing, wenn eine Seele nur in der einen oder nur in der anderen dieser Epochen leben könnte? Woher könnten aber die Früchte der Kultur kommen, wenn nicht die Menschen wiedergeboren würden und das, was sie in der einen Epoche gelernt haben, hinübertragen würden in die nächste, dann wiederum in die folgende und so fort?
[ 13 ] While, on the one hand, the Mystery of Golgotha marked a turning point that gave the greatest impetus to human development on Earth, on the other hand, this Mystery of Golgotha occurred during a period of human development in which, so to speak, the human mind and soul were at their darkest. There have, however, been earlier periods in human development when people could know with certainty—because they had a recollection—that the human individuality passes through repeated earthly lives. In the Gospel, the teaching of repeated earthly lives appears to us only if we understand it, if we sense it, because people at that time were in an era when they were least capable of understanding this teaching. Then the times unfolded up to the present. In the times when people first sought the Christ on their path, as was indicated yesterday, everything had to take place as a kind of childlike preparation. Therefore, humanity could not be introduced to what could only have led them astray—to which they were not yet ready: the experiences of repeated earthly lives. Thus we see Christianity developing over nearly two millennia without any reference to the doctrine of reincarnation. And we have shown in these lectures how, unlike in Buddhism, the idea of repeated earthly lives arises quite naturally from Western consciousness. Admittedly, in such a way that many misunderstandings still prevail. But even if we take this idea from Lessing or the psychologist Droßbach, we still realize that for the European consciousness, the doctrine of repeated earthly lives is a matter of the whole of humanity, whereas in Buddhism, the individual regards it only as the inner matter of his own life, as he passes from life to life and can free himself from the thirst for existence. While the Oriental turns what is given to him as the doctrine of repeated earthly lives into a truth of individual salvation, for Lessing, for example, the essential question was: How can all of humanity move forward? And he said to himself: Within the temporal forward development of humanity, we must distinguish between successive periods. In every single epoch, something new is given to humanity. If we follow history, we see how ever-new cultural achievements enter the course of human development. How could one speak of a development of all humanity, says Lessing, if a soul could live only in one or only in another of these epochs? But where could the fruits of culture come from if people were not reborn and carried over what they had learned in one epoch into the next, then into the following one, and so on?
[ 14 ] So wird für Lessing die Idee der wiederholten Erdenleben eine Angelegenheit der ganzen Menschheit. Er macht sie nicht nur zu einer Angelegenheit der einzelnen Seele, sondern zu einer Angelegenheit des ganzen Kulturlaufes der Erde. Und damit die vorgeschrittene Kultur entsteht, muß die Seele, die im neunzehnten Jahrhundert lebt, herübertragen in ihr jetziges Dasein das, was sie sich früher erworben hat. Um der Erde und ihrer Kultur willen müssen die Menschen wiedergeboren werden! Das ist Lessings Gedanke.
[ 14 ] Thus, for Lessing, the idea of repeated earthly lives becomes a matter for all of humanity. He makes it not merely a matter for the individual soul, but a matter for the entire cultural development of the Earth. And for this advanced culture to emerge, the soul living in the nineteenth century must carry over into its present existence what it has previously acquired. For the sake of the Earth and its culture, human beings must be reborn! That is Lessing’s thought.
[ 15 ] Da taucht der Gedanke der Wiederverkörperung auf als etwas, was eine Menschheitsangelegenheit ist. Da hat aber auch schon der Christus-Impuls gewirkt. Da ist er hineingeworfen worden. Denn eine Menschheitsangelegenheit machte der Christus-Impuls aus allem, was der Mensch tut oder tun kann; nicht eine Angelegenheit, die uns nur individuell berührt. Nur der kann ja sein Jünger sein, der da sagt: Ich tue es dem geringsten der Brüder, weil ich weiß, Du empfindest es selber so, wie wenn ich es Dir getan hätte! — Wie mit dem Christus die ganze Menschheit verbunden ist, so fühlt sich der, welcher sich zu dem Christus bekennt, der ganzen Menschheit angehörig. Dieser Gedanke hat hineingewirkt in das Denken und Fühlen und Empfinden der ganzen Menschheit. Und als die Idee der Wiederverkörperung im achtzehnten Jahrhundert wieder auftritt, da tritt sie als ein christlicher Gedanke auf. Und wenn wir sehen, wie zum Beispiel Widenmann die Wiederverkörperung behandelt, obwohl er sie embryonal, stümperhaft behandelt, so müssen wir doch sagen, daß in seiner gekrönten Preisschrift aus dem Jahre 1851 sein Gedanke der Wiederverkörperung durchdrungen ist von dem christlichen Impuls; und ein besonderes Kapitel gibt es in dieser Schrift, wo die Auseinandersetzung stattfindet zwischen dem Christentum und der Wiederverkörperungslehre. Das aber war notwendig in der Menschheitsentwickelung, daß erst die anderen christlichen Impulse von den Seelen aufgenommen wurden, damit der Wiederverkörperungsgedanke in einer reifen Form in unser Bewußtsein eintreten kann. Und dieser Wiederverkörperungsgedanke wird tatsächlich so mit dem Christentum sich verbinden, daß man es empfinden wird wie etwas, was sich durch die einzelnen Inkarnationen hindurchzieht; daß man verstehen wird, wie die Individualität, die sich für eine buddhistische Anschauung vollständig verliert — wie wir gesehen haben aus dem Gespräche des Königs Milinda mit dem Weisen Nagasena —, erst dadurch ihren rechten Inhalt erhält, daß sie sich durchchristet. Und jetzt können wir verstehen: warum verliert die buddhistische Anschauung ein halbes Jahrtausend vor dem Erscheinen des Christus das menschliche Ich, während sie beibehält die aufeinanderfolgenden Inkarnationen? Weil der Christus-Impuls noch nicht geschehen ist, der erst hineinfüllt, was immer mehr und mehr bewußt von einer Inkarnation zur anderen gehen kann! Jetzt ist aber die Zeit gekommen, in welcher für die menschliche Organisation die Notwendigkeit eintritt, den Wiederverkörperungsgedanken aufzunehmen, zu verstehen, sich mit ihm zu durchdringen. Denn der Fortschritt der menschheitlichen Entwickelung hängt nicht davon ab, welche Lehren verbreitet werden, welche Lehren neu Platz greifen; sondern da kommen noch andere Gesetze in Betracht, die gar nicht von uns abhängen.
[ 15 ] This is where the idea of reincarnation emerges as something that concerns all of humanity. But the Christ impulse was already at work there. It has been cast into it. For the Christ impulse made everything that human beings do or can do a matter of humanity; not a matter that affects us only individually. For only he can be His disciple who says: I do this to the least of my brothers, because I know that You feel it Yourself as if I had done it to You! — Just as all of humanity is connected to Christ, so does the one who professes faith in Christ feel that he belongs to all of humanity. This thought has permeated the thinking, feeling, and sensibility of all humanity. And when the idea of reincarnation reappears in the eighteenth century, it appears as a Christian thought. And when we see, for example, how Widenmann treats reincarnation—even though he treats it in an embryonic, amateurish way—we must still say that in his award-winning treatise from 1851, his concept of reincarnation is permeated by the Christian impulse; and there is a special chapter in this treatise where the debate takes place between Christianity and the doctrine of reincarnation. But this was necessary in the development of humanity: that the other Christian impulses first be taken up by the souls, so that the idea of reincarnation might enter our consciousness in a mature form. And this idea of reincarnation will indeed become so connected with Christianity that one will perceive it as something that runs through the individual incarnations; that one will understand how individuality, which is completely lost in the Buddhist view—as we have seen from King Milinda’s conversation with the sage Nagasena—only acquires its true content by becoming Christianized. And now we can understand: why does the Buddhist view, half a millennium before the appearance of the Christ, lose the human ego while retaining the successive incarnations? Because the Christ impulse has not yet taken place, which alone fills what can pass ever more consciously from one incarnation to the next! But now the time has come when it becomes necessary for the human organism to take up the idea of reincarnation, to understand it, and to be permeated by it. For the progress of human development does not depend on which teachings are disseminated or which teachings take hold anew; rather, other laws come into play that do not depend on us at all.
[ 16 ] Gewisse Kräfte werden in der Menschennatur entwickelt werden gegen die Zukunft hin, die so wirken, daß der Mensch, sobald er nur ein gewisses Lebensalter erreicht hat und seiner selbst recht bewußt wird, in sich die Empfindung haben wird: Da ist etwas in mir, was ich verstehen muß. — Das wird die Menschen immer mehr und mehr ergreifen. In den verflossenen Zeiten, auch wenn sich die Menschen noch so sehr bewußt wurden, war dieses Bewußtsein, das jetzt kommen wird, nicht vorhanden. Es wird etwa so sich äußern: Da fühle ich etwas in mir, das hängt zusammen mit meinem eigentlichen Ich. Merkwürdig, es will aber nicht hereinpassen in alles, was ich wissen kann seit meiner jetzigen Geburt! — Dann wird man das, was da wirkt, verstehen können oder wird es nicht verstehen. Verstehen wird man es können, wenn man die Lehren der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu seinem Lebensinhalt gemacht hat. Man wird dann wissen: Was ich fühle, das fühle ich jetzt deshalb fremd, weil es das Ich ist, das aus früheren Leben herübergekommen ist, — Beklemmend, Furcht und Angst erzeugend wird diese Empfindung sein für diejenigen Menschen, welche sie sich nicht aus den wiederholten Erdenleben heraus erklären können. Dagegen lösen werden sich diese Gefühle, die jetzt nicht theoretische Zweifel, sondern Lebensbeklemmungen, Lebenszusammenschnürungen sein werden, durch jene Empfindungen, die uns aus der Geisterkenntnis gegeben werden können und die uns besagen, Du mußt dein Leben ausgedehnt denken über frühere Erdenleben hin. — Da werden die Menschen schon sehen, was es für sie bedeuten wird, den Zusammenhang zu empfinden mit dem Christus-Impuls. Denn der Christus-Impuls wird es sein, der beleben wird den ganzen Blick nach rückwärts, die ganze Perspektive nach rückwärts. Man wird empfinden: da war diese Inkarnation, da jene. Dann wird eine Zeit kommen, über die wird man nicht hinüberkönnen, ohne daß man sich klar wird: Da war der Christus-Impuls auf der Erde! Und weiter werden die Inkarnationen folgen, wo das Christus-Ereignis noch nicht da war. Diese Aufhellung des Blickes nach rückwärts durch den Christus-Impuls werden die Menschen brauchen zur Zuversicht in die Zukunft, als eine Notwendigkeit und eine Hilfe, die sich hineingießen kann in die folgenden Inkarnationen.
[ 16 ] Certain forces will develop within human nature as we look toward the future; these forces will work in such a way that, as soon as a person reaches a certain age and becomes truly self-aware, they will have the inner feeling: There is something within me that I must understand. — This will increasingly take hold of people. In times past, no matter how self-aware people became, this consciousness that is now to come did not exist. It will manifest itself something like this: I feel something within me that is connected to my true self. Strange, but it does not seem to fit into everything I have been able to know since my present birth! — Then one will either be able to understand what is at work there, or one will not. One will be able to understand it if one has made the teachings of anthroposophically oriented spiritual science the purpose of one’s life. One will then know: What I feel, I feel as foreign now because it is the self that has come over from previous lives—this sensation will be oppressive, generating fear and anxiety for those people who cannot explain it to themselves in terms of repeated earthly lives. In contrast, these feelings—which are now not theoretical doubts but rather a constriction of life, a tightening of the soul—will dissolve through those insights that can be given to us through spiritual knowledge and that tell us: You must think of your life in an expanded way, extending beyond past earthly lives. — Then people will see what it will mean for them to feel the connection with the Christ impulse. For it will be the Christ impulse that will enliven the entire backward gaze, the entire backward perspective. One will feel: there was this incarnation, there was that one. Then a time will come that one will not be able to pass over without realizing: There was the Christ impulse on Earth! And further incarnations will follow, where the Christ event had not yet taken place. People will need this brightening of the backward gaze through the Christ impulse for confidence in the future, as a necessity and a help that can flow into the following incarnations.
[ 17 ] Diese Umänderung der menschlichen Seelenorganisation wird kommen. Und sie wird ausgehen von dem Ereignis, das im zwanzigsten Jahrhundert beginnt, und das wir nennen können eine Art von zweitem Christus-Ereignis, so daß diejenigen Menschen, denen die höheren Fähigkeiten erwachten, den Herrn des Karma schauen werden. Die Menschen aber, die dies erleben werden, werden es nicht bloß in der physischen Welt erleben. Es könnte mancher von Ihnen sagen, daß dann, wenn gerade die Hauptsache im Christus-Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts sich abspielen wird, viele von den jetzt Lebenden zu den Entschlafenen gehören werden und in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sein werden. Aber ob eine Seele in einem physischen Körper oder in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt leben wird: wenn sie sich vorbereitet haben wird auf das Christus-Ereignis, wird sie das Christus-Ereignis erleben. Nicht das Schauen des Christus-Ereignisses hängt davon ab, ob wir in einem physischen Leibe verkörpert sind, wohl aber die Vorbereitung dazu. Gerade so wie es notwendig war, daß das erste ChristusEreignis auf dem physischen Plan sich abgespielt hat, damit es dem Menschen zum Heile gereichen konnte, so muß die Vorbereitung, um das Christus-Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts zu schauen, um es verständnisvoll, lichtvoll zu schauen, hier in der physischen Welt gemacht werden. Denn der Mensch, der es unvorbereitet schaut, wenn seine Kräfte erwacht sind, wird es nicht verstehen können. Da wird ihm der Herr des Karma erscheinen wie eine furchtbare Strafe. Um dieses Ereignis lichtvoll zu verstehen, muß der Mensch vorbereiter sein. Dazu aber geschieht die Ausbreitung der anthroposophischen Weltanschauung in unserer Zeit, daß der Mensch vorbereitet sein kann auf dem physischen Plan, um entweder auf dem physischen Plan oder auf höheren Planen das Christus-Ereignis wahrnehmen zu können. Die Menschen, die nicht genug vorbereitet sind auf dem physischen Plan und dann unvorbereitet das Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchleben, müssen warten, bis sie in einer nächsten Inkarnation weiter zum Verständnis des Christus durch die anthroposophische Weltanschauung vorbereitet werden können. Aber die nächsten drei Jahrtausende werden den Menschen die Gelegenheit geben, diese Vorbereitung durchzumachen. Und alle anthroposophische Entwickelung wird darauf abzielen, die Menschen immer fähiger und fähiger zu machen, um sich hineinzuleben in das, was da kommen soll.
[ 17 ] This transformation of the human soul will come to pass. And it will stem from the event that begins in the twentieth century, which we might call a kind of second Christ event, so that those people in whom the higher faculties have awakened will behold the Lord of Karma. But the people who will experience this will not experience it merely in the physical world. Some of you might say that when the main event of the Christ event of the twentieth century is taking place, many of those now living will be among the departed and will be in the time between death and a new birth. But whether a soul lives in a physical body or in the time between death and a new birth: if it has prepared itself for the Christ Event, it will experience the Christ Event. It is not the witnessing of the Christ Event that depends on whether we are embodied in a physical body, but rather the preparation for it. Just as it was necessary for the first Christ Event to take place on the physical plane so that it might serve as salvation for humanity, so too must the preparation to witness the Christ Event of the twentieth century—to witness it with understanding and in the light—be made here in the physical world. For the person who beholds it unprepared, once their powers have awakened, will not be able to understand it. To such a person, the Lord of Karma will appear as a terrible punishment. To understand this event in a luminous way, humanity must be better prepared. To this end, the spread of the anthroposophical worldview in our time is taking place so that humanity may be prepared on the physical plane to perceive the Christ event either on the physical plane or on higher planes. Those who are not sufficiently prepared on the physical plane and who then pass through the life between death and rebirth unprepared must wait until they can be further prepared for an understanding of Christ through the anthroposophical worldview in a future incarnation. But the next three millennia will give people the opportunity to undergo this preparation. And all anthroposophical development will aim to make people increasingly capable of living into what is to come.
[ 18 ] So verstehen wir, wie die Vergangenheit in die Zukunft übergeht. Und wenn wir uns erinnern, wie in den Astralleib des nathanischen Jesusknaben der Buddha hineinwirkte, nachdem er sich nicht selbst wieder auf der Erde verkörpern konnte, so sehen wir auf diese Weise auch die Buddhakräfte fortwirken. Und wenn wir uns erinnern, wie das, was nicht unmittelbar mit dem Buddha zusammenhängt, gerade im Abendlande gewirkt hat, so sehen wir darin das Hereinwirken der geistigen Welt in die physische Welt. Aber alles, was zur Vorbereitung geschehen soll, hängt in einer gewissen Weise wieder damit zusammen, daß sich die Menschen immer mehr einem Ideale nähern, das im Grunde genommen schon im alten Griechenlande aufdämmerte, jenem Ideal, das Sokrates aufgestellt hat: daß der Mensch, wenn er einsieht die Idee des Guten, des Moralischen, des Ethischen, diese als einen so magischen Impuls empfindet, daß er fähig wird, nach dieser Idee auch zu leben. Heute sind wir noch nicht so weit, daß dieses Ideal verwirklicht werden könnte; heute sind wir erst so weit, daß der Mensch sich unter Umständen das Gute sehr wohl denken kann, daß er ein sehr gescheiter und weiser Mensch sein kann — und doch kein moralisch guter zu sein braucht. Das aber wird der Sinn der inneren Entwickelung sein, daß die Ideen, die wir fassen von dem Guten, unmittelbar auch moralische Antriebe sind. Das wird zu der Entwickelung gehören, die wir in den nächsten Zeiten erleben. Und die Lehren auf der Erde werden immer mehr so werden, daß in die folgenden Jahrhunderte und Jahrtausende herein die menschliche Sprache noch eine ungeahnt größere Wirkung bekommen wird, als sie in verflossenen Zeiten hatte oder in der Gegenwart hat. Heute könnte jemand in den höheren Welten klar sehen, welches der Zusammenhang zwischen Intellekt und Moralität ist; aber es gibt heute noch keine menschliche Sprache, die so magisch wirkt, daß, wenn man ein moralisches Prinzip ausspricht, es sich so hineinsenkt in einen fremden Menschen, daß dieser es unmittelbar moralisch empfindet und daß er gar nicht anders kann, als es als einen moralischen Impuls auszuführen. Nach dem Ablauf der nächsten drei Jahrtausende wird es möglich sein, in einer solchen Sprache zu Menschen zu sprechen, wie sie heute noch gar nicht unserem Kopfe anvertraut werden kann; so daß alles Intellektuelle zugleich Moralität sein wird, und das Moralische in die Herzen der Menschen eindringen wird. Wie durchtränkt mit magischer Moralität muß das Menschengeschlecht in den nächsten drei Jahrtausenden werden; sonst könnte es eine solche Entwickelung nicht ertragen, sonst würde es sie nur mißbrauchen. Zur besonderen Vorbereitung einer solchen Entwickelung ist diejenige Individualität da, welche etwa ein Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung viel verleumdet wurde, und die in der hebräischen Literatur — allerdings in einer entstellten Gestalt — als Jeshu ben Pandira vorhanden ist; Jesus, der Sohn des Pandira. Aus Vorträgen, die einmal in Bern gehalten worden sind, wissen einige von Ihnen, wie dieser Jeshu ben Pandira schon für das Christus-Ereignis vorbereitend gewirkt hat, indem er Schüler herangezogen hat, unter denen auch zum Beispiel dann der Lehrer des Schreibers des Matthäus-Evangeliums war. Ein Jahrhundert ist dem Jesus von Nazareth vorangegangen Jeshu ben Pandira, eine edle Essäergestalt. Während Jesus von Nazareth selber den Essäern nur nahe gekommen ist, haben wir in Jeshu ben Pandira eine Essäergestalt vor uns.
[ 18 ] This is how we understand how the past flows into the future. And when we recall how the Buddha worked into the astral body of the Nathanic Jesus child after he was unable to incarnate on Earth again, we see in this way that the Buddha’s powers continue to work. And when we recall how that which is not directly connected with the Buddha has been at work, particularly in the West, we see in this the influence of the spiritual world upon the physical world. But everything that is to take place in preparation is, in a certain sense, connected once again with the fact that human beings are drawing ever closer to an ideal that, in essence, was already dawning in ancient Greece—that ideal which Socrates set forth: that when a person grasps the idea of the good, the moral, the ethical, they perceive it as such a magical impulse that they become capable of living according to this idea. Today we are not yet at the point where this ideal could be realized; today we have only reached the point where a person can, under certain circumstances, very well conceive of the good, can be a very intelligent and wise person—and yet need not be a morally good one. But this will be the purpose of inner development: that the ideas we form of the good will also be direct moral impulses. This will be part of the development we will experience in the coming times. And the teachings on Earth will increasingly take such a form that, as we enter the coming centuries and millennia, human language will have an unimaginably greater impact than it had in times past or has in the present. Today, someone in the higher worlds could clearly see the connection between intellect and morality; but there is still no human language today that works so magically that, when a moral principle is spoken, it sinks so deeply into another person that they immediately feel it morally and cannot help but act upon it as a moral impulse. After the next three millennia have passed, it will be possible to speak to people in a language that cannot even be conceived of by our minds today; so that everything intellectual will simultaneously be morality, and the moral will penetrate into the hearts of people. How deeply imbued with magical morality must the human race become over the next three millennia; otherwise it could not endure such a development, otherwise it would only abuse it. To prepare specifically for such a development, there is that individual who was much slandered about a century before our era, and who appears in Hebrew literature—albeit in a distorted form—as Jeshu ben Pandira; Jesus, the son of Pandira. From lectures once given in Bern, some of you know how this Jeshu ben Pandira already worked in preparation for the Christ event by training disciples, among whom was, for example, the teacher of the writer of the Gospel of Matthew. A century preceded Jesus of Nazareth: Jeshu ben Pandira, a noble Essene figure. While Jesus of Nazareth himself only came close to the Essenes, in Jeshu ben Pandira we have an Essene figure before us.
[ 19 ] Wer war Jeshu ben Pandira?
[ 19 ] Who was Jeshu ben Pandira?
[ 20 ] In dem fleischlichen Leibe dieses Jeshu ben Pandira war verkörpert der Nachfolger jenes Bodhisattva, welcher in seiner letzten Erdeninkarnation in seinem neunundzwanzigsteen Jahre zum Gotama Buddha aufgestiegen ist. Jeder Bodhisattva, der zu einem Buddha aufsteigt, hat einen Nachfolger. Diese orientalische Tradition ist durchaus auch entsprechend den okkulten Forschungen. Und jener Bodhisattva, der damals gewirkt hat für die Vorbereitung des Christus-Ereignisses, war immer wieder und wieder verkörpert. Eine dieser Verkörperungen ist auch für das zwanzigste Jahrhundert anzusetzen. Es ist nicht möglich, in dieser Stunde Genaueres über die Wiederverkörperung dieses Bodhisattva zu sagen; es kann aber einiges gesagt werden über die Art, wie man einen solchen Bodhisattva in seiner Wiederverkörperung erkennen kann.
[ 20 ] The successor to that Bodhisattva—who, in his final earthly incarnation, ascended to become Gotama Buddha at the age of twenty-nine—was embodied in the physical body of this Jeshu ben Pandira. Every Bodhisattva who ascends to become a Buddha has a successor. This Eastern tradition is entirely consistent with occult research. And that Bodhisattva, who worked at that time to prepare for the Christ event, has been incarnated time and again. One of these incarnations is also to be expected in the twentieth century. It is not possible at this time to say anything more precise about the reincarnation of this Bodhisattva; however, something can be said about the way in which one can recognize such a Bodhisattva in his reincarnation.
[ 21 ] Durch ein Gesetz, welches auch in künftigen Vorträgen bewiesen und auseinandergesetzt werden wird, ist es eine Eigentümlichkeit dieses Bodhisattva, daß er, wenn er wiederverkörpert erscheint — und er erscheint immer wieder verkörpert im Laufe der Jahrhunderte —, seinem späteren Wirken in seiner Jugend recht unähnlich ist, und daß immer in einem ganz bestimmten Lebenszeitpunkt dieses wiederverkörperten Bodhisattva etwas wie ein großer Umschwung, eine große Verwandlung eintritt. Oder real ausgedrückt: die Menschen werden erleben, daß da oder dort ein mehr oder weniger begabtes Kind lebt, dem man es nicht anmerkt, daß es zur Vorbereitung der künftigen Menschheitsentwickelung Besonderes zu leisten hat. Niemand zeigt in seiner Jugend, in seinen ersten Kindheitsjahren so wenig das, was er eigentlich ist — so sagt die okkulte Forschung — als gerade der, welcher sich als ein Bodhisattva verkörperen soll. Denn für einen sich verkörpernden Bodhisattva tritt ein großer Umschwung ein in einem ganz bestimmten Zeitpunkt seines Lebens.
[ 21 ] According to a law that will be demonstrated and explained in future lectures, it is a distinctive feature of this Bodhisattva that when he appears in a new incarnation—and he does appear in new incarnations time and again over the centuries—his later activities bear little resemblance to those of his youth, and that at a very specific point in the life of this reincarnated Bodhisattva, something like a great upheaval, a great transformation, always takes place. Or to put it more concretely: people will observe that here or there lives a more or less gifted child in whom one cannot discern that he has a special task to perform in preparation for the future development of humanity. No one reveals so little of what they actually are in their youth, in their early childhood years—so says occult research—as precisely the one who is to incarnate as a Bodhisattva. For a Bodhisattva who is incarnating, a great upheaval occurs at a very specific point in their life.
[ 22 ] Verkörpert sich eine Individualität der grauen Vorzeit, zum Beispiel Moses, so ist es nicht so, wie es bei der Christus-Individualität war, wo die andere Individualität des Jesus von Nazareth die Hüllen verlassen hat. Bei dem Bodhisattva wird es so sein, daß zwar auch so etwas wie eine Auswechslung eintritt, aber die Individualität bleibt in einer gewissen Weise; und die Individualität, die dann eintritt aus grauer Vorzeit — als Patriarch und so weiter — und neue Kräfte für die Entwickelung der Menschheit bringen soll, die taucht unter; und ein solcher Mensch erlebt dadurch eine gewaltige Umwandelung. Diese Umwandelung tritt besonders zwischen dem dreißigsten und dreiunddreißigsten Jahre ein. Und immer ist es so, daß man niemals wissen kann, bevor diese Verwandlung eintritt, daß gerade dieser Leib ergriffen werden wird von dem Bodhisattva. Niemals zeigt es sich in den Jugendjahren; sondern daß gerade die späteren Jahre so unähnlich sind den Jugendjahren, das ist das Kennzeichen.
[ 22 ] When an individuality from time immemorial incarnates—for example, Moses—it is not the same as it was with the Christ individuality, where the other individuality of Jesus of Nazareth had shed its physical form. In the case of the Bodhisattva, although something like a replacement does occur, the individuality remains in a certain sense; and the individuality that then emerges from ancient times—as a patriarch and so on—and is meant to bring new forces for the development of humanity, sinks into the background; and such a person thereby undergoes a tremendous transformation. This transformation occurs particularly between the ages of thirty and thirty-three. And it is always the case that one can never know, before this transformation takes place, that this very body will be taken over by the Bodhisattva. It never manifests itself in the years of youth; rather, the fact that the later years are so unlike the years of youth—that is the hallmark.
[ 23 ] Der, welcher in Jeshu ben Pandira verkörpert war, und der immer wieder verkörpert war, der Bodhisattva, der auf den Gotama Buddha gefolgt ist, er hat sich vorbereitet auf seine Bodhisattva-Inkarnation, daß er erscheinen kann — und zwar stimmt hier auch wieder die okkulte Forschung mit den orientalischen Traditionen überein — und zur Buddha-Würde aufsteigen kann genau fünftausend Jahre nach der Erleuchtung des Gotama Buddha unter dem Bodhibaum. Dann, dreitausend Jahre nach unserer Zeit wird jener Bodhisattva, zurückblickend auf alles, was in der neuen Epoche geschehen ist, und zurückblickend auf den Christus-Impuls und alles, was damit zusammenhängt, so sprechen, daß eine Sprache von seinen Lippen kommen wird, welche das verwirklichen wird, was eben charakterisiert worden ist: daß Intellektualität unmittelbar ein Moralisches ist. Ein Bringer des Guten durch das Wort, durch den Logos, wird der künftige Bodhisattva sein, der alles, was er hat, in den Dienst des Christus-Impulses stellen wird, und der in einer Sprache sprechen wird, die heute noch keinem Menschen eigen, die aber so heilig ist, daß er genannt werden kann ein Bringer des Guten. Bei ihm wird sich dies auch nicht in der Jugend zeigen; sondern ebenfalls in der Zeit seines dreiunddreißigsten Jahres ungefähr wird er wie ein neuer Mensch erscheinen und sich als derjenige geben, welcher sich erfüllen kann mit einer höheren Individualität. Das Ereignis, daß eine einmalige Inkarnation im Fleische eintritt, gilt nur für den ChristusJesus. Alle Bodhisattvas machen verschiedene aufeinanderfolgende Inkarnationen auf dem physischen Plane durch. So wird dieser Bodhisattva dreitausend Jahre nach unserer Zeit so weit sein, daß er ein Bringer des Guten, ein Maitreya-Buddha sein wird, der seine Worte des Guten in den Dienst des Christus-Impulses stellen wird, in den bis dahin eine genügende Anzahl von Menschen sich eingelebt haben wird. So sagt es uns heute die Perspektive für die künftige Entwickelung der Menschheit.
[ 23 ] The one who was incarnated in Jeshu ben Pandira, and who has been incarnated time and again—the Bodhisattva who succeeded the Gotama Buddha— has prepared himself for his Bodhisattva incarnation so that he may appear—and here, too, occult research agrees with the Eastern traditions—and ascend to Buddhahood exactly five thousand years after the enlightenment of Gotama Buddha under the Bodhi tree. Then, three thousand years after our time, that Bodhisattva, looking back on everything that has happened in the new epoch, and looking back on the Christ impulse and everything connected with it, will speak in such a way that a language will come from his lips which will realize what has just been characterized: that intellectuality is immediately a moral matter. A bringer of good through the word, through the Logos, will be the future Bodhisattva, who will place all that he has in the service of the Christ impulse, and who will speak in a language that is not yet possessed by any human being today, but which is so sacred that he may be called a bringer of good. This will not manifest in him during his youth either; rather, around the time of his thirty-third year, he will appear as a new man and present himself as the one who can be filled with a higher individuality. The event of a single incarnation in the flesh applies only to the Christ-Jesus. All Bodhisattvas undergo various successive incarnations on the physical plane. Thus, three thousand years from now, this Bodhisattva will be ready to become a bringer of good, a Maitreya Buddha, who will place his words of goodness in the service of the Christ impulse, into which a sufficient number of people will have become attuned by then. This is what the perspective for the future development of humanity tells us today.
[ 24 ] Was war notwendig, damit die Menschen zu dieser Entwickelungsepoche nach und nach haben kommen können? Das können wir uns in folgender Weise klarmachen.
[ 24 ] What was necessary for people to gradually reach this stage of development? We can understand this in the following way.


[ 25 ] Wenn wir uns ein graphisches Bild von dem machen wollen, was in der alten lemurischen Zeit für die Erdentwickelung des Menschen geschehen ist, so können wir sagen: Der Mensch ist dazumal heruntergestiegen von göttlichen Höhen; es war ihm bestimmt in einer gewissen Weise sich weiter zu entwickeln; aber durch den luziferischen Einfluß wurde der Mensch tiefer in die Materie hineingeworfen, als es ohne denselben der Fall gewesen wäre. Dadurch wurde sein Fortgang in der Entwickelung nun ein anderer.
[ 25 ] If we wish to form a visual picture of what happened in the ancient Lemurian era regarding the development of humankind on Earth, we can say: Humanity descended from divine heights at that time; it was destined, in a certain sense, to continue developing; but through the Luciferic influence, humanity was cast deeper into matter than would have been the case without it. As a result, its course of development took a different turn.


[ 26 ] Als der Mensch auf tiefster Stufe nach abwärts gekommen war, brauchte es eines mächtigen Impulses nach aufwärts. Das konnte nur dadurch geschehen, daß jene Wesenheit aus den höheren Hierarchien, die wir als die Christus-Wesenheit bezeichnen, einen Entschluß faßte in den höheren Welten, den sie zu ihrer eigenen Entwickelung nicht zu fassen gebraucht hätte. Denn die Christus-Wesenheit hätte ihre Entwickelung auch erreicht, wenn sie einen Weg eingeschlagen hätte, der weit, weit über alledem gelegen hätte, wo die Menschen waren auf ihrem Weg. Und die Christus-Wesenheit hätte sozusagen vorbeigehen können, oben vorbeigehen können an der Entwickelung der Menschheit. Dann aber wäre die Entwickelung der Menschheit so geschehen, daß, wenn der Impuls nach oben nicht gegeben wäre, der Weg nach unten hätte fortgesetzt werden müssen. Dann hätte die Christus-Wesenheit einen Aufstieg gehabt und die Menschheit nur einen Abfall. Nur dadurch, daß die Christus-Wesenheit den Entschluß gefaßt hat, sich in dem Zeitpunkt der Ereignisse von Palästina mit einem Menschen zu vereinigen, in einem Menschen sich zu verkörpern und der Menschheit den Weg nach aufwärts möglich zu machen, nur dadurch wurde jene Entwickelung der Menschheit herbeigeführt, die wir jetzt nennen können eine Erlösung der Menschheit von jenem Impuls, der von den luziferischen Kräften gekommen ist, und der in der Bibel bildlich als die Erbsünde bezeichnet wird, als die Verführung durch die Schlange und Herbeiführung der Erbsünde. Etwas, was für den Christus selbst nicht notwendig war, das hat der Christus vollzogen.
[ 26 ] Once humanity had descended to the lowest level, a powerful upward impulse was needed. This could only happen because that Being from the higher hierarchies, whom we call the Christ Being, made a decision in the higher worlds that it did not need to make for its own development. For the Christ Being would have attained its development even if it had taken a path that lay far, far above where humanity was on its journey. And the Christ-Being could, so to speak, have passed by, passed by from above the development of humanity. But then the development of humanity would have unfolded in such a way that, had the upward impulse not been given, the path downward would have had to continue. Then the Christ-Being would have experienced an ascent, and humanity only a descent. Only because the Christ Being resolved, at the time of the events in Palestine, to unite with a human being, to incarnate in a human being, and to make the path upward possible for humanity, only through this was that development of humanity brought about which we can now call a redemption of humanity from that impulse that came from the Luciferic forces, and which is figuratively described in the Bible as original sin, as the temptation by the serpent and the bringing about of original sin. Christ accomplished something that was not necessary for Christ himself.
[ 27 ] Was war das für eine Tat?
[ 27 ] What was that deed?
[ 28 ] Das war eine Tat der göttlichen Liebe! Dessen müssen wir uns klar sein, daß keine menschliche Empfindung zunächst in der Lage ist, jene Intensität der Liebe zu empfinden, die notwendig war, um den Entschluß zu fassen für einen Gott, der dessen nicht bedurfte, in einem menschlichen Leib auf Erden zu wirken. Dadurch wurde — als durch eine Tat der Liebe — dasjenige Ereignis hervorgebracht, welches das wichtigste ist in der Menschheitsentwickelung. Und wenn die Menschen die Liebestat des Gottes fassen, wenn sie versuchen, diese Liebestat als ein großes Ideal zu empfinden, dem gegenüber alle menschliche Liebestat nur klein sein kann, dann nähern sich die Menschen durch dieses Gefühl der Unangemessenheit der menschlichen Liebe gegenüber jener göttlichen Liebe, die zu dem Mysterium von Golgatha notwendig war, auch der Herausbildung, dem Geborenwerden jener Imaginationen, die uns dieses wichtigste Ereignis von Golgatha vor den geistigen Blick hinstellen. Ja, wahrhaftig, es ist möglich, zu der Imagination von dem Berge zu gelangen, auf dem das Kreuz erhöht war, jenes Kreuz, an dem ein Gott im Menschenleibe hing, ein Gott, der die Tat aus freiem Willen — das heißt aus Liebe — vollbracht hat, damit die Erde und die Menschheit an ihr Ziel kommen können. Hätte der Gott, der mit dem Namen des Vatergottes bezeichnet wird, es einst nicht zugelassen, daß die luziferischen Einflüsse an den Menschen herankommen konnten, so hätte der Mensch nicht die freie Ich-Anlage entwickelt. Mit dem luziferischen Einfluß wurde die Anlage zum freien Ich entwickelt. Das mußte zugelassen werden vom Vatergott. Nachdem aber das Ich — um der Freiheit willen — in die Materie verstrickt werden mußte, mußte nun, um von dem Verstricktsein in die Materie wieder befreit zu werden, die ganze Liebe des Sohnes zu der Tat von Golgatha führen. Dadurch allein ist Freiheit des Menschen, vollständige menschliche Würde erst möglich geworden. Daß wir freie Wesen sein können, das verdanken wir einer göttlichen Liebestat. So dürfen wir uns als Menschen fühlen wie freie Wesen, dürfen aber nie vergessen, daß wir diese Freiheit verdanken der Liebestat des Gottes. Wenn wir so denken, wird schon der Gedanke in die Mitte unseres Fühlens rücken: Du kannst zur menschlichen Würde kommen; nur eines darfst du nicht vergessen, daß du das, was du bist, dem verdankst, der dir wieder zurückgebracht hat dein menschliches Urbild durch die Erlösung auf Golgatha! — Den Freiheitsgedanken sollten die Menschen nicht ergreifen können ohne den Erlösungsgedanken des Christus. Dann allein ist der Freiheitsgedanke ein berechtigter. Wenn wir frei sein wollen, müssen wir das Opfer bringen, unsere Freiheit dem Christus zu verdanken! Dann erst können wir sie wirklich wahrnehmen. Und die Menschen, die ihre Menschenwürde beschränkt glauben, wenn sie sie dem Christus verdanken, die sollten erkennen, daß menschliche Meinungen gegenüber Weltentatsachen nichts bedeuten, und daß sie einmal recht gern ihre Freiheit als von dem Christus erworben anerkennen werden.
[ 28 ] That was an act of divine love! We must be clear about this: no human emotion is initially capable of perceiving the intensity of love that was necessary to make the decision for a God who had no need to work on Earth in a human body. Through this—as through an act of love—the event was brought about that is the most important in human development. And when people grasp God’s act of love, when they try to perceive this act of love as a great ideal in comparison to which every human act of love can only be small, then through this sense of the inadequacy of human love in the face of that divine love which was necessary for the Mystery of Golgotha, people also draw closer to the formation, the coming into being, of those images that present this most important event of Golgotha before our spiritual gaze. Yes, truly, it is possible to arrive at the image of the mountain upon which the cross was raised, that cross upon which a God in human form hung, a God who accomplished the deed of His own free will—that is, out of love—so that the Earth and humanity might reach their destination. Had the God designated by the name of the Father God not once permitted the Luciferic influences to approach humanity, humanity would not have developed the capacity for a free ego. With the Luciferic influence, the capacity for a free ego was developed. This had to be permitted by the Father God. But since the ego—for the sake of freedom—had to become entangled in matter, the Son’s entire love had to lead to the deed of Golgotha in order to be freed from this entanglement in matter. Only through this has human freedom and complete human dignity become possible. That we can be free beings, we owe to a divine act of love. Thus, as human beings, we may feel ourselves to be free beings, but we must never forget that we owe this freedom to God’s act of love. If we think in this way, the thought will already move into the center of our feeling: You can attain human dignity; but there is one thing you must not forget—that you owe what you are to the One who has restored to you your original human image through the redemption on Golgotha! — People should not be able to grasp the idea of freedom without the idea of Christ’s redemption. Only then is the idea of freedom a legitimate one. If we want to be free, we must make the sacrifice of attributing our freedom to Christ! Only then can we truly realize it. And those who believe their human dignity is diminished when they owe it to Christ should recognize that human opinions mean nothing in the face of cosmic realities, and that one day they will gladly acknowledge their freedom as having been acquired through Christ.


[ 29 ] Es ist doch nicht viel, was in diesem Vortragszyklus wieder getan werden konnte, um ein genaueres Verständnis des Christus-Impulses und des ganzen Entwickelungsganges der Menschheit auf der Erde vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus herbeizuführen. Wir können nur immer einzelne Bausteine herbeitragen. Wenn diese aber so in unsere Seele hineinwirken, daß wir wiederum etwas fühlen wie einen Ansporn zu weiterem Streben, zur weiteren Entwickelung auf der Bahn der Erkenntnis, dann haben diese Bausteine zum großen geistigen Tempel der Menschheit ihre Wirkung getan. Und das beste, was wir aus einer solchen geisteswissenschaftlichen Betrachtung davontragen können, ist, daß wir zu einem gewissen Ziele wieder etwas gelernt haben; daß wir unser Wissen wieder um einiges bereichert haben. Zu was für einem hohen Ziele? Zu dem Ziele, daß wir um so genauer wissen, wieviel wir noch brauchen, um mehr zu wissen; damit wir immer gründlicher durchdrungen werden von der Wahrheit des alten sokratischen Wortes: Je mehr man lernt, desto mehr weiß man, wie wenig man weiß! Aber erst, wenn dies nicht ein Bekenntnis ist einer tat- und strebenslosen Resignation, sondern ein Bekenntnis des lebendigen Wollens und Strebens nach immer erweiterteren Erkenntnissen, dann erst ist es gut. Nicht bekennen sollen wir, wie wenig wir wissen, indem wir sagen: Wir können nun doch nicht alles wissen; also lernen wir lieber gar nichts, legen wir die Hände in den Schoß! Das wäre ein falsches Ergebnis geisteswissenschaftlicher Betrachtungen. Das richtige kann nur sein, daß wir immer mehr und mehr befeuert werden zu einem Weiterstreben und jedes neu Gelernte als eine Stufe betrachten; aber immer wieder die Schritte ansetzen, um immer höhere Stufen zu erreichen.
[ 29 ] After all, there is not much that could be done in this series of lectures to foster a more precise understanding of the Christ impulse and the entire course of human development on Earth from the perspective of spiritual science. We can only ever contribute individual building blocks. But if these building blocks work their way into our souls in such a way that we feel something like an incentive to strive further, to continue developing along the path of knowledge, then these building blocks have fulfilled their purpose in the great spiritual temple of humanity. And the best thing we can take away from such a spiritual-scientific consideration is that we have learned something new toward a certain goal; that we have once again enriched our knowledge. Toward what kind of lofty goal? Toward the goal that we know all the more precisely how much we still need to know more; so that we may be ever more thoroughly imbued with the truth of the old Socratic saying: The more one learns, the more one knows how little one knows! But only when this is not a confession of a resignation devoid of action and striving, but a confession of a living will and striving for ever-expanding knowledge, only then is it good. We should not confess how little we know by saying: We cannot know everything after all; so let us rather learn nothing at all, let us sit back and do nothing! That would be a false conclusion drawn from spiritual scientific reflections. The correct one can only be that we become ever more and more inspired to strive onward and regard every new thing learned as a step; but we must keep taking steps to reach ever higher levels.
[ 30 ] Wir haben vielleicht gerade in diesem Vortragszyklus viel von dem Erlösungsgedanken sprechen müssen, ohne daß wir dieses Wort oftmals gebraucht haben. Dieser Erlösungsgedanke sollte von dem Geistsucher so empfunden werden, wie ihn ein großer Vorläufer unserer abendländischen Geisteswissenschaft empfunden hat: daß er im Grunde genommen uns nur verwandt und vertraut wird in unserer Seele als eine Folge unseres Strebens nach den höchsten Zielen des Erkennens, des Fühlens und des Wollens. Und wie der große Vorläufer unserer abendländischen Anthroposophie den Gedanken, der da verbindet das Wort des Erlösens mit dem Worte des Strebens, ausgesprochen hat in der Form: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen»! so sollte der Anthroposoph immer empfinden: Nur der kann die wahre Erlösung begreifen und fühlen und innerhalb ihrer Sphäre wollen, der immer strebend sich bemüht!
[ 30 ] In this series of lectures in particular, we may have had to speak at length about the idea of salvation without actually using that word very often. This idea of redemption should be perceived by the seeker of truth in the same way that a great forerunner of our Western spiritual science perceived it: that, fundamentally, it becomes familiar and intimate to us in our soul as a consequence of our striving toward the highest goals of cognition, feeling, and will. And just as the great forerunner of our Western anthroposophy expressed the idea that links the word “salvation” with the word “striving” in the form: “Whoever strives with all their might, we can redeem!” so should the anthroposophist always feel: Only those who strive with all their might can comprehend and feel true redemption and will within its sphere!
[ 31 ] So sei auch dieser Vortragszyklus — das ist mir besonders am Herzen gelegen, weil so viel von dem Erlösungsgedanken darin gesprochen worden ist — ein Ansporn zu unserem weiteren Streben: daß wir uns im Streben immer mehr und mehr zusammenfinden mögen in dieser und in den folgenden Inkarnationen. Das seien die Früchte, die uns aus solchen Betrachtungen hervorgehen. Damit wollen wir den Zyklus beschließen und mitnehmen die Aneiferung, uns immer strebend zu bemühen, die uns dahin bringen kann, daß wir auf der einen Seite sehen, was der Christus ist, um dann auch dem näher zu kommen, was die andere Seite ist: die Erlösung, die nicht bloß die Befreiung sein soll von dem niederen Erdenwege und Erdenschicksal, sondern die auch die Befreiung sein soll von alledem, was Hemmnis bildet dem Menschen, damit er seine Menschenwürde erreicht. Das sind aber Dinge, die nur in den Annalen des Geistigen in ihrer Wahrheit niedergeschrieben sind. Denn nur die Schrift, die im Geisterlande gelesen werden kann, ist die wahre. Bemühen wir uns daher, das Kapitel über Menschenwürde und Menschenmission in der Schrift zu lesen, in der von diesen Dingen geschrieben steht in den geistigen Welten!
[ 31 ] May this series of lectures—which is particularly close to my heart because so much of the idea of salvation has been discussed in it—serve as an incentive for our continued striving: that in our striving we may come together more and more in this and in future incarnations. May these be the fruits that spring from such reflections. With this, let us conclude the series and take with us the inspiration to strive ceaselessly, a striving that may lead us, on the one hand, to see what Christ is, and then also to draw nearer to what the other side is: salvation, which is not merely to be liberation from the lower earthly path and earthly destiny, but which is also to be liberation from all that hinders human beings from attaining their human dignity. But these are things that are recorded in their truth only in the annals of the spiritual. For only the Scripture that can be read in the spirit world is the true one. Let us therefore strive to read the chapter on human dignity and the human mission in the Scripture in which these things are written in the spiritual worlds!
